Erste Pastoralreise von Papst Johannes Paul II. nach Österreich im September 1983

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Worte bei der
Ersten Pastoralreise nach Österreich

von Papst
Johannes Paul II.
10. bis 13. September 1983

(Quelle: Die deutschen Fassungen auf der Vatikanseite; auch in: VAS 50 oder in: DAS 1983, S. 597-664)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Samstag, den 10. September 1983

Begrüßungsansprache auf dem Internationalen Flughafen Schwechat (Wien)

1. Mit Freude und Ergriffenheit betrete ich heute österreichischen Boden. Von Herzen grüße ich alle hohen Persönlichkeiten und Gäste, die mich hier durch ihre Anwesenheit beehren. Zugleich grüße ich alle Bürger dieses schönen Landes, das mir aus früheren Tagen schon weitgehend bekannt und vertraut ist.

Aufrichtig danke ich Ihnen, sehr verehrter Herr Bundespräsident, für die herzlichen Willkommensworte, die Sie in so freundlicher Weise an mich gerichtet haben. Ebenso danke ich Ihnen und der Österreichischen Bischofskonferenz für die ehrenvolle Einladung zu diesem Besuch. Er soll allen Menschen, allen Diözesen und Gemeinden Österreichs gelten, obwohl sich das Programm meiner Reise auf Wien und Mariazell beschränkt. Meine Teilnahme am Österreichischen Katholikentag, den ich durch Gottes gnädige Fügung zusammen mit vielen Glaubensbrüdern und Schwestern aus allen Teilen des Landes feiern kann, gibt diesem Besuch seinen besonderen Charakter.

2. Mein Pastoralbesuch anläßlich des Katholikentages soll mit besonderer Deutlichkeit zeigen, wie sehr ich mich eins weiß mit den Glaubenden und Betenden, die in der problembelasteten Welt von heute Hoffnung leben und Hoffnung geben wollen. Es geht hierbei um das gleiche zentrale Anliegen, auf das auch die Feier des Jubiläumsjahres der Erlösung ausgerichtet ist. Es geht um jene alle menschliche Resignation und Ausweglosigkeit überwindende christliche Hoffnung, die aus einem erlösten Herzen kommt und im Kreuze Jesu Christi ihren unversiegbaren Quellgrund hat.

Österreich, dessen Volk sich in so starker Mehrheit zum christlichen Glauben bekennt und das sich als Staat zur aktiven Neutralität verpflichtet hat, ist nicht nur Träger einer großen geschichtlichen Tradition, sondern hat auch in der Gegenwart und Zukunft Europa und der Welt viel zu geben. ”Liegst dem Erdteil du inmitten, einem starken Herzen gleich“, heißt es so trefflich in Ihrer Bundeshymne. Mit den Bürgern Österreichs hoffe und bete ich, daß dieses Herz immer gesund und voller Hoffnung schlagen möge. Es ist mein inniger Wunsch, daß von der intensiven Vorbereitung und der Feier des Katholikentages nachhaltige Impulse für eine christliche Neubesinnung in Kirche und Gesellschaft ausgehen und sich für das Gemeinwohl fruchtbar auswirken werden.

3. Es scheint ein glücklicher Rahmen für meinen Pastoralbesuch in Österreich zu sein, daß dieser mit einer Europavesper beginnt, die im Zeichen des Kreuzes und des Magnificat steht, und daß er enden wird im Heiligtum der ”Magna Mater Austriae“. Christus, dem Gekreuzigten, in dem allein Hoffnung auf Heil ist, und seiner Mutter, die unser aller Mutter ist, empfehle ich die kommenden Tage meiner Begegnung mit dem Volk und der Kirche Österreichs; ebenso unser gemeinsames Gedenken an die historische Entscheidung vom Jahre 1683, das weder von bloßer Erinnerung noch gar von Triumphalismus bestimmt sein soll. Es sei uns vielmehr Auftrag und Verpflichtung, aus der Geschichte Lehren zu ziehen und sie im Geist unseres Glaubens für eine hoffnungsfrohere gemeinsame Zukunft der Menschheit zu verwirklichen.

So verbindet sich mein Dank Ihnen gegenüber, sehr verehrter Herr Bundespräsident, und an Sie, lieber Herr Kardinal, mit meiner Freude, in Ihrem Land zu sein, und mit der Vorfreude auf die kommenden Tage unserer Gemeinschaft in Glauben, Hoffen und Gebet. Allen Menschen in diesem Lande rufe ich aus ganzem Herzen zu: Gott segne und beschütze Euer geliebtes Österreich!

Predigt bei der Europavesper auf dem Heldenplatz in Wien

1. Der Friede sei mit Euch! Friede dieser Stadt! Diesem Land Österreich! Und allen seinen Nachbarn im Norden, Osten, Süden und Westen!

Einen besonderen Gruß und Friedenswunsch Euch Österreichischen Katholiken, die Ihr aus allen Diözesen, aus den Pfarrgemeinden, aus den vielen großen und kleinen Gemeinschaften zu diesem Katholikentag zusammengekommen seid. Friede allen, die von jenseits der Grenzen dieses Landes hierher gekommen sind oder durch Funk und Fernsehen an dieser feierlichen Vesper teilnehmen! Friede allen Christen, allen christlichen Kirchen! Friede auch allen Menschen, die den einen Gott verehren und ihm ihre Geschicke demütig anvertrauen!

Diesen Friedensgruß entbiete ich Euch allen im Namen Jesu Christi, unter dessen Kreuz wir uns hier versammelt haben. Der wahre Frieden kommt aus dem geöffneten Herzen dessen, der - am Kreuz erhöht - alle an sich zieht. Seit heute ist sein Zeichen auf diesem großen und geschichtsträchtigen Platz Wiens aufgerichtet: als christliche Mahnung und Hoffnung, als Erinnerung an das Jahr des Heiles 1983, an das Jubiläumsjahr der Erlösung, an einen Katholikentag, der als Tag christlicher Hoffnung in die Geschichte dieses Landes eingehen soll. Unter dieses Kreuz stellen wir Österreich; unter dieses Kreuz stellen wir Europa. Denn ”allein im Kreuz ist Hoffnung“! An ihm hat das Leben den Tod besiegt. Das Kreuz ist Zeichen der versöhnenden, Leid und Tod überwindenden Liebe Gottes zu uns Menschen, Verheißung der Brüderlichkeit aller Menschen und Völker, göttlicher Kraftquell für die beginnende Erneuerung der ganzen Schöpfung.

2. Die heutige Europafeier anläßlich des Österreichischen Katholikentages lenkt unseren Blick über alle natürlichen, nationalen und willkürlichen Grenzen hinweg auf ganz Europa, auf alle Völker dieses Kontinents mit ihrer gemeinsamen Geschichte, vom Atlantik zum Ural, von der Nordsee bis zum Mittelmeer. Österreich - selbst im Herzen Europas gelegen - hat in besonderer Weise dessen Geschicke geteilt und entscheidend mitgeprägt. Es zeigt exemplarisch, wie eine Vielzahl von Volksstämmen auf begrenztem Raum spannungsreich und schöpferisch zusammenleben und in der Vielfalt eine Einheit schaffen kann: auf dem Territorium des heutigen kleinen Österreich sind die Wesenszüge von Kelten und Romanen, von Germanen und Slawen tief eingegraben und in der Bevölkerung lebendig. Hierin ist Österreich ein Spiegel und Modell Europas.

Was dem europäischen Kontinent zur Einheit in der Vielfalt verholfen hat, war vor allem die Verbreitung des einen christlichen Glaubens. Die Wege der Missionare und der christlichen Pilger haben Länder und Völker Europas friedlich miteinander verbunden - wofür wiederum Österreich ein kennzeichnendes Beispiel ist. An der Evangelisierung Eures Landes hat der hl. Severin, ein Römer - Ihr habt vor kurzem sein Jubiläum gefeiert - ebenso mitgewirkt wie Glaubensboten aus anderen europäischen Ländern. Euer Land hat aber nicht nur missionarische Hilfe empfangen, sondern diese auch anderen Völkern vielfach gewährt. Als Beispiel unter vielen sei aus aktuellem Anlaß die Gründerin der Grauen Ursulinen genannt, Schwester Maria Julia Ledochowska. In Loosdorf bei Melk geboren, hat sie so segensreich in Polen gewirkt, daß sie im Juni dieses Jahres während meiner Reise in die polnische Heimat seliggesprochen werden konnte.

Zu den einheitstiftenden Wegen der Glaubensboten kommen die Wege der Pilger. Wallfahrten nach Rom zum Grab des hl. Petrus, nach Santiago de Compostela auf den Spuren des hl. Jakobus, zu den Wirkungs- und Grabstätten anderer Heiliger und zu den großen Marienheiligtümern haben nicht nur europaweit das fromme Andenken an die Mutter des Herrn, an die Apostel und Heiligen gepflegt, sondern auch das gegenseitige Verständnis der so verschiedenen Völker und Nationen gefördert. Dadurch haben sie auch mitgeholfen, Europas Identität zu prägen. Gerade auch nach Mariazell, in Eurem Land, wallfahrten seit Jahrhunderten Christen aus ganz Europa, nicht zuletzt aus slawischen Ländern. Ich selbst, Pole und Römer, bin glücklich, in diesen Tagen als Pilger nach Mariazell zu kommen.

Die - trotz aller Krisen und Spaltungen fortbestehende - kulturelle Gemeinsamkeit des europäischen Kontinents ist ohne den Inhalt der christlichen Botschaft nicht zu verstehen. Diese - mit antikem Geist großartig verschmolzen - bildet ein gemeinsames Erbe, dem Europa seinen Reichtum und seine Kraft verdankt, das blühende Gedeihen von Kunst und Wissenschaft, Bildung und Forschung, Philosophie und Geisteskultur. Innerhalb des christlichen Glaubensgutes hat in ganz besonderer Weise das christliche Menschenbild die europäische Kultur mitgeprägt. Die Überzeugung von der Gottebenbildlichkeit des Menschen und von seiner Erlösung durch Jesus Christus, den Menschensohn, hat der Wertschätzung und Würde der menschlichen Person, der Achtung ihres Anspruchs auf freie Entfaltung in mitmenschlicher Solidarität ein heilsgeschichtliches Fundament gegeben. So war es auch folgerichtig, daß die Formulierung und Verkündigung der allgemeinen Menschenrechte vom Abendland ausgegangen ist.

Dieses vom Christusglauben geeinte und geprägte Europa stellen wir erneut unter das Kreuz; denn ”im Kreuz ist Hoffnung“.

3. Niemand kann sich der Tatsache verschließen - und wer wäre davon nicht zutiefst betroffen -, daß die gemeinsame Geschichte Europas nicht nur leuchtende, sondern auch dunkle, schreckliche Züge trägt, die mit dem Geist der Menschlichkeit und der Frohen Botschaft Jesu Christi unvereinbar sind. Immer wieder haben Staaten und Parteien haßerfüllt und grausam gegeneinander Krieg geführt. Immer wieder wurde Menschen ihre Heimat genommen; sie wurden vertrieben oder sahen sich angesichts von Not, Diskriminierung und Verfolgung zur Flucht veranlaßt. Millionen von Menschen wurden auf Grund ihrer Rasse, ihrer Nation, ihrer Überzeugung oder einfach, weil sie anderen im Wege waren, ermordet. Es ist bedrückend, daß zu jenen, die ihre Mitmenschen bedrängten und verfolgten, auch gläubige Christen gehörten. Wenn wir uns zu Recht unseres Herrn Jesus Christus und seiner Botschaft rühmen dürfen, so müssen wir andererseits bekennen und dafür um Vergebung bitten, daß wir Christen Schuld auf uns geladen haben - in Gedanken, Worten und Werken und durch tatenloses Gewährenlassen des Unrechts.

Doch nicht nur im staatlichen und politischen Leben ist Europas Geschichte von Zwietracht gezeichnet. Auch durch die eine Kirche Jesu Christi haben Glaubensspaltungen Grenzen und Gräben gezogen. Im Verein mit politischen Interessen und sozialen Problemen kam es zu erbitterten Kämpfen, zu Unterdrückung und Vertreibung Andersgläubiger und zu Gewissenszwang. Als Erben unserer Väter tragen wir auch dieses schuldbeladene Europa unter das Kreuz. Denn in ihm ist Hoffnung.

4. Das Österreich von heute - leider nicht ganz Europa! - ist frei von fremder Herrschaft und kriegerischer Gewalt, frei von unmittelbarer äußerer Bedrohung, unbelastet von haßerfüllten inneren Auseinandersetzungen. Welch denkwürdiger und freudiger Kontrast zu mancher früheren Epoche und besonders zum Jahre 1683. Dieses Jahr ist ein großes Datum nicht nur der Österreichischen, sondern der europäischen Geschichte, wahrlich wert, daß wir uns seiner nachdenklich und dankbar erinnern.

Jedem von uns ist vertraut, wie vor 300 Jahren Truppen des osmanischen Reiches, wie schon 1529, bis vor diese Stadt gelangten und sie mit gewaltiger Übermacht belagerten. Der Zug der Armee war von Brandschatzung, Mord und Verschleppung gekennzeichnet; unsäglich waren die Not, der Jammer, das Elend, bewundernswert war die Tapferkeit der Verteidiger Wiens. Sie schöpften Kraft aus ihrem Glauben, aus dem Gebet, aus ihrer Überzeugung, nicht nur für ihr Land, sondern für Europa und für die Christenheit zu streiten. Dem Papst steht es wohl zu, daran zu erinnern, daß sein damaliger Vorgänger, der selige Innozenz XI., Österreich und seine Verbündeten mit Subventionen, mit diplomatischer Hilfe und mit seinem Gebetsaufruf an die Christenheit wirksam unterstützt hat. Dem Papst aus Polen sei es auch gestattet, mit besonderer Bewegung davon zu sprechen, daß es der polnische König Jan Sobieski gewesen ist, unter dessen Oberbefehl die verbündeten Entsatztruppen Wien befreiten, zu einem Zeitpunkt, da sich die heldenhaften Verteidiger der Stadt nur mehr mit letzter Kraft der Belagerung erwehren konnten.

Es ist gerechtfertigt, mit Bewunderung der Verteidiger und Befreier Wiens zu gedenken, die in beispielhaftem Zusammenstehen dem Angriff Einhalt geboten. Uns sind die Aufrufe heiligmäßiger Prediger überliefert, welche die Menschen dieser Zeit nicht nur zu Tapferkeit, sondern vor allem zu christlicher Umkehr zu bewegen suchten. Die Geschichte gebietet uns, damaliges Geschehen aus dem Geist der damaligen Zeit zu verstehen und nicht einfach an unserer Gegenwart zu messen. Sie gebietet, einseitige Verurteilung und Verherrlichung zu vermeiden. Wir wissen, daß himmelschreiende Grausamkeiten nicht nur vom osmanischen Heer, sondern auch von der Armee des Kaisers und seiner Verbündeten begangen worden sind. Wir müssen, so sehr wir uns über den Verteidigungserfolg des christlichen Abendlandes freuen mögen, beschämt zur Kenntnis nehmen, daß die christliche Solidarität damals weder spontan noch europaweit war.

Vor allem aber sind wir uns dessen bewußt, daß die Sprache der Waffen nicht die Sprache Jesu Christi ist und nicht die Sprache seiner Mutter, die man damals wie heute als die ”Hilfe der Christenheit“ angerufen hat. Bewaffneter Kampf ist allenfalls ein unausweichliches Übel, dem sich auch Christen in tragischen Verwicklungen nicht entziehen können. Aber auch hierbei verpflichtet das christliche Gebot der Feindesliebe, der Barmherzigkeit: der für seine Henker am Kreuz gestorben ist, macht mir jeden Feind zum Bruder, dem meine Liebe gebührt, auch wenn ich mich seines Angriffs erwehre.

So sei dieses Jubiläum nicht die Feier eines kriegerischen Sieges, sondern eine Feier des uns heute geschenkten Friedens im dankbar bekundeten Kontrast zu einem Ereignis, das mit so viel Leid verbunden war. Und wir wollen uns der Freiheit würdig erweisen, die damals mit so großem Einsatz verteidigt worden ist.

5. Österreich bemüht sich, wie in der Vergangenheit, auch heute seiner besonderen Verantwortung und Aufgabe im Herzen Europas zu entsprechen. Euer Land setzt sich mit Nachdruck ein für Frieden und Völkerverständigung, für soziale Gerechtigkeit, für die Beachtung und Förderung der Menschenrechte auf nationaler und internationaler Ebene. Ihr selbst habt Tausende von Flüchtlingen und Hilfesuchenden aufgenommen; Gäste aus aller Herren Länder kommen in Euer Land und finden bei Euch freundliche Aufnahme und Erholung. Ihr habt nicht nur von hochherzigen Helfern in Zeiten der Not wirksame Unterstützung empfangen, sondern auch selbst die Nöte anderer Länder, darunter auch meiner polnischen Heimat, hilfsbereit gelindert. Das Bekenntnis zur europäischen Solidarität läßt Euch auch nicht die Augen vor der Not und Hilfsbedürftigkeit außereuropäischer Gebiete verschließen. Dankbar denke ich dabei an Eure großen Beiträge zur Entwicklungshilfe und an den persönlichen Einsatz so vieler Missionare, Schwestern und Entwicklungshelfer. Euer Land spielt - seiner besonderen Lage und seinem geschichtlichen Erbe entsprechend - vor allem ein wichtige Rolle für die Schaffung eines stabileren und humaneren Europas und für den Abbau internationaler Spannungen. Diese Bemühungen verdienen Anerkennung und Ermutigung. Sie rufen jedoch zugleich angesichts der noch fortdauernden großen Schwierigkeiten innerhalb der Völkergemeinschaft nach immer größeren Anstrengungen. Die katholische Kirche ist hierbei im Rahmen ihres Auftrages stets ein hilfsbereiter und solidarischer Partner.

Zum besonderen Vermächtnis des entscheidungsvollen Ereignisses von 1683 an die christlichen Kirchen gehört vor allem das Anliegen des religiösen Friedens - der Frieden zwischen den Erben Abrahams und die Einheit unter den Brüdern Jesu Christi. Der Jünger Mohammeds, die damals als Feinde vor den Toren Eurer Hauptstadt lagerten, sie leben jetzt mitten unter Euch und sind uns in ihrer gläubigen Verehrung des einen Gottes nicht selten Vorbild. Die jüdische Gemeinschaft, einst so fruchtbar mit den Völkern Europas verflochten und jetzt so tragisch dezimiert, mahnt uns gerade dadurch, jede Chance zu nützen, einander menschlich und geistig näherzukommen und miteinander vor Gott zu treten und von ihm her den Menschen zu dienen. Die Spaltungen unter den Christen, 1683 bis in die Politik hinein so verhängnisvoll wirksam, sind heute Anlaß und Aufforderung zu bewußter Gemeinschaft in Begegnung, Gebet und Diakonie.

6. Liebe Brüder und Schwestern! Wie ich in meiner Fernsehbotschaft an Euch im Juni des vergangenen Jahres betont habe, sollen die erfolgreichen Anstrengungen der Christenheit zum Schutz des Abendlandes im Jahre 1683 und die jetzige Gedenkfeier während des Österreichischen Katholikentages vor allem ”die Christen von heute an ihre gemeinsame Verantwortung für Europa erinnern und ihnen neuen Mut vermitteln zu opferbereitem Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit, für Menschenrechte und christliche Solidarität unter den Völkern“. Bei derselben Gelegenheit gab ich meiner Hoffnung Ausdruck, daß von Eurem Katholikentag ”für Eure Heimat und für ganz Europa eine christliche Neubesinnung auf die tiefen gemeinsamen geistigen Wurzeln ausgehen“ möge. Ein jeder von Euch ist aufgerufen, dazu an seinem Platz und entsprechend seinen Möglichkeiten einen ganz persönlichen Beitrag zu leisten. Uns Christen ist es aufgegeben, aus der Mitte unseres Glaubens und durch einen solidarischen Einsatz zum Wohl des Menschen und der Gesellschaft wirksam zu bezeugen, daß es allein im Kreuz wahre Hoffnung gibt - für den einzelnen, für das eigene Land, für Europa und für die ganze Menschheit.

Ihr Christen in Österreich und in allen Ländern des Kontinents!

Gebt Zeugnis von der tiefen christlichen Verwurzelung der menschlichen und kulturellen Werte, die Euch - und ganz Europa - heilig sind, die seine Vergangenheit so entscheidend geprägt haben und auch seine Zukunft zu gewährleisten vermögen. Zeigt Euch würdig jener Glaubensbrüder, die auch heute noch für ihre religiösen Überzeugungen und für ihre christliche Lebensführung Verfolgung leiden und schwere Opfer bringen müssen. Habt Mut und Entschlossenheit, Euch auch in der Politik und im öffentlichen Leben aus christlicher Verantwortung für das Wohl des Menschen und der Gesellschaft im eigenen Land und über alle Grenzen hinaus einzusetzen.

Im Kreuz ist Hoffnung für eine christliche Erneuerung Europas, aber nur wenn wir Christen selbst die Botschaft des Kreuzes ernst nehmen.

Kreuz besagt: Das Leben für den Bruder einsetzen, um es zusammen mit dem seinen zu retten.

Kreuz besagt: Liebe ist stärker als Haß und Rache - Geben ist seliger als Nehmen - Sich-selbst-einsetzen bewirkt mehr als bloßes Fordern.

Kreuz besagt: Es gibt kein Scheitern ohne Hoffnung - keine Finsternis ohne Stern - keinen Sturm ohne rettenden Hafen.

Kreuz besagt: Liebe kennt keine Grenzen: beginne mit dem Allernächsten und vergiß nicht den Fernsten.

Kreuz besagt: Gott ist immer größer als wir Menschen, größer als unser Versagen - Leben ist stärker als der Tod.

Als Jünger Christi seid Ihr, liebe Brüder und Schwestern, aufgerufen, aus der Kraft des Kreuzes Christi durch Euer hoffnungsvolles Wort und christliches Lebensbeispiel den Menschen von heute in ihrer mannigfachen Bedrohung und Verwirrung die befreiende Antwort und Hoffnung zu geben.

Und pflegt in allem das Gebet! Betet, wie es die Christen in der Bedrängnis von 1683 getan haben. Betet, wie es gerade in Eurem Land seit Jahrzehnten so vorbildlich im ”Rosenkranz-Sühnenkreuzzug um den Frieden der Welt“ geschieht. Laßt Euch von mir in dieser Stunde unter dem Zeichen des Kreuzes, das wir heute auf diesem Platz aufgerichtet haben, zu jenem wahren Kreuzzug der christlichen Tat und des Gebetes sammeln. Wie einst der selige Papst Innozenz XI. die bedrohten Völker zur Heiligen Allianz zusammenrief, so ruft Euch heute sein Nachfolger auf dem Stuhl Petri ins Gewissen: Der geistige Kampf für ein Überleben in Frieden und Freiheit verlangt den gleichen Einsatz und Heldenmut, die gleiche Opferbereitschaft und Widerstandskraft, durch die unsere Väter damals Wien und Europa gerettet haben! Entscheiden wir uns dazu und legen wir diesen Entschluß unter das Kreuz Christi, des Herrn aller Geschichte. Denn in seinem Kreuz ist wirklich Hoffnung und Heil!

”Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus,

und preisen Dich,

denn durch Dein heiliges Kreuz

hast Du die Welt erlöst“.

Amen.

Ansprache beim Treffen mit den Jugendlichen im Praterstadion (Wien)

Liebe junge Freunde! Brüder und Schwestern!

1. An diesem Abend gehöre ich Euch! Aus ganz Österreich seid Ihr hierhergekommen und habt auch Freunde aus den Nachbarländern mitgebracht. Viele von Euch sind schon berufstätig. Andere besuchen Schulen, auch Hochschulen. Gemeinsam ist Euch dieses schöne Land im Herzen Europas. Gemeinsam ist Euch auch der Glaube an Jesus Christus oder wenigstens das Suchen und Fragen nach ihm. Darum steht unsere Begegnung heute abend unter dem Thema »Jesus Christus unser Weg«.

Wenn ich Euch oder die jungen Menschen anderer Länder sehe, dann erfüllt mich eine tiefe Zuneigung und eine große Hoffnung. Das Schicksal Eures Landes bis weit hinein in das nächste Jahrtausend liegt auch in Euren Händen. Und auch das Schicksal des Glaubens in Österreich und darüber hinaus wird von Euch mitbestimmt sein. Aus Euren Fragen und Anregungen, mit denen Ihr das Wirken der Verantwortlichen in Staat und Kirche oft kritisch begleitet, erkenne ich Eure Bereitschaft, Euch den Aufgaben der Gegenwart zu stellen. Diese sind ungeheuer groß und verlangen Euren ganzen Einsatz.

Ihr selbst habt es soeben sehr eindrucksvoll und ernst dargestellt: Die Welt und die Zeit, in der wir heute leben, sind eine große Herausforderung für Euch. Ihr seid betroffen vom Elend und Hunger in weiten Teilen der Erde und von soviel Ungerechtigkeit. Ihr warnt vor der tödlichen Gefahr gigantischer Waffenarsenale und eines drohenden Atomkrieges. Ihr macht Euch Sorgen um die Umwelt. Ihr wißt, daß viele Menschen, vor allem Jugendliche, durch Arbeitslosigkeit bedroht sind oder schon jetzt keine Arbeit haben. Viele Menschen in anderen Ländern sind auch geistig unterdrückt und können ihren Glauben nicht in Freiheit bekennen. Das alles schafft da und dort das Gefühl, das Leben habe wenig Zukunft, wenig Sinn. In einer solchen Situation fliehen manche aus der Verantwortung: in kurzlebiges Vergnügen, in die Scheinwelt des Alkohols und der Drogen, in unverbindliche sexuelle Beziehungen, in Gleichgültigkeit, Zynismus oder auch Gewalt. Für einige wird die Flucht in den Tod zum scheinbar letzten Ausweg.

2. Aber die Mitte der Nacht ist, wie jemand gesagt hat, zugleich schon der Anfang des Tages. Die Schwierigkeiten unserer Zeit wecken bei vielen Menschen, besonders bei den jungen, auch die kühnsten Träume, die besten Kräfte des Geistes, des Herzens, der Hände. Es erwacht die Bereitschaft, zu teilen und das Leben ohne Berechnung einzusetzen.

Überall auf der Welt haben Menschen begonnen, sich und andere zu fragen: Was kann ich tun? Was können wir tun? Wohin führt unser Weg? Es sind vor allem junge Menschen, die so fragen. Sie möchten ihren Beitrag leisten, um eine weithin müde und kranke Gesellschaft zu heilen. So geben sie ihrem Leben und dem Leben ihrer Freunde einen neuen Sinn. Dieser Sinn hat für viele von ihnen schon einen Namen: den Namen »Jesus Christus«. Sie haben Jesus gefunden. Er ist ihre neue Hoffnung geworden. Andere junge Menschen hingegen suchen Jesus. Zeigt Ihr ihnen den Weg zu ihm!

Ihr seid auf verschiedenen Wegen miteinander zu Fuß in dieses Stadion gekommen. Die verschiedenen Wege, auf denen Ihr gekommen seid, mündeten ein in das Kreuz, das einige von Euch stellvertretend für die anderen mitten im Stadion auf den Boden gelegt, auf den Boden geschrieben haben. Es ist ein Kreuz aus Blumen, ein blühendes Kreuz. Es ist das Siegeszeichen Jesu, der als der Gekreuzigte zugleich auferstanden ist. Ein Zeichen des Osterglaubens gegen alles, was Euch lähmen könnte.

Eure Wege und dieses Kreuz in unserer Mitte verweisen uns auf Jesus Christus, der von sich gesagt hat: »Ich bin der Weg«. (Joh 14,6) Er hat vor bald 2000 Jahren junge Menschen, wie Ihr seid, zu sich gerufen. Sie haben Boot und Netz verlassen und sind seine Jünger geworden. Aus Fischern und Zöllnern wurden Apostel. Jesus ruft auch heute. Er ruft Euch! Und er zeigt Euch den Weg durch das, was die Evangelien über seinen Umgang mit den Menschen berichten.

3. Uns berührt sogleich die große Behutsamkeit und Zuneigung, mit der er den Menschen begegnet: wie er Kinder segnet und den Sündern beim Mahl Gemeinschaft gewährt; wie er um seine Jünger besorgt ist und sie schrittweise in seinen Lebensplan einführt; wie er den Schmerz der Witwe von Naim teilt, auf den blinden Bettler hört, der am Wege schreit, und wie er mit der Frau am Brunnen ein Gespräch führt. Jede Seite des Evangeliums berichtet von der feinfühligen Güte dessen, der »umherging, Wohltaten spendend...«.

Über den Menschen hinaus zeigt sich Jesus mit der ganzen Schöpfung tief verbunden: Er beobachtet, wie die Saat auf dem Acker gedeiht und wie der Feigenbaum Früchte ansetzt. Er achtet auf Wind und Wolken. Senfkorn und Weinstock, Lilien und Sperlinge werden zum Gleichnis für das Reich Gottes, das er verkündet. Wirklich, es erstaunt nicht, daß junge Menschen von heute auf Jesus neu aufmerksam werden: Ihr seid ja besonders darauf bedacht, daß Mensch und Natur in ihrer Würde und in ihrem Wert ernstgenommen werden.

Freilich verkörpert Jesus mehr als nur einige Ideale des modernen Menschen. Er zeigt in Natur und Mensch einen tiefen Sinn auf: Die Welt ist Gottes Schöpfung; in ihr ist ohne Unterlaß Gott, der ewige Vater, am Werk. So wird alles Geschaffene durchsichtig auf Gott hin: die großen Ereignisse ebenso wie die scheinbar unbedeutenden Dinge, an denen man leicht achtlos vorübergeht. Die Evangelien bezeugen also: Die Kraft, die Jesus und sein ganzes Leben durch und durch bestimmt, ist seine liebende Bindung an Gott Vater.

Für uns sollte diese Botschaft Jesu von der beständigen Gegenwart Gottes inmitten dieser Schöpfung eine Quelle der Zuversicht sein: Gott kennt uns. Er kennt uns besser, als wir uns selber kennen. Er liebt uns, auch wenn diese Liebe oft verborgen ist. Er ist ein Gott, der uns Zukunft gibt. Er ist nicht ein Gott der Toten, sondern der lebendige und lebenspendende Gott. Ihm können wir uns anvertrauen, in ihm Wurzeln schlagen. Wenn wir fallen, dann fallen wir nicht tiefer als in Gottes Hand. Das hat Jesus in den 33 Jahren seines Weges inmitten der Menschen vorgelebt. Das hat er gemeint, als er sagte: »Ich bin der Weg«.

Jesu Botschaft ist aber zugleich ein Anspruch. Zuneigung und Vertrauen zu ihm sollen in Nachfolge einmünden. Gefühle allein reichen nicht: Wir müssen bereit sein, unser Wollen und Handeln auf ihn einzurichten. Daran läßt der Herr keinen Zweifel: »Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt. (Joh 14,21)

Ihr mögt vielleicht jetzt fragen: Was fordert der Herr? Wie verwirklichen wir seinen Willen? »Du kennst die Gebote«, antwortet Jesus selbst im Evangelium dem jungen Mann, der ihm die gleiche Frage stellt. »Ihr kennt die Gebote!«. Nehmt sie ernst! Sie weisen Euch den Weg.

4. Liebe junge Freunde! Auf diesen Weg hat Christus Euch gerufen. Und wie mit den Emmausjüngern ist er mit Euch unterwegs auf Eurem Weg zu den Menschen, in den Beruf, in die Gesellschaft.

Ihr geht auf Menschen zu. Viele von ihnen sind Euch noch gar nicht bekannt. Einer wird vielleicht der Partner für Euer Leben sein, entscheidend ebenso für Euch wie für die Kinder, deren Eltern Ihr sein werdet. Wie findet Ihr den Weg zueinander? Wie lernt Ihr jene Liebe, die auch Enttäuschungen übersteht? Wie lernt Ihr jene wahre Selbstverwirklichung, die nicht nur Ich sagen kann, sondern auch Du und wir? Jesus hat gesagt: »Kommt und lernt von mir«.

Ihr geht auch auf einen Beruf zu und ich hoffe von ganzem Herzen, daß alle eine Arbeit finden können. Für viele wird es nicht ein Traumberuf sein, sondern ganz nüchtern ein Arbeitsplatz, an dem Ihr aber doch als ganze Menschen gefordert seid. Leistet zuverlässige Arbeit, seid gute Kameraden. Und wenn es Euch gegeben ist, seid auch bereit, besondere Verantwortung zu übernehmen. Habt keine Angst, Euch in Eurem Milieu als Christen zu bekennen. Dieses Bekenntnis bringt Euch eine tiefe Freude, auch wenn Ihr manchmal nicht verstanden oder sogar ausgelacht werden solltet.

Ihr seid schließlich auch unterwegs zu einer künftigen Gesellschaft. Ihr wünscht, daß sie besser sei als die jetzige Gesellschaft. Euer Wunsch ist berechtigt. Es wäre aber ungerecht, jenen nicht zu danken, die zu ihrer Zeit im voraus vieles für Euch getan haben. Es wäre ungerecht, rückblickend und besserwissend alles Gewesene gering zu schätzen. Als Christen glauben wir aber auch an die Möglichkeit der Weiterentwicklung zum Besseren. Dies setzt freilich oft eine tiefgreifende Neubesinnung und Umkehr voraus.

Ihr wollt eine Gesellschaft mit mehr Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Ihr wollt eine Gesellschaft mit mehr Verantwortungsbewußtsein gegenüber Mensch und Umwelt, mit mehr Toleranz und vor allem mit mehr Friede. Beginnt Ihr damit, wahrhaftig und gerecht zu sein, barmherzig und um Frieden bemüht, um Frieden, den man von anderen nur erwarten kann, wenn man ihn selbst lebt.

Ihr geht auf eine Gesellschaft zu, die Ihr mitgestalten müßt. Die nächste Generation wird Euch genauso fragen, wie Ihr heute die Älteren fragt: Was habt Ihr aus Eurem Leben und aus der Welt gemacht?

5. Ihr werdet auch, liebe Freunde, die kommende Geschichte der Kirche prägen. Ich bin überzeugt, daß Ihr keine Kirche wollt, die die Forderungen Jesu verkürzt oder die Schätze des Glaubens zu billigen Preisen veräußert. Ihr wollt eine Kirche, die deutlich spricht und glaubwürdig lebt. Ohne sich an den Zeitgeist auszuliefern, soll sie den Menschen von heute Hoffnung vermitteln. Sie tut dies: — indem sie unter den Menschen die Überzeugung wachhält, daß die Erlösung der Strukturen von der Erlösung der Herzen abhängt; — indem sie das Heil nicht allein von unserer eigenen Anstrengung, sondern vor allem als Gottes Geschenk erwartet; — indem sie Gott als unsere endgültige Erfüllung verkündet und uns die Angst nimmt, das Glück zu verpassen, wenn wir es uns nicht in raschem Zugriff selbst verschaffen; — indem sie eine fröhliche Einfachheit lebt, weil sie in Gott ihren wahren Reichtum hat.

Jesus sagt heute zu jedem von Euch, was er einst zum heiligen Franz von Assisi gesagt hat: Du sollst mein Haus, die Kirche, wiederaufbauen. Viele träumen von einer anderen, einer ganz neuen Kirche. Christus fordert Euch jedoch auf, ihm Euren Einsatz für die gegenwärtige Kirche zu schenken: diese sollt Ihr »wiederaufbauen«, diese soll erneuert werden.

Heute schon kann Euer Dienst beginnen, die Kirche von morgen bauen zu helfen: eine Kirche, die keine Trennung kennt, weder die Trennung der Konfessionen noch der Generationen; eine Kirche, die vielen Heimat bietet und doch deutlich macht, daß diese Welt nicht unser endgültiges Zuhause ist. In dieser Kirche habt Ihr alle einen Platz, eine Aufgabe.

Ihr baut diese Kirche als junge Christen, als künftige Mütter und Väter, als gläubige Menschen in vielen Berufen und Lebensbereichen. Unter Euch sind sicher auch nicht wenige, die Christus zum Dienst des Priesters, der Ordensfrau, des Ordensmannes berufen will. Verweigert Euch nicht seinem Ruf. Achtet auf seine leise Stimme inmitten der lauten Stimmen, die Euch etwas anderes sagen wollen.

6. Eure Aufgabe ist groß, junge Freunde! Aber Jesus sagt auch zu Euch »Fürchtet Euch nicht«. Laßt Euch nicht lähmen durch Unheilspropheten. Verschreibt Euch nicht dem Motto »Alles oder nichts«, sondern habt Mut und Geduld zu kleinen Schritten. Denkt selbst nach und laßt Euch nicht durch fremde Parolen leiten.

Jesus sagt auch zu Euch "Kehrt um, bekehrt Euch". Schiebt Eure Verantwortung nicht auf andere, auf die Gesellschaft, auf den Staat, auf die Kirche. Kehrt um aus der Klage und Anklage zu Eigenverantwortung. Laßt Euch im Bußsakrament versöhnen mit Gott und den Menschen, dann werdet Ihr frohe Menschen sein und auch andere froh machen können.

Jesus fragt auch Euch, wie er Petrus gefragt hat: »Liebst du mich?«. Wenn Ihr ihn liebt, was darf dann diese Liebe kosten? Ihr seid reich an Begabungen, an Ideen, an gutem Willen. Ihr setzt Euch ein für den Frieden und gegen die Not in der Dritten Welt. Ihr seid jung. Es ist auch heute schön, jung zu sein: offen für die Welt und für das Leben. Es ist schön, zu schenken und zu empfangen. Jesus sagt zu Euch: »Ich sende euch«. Bleibt nicht sitzen in Bequemlichkeit. Bleibt nicht sitzen mit Euren Zweifeln und Ängsten, sondern geht. Ihr wißt den Weg. Unser Weg ist Jesus Christus. Gehen wir diesen Weg miteinander!

Sonntag, den 11. September 1983

Ansprache beim Treffen mit den Verantwortlichen der christlichen Kirchen Österreichs in Wien

Verehrte Brüder in dem einen Herrn!

1. Wir haben in dieser Morgenstunde gemeinsam zu Gott, unserem Vater, gebetet und dabei erlebt, wie tief wir durch die eine Taufe und den christlichen Glauben in dem einen Herrn Jesus Christus verbunden sind und wie wir alle aus diesen Quellen gespeist werden. Darum möchte ich Sie jetzt ganz bewußt als Brüder ansprechen.

Mit großer Freude und Dankbarkeit nehme ich die Gelegenheit wahr, heute mit Ihnen, den Verantwortlichen der christlichen Kirchen in Österreich, zusammenzusein. Ein besonderes Wort des Dankes gilt Ihnen, dem hochwürdigsten Herrn Metropoliten Dr. Tsiter, und Ihnen, Herr Landesbischof Magister Knall, für ihre freundlichen Grußadressen und die darin enthaltenen Anregungen. Wir dürfen uns freuen, daß diese auf verschiedenen Ebenen schon weitgehend Gegenstand des ökumenischen Gesprächs sind.

Unser Lob und Dank strebt über alle brüderlichen Worte und Zeichen hinaus zum Geber aller Gaben, der die Seinen instand gesetzt hat, sich in dieser Gemeinschaft des einen Geistes heute zu begegnen.

2. Wir alle blicken bei dieser Zusammenkunft tief bewegt zurück über den Lauf der Jahrhunderte, in denen Österreich — wie manche andere europäische Länder durch die Wirren konfessioneller Auseinandersetzungen erschüttert wurde. Das kirchliche, kulturelle und gesellschaftliche Leben des Landes war geprägt von religiöser Zwietracht, ja von feindseliger Intoleranz, Unterdrückung und Verfolgung. Gerade als Christen wissen wir um die Begrenztheit und Schwäche des Menschen, um die Möglichkeit des Versagens vor dem hohen und lauteren Anspruch des Evangeliums. Die Schuld, die Christen tatsächlich auf sich geladen haben, darf nicht geleugnet werden. Sie wartet immer neu auf Bekenntnis und Vergebung. Dabei sitzen wir nicht zu Gericht über eine Vergangenheit, deren Erbe wir selbst sind und die nur in ihren besonderen geschichtlichen Umständen verstanden werden kann. Mit der schmerzlichen Erinnerung und der Bitte um Vergebung verbindet unsere Kirche gemäß dem Willen des II. Vatikanischen Konzils die ernsthafte Bereitschaft, die unheilvollen Folgen der Vergangenheit zu überwinden.

Mit der Erklärung über die Religionsfreiheit und dem Dekret über den Ökumenismus ist uns der Weg in die Zukunft gewiesen, der neue Horizonte der Hoffnung auf eine wachsende Einheit und Gemeinschaft der Christen erschließt. Der vom Konzil ausgestreute Samen hat hierzulande bereits deutlich Wurzeln geschlagen. Der Prozeß der Versöhnung unter den Christen der verschiedenen Traditionen hat zu sichtbaren Ergebnissen geführt, die verheißungsvoll stimmen und auch als beispielhaft gelten können. Ich möchte Sie ermutigen, in Ihren Bemühungen fortzufahren.

3. Es freut mich in besonderer Weise, daß die katholische Kirche in Österreich sich seit Jahren ihrer ökumenischen Verantwortung auch weit über die Grenzen des Landes hinaus bewußt ist. Sie versucht eine Brücke zu bilden, auf der sich Ost und West, Nord und Süd begegnen. Dem Erzbischof von Wien, dessen segensreicher Einsatz für die Weltkirche und die Ökumene weit bekannt ist, verbindet sich das Wirken von engagierten Theologen, Priestern und Laien zur Seite, die je auf ihre Weise dem Ruf unseres Herrn zu entsprechen versuchen. Ich weiß auch mit Freude darum, daß Sie seit Jahren eιne betende Gemeinschaft sind. Besonders die »Ökumenische Morgenfeier« hat ja schon eine segensreiche Tradition.

Durch den Stiftungsfonds »Pro Oriente« hat die katholische Kιrche einen bedeutsamen Beitrag im Dialog mit der orthodoxen Kirche geleistet, und durch das ekklesiologische Kolloquium »Koinonia« hat sie geholfen, den Weg zum offiziellen theologischen Dialog zwischen der orthodoxen Kirche und der römisch-katholischen Kirche zu ebnen. Ebenso wurden brüderliche Kontakte zu den altorientalischen Kirchen in den sogenannten »Linzer Gesprächen« gepflegt. Mögen alle diese Arbeiten in großem gegenseitigen Vertrauen, mit aufrichtiger Hochachtung und Liebe segensvoll weitergeführt werden.

Auch die Gespräche zwischen katholischen und evangelischen Theologen haben dazu beigetragen, traditionelle Vorurteile abzubauen, haben ein neues Klima des Miteinander geschaffen und sogar Weichen für die Durchführung von gemeinsamen pastoralen Programmen gestellt. Solche Schritte auf Landesebene sind unverzichtbare Elemente der umfassenden ökumenischen Bewegung. Sie stützen und inspirieren in wechselseitigem Austausch die Lebensvorgänge und Entwicklungen im Ganzen des Volkes Gottes. So erst gedeiht eine rechte Weggemeinschaft zwischen allen, die das Zeichen Christi auf ihrer Stirn tragen. Mein Dank gilt allen Mitgliedern und Beratern der offiziellen Gesprächskommissionen. Ihre Arbeit findet auch im Päpstlichen Einheitssekretariat Beachtung und Anerkennung.

4. Mit besonderer Genugtuung und Zuversicht erfüllt uns der Gedanke, daß die katholische Kirche Österreichs sich in diesen Tagen zu einem Katholikentag versammelt hat, der die Türen für alle Gäste offenhält, die durch das einigende Band der Taufe auf den Namen des Dreifaltigen Gottes in einer echten, wenn auch noch nicht vollen Gemeinschaft mit dieser unserer Kirche stehen. Der Geist dieser großen Zusammenkunft wie seine äußeren Formen sind bewußt geprägt vom Willen zu christlicher Offenheit füreinander, zur gegenseitigen geistlichen Stärkung und Bereicherung, zur Sammlung für ein gemeinsames Zeugnis und zur Sendung in eine Welt, die sich nach Licht und Wärme sehnt.

Diese Ausrichtung des Katholikentages entspricht einem wesentlichen Anliegen, welches das Zweite Vatikanische Konzil im Ökumenismusdekret proklamiert hat. Dort ermahnt es »alle katholischen Gläubigen, daß sie die Zeichen der Zeit erkennend, mit Eifer an dem ökumenischen Werk teilnehmen«. (Unitatis Redintegratio, 4) Ferner betont es: »Die Sorge um die Wiederherstellung der Einheit ist Sache der ganzen Kirche, sowohl der Gläubigen wie auch der Hirten, und geht jeden an, je nach seiner Fähigkeit, sowohl in seinem täglichen christlichen Leben wie auch. bei theologischen und historischen Untersuchungen«? (ebd., 5)

5. Verehrte Brüder! Unsere Begegnung findet zu einer Zeit statt, wo die evangelischen Christen sich auf vielfältige Weise des 500. Geburtstages von Martin Luther und von Huldrych Zwingli erinnern. Diese Daten gehören zu unserer gemeinsamen Geschichte. Wir sind Erben jener geschichtsmächtigen Ereignisse der Reformationszeit, deren Auswirkungen wir uns heute noch stellen müssen. Nach Jahr-hunderten des polemischen Gegeneinander oder kühlen Nebeneinander haben wir uns im wahren Sinn des Wortes »wiederentdeckt« in unserem gemeinsamen Fundament des Glaubens an den einzigen Herrn und Heilsbringer Jesus Christus, aber auch in der Suche nach der tieferen und umfassenderen Fülle der Offenbarung.

Für diese Bereitschaft zur Verständigung möchte ich gerade hier in Wien an die Gestalt jenes großen Zeugen des Evangeliums erinnern, in der die versöhnende Kraft des Erlösungswerks Jesu Christi in Wort und Tat vor den Menschen sichtbar wurde. Ich meine den Stadtpatron, den heiligen Clemens Maria Hofbauer. Er hat in der Kirche leuchtende Spuren hinterlassen, indem er aufrichtige Verständigungsbereitschaft gegenüber der reformatorischen Christenheit im Geist der Wahrheit und Liebe zu verkörpern suchte. Er hat uns gezeigt, daß wir die Last der Geschichte unserer Trennungen jenseits von Polemik und gegenseitigen Entstellungen nur in demütigem Hinhören und brüderlicher Begegnung bewältigen können.

6. In allen unseren Bemühungen bleiben wir eingedenk jenes wichtigen Prinzips der Heilsgeschichte: »Ich habe gepflanzt, Apollo hat begossen, Gott aber ließ wachsen. So ist weder der etwas, der pflanzt, noch der, der begießt, sondern nur Gott, der wachsen läßt ... Denn wir sind nur Gottes Mitarbeiter. (1 Kor 3, 7 ff.)

Hat die Einheit der Kirche ihre letzte und absolute Begründung im Geheimnis des Dreifaltigen Gottes, in der Einheit und Gemeinschaft der drei göttlichen Personen, so sucht das von Gott berufene Volk aus der Kraft dieses uns alle umgreifenden Geheimnisses zu leben: In der Vielfalt der Gaben des Heiligen Geistes verwirklicht es die Koinonia; im Bekenntnis zum Kyrios Jesus Christus erblickt es das Fundament und die Quelle der allen gemeinsamen Berufung.

Erst kürzlich haben die zur Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver anwesenden Christen in ihren gemeinsamen Gebeten und Meditationen dieses tiefe Geheimnis bedacht und in ihrem geistlichen Miteinander Jesus Christus als das Leben der Welt bekennen und preisen können.

Dank sei dem Herrn, der uns berufen hat, in dieser Zeit des Heils, auf dem Weg der Pilgerschaft am Ende des zweiten Jahrtausends unserer Erlösung, der Einheit seines Volkes demütig zu dienen. Wir sind dabei von der unverbrüchlichen Hoffnung geleitet, daß wir eines Tages mit einer Zunge Gott unseren Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit. (Joh 4, 24)

Predigt bei der Eucharistiefeier zum Abschluss des Katholikentages im Donaupark von Wien

Liebe Brüder und Schwestern!

1. »Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen!«

Aus der Mitte des heutigen Evangeliums treffen uns diese Worte. Sie bekommen eine besondere Bedeutung beim Abschluß dieses Katholikentages, dessen Thema »Hoffnung leben - Hoffnung geben« die Perspektiven unserer Hoffnung eröffnet. Ja, jene Worte aus dem Evangelium enthalten tatsächlich die Perspektive der Hoffnung, die Jesus Christus uns offenbart hat, als er mit seiner Frohen Botschaft das ganze Leben des Menschen in ein neues Licht stellte.

Die heutige festliche Abschlußmesse gibt mir die Gelegenheit, im Geiste gemeinsamer christlicher Ηοffnung alle Teilnehmer an dieser Eucharistiefeier sowie am gesamten Katholikentag aufs herzlichste zu begrüßen.

Ich grüße die Gläubigen aus den verschiedenen Diözesen Österreichs. Mein Besuch hier in Wien gilt zugleich allen Orten ihrer nahen oder fernen Heimat. Meinen mitbrüderlichen Gruß richte ich sodann an die hier anwesenden Kardinäle und Bischöfe, an ihrer Spitze den verehrten Herrn Kardinal König, an die Priester und Diakone wie auch an die Vertreter der christlichen Bruderkirchen und anderer Glaubensgemeinschaften. Ebenso aufrichtig begrüße ich die hohen Persönlichkeiten aus Staat und Gesellschaft, die an diesem festlichen Abschlußgottesdienst teilnehmen. Schließlich grüße ich mit Freude die zahlreichen Gäste, die aus vielen anderen Ländern, auch aus dem Osten, zu dieser Eucharistiefeier gekommen sind.

2. Ihr, liebe Österreicher, habt Euren Katholikentag unter das Thema der Hoffnung gestellt. Ihr wißt aus eigener Erfahrung, daß heute viele Menschen, junge und alte, die Hoffnung verloren haben. Aber ohne Hoffnung kann man auf Dauer nicht leben! Wie also finden wir wieder Hoffnung? Wie können wir anderen den Weg zur Hoffnung weisen?

Das Gleichnis, das wir soeben im Evangelium behört haben, spricht von einem jungen Mann, der stolz und selbstbewußt sein Vaterhaus verließ und in die Ferne zog, weil er dort mehr Freiheit und Glück erhoffte. Als aber sein Vermögen dahin war und er in ganz neue, menschenunwürdige Abhängigkeiten geriet, schwand all seine Hoffnung. Bis er schließlich seine eigene Schuld eingestand, sich seines Vaters wieder erinnerte und sich aufmachte, um ins Vaterhaus zurückzukehren. Voller Hoffnung - gegen alle Hoffnung!

3. Genau an dieser Stelle des Evangeliums werden die Worte gesprochen: »Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen«. In jenem tiefen Gleichnis Christi ist eigentlich das ganze ewige Drama des Menschen enthalten: das Drama der Freiheit, das Drama einer schlecht genutzten Freiheit.

Von seinem Schöpfer hat der Mensch die Gabe der Freiheit erhalten. In seiner Freiheit kann er diese Erde ordnen und gestalten, kann er die wunderbaren Werke menschlichen Geistes schaffen, von denen dieses Land und die Welt voll ist: Wissenschaft und Kunst, Wirtschaft und Technik, die gesamte Kultur. Die Freiheit befähigt den Menschen zu jener einmaligen Gestalt der menschlichen Liebe, die nicht bloß Folge natürlicher Anziehung ist, sondern eine freie Tat des Herzens. Die Freiheit befähigt ihn - als höchste Tat menschlicher Würde -, Gott zu lieben und anzubeten.

Die Freiheit hat aber ihren Preis. Alle, die frei sind, sollten sich fragen: Haben wir in der Freiheit unsere Würde bewahrt? Freiheit bedeutet nicht Willkür. Der Mensch darf nicht alles tun, was er kann oder was ihm beliebt. Es gibt keine Freiheit ohne Bindung. Der Mensch ist verantwortlich für sich selbst, für die Mitmenschen und für die Welt. Er ist verantwortlich vor Gott. Eine Gesellschaft, die Verantwortung, Gesetz und Gewissen bagatellisiert, bringt die Fundamente des menschlichen Lebens ins Wanken. Der Mensch ohne Verantwortung wird sich in die Genüsse dieses Lebens stürzen und wie der verlorene Sohn in Abhängigkeiten geraten und seine Heimat und Freiheit verlieren. Er wird in rücksichtslosem Egoismus seine Mitmenschen mißbrauchen oder unersättlich materielle Güter an sich reißen. Wο die Bindung an die letzten Werte nicht anerkannt wird, zerfallen Ehe und Familie, wird das Leben des anderen, besonders des ungeborenen, des alten und kranken Menschen, gering geachtet. Aus der Anbetung Gottes wird die Anbetung des Geldes, des Prestiges oder der Macht.

Ist nicht die ganze Geschichte der Menschheit auch eine Geschichte der mißbrauchten Freiheit? Gehen nicht auch heute viele den Weg des verlorenen Sohnes? Sie stehen vor einem zerbrochenen Leben, vor verratener Liebe, in selbstverschuldeter Not, voll Angst und Verzweiflung. »Sie haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren«? Sie fragen sich: Wohin bin ich geraten? Wo zeigt sich ein Ausweg?

4. Der verlorene Sohn im Gleichnis Christi ist der Mensch, der seine Freiheit schlecht genutzt hat. In diesem Gleichnis können wir die Folgen des Mißbrauchs der Freiheit - das heißt, der Sünde - sehen: jene Folgen, die auf dem Gewissen des einzelnen lasten, wie auch jene, die zu Lasten des Lebens der verschiedenen mensch­lichen Gemeinschaften und ihrer Umwelt gehen, ja sogar zu Lasten der Völker und der ganzen Menschheit. Sünde bedeutet eine Herabminderung des Menschen: sie widerspricht seiner wahren Würde und hinterläßt zugleich eine Wunde im sozialen Leben. Sünde hat von sich aus eine persönliche und eine soziale Dimension. Beide verdunkeln den Blick auf das Gute und nehmen dem menschlichen Leben das Licht der Hoffnung.

Das Gleichnis Christi läßt uns jedoch nicht stehen vor der traurigen Situation des in Sünde gefallenen Menschen mit all seiner Erniedrigung. Die Worte »Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen« lassen uns im Herzen des verlorenen Sohnes die Sehnsucht nach dem Guten und das Licht untrüglicher Hoffnung erkennen. In diesen Worten eröffnet sich ihm die Perspektive der Hoffnung. Eine solche Aussicht ist uns immer gegeben, weil jeder Mensch und die ganze Menschheit zusammen aufbrechen können, um zum Vater zu gehen. Das ist die Wahrheit, die im Kern der Frohen Botschaft steht.

Die Worte »Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen« bestätigen die innere Umkehr. Denn der verlorene Sohn fährt fort: »Ich will zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt« Im Zentrum der Frohen Botschaft steht die Wahrheit von der metánoia, der Umkehr: Umkehr ist möglich, und Umkehr ist nötig!

5. Und warum ist das so? Well sich hier zeigt, was in der innersten Seele eines jeden Menschen liegt und dort trotz der Sünde und sogar durch die Sünde hindurch lebt und wirkt: Jener unstillbare Hunger nach Wahrheit und Liebe, der uns bezeugt, wie sich der Geist des Menschen über alles Geschaffene hinaus zu Gott hin ausstreckt. Auf der Seite des Menschen ist dies der Ausgangspunkt der Bekehrung.

Ihm entspricht der Ausgangspunkt auf der Seite Gottes. Im Gleichnis wird dieser göttliche Ausgangspunkt mit eindrucksvoller Schlichtheit und zugleich mit überzeugender Kraft dargestellt. Der Vater wartet. Er wartet auf die Rückkehr des verlorenen Sohnes, als wenn es bereits sicher wäre, daß er zurückkehren wird. Der Vater geht auf die Straßen, auf denen der Sohn heimkehren könnte. Er will ihm begegnen.

In diesem Erbarmen bekundet sich jene Liebe, mit der Gott den Menschen in seinem Ewigen Sohn von Anfang an geliebt hat. Es ist die Liebe, die, von Ewigkeit her im Herzen des Vaters verborgen, durch Jesus Christus in unserer Zeit offenbart worden ist. Kreuz und Auferstehung bilden den Höhepunkt dieser Offenbarung.

So war es sehr sinnvoll, daß wir gestern während der Europavesper das Kreuz Christi als Zeichen der Hoffnung verehrt haben: denn hieraus bezieht der Österreichische Katholikentag 1983 - zusammen mit der ganzen Kirche - seine Lebenskraft. Im Zeichen des Kreuzes bleibt der göttliche Ausgangspunkt einer jeden Bekehrung in der Geschichte des Menschen und der ganzen Menschheit stets gegenwärtig. Denn im Kreuz ist die Liebe des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ein für allemal zur Menschheit herabgestiegen, eine Liebe, die sich niemals erschöpft. Sich bekehren heißt, dieser Liebe begegnen und sie im eigenen Herzen aufnehmen; heißt, auf dieser Liebe das weitere Verhalten aufbauen.

Genau das hat sich im Leben des verlorenen Sohnes ereignet, als er beschloß: »Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen«. Zugleich aber war er sich klar bewußt, daß er bei der Rückkehr zum Vater seine Schuld bekennen mußte: »Vater, ich habe mich versündigt«. Bekehrung ist Aussöhnung. Aussöhnung aber kommt nur zustande, wenn man seine Sünden bekennt. Seine Sünden bekennen bedeutet, die Wahrheit bezeugen, daß Gott Vater ist, ein Vater, der verzeiht. Wer in seinem Bekenntnis diese Wahrheit bezeugt, den nimmt der Vater wieder als seinen Sohn auf. Der verlorene Sohn ist sich bewußt, daß nur Gottes Vaterliebe ihm die Sünden vergeben kann.

Liebe ist stärker als Schuld!

6. Liebe Brüder und Schwestern! Ihr habt in den Mittelpunkt dieses Katholikentages die Perspektive der Hoffnung gestellt: vertieft Euch gut in das Gleichnis Christi vom verlorenen Sohn. Es ist durch und durch realistisch. Die Perspektive der Hoffnung ist dort eng mit dem Weg der Umkehr verbunden. Meditiert über alles, was zu diesem Weg gehört: die Erforschung des Gewissens - die Reue mit dem festen Vorsatz, sich zu ändern - das Bekenntis mit der Buße. Erneuert in Euch die Wertschätzung für dieses Sakrament, das ja auch »Sakrament der Versöhnung« genannt wird. Es ist eng mit dem Sakrament der Eucharistie, dem Sakrament der Liebe, verbunden: Die Beichte befreit uns vom Bösen; die Eucharistie schenkt uns Gemeinschaft mit dem höchsten Gut.

Nehmt die verpflichtende Einladung der Kirche ernst, jeden Sonntag die heilige Messe mitzufeiern. Hier dürft Ihr inmitten der Gemeinde immer wieder dem Vater begegnen und das Geschenk seiner Liebe empfangen, die heilige Kommunion, das Brot unserer Hoffnung. Gestaltet den ganzen Sonntag aus diesem Kraftquell als einen Tag, der dem Herrn geweiht ist. Denn ihm gehört unser Leben; ihm gebührt unsere Anbetung. So kann auch im Alltag Eure Gottverbundenheit lebendig bleiben und all Euer Tun zum christlichen Zeugnis werden.

Das alles ist die Bedeutung der Worte: »Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen«. Ein Programm unserer Hoffnung, wie es sich tiefer und zugleich einfacher nicht denken läßt!

7. Von diesem geistlichen Programm her möchte ich nun zusammen mit Euch einiges zur Umkehr im Bereich von Familie und Gesellschaft bedenken.

Ehe und Familie sind heute in Gefahr. Darunter leiden so viele Menschen: die Ehepartner und noch mehr ihre Kinder, letztlich aber die ganze Gesellschaft. Vor zwei Jahren habe ich aus der Erfahrung der Bischöfe der ganzen Welt die Krise der heutigen Familie so charakterisiert: Es gibt »Anzeichen einer besorgniserregenden Verkümmerung fundamentaler Werte: eine irrige... Auffassung von der gegenseitigen Unabhängigkeit der Eheleute; die schwerwiegenden Mißverständnisse hinsichtlich der Autoritätsbeziehungen zwischen Eltern und Kindern; die häufigen konkreten Schwierigkeiten der Familie in der Vermittlung der Werte; die steigende Zahl der Ehescheidungen; das weitverbreitete Übel der Abtreibung!« Ein Übel, zu dessen Eindämmung wir noch nicht den rechten Weg gefunden haben und das in seiner Schrecklichkeit noch viel zu wenig Menschen bewußt ist.

Die Wurzel dieser Krise scheint vor allem in einem falschen Begriff von Freiheit zu liegen. Eine Freiheit, »die nicht als die Fähigkeit aufgefaßt wird, den Plan Gottes für Ehe und Familie zu verwirklichen, sondern vielmehr als autonome Kraft der Selbstbehauptung für das eigene, egoistisch verstandene Wohlergehen und nicht selten gegen die Mitmenschen«. Diese negativen Entwicklungen werden noch gefördert durch eine öffentliche Meinung, die die Institution Ehe der Familie in Frage stellt und andere Formen des Zusammenlebens zu rechtfertigen sucht. Trotz der Beteuerung vieler, die Familie sei so wichtig für die Gesellschaft, wird doch noch viel zu wenig unternommen, um sie wirklich zu schützen. Ich glaube aber, daß der entscheidende Grund für diese Krise tiefer liegt. Ehe und Familie sind in Gefahr, weil oft der Glaube und der religiöse Sinn in ihnen erstorben sind. Weil Ehepartner selbst und damit auch ihre Kinder Gott gegenüber gleichgültig geworden sind.

Liebe Mütter und Väter, liebe Familien! Macht auch Ihr Euch auf und kehrt zurück zum Vater! Nur in Verantwortung vor Gott könnt Ihr die ganze Tiefe des Reichtums in Ehe und Familie erkennen und leben. Ich weiß, daß in Österreich viele Priester und Laien in den vergangenen Jahren versucht haben, Ehe und Familie aus christlichem Geist heraus zu erneuern. Ich weiß um Euer Bemühen, den Ehegatten zu helfen, in echter Partnerschaft zu leben; um Euer Bemühen, der Frau in Ehe und Familie, ιn Gesellschaft und Kirche einen ihrer Würde und Eigenart entsprechenden Platz zu geben. Ihr habt erkannt, daß dιe Kleinfamilie sich öffnen muß für andere, um ihnen aus der selbstgelebten Liebe spirituelle und materielle Hilfe anbieten zu können. Immer mehr Familien werden sich bewußt, daß sie Kirche im Kleinen, gleichsam Hauskirche sind. Arbeitet weiter in dieser Richtung!

Sucht aber mit gleichem Ernst nach Wegen, um eine vor Gott verantwortete Elternschaft zu leben, die objektiven Kriterien entspricht, wie sie das kirchliche Lehramt in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri weltweit vorlegt. Ich erinnere dabei besonders an das kürzliche Apostolische Schreiben »Familiaris Consortio«, das die Weisung der Enzyklika »Humanae Vitae« bekräftigt.

Christliche Familie! Werde wieder eine betende Familie! Eine Familie, die aus dem Glauben lebt! In der die Eltern erste Katecheten ihrer Kinder sind. Wο der Geist Gottes, der die Liebe ist, erlebt werden kann. Lernt vom barmherzigen Vater, einander immer wieder zu vergeben. Eltern, lernt auch von ihm, Eure Kinder in Freiheit entlassen zu können und doch allezeit für sie bereitzustehen. Schöpft aus unserem Gleichnis die Hoffnung, daß gerade der verlorene Sohn seinen Vater schließlich in einer Weise wiedergefunden hat, wie er ihn vorher nicht gekannt hatte.

8. »Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen«. Diese Worte haben uns den Weg der Hoffnung für die Familien gezeigt. Die Familie gehört aber zu einer bestimmten Gesellschaft, zu einem Volk und im weitesten Sinne zur ganzen Menschheitsfamilie. So ist sie mitbetroffen von vielen Vorgängen in der heutigen Zivilisation.

Hören wir nicht auch in all diesen Vorgängen und Entwicklungen den Notschrei jenes Sohnes aus dem Gleichnis Jesu? Oder wenigstens ein schwaches Echo dieses Schreies?

Der Sohn in seinem ungestümen Freiheitsdrang scheint mir ein Gleichnis zu sein für den Menschen in der Gesellschaft der hochentwickelten Staaten. Ein rascher Fortschritt in Technik und Wirtschaft, ein schnell gestiegener Lebensstandard haben grundlegende Veränderungen in diese Gesellschaft gebracht. Eine Euphorie erfaßte viele, als ob der Mensch nun endlich imstande sei, die Welt in den Griff zu bekommen und sie für alle Zukunft zu gestalten. In dιesem stolzen Selbstbewußtsein verließen nicht wenige ihre angestammte Weltanschauung, in der Gott Ursprung und Ziel allen Seins war. Nun schien Gott entbehrlich geworden zu sein.

Aber diesem selbstbewußten Auszug, weg von Gott, ist alsbald eine große Ernüchterung gefolgt, gepaart mit Angst: Angst vor der Zukunft, Angst vor den Möglichkeiten, die der Mensch nun in Händen hält. Angst also vor dem Menschen selbst. Auch Österreich im Herzen Europas ist von solchen Entwicklungen nicht verschont geblieben. Nun sucht Ihr neue Wege, Antworten auf die Probleme dieser Zeit.

Besinnt Euch wieder Eurer geistigen Herkunft! Kehrt um, wendet Euch Gott wieder zu und gestaltet das Leben Eurer Gesellschaft nach seinen Gesetzen! Die Kirche will Euch mit ihrem Hirten- und Lehramt dabei eine Hilfe sein. Mit der Pastoralkonstitution des Konzils wird sie immer wieder die wesentlichen Fragen vorlegen: »Was ist der Mensch? Was ist der Sinn des Schmerzes, des Bösen, des Todes? ... Was kann der Mensch der Gesellschaft geben, was von ihr erwarten? Was kommt nach diesem irdischen Leben?«.

9. Liebe Brüder und Schwestern! Diese Grundfragen des II. Vatikanischen Konzils berühren den Kern des Problems, dem die Arbeiten des Katholikentages 1983 gewidmet sind. Antwort auf diese Fragen gibt das Evangelium. In dieser Antwort eröffnet sich dem Menschen die Perspektive der Hoffnung. Ohne diese Antwort gibt es keine Aussicht auf Hoffnung.

Folgt daraus nicht, daß wir die Frohe Botschaft neu annehmen müssen? Daß wir sie annehmen müssen als eine Botschaft, die für den Menschen unserer Tage ebenso lebensentscheidend ist, wie sie das für den Menschen vor 2000 Jahren war? Daß wir sie annehmen müssen mit innerer Überzeugung und Entschlossenheit zur Umkehr?

Ja, wir müssen eine neue Verkündigung beginnen. Die Verkündigung von der Umkehr und Heimkehr des Menschen zum Vater.

Der Vater wartet auf uns.

Der Vater geht uns entgegen.

Der Vater möchte jeden Menschen wieder als Sohn oder Tochter aufnehmen.

Laßt uns aufbrechen und zu Ihr gehen! Das ist unsere Hoffnung! Amen.

Angelus in Wien

Liebe Brüder und Schwestern!

Zum Abschluß dieses festlichen Gottesdienstes wollen wir das marianische Mittagsgebet der Kirche miteinander sprechen. Es erinnert uns täglich an den Beginn unserer christlichen Hoffnung in jenem dreifachen Ereignis: der Engel des Herrn bringt Maria die Botschaft - Maria spricht:

Mir geschehe, wie du gesagt - das Ewige Wort wird einer von uns. Wir alle wollen uns noch einmal öffnen für die Botschaft, die Gott auf diesem Katholikentag an uns gerichtet hat, damit sein Wort auch in unserem Leben Fleisch annehmen kann.

So lade ich nun alle ein zum gemeinsamen Gebet: Euch, die Ihr um diesen Altar versammelt seid - Euch, die Ihr durch Fernsehen und Radio mit uns verbunden seid - Euch alle in den verschiedenen Ländern Europas vor allem aber Euch Christen Österreichs: in den Diözesen Salzburg und Wien, Linz und Sankt Pölten, Graz-Seckau und Eisenstadt, Gurk, Innsbruck und Feldkirch.[1]

Ansprache an die Alten im «Haus der Barmherzigkeit» in Wien

Liebe Kranke!

Liebe pflegebedürftige Brüder und Schwestern hier im Haus der Barmherzigkeit und draußen in den Spitälern, Heimen und Wohnungen überall in Österreich!

1. Diese Stunde meines Österreichbesuches will ich ganz mit Euch zusammen sein als Bote Christi, der Euch froh machen will, und als einer, der selbst für einige Wochen Euer Leidensgefährte gewesen ist. Ärztliche Kunst und sachkundige Pflege haben nach Gottes Ratschluß meine Gesundheit wiederhergestellt. So stehe ich heute als Gesunder vor Euch, aber nicht als Fremder. Bemühen wir uns gemeinsam darum: Lassen wir keinen Graben entstehen zwischen uns und Euch, zwischen den Gesunden und den Kranken!

Vielleicht habt Ihr manchmal Angst, uns zur Last zu fallen. Vielleicht hat man Euch das sogar gesagt oder fühlen lassen. Dann möchte ich Euch dafür um Verzeihung bitten. Sicher, Ihr braucht uns, unsere Hilfe und Pflege, unsere Hände und unser Herz. Aber genauso brauchen wir Euch. Ihr müßt Euch vieles schenken lassen. Aber Ihr beschenkt auch uns.

Euer Kranksein macht uns bewußt, wie gebrechlich menschliches Leben ist, wie gefährdet und begrenzt; macht uns bewußt, daß man nicht alles schaffen kann, was man sich vornimmt, daß man nicht alles vollenden kann, was man begonnen hat.

Natürlich freut Ihr Euch über alles, was Ihr einmal an Schönem erlebt und an Gutem geschaffen habt; Ihr sollt auch dankbar dafür sein. Aber jetzt seht Ihr das alles in einem neuen Licht, und manches wertet Ihr anders als früher. Ihr wißt jetzt besser, worauf es im Leben wirklich ankommt, und dieses Wissen, diese durch Euer Leid geläuterte und gereifte Lebensweisheit könnt Ihr uns mitteilen — durch das, was Ihr uns sagt, durch das, was Ihr jetzt erlebt, und durch die Art, wie Ihr es ertragt. Der Papst dankt Euch für diese »Predigt«, die Ihr uns durch Euer geduldig ertragenes Leiden haltet. Sie ist durch keine Kanzel zu ersetzen, durch keine Schule und durch keine Vorlesung. Die Krankenzimmer dienen einem Volk nicht weniger als die Klassenzimmer und die Hörsäle.

In der Mitte Eures jetzigen Lebens steht das Kreuz. Viele laufen ihm davon. Aber wer vor dem Kreuz entfliehen will, findet nicht zur wahren Freude. Jugendliche können nicht stark werden und Erwachsene nicht treu bleiben, wenn sie nicht gelernt haben, ein Kreuz anzunehmen. Euch, meine lieben Kranken, wurde es aufgebürdet. Euch hat niemand gefragt, ob Ihr wollt. Lehrt uns Gesunde, es rechtzeitig anzunehmen und mutig zu tragen, jeder in seiner Art. Es ist stets ein Teil des Kreuzes Christi. Wie Simon von Cyrene dürfen wir es ein Stück weit mit ihm tragen.

2. Und nun schaue ich besonders auf Euch, die Ihr von der Last der Jahre gebeugt seid und unter den Gebrechen und Beschränkungen des Alters leidet. Auch Ihr braucht unsere Hilfe, und doch seid auch Ihr es, die uns beschenken. Auf Eurer Arbeit, auf Eurer Leistung, auf dem, was Ihr gleichsam für uns investiert habt, bauen wir weiter. Wir brauchen Eure Erfahrung und Euer Urteil. Wir brauchen Eure Glaubenserfahrung und Euer Vorbild. Ihr dürft Euch nicht von uns abschließen. Ihr dürft nicht draußen bleiben vor den Türen unserer Wohnungen und vor den Toren unserer Welt. Ihr gehört zu uns! Eine Gesellschaft, die sich von den alten Menschen lossagt, würde nicht nur ihre eigene Herkunft verleugnen, sondern sich auch ihrer Zukunft berauben.

Weder alte noch kranke Menschen sind Außenseiter der Gesellschaft. Sie gehören vielmehr wesentlich dazu. Wir alle sind ihre Schuldner. In dieser Stunde möchte ich Euch allen danken, die Ihr in den vielen Nöten und Anliegen der Menschheit Euer Leiden und Beten aufopfert. Natürlich sollen auch die Gesunden beten; aber Euer Gebet hat ein besonderes Gewicht. Ströme des Segens könnt Ihr vom Himmel herabrufen und hinaussenden in Euren Bekanntenkreis, in Euer Vaterland und zu allen Menschen, die der Hilfe Gottes bedürfen.

Der Mensch kann hier auf Erden Gott nicht wahrhaftiger loben und anbeten als mit einem Herzen, das auch im Leiden an seine Weisheit und Liebe glaubt. Ein geduldig ertragenes Leid wird selbst gewissermaßen zum Gebet und zum reichen Quell der Gnade. Ich möchte Euch deshalb alle bitten: Macht Eure Zimmer zu Kapellen, schaut auf das Bildnis des Gekreuzigten und betet für uns, opfert für uns — auch für das Wirken des Nachfolgers Petri, der ganz besonders auf Eure geistliche Hilfe vertraut und Euch alle von Herzen segnet.

3. Bei unserer heutigen Begegnung denke ich auch besonders an jene unter Euch, die schon von Kindheit an so krank sind, daß sich ihre körperlichen und auch geistigen Fähigkeiten gar nicht entfalten konnten. Ich denke an Menschen, die durch einen Unfall, durch eine heimtückische Krankheit schwer behindert sind. Ich denke an jene Form des Altwerdens, in welcher einem Umwelt und Mitmenschen immer mehr entschwinden, an alte Menschen also, die die Weisheit ihres Lebens gar nicht mehr weitergeben und den Dienst der Liebe gar nicht mehr wahrnehmen können. Der Blick auf diese Menschen, denen so Entscheidendes genommen ist, stellt uns vor die Frage: »Worin besteht eigentlich die Würde des Menschen?«.

Der Mensch hat seinen Adel darin, daß Gott ihn ins Leben gerufen hat, daß er zu ihm ja gesagt und ihn angenommen hat und daß er ihn bei sich vollenden wird. Ist demgegenüber nicht alles menschliche Leben im Grunde bruchstückhaft und unzulänglich, angewiesen auf Gottes vollendendes Wirken? Über Gesunden und Kranken, Frischen und Müden, Beweglichen und Behinderten, geistig Wachen und geistig Schlafenden steht Gottes väterliches Ja und macht jeden ihrer Tage zu einem Stück Weg in die Vollendung — und damit lebenswert.

Liebe Österreicher, möge der Herr über Euer Verhalten zu Euren kranken und behinderten Mitmenschen, in denen letztlich er selber Euch begegnet, einmal sagen können: »Ich war eine Last, und Ihr habt mich getragen; ich war unnütz, und Ihr habt mich geschätzt; ich war entstellt, und Ihr habt meine Würde erkannt; ich war vor der Geburt schon krank, und Ihr habt zu mir ja gesagt«. (Mt 25, 35 ff).

4. Kranke und alte Menschen, Behinderte und Pflegebedürftige zeigen uns in besonderer Weise, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind und zutiefst zusammengehören. Sie fordern unsere Solidarität und unsere Nächstenliebe auf das äußerste heraus. Wenn Kranke nicht mehr fähig sind, die ihnen geleistete Hilfe zu erfassen und dankend zu erwidern, dann zeigt sich, wie selbstlos und opferbereit solch dienende Liebe sein muß. Krankheit und Leid sind stets eine schwere Prüfung. Aber eine Welt ohne Kranke, so widersprüchlich dies auch klingen mag, würde ärmer sein. Denn sie wäre ärmer an gelebter Mitmenschlichkeit, ärmer an selbstloser, ja mitunter heroischer Liebe.

Mit allen kranken und pflegebedürftigen Menschen in Österreich danke ich deshalb zu dieser Stunde von Herzen allen Ärzten, allen Schwestern, Pflegerinnen und Pflegern, die in diesem »Haus der Barmherzigkeit« und überall im Lande mit Treue und Hingabe ihren Dienst verrichten. Ich danke allen, die hier und in den anderen Spitälern, in den Heimen und Familien durch ihren persönlichen opferbereiten Einsatz dazu beitragen, daß Leiden gelindert, Krankheiten geheilt und alte Menschen neu mit Mut und Zuversicht erfüllt werden.

Ein aufrichtiges Wort der Ermutigung richte ich an die Mütter und Väter, die ihr krankes, vielleicht zeitlebens behindertes Kind voll Aufopferung und oft inmitten einer verständnislosen Umgebung pflegen und lieben; an diejenigen, die ihren alten Eltern eine liebevolle Stütze sind und auch Einschränkungen auf sich nehmen, um ihnen ein wenig davon dankbar zu vergelten, was sie einst von ihnen an selbstloser Liebe empfangen haben.

Mein Dank ist nicht nur ein Wunsch. Ihr habt zugleich die Verheißung Jesu Christi, der gekommen ist, zu dienen und zu heilen, was verwundet war. Was Ihr dem geringsten seiner Brüder getan habt, das habt Ihr ihm getan? (Mt 25, 40). Er ist Eure Kraft, er ist Euer Lohn. Er ist — wenn Ihr Euch dafür öffnet — die stille Freude mitten in Eurem Tun.

Ebenso ist Christus auch der Trost in Eurem Leid, liebe kranke und pflegebedürftige Brüder und Schwestern. Er, der den Boten seiner Liebe zur Seite steht in ihrem Dienst, er steht auch Euch zur Seite in Eurer Not. Ihm seid Ihr in einer besonderen Weise gleich gestaltet. Er, der die Leidenden geheilt hat, er hat auch selbst gelitten. Er hat selber die äußerste Verlassenheit erduldet, damit wir nie verlassen sind. Er, Christus, unser Herr und Erlöser, sei stets mit Euch und segne Euch alle in seiner reichen Barmherzigkeit und Liebe!

Ansprache beim Treffen mit dem österreichischen Bundespräsidenten in der Wiener Hofburg

Sehr verehrter Herr Bundespräsident!
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
sehr geehrte Damen und Herren!

1. Es ist für mich eine besondere Ehre und Freude, heute mit dem Herrn Bundespräsidenten, mit den Mitgliedern der Bundesregierung und mit Vertretern des politischen und kulturellen Lebens in Österreich zusammenzutreffen. Mit Österreich verbinden mich seit langem persönliche Bekanntschaft und Bande der Freundschaft.

Schon in den ersten Tagen nach meiner Berufung auf den Stuhl Petri erhielt ich eine freundliche Einladung zu einem Besuch in Ihrem Land. Nun ist dieser Besuch möglich geworden. Dafür danke ich Ihnen aufrichtig, sehr verehrter Herr Bundespräsident, besonders aber auch für die heutige Begegnung und die ehrenvollen Worte Ihrer Begrüßung. Zugleich danke ich der Bundesregierung und allen zuständigen Stellen dieser Stadt und in ganz Österreich für alles, was sie beigetragen haben, daß mein Besuch so gut vorbereitet und organisiert werden konnte und daß ich eine so herzliche Aufnahme gefunden habe.

In Ihnen, den höchsten und maßgeblichen Vertretern Ihres Landes, grüße ich alle, die für das Wohl und Geschick Ihres Volkes Verantwortung tragen. Ich bekunde Ihnen meine Bewunderung für die entscheidungsvolle Geschichte, den kulturellen Reichtum und das hohe Ansehen, die Österreich in Vergangenheit und Gegenwart in der Gemeinschaft der Völker stets ausgezeichnet haben. Mit besonderer Dankbarkeit gedenke ich in dieser Stunde der jahrtausendalten tiefen Verbundenheit des österreichischen Volkes mit dem Christentum und der freundschaftlichen Beziehungen, die seit langem zwischen Ihrem Land und dem Heiligen Stuhl bestehen.

Es ist lange her, daß ein Papst Wien einen Besuch abgestattet hat. Ich bin Gott dankbar, daß die Umstände meines jetzigen Pastoralbesuches andere sind als jene, unter denen vor 200 Jahren Pius VI. in Ihre Hauptstadt gekommen Ist. Seinerzeit gab es Anlaß zu großen Sorgen um die Einheit der Kirche und um ihre Autonomie in Österreich. Heute kann sich das kirchliche Leben ungehindert entfalten, der Katholikentag selbst ist ein beredtes Zeichen dafür. Es war mir eine Freude, daran teilnehmen zu können. Es war eine sehr beeindruckende Form der Verkündigung der Botschaft Christi an die Menschen dieses Landes. Es war ein Stück gelebte Hoffnung, das auch vielen anderen Hoffnung geben kann.

2. Die Aufgabe, die die Kirche kraft ihrer Sendung in der Welt zu erfüllen hat, ist eine religiöse und geistliche, keine politische. Aber gerade um des ihr anvertrauten Evangeliums willen verkündet die Kirche, wie das II. Vatikanische Konzil betont, auch »die Rechte des Menschen, und sie anerkennt und schätzt die Dynamik der Gegenwart, die diese Rechte überall fördert« (Gaudium et Spes, 41). Sie empfindet daher Genugtuung und Dankbarkeit, wenn Staaten, wie die Republik Österreich, dank ihrer demokratischen Grundordnung und der brüderlichen Gesinnung ihrer Bürger sich in den Dienst der Menschenrechte stellen.

Dabei ist nicht nur an die gute Ordnung des öffentlichen Lebens und die Bemühungen um die Wahrung der menschlichen Grundrechte im eigenen Land zu denken, sondern auch an die Bereitschaft, Menschen aus anderen Ländern aufzunehmen, die dort ihrer Religionsfreiheit, ihrer Freiheit der Meinungsäußerung oder der Achtung ihrer Menschenwürde beraubt sind. In großzügiger Weise hat Österreich immer wieder solchen Menschen Asyl gewährt. Damit zollt dieses Land der persönlichen Freiheit des Menschen jenen Respekt, der ihr als einem unveräußerlichen Recht der menschlichen Person zukommt.

In diesem Zusammenhang gebührt Ihrem Land ein besonderes Wort der Anerkennung und der Ermutigung dafür, wie es seine europäische und internationale Aufgabe insgesamt. wahrnimmt. Wie in der Vergangenheit erfüllt Österreich auch in der Gegenwart vielfach die Funktion des Brückenschlags zwischen den Völkern. Es hat sich immer wieder bemüht, über die eigenen Grenzen hinaus im Bewußtsein der gemeinsamen Aufgaben Europas und dessen Verantwortung in der Völkergemeinschaft seinen Beitrag zur Friedenssicherung und zur Verständigung zwischen den Nationen und Machtblöcken zu leisten. Es wird nötig sein, diese Anstrengungen entschlossen weiterzuführen und die angestrebten Ziele noch klarer ins Auge zu fassen.

So hat die Sorge um die internationale Gerechtigkeit schon seit Jahren zu zahlreichen Maßnahmen der Entwicklungsförderung zugunsten ärmerer Weltregionen geführt. Ich freue mich, daß auch die kirchliche Entwicklungshilfe einen erheblichen Beitrag dazu leistet. Dennoch nimmt die Kluft zwischen Reichen und Armen immer noch zu. Das muß alle in Staat und Kirche zu noch größeren Anstrengungen anspornen, die auch tiefgreifende Änderungen in der Weltwirtschaftsordnung einschließen können. Dasselbe gilt für die Sorge um die internationale Verständigung und um die Sicherung des Weltfriedens. Gerade hier hat Ihr Land aufgrund seiner geographischen Lage und seines kulturellen Erbes besondere Chancen für noch intensivere Bemühungen um menschlichen und kulturellen Austausch und für eine noch wirksamere Förderung von Begegnungen und Dialog zwischen den Nationen.

3. In diesem Einsatz für das Wοhl der Menschen und Völker finden die Staaten in der katholischen Kirche einen stets hilfsbereiten Partner. Die Kirche fühlt sich kraft ihres umfassenden apostolischen Auftrags berufen, zum Dienst am Menschen auch in der Öffentlichkeit beizutragen. Und das besonders in einem Land, in dem sich viele Staatsbürger als Christen bekennen und das in seiner Geschichte und Kultur so stark vom christlichen Geist geprägt worden ist.

Die Kirche ist keine politische Instanz. Sie hat keine technologische und wirtschaftspolitische Kompetenz und behauptet sich auch nicht durch Machtpolitik. Sie achtet die Verantwortung des Staates, ohne sich in seine politischen Aufgaben einzumischen. So gewinnt sie um so mehr an Autorität, Mahner für die wahre Freiheit zu sein, Mahner für die unveräußerlichen Rechte der menschlichen Person, für ihre Würde und göttliche Berufung. Im Namen der wahren Freiheit und der Würde des Menschen ist die Kirche vor allem aufgerufen, für die Bewahrung des moralischen Gewissens und eines vor ihm verantwortbaren sittlichen Handelns einzutreten, und das nicht nur im individuellen, sondern auch im gesellschaftlichen Leben. Es ist somit stets ihr geistlicher Auftrag, der die Kirche dazu bewegt, sich so entschlossen in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit den Staaten auch für die zeitlichen Belange des Menschen, für Gerechtigkeit und Frieden, für ein menschenwürdiges Zusammenleben und eine wirksame Verteidigung der sittlichen Ordnung in Familie und Gesellschaft einzusetzen. Dieser konkrete Dienst der Kirche ist um so dringlicher in einer Zeit, in der eine wachsende Mißachtung menschlicher Grundwerte die Fundamente der gesellschaftlichen Ordnung untergräbt und den Menschen selbst in seiner innersten Würde bedroht. Auch der moderne pluralistische Staat kann auf ethische Normen bei der Gesetzgebung und im öffentlichen Leben nicht verzichten, ohne daß das Wοhl des einzelnen und der Gemeinschaft großen Schaden erleidet. Dies vor allem dann, wenn es so hohe Rechtsgüter wie das Leben des Menschen in all seinen Phasen zu schützen gilt. Die Kirche bekundet allen Verantwortlichen Solidarität und Anerkennung, die mit ihr aus persönlicher Überzeugung für die Verteidigung der sittlichen Grundwerte in der heutigen Gesellschaft eintreten und dies vor allem auch der Jugend als verpflichtende Aufgabe vor Augen stellen.

Daß Sie, verehrter Herr Bundespräsident, dieses in Ihrem verantwortungsvollen Amt immer sehr freimütig und mit Nachdruck getan haben, darf ich an dieser Stelle in hoher Wertschätzung ausdrücklich hervorheben. Dafür und für alle Ihre Bemühungen, durch die Sie das Wirken der Kirche und des Heiligen Stuhles in der Öffentlichkeit stets hochherzig unterstützt haben, sage ich Ihnen aufrichtigen Dank.

4. Gestatten Sie mir, sehr geehrte Damen und Herren, zum Schluß auch für Sie noch eine mehr persönliche Anmerkung. Sie, die Sie hier versammelt sind, sind vom österreichischen Volk in freien und demokratischen Wahlen in Ihr politisches Amt berufen worden oder leiten Ihre gesellschaftliche Aufgabe von einer solchen Berufung ab. Sie tragen eine sehr große Verantwortung für dieses Land und seine Stellung in der Welt. Der ehrenvolle, aber schwere Beruf des Politikers fordert den Einsatz aller Ihrer Kräfte und Ihrer ganzen Person. Jene unter Ihnen, denen die Gnade des Glaubens geschenkt ist, werden wissen, daß man dazu auch den Beistand Gottes erbitten darf und soll. Möge Ihnen allen die geistige und sittliche Kraft gegeben sein, den hohen Erwartungen gerecht zu wer-den, die die Gesellschaft, besonders auch die Jugend, gerade heute an die Politiker richtet.

Ich bin Ihnen, sehr verehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrte Damen und Herren, dankbar dafür, daß Sie der christlichen Sicht der Dinge und dem partnerschaftlichen Dialog mit der Kirche Ihren jeweiligen persönlichen Überzeugungen entsprechend Achtung erweisen. Mögen Sie dem auch in Ihrem verantwortungsvollen Wirken zum Wοhl Ihres Volkes konkret Rechnung tragen. Ich erbitte Ihnen, dem »viel gerühmten, viel geprüften, viel geliebten Österreich« (Österreichische Bundeshymne) und allen Menschen, die in ihm wohnen, den bleibenden Schutz und Segen des allmächtigen und barmherzigen Gottes.

Ansprache an das in Österreich akkreditierte Diplomatische Korps

Sehr geehrte Damen und Herren!

1. Es ist mir eine besondere Freude, nach meiner Begegnung mit den höchsten staatlichen Vertretern Österreichs heute abend auch noch mit Ihnen, den bei diesem Staat akkreditierten Diplomaten, zusammenzutreffen. Ich danke Ihnen für Ihr Erscheinen und die Ehre, die Sie dadurch nicht nur meiner Person, sondern dem Oberhaupt der katholischen Kirche erweisen. Zusammen mit dem Hausherrn der Apostolischen Nuntiatur, die für einige Tage auch meine Residenz geworden ist, heiße ich Sie alle sehr herzlich willkommen. Eine eigene Begegnung mit den Mitgliedern des Diplomatischen Korps ist ein fester Bestandteil fast aller meiner Pastoralreisen. Dadurch möchte ich der großen Wertschätzung Ausdruck geben, die der Heilige Stuhl Ihrem Wirken für die Verständigung und die harmonische Zusammenarbeit zwischen den Völkern entgegenbringt. Die Stadt Wien lädt noch in einer ganz besonderen Weise dazu ein. Ist sie doch der Ort, wo die Stellung Aufgabe der diplomatischen Vertretungen durch internationale Vereinbarungen zum ersten Mal verbindlich festgelegt und formuliert worden ist. Dies geschah bekanntlich durch das Wiener Abkommen im Jahre 1815 und durch die Konvention über die diplomatischen Beziehungen vom April 1961.

2. Diplomatische Vertretungen sind ein wichtiges Instrument der modernen Diplomatie. Sie erschöpfen sich nicht nur in der Wahrnehmung bilateraler Interessen zwischen den einzelnen Staaten, sondern erstrecken sich auch auf die grundlegenden Belange und Erfordernisse der internationalen Völkergemeinschaft: auf die Erhaltung oder Wiederherstellung des Friedens, die Förderung einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen den Regierungen sowie die Schaffung humaner und vernünftiger rechtlicher Bindungen zwischen den Völkern durch gemeinsame loyale Vereinbarungen.

Die Diplomatie ist zu Recht als die »Kunst des Friedens« bezeichnet worden. Wir erkennen sogleich die ungeheure Aktualität und Verantwortung, die Ihrer Mission als Diplomaten in der Welt von heute zukommen. Der Aufschrei nach Frieden, der sich immer lauter in den Herzen der Menschen und vielerorts auf den Straßen und Plätzen erhebt, scheint den Befürchtungen derer Recht zu geben, die bei der Beobachtung der gegenwärtigen Weltsituation bereits von einem Übergang von der »Nachkriegs-« zu einer neuen »Vorkriegsphase« sprechen. Deshalb bedürfen wir heute, vielleicht noch dringender als in der Vergangenheit, der mutigen und beharrlichen Bemühungen einer geschickten Diplomatie, die sich mit Geduld und Ausdauer darum bemüht, der Stimme der Gewalt mit der Stimme der Vernunft zu begegnen, die bestehenden Spannungen zu mindern und stets Raum für den Dialog offen zu halten, damit der Ruf der Menschen nach Frieden nicht eines Tages plötzlich vom Lärm der Waffen erstickt wird. Es bedarf von allem einer ehrlichen und aufrichtigen Diplomatie, die auf trügerische Verschlagenheit, Lüge und Intrigen verzichtet, die legitimen Ansprüche und Forderungen der Partner achtet und durch loyale Verhandlungsbereitschaft den Weg für eine friedliche Lösung von bilateralen und internationalen Konflikten ebnet. Unaufrichtigkeit verbreitet Mißtrauen gerade dort, wo Vertrauen absolut notwendig ist und allein eine wirklich tragfähige Grundlage für eine dauerhafte Verständigung bieten kann. Alle, die nach Frieden rufen, ermutigen Sie, die Sie als Diplomaten Baumeister des Friedens sein sollen, angesichts der großen Schwierigkeiten nicht die Zuversicht zu verlieren, sondern Ihren Einsatz für die gerechte Sache des Friedens vielmehr mit Umsicht und Ausdauer noch zu verstärken. Wenn auch die entscheidenden Beschlüsse letztlich auf dem Feld der Politik gefällt werden, so haben Sie als Diplomaten doch die Möglichkeit, aufgrund Ihrer besonderen Stellung und Kenntnis der Lage die Entscheidungen Ihrer Regierungen positiv zu beeinflussen.

3. Wie ich, sehr geehrte Damen und Herren, in meiner Ansprache vor den Vereinten Nationen hervorgehoben habe, »ist die Existenzberechtigung jeglicher Politik der Dienst am Menschen, die unermüdliche und verantwortliche Sorge um die Probleme und wesentlichen Bereiche seiner irdischen Existenz in ihrer sozialen Dimension und Tragweite, von der gleichzeitig ja auch das Wοhl einer jeden einzelnen Person abhängt« (Allocutio ad Nationum Unitarum Legatos, 6, 2 ottobre 1979: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, II/2 [1979] 525) In diesem Dienst am Menschen begegnen sich die schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe des Politikers und Diplomaten mit der besonderen Heilssendung der Kirche, die sich auf das Wohl des ganzen Menschen und auf die gesamte Menschheit richtet. Die Kirche teilt die Sorge der Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft vor allem dort, wo es um die Wahrung und Förderung der hohen Güter wie Frieden, Gerechtigkeit, menschliche Würde, Menschenrechte, Versöhnung und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Völkern geht. Nicht aus politischen Ambitionen, sondern um des Menschen und um ihrer eigenen Sendung willen fühlt sich die Kirche verpflichtet, dafür ihre moralische Unterstützung und jede mögliche konkrete Hilfe anzubieten — auch durch die Mittel und Wege einer vertrauenswürdigen Diplomatie, die ein vorzügliches Instrument des Friedens ist. Wie Ihnen bekannt ist, unterhält der Heilige Stuhl selbst volle diplomatische Beziehungen zu einer Vielzahl von Staaten, von denen viele gewiß durch Sie auch hier vertreten sind. Das eingangs erwähnte Wiener Abkommen erkennt den päpstlichen Vertreten unter den Diplomaten auch offiziell eine gewisse Vorrangstellung zu, die ihnen bereits früher vom internationalen Gewohnheitsrecht eingeräumt worden war.

Dies bedeutet nicht so sehr eine Auszeichnung für den Vertreter des Heiligen Stuhles selber, sondern ist vielmehr eine Ehrenbezeugung gegenüber jenen geistigen und sittlichen Werten, die die Kirche in der internationalen Völkergemeinschaft vertritt und deren Vorrang dadurch von den Unterzeichnerstaaten grundsätzlich anerkannt worden ist.

4. Entsprechend der Sendung der Kirche ist auch die Diplomatie des Heiligen Stuhles im wesentlichen religiöser und geistiger Natur. Gerade dadurch vermag sie im internationalen Kräftespiel dar Nationen bei der Verfolgung der jeweiligen Ziele den ihr eigenen spezifischen Beitrag zu leisten. Sollen Diplomatie und Politik heute den Erwartungen entsprechen, die in sie gesetzt werden, so müssen vor allem die grundlegenden geistigen und sittlichen Werte in die Zielsetzungen der Völker aufgenommen und bei deren Verwirklichung berücksichtigt werden. Die Geschichte und die Erfahrung lehren, wie vergeblich internationale Friedensbemühungen oder der Einsatz für Gerechtigkeit und sozialen Fortschritt sind, wenn man nur die Symptome der vorhandenen übel und nicht zugleich auch deren Ursachen, die ihnen zugrundeliegenden moralischen Fehlhaltungen und Mißstände, bekämpft.

Das Zweite Vatikanische Konzil stellt diesbezüglich in seiner Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute fest: »Die Staatsmänner, die das Gemeinwohl ihres eigenen Volkes zu verantworten und gleichzeitig das Wohl der gesamten Welt zu fördern haben, sind sehr abhängig von der öffentlichen Meinung und der Einstellung der Massen. Nichts nützt ihnen ihr Bemühen, Frieden zu stiften, wenn Gefühle der Feindschaft, Verachtung, Mißtrauen, Rassenhaß und ideologische Verhärtung die Menschen trennen und zu Gegnern machen. Darum sind vor allem eine neue Erziehung und ein neuer Geist in der öffentlichen Meinung notwendige. (Gaudium et Spes, 82).

Um vorhandene Mißstände und drohende Gefahren im privaten und öffentlichen Leben, auf nationaler oder internationaler Ebene wirksam beseitigen zu können, gilt es vor allem, den Menschen selbst zu ändern, ihn sittlich zu erneuern und zu stärken. Schon für diese grundlegende Aufgabe sind Staat und Kirche partnerschaftlich aufeinander verwiesen. Es ist offenkundig, welch wichtigen Beitrag gerade hierfür die Kirche und die Christen zu leisten vermögen.

Seien Sie sich, sehr geehrte Damen und Herren, in Ihrem schweren und verantwortungsvollen Wirken als Diplomaten für ďie Sache des Friedens, der Gerechtigkeit, für die internationale Zusammenarbeit und den allseitigen Fortschritt der Völker stets der solidarischen Unterstützung der Kirche und des Heiligen Stuhles bewußt. Mögen die hohen Werte, für die Sie sich durch die hohe »Kunst des Friedens« in der internationalen Gemeinschaft einsetzen, auch Ihnen persönlich, Ihren Familien und Ihrem Volk, das Sie hier vertreten, in reichem Maße beschieden sein. Das wünsche und erbitte ich Ihnen allen von Herzen.

Montag, den 12. September 1983

Predigt bei der Hl. Messe im Wiener Stephansdom

1. Gelobt sei Jesus Christus!

Ich grüße Euch im Namen Jesu Christi; denn »in keinem anderen ist Heil zu finden! Es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen«.

Ich grüße Euch im Namen Marias, den das heutige Festevangelium so herausstellt und dessen liturgische Feier vor dreihundert Jahren von dieser Stadt ihren Ausgang nahm.

Ich grüße Euch alle, die Ihr in diesem ehrwürdigen, dem heiligen Stephanus geweihten Dom versammelt seid. Er ist einst als gemeinsames Werk der Stände in jahrzehntelangem Einsatz entstanden und nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges durch gemeinsame Opfer der Bürger und Länder Österreichs neu errichtet worden. Wie ehedem bildet er als Zeugnis des christlichen Glaubens den weithin ragenden Mittelpunkt dieser Stadt Wien und des Erzbistums.

Heute ist in dieser festlichen Kathedrale das gesamte Laienapostolat Österreichs in seinen Vertretern zugegen, um zusammen mit dem Herrn Kardinal, mit Bischöfen, Priestern und Diakonen und mit dem Nachfolger des heiligen Petrus das Opfer Christi zu feiern.

Uns alle verbindet eine gemeinsame christliche Vergangenheit, in der auch die Geschichte der Erlösung Eures Vaterlandes enthalten ist. Zugleich verbindet uns eine gemeinsame Sendung: die Sendung, in unserer Zeit das Heil zu verkünden.

2. Liebe Brüder und Schwestern! »Der Engel Gabriel wurde von Gott ... zu einer Jungfrau gesandt ... Der Name der Jungfrau war Maria«.

Die Darstellung der Verkündigung beim Evangelisten Lukas spricht von der Sendung Gabriels zu Maria, der Jungfrau von Nazaret. Zugleich aber offenbart dieser Text die Sendung des Sohnes Gottes: Gott der Vater sendet ihn in die Welt und gibt ihm eine irdische Mutter. Die Sendung des Sohnes Gottes verwirklicht sich in der Menschwerdung. Das Ewige Wort, eines Wesens mit dem Vater, nimmt Fleisch an; im Schoß der Jungfrau wird es Mensch durch die Kraft des Heiligen Geistes. Im Glauben nimmt Maria die Verkündigung des Engels entgegen und spricht ihr »Fiat«, ihr Ja: so wird sie Mutter Christi.

In diesem Geschehen erreicht die Heilsgeschichte ihren Höhepunkt; es beginnt die messianische Sendung Christi unter den Menschen. »Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden... und seine Herrschaft wird kein Ende haben«.

3. Die Sendung Christi, die durch das Kreuz auf Calvaria vollbracht und durch die Auferstehung vom Vater bestätigt wurde, hat ihre Fortsetzung. Der auferstandene Herr wird den Aposteln sagen: »Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch« Er sendet sie aus als Zeugen des Evangeliums, als Zeugen des Kreuzes und der Auferstehung. Er sendet sie als Boten des Reiches Gottes. Er sendet sie, damit er von jetzt an durch ihren Mund, durch ihre Hände, durch ihr Herz wirken könne. In der Kraft des Heiligen Geistes hat der Sohn Gottes seine irdische Sendung übernommen und verwirklicht; in der Kraft desselben Geistes sollen nun die Apostel die Sendung erfüllen, die er an sie weitergegeben hat.

Die zweite Lesung der heutigen Liturgie stellt uns die Apostel vor Augen, wie sie in der Erwartung des Heiligen Geistes versammelt sind »zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern«. »Sie alle verharrten einmütig im Gebet«, im Gebet um den Heiligen Geist.

Ist dieser erste Kern der Urkirche nicht bereits ein Abbild des Volkes Gottes, wie es sich heute aufbaut aus den Bischöfen als den Nachfolgern der Apostel und aus den Laienchristen, Frauen und Männern? In Treue zum geoffenbarten Willen Gottes und seiner amtlichen Auslegung in der Geschichte kennt die Kirche tatsächlich zwei Dimensionen ihres Apostolates: das Apostolat des Amtes aus der apostolischen Sukzession der Bischöfe und das Apostolat der Laien aus der allgemeinen Berufung eines jeden Christen.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat beide Dimensionen in ihrem eigenständigen Wert, aber auch in ihrer gegenseitigen Bezogenheit vorbildlich herausgestellt. Dort finden wir das bleibende theologische Fundament für jede konkrete Verwirklichung dieser beiden Apostolatsformen in unseren Tagen. Das Apostolat des Amtes und das Apostolat der Laien stehen nicht im Gegensatz zueinander, sondern sind zuinnerst aufeinander verwiesen. In der Urgemeinde von Jerusalem gab es keine »Kirche von oben« und keine »Kirche von unten«: »Zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern verharrten alle Apostel dort einmütig im Gebet«.

4. Brüder und Schwestern! Diese Kathedrale, in der die Geschichte und der stete Glaube Eurer Heimat spürbar sind, erinnert uns daran, wie einst mutige Männer und Frauen die Botschaft von Jesus Christus in dieses Land gebracht haben. Neben Bischöfen, Priestern, Mönchen und Nonnen haben ungezählte Laien aus allen Berufen und in allen Lebensumständen das Evangelium hierhergetragen, eingepflanzt, gefördert und zur Blüte gebracht. Nur Gott kennt das Maß von Glaube, Hoffnung und Liebe, das von diesen Menschen gelebt und geweckt wurde.

Auch heute wird die Kirche nicht müde, die Gnadengaben Gottes auszusäen. Gleichzeitig wird sie nicht müde, daran zu arbeiten, daß steinige Böden sich in fruchtbares Ackerland verwandeln. Dazu könnt gerade Ihr beitragen in Eurer spezifischen Sendung als Laien. Der Laie ist zugleich Zeichen des Heils in der Welt und Brücke zwischen Welt und Kirche. Sehr oft steht Ihr tiefer als die Priester-und Ordensleute inmitten der Lebensbedingungen, der Nöte, Hoffnungen und geistigen Auseinandersetzungen unserer Zeit. Nur mit dem hochherzigen, dem Hirtenamt der Kirche verbundenen, von der sakramentalen Gnade belebten Apostolat der Laien ist die Kirche wirklich Kirche.

So möchte ich Euch als Nachfolger des heiligen Petrus in dieser Stunde ausdrücklich danken für Euren Dienst an jener Sendung, die der Sohn des Vaters an seine Kirche gegeben hat. In vielfältiger Weise dient Ihr dem Evangelium: jeder an seinem Ort und entsprechend seiner persönlichen Berufung — doch alles aufs engste miteinander verbunden. Ihr habt Euch einmal selbst für diese Berufe und Aufgaben entschieden. Zugleich aber sind sie Erwählung und Gnade Gottes.

5. Seid davon überzeugt, daß all Euer Wirken im Laienapostolat letztlich im Dienst der Verkündigung der Frohen Botschaft Jesu Christi steht. Dies trifft in einer besonderen Weise für diejenigen zu, die unmittelbar im Dienst der Glaubensvermittlung stehen. Ich denke dabei an den Religionsunterricht in der Schule und auch an alle anderen Arten von Glaubensunterweisung, besonders in der Vorbereitung auf Taufe und Firmung, auf Buße und Kommunion und auf die Ehe.

Mit dem Evangelisten Johannes bekennen wir, daß in Jesus von Nazaret das göttliche Wort Mensch geworden ist. Gott ist Wahrheit; und es ist uns geschenkt, diese Wahrheit mitten in unserem Menschsein zu vernehmen, sie nachzusprechen, sie zu verkündigen, und dies in unseren Sprachen, mit unseren menschlichen Worten und Sätzen. Daraus leitet die Kirche die Verpflichtung ab, den Glauben auch in klaren Glaubenssätzen auszusprechen und weiterzugeben. Dies entspricht auch der Natur des Menschen, der die königliche Gabe seines Verstandes besitzt, um zu hören, zu bedenken und anzunehmen. Viele geistige Strömungen fordern die katechetische Unterweisung heraus: »Wir wollen uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten«, antworten wir mit dem Apostel Paulus. Werdet also nicht müde, Diener und Lehrer der Wahrheit zu sein, damit »euch die Wahrheit des Evangeliums erhalten bleibe«. Die Heilige Schrift nennt den Widersacher Gottes »Vater der Lüge«; unseren Beistand aber nennt sie den »Geist der Wahrheit«.

Ich weiß, wie dornenreich Euer Dienst in der Katechese sein kann. Aber vertrauen wir darauf, daß der Geist Gottes mit seiner Wahrheit in der Kirche lebt, und stoßen wir nicht die uns Anvertrauten in die Verlassenheit einer bloß subjektiven Auslegung des Glaubens. Benützen wir alle guten Methoden, damit Wahrheit als verdauliche Speise gereicht werden kann. Zugleich aber gilt die Mahnung des Apostels: »Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht« .

Jene Evangelisierung, die den Laien anvertraut ist, geschieht aber vor allem im jeweiligen Lebensmilieu. Mit Recht sagen wir, daß die Eltern die ersten Katecheten ihrer Kinder, daß die Arbeiter die ersten Apostel der Arbeiter sind, daß Jugendliche ihre Freunde oft besser anzusprechen wissen als Erwachsene. Wο immer Ihr als gläubige Katholiken lebt, berufen durch Taufe und Firmung, dort seid Ihr wahre und echte Glaubensboten, bestellt zur Befreiung der Menschen durch die Wahrheit."

Es wird oft hilfreich sein, sich dafür in Gemeinschaften zusammenzuschließen. Immer hat die Kirche ihre unerschöpfliche Lebenskraft bewiesen, wenn durch die vielen Jahrhunderte ihres Bestehens Gemeinschaften des geistlichen Lebens und des Apostolates entstanden sind. Manche sind zeitbedingt; manche bleiben durch viele Jahrhunderte lebendig.

Ich grüße alle diese Gemeinschaften! Ich weiß um Euren Beitrag zum Aufbau des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens, den Ihr bisher geleistet habt und der auch heute von Euch erwartet wird. Bemüht Euch dabei um eine ständige Erneuerung aus den Quellen, die uns die Lehre der Kirche und das Vorbild heiligmäßiger Menschen anbieten. Die Feier der Geheimnisse Christi, zumal die Eucharistie, muß die unverrückbare Mitte bilden, aus der Ihr Eure apostolische Kraft bezieht. Seit langem gibt es auch in Eurem Lande zahlreiche Menschen, die bereit sind, die Bischöfe und Priester in ihrer Seelsorge unmittelbar zu unterstützen. Vor allem die Seelsorgshelferinnen haben Pionierarbeit geleistet für einen Dienst, der heute in den Gemeinden immer bekannter wird im Beruf des Pastoralassistenten. Dankbar denke ich auch an viele andere Männer und Frauen, die hauptamtlich dem Reich Gottes in der Kirche dienen: Sakristane und Organisten, Juristen und Fachleute der Verwaltung. Besonders intensiv stellen die Mitarbeiter der katholischen Caritas und alle, die in christlicher Gesinnung sich den vielfältigen Werken der Barmherzigkeit widmen, das liebevolle Antlitz und die helfenden Hände Christi dar. Ihr werdet durch Euer ganzes Tun zum Zeichen für das Erbarmen Gottes mit dem bedrängten Menschen. Das Mitleiden im Namen Jesu sollte die personale Wurzel jeglicher Sozialarbeit der Kirche sein.

Zur sinnvollen Koordinierung all dieser Dienste im kirchlichen Bereich bestehen auch bei Euch Pfarrgemeinderäte und ähnliche Gremien auf höherer Ebene. Sie alle machen die Wirklichkeit des ganzen Volkes Gottes deutlich. Sie tragen dazu bei, daß Priester und Laien gemeinsam Wege der Evangelisierung suchen können; sie helfen, daß die Kirche auch in der öffentlichen Meinung Eures Landes ihre Stimme besser zur Geltung bringt.

Schließlich möchte ich noch jene nennen, die oft Dienste im Verborgenen leisten. Es ist nicht gleichgültig, ob das Gebäude einer Kirche mit Liebe gepflegt und geschmückt wird; es ist nicht gleichgültig, wer die Pfarrhöfe betreut; es hat seine Bedeutung, mit welchem Geist die vielfachen kleinen Verrichtungen in einer Gemeinde getan werden, die in den Augen Gottes groß sein können. Auch sie brechen dem Evangelium Bahn, wenn sie aus überzeugtem Herzen getan werden.

6. Liebe Brüder und Schwestern! Damit Eure Arbeit in den verschiedenen Bereichen des Laienapostolates zur vollen Wirkung gelangen kann, müßt Ihr selbst vom Geiste Christi zutiefst beseelt und durchdrungen sein. Deshalb rufe ich Euch auf, Euer eigenes Leben zu heiligen. In Eurem Land haben Heilige gelebt und gewirkt, deren Andenken unvergessen ist. Hier in Wien gedenken wir besonders des hl. Klemens Maria Hofbauer. Es waren Priester und Laien, Männer und Frauen, Ordensmänner und Ordensfrauen. Und auch in jüngster Zeit gab es bei Euch Menschen, auf die wir, wenn sie auch nicht oder noch nicht zur Ehre der Altäre erhoben wurden, mit Dankbarkeit und Hoffnung blicken.

Ein Heiliger ist in seinem Leben und Sterben eine Übersetzung des Evangeliums für sein Land und seine Zeit. Christus zögert nicht, seine Jünger zur Nachfolge, ja zur Vollkommenheit aufzufordern." Die Bergpredigt ist eine einzige Schule, um heilig zu werden. Habt keine Angst vor diesem Wort und habe keine Angst vor der Wirklichkeit eines heiligen Lebens! Sicher bedarf die Kirche ihrer großen Einrichtungen, ihrer Strukturen, auch ihrer finanziellen Mittel. Die Quelle ihres Lebens aber ist der Geist Gottes, der sich in den Menschen ganz konkret ausprägen möchte.

Pflegt also das Gebet, besonders auch das persönliche Gebet. Viele Eurer Kirchen sind hervorragende Kunstwerke, sie dürfen jedoch nicht zu Museen werden. Die beständige Treue des stillen Gebetes vieler Menschen vor dem Tabernakel trägt dazu bei, diesen Kirchen ihre wahre Bestimmung und Würde zu erhalten.

Belebt in Euren Gemeinden wieder die Gesinnung und das Sakrament der Buße. Im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner spricht der Herr deutlich aus, mit welcher Gesinnung jemand den Raum und ebenso das geistige Gebäude der Kirche betreten soll. Ohne Buße wächst Anklage gegen Anklage, und aus diesen Anklagen wachsen Feindschaft, Unfrieden, ja Krieg. Unsere Buße vor Gott dient nicht allein der eigenen Heiligung, sondern sie ist ebenso eine Heilung Eurer Umwelt. So werden wir zu lebendigen Zeichen der Hoffnung inmitten von Menschen, die ihre Schuld verdrängen oder von ihr erdrückt werden.

Bittet Gott um die Gnade, Euer Kreuz tragen zu können. Vielfach ist unser Leben gefährdet, und viele Pläne scheitern. Es gibt nicht wenige Menschen — auch in Eurem Land — die dann keinen Sinn mehr in ihrem Leben finden. Gebt Ihr ihnen durch Eure demütige Kraft neuen Mut, ihr Kreuz zu tragen. Ihr seid dann für sie ein befreiendes Beispiel; in Euch sehen sie den Weg, um zusammen mit unserem Erlöser zu Ölberg und Auferstehung gelangen zu können.

Und schließlich: Lebt mutig Euer ganz persönliches Leben, auch wenn es Euch unbedeutend erscheint. Die große Lehrmeisterin des kleinen Lebens, Theresia von Lisieux, hat uns in ihren kurzen Lebensjahren die Einsicht eröffnet, wie groß die kleinen, normalen Tätigkeiten vor Gott sein können. Auch Charles de Foucauld ist hier zu nennen, der das verborgene Leben Jesu in Nazaret als großes Vorbild erkannt hat. Es gibt die aufsehenerregende Heiligkeit einiger Menschen; es gibt ebenso auch die unbekannte Heiligkeit des täglichen Lebens.

In all dem ist Maria Euch Vorbild. »Der Engel trat bei ihr ein« und grüßte sie als die Begnadete. »Ave Maria, gratia plena«, so grüßt sie die Kirche über die Jahrhunderte hin. Der Herr ist mit ihr. Ja, der Herr sei auch mit Euch in der Heiligung Eures Lebens und in Eurem apostolischen Dienst. Das ist der Wunsch des Papstes, und das ist der priesterliche Dienst Eurer Bischöfe, Priester und Diakone an Eurer Berufung.

7. Zum Abschluß möchte ich noch einmal auf die Worte der heutigen Liturgie zurückkommen. Die erste Lesung aus dem Buch Jesus Sirach spricht von der Weisheit, die »aus dem Mund des Höchsten hervorging«.

Liebe Brüder und Schwestern! Wir wollen diese Weisheit lieben! Dann werden wir unsere Freude finden an einem Apostolat, das im Dienst dieser göttlichen Weisheit steht.

Durch diesen Dienst von vielen Generationen hat die Weisheit »bei einem ruhmreichen Volk Wurzeln gefaßt«, im »Anteil des Herrn«, in seinem »Erbbesitz«. Durch den gleichen Dienst der gegenwärtigen Generation von Boten der göttlichen Weisheit möchte diese in der heutigen Welt Wurzeln fassen.

Laßt uns diesem ewigen Wunsch der göttlichen Weisheit nachkommen. Öffnen wir ihr unser Herz. Bringen wir sie den Menschen und den Dingen in unserer Umgebung nahe. Erschließen wir ihr den Zugang zu Moral und Kultur, zum sozialen, politischen und wirtschaftlichen Leben.

Die göttliche Weisheit ist das Licht, das die ganze Schöpfung durchdringt.

Sie umfaßt in ihrer Liebe den Schöpfer und die Schöpfung, Gott und die Menschheit.

Brüder und Schwestern! Gehen wir die Wege dieser Weisheit! Werden wir ihre Boten! Dienen wir dem Heil, das Gott selbst der Menschheit in Jesus Christus anbietet. Amen.

Ansprache beim Treffen mit Vertretern aus der Welt der Wissenschaft, Kultur und Kunst

Sehr geehrte Damen und Herren!

1. Mit Freude über diese Begegnung begrüße ich Sie alle. Unter Ihnen ebenso Forscher und Lehrer der österreichischen Universitäten, Hochschulen und Akademien, wie Künstler aus den verschiedenen Bereichen der bildenden Künste, der Musik, der Literatur und des Films. Unter Ihnen sind auch Verantwortliche von Presse, Rundfunk und Fernsehen. Zugegen sind schließlich jene, die in der Kirche Österreichs um eine schöpferische Begegnung mit Wissenschaft, Kunst und Medien bemüht sind, an ihrer Spitze der Herr Kardinal.

2. Könnte ich Ihnen nicht begegnen, würde meinem Besuch in Österreich ein wichtiges Element fehlen. Ihr Land hat in der konfliktreichen, aber fruchtbaren Überschneidung mehrerer Kulturen über Jahrhunderte einen großartigen und unverwechselbaren Beitrag zu Wissenschaft und Kunst erbracht, und Sie fügen diesem reichen Erbe Ihren Beitrag für heute und morgen hinzu. Die Geschichte von Wissenschaft und Kunst ist in Österreich, wie in Europa überhaupt, auf vielfältige Weise verbunden mit der Geschichte des Glaubens und der Kirche. Konflikte haben diese Verbindung zuweilen belastet, ja fast unterbrochen. Diese Konflikte sollen uns aber den Blick auf soviel in gemeinsamer Bemühung Geglücktes nicht verstellen noch dürfen sie ein neues Gespräch zwischen Wissenschaft, Kunst und Kirche zum Wohle der Menschen verhindern.

3. Mögen wir uns im übrigen auch an verschiedenen Ufern aufhalten, so begegnen wir einander doch in der Frage nach dem Menschen und seiner Welt, in der Sorge um ihn und in der Hoffnung für ihn. Und wir tun dies in einer weltgeschichtlichen Situation, in welcher die Zukunft des Menschen radikal bedroht Ist. In einer solchen Stunde sind alle schöpferischen, alle nachdenklichen und gutwilligen Menschen aufgerufen, ihre Kräfte mehr als je zu verbinden, damit der Weg des Menschen, der Weg der Menschheit nicht durch Katastrophen blockiert oder beendet werde.

4. Am Sitz der UNESCO in Paris habe ich vor drei Jahren den dort versammelten Verantwortlichen aus allen Kulturen der Menschheitsfamilie zugerufen: »Seht da: der Mensch!«. Und ich fügte hinzu: »Man muß den Menschen. lieben, weil er Mensch ist«. Hier in Wien und vor Ihnen möchte ich diese Worte wiederholen. Der Mensch ist ja das zusammenfassende Thema aller Wissenschaft und aller Kunst, und die Medien haben gerade dies zum Ziel, Menschen miteinander zu verbinden.

Der Mensch als Individuum, als Mitmensch und als Kind Gottes ist auch das Thema der Kirche: so sehr, daß ich in meiner Enzyklika »Redemptor Hominis« sagen konnte: »Dieser Mensch ist der erste Weg, den die Kirche bei der Erfüllung ihres Auftrages gehen muß: ein Weg, der von Christus selbst vorgezeichnet ist und unabänderlich durch das Geheimnis der Menschwerdung Gottes und der Erlösung führt« (Redemptor Hominis, 14)

Die Kirche bekennt den kühnen Glauben, daß der Mensch ein Bild Gottes ist und daß er bei Gott seine ewige Zukunft hat.

5. Vor diesem Hintergrund möchten Sie bitte die schlichten Gedanken sehen, die ich Ihnen nun vorlege. Alle Wissenschaft vollendet sich als Wissenschaft von Menschen und für den Menschen. Das gilt in gewisser Hinsicht auch von der Theologie, die gerade so vom Menschen handelt, daß sie ihn überschreitet und von seinem Schöpfer her sieht. In allen ihren Bereichen hat sich die Wissenschaft weitestgehend spezialisiert. Dies war eine der Voraussetzungen für jene Entdeckungen und Entwicklungen, die uns staunen lassen über den Geist des Menschen und die den Glaubenden darüber hinaus zum Lob des Schöpfers dieses Geistes drängen. Die technische Anwendung des wissenschaftlichen Fortschritts hat die Bedingungen menschlichen Lebens vielfach verbessert. Man denke nur an die Erfolge im Kampf gegen Hunger und Schmerz.

Auch die von der Wissenschaft in Anspruch genommene Wertfreiheit, Wertneutralität ihres Handelns kann als asketische Distanz zu eigenem Wunschdenken reinigend auf die Analyse wirken, wenn sie sich nicht so verabsolutiert, daß sie den unabdingbaren Anspruch sittlicher Werte nicht mehr erkennt.

6. Wie jedes menschliche Handeln steht aber auch jenes der Wissenschaft und ihrer technischen Anwendung unter einer unaufhebbaren Ambivalenz. Der Mensch ist bedroht durch das, was er selbst produziert. Im Blick auf die Katastrophe von Hiroshima hat der Physiker Jakob Robert Oppenheimer bekannt: »Die Physiker haben die Sünde kennengelernt«.

Angesichts der vielfältigen Bedrohungen der Menschheit als Folge technischer Umwälzungen wächst vielerorts die Skepsis gegen Wissenschaft und Technik und entwickelt sich da und dort sogar zur Feindschaft. Dennoch wird nicht der Verzicht auf Wissenschaft und technische Anwendung ihrer Ergebnisse die Probleme lösen, sondern nur ein fortgesetzter, vielleicht sogar noch stärkerer Einsatz beider, freilich unter humanem Maßstab. Denn nicht Wissenschaft und Technik als solche bedrohen den Menschen, sondern ihre Loslösung von sittlichen Maßstäben.

7. Es ist an der Zeit, daß der Mensch — Gottes Ebenbild — wieder Herr und Ziel von Wissenschaft und Technik werde, damit das Werk seines Geistes und seiner Hände nicht ihn und seine Umwelt verschlinge. Dazu müssen sich Wissenschaft, Technik und Politik jene Fragen stellen, die ebenso auf den unverwechselbaren Einzelmenschen wie auf die ganze Menschheit zielen. Fragen, deren zeitweilige Suspendierung den wissenschaftlichen Fortschritt mitermöglicht hat. Fragen der Philosophie und der Religion, die auf Sinn, Grenzen, Prioritäten und Kontrolle wissenschaftlichen und technischen Handelns abzielen, wobei es selbstverständlich nicht um eine Eingrenzung oder Fremdbestimmung der sogenannten Grundlagenforschung in ihrer Suche nach der Wahrheit gehen darf. Diese Fragen erscheinen im ersten Buch der Bibel als Gottes bleibende Fragen an den Menschen: »Adam, wo bist du?«, und »Kain, wo ist dein Bruder Abel?«. Die Sensibilität dafür hängt in hohem Maße auch vom Beitrag der Humanwissenschaften ab, von denen ich in meiner Ansprache vor dem Institut Catholique in Paris sagte, sie seien das freiligende Kapital unserer Zeit: sie zeigten aber trotz der Horizonte, die sie uns eröffnen, auch die ihnen anhaftenden Grenzen.

8. Es ist ermutigend zu wissen, daß die Allianz jener, die sich als Wissenschaftler selbst solche Fragen stellen, im Wachsen begriffen ist. Über die Grenzen von Ländern und Machtblöcken hinweg bildet sich eine wissenschaftliche Weltgemeinschaft, die sich aus ethischer Verantwortung mit der Gefährdung des Menschen durch genetische Manipulationen, biologische Experimente und die Vervollkommnung chemischer, bakteriologischer und nuklearer Waffen nicht einfach abfindet. Ein Beispiel dafür gaben jene 58 Wissenschaftler aus allen Erdteilen, die im September 1982 anschließend an eine Tagung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften eine Erklärung über die Vermeidung eines Atomkrieges veröffentlicht haben! («L'Osservatore Romano», editio germanica, n. 26, die 1 iul. 1983, pp. 13-14.).

9. Der Mensch und seine Welt — unsere Erde, die sich bei der ersten Weltraumfahrt als Stern in Grün und Blau gezeigt hat —, sie müssen bewahrt und entfaltet werden. Dazu gehört ein behutsamer Umgang mit dem Leben, auch mit dem tierischen Leben, und mit der ganzen belebten und unbelebten Natur. Die Erde ist im Horizont des Glaubens kein schrankenlos ausbeutbares Reservoir, sondern ein Teil des Mysteriums der Schöpfung, dem man nicht nur zugreifend begegnen darf, sondern Staunen und Ehrfurcht schuldet.

10. Das Staunen öffnet uns aber nicht nur einen oft vergessenen Weg zur Natur als Schöpfung Gottes, sondern auch einen Weg zur Kunst als Werk des schöpferischen Menschen. Max Reinhardt, der die Salzburger Festspiele mitbegründet hat, nannte die Kunst ein Lebensmittel, also eine Bedingung entfalteten menschlichen Lebens. Und der Dichter Rainer Maria Rilke, der Ihrem kulturellen Raum angehört, sprach vom Kunstwerk, von der Musik als von etwas, das hinreißt und tröstet und hilft. Helferin des Menschen, das ist eine schöne Definition der Kunst, ein schöner Auftrag für sie. Diesem Auftrag entspricht sie aber nur, wenn sie ihre Freiheit an das Humanum bindet. Das Humanum seinerseits kommt in seiner Größe mit all seinen Hoffnungen, aber auch Gefährdungen nur in den Blick, wenn es im Horizont des Unendlichen, im Horizont Gottes, gesehen wird, der letztlich hinter aller Sehnsucht des Menschen steht und sie allein erfüllen kann.

Der einzelne wie die Gesellschaft brauchen die Kunst zur Deutung von Welt und Leben, zur Ausleuchtung der epochalen Situation, zum Erfassen der Höhen und Tiefen des Daseins. Sie brauchen Kunst, um sich dem zuzuwenden, was die Sphäre des bloß Nützlichen übersteigt und so erst den Menschen vor sich selber bringt. Sie brauchen Literatur und Dichtung: ihr sanftes wie ihr prophetisch zorniges Wort, das oft am besten refft in Einsamkeit und Leiden. Nach einem tiefen Gedanken Beethovens ist der Künstler gewissermaßen zu einem priesterlichen Dienst berufen.

11. Auch die Kirche braucht die Kunst, und zwar nicht zuerst, um ihr Aufträge anzuvertrauen und so ihren Dienst zu erbitten, sondern um mehr und Tieferes über die »Conditio humana«, über Glanz und Elend des Menschen zu erfahren. Sie braucht die Kunst, um besser zu wissen, was im Menschen ist: in jenem Menschen, dem sie das Evangelium verkünden soll.

Im besonderen bedarf die Kirche der Kunst für ihre Liturgie, die in ihrer Vollgestalt ein durch den Glauben inspiriertes Kunstwerk sein will unter Einbeziehung aller schöpferischen Kräfte aus Architektur, bildender Kunst, Musik und Dichtung. In ihrer eschatologischen Dimension verstanden will die Liturgie Teilhabe am Glanz und Klang des ewigen Jerusalem sein, von dem die Bibel in ihrem letzten Buch in künstlerischer Sprache spricht. Diese Stadt ist der Ort, wo die Schönheit und das Gute, die im Lauf der Geschichte so oft und so schmerzlich auseinanderfallen, für immer vereint sind.

Albert Einstein sagt, daß an der Wiege der wahren Wissenschaft das Geheimnis stünde. In die Tiefe dieses Geheimnisses verweisen Religion und Kirche und verbinden sich so mit der Kunst und der Wissenschaft.

Man hat zuweilen vom bevorstehenden oder angekommenen Ende der Kunst gesprochen. In dieser Hinsicht ergeht es der Kunst, aber auch der Philosophie ähnlich wie der Kirche. Ich selbst vertraue auf die Unerschöpflichkeit der Kunst in allen ihren Bereichen, weil ich von der Unerschöpflichkeit des menschlichen Geistes und der menschlichen Phantasie überzeugt bin: »Gott schuf den Menschen als sein Abbild« (Gen 1, 27). Von dem allmählich wieder beginnenden Gespräch zwischen Kunst und Kirche dürfen wir als Ergebnis vielleicht auf lange Sicht auch künstlerische Werke erwarten, die den Menschen, Glaubenden wie Suchenden, auf eine neue Weise Augen, Ohren und Herz auftun.

12. Darf ich mich nun auf besondere Weise Ihnen zuwenden, die als Publizisten den Menschen einen wichtigen Dienst tun? Ihr Dienst ist Vermittlung, seine Instrumente heißen darum Medien. Ich danke Ihnen für Ihren großen Beitrag dazu, daß das Wort der Kirche gerade auch in diesen Tagen meines Besuches so viele Menschen erreichen konnte.

Im Namen Unzähliger, welche diesen Dienst von Ihnen erwarten und benötigen, bitte ich Sie: Bauen Sie beharrlich Brücken zwischen getrenntesten Ufern und über Grenzen hinweg. Ihr Land bietet dafür besondere Möglichkeiten. Betrachten Sie den Menschen und die Gesellschaft nicht nur mit einem unerbittlich diagnostizierenden Blick, sondern mit einem Blick der Hoffnung, mit dem Spürsinn für mögliche Veränderungen zum Besseren. Ermöglichen Sie es dem Guten, als wenigstens ebenso spannend erlebt zu werden wie das Unerfreuliche. Und zeigen Sie auch im Bedauerlichen das damit verbundene Gute.

13. »Seht da, der Mensch!«. Mit diesem Wort möchte ich meine Überlegungen zusammenfassen. Verehrte Wissenschaftler, Künstler und Publizisten, übersehen und überhören Sie ihn nie: den hoffenden, liebenden, angsterfüllten, leidenden und blutenden Menschen. Seien Sie sein Anwalt, hüten Sie seine Welt: diese schöne, gefährdete Erde. Sie treffen sich dabei mit den Anliegen der Kirche, die unverwandt auf jenen schaut, über den Pilatus sagte »Ecce homo«, »Seht da, der Mensch!«.

Jesus Christus — Gottes und der Menschen Sohn — ist der Weg zur vollen Menschlichkeit. Er ist auch das Ziel. Möge es vielen geschenkt werden, ihn neu zu erkennen — auch durch Sie.

Ansprache an die österreichische Bischofskonferenz

Meine lieben bischöflichen Mitbrüder!

Dieses Zusammentreffen mit Ihnen hat eher familiären Charakter. Heute mittag ist unser Kreis klein und übersichtlich. Den meisten von Ihnen bin ich schon früher begegnet. Einige sind mir bereits lange bekannt und - wie der Vorsitzende Ihrer Bischofskonferenz, unser verehrter Kardinal durch viele Gespräche vertraut und nahe.

Doch auch das Zusammentreffen im Familienkreis kennt gelegentlich eine deutende Ansprache, wenn etwa der besondere Anlaß ein Wort fordert, das über den Augenblick orientiert und auch eine Weisung für die Zukunft sucht. In diesem Sinn möchte ich mich heute an Sie wenden. Lassen Sie mich Ihnen eröffnen, welche Gedanken mich bewegen, oder vielmehr einen Gesichtspunkt hinsichtlich des Dienstes in der Kirche Ihres Landes mit Ihnen bedenken.

In den letzten Jahren hat sich die Art geändert, in der das bischöfliche Amt ausgeübt wird. Das konziliare Kirchenverständnis sowie das zeitgenössische Denken haben den bischöflichen Leitungsstil beträchtlich umgeformt. Bischöfe müssen heute dem Leben der Gläubigen näher sein. Zäune der Konvention und mancherlei Vorzimmerschranken sind gefallen. Und wer immer im Evangelium den Aufruf zur größeren Brüderlichkeit unter den Christen hört, kann für diese Wiederentdeckung von mehr Gemeinschaft nur dankbar sein. Mehr noch: Der Amtsträger erkennt sie als Chance, in der unmittelbaren Begegnung mit vielen Christen seine eigene Gottesbeziehung sprechen zu lassen und so die persönliche Glaubensüberzeugung für die Pastoral wirksam zu machen.

Auch ich beabsichtige das bei meinen sonntäglichen Besuchen in den römischen Pfarreien. Mir scheint, die Menschen der Gegenwart brauchen nachdrücklich die Stärkung im Glauben durch den gottverbundenen Zeugen. Allen Gliedern der Kirche, besonders den Mitbrüdern im Priesteramt, kann der geistliche Austausch zur großen Hilfe werden für den Weg zu Gott und für den Seelsorgedienst. Schließlich sind solche Begegnungen uns selbst eine geistliche Kraft. Wie es beispielsweise der Völkerapostel erwartet, wenn er seiner Gemeinde in Rom schreibt: »Ich sehne mich danach, zu euch zu kommen; ich möchte euch geistliche Gaben vermitteln, damit ihr dadurch gestärkt werdet, oder besser: damit wir, wenn ich bei euch bin, miteinander Zuspruch empfangen durch euren und meinen Glauben« (Röm 1, 11 ff)

So bringt der neue bischöfliche Leitungsstil nicht nur eine gute Möglichkeit - er wird gewissermaßen zur Verpflichtung, zum vorzüglichen Pastoralinstrument in einer Zeit, da Gottes Antlitz vielen Menschen dunkel und unerkennbar geworden ist.

Die Erfahrung der scheinbaren Abwesenheit Gottes lastet ja nicht nur auf den Abständigen und Fernstehenden, sie ist generell. Die Geistesströmung des gängigen gesellschaftlichen Bewußtseins prägt also gleichfalls die aktiven Glieder der Kirche, die ja, wenn auch nicht von der Welt, so doch in der Welt sind. Nöte und Wünsche sind allen Menschen gemeinsam, die Kirche ist keine selige Insel. Fragestellungen und Probleme der Öffentlichkeit haben in Diözesen und Gemeinden Ihr provozierendes Echo.

Darum sieht sich der kluge Hirte genötigt, in Welt und Kirche vor allem andern dem Licht Raum zu schaffen, das aus dem Glauben an die wirksame Anwesenheit Gottes kommt. Der Einfluß des Säkularismus ist evident. Er straft alle die Lügen, die die Grundaussagen des Glaubensbekenntnisses für Binsenwahrheiten halten. »Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater ...«. Formt dieser Satz wirklich das Leben der Christen von heute? Der Katholik unserer Zeit führt wohl kaum von vornherein schon und mit Selbstverständlichkeit sein Leben im Angesicht Gottes. Die Verknüpfung des Alltags mit Gott ist ihm keineswegs von selbst gegeben. Davon auszugehen, alle Glieder der Kirche erlebten ihre Entscheidungen, Ängste und Freuden ohne weiteres in der Zwiesprache mit dem Vater im Himmel, wäre eine Illusion.

Im Gegenteil: Stärker denn je wird es heute ein Problem, wenn die Implikationen kirchlichen Tuns von der Seelsorge nicht deutlich gemacht werden, wenn die stillschweigend vorausgesetzte Gottesbeziehung als garantiert angesehen wird. Wenn wir uns nicht mehr mühen, sie bewußt zu leben, verliert sie ihre Kraft.

Jesus läßt in seiner Predigt keine Gelegenheit aus, an die Nähe des Vaters zu erinnern - etwa nach den Aufzeichnungen des Johannesevangeliums. Oft verbindet er das Geschehen ausdrücklich mit dem Vater im Himmel - wie im Gespräch mit Nikodemus oder mit der Samariterin; bei der Heilung des Gelähmten und des Blindgeborenen oder während der großen Eucharistierede. Wo immer er lehrt, führt er seine Zuhörer geistig zum handelnden Vater - der den Sohn sendet; der dem Sohn das Leben gegeben hat; dessen Werke offenbar werden müssen; der das Lebensbrot reicht und dem die Anbetung gebührt. Die Proklamation der Herrschaft Gottes, d.h. daß wir Menschen uns faktisch und uneingeschränkt vom Herr-Sein Gottes bestimmen lassen, ist für Jesus der Sinn seiner Sendung.

Alle vier Evangelien vermerken demzufolge, wie allgegenwärtig der Vater für Jesus Ist; wie unablässig ihn seine Seele sucht. Die Evangelien lassen ebenso erkennen, daß Jesus diese Gegenwart des Vaters seinen Hörern zutiefst einprägen möchte. Der Herr tat es in einem Volk, das durch Geschichte und Frömmigkeit, Geistesleben und Brauchtum ohnehin in beispielloser Weise auf Jahwe bezogen war. Um wieviel mehr braucht diesen Verweis die Menschheit der Gegenwart, in der Gott so fern erscheint, daß man sogar eine »Theologie vom Tode Gottes« erfand.

Der Überstieg von der Alltagswelt hin vor das Angesicht Gottes drängt sich Jesus auf die Lippen. Dabei geht es ihm zunächst gar nicht darum, seine eigene Würde und Legitimation zu sichern; er anerkennt den Vater ausdrücklich als den, der größer ist? Vielmehr artikuliert sich in diesem Überstieg die Grundkraft seines Wesens; diese Grundkraft gibt ihm die Worte ein. Denn die Verbundenheit mit dem Vater ist für ihn allumfassend.

Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch! Ich möchte das immer neue und ausdrückliche Einbringen des gegenwärtig wirkenden Vaters in all unser kirchliches Reden und Handeln nicht empfehlen als bloße pastorale Methode. Der Verweis auf den Vater im Himmel als seelsorgliche Technik wäre eine arge Profanierung. Vielmehr muß das Bewußtsein seiner Nähe so wachsen, daß es von selbst in Wort und Tat durchscheint. Unsere Gemeinden und vor allem unsere priesterlichen Mitbrüder sollten unsere Gottverbundenheit als die tiefste Motivation all unseres Dienstes entdecken. So könnten wir unsere Brüder und Schwestern von dieser Anwesenheit Gottes lebendig überzeugen und in ihnen den Wunsch wecken, Gottes Gemeinschaft und seinen Willen immer inniger zu suchen.

Wer die Verwiesenheit auf den Vater im Himmel tiefer leben möchte, kann wohl nichts Besseres tun, als auf Jesus zu schauen. Das Neue Testament gibt uns - wenn auch spärlich - Andeutungen über seine Weise, die Vertrautheit mit dem Vater zu pflegen. Vor allem sind es die Hinweise auf die langen Zeiten des Gebetes, die hier bedacht sein wollen, zum Beispiel vor der Wahl der zwölf Apostel. (Lk 6, 12).

Die Gemeinschaft mit dem Vater im andauernden Gebet, in der - ich möchte es ruhig so nennen - mystischen Versenkung, ist wohl die entscheidende Quelle von Jesu Geborgenheit beim Vater. Beim Vater aufgehoben, fragt er nicht ängstlich nach dem morgigen Tag und rät auch seinen Zuhörern, nicht auf Geld und Gut zu setzen, sondern die Sorge um Besitz und Sicherheit abzugeben. Er tritt in souveränem Mut für Gott und seine Ehre ein, ohne die Menschen zu fürchten. Er fasziniert seine Zeitgenossen, die seinetwegen Maria preisen (Lk 18, 27) und in ihm die Überzeugungskraft eines Menschen rühmen, der redete, »wie einer, der Macht hat«. (Lk 11, 27)

In seiner Vorbildlichkeit ist uns der Herr freilich mehr als ein bloßes Modell. Jesu biblische Wege gehen wir nicht nach, wie wir uns andere große Gestalten der Vergangenheit vor Augen führen. Wir tauchen vielmehr ein in eine liebende, innige Vereinigung mit ihm, der ja den Graben der Geschichte übersprungen hat und in seinem Geist jedem von uns allezeit gegenwärtig ist.

So mit ihm verbunden, gelingt es uns, durch ihn unsere Existenz für den Vater zu gewinnen. Wir vermögen der Hoffnungslosigkeit zu wehren, die ja aus der Gottesferne herrührt. Wir können den Sog des Materialismus bei den Menschen eindämmen, weil wir unser Vertrauen in die Güte des Vaters bekunden. Und selbst ein aggressiver Widerspruch aus der gesellschaftlichen oder kirchlichen Öffentlichkeit kann unserem Mut nichts anhaben, für Gottes Rechte und für den Glauben der Gesamtkirche einzutreten.

Es war das Zweite Vatikanische Konzil, das Wesen und Wirkweise des bischöflichen Amtes ausführlich dargestellt hat. Besonders die Kirchenkonstitution erinnert uns daran, daß wir Bischöfe »als Lehrer in der Unterweisung, als Priester im heiligen Kult und als Diener in der Leitung der Herde vorstehen« (Lumen Gentium, 20) Und meine soeben vorgetragenen Überlegungen werden nur unterstrichen durch die einfordernde Versicherung desselben Satzes, daß wir diesen unseren Dienst »an Gottes Stelle« vollziehen.

Wohl tun wir ihn als einzelne und in je individueller Verantwortung. Doch jedem Bischof ist die Vollmacht zur Ausübung des genannten dreifachen Amtes nur insofern gegeben, als er Glied des Kollegiums des Gesamtepiskopats ist. Damit folgt aus der Bestellung zum Bischof die nachdrückliche Verpflichtung zur Einheit. Da es Gottes Geist war, der uns dazu gesetzt hat, in der Nachfolge der Apostel die Kirche Gottes zu weiden - wie könnte da ein anderer Sinn unser Tun bestimmen als der Geist der Einheit?

Diese Einheit ist zunächst für Ihre Bischofskonferenz und deren Arbeit gefordert. Niemand wird übersehen, wie gewichtig Überlegungen und Entscheidungen dieser kirchlichen Ebene für die Menschen und Ortskirchen Ihres Vaterlandes — ja darüber hinaus — sind. Noch bedeutsamer ist jedoch die kollegiale Einheit mit dem Gesamtepiskopat. Und diese wieder ist nur gegeben, wenn das Bischofskollegium mit dem Papst als seinem Haupt zusammengefügt ist; denn das Bischofskollegium würde ja ohne sein Haupt zerfallen. Obwohl es gewiß theologische und ethische Fragen gibt, die uns Bischöfe wegen der Verpflichtung auf die Einheit zum Zeichen des Widerspruchs machen, so wird »communio« dennoch in diesem Zusammenhang zur grundlegenden theologischen Bedingung.

Darum schreibt auch die Kirchenkonstitution: »Die Bischöfe, die in Gemeinschaft mit dem römischen Bischof lehren, sind von allen als Zeugen der göttlichen und katholischen Wahrheit zu verehren. Die Gläubigen aber müssen mit einem im Namen Christi vorgetragenen Spruch ihres Bischofs in Glaubens- und Sittensachen übereinkommen und ihm mit religiös begründetem Gehorsam anhangen«.

Liebe Brüder im Bischofsamt, das Zweite Vatikanische Konzil war für die Kirche ein verheißungsvoller Neubeginn, dessen Impulsen Ihr Dienst in der Kirche von Österreich gilt. Auch meine Besuche in Kontinenten und Ländern wollen die Kräfte dieser Erneuerung stärken. Ich bin zutiefst durchdrungen von der Überzeugung, diese Erneuerung werde um so mehr Dynamik entwickeln, je andauernder und treuer wir, die Hirten der Kirche, in der Gemeinschaft mit Jesus die Nähe des Vaters im Himmel suchen.

Dann allein werden wir von Christi Geist und nicht von unseren eigenen Ideen bestimmt. Dann allein kann es uns gelingen, unseren Priestern geistliche Väter zu sein und als gewinnende Brüder ihnen den überspringenden Funken der Hoffnung zu vermitteln, nach dem ja so viele von ihnen rufen. Dann werden Sie die Laien Ihrer Bistümer inspirieren, der Herausforderung durch Gesellschaft und Staat die rechte Antwort zu geben und die Last des Lebens auszuhalten angesichts der vor ihnen liegenden Freude in Gottes Gemeinschaft (Hebr 12, 2).

Möge die Mutter Gottes, die Ihr Volk schon so lange und innig an vielen Orten Ihres Landes verehrt, unsere Fürsprecherin sein, daß diese unsere brüderliche Begegnung von Gott gesegnet sei.

Ansprache beim Treffen mit den Verantwortlichen der Internationalen Organisationen während des Besuches der «UNO-Stadt Wien»

Herr Generaldirektor der IAEA,
Herr Generaldirektor des Büros der Vereinten
Nationen, Herr Exekutivdirektor der UNIDO,
Vertreter und Funktionäre der verschiedenen internationalen Organisationen, die ihren Sitz in der UNO-City haben!

Ihnen allen gilt mein achtungsvoller Gruß, insbesondere weil mir bekannt ist, daß auch Ihre Familienmitglieder an dieser Begegnung teilnehmen und großes Interesse daran bezeigen, wie sie es auch bei all Ihren beachtenswerten Aktivitäten tun, die sie auf eine Weise unterstützen, wie es nur Familienmitglieder können.

1. Gestatten Sie mir, Ihnen meine Wertschätzung für diese Einladung nach hier zum Ausdruck zu bringen, wo so viele wichtige Dienststellen tür den Schutz und die Förderung des Lebens auf entscheidenden Gebieten menschlichen Strebens arbeiten: in der friedlichen Nutzung der Kernenergie, der Förderung der Industrie, insbesondere in den Entwicklungsländern, der Handelsgesetzgebung, der sozialen und humanitären Entwicklung und der schwerwiegenden Frage der Rauschgiftkontrolle.

Alle diese Dienststellen und Büros bezeugen, wie sehr in der heutigen Welt die Zusammenarbeit nötig ist, wenn wir uns auf konstruktive Art mit vielschichtigen und vielseitigen Sektoren des menschlichen Lebens befassen wollen. Die Behandlung dieser Probleme bietet Möglichkeiten zum Guten und zum Bösen, mit denen frühere Generationen nicht konfrontiert wurden.

Die erste gemeinsame Verpflichtung ist daher die der Zusammenarbeit, das gemeinsame Teilhaben an unserer Kompetenz und das Erarbeiten gemeinsamer Entscheidungen durch gemeinsames Bemühen und gemeinsamen Einsatz. Auf diese Weise nehmen die hier errichteten Dienststellen und Büros an eben dem Geist und der Haltung teil, die der UNO als solcher eigen ist und der, wie ich 1979 in New York sagte, "vereint und verbindet und nicht trennt und verfeindet" (Ansprache an die XXXIV. Generalversammlung der UNO, 2. Okt. 1979, Nr. 4). Das hervorragende Merkmal Ihrer Arbeit sollte sein, daß sie eint und verbindet und nicht trennt und Gegensätze hervorruft. Dieses Merkmal wächst aus dem Geist, der zur Gründung Ihrer Organisationen geführt hat. Es wird durch die Anforderungen verstärkt, die in Ihren Kompetenzbereichen an Sie gestellt werden.

2. In meiner Enzyklika Laborem exercens stellte ich Überlegungen zur Arbeit im objektiven Sinn an und nahm die Entwicklung der modernen Industrie und Technologie im Reichtum ihrer Ausdrucksformen zum Anlaß, "das Problem der menschlichen Arbeit in neuer Weise wieder zu stellen als die Gesamtheit der Instrumente, ... deren sich der Mensch bei seiner Arbeit bedient". Ich betrachtete "den korrekten Erfolg der Technologie als grundlegenden Beitrag zum wirtschaftlichen Fortschritt" (Laborem exercens, Nr. 5).

Wenn Sie über all das nachdenken und es auf Ihre verschiedenen Bereiche anwenden, werden Sie dazu herausgefordert, sich auf neue Weise für die Ertorschung und Entwicklung der Beziehungen des Menschen zur Technologie einzusetzen. Denn nur wenn wir die Berührungspunkte zwischen dem Menschen und der Technologie überprüfen, können wir die Kriterien bestimmen, die Ihre gegenwärtigen und zukünftigen Bestrebungen lenken müssen. Zu diesem Zweck und angesichts der Tatsache, daß bei diesen Berührungspunkten viele Elemente überprüft werden müssen, möchte ich heute Ihre Aufmerksamkeit auf zwei unerläßliche Faktoren lenken, an die ständig aufs neue erinnert werden muß.

Gerade die Vielschichtigkeit Ihrer Arbeit erfordert ein Niveau von Kompetenz und Können, das Sie zeitlich und einsatzmäßig voll beansprucht. So füllt z. B. die Beherrschung auch nur eines der Fachgebiete, die zur Kenntnis der Kernenergie beitragen, ein Menschenleben ganz aus, bedeutet lebenslangen Einsatz und Hingabe. Deshalb kann die Versuchung groß sein, unsere Lebensauffassung, die Werte, die wir hochhalten und die Entscheidungen, die wir treffen, restlos vom Inhalt und von der Methode eines Wissensgebietes bestimmen zu lassen. Eben wegen der allumfassenden inneren Notwendigkeiten dieser höchst vielschichtigen Wissensgebiete, die der Menschheit soviel zu bieten haben, ist es von äußerster Wichtigkeit, daß wir stets am Primat des Menschen als Kriterium tür unsere Urteile und Entscheidungen testhalten.

Der Mensch ist das Subjekt jeder Arbeit und aller intellektuellen und wissenschaftlichen Disziplinen. Der Mensch ist, nach Gott, das Maß und Ziel aller Unternehmen, die wir in dieser Welt verwirklichen wollen. Sei das Objekt nun die Industrialisierung der Entwicklungsländer oder seien es Kernreaktoren oder Programme für eine bessere Gesellschaft: Das richtungweisende Kriterium muß immer der Mensch sein. Kein Projekt, mQge es auch noch so perfekt oder wirtschaftlich sicher sein, ist gerechtfertigt, wenn es die Würde und die Rechte der Beteiligten in Gefahr bringt.

Es wird nicht immer leicht sein, eine solche Reflexion anzustellen, sie ist jedoch nötig. Niemand wird leugnen, daß man die Vielschichtigkeit von Industrie, Technologie und Kernwissenschaft sowie die zahlreichen Organisationen der modernen Gesellschaft unter voller Achtung all ihrer Elemente anfassen muß, die unsere ganze Aufmerksamkeit verdienen. Im Licht dieser Wirklichkeiten und eingedenk ihres Potentials kann und muß ich darauf bestehen, daß der Einsatz und die Bemühungen, die Sie mit Recht den technologischen, wissenschaftlichen und erzieherischen Aspekten gegenüber aufwenden, immer Ihrer Empfänglichkeit und Ihrem Einsatz für die Sache des Menschen gleichkommen muß, der, wie wir verkünden, nach dem Abbild Gottes geschaffen ist und daher wegen seiner so hohen Würde unbedingte Achtung verdient.

Der hl. Franziskus als Apostel des Friedens

3. Das zweite Kriterium, das ich kurz erwähnen möchte, stellt uns in den Kontext der Welt hinein, in der wir leben. Es handelt sich dabei um die Sorge, die wir für das Wohl des Volkes als solches tragen müssen, für die Wohlfahrt der Gesellschaft, für das, was wir für gewöhnlich als Gemeinwohl bezeichnen.

Für Sie heißt das, Ihre Arbeit nicht nur als einen Beitrag zu einem spezifischen Projekt oder für eine bestimmte Regierung oder Dienststelle zu betrachten; es heißt, in Ihrer Arbeit einen Beitrag für alle Menschen der Erde zu sehen. Auf diese Weise werden Sie den Wert eines Projekts anhand seiner Rückwirkungen auf die kulturellen und die anderen menschlichen Werte sowie auf das wirtschaftliche und soziale Wohl des Volkes oder der Nation beurteilen. Sie setzen somit Ihre Arbeit in den weitgespannten und anspruchsvollen Kontext des gegenwärtigen und zukünftigen Wohles der Welt. Sie beschäftigen sich mit allen Nationen dieser Erde. Die Förderung des Gemeinwohls durch Ihre Arbeit erfordert Achtung vor den Kulturen der Nationen und der Völker, gepaart mit einem Sinn für die Solidarität aller Völker und Nationen unter der Führung eines gemeinsamen Vaters. Der Fortschritt einer Nation kann nie auf Kosten einer anderen erfolgen; der Fortschritt aller unter gleicher Nutzung Ihrer Sachkenntnis ist die beste Garantie für ein Gemeinwohl, das allen Völkern das sichert, wessen sie bedürfen und was ihnen gebührt.

4. Diese wenigen Worte spreche ich heute zu Ihnen, um Sie zu ermutigen. Als Oberhaupt der katholischen Kirche, die ihre Glieder in aller Welt hat, möchte ich Sie alle dazu ermutigen, Diener dieser Welt zu sein, die einer immer größeren Einheit bedarf durch die Bemühungen, die anzustellen jeder von uns in seinem Wirkungsbereich berufen ist. Als Diener der Wahrheit über den Menschen sowie als Diener der Wahrheit in unseren Wissenszweigen, als Diener des Gemeinwohls aller Nationen und Völker wünsche ich Ihnen, daß sie untereinander immer enger verbunden seien in der Arbeit, in der Ihre Fähigkeiten und Ihr Wissen für die Förderung des Wohlstandes, der Harmonie und des Friedens aller Völker und der kommenden Generationen zum Tragen kommen.

5. Gestatten Sie mir, auf einen außerordentlichen Menschen einer früheren Generation anzuspielen - auf jemanden, der als Apostel des Friedens bekannt und berühmt ist, auf eine Gestalt, die sehr oft künstlerisch dargestellt wurde, die vielen von Ihnen vertraut ist und dessen Ideen sich in Worten herauskristallisieren, die seinen Geist vor der modernen Welt tatsächlich zum Ausdruck bringen. Ja, die Ideale des hl. Franziskus von Assisi sind ein Band, das Generationen umfaßt und Männer und Frauen guten Willens aller Jahrhunderte in der Bitte um den Frieden vereint, Männer und Frauen, deren spirituelle Bestrebungen durch die ehrlichen Bemühungen und die gemeinsame Arbeit gefördert werden, die zahlreiche Experten auf vielen Wissensgebieten täglich leisten. Im Geist des hl. Franziskus erlaube ich mir, von unseren Leistungen für die Welt zu sprechen, von dem, was Sie durch Ihre gemeinsame Arbeit als Brüder und Schwestern unter der Führung Gottes, des gemeinsamen Vaters, leisten können: Gott, mach uns zu Werkzeugen deines Friedens! Wo Haß ist, laß uns Liebe säen; wo Beleidigung ist, Verzeihung; wo Zweifel ist, den Glauben; wo Verzweiflung ist, die Hoffnung; wo Finsternis ist, das Licht; wo Trauer ist, die Freude; und wo der Tod ist, laß uns Leben säen; wo Krieg ist, laß uns Frieden schaffen! Gott, mach uns zu echten Dienern der Menschheit, zu Dienern des Lebens und des Friedens![2]

Ansprache an die Arbeiter in Österreich

Liebe Brüder und Schwestern aus der Welt der Arbeit!

1. Euch alle, die Ihr heute hierher gekommen seid, begrüße ich auf das herzlichste: ich begrüße Euch, österreichische Arbeitnehmer, und ich begrüße Euch, die Ihr aus verschiedenen Ländern Europas und sogar aus Übersee hier in Österreich Arbeit gefunden habt. Euer gemeinsames Kommen ist für mich ein eindrucksvolles Zeichen dafür, zu welcher Solidarität Ihr bei der Arbeit bereits gefunden habt. Ich begrüße von dieser Stelle aus aber auch alle, die in den vielen Betrieben dieses Landes Tag für Tag ihre Arbeitskraft zum Wohl aller einsetzen: im Handwerk, in der Industrie, in der Landwirtschaft, in Verwaltung und Dienstleistung.

Diese Begegnung soll ein Zeichen meiner tiefen Verbundenheit mit dem arbeitenden Menschen sein. Ich möchte Euch zur Seite stehen und Eure Hoffnungen, Eure Sorgen und Ängste teilen. Euch und Euren Familien will ich Zuversicht und Ermutigung schenken, und dies aus der Kraft unseres christlichen Glaubens, den die meisten von Euch im Herzen tragen.

Liebe Freunde! Ihr seid untereinander verbunden durch die gemeinsame - oft so mühevolle - Arbeit, in der Ihr steht. Ihr unterscheidet Euch aber auch voneinander durch Geschichte, Tradition, Sprache, Kultur und Religion.

2. Ich wende mich zunächst an Euch, liebe Gastarbeiter. Ihr habt auf der Suche nach Arbeit und Brot zum Teil mit Euren Familien - Eure Heimat verlassen, um inmitten einer neuen Umgebung, in einem Land mit einer anderen Kultur und einer fremden Sprache ein neues Leben zu beginnen. Mitgebracht habt Ihr - und das ist Euer Reichtum - Eure vielfältigen Fähigkeiten, Euren Leistungswillen und Arbeitseifer. Ihr habt in den vergangenen Jahren zum wirtschaftlichen Aufbau und Aufstieg des Industrielandes Österreich beigetragen und damit ein Anrecht auf gleiche Behandlung in allen sozialen Belangen der Arbeit erworben. Darüberhinaus bringt Ihr aus Eurer Heimat auch ein reiches kulturelles Erbe mit, Eure Religiosität und Eure Art der Menschlichkeit.

So begegnen sich auf Österreichs Boden wieder Angehörige vieler Völker: in friedlichem Miteinander und in gemeinsamer Arbeit. Diese Tatsache ermöglicht intensive Kontakte verschiedener Kulturen, ein besseres Sichkennenlernen, brüderliche Verbindung unter den Völkern. Die Gemeinsamkeit in der Arbeit könnte zur gegenseitigen menschlichen und geistigen Bereicherung führen. Gemeinsam am gleichen Arbeitsplatz zu stehen, das müßte eine Hilfe sein, etwaige Vorurteile dem anderen gegenüber abzubauen und die Ehrfurcht und Toleranz vor dem Anderssprechenden und Andersglaubenden zu stärken.

3. Für das Gastland und seine Bevölkerung ergibt sich dabei die Aufgabe, die Arbeiter aus der Fremde zuerst als Menschen aufzunehmen und ihnen brüderlich zu begegnen. Sie dürfen nicht als bloße Arbeitskraft oder Mittel für die Produktion betrachtet werden, die man möglichst billig zu erwerben und auszunutzen sucht, vielleicht sogar unter Umgehung der geltenden Sozialgesetze. Alle, vor allem aber die öffentlichen Stellen, sollen ihnen helfen, in angemessenem Rahmen ihre Familien nachzuholen und sich eine entsprechende Wohnung zu verschaffen; sie sollen ferner ihre Eingliederung in das gesellschaftliche Leben begünstigen. Auch öffentliche Einrichtungen, wie die Gewerkschaft, die Parteien, die mit Bildung befaßten Institutionen, sind aufgerufen, je nach ihren Möglichkeiten zum Abbau von Diskriminierung und Vorurteil von Intoleranz und Mißtrauen beizutragen.

Besonders die Christen in diesem Land rufe ich auf, dem Gastarbeiter echte Gastfreundschaft zu gewähren, seinem persönlichen Leben und Wirken ehrliches Interesse entgegenzubringen und sich mit seinen Problemen vertraut zu machen. So wie Jesus selbst und viele heiligmäßige Menschen in seiner Nachfolge sollen wir Christen immer wieder die Grenzen unseres Volkstums, unserer gesellschaftlichen Stellung, unserer kulturellen Prägung überschreiten und gerade den Fremden und Hilfsbedürftigen als unseren Bruder anerkennen und uns in Liebe seiner annehmen.

An dieser Stelle möchte ich der Kirche in Österreich danken für alles, was sie für die Seelsorge im Gastarbeiterbereich getan hat und weiterhin noch plant. In besonderem Maß möchte ich jenen Priestern danken, die ihren Gläubigen aus der Heimat nachgefolgt sind, um ihnen auch in der Fremde die Frohe Botschaft in ihrer Muttersprache zu verkündigen.

4. Um nun, liebe Brüder und Schwestern, wende ich mich besonders an die Männer und Frauen unter Euch, die aus Österreich selbst stammen. Es ist über die Grenzen Eures Landes bekannt, daß Ihr die sozialen Konflikte der Arbeitswelt auf einem sehr fortschrittlichen Niveau austragt. Ihr habt Euch in der Gewerkschaft eine starke Organisation geschaffen, und der hohe Mitgliederstand zeigt ein großes Maß an Solidarität unter Euch. Ihr habt in einem langen Ringen die wichtigsten Fragen im Arbeitsbereich gelöst und gesetzlich abgesichert. Ihr habt ein gewisses Maß an Mitbestimmung im wirtschaftlichen Bereich erreicht und auch bewiesen, daß Ihr mit diesen Möglichkeiten sachkundig und verantwortlich umgeht. Die Arbeiterschaft anderer Länder schaut mit Respekt auf Euch. Es ist erfreulich, daß in Eurem Land Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einer fairen »Sozialpartnerschaft« anstehende Probleme gemeinsam zu klären versuchen und dabei schon beachtliche Erfolge verbuchen konnten. Ich spreche Euch meine Anerkennung dafür aus; denn die christliche Soziallehre vertritt das Prinzip einer friedlichen, allen dienenden Solidarität mit besonderem Nachdruck.

Doch auch bei Euch stehen Wirtschaft und Arbeiterschaft heute vor ganz neuen Problemen. Am internationalen Horizont zeichnet sich eine schwere wirtschaftliche Krise ab, die - wie es scheint - vielerorts eine langdauernde Arbeitslosigkeit mit sich bringen kann. Fachleute sagen Entwicklungen voraus, die menschliche Arbeit in geringerem Ausmaß als bisher zur Herstellung von Gütern und zur Bereitstellung von Dienstleistungen notwendig machen. Wir befinden uns bereits in den Anfängen dieser Umwälzungen. In solchen Zeiten muß sich bewähren, was wir Christen vom Menschen und seiner Arbeit denken. Es darf nicht dazu kommen, daß derjenige, der seinen Arbeitsplatz verlieren sollte, auch seinen Standort in der Gesellschaft verliert, daß er isoliert und seines Selbstwertgefühls beraubt wird. Die Arbeit ist zwar für den Menschen von grundlegender Bedeutung. Und das Christentum selbst hat der Arbeit zu hohem Ansehen verholfen.

Die christliche Botschaft zeigt aber auch, daß der Mensch nicht erst durch die Arbeit zum Menschen wird. Der Mensch ist Abbild Gottes und ist nach seiner bleibenden Würde und nicht nach seiner Arbeit zu bewerten. Arbeitslosigkeit darf daher niemals als persönlicher Makel gesehen werden. Eine Lösung dieses schwerwiegenden Problems kann nicht ohne Opfer aller Beteiligten gefunden werden. Ihr werdet dabei Eure so oft bewiesene Solidarität erneut unter Beweis stellen müssen. Ich vertraue auf Euch, daß Ihr gemeinsam nach Lösungen sucht und solche auch findet.

5. Nicht alle Menschen sind in gleicher. Weise durch das Übel der Arbeitslosigkeit gefährdet. Es gibt einige Gruppen, die Eurer Sorge besonders bedürfen. Immer mehr Jugendliche werden nach der Zeit ihrer Ausbildung keinen festen Arbeitsplatz finden können. Sie sehen sich in ihrer Bereitschaft zur Arbeit und zur Übernahme von Verantwortung in der Gesellschaft schmerzlich enttäuscht. Frauen erleben, daß sie zu den ersten gehören, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Wenn auch ihren Aufgaben in der Familie höchste Bedeutung zukommt, dürfen sie jedoch deshalb in ihrem Beruf nicht zurückgesetzt werden. Sie arbeiten heute in fast allen Lebensbereichen und sollen diese Tätigkeiten ihrer Veranlagung gemäß ausüben können ohne Benachteiligung und ohne Ausschluß von Stellungen, für die sie befähigt sind.

Besonders schwer haben es die Behinderten. Es wäre aber des Menschen unwürdig und eine Verleugnung der gemeinsamen Menschennatur, wollte man zur Arbeit nur voll Leistungsfähige zulassen. Die Menschen dürfen nicht in willkommene Starke und Gesunde auf der einen und in kaum geduldete Schwache und Kranke auf der anderen Seite aufgeteilt werden. Auch hier muß die Arbeit der Würde des Menschen untergeordnet werden, nicht dem wirtschaftlichen Ertrag. Solange es trotz aller Bemühungen Arbeitslose unter Euch gibt, sollt Ihr mit ihnen gemeinsam nach Lösungen suchen.

Schließlich muß noch ein Problem erwähnt werden, das mir besonders am Herzen liegt. Vergessen wir bei all den berechtigten Sorgen über die wirtschaftliche und soziale Zukunft nicht die viel größere Not der Länder der Dritten Welt. Wir dürfen heute in der Lösung der großen gesellschaftlichen Probleme nicht bloß an uns selber denken. Wir müssen gerade als Christen solche Lösungen anstreben, die immer auch die Würde jener Menschen im Auge haben, deren fundamentale Menschenrechte verletzt werden. Das gilt gerade auch für den Bereich der abhängigen Arbeit in vielen Ländern der Erde.

In diesem Zusammenhang appelliere ich an die katholischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbände, an die Schulen und Sozialinstitute, die heutigen weltweiten Probleme der Wirtschafts- und Arbeitsordnung im Licht der katholischen Soziallehre - bis hin zur Enzyklika »Laborem Exercens« - intensiv zu studieren, damit im Zusammenwirken aller verantwortlichen Kräfte gerechte und realisierbare Lösungen gefunden werden können.

6. Liebe Brüder und Schwestern! Wenn die heutigen Probleme auch übergroß erscheinen, so besteht dennoch kein Grund zur Resignation. Diese Welt - auch in ihrem heutigen Zustand - ist uns von Gott als Aufgabe übergeben. Und unser christlicher Glaube enthält viele Motive und Grundsätze, uns in der richtigen Weise um die Lösung dieser Aufgabe zu bemühen. Die ersten Seiten der Bibel - die Beschreibung des Schöpfungswerkes - sind in gewissem Sinn das erste Evangelium der Arbeit. Der Mensch wurde als Abbild Gottes geschaffen und nimmt durch seine Arbeit am Werk des Schöpfers teil. Das betrifft nicht nur die außergewöhnlichen Leistungen. Männer und Frauen, die durch ihre tägliche Arbeit für ihren Lebensunterhalt sorgen, dürfen mit Recht überzeugt sein, daß sie darin das Werk des Schöpfers weiterführen.

Die Entwicklung der sozialen Probleme in Industrie und Wirtschaft hat die arbeitenden Menschen immer stärker zu einem gemeinsamen Handeln herausgefordert - zur Solidarität. Im gemeinsamen Voranschreiten befreiten sich die Arbeiter und Arbeiterinnen aus Erniedrigung und Unterdrückung. Sie schufen die Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Dasein, für ein Leben in Gerechtigkeit und Freiheit. Die christlichen Arbeitnehmer fanden hierbei Kraft und Anregung besonders auch in der Soziallehre der Kirche.

Christliche Solidarität drängt zum Handeln. Wir sehen in den Evangelien Jesus mit offenen Augen durch seine Heimat gehen. Den mit Leid geschlagenen Menschen wendet er sich liebevoll zu und holt sie heraus aus der Isolierung von Krankheit und Verachtung. Dabei setzt er sich über Widerstände in seiner Umgebung, selbst bei den Aposteln, mit großer Bestimmtheit hinweg. So kann es auch für den solidarischen Christen keine Neutralität dem Unrecht gegenüber geben. Er verläßt die bequeme Distanz und ist bereit, etwas zu tun. Der Entschluß zu handeln ist der entscheidende Schritt, um zum Aufbau einer menschenwürdigen Welt beizutragen.

Christliche Solidarität drängt zum gemeinsamen Handeln. Der Weg vom Ich zum Wir setzt den Verzicht auf Egoismus und Eigensinn voraus. Die Suche nach Übereinstimmung ist zugleich eine Schule persönlicher Entfaltung und Reifung. Schließlich ist das gemeinsame Handeln der angemessene Weg, um vorliegende Probleme mit den Betroffenen selbst zu lösen. Wir sehen diese Elemente oftmals in der Geschichte der Kirche Christi. Auch die Jünger des Herrn bilden um Jesus eine Gruppe gemeinsamen Lernens und Handelns. Sie werden zwei und zwei ausgesandt und verkünden schließlich nicht bloß eine individuelle Heilsbotschaft - das Heil ist dem ganzen Volk Gottes versprochen.

Christliche Solidarität lebt aus dem »Für«, nicht aus dem »Gegen«. Solidarisches Handeln will unnötiges, von Menschen oder von der Natur bewirktes Leid aufheben. Damit richtet es sich zunächst auch gegen jene, die eventuell an der Aufrechterhaltung eines solchen Unrechts oder Unheils interessiert sind. Letztlich aber sollte der Antrieb zur Tat nicht das »Gegen« sein, das zu neuer Unterdrückung führen kann, sondern das befreiende »Für«. An Jesus sehen wir, daß er die Auseinandersetzung mit den Übeltätern und Verfechtern des Unrechts nicht scheut. Sein Ziel aber ist die Umkehr des Sünders, nicht sein Untergang; sein Ziel ist das Leben, nicht der Tod. Auch das Ziel der Arbeitersolidarität sollte nicht Sieg, Triumph und Herrschaft sein, sondern Hilfe, Besserung und Verständigung.

Wenn Ihr Euch also solidarisch zusammenschließt, um eine gerechtere, menschenwürdigere Welt aufzubauen, dann steht Ihr im Dienste des Lebens. Gottes Wille zum Heil ist umfassend. Er will, daß wir leben und Leben in Fülle haben.

7. Zu diesen Betrachtungen über die Solidarität in der Arbeit gehört auch ein herzliches Wort der Anerkennung für jene Brüder und Schwestern aus der Welt der Arbeit, die bewußt als gläubige Christen an ihrem Arbeitsplatz stehen. Ich weiß, daß gerade in Österreich seit vielen Jahrzehnten solche Männer und Frauen in den Reihen der Arbeiterschaft tätig sind und für Christus Zeugnis ablegen. Gerade von diesen Christen sind viele Impulse ausgegangen zur Lösung zahlreicher Probleme der Arbeiterschaft. Die ersten und nächsten Apostel unter der Arbeiterschaft müssen ja die Arbeiter selbst sein. Ich denke dabei auch an die vielen Laien und Priester, die sich in besonderer Weise dem Arbeiterapostolat widmen. Ich weiß, daß sich auch in Österreich viele vom Geist eines Kardinal Cardijn anspornen lassen. Und wenn heute hier auf diesem Platz die Katholische Arbeitnehmerbewegung Österreichs die Gastarbeiter zu einem Treffen mit mir eingeladen hat, dann sehe ich darin ein hoffnungsvolles Zeichen, daß Christen deutlich machen wollen, wie Solidarität in der Arbeit nicht an der Grenze des eigenen Landes und am eigenen Interesse endet. Ich danke Euch für dieses Beispiel, das Ihr damit gegeben habt.

Liebe Brüder und Schwestern aus der Welt der Arbeit!

Seid Euch Eurer Würde und Eurer Berufung bewußt: Söhne und Töchter Gottes seid Ihr, Mitarbeiter Gottes, der diese Welt schuf und sie uns Menschen übergab. Wirkt an ihrer Vollendung. Stellt Eure Kräfte zur Verfügung, um die sozialen Verhältnisse gerecht und menschenwürdig zu gestalten. Ihr habt eine große Vergangenheit, überlaßt die Zukunft nicht dem Zufall! Ich versichere Euch: Die Kirche fühlt sich Euch zutiefst verbunden und steht an Eurer Seite. Sie glaubt an die Werte, die im Menschen sind, an die Ordnung, die der Schöpfer der Welt jedem Menschen eingeschrieben hat.

Ich bitte Gott in dieser Stunde, daß die wirtschaftliche Situation sich wieder zum Besseren wende und für Euch und Eure Familien viele Belastungen und Sorgen wegfallen; daß in den Betrieben und Arbeitsstätten Gerechtigkeit herrsche und so - bei Euch und durch Euch - immer deutlicher werde, daß das Gottesreich schon angebrochen ist. Hier in dieser Welt, auch in der Welt der Arbeit.

Ansprache bei der Begegnung mit den Polen vor der Karlskirche in Wien

Gelobt sei Jesus Christus!

1. Liebe Brüder und Schwestern, liebe Landsleute! Ich danke dem lebendigen Gott für die Gnade dieses Augenblicks, für das Treffen mit meinen Landsleuten auf österreichischem Boden. Ich heiße alle herzlich willkommen und begrüße Euch alle zusammen und jeden einzelnen von Euch. An erster Stelle begrüße ich den Erzbischof von Wien, Kardinal Franz König, den großen Freund Polens. Ferner begrüße ich den Kardinal-Primas, den Kardinal-Erzbischof von Krakau, alle Bischöfe aus Polen sowie die mit uns brüderlich verbundenen Bischöfe aus der Slowakei und aus Böhmen. Ich danke dem Weihbischof Szczepan Wesoly, dem Delegaten für die Seelsorge der Auslandspolen, für seine Worte. Herzlich begrüße ich alle Priester - die hiesigen Seelsorger, die Diözesan- und Ordenspriester, insbesondere die Priester von der Kongregation der Resurrektionisten; von ihrer Kirche aus kam ich hierher. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich auch für die Gastfreundschaft bedanken, die sie mir und manchen Bischöfen aus Polen auf dem Weg nach Rom hier in Wien gewährt haben. Besonders herzlich begrüße ich die zahlreichen Kinder und Jugendlichen. Ich grüße Euch alle, die der Glaube, die Hoffnung, Liebe und brüderliche Solidarität zu diesem Treffen geführt haben. In diesem Geiste grüße ich auch die Vertreter anderer Konfessionen und alle Gäste. Von Herzen danke ich allen für ihre Anwesenheit und ihr Zeugnis.

2. "Glücklich ist das Volk, dessen Gott der Herr ist - das Land, das er für sein Vermächtnis erwählt hat" (Ps 33/32, 12). Meine Ansprache beginne ich mit diesen Psalmworten, denn sie sagen die grundlegende Wahrheit aus, daß Gott, unser Schöpfer und Vater, der seinen Anspruch in die Herzen der Menschen eingeschrieben hat, der Gott der Geschichte ist. Er steht - wie einst in dem Zeichen der feurigen Säule vor den Israeliten, die in der Wüste ihrer Befreiung entgegengingen - an dem Weg jedes Menschen, aller Völker und Nationen, für die er endgültige Bestimmung und Erfüllung ist. Durch das Bündnis, das er mit der Menschheit im Namen Jesu Christi geschlossen hat, wählt er einzelne Menschen und Völker "für sein Vermächtnis" aus. Durch die Treue zu diesem Bündnis wird er ihr Herr und Erlöser.

Das Leben der Menschen, das Leben der einzelnen Völker und deren Zusammenleben bleibt für immer an die höchste Autorität Gottes gebunden. Diese Bindung charakterisiert nicht nur die Beziehung des allmächtigen Schöpfers zu seinen Geschöpfen; in Christus, dem Sohn Gottes, und der Jungfrau von Nazaret wird sie zu einer Familie, in der wir Kinder unseres alleinigen Gottes und Brüder untereinander sind. Nur in dieser Bindung wird das Wohl des einzelnen und das Wohl aller zum umfassenden Gemeinwohl aller.

Angesichts der gegenwärtigen Bedrohung und Rückschläge, die wir erleben, schaut die Kirche mit größter Sorge auf das Innere des Menschen, auf seinen Geist. Sie schaut auf den Geist der Nationen, und in der geistigen Wiedergeburt sieht sie Heilung und Rettung. Die Nation ist nicht nur eine Gemeinschaft von Individuen. Sie ist vielmehr eine Synthese der Sprache, des Denkens, der Werte, der Erfahrungen, des Glaubens, der Traditionalso eine Synthese der Kultur. Diese Synthese bildet den Menschen und formt die Generationen. Daraus schöpft der Mensch die Kraft für sein Leben in der Familie, der Heimat und für die Zukunft.

3. Und in diesem Geist wollen wir den 300. Jahrestag des Entsatzes in Wien feiern. Dem allmächtigen Gott wollen wir unsere tiefe Dankbarkeit dafür ausdrücken, daß er der Gott der Geschichte der Menschen und der Völker ist, daß er sie als Vermächtnis erwählt hat, dem er trotz aller Gefährdungen die Treue hält, dafür auch, daß er unseren Vätern Tapferkeit und Kraft gegeben hat. Hier in Wien wollen wir dem König J ohannes III. Sobieski die Ehre dafür erweisen, daß er das damals bedrohte Vaterland verteidigte, als sich Europa, die Kirche und die christliche Kultur in Todesnot befanden. Wir wollen Gott für den vor 300 Jahren errungenen Sieg danken. Wir gedenken des Heeres, dessen Oberbefehlshaber der König war, besonders unserer Landsleute. Wir würdigen ihre Opferbereitschaft und Tapferkeit. Wir erinnern uns dankbar daran, daß sie kamen und daß Gott durch sie gesiegt hat. Möge ihnen das ewige Licht leuchten, und möge dieses Licht auch unseren Weg, den Weg unserer Brüder und Schwestern in unserem Vaterland und auf der ganzen Erde erleuchten.

Wir werden uns gleich zu unserem Glauben an Gott, der gleichzeitig unser Glaube an den Menschen ist, wenden. Denn die Größe und Würde des Menschen sind darin begründet, daß der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen wurde, daß er erlöst wurde und die Kraft erhalten hat, Kind Gottes zu werden, selbst am Leben Gottes teilzuhaben, indem er unsterblich ist, obwohl er sterben muß.

Meine Pilgerfahrt nach Österreich und auch dieses Treffen mit meinen Landsleuten, die sich ständig oder vorübergehend in Österreich aufhalten, findet im Jahre des großen Jubiläums unserer Befreiung statt. Wir gedenken in diesem Jahr ganz besonders des Werkes der Erlösung durch Jesus Christus vor 1950 Jahren. Wir gedenken des Kalvarienkreuzes und der Auferstehung, für die dieses Kreuz den Weg bereitet hat. Ohne die Auferstehung wären das Kreuz und der Tod am Kreuz eine Tragödie. Wenn Christus nicht auferstanden ist, ist unser Glaube leer, schreibt der Apostel Paulus (1 Kor 15, 14). Aber Christus kam, um zu sterben und aufzuerstehen, damit wir das Leben und das Leben in Fülle haben (loh 10, 10). Er hat für euch gelittten, schreibt der heilige Petrus, und er trug unsere Sünden, damit wir aufhören, Sünder zu sein, und damit wir für die Gerechtigkeit leben. Durch das Blut aus seinen Wunden wurdet ihr geheilt (vgl. 1 Petr 2, 21.24).

Ich bin ein Kind von Tschenstochau

4. Dieser Sieg ist ein Geschenk der Liebe. Seither ist das Kreuz das Symbol des Sieges durch die Liebe und verkündet den Menschen eine Hoffnung. Von diesem ersten Tag nach dem Sabbat an verkündet die Kirche dem Menschen, daß seine Sache gewonnen hat, daß er trotz aller Not, Erniedrigung und Beraubung der Freiheit - frei ist. Es wird nichts mehr geschehen,. was imstande wäre, ihn zu vernichten, ihm den Glauben an die Zukunft zu nehmen. Christus "hat dem Tod die Macht genommen und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht durch das Evangelium" (2 Tim 1, 10). Deshalb bekennen wir heute mit gestärktem Bewußtsein und besonderer Kraft: Ich glaube an die Vergebung der Sünden, an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Möge dies für Euch eine dauerhafte Frucht des Heiligen Jahres und unseres Treffens bleiben.

5. Liebe Brüder und Schwestern, ich kenne - zumindest zum Teil- Eure Schmerzen und Eure Bitterkeit, die die mit eurer Emigration verbundene Verpflanzung über Euch gebracht hat. Ihr habt vielleicht diese Schmerzen nicht vorausgesehen. Manchmal seid Ihr in der Versuchung, den Verführungen dieser Welt zu erliegen. Ich werde diese Versuchungen hier nicht aufzählen: Ihr kennt sie gut. Aber ich bitte Euch: Laßt Euch durch keine Macht und Täuschung vom rechten Weg abbringen! Seid stark durch die Kraft des Glaubens und des Geistes! Müht Euch um Euer Wohl und das Wohl Eurer Familien! Mögen die Familien der Liebe nach dem Gebot des Evangeliums treu und eine Stütze des Glaubens bleiben! Arbeitet für das Wohl der Gemeinschaft, die Ihr gewählt habt oder in der Ihr leben müßt! Seid dankbar für jedes Entgegenkommen, für jede Güte, und seid bereit, auf christliche Weise zu verzeihen! Wahrt Euren guten Ruf und den guten Ruf Eurer Heimat, in der Ihr aufgewachsen seid. Behaltet und mehrt das Erbe, das Ihr in Euch tragt! Bleibt diesem Erbe treu in allem, was gut ist! Das ist der Weg zur Rettung der eigenen Würde und der Achtung vor der Würde des anderen. Verfallt keinem Materialismus! Bewahrt und vertieft durch Eure Gemeinden das Bündnis mit der Kirche! Öffnet Euch durch ihre Sakramente die Quellen der Gnade des Erlösers!

6. Mit Zuversicht möchte ich Euren Blick und Eure Herzen zur Mutter von "Jasna G6ra" lenken; ihr vertraue ich das Los der Landsleute innerhalb und außerhalb der Heimat an. Ihr möchte ich Euch alle anvertrauen. Jasna G6ra ist das Zeichen und die Quelle der Werte, die von Gott sind und die die Seelen und Herzen der Menschen dieser Erde formen, die erlöschende Augen mit Hoffnung erfüllen, die eine Niederlage in einen Sieg verwandeln. Unser Dichter bekennt in seinem Gedicht Gott als Verwalter der Erde und sagt mit großer Einfachheit: "Wißt ihr, wo ich war, wo ich das gelernt habe?" ... Ich bin ein Kind von Tschenstochau, komme von dort zu Fuß, wohl weither, aber gern" (K. C. Norwid).

In diesem Sinne beten wir zu Gott durch unsere Mutter und Königin von Jasna G6ra: Herr, baue unser Haus, hüte deine Stadt (vgl. Ps 127/126,1). Jetzt wollen wir gemeinsam das Taufgelöbnis erneuern.[3]

Dienstag, den 13. September 1983

Ansprache bei der Gedenkfeier für die Schlacht auf dem Kahlenberg (Wien)

Freudig und mit bewegtem Herzen grüße ich Euch alle, die Ihr an diesem letzten Vormittag meines Besuches in Österreich mit mir auf den Kahlenberg gekommen seid. Ich danke für den liebevollen Empfang, die treffenden Worte und das frohe Singen.

Als vor dreihundert Jahren von diesen Höhen des Wienerwaldes eine große Entscheidung ihren Ausgang nahm, erhielt für die Menschen in der belagerten Stadt das Psalmenwort eine neue, lebensnahe Bedeutung: »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn«. (Ps 121,1).

Die Kirche auf dem Kahlenberg erinnert uns daran, daß auch die Befreier wußten, wie sehr sie auf die Hilfe von oben angewiesen waren. Sie wollten die Schlacht nicht beginnen, ohne vorher gemeinsam Gott um seine Hilfe angefleht zu haben. Und dieses Gebet nahmen sie mit in den Kampf: »Jesus und Maria hilf!«. Ja, das Vertrauen auf die machtvolle Fürsprache Marias hat die bedrohten Völker in diesen Monaten der Angst beseelt. Und so sehr hat man den glücklichen Sieg ihrer mütterlichen Vermittlung zugeschrieben, daß der 12. September jeden Jahres seitdem als Fest Mariä Namen ihr gehört.

Es war mir wie ein Geschenk von ihr, daß ich dieses Fest am 300. Jahrestag jener Befreiung, für die mein Vorgänger es einführte, im Hohen Dom der befreiten Hauptstadt feiern durfte, in geistiger Verbundenheit mit denen, die damals - zuerst in Not und dann im Jubel - im selben Gotteshaus gebetet und gesungen haben. Hören wir nicht auf zu beten und zu singen; Mariä Namen ist uns auch heute als Zuflucht gegeben. Wir haben nicht weniger Grund, sie zu bestürmen: »Maria, breit den Mantel aus, mach Schirm und Schutz für uns daraus; laß uns darunter sicher stehn, bis alle Stürm' vorübergehn«.

Ich bin auf dem Weg zu Ihrem Heiligtum Mariazell. In Gedanken nehme ich Euch alle mit. Marias mütterlicher Liebe empfehle ich die Vielen, die bei der Vorbereitung und Gestaltung dieses großen Katholikentages mitgeholfen haben. Ich möchte Euch und Euren Familien danken für allen Einsatz, alle Opfer und Euch zu rufen: »Vergelt's Gott!«. Ich möchte Euch aber auch eindringlich bitten: Haltet Euch stets vor Augen, daß die Nacharbeit eines solchen Ereignisses ebenso wichtig ist wie die Vorbereitung. Sie ist vielleicht eine mehr unscheinbare Aufgabe, aber gerade deswegen dürfen wir nicht zögern, uns ihr mit Phantasie und Ausdauer zu widmen.

Auch Euch, meine polnischen Landsleute, möchte ich mitnehmen zur Magna Mater Austriae und Mater Gentium Slavorum. Die tiefgehende Verbundenheit, die am 12. September 1683 unter dem Schutzmantel Marias zwischen Österreich und Polen entstanden tst, hat sich gerade in unseren Tagen wieder als tragfähig für echte Brüderlichkeit erwiesen.

Den folgenden Teil seiner Ansprache hielt der Papst in Polnisch:

Liebe Landsleute!

Seid willkommen! Ich möchte in wenigen Worten die Bedeutung dieses Augenblicks hervorheben, den wir hier zusammen auf dem Kahlenberg erleben in Erinnerung an den Sieg der polnischen Waffen und der Koalition der europäischen Länder unter Führung unseres Königs J an Sobieski. Dieser Augenblick weckt viele Überlegungen, denn es handelt sich um ein Ereignis, das die europäische Kultur und die Christenheit Europas gerettet und sich tief in seine Geschichte eingeschrieben hat. Vor allem aber weckten dieses Jubiläum und diese Begegnung heute in uns tiefe Dankbarkeit für die großen Werke, die Gott unter den Menschen und durch sie wirkt.

Im Alten Testament sagen die Propheten, die geistlichen Führer des auserwählten Volkes, das einzige Mittel, das zum Sieg und zur Freiheit führt, sei die innere Umkehr, die sittliche Ordnung, der Glaube und die Treue zu dem mit dem Herrn geschlossenen Bund.

Und in diesem Zusammenhang muß man den Sieg von Wien einordnen. Es war vor allem die Kraft des Glaubens, die den König und sein Heer veranlaßte, eine tödliche Bedrohung zu bestehen, in Verteidigung der Freiheit Europas und der Kirche, und diese historische Sendung voll zu erfüllen.

Es ist sehr bedeutsam, daß der König auf seinem Weg nach Wien in Jasna G6ra haltmachte, wo er beichtete und an mehreren Messen teilnahm. Er betete in Krakau in der Karmelitenkirche vor dem Bild Unserer Lieben Frau von Krakau und bestimmte zum Tag des Aufbruchs aus dieser Stadt das Fest Mariä Himmelfahrt. Er betete vor dem wundertätigen Bild in Piekary Slaskie.

Die Weihe einer Kapelle der Madonna von Jasna G6ra heute hier auf dem Kahlenberg, an der Stelle der siegreichen Schlacht, gewinnt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung. Sie ist der Ausdruck des Dankes gegenüber unserer Mutter, die uns schützt, und eine Huldigung, die wir unseren Vätern erweisen für ihr Zeugnis, aus dem wir Mut schöpfen möchten, um bei der Verteidigung der heute bedrohten Werte standhaft zu sein.[4]

Im Schlußteil seiner Rede sprach Johannes Paul II. wieder Deutsch:

Natürlich möchte ich nach Mariazell ganz besonders Euch mitnehmen, liebe Schülerinnen und Schüler. Ich möchte Maria sagen können, daß Euer Herz offen ist für jeden Anruf ihres Sohnes, so wie sie es wünscht: »Was er euch sagt, das tut« (Joh 2, 5). Laßt Euch auf ihn ein! Er braucht euch: Euren Schwung, Eure Ideen, Eure Kraft, ja das auch, vor allem aber Euer hoffnungsfrohes, junges Herz. Laßt Euch auf ihn ein! Mag er Euch dann in die Ehe, in eine geistliche Gemeinschaft oder ins Priestertum führen - überall seid Ihr Kirche; aber laßt es ihn entscheiden!

Er braucht Ehen, die sich als lebendige Zellen seines Reiches verstehen, als Strahlungszentrum seiner Liebe. Er braucht Menschen, an deren Lebensform sichtbar wird, daß er die letzte Sehnsucht unseres Herzens ist und der letzte Inhalt jeder Gemeinschaft. Er braucht Menschen, die in der Kirche das Wirken ihres Herrn im priesterlichen Dienst verkörpern, so wie ich es in diesen Tagen unter Euch tun durfte. Laßt Euch ein auf ihn; es ist ein herrliches Abenteuer und jede Anstrengung wert!

Liebe Freunde! Der Tag, an den uns die Kirche auf dem Kahlenberg erinnert, entschied über Leben und Tod von Zehntausenden von Soldaten und Bürgern und über das politische und religiöse Schicksal ganzer Völker auf Jahrhunderte hin. Bei einem solchen Rückblick fühlen wir uns recht klein. Aber der Herr der Geschichte hat auch den Lebensweg eines jeden einzelnen von uns in seiner Hand und in seinem Herzen. Vertrauen wir uns ihm an, im Großen und im Kleinen. Lebt wohl!

Predigt bei der Hl. Messe im Heiligtum Mariazell

Liebe Mitpilger zur Gottesmutter von Mariazell!

1. Μaria machte sich auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Der Name der Stadt war Ain-Karem. Heute machten wir uns auf den Weg und eilten zu ihr ins Bergland der Steiermark. Pater Magnus von St. Lambrecht hat ihr hier eine »Zelle« errichtet. Seit über 800 Jahren empfängt sie nun darin die Pilger und nimmt ihr Bitten und Danken an — hier in ihrem Heiligtum »Mariazell«.

Von weit her kamen und kommen die Pilger — mit Zepter oder Wanderstab — und empfehlen sich und die Ihren immer wieder neu dem Schutz und der Fürsprache der »Magna Mater Austriae« , der »Mater Gentium Slavorum«, der »Magna Hungarorum Domina«. Sie reihen sich damit ein in die große Wallfahrt der Völker, von der wir soeben beim Propheten Jesaja gelesen haben: »Völker wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz. Blick auf und schau umher: Sie alle versammeln sich und kommen zu dir ... Dein Herz bebt vor Freude und öffnet sich weit«.

Auch in dieser Stunde öffnet sich wiederum das mütterliche Herz Marias, liebe Brüder und Schwestern, da wir im Anschluß an den großen Katholikentag ebenfalls als Pilger zu ihr gekommen sind, um nicht nur die Diözesen Österreichs und der benachbarten Völker, sondern die ganze Kirche ihres Sohnes vor ihr zu vertreten und ihrer Liebe und Sorge anzuvertrauen.

2. Liebe Mitbrüder im Bischofsamt, im Priestertum und im Diakonat, liebe Ordensleute, liebe Seminaristen, Novizinnen und Novizen, liebe Brüder und Schwestern im Laienstand! Als pilgerndes Gottesvolk sind wir alle von Gott »erkannt«, »bestimmt« und »berufen«, »an Wesen und Gestalt ihres Sohnes teilzuhaben«. Diese gemeinsame Berufung hat in den verschiedenen Lebensformen und Diensten der Kirche eine besondere Ausprägung. Dennoch gibt es in der Kirche wie in einer Familie zwischen ihren einzelnen Gliedern und Gruppierungen keine trennenden Schranken. Alle sind aufeinander verwiesen, und jeder trägt jeden. So gehört auch jede meiner Begegnungen in diesen Tagen Euch allen, meine lieben Glaubensbrüder und -schwestern in Österreich: mein Wort zur Politik und das zur Kultur, mein Wort an die Jugend und das an die Kranken. Und Euch allen gehören auch meine Gedanken über das Priestertum und Ordensleben, die ich Euch hier beim Gnadenbild der Gottesmutter der Betrachtung und persönlichen Vertiefung anvertrauen möchte.

3. Das heutige Evangelium gipfelt in dem Satz: »Selig ist die, die geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ«. Mit diesem Satz schaut der Evangelist vom Haus der Elisabeth zurück in die Kammer von Nazaret, vom Gespräch der beiden Frauen zum Sprechen Gottes. Gott ist es, der das Gespräch mit der heiligen Jungfrau, mit der Menschheit eröffnet. Das erste ist immer das Sprechen Gottes. »Im Anfang war das Wort« Deshalb muß, liebe Priester und Ordensleute, in unserem geistlichen Leben das erste immer das Hören sein. Erst muß das Wort Gottes vernommen werden, dann erst können wir Antwort geben; erst müssen wir horchen, dann erst können wir gehorchen. Stille und Sammlung, geistliche Lesung und Betrachtung sind unerläßlich für unseren Weg und Dienst als Hörer und Verkünder des menschgewordenen Wortes. Maria ist uns darin Vorbild und Hilfe. Die Evangelien zeichnen sie als die große Schweigende, als die im Schweigen Hörende. Ihr Schweigen ist der Schoß des Wortes. Sie bewahrt alles und läßt es reifen in ihrem Herzen. Wie in der Szene der Verkündigung wird das Hören auf Gott ganz von selbst zu einem Gespräch mit Gott, in dem wir ihn ansprechen dürfen und er uns anhört. Sprecht also vor Gott aus, was Euch bewegt! Dankt ihm voll Freude für das, was er an Euch gewirkt hat und was er Tag für Tag durch Euch an andere vermittelt! Tragt vor ihn die Sorge um die Euch anvertrauten Menschen, die Kinder und die Jugend, die Eheleute, die Alten und die Kranken! Tragt vor ihn die Schwierigkeiten und Mißerfolge in Eurem Dienst, all Eure persönlichen Nöte und Leiden!

Liebe Priester und Ordensleute, das Gebet ist ein unersetzlicher Bestandteil unserer Berufung. Es ist so wesentlich, daß seinetwegen manches andere — scheinbar Dringlichere — zurückgestellt werden darf und muß. Auch wenn Euer Alltag im Dienst für die Menschen oft bis zum Übermaß mit Arbeit ausgefüllt ist, so dürfen darin angemessene Zeiten der Stille und des Gebetes nicht fehlen. Gebet und Arbeit dürfen niemals voneinander getrennt werden. Wenn wir unsere Arbeit täglich vor Gott bedenken und ihm anempfehlen, so wird sie schließlich selbst Gebet.

Lernt beten! Schöpft dabei vor allem aus dem Reichtum des Stundengebetes und der Eucharistie, die in besonderer Weise Eure tägliche Arbeit begleiten soll. Lernt in der Schule des Herrn selbst so beten, daß Ihr zu »Meistern« des Gebetes werdet und auch jene, die Euch anvertraut sind, das Beten lehren könnt. Wenn Ihr die Menschen beten lehrt, dann bringt Ihr ihren oft verschütteten Glauben wieder zum Sprechen. Durch das Gebet führt Ihr sie zurück zu Gott und gebt ihrem Leben wieder Halt und Sinn.

Voll Hoffnung schaue ich auf Euch, liebe Priesteramtskandidaten, Novizinnen und Novizen. Schon Eure Seminare und Noviziate sollen Stätten der Besinnung, des Gebetes und der Einübung in den vertrauten Umgang mit dem Herrn sein. Ich weiß, welche neue Sehnsucht Ihr nach rechtem Beten habt und daß Ihr auch nach neuen Wegen sucht, um Euer Leben noch tiefer vom Gebet durchdringen zu lassen. Mit Euch zusammen wollen wir alle wieder neu beten lernen! Lassen wir uns mitreißen vom Psalmisten des Alten Bundes, der da betet: »Nur eines erbitte ich vom Herrn, danach verlangt mich: im Haus des Herrn zu wohnen alle Tage meines Lebens, die Freundlichkeit des Herrn zu schauen und nachzusinnen in seinem Tempel«.

4. Liebe Brüder und Schwestern! Gottes Wort führt uns in die Stille, zu uns selbst, zur Begegnung mit ihm, aber es trennt uns nicht voneinander. Gottes Wort isoliert nicht, sondern es verbindet. In der Stille ihres Gesprächs mit dem Engel erfährt Maria von der Mutterschaft Elisabeths. Aus der Stille dieses Gesprächs macht sie sich auf den Weg und eilt zu ihr ins Bergland von Judäa. Maria weiß um Gottes Wirken an Elisabeth und berichtet ihr von Gottes Wirken an ihr selbst. Kostbare Gebete sind das Geschenk jener Stunde. »Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes«, so beantwortet Elisabeth den Gruß Marias, und unser tägliches Magnifikat ist Marias Antwort an Elisabeth. Merken wir uns aus dem Evangelium unserer heutigen Pilgermesse: Gott beruft nicht nur, sondern er hilft den Berufenen auch, einander in ihrer jeweiligen Berufung zu verstehen und gegenseitig anzunehmen.

Jesus will, daß die Gerufenen bei ihm sind, aber nicht als isolierte einzelne, sondern in Gemeinschaft. Das ganze Gottesvolk, aber auch die einzelnen Berufungen in ihm stehen in »communio« mit dem Herrn und untereinander. Wie bei Maria und Elisabeth umfaßt diese Gemeinschaft das Glaubensleben wie den Alltag. Das wird besonders deutlich bei Euch Ordensleuten. Ihr lebt noch mehr als andere nach dem Beispiel der Urkirche, in der »die Gemeinde der Gläubigen ein Herz und eine Seele war«? Je mehr es Euch gelingt, in Euren Gemeinschaften in echter Liebe zu leben, um so eindringlicher bezeugt Ihr die Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft. Eure Einheit macht nach den Worten des Konzils »das Kommen Christi offenbar, und eine große apostolische Kraft geht von ihr aus«.

Das gilt in ähnlicher Weise auch von Euch Diözesanpriestern und Diakonen. Ich weiß, daß manche von Euch unter Einsamkeit leiden. Viele von Euch stehen — auch wegen des zunehmenden Priestermangels — in ihrer Arbeit allein. Ihr fühlt Euch vielleicht zu wenig verstanden und angenommen in einer Welt, die anders denkt und Euch mit Eurer Botschaft als etwas Befremdendes erlebt. Umso mehr müssen wir das bedenken und konkret zu leben versuchen, was das Konzil über die Gemeinschaft unter den Priestern sagt. Auch Ihr Weltpriester und Diakone seid niemals wirklich allein: ihr bildet zusammen eine innige Schicksalsgemeinschaft! Denn durch die heilige Weihe und Sendung seid Ihr, wie das Konzil nachdrücklich betont, »einander in ganz enger Brüderlichkeit«, in »inniger sakramentaler Bruderschaft ... verbunden«. Ihr seid mit Euren »Mitbrüdern durch das Band der Liebe, des Gebetes und der allseitigen Zusammenarbeit« geeint. Bemüht Euch, liebe Mitbrüder, diese im Weihesakrament grundgelegte beglückende Wirklichkeit in lebendiger priesterlicher Gemeinschaft zu leben! Das machen auch wir, der Papst und die Bischöfe, mit Euch zu unserem gemeinsamen Anliegen. Tun wir alles, was mit Gottes Hilfe in unserer Macht steht, um uns einander brüderlich anzunehmen, gegenseitig mitzutragen und so gemeinsam für Christus Zeugnis zu geben.

Die von Euch Priestern und Ordensleuten um des Himmelreiches willen gewählte Ehelosigkeit macht Euch freier für die Gemeinschaft mit Christus und den Dienst an den Menschen. Sie macht Euch aber auch freier für um so engere und tiefere Gemeinschaft untereinander. Laßt Euch von niemandem und von nichts versuchen, diese hochherzige Verfügbarkeit zu mindern oder zurückzunehmen.

Macht sie vielmehr voll fruchtbar für Euer Leben und Euren Dienst zum Heil der Menschen.

Liebe Priesteramtskandidaten in den Seminarien! Ihr seid voller Ideen über den Dienst und das Leben der Priester in unserer Zeit. Wir wollen uns mit Euch öffnen für das, »was der Geist den Gemeinden sagt«. Zugleich bitte ich Euch: Lebt Eure Ideale schon jetzt, gerade das Ideal der Gemeinschaft — untereinander und mit Eurem Regens — in Glaubensleben, Studium und Freizeit.

Je mehr Gemeinschaftsgeist es bei den Ordensleuten und Priestern gibt, um so wirkungsvoller wird ihr Dienst. Von der Art, wie sie Gemeinschaft leben, wird es auch abhängen, ob mehr junge Menschen den Schritt zum Ordens- und Priesterberuf wagen. Dort, wo lebendige Konvente sind, dort, wo Seelsorger brüderlich zusammenleben, dort, wo Priester und Laien in der Einheit des Leibes Christi zusammenstehen, dort gibt es auch die meisten Berufe!

5. Liebe Brüder und Schwestern! Es ist mir eine ganz besondere Freude, diese Worte hier beim Gnadenbild der Gottesmutter von Mariazell an Euch richten zu können. Als Mutter Gottes und Mutter der Kirche ist Maria in vorzüglicher Weise auch die Mutter derjenigen, die die Sendung ihres Sohnes in der Geschichte fortsetzen. In ihrer Berufung, in ihrem vorbehaltlosen Ja zur Botschaft des Engels, in ihrem Lobpreis auf das gnädige Erbarmen Gottes im Magnifikat erkennen wir das Geheimnis und die Größe unserer eigenen Berufung. Im gläubigen Ja zu ihrer Erwählung und Sendung ist Gottes Wort in ihr geschichtliche Wirklichkeit geworden. Dadurch hat sich der ewige Ratschluß Gottes verwirklicht, von dem der heilige Paulus in der heutigen zweiten Lesung spricht: »Alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch dazu vorausbestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene von vielen Brüdern sei«. Durch ihren gläubigen Gehorsam dem Wort des Engels gegenüber ist Maria in den Mittelpunkt des göttlichen Heilsplanes getreten. Durch ihre Mutterschaft ist Gottes Sohn unser aller Bruder geworden, damit wir ihm gleichgestaltet werden können in Gerechtigkeit und Herrlichkeit. Denn so sagt der heilige Paulus heute weiter: Die Gott »berufen hat, hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, hat er auch verherrlicht«. Die Erhöhung des Menschen bis zur Teilnahme an der Herrlichkeit der Heiligsten Dreifaltigkeit verwirklicht sich durch Christus, den Sohn Gottes, der durch das gläubige »Fiat« Marias der Menschensohn geworden ist. Ja, in der Tat: »Selig ist die, die geglaubt hat«; siehe, fortan preisen sie selig alle Geschlechter.

Ja, liebe Brüder und Schwestern, selig auch wir, die wir geglaubt haben, wenn wir wie Maria aus unserer persönlichen Begegnung mit Gott aufbrechen, um den Bewohnern der Berge und Täler aller Länder und Kontinente heute zu verkünden, was sich im Schoß Marias, in Christus, ihrem Sohn, und in uns, seinen Brüdern, an Großtaten Gottes ereignet hat. Denn, so sagt uns der Prophet Jesaja in der ersten Lesung, »Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker, doch über dir geht leuchtend der Herr auf, seine Herrlichkeit erscheint über dir«. Durch den Glauben Marias ist das Licht Gottes aufgestrahlt und erleuchtet das neue Jerusalem. Es ist das Aufleuchten der Herrlichkeit des Allerhöchsten, jenes Lichtes, das anfangsweise schon jeden Menschen erleuchtet, das aber in Jesus Christus allen in hellem Glanz erstrahlen will. Deshalb ist es uns aufgetragen zu verkünden: »Auf, werde licht, denn es kommt Dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn geht leuchtend auf über dir«.

Wer einen geistlichen Beruf hat, dem gilt diese Sendung der Kirche in einer besonderen Weise. Christus hat seine Jünger nicht nur in seine vertraute Nähe berufen, sondern er sendet sie aus der Vertrautheit mit ihm hinaus zu den Menschen. »Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen«. Eigens erwähnen möchte ich in diesem Zusammenhang Eure Priester, Brüder und Schwestern in der Mission, die zusammen mit den kirchlichen Entwicklungshelfern in aller Welt die Frohe Botschaft im Wort und in sozialer Tat verkünden. Wer immer Ihr seid und wo immer Ihr arbeitet, Euer geistlicher Auftrag ist überall der gleiche, nämlich mit dem »aufstrahlenden Licht aus der Höhe« alle zu erleuchten, die »in Finsternis und im Schatten des Todes sitzen«. Dies ist Eure Sendung, ob Ihr in einer Stadtpfarrei Priester seid oder eine kleine Landgemeinde betreut, ob Ihr als Ordensmänner und Ordensfrauen in der Schule wirkt oder in der Fürsorge und Krankenpflege arbeitet oder ob Ihr durch Krankheit und Alter zu scheinbarer Untätigkeit verurteilt seid.

Gerade auch Euch kranken und betagten Priestern und Ordensleuten fühle ich mich in dieser Stunde ganz besonders verbunden — einige von Euch werde ich jα anschließend persönlich begrüßen. Eurer Sorge und Eurem Gedenken empfiehlt sich die ganze Kirche auf der weiten Welt. Für Eure Mission gibt es keine Schranken des Raumes mehr. Eure Sprache ist das Gebet und das mutig immer neu angenommene Leid. Auch Euch sendet der Herr immer wieder aus. Euer besonderer Dienst — das Beten und Leiden — ist in der Sendung der Kirche unersetzbar. Am Ende seines Lebens hat auch der Herr nicht mehr gepredigt. Er hat nur mehr sein Kreuz auf sich genommen und es getragen und erduldet, bis schließlich alles vollbracht war.

6. Liebe Brüder und Schwestern im Priester- und Ordensstand und Ihr alle, die Ihr Euch auf diese geistlichen Berufe vorbereitet! Der Herr hat Euch auserwählt, damit Ihr in Gebet und Sammlung bei ihm seid, damit Ihr Eure Berufung in Gemeinschaft lebt und damit Ihr sein Heil hinaustragt zu den Menschen. Am Ende der Eucharistiefeier werde ich diese Eure Berufung dem mütterlichen Schutz und Beistand der Gnadenmutter von Mariazell anempfehlen.

Um zusammenzufassen, was ich Euch von unserer gemeinsamen Wallfahrt mitgeben möchte, was Maria selber Euch — und mir — von diesem ihren Heiligtum mit auf den Weg geben möchte, wähle ich ein Wort, das sie sicher selbst oft in ihrem Leben gebetet hat, einen Vers aus dem heutigen Antwortpsalm. Mit ihm möchte ich nochmals das große Thema des Katholikentages aufgreifen und durch Maria einem jeden von Euch ins Herz legen lassen:

»Hoffe auf den Herrn, sei stark! Hab festen Mut und hoffe au f den Herrn!«. Amen.

Gebet für die österreichische Nation im Heiligtum Mariazell

1. Selig bist Du, Maria, die Du geglaubt hast! So lobpreisen wir Dich zusammen mit Elisabeth (Lk 1, 45). Selig bist Du, Mutter unseres Herrn Jesus Christus und Mutter der Kirche.

Unser aller Mutter bist Du, die wir heute diese Wallfahrt zu Deinem Heiligtum in Mariazell unternommen haben: Bischöfe, Priester, Diakone, Ordensleute, Seminaristen, Novizen und viele Gläubige von nah und fern zusammen mit dem Nachfolger des Apostels Petrus inmitten des pilgernden Gottesvolkes.

Vor Dir möchten wir dieses Gebet unserer Weihe aussprechen. Deinem reinen Herzen vertrauen wir alles an, was uns in dieser Stunde zutiefst bewegt: all unsere berechtigten Wünsche und Hoffnungen, zugleich aber auch unsere Sorgen und Leiden. Führe uns mit unseren Freuden und Lasten zu Deinem Sohn, in das Heiligtum seines liebenden Herzens, damit er seinen Brüdern und Schwestern den Vater zeige, das selige Ziel unserer Wege.

2. Heilige Mutter von Mariazell! Dir überantworten wir dieses Land mit seinen Dörfern und Städten, ganz Österreich und seine Bewohner. Sein kostbares Erbe, das Christentum, möge weiterhin das Leben der einzelnen und der Familien, das Leben der Gesellschaft und des Staates heilen und prägen. Es helfe allen, den tiefsten Sinn ihres irdischen Lebensweges zu finden. Es wecke wieder Mut und Hoffnung für die Tage und Jahre, die kommen.

3. Deinem mütterlichen Herzen, Maria, vertrauen wir vor allem diejenigen an, die von Leid und Schmerz bedrückt sind: Kranke und Behinderte, Männer und Frauen in schwierigen Ehen, Kinder in zerstrittenen Familien, Menschen mit drückenden Schulden, Arbeitslose, Entwurzelte, Strafgefangene. Wieviel Tränen, wieviel Angst, wieviel Dunkel auf dem Weg!

Das Kreuz Deines Sohnes leuchte ihnen auf als Zeichen des unendlichen Erbarmens Gottes. Zeige ihnen die Gesinnung Christi, die es möglich macht, das Böse durch das Gute zu besiegen (Röm 12, 21) durch tapfere Liebe zu einer neuen Lebenserfüllung zu gelangen. Nimm an, barmherzige Mutter, jeden selbstlosen Samariterdienst, jede freiwillig geschenkte Stunde im Dienst für den Nächsten in Bedrängnis!

4. Ebenso empfehlen wir Dir die Menschen in der vollen Kraft ihres Lebens, Männer und Frauen, die für ihre Familie, für ihren Berufsbereich, für die Gemeinschaftsaufgaben im Lande verantwortlich sind. Laß sie in der Frohen Botschaft Licht und Kraft für ihre Pläne und Entscheidungen finden, geleitet von einem reifen christlichen Gewissen: die Väter und Mütter, die Lehrer und Ärzte, die Wissenschaftler und Politiker, die Polizisten, Soldaten und alle, die dem Gemeinwohl dienen. Zeige ihnen den leuchtenden Wert der Wahrheit, das hohe Gut der Gerechtigkeit, den stillen Glanz der Selbstlosigkeit!

5. Deinen mütterlichen Schutz, Maria, erbitten wir auch für die junge Generation: Kinder, Burschen und Mädchen, junge Männer und Frauen. Geleite sie behutsam Schritt für Schritt auf dem Weg christlicher Verantwortung für sich selbst und die Gemeinschaft: die Mutigen und die Starken, die Unternehmungslustigen und die Zupackenden; ebenso die Stillen, die Zögernden, die Abwägenden; die Lachenden und die Ernsten.

Laß in ihren Herzen das Licht jener Ideale nicht verlöschen, die dem Leben des Menschen seinen wahren Wert geben. Niemand soll sie auslöschen: weder die jungen Menschen selbst noch irgendjemand sonst. Mutter, segne die Jugend, daß sie fähig werde, von sich selbst viel zu fordern und anderen viel zu geben, den Versuchungen einer Genußwelt zu widerstehen und dem Wohl ihres Nächsten zu dienen.

6. Schließlich weihen wir Dir, Gottesmutter von Mariazell, die Kirche Jesu Christi hier in Österreich: alle, die in ihr Verantwortung tragen und ihr dienen, alle Hirten und Gläubigen ín den Diözesen Salzburg und Wien; Sankt Pölten und Linz; Graz-Seckau und Eisenstadt; Gurk, Innsbruck und Feldkirch. Die Kirche erfülle heute wie in Zukunft ihren Heilsauftrag: im Namen des Evangeliums Jesu Christi, in fester Einheit mit den anderen Ortskirchen der Weltkirche und mit dem Petrusamt in Rom, zum Wohl und Segen aller Menschen dieses Landes, der Einheimischen und der Zugezogenen, der Gläubigen und der Suchenden.

Mutter der Kirche, zeige dem Volk Gottes in diesem Lande wieder den Weg, Berufungen zum Priestertum und Ordensleben in größerer Zahl zu entdecken und zu fördern. Möge sich zugleich das vielfältige Laienapostolat noch vertiefen und ausbreiten, die missionarische Verantwortung aller noch zunehmen. Magna Mater Austriae, segne die Kirche Österreichs!

Christus, Guter Hirt der Deinen, nimm im Herzen Deiner Mutter unser ganzes Vertrauen, unseren guten Willen, unsere hochherzige Weihe entgegen. Amen.

Abschiedsansprache auf dem Internationalen Flughafen Schwechat - Wien

Sehr verehrter Herr Bundespräsident!
Verehrter Herr Kardinal, liebe Mitbrüder im Bischofsamt!
Meine Damen und Herren!

1. Gekommen ist die Stunde des Abschieds. Voll dankbarer Freude blicke ich auf die zurückliegenden erlebnisreichen Tage, in denen ich als Pilger im Volke Gottes, als Zeuge des Glaubens und christlicher Hoffnung sowie als Freund Ihres Landes in Ihrer Mitte weilen durfte. Ich war gekommen, um dem Auftrag des Herrn entsprechend meine Brüder und Schwestern in ihrer christlichen Berufung zu bestärken. Reich beschenkt und voll tiefer Erinnerungen kehre ich nun wieder in meine Bischofsstadt Rom zurück. Wir alle haben wohl aus den Begegnungen dieser Tage, aus dem feierlichen Bekenntnis zu Christus und aus dem gemeinsamen Gotteslob viel empfangen. Dafür gebührt Gott, dem Geber alles Guten, unser Preis und Dank.

2. Aufrichtig danke ich allen, die zum guten Gelingen dieser meiner Pastoralreise beigetragen haben: Ihnen, sehr verehrter Herr Bundespräsident, und den Bürgern des Landes für die mir gewährte herzliche Gastfreundschaft; meinen Mitbrüdern im Bischofs- und Priesteramt sowie allen Gläubigen, die den Österreichischen Katholikentag und meinen Besuch so sorgfältig vorbereitet haben. Allen beteiligten Stellen aus Staat und Kirche, dem Sicherheits- und Ordnungsdienst, der Ersten Hilfe sowie den unzähligen verborgenen Helfern gilt mein herzliches »Vergelt's Gott« !

3. Im Zeichen des Kreuzes haben wir uns auf die Geschichte und Sendung Europas besonnen und in diesem Licht die Geschichte und Sendung Österreichs bedacht. Wir sind uns neu bewußt geworden, daß Gegenwart und Zukunft Europas kraftvoller Impulse aus der Mitte unseres Christseins bedürfen; daß es wache Herzen braucht, solche Impulse aufzunehmen und in die Tat umzusetzen. Unter diesem Anliegen standen die Begegnungen im Raum der Kirche und die feierlichen Gottesdienste; diesem Anliegen wollten auch meine Begegnungen mit den Vertretern des internationalen, öffentlichen und kulturellen Lebens dienen.

4. Und nun heißt es Abschied nehmen. Möge Gott den Samen seines Wortes, den er durch den Katholikentag und durch meinen Dienst in Ihrer Mitte über Ihr Vaterland ausgestreut hat, in den Herzen Wurzel schlagen lassen und für alle fruchtbar machen! Möge er auch in mir die vielen tiefen Eindrücke, die mir hier geschenkt wurden, lebendig erhalten und so zu einem Geschenk an die ganze Kirche machen!

Ich wünsche Österreich Frieden und Wohlergehen. Ich wünsche ihm jene Haltungen und Tugenden, auf denen Frieden und Wohlergehen gedeihen können, in denen alle materiellen Güter und Strukturen ihre Sinnerfüllung finden. Ich wünsche ihm auch weiterhin jene Heiterkeit des Gemütes, der es wohl zuzuschreiben ist, daß sich die Künste und die Gäste seit eh und je in seinen Grenzen so zu Hause fühlen. Ich wünsche ihm den Schutz der Heiligen, deren Wirkungsfeld es war. Ich habe es in Mariazell der Mutter unseres Herrn anempfohlen, der es mit besonderer Liebe an so vielen Stellen seiner gesegneten Landschaft Kapellen und Kirchen geweiht hat.

Der Herr der Geschichte, der Österreich nach dem Krieg eine neue Blüte gewährt hat, möge auch in Zukunft seine schützende Hand darüberhalten, ja, es zu einem Segen für ganz Europa machen!

Liebe Österreicher! Lebt wohl! Gott segne Euch!

Anmerkungen

  1. in italienisch gehalten; der deutsche Text aus: Der Apostolische Stuhl 1983, S. 605.
  2. in Englisch gehalten; der deutsche Text aus: Der Apostolische Stuhl 1983, S. 635-638
  3. in polnisch gehalten; der deutsche Text aus: Der Apostolische Stuhl 1983, S. 645-649.
  4. in polnisch gehalten; der deutsche Text aus: Der Apostolische Stuhl 1983, S. 650-651.

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