Ecclesiam suam (Wortlaut)

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Ecclesiam suam

unseres Heiligen Vaters
Paul VI.
an alle Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
und die anderen Oberhirten die in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle leben,
an den Klerus und die Christgläubigen des ganzen Erdkreises sowie an alle Menschen guten Willens
über die Kirche, ihre Erneuerung und ihre Sendung in der Welt
6. August 1964.

(Offizieller lateinischer Text: AAS LVI [1964] 609-659)

(Quelle: Papst Paul VI., Die Wege der Kirche. Rundschreiben „ECCLESIAM SUAM“, Johannes Verlag Leutesdorf am Rhein 1966, Imprimatur N. 15/1966 Treveris, die 23 m. Februarii 1966 Paulus Vicarius Generalis; Deutscher Text nach den bischöflichen Amtsblättern. Die Abschnittsnummerierung folgt der AAS und der englischen Fassung. [1], die.Verbesserung nach der lateinischen Fassung [2])

Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramtstexte dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


Papst Paul VI. (1963)
Ehrwürdige Brüder,
geliebte Söhne!

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Zweck des Rundschreibens

1 Seine Kirche hat Jesus Christus gegründet, damit sie allen Menschen gütige Mutter und Dienerin des Heils sei. Deshalb versteht es sich von selbst, warum im Verlauf der Jahrhunderte ihr alle ihre besondere Liebe bezeugten und ihre besondere Sorge zuwandten, denen die Ehre Gottes und das ewige Heil der Menschen am Herzen lag. Unter diesen zeichneten sich, wie es sich versteht, die Stellvertreter Christi auf Erden, eine Unzahl von Bischöfen und Priestern und eine bewundernswürdige Zahl christlicher Heiliger aus.

2 Jedermann wird es deshalb für richtig ansehen, dass Wir Uns, nachdem Wir durch Gottes unerforschlichen Ratschluss ins päpstliche Amt berufen worden sind, in Unserem ersten Rundschreiben an die Welt in Liebe und Ehrfurcht der Heiligen Kirche zuwenden.

3 Wir werden Uns also in diesem Schreiben bemühen, zu zeigen, wie wichtig es für das Heil der menschlichen Gesellschaft ist, wie sehr es sich aber auch die Kirche angelegen sein lässt, dass beide einander begegnen, sich kennen und sich lieben.

4 Als im vorigen Jahre, am Feste des heiligen Erzengels Michael, die Zweite Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanischen Ökumenischen Konzils eröffnet wurde und Wir das Glück hatten, in der Petersbasilika zu euch sprechen zu dürfen, bekundeten Wir Unsere Absicht, auch schriftlich, wie es jeder neue Papst zu tun pflegt, väterliche und brüderliche Worte an euch zu richten, um einige Gedanken mitzuteilen, die Uns besonders am Herzen liegen und die als Wegweisung am Beginn Unseres Pontifikates von großem Nutzen scheinen.

5 Es fällt Uns freilich schwer, solcherlei Gedanken klar auszusprechen, müssen Wir sie doch aus sorgfältiger Darstellung der göttlichen Lehre schöpfen eingedenk der Worte Christi: „Meine Lehre ist nicht die meine, sondern sie ist von dem, der mich gesandt hat" (Jo 7,16). Und Wir müssen sie auch in Beziehung setzen zur gegenwärtigen Lage der Kirche, die sich, sowohl was ihr inneres Leben als auch ihr apostolisches Bemühen betrifft, in einem Zustand lebhafter Gärung und Unruhe befindet. Und Wir dürfen schließlich den Standort der heutigen Gesellschaft nicht außer acht lassen. Denn auf sie ist ja Unser Auftrag gerichtet.

Dreifache Aufgabe der Kirche

6 Wir haben aber nicht die Absicht, neue und letzte Dinge zu sagen. Damit befasst sich das Ökumenische Konzil. Weit davon entfernt, durch Unser einfaches briefliches Gespräch seine Arbeiten zu stören, möchten Wir diese vielmehr loben und anregen.

7 Mit diesem Rundschreiben beabsichtigen Wir nicht, ein feierliches Dokument mit primär lehrhaftem Charakter herauszugeben, noch soll es speziell von sittlichen oder sozialen Problemen handeln, sondern ein einfaches Schreiben sein, wie es zwischen Brüdern und Familienangehörigen üblich ist. Mit diesem Unserem Schreiben verfolgen Wir keinen anderen Zweck, als, wie es sich gehört, euch Unsere Gedanken mitzuteilen, um die Gemeinschaft des Glaubens und der Liebe zwischen uns mehr und mehr zu festigen und die gegenseitige Freude zu vergrößern, damit Wir bei Unserer seelsorglichen Arbeit täglich mehr bestärkt werden, die Sitzungen des Ökumenischen Konzils größere Frucht bringen, und schließlich, um einige Normen und Regeln der Lehre und der praktischen Arbeit besser zu klären, sie die als Wegweisungen für die religiöse und apostolische Arbeit der rechtmäßigen Hirten der Kirche und all derer dienen, die in Gehorsam mit ihnen mitarbeiten oder diese Arbeit auch nur mit Wohlwollen begleiten.

8 Um es gleich zu sagen, Ehrwürdige Brüder, es sind vor allem drei Gedanken, die Uns in den Sinn kommen, wenn Wir Uns den weiten Pflichtenkreis vor Augen halten, den Uns Gott gegen Unseren Wunsch und Unser Verdienst aufgetragen hat, nämlich die Kirche Christi zu leiten als Bischof von Rom, als Nachfolger des heiligen Petrus, als Träger der obersten Schlüsselgewalt im Reiche Gottes und als Stellvertreter Christi, der ihn zum Hirten seiner gesamten Herde bestellt hat.

9 Unser erster Gedanke ist, dass die Kirche tief in sich selbst hineinschauen und über ihr Geheimnis nachdenken muss, um zu ihrer Unterrichtung und Anregung ihren Ursprung, ihre Natur, ihre Sendung, ihr Endziel tiefer zu erfassen. Denn obwohl diese Lehre ihr bekannt ist und im letzten Jahrhundert entfaltet und verbreitet wurde, so kann man doch nie von ihr sagen, sie sei bereits genügend erforscht und verstanden. Denn sie enthält das „Geheimnis, das von Ewigkeit her verborgen war in Gott..., damit es jetzt kundgemacht werde... durch die Kirche" (Eph 3, 9-10). Sie ist gleichsam die Schatzkammer der verborgenen Pläne Gottes, die durch die Kirche verkündet werden. Wenn diese Lehre heute bei jedem, der treu Christus nachfolgt, auf größeres Interesse als andere stößt, so um so mehr euch, die „der Heilige Geist zu Bischöfen bestellt hat, um die Gemeinde Gottes zu leiten" (vgl. Apg 20, 28).

10 Aus diesem klaren und freudigen Bewusstsein von sich selbst, ergibt sich von allein der Wunsch, das vollkommene Idealbild von der Kirche, so wie Christus sie wollte als seine heilige und unbefleckte Braut (Eph 5, 27), zu vergleichen mit dem tatsächlichen Bild der Kirche, wie es sich uns heute zeigt. Durch Gottes Gnade ist sie den Grundlinien treu geblieben, die ihr göttlicher Gründer ihr eingeprägt und der Heilige Geist durch die Jahrhunderte belebt und entfaltet hat, damit sie immer mehr mit der sich Absicht ihres Gründers, aber auch mit der Eigenart der Gesellschaft der Menschen übereinstimmte, denen sie das Evangelium verkündete und die sie in ihre Gemeinschaft aufnahm. Aber dieses Antlitz der Kirche ist niemals so vollkommen, nie so schön, nie so heilig, nie so voll Licht, dass es der ursprünglichen Vorstellung ihres Gründers ganz entsprechen könnte.

11 Daraus ergibt sich für die Kirche ein starkes, ja unruhiges Verlangen nach Selbsterneuerung, nach Verbesserung der Fehler, die dieses Bewusstsein gleichsam wie bei einer Prüfung des Inneren im Spiegelbild des Modells, das Christus uns von sich hinterlassen hat, aufdeckt und ablehnt. Die Pflicht, die die Kirche heute hat, die Fehler ihrer eigenen Glieder zu verbessern und diese zu größerer Vollkommenheit anzuhalten, und die Methode, die bei der Verwirklichung einer so wichtigen Reform anzuwenden ist: das ist der zweite Gedanke, mit dem Wir Uns beschäftigen und den Wir euch mitteilen möchten, nicht nur um größeres Vertrauen zu schöpfen für die Durchführung der notwendigen Reformen, sondern auch, damit Wir in dieser wichtigen und schwierigen Sache von euch Zustimmung, Rat und Hilfe erhalten.

12 Aus den zwei genannten Gedanken - die sicher auch die euren sind, ergibt sich von selbst ein dritter Gedanke. Dieser betrifft die Beziehungen der Kirche zur ganzen menschlichen Gesellschaft, in die hinein sie selbst gestellt ist, in deren Mitte sie lebt und wirkt.

13 Wie alle wissen, hat ein Teil dieser Menschheit tief den Einfluss des Christentums erfahren und daraus Kraft und Leben geschöpft, häufig ohne zu wissen, dass jedes Volk gerade das Beste an seiner Kultur dem christlichen Glauben zu verdanken hat. In den letzten Jahrhunderten aber hat sie sich von diesem ihrem Ursprung losgelöst und entfernt. Ein anderer Teil der Menschheit, der sich auf weite Gebiete der Welt erstreckt, besteht aus den zahlreichen sogenannten jungen Völkern. Diese ganze Welt bietet der Kirche nicht nur eine, sondern hundert Verbindungsmöglichkeiten. Von diesen sind manche offen und leicht herzustellen, andere aber sind verwickelt und schwierig. Schließlich gibt es leider auch dem sehr viele, die ein freundliches Gespräch nicht wollen.

14 Es erhebt sich also die Frage, wie das Gespräch der Kirche mit den Menschen unserer Zeit zu führen ist. Es wird Sache des Konzils sein, dieses Problem in seiner Breite und Verflechtung darzustellen und so gut wie möglich zu lösen. Aber die Notwendigkeit, dieses Problem zu lösen, bildet für Uns eine Last und zugleich einen Anreiz, ja ein ganz tiefes persönliches Anliegen, dass Wir es Uns und euch, die ihr dieses Anliegen nicht weniger aus Erfahrung kennt, irgendwie klarmachen möchten, um Uns besser auf die Diskussionen und Beratungen vorzubereiten, die Wir in einer so schwierigen und komplexen Sache mit euch gemeinsam im Konzil zu führen für richtig halten.

Andere dringliche Probleme der Kirche

15 Sicherlich versteht ihr, dass Wir in diesem gedrängten und skizzenhaften Rundschreiben nicht dringende und wichtige Probleme behandeln möchten, die nicht nur Probleme der Kirche, sondern der ganzen Menschheit sind, wie der Friede zwischen den Völkern und den sozialen Schichten, das Elend und der Hunger, von dem auch jetzt noch ein großer Teil der Menschheit heimgesucht wird, der Aufstieg der jungen Völker zu Freiheit und kulturellem Fortschritt, die verschiedenen geistigen Strömungen unserer Zeit in ihrer Beziehung zum Christentum, die unglücklichen Lebensbedingungen so vieler Völker und so vieler Glieder der Kirche, denen die Rechte des freien Bürgers und der menschlichen Person verweigert werden, die sittlichen Probleme der Bevölkerungsvermehrung und so fort.

16 Was das große und umfassende Problem des Friedens in der Welt angeht, so möchten Wir hier dazu bemerken, dass Wir Uns nicht nur besonders verpflichtet fühlen, es wachsam und aufmerksam zu verfolgen, sondern ihm auch Unsere ständige und wirksame Sorge zuzuwenden. Dieses Bemühen wird durch Unser Amt begrenzt. Es wird sich deshalb nie auf ausschließlich zeitliche Belange richten oder sich in eigentlich politischen Formen äußern. Es geht Uns vielmehr darum, mitzuhelfen, die Menschen zu einer Art des Fühlens und HandeIns anzuleiten, das jeden gewaltsamen und kriegerischen Konflikt ablehnt, und sie für jede rechtlich mögliche und friedfertige Regelung internationaler Beziehungen bereitzumachen. Ebenso möchten Wir der Sache des Friedens dadurch dienen, dass Wir Unsere Kraft und Unseren ganzen Fleiß darauf verwenden, die obersten Grundsätze menschlichen Zusammenlebens zu verkünden, die helfen, Egoismus und Leidenschaften, die Quellen bewaffneter Konflikte, zu zügeln, und ein friedliches Zusammenleben und eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den Völkern fördern. Wir sind auch bereit, bei gegebener Gelegenheit zu intervenieren, um den streitenden Parteien zu einem ehrenvollen und brüderlichen Ausgleich zu verhelfen. Wir vergessen nicht, dass diese von der Liebe eingegebene Hilfe eine Pflicht ist, die sich angesichts der Lehrmeinungen einerseits und der Entwicklung der allen Menschen gemeinsamen politischen Organisationen anderseits dem Bewusstsein von Unserer Verpflichtung gegenüber der menschlichen Gesellschaft immer mehr aufdrängt. Denn diese besteht ja darin, alle Menschen durch das Reich der Gerechtigkeit und des Friedens, das Christus durch sein Kommen in diese Welt begründet hat, einander näher zu bringen.

17 Wenn Wir Uns hier also auf einige methodische Überlegungen zum kird1lichen Leben beschränken, so vergessen Wir doch nicht diese großen Probleme. Das Konzil wird über manche von ihnen beraten, und auch Wir werden in der weiteren Ausübung Unserer apostolischen Sendung diese Probleme studieren und einer Lösung zuführen, soweit Uns Gott dazu Anregung und Kraft gibt.

Erster Teil: Das Bewusstsein der Kirche von sich selbst

18 Wir glauben, dass heute die Kirche verpflichtet ist, das Bewusstsein zu vertiefen, das sie von sich selbst haben muss, vom Schatz der Wahrheit, dessen Erbin und Hüterin sie ist, und von ihrer Sendung in der Welt. Noch bevor sie sich an das Studium spezieller Probleme begibt und noch bevor sie überlegt, welche Haltung sie gegenüber der Umwelt einnehmen soll, muss die Kirche gegenwärtig über sich selbst nachdenken, um sich durch die Erkenntnis der göttlichen Pläne bezüglich ihrer selbst zu stärken, um mehr Klarheit, neue Energie und mehr Freude bei der Erfüllung ihrer Sendung zu finden und um die besten Mittel und Wege ausfindig zu machen, die ihre Beziehungen zur Menschheit unmittelbarer, wirksamer und fruchtbarer gestalten gegenüber einer Menschheit, der sie selbst angehört, auch wenn sie sich durch unverkennbare Merkmale von ihr unterscheidet.

19 Es scheint Uns, dass eine solche Überlegung völlig übereinstimmt mit der Art und Weise, die Gott wählte, um sich den Menschen zu offenbaren und um mit ihnen jene religiösen Beziehungen herzustellen, deren Werkzeug und Ausdruck die Kirche ist. Wenn es nämlich wahr ist, dass Gott sich zu verschiedenen Zeiten „und auf mannigfache Art und Weise" (Hebr 1,1) in geschichtlichen, äußeren und unleugbaren Ereignissen geoffenbart hat, so hat diese Offenbarung doch in das menschliche Leben Eingang gefunden auf den ihr eigenen Wegen des Wortes und der Gnade Gottes, der sich den Seelen innerlich mitteilt durch das Anhören der Heilsbotschaft und durch den nachfolgenden Akt des Glaubens, der am Anfang unserer Rechtfertigung steht.

Wachsamkeit und Verinnerlichung

20 Wir möchten, dass dieses Nachdenken über den Ursprung und das Wesen der neuen und lebendigen Beziehung, die die Religion Christi zwischen Gott und dem Menschen herstellt, zu einem Akt der Gefolgschaft gegenüber dem Wort des göttlichen Meisters an seine Hörer und besonders an seine Jünger werde, zu denen Wir Uns selbst noch heute mit gutem Recht und gerne zählen. Von vielen möchten Wir eine der wichtigsten und am häufigsten wiederholten Mahnungen wählen, die den Jüngern von Unserem Herrn gegeben wurde und die noch heute für jeden gilt, der ihm die Treue halten will: die Mahnung zur Wachsamkeit.

21 Zwar bezieht sich diese Mahnung unseres Meisters vornehmlich auf die letzten Geschicke des Menschen, ob diese nun zeitlich nahe oder fern sind. Doch gerade weil diese Wachsamkeit dem getreuen Knecht immer bewusst, gegenwärtig und in ihm wirksam sein muss, bestimmt sie sein praktisches und konkretes sittliches Verhalten, das den Christen in der Welt kennzeichnen muss. Die Mahnung zur Wachsamkeit wird vom Herrn auch eingeschärft in bezug auf nächste und nahe Ereignisse gegenüber den Gefahren, die den Menschen zu Fall oder auf Abwege bringen können (vgl. Mt 26,41). So ist es leicht, im Evangelium eine ständige Mahnung zur Lauterkeit des Denkens und Handeins zu finden: Bezog sich nicht darauf die Predigt des Vorläufers, mit der der öffentliche Schauplatz des Evangeliums eröffnet wird? Und hat nicht Jesus Christus selbst dazu aufgerufen, das Reich Gottes innerlich aufzunehmen (Mt 17, 21)? Ist nicht seine ganze Pädagogik eine Ermahnung und eine Wegweisung zur Innerlichkeit? Das psychologische Bewusstsein und das sittliche Gewissen werden von Christus zu gleicher Vollkommenheit gerufen, gleichsam als Vorbedingung für den Empfang der göttlichen Wahrheit und Gnade, so wie es sich schließlich für den Menschen gehört. So wird das Bewusstsein des Jüngers dann zu einem Sich-Erinnern (vgl. Mt 26, 72; Lk 24, 8; Jo 14, 26; 16, 4) an das, was Jesus gelehrt hat und was um ihn herum geschehen ist, ein Sich-Erinnern, das sich entfaltet und verdeutlicht im Verstehen dessen, wer Jesus ist und was er gelehrt und getan hat.

22 Die Geburt der Kirche und die Weckung ihres prophetischen Bewusstseins sind die beiden kennzeichnenden Ereignisse des Pfingstfestes, und sie entfalten sich von da ab gleichzeitig: die Kirche in ihrem organisatorischen Aufbau und in ihrer hierarchischen und gemeinschaftlichen Entwicklung. Das Wissen um die eigene Berufung, um die eigene geheimnisvolle Natur, die eigene Lehre und die eigene Sendung begleitet Stufe für Stufe diese Entwicklung gemäß der Bitte des heiligen Paulus: „Und darum bete im, dass eure Liebe mehr und mehr zunehme an Erkenntnis und jeglichem Verstehen" (PhiI1, 9).

23 Wir könnten diese Unsere Einladung an die einzelnen Menschen, die sie annehmen wollen, an jeden einzelnen von euch, Ehrwürdige Brüder, und an diejenigen, die mit euch Unsere und eure Schüler sind, wie auch an die ganze „Versammlung der Gläubigen", die Kirche, auch noch in anderer Weise aussprechen. Wir könnten alle einladen, einen lebendigen, tiefen und bewussten Akt des Glaubens an Unseren Herrn Jesus Christus zu erwecken. Wir müssten dann diesen Augenblick unseres religiösen Lebens mit einem starken und überzeugten, wenn auch demütigen und zitternden Glaubensbekenntnis besiegeln ähnlich dem des ‚Blindgeborenen im Evangelium, dem Jesus Christus mit gleich großer Güte und Macht die Augen geöffnet hatte: „Im glaube, Herr!" (Jo 9,38); oder ähnlich wie Martha: „Ja, Herr, im habe Glauben, du bist der Messias, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll" (Jo 11,27); oder ähnlich dem Uns so teuren Bekenntnis des Simon Petrus: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes" (Mt 16,16). Warum wagen Wir es, euch zu diesem Akt kirchlichen Bewusstseins aufzufordern? Zu diesem ausdrücklichen, wenn auch innerlichen Akt des Glaubens?

24 Nach Unserer Meinung gibt es viele Gründe dafür, und sie ergeben sich alle aus tiefen und wesentlichen Bedürfnissen des besonderen Augenblicks, den die Kirche gegenwärtig durchlebt.

Kirche und Welt

25 Die Kirche möge über sich selbst nachdenken und sich lebendig fühlen. Sie muss lernen, sich besser zu kennen, wenn sie ihre eigene Berufung leben und der Welt ihre Botschaft der Brüderlichkeit und des Heiles anbieten will. Sie muss Christus in sich selbst wahrnehmen nach den Worten des Apostels Paulus: „dass Christus wohne durch den Glauben in euren Herzen" (Eph 3,17).

26 Alle wissen, dass die Kirche in die Menschheit eingetaucht ist, an ihr teilhat, aus ihr ihre Glieder gewinnt, kostbare Kulturgüter schöpft, die Wechselfälle der Geschichte mit ihr miterlebt und ihr Glück begünstigt. Man weiß auch ebenso, dass die Menschheit gegenwärtig von großen Veränderungen, Umwälzungen und Entwicklungen betroffen ist, die nicht nur ihre äußeren Lebensformen, sondern auch ihre Denkweisen verändern. Ihr Denken, ihre Kultur, ihr Geist werden zutiefst gewandelt, sei es durch den wissenschaftlichen, technischen und sozialen Fortschritt, sei es durch die Strömungen des philosophischen und politischen Denkens, die in sie eindringen und sie durchziehen. All das erschüttert wie stürmische Wogen auch die Kirche. Die Menschen, die sich ihr anvertrauen, sind stark beeinflusst vom Klima dieser Welt. Dieser Einfluss ist so stark, dass eine Gefahr der Unsicherheit, einer Betäubung, einer Verirrung ähnlich, besteht, die ihre eigene Festigkeit erschüttern und viele verleiten kann, die sonderbarsten Auffassungen hinzunehmen, als ob die Kirche sich selbst verleugnen und ganz neue und ungeahnte Lebensformen annehmen müsste. War nicht zum Beispiel der Modernismus, dessen Irrtümer heutzutage wiederaufleben und noch immer in verschiedenen Darstellungsversuchen fortlebt, die dem wirklichen Wesen der katholischen Religion fremd sind, eine Episode eines solchen Übergreifens jener psychologisch-kulturellen Tendenzen der profanen Welt, auf den gläubigen und echten Ausdruck der Lehre und Glaubensnorm der Kirche Christi? Wir glauben, dass gegen eine solche drohende und vielschichtige und von verschiedenen Seiten kommende Gefahr ein gutes und naheliegendes Heilmittel gerade die Vertiefung des Bewusstseins der Kirche sei, und zwar in dem, was sie wirklich ist nach dem Geiste Christi, der niedergelegt ist in der Heiligen Schrift und in der Überlieferung und in der genuinen Lehre der Kirche ausgelegt und entfaltet wird. Diese ist, wie Wir wissen, erleuchtet und geführt vom Heiligen Geist, der, wenn wir ihn anrufen und auf ihn hören, immer noch bereit ist, das Versprechen Christi unverbrüchlich zu erfüllen: „Der Helfer aber, der Heilige Geist, den senden wird der Vater in meinem Namen, er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe" (Jo 14,26).

Die Mentalität unserer Zeit

27 Ähnliches könnten Wir sagen bezüglich der Irrtümer, die auch im Inneren der Kirche herumschleichen und in die jene fallen, die nur eine teilweise Kenntnis ihrer Natur und ihrer Sendung haben und nicht genügend die Grundlagen der göttlichen Offenbarung und die Verlautbarungen des von Christus selbst eingesetzten Lehramtes beachten.

28 Im übrigen ist dieses Bedürfnis, über die erkannten Dinge nachzudenken, um sie im inneren Spiegel des eigenen Geistes zu betrachten, etwas Kennzeichnendes für die Mentalität unserer Zeit. Sein Denken kehrt sich gerne zu sich selbst und genießt dann Sicherheit und Fülle, wenn es sich im eigenen Bewusstsein erhellt. Diese Denkungsart ist freilich nicht ohne schwere Gefahren. Philosophische Richtungen mit großem Namen haben diese Form geistiger Tätigkeit des Menschen erforscht und als endgültige und höchste gepriesen, ja sogar als Maß und Quelle der Wirklichkeit, indem sie das Denken zu abstrusen, desolaten, paradoxen und völlig irreführenden falschen Folgerungen trieben. Aber das widerspricht nicht der Tatsache, dass die Hinführung zu der im Bewusstsein sich widerspiegelnden Wahrheit an sich sehr schätzenswert und heute praktisch allgemein verbreitet ist als zutreffender Ausdruck der Kultur unserer Zeit. Auch hindert es nicht, dass - wenn recht im Einklang mit der Formung des Denkens, um die Wahrheit dort zu entdecken, wo sie eins ist mit der Wirklichkeit des objektiven Seins - die Anwendung der bewussten Selbstreflexion dem Denkenden immer besser die Tatsache von der Existenz des eigenen Seins, von der eigenen geistigen Würde, von der eigenen Fähigkeit, zu erkennen und zu handeln, offenbart.

Die Ekklesiologie

29 Man weiß auch, wie die Kirche in der letzten Zeit mit Hilfe von hervorragenden Gelehrten, von großen und nachdenklichen Geistern, von anerkannten theologischen Schulen, von pastoralen und missionarischen Bewegungen, von beachtlichen praktischen religiösen Erfahrungen und vor allem von denkwürdigen päpstlichen Verlautbarungen versucht hat, sich selbst besser kennen zu lernen.

30 Es würde zu weit führen, die Überfülle von theologischer Literatur auch nur anzudeuten, die die Kirche zum Gegenstand hat und die im vergangenen sowie in unserem Jahrhundert aus ihr hervorgegangen ist. Es würde gleichfalls zu weit führen, auf die Dokumente hinzuweisen, die der katholische Episkopat und der Apostolische Stuhl über ein Thema von so großem Umfang und solcher Bedeutung erlassen haben. Seitdem das Konzil von Trient die Folgen der Krise gutzumachen suchte, die im 16. Jahrhundert viele Glieder von der Kirche losriss, hat die Lehre über die Kirche selbst große Förderer gehabt und folglich auch große Fortschritte gemacht. Uns genügt es hier, auf die entsprechenden Lehren des Ersten Vatikanischen ökumenischen Konzils hinzuweisen, um zu verstehen, wie das Studium der Kirche die Aufmerksamkeit der Hirten und Lehrer, aber auch der katholischen Laien und aller Christen in Anspruch nimmt und sie verpflichtet, dabei zu verweilen wie an einer unumgänglichen Station auf dem Wege zu Christus und zu seinem ganzen Werk. Daher ist das Zweite Vatikanische Ökumenische Konzil, wie schon gesagt wurde, nur eine Fortführung und Ergänzung des Ersten, gerade wegen der ihm zukommenden Aufgabe, die Prüfung und Bestimmung der Lehre von der Kirche wiederaufzunehmen. Und wenn Wir, um Uns kurz zu fassen, nicht mehr sagen, da Wir doch zu solchen reden, die diesen heute in der Heiligen Kirche verbreiteten Gegenstand der Katechese und des geistlichen Lebens gut kennen, können Wir es doch nicht unterlassen, auf zwei Dokumente besonders hinzuweisen: auf die Enzyklika Satis cognitum Leos XIII. (1896) und die Enzyklika Mystici corporis Pius' XII. (1943). Das sind Dokumente, die uns eine umfassende und klare Lehre von der göttlichen Stiftung bieten, durch die Christus in der Welt sein Heilswerk fortsetzt und über die Wir nun sprechen. Es genüge, an die Worte zu erinnern, mit denen das zweite dieser päpstlichen Dokumente beginnt, das, so kann man sagen, ein sehr gewichtiger Text der Theologie der Kirche geworden ist, sehr reich an geistlichen Betrachtungen über dieses Werk der göttlichen Barmherzigkeit, das uns alle angeht. Es sei erinnert an die meisterhaften Worte Unseres großen Vorgängers: „Die Lehre vom Mystischen Leibe Christi, der die Kirche ist, eine Lehre, die ursprünglich von den Lippen des Erlösers selbst kam und die nie genug gepriesene Wohltat unserer innigen Verbindung mit dem so erhabenen Haupte ins rechte Licht stellt, lädt durch ihre Vortrefflichkeit und Würde alle vom Heiligen Geiste geleiteten Menschen ein, sie zum Gegenstand ihrer Betrachtung zu machen, und treibt durch das Licht, das sie ihrem Geiste verleiht, sie mächtig zu den heilbringenden Werken an, die mit diesen Lehren im Einklang sind" (AAS XXXV [1943] S. 193).

31 Wir wollen dieser Einladung entsprechen. Denn Wir fühlen Uns immer noch von ihr beeinflusst, und zwar insofern, als sie eines der grundlegenden Bedürfnisse des kirchlichen Lebens unserer Tage zum Ausdruck bringt. Deshalb wiederholen Wir sie auch heute in der Absicht, dass wir, immer besser eingeführt in das Verständnis des Mystischen Leibes, dessen göttliche Bedeutung zu schätzen wissen und unsere Herzen trösten und stärken und uns immer mehr anleiten lassen, den Pflichten unserer Sendung und den Bedürfnissen der Menschheit nachzukommen. Und es scheint Uns nicht schwer, das zu tun, da Wir, wie Wir sagten, eine große Zahl von Studien über die Heilige Kirche feststellen können und zugleich wissen, dass der Blick des Zwölfen Vatikanischen Ökumenischen Konzils hauptsächlich darauf gerichtet ist. Wir wollen jenen Gelehrten ein großes Lob spenden, die besonders in diesen letzten Jahren in vollkommener Unterordnung unter das katholische Lehramt und mit großer wissenschaftlicher und darstellerischer Begabung der Kirche schwierige, umfangreiche und fruchtbare Arbeiten gewidmet haben. In den theologischen Schulen, in der wissenschaftlichen und literarischen Diskussion, in der Apologetik und in der theologischen Publizistik wie auch bei der geistlichen Beratung der Gläubigen und im Gespräch mit den getrennten Brüdern haben sie vielerlei Darstellungen der Lehre von der Kirche gegeben, von denen manche sehr wertvoll und nützlich sind.

32 So vertrauen Wir darauf, dass die Arbeit des Konzils vom Heiligen Geiste geleitet, fortgesetzt und zu einem guten Ende geführt wird mit der gleichen Bereitschaft gegenüber seinen göttlichen Eingebungen, mit der gleichen Hingabe an eine tiefere und umfassende Erforschung des ursprünglichen Planes Christi und seiner verpflichtenden und legitimen Entwicklung im Verlauf der Zeit, mit dem gleichen Bemühen, aus den göttlichen Wahrheiten ein Argument für die Einheit zu machen und nicht für die Trennung der Geister in unfruchtbaren Erörterungen oder in bedauerlichen Spaltungen, sondern um sie zu größerer Klarheit und Eintracht zu führen, zur Ehre Gottes, zur Freude der Kirche und zum Nutzen der Welt.

33 Absichtlich äußeren Wir in diesem Unserem Rundschreiben bezüglich der Lehre von der Kirche keinerlei persönliche Meinung. Diese Fragen liegen bereits dem Konzil zur Prüfung vor, über das Wir berufen sind, den Vorsitz zu führen. Dieser hohen und berufenen Versammlung wollen Wir jetzt Freiheit der Forschung und der Meinungsäußerung lassen. Auf Grund Unseres apostolischen Lehr- und Hirtenamtes an der Spitze der Kirche behalten Wir Uns den Augenblick sowie die Art und Weise vor, Unsere Meinung zu äußern, und es wird Uns eine große Freude sein, wenn Wir es in voller Übereinstimmung mit den Konzilsvätern tun dürfen.

Christus, das Haupt der Kirche

34 Aber Wir möchten doch kurz auf die Früchte hinweisen, die, so hoffen Wir, sowohl das Konzil selbst wie auch die Arbeit bringen wird, von der Wir vorhin sprachen und welche die Kirche erbringen muss, um ein vollständigeres und klareres Bewusstsein ihrer selbst zu haben. Diese Früchte sind die Ziele, die Wir Unserem apostolischen Dienst setzen. Für sie nehmen Wir die schöne, aber schwere Arbeitslast auf Uns. Sie sind sozusagen das Programm Unseres Pontifikates. Euch, Ehrwürdige Brüder, legen Wir dieses Programm ganz kurz, aber ehrlich dar, damit ihr durch euren Rat, eure Zustimmung und eure Mitarbeit mithelft, es zu verwirklichen. Wenn Wir euch Unser Herz öffnen, so glauben Wir, dass Wir es damit auch allen Gläubigen der Kirche Gottes eröffnen, ja auch jenen, die außerhalb der offenen Grenzen der Kirche Uns hören.

35 Die erste Frucht der Vertiefung des Bewusstseins der Kirche von sich selbst ist die erneute Entdeckung ihrer lebendigen Beziehung zu Christus. Eine sehr bekannte Tatsache, aber eine grundlegende, unerlässliche, nie genug gekannte, bedachte und betonte Tatsache. Was wäre nicht alles zu sagen über dieses zentrale Kapitel unseres Glaubensgutes? Gott sei Dank ist euch diese Lehre bereits vertraut. Deshalb wollen Wir nichts weiter hinzufügen, sondern euch nur empfehlen, sie stets als wichtigste und richtunggebende Norm für euer geistliches Leben und eure Predigt vor Augen zu haben. Mehr, als was Wir sagen, möge die Mahnung Unseres Vorgängers in der Enzyklika Mystici corporis gelten: „Wir müssen uns gewöhnen, in der Kirche Christus selbst zu sehen. Christus ist es nämlich, der in seiner Kirche lebt, der durch sie lehrt, leitet und heiligt; Christus ist es auch, der sich auf verschiedene Weise in seinen verschiedenen sozialen Gliedern offenbart (AAS [1943] S. 238). Wie gern würden Wir bei den Gedanken verweilen, die Uns aus der Heiligen Schrift, den Vätern, den Kirchenlehrern und den Heiligen in den Sinn kommen, wenn Wir an diesen lichtvollen Punkt Unseres Glaubens denken. Hat nicht Jesus selbst gesagt, dass er der Weinstock ist und wir die Reben (Jo 15, 5)? Haben wir nicht ganze reiche Lehre des heiligen Paulus gegenwärtig der nicht aufhört, uns zu erinnern: „Alle seid ihr eins in Christus Jesus" (Gal 3, 28), uns aufzufordern: „. .. dass wir in Liebe hineinwachsen in ihn, der das Haupt ist, Christus. Von ihm aus wird der ganze Leib zusammengefügt.. ." (Eph 4, 15-16), und uns zu ermahnen: „... alles und in allen Christus" (Kol 3, 11)? Wir erwähnen von allen nur den heiligen Augustinus: „... Beglückwünschen wir uns und danken wir, dass wir nicht nur Christen geworden sind, sondern Christus. Versteht ihr, Brüder, die Gnade Gottes, des Hauptes über uns? Bewundert und freut euch: Christus sind wir geworden. Wenn nämlich er das Haupt ist, sind wir die Glieder; das ist der ganze Mensch, er und wir ... Also die Fülle Christi, Haupt und Glieder. Was ist Haupt und Glieder? Christus und die Kirche" (In 10 tract. 21, 8 -PL 35, 1568).

Die Kirche ist ein Geheimnis

36 Wir wissen wohl, dass dies ein Geheimnis ist. Es ist das Geheimnis der Kirche. Wenn wir mit Gottes Hilfe unser geistiges Auge auf dieses Geheimnis richten, so werden wir viele geistliche Wohltaten empfangen, gerade jene, von denen wir glauben, dass die Kirche ihrer heute am meisten bedarf. Die Gegenwart Christi, ja sein Leben selbst wird in den einzelnen Menschen und im Ganzen des Mystischen Leibes durch den lebendigen und belebenden Glauben wirksam werden nach dem Wort des Apostels: „dass Christus durch den Glauben wohne in euren Herzen" (Eph 3, 17). Das Bewusstsein des Geheimnisses der Kirche ist in der Tat ein Akt reifen und gelebten Glaubens. Dieser bringt in den Menschen jenen „Sinn der Kirche" hervor, von dem der Christ erfüllt ist, der in der Schule des göttlichen Wortes groß geworden ist, der durch die Gnade der Sakramente und durch die unaussprechbaren Eingebungen des Tröstergeistes genährt wurde, der in der Übung der evangelischen Tugenden bestärkt wurde, der von der Pflege und dem Umgang mit der kirchlichen Gemeinschaft geprägt wurde und der sich tiefer Freude des königlichen Priestertums des Volkes Gottes bewusst ist (vgl. 1 Petr 2, 9).

37 Das Geheimnis der Kirche ist nicht bloßer Gegenstand theologischer Erkenntnis. Es muss eine gelebte Wirklichkeit sein, von der der gläubige Mensch noch bevor er einen klaren Begriff davon hat, ein gleichsam mit der Natur gegebene Erfahrung haben kann, und die Gemeinschaft der Gläubigen kann die tiefste Gewissheit ihrer Anteilnahme am Mystischen Leibe Christi finden, wenn sie sich bewusst wird, dass für ihre Gründung, Zeugung (vgl. Gal 4,1; 1 Kor 4, 15), Unterweisung, Heiligung und Leitung auf Grund göttlicher Anordnung das hierarchische Amt der Kirche Sorge trägt. Durch diese segensvolle Verbindung teilt Christus seinen mystischen Gliedern auf wunderbare Weise seine Wahrheit und seine Gnade mit und gibt seinem Mystischen Leib der pilgernden Kirche, ihre sichtbare Gestalt, ihre erhabene Einheit, ihre organische Wirksamkeit, ihre harmonische Mannigfaltigkeit und geistige Schönheit. Die Bilder genügen nicht, um die Wirklichkeit und Tiefe eines solchen Geheimnisses mit unseren 'begrifflicl1en Mitteln auszudrücken. Doch außer an das vom Apostel Paulus verwendete Bild vom Mystischen Leibe müssen wir an ein Bild besonders erinnern, das von Christus selbst gebraucht wurde: das Bild vom Gebäude, dessen Architekt und Erbauer er ist. Dieses Gebäude ist freilich auf einen natürlicherweise gebrechlichen Menschen gegründet, der aber durch ihn wunderbar in festen Fels umgewandelt wurde, so dass er mit zeichenhafter und bleibender Unverletzbarkeit ausgestattet ist: „Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen" (Mt 16, 18).

Der Ernst des Christseins

38 Wenn Wir diesen stärkenden Sinn der Kirche in Uns selbst und durch kluge und behutsame Anleitung auch in den Gläubigen zu wecken wissen, dann werden viele Gegensätze, die heute die Arbeit der Ekklesiologie erschweren, praktisch überwunden sein; zum Beispiel die Fragen, wie die Kirche zugleich sichtbar und geistig, zugleich frei und doch Gesetzen unterworfen, wie sie gemeinschaftsförmig und hierarchisch, wie sie bereits heilig und immer noch auf dem Weg zur Heiligung sein kann, wie sie kontemplativ und aktiv sein kann und so fort. Diese Fragen werden im Lichte der Glaubenslehre durch die Erfahrung der lebendigen Wirklichkeit der Kirche gelöst. Vor allem aber wird daraus eine hervorragende Spiritualität sich entwickeln, die genährt wird durch die Lesung der Heiligen Schrift, der Väter und der Kirchenlehrer. Von den Quellen, aus denen dieses Bewusstsein hervorgeht, wollen Wir nennen: eine klare und systematische Katechese, die Teilnahme an der wunderbaren Schule von Worten, Zeichen und Gnadenmitteilungen: der heiligen Liturgie, die stille und gesammelte Betrachtung der göttlichen Wahrheiten und schließlich die eifrige Pflege des beschaulichen Gebetes. Das innere Leben bietet sich immer noch als die große Quelle der Spiritualität der Kirche dar, als die ihr eigene Weise, die Ausstrahlungen des Geistes Christi aufzunehmen, als tiefster Ausdruck ihrer religiösen und sozialen Tätigkeit und als unverletzbarer Selbstschutz und immer neue Kraft in ihrer schwierigen Begegnung mit der profanen Welt.

39 Wir müssen der Tatsache, dass wir getauft sind und durch dieses Sakrament dem Mystischen Leibe Christi, der Kirche, eingepflanzt sind, ihre volle Bedeutung wiedergeben. Insbesondere muss der Getaufte sich bewusst werden seiner Erhebung oder vielmehr seiner Wiedergeburt zur beglückenden Wirklichkeit eines Adoptivkindes Gottes, zur Würde eines Bruders Christi, zum Glück, das heißt zur Gnade und Freude der Einwohnung des Heiligen Geistes, zur Berufung zu einem neuen Leben, das trotz des Unglücks der Erbsünde nichts Menschliches verloren hat und das alles Menschliche zur höchsten Vollkommenheit und zum Genuss der reichsten und besten Früchte befähigt. Christsein, Getauftsein darf nicht als etwas Gleichgültiges angesehen werden, das man nicht zu beachten braucht. Es muss tief und beglückend das Bewusstsein jedes Getauften prägen. Es muss von ihm so verstanden werden wie im christlichen Altertum, als eine „Erleuchtung", die auf ihn den belebenden Strahl der göttlichen Wahrheit fallen lässt, ihm den Himmel öffnet, das irdische Leben erhellt und ihn befähigt, als Sohn des Lichtes der Anschauung Gottes, der Quelle ewigen Glückes, entgegenzugehen.

40 Es ist leicht einzusehen, welches praktische Programm sich aus dieser Erwägung für Uns und Unser Amt ergibt. Wir freuen Uns, festzustellen, dass die ganze Kirche bereits begonnen hat, dieses Programm zu verwirklichen, und dass man es klug und eifrig fortsetzt. Wir ermutigen es, Wir empfehlen es, Wir segnen es.

Zweiter Teil: Die Erneuerung der Kirche

41 Wir sind sodann von dem Wunsche erfüllt, dass die Kirche Gottes so sei, wie Christus sie will: einig, heilig, ganz der Vollkommenheit zugewandt, zu der er sie gerufen und befähigt hat. Da sie in ihrem Idealbild, im Plane Gottes vollkommen ist, muss die Kirche in ihrer konkreten Verwirklichung, in ihrem irdischen Dasein nach Vollkommenheit streben. Dies ist das große sittliche Problem, das das Leben der Kirche beherrscht, es anspornt, anklagt, aufrecht hält, mit Klagen und Gebeten erfüllt, mit Reue und Hoffnung, mit Kraft und Zuversicht, mit Verantwortung und Verdiensten. Es ist ein Problem, das den theologischen Wirklichkeiten inhärent ist, von denen das menschliche Leben abhängt. Ohne die Lehre Christi und das kirchliche Lehramt kann man sich über den Menschen selbst kein Urteil bilden, weder über seine Natur noch über seine ursprüngliche Vollkommenheit und über die verheerenden Folgen der Erbsünde, weder über die Fähigkeit des Menschen zum Guten noch über die Hilfe, die er braucht, um danach zu verlangen und es zu vollbringen, weder über den Sinn des gegenwärtigen Lebens und sein Ziel noch über die Werte, nach denen der Mensch verlangen oder über die er verfügen kann, weder über das Kennzeichen von Vollkommenheit und Heiligkeit noch über die Mittel und Wege, um dem Leben den höchsten Ausdruck an Schönheit und Fülle zu geben. Das Bestreben, die Wege des Herrn kennen zu lernen, ist und muss ständig in der Kirche sein, und Wir möchten, dass die fruchtbare und breite Diskussion, die über Fragen der Vollkommenheit von Jahrhundert zu Jahrhundert in der Kirche geführt wird, wiederum das vorherrschende Interesse wecke, das sie verdient, und das nicht, um neue Theorien aufzustellen, sondern um neue Energien zu wecken, jene Heiligkeit anzustreben, die Christus uns lehrte und die er durch sein Beispiel, sein Wort, seine Gnade und durch seine Schule, die von der kirchlichen Überlieferung getragen, durch gemeinschaftliches Tun zusammengehalten und durch die einzigartigen Gestalten der Heiligen veranschaulicht wird, zu erkennen, zu verlangen und auch zu erreichen uns ermöglicht.

Geistige und sittliche Vervollkommnung

42 Dieses Streben nach geistiger und sittlicher Vervollkommnung wird auch von außen her durch die Bedingungen angespornt, unter denen die Kirche ihr Leben entfaltet. Sie kann nicht unberührt und gleichgütig bleiben angesichts der Veränderungen der Umwelt. Die Umwelt beeinflusst und bedingt auf tausend Weisen das praktische Verhalten der Kirche, denn sie lebt ja nicht von der Welt getrennt, sondern in ihr. Deshalb unterliegen die Glieder der Kirche dem Einfluss der Welt, werden durch ihre Kultur geprägt, nehmen ihre Gesetze an und machen sich ihre Gewohnheiten zu eigen. Diese innere Berührung der Kirche mit der diesseitigen Gesellschaft ergibt für sie ständig eine problematische Lage, die heute äußerst kompliziert ist. Auf der einen Seite muss das christliche Leben, wie die Kirche es verteidigt und fördert, sich ständig und unnachgiebig vor all dem hüten, was es verfälschen, entweihen, ersticken könnte, sich gewissermaßen immun machen gegen die Ansteckung des Irrtums und des Bösen. Anderseits muss sich das christliche Leben nicht nur den Denkformen und Sitten anpassen, welche die Umwelt ihm anbietet und auferlegt, soweit sie vereinbar sind mit den wesentlichen Forderungen seiner religiösen und sittlichen Zielsetzung; das christliche Leben muss auch danach trachten, sich ihnen anzunähern, sie zu läutern, zu adeln, zu beleben und sie zu heiligen: Dies ist eine weitere Aufgabe, die die Kirche zu ständiger sittlicher Wachsamkeit verpflichtet, wie sie unsere Zeit mit besonders dringendem Ernst verlangt.

43 Auch in dieser Hinsicht ist das Konzil ein providentielles Ereignis. Der pastorale Charakter, den es sich zu eigen machen will, die praktischen Ziele, die kirchliche Disziplin „auf den heutigen Stand zu bringen", und das Verlangen, das christliche Leben soweit wie möglich mit seinem übernatürlichen Charakter in Einklang zu bringen, verleihen schon jetzt diesem Konzil ein besonderes Verdienst, noch bevor der größere Teil der Beschlüsse gefasst ist, die Wir von ihm erwarten. Das Konzil weckt tatsächlich bei Hirten und Gläubigen den Wunsch, dem christlichen Leben seinen Charakter übernatürlicher Echtheit zu erhalten und ihn zu entfalten; es erinnert alle an die Pflicht, diesen Charakter positiv und fest der eigenen Lebensführung einzuprägen; es erzieht die Schwachen, gut zu sein; die Guten, besser zu werden; die Besseren, großmütig zu sein; die Großmütigen, heilig zu werden. Es eröffnet der Heiligkeit neue Ausdrucksformen, regt die Liebe an, erfinderisch zu werden, bringt einen neuen Aufschwung an Tugend und christlichem Heroismus.

Aufgabe des Konzils

44 Selbstverständlich ist es Sache des Konzils, vorzuschlagen, wie die Gesetzgebung der Kirche zu reformieren ist, und nach dem Konzil werden die Kommissionen, besonders die von Uns bereits eingesetzte Kommission für die Revision des Kirchenrechts, dafür sorgen, die Beschlüsse des Konzils konkret zu formulieren. Deshalb wird es eure Aufgabe sein, Ehrwürdige Brüder, Uns anzugeben, welche Maßnahmen zu treffen sind, um das Antlitz der Heiligen Kirche zu reinigen und zu verjüngen. Nochmals erklären Wir Unsere Bereitschaft, diese Reform zu begünstigen. Wie oft war in den vergangenen Jahrhunderten diese Absicht mit der Geschichte der Konzilien verbunden! So sei es noch einmal mehr, und diesmal nicht, um die Kirche von bestimmten Häresien und allgemeinen Unordnungen zu befreien, die es Gott sei Dank in ihr nicht gibt, sondern um neue geistliche Kraft in den Mystischen Leib Christi als eine sichtbare Gesellschaft einzubringen, durch die Reinigung von den Fehlern vieler ihrer Glieder und die Anregung neuer Tugenden.

45 Damit das mit Gottes Hilfe möglich werde, sei es Uns erlaubt, euch hier einige Vorüberlegungen mitzuteilen, die geeignet sind, das Erneuerungswerk zu erleichtern, um dazu den notwendigen Mut zu geben - denn es kann nicht ohne Opfer verwirklicht werden - und einige Richtlinien vorzuzeichnen, nach denen es vielleicht besser verwirklicht werden kann.

Treue zur unversehrt bewahrten apostolischen Überlieferung

46 Wir müssen vor allem an einige Kriterien erinnern, die uns sagen, welche Richtung diese Reform nehmen muss. Sie kann sich weder auf das eigentliche Wesen noch auf die Grundstrukturen der Katholischen Kirche beziehen. Das Wort Reform wäre unangebracht. würde es in diesem Sinne von uns gebraucht. Wir können diese unsere geliebte und heilige Kirche Gottes nicht der Untreue bezichtigen, der anzugehören wir als größte Gnade empfinden und von der wir in unserem Geist das Zeugnis vernehmen, „dass wir Kinder Gottes sind!" (Röm 8, 16). Nein, es ist nicht Stolz, es ist nicht Anmaßung, nicht Eigensinn und nicht Torheit, sondern klare Gewissheit und unsere freudige Überzeugung, lebendige und echte Glieder des Leibes Christi geworden zu sein, berufene Erben des Evangeliums Christi, rechtmäßige Nachfolger der Apostel zu sein im großen Erbgut an Wahrheit und Sitten, welche die Katholische Kirche, wie sie heute ist, kennzeichnen, das unversehrte und lebendige Erbe der ursprünglichen apostolischen Überlieferung zu besitzen. Wenn das unsere Ehre ist oder, besser gesagt, der Grund, weshalb wir „allezeit Gott danken" (Eph 5,20) müssen, so ist es zugleich unsere Verantwortung Gott gegenüber, dem wir Rechenschaft schulden für eine so große Wohltat, Verantwortung auch der Kirche gegenüber, der wir die Gewissheit geben müssen, dass wir den Wunsch und den Vorsatz haben, den Schatz – „das anvertraute Gut", von dem der heilige Paulus spricht (1 Tim 6, 20) – zu bewahren, und Verantwortung auch gegenüber den immer noch von uns getrennten Brüdern und der ganzen Welt, damit alle die Gabe Gottes mit uns teilen können.

47 Wenn man also in diesem Punkte von Reform sprechen kann, so darf man darunter nicht die Änderung verstehen, sondern eher eine Bestätigung und Bestärkung der Verpflichtung, der Kirche das Antlitz zu erhalten, das Christus ihr verlieh, ja darüber hinaus sie immer mehr zu ihrer vollkommenen Form zu führen. Denn diese entspricht ihrem Urbild, aber auch der folgerichtigen Entwicklung, nach der die Kirche, wie der Baum aus dem Samen, aus dem Urbild in ihre rechtmäßige, geschichtliche und konkrete Form hineingewachsen ist. Es täusche uns nicht die Vorstellung, der Bau der Kirche, der zu Gottes Ehre weit und groß geworden ist als sein großartiger Tempel, könne zurückgeführt werden auf seine anfänglichen und ganz kleinen Ausmaße, als ob diese die allein wahren und guten wären. Lassen wir uns auch nicht vom Wunsche hinreißen, das Strukturgefüge der Kirche auf charismatischem Wege zu erneuern, als ob die Form kirchlichen Lebens neu und richtig wäre, die aus besonderen Ideen entspringt, die zweifellos voll Eifer und zuweilen von ihrer Überzeugung getragen sind, von Gott eingegeben zu sein. Man würde dadurch aber nur willkürliche Träume nach künstlichen Neuerungen in die Grundstruktur der Kirche einführen. Der Kirche müssen wir dienen und sie lieben, wie sie ist; mit Verständnis für ihre Geschichte und mit demütigem Suchen des Willens Gottes, der die Kirche führt und ihr beisteht, auch wenn er zulässt, dass die menschliche Schwachheit die Klarheit der Linien verwischt und ihr Wirken verdunkelt. Diese Klarheit und diese Schönheit sind wir daran zu suchen und zu fördern.

Gefahr des Konformismus

48 Es ist notwendig, diese Überzeugung in uns zu stärken, um eine andere Gefahr zu vermeiden, die der Wunsch nach Reform nicht nur in uns Hirten erzeugen könnte, die ein wacher Sinn für Verantwortung zurückhält, sondern auch in der Meinung vieler Gläubiger, die der Ansicht sind, die Reform der Kirche müsse hauptsächlich in der Anpassung ihrer Denkungsart und ihrer Sitten an jene der Welt bestehen. Die Verlockung des profanen Lebens ist heute sehr groß. Der Konformismus scheint vielen unvermeidlich und klug. Wer nicht fest verwurzelt ist im Glauben und in der Einhaltung der kirchlichen Gesetze, glaubt leicht, der Augenblick. sei gekommen, sich der profanen Lebensauffassung anzupassen, als wenn diese die bessere wäre, eine, die ein Christ sich zu eigen machen kann und soll. Dieses Phänomen der Angleichung zeigt sich sowohl auf philosophischem Gebiet (wie viel vermag die Mode auch im Reiche des Geistes, das autonom und frei sein und einzig darauf bedacht sein sollte, der Wahrheit und der Autorität bewährter Meister zu folgen!) wie auf praktischem Gebiet, wo es immer ungewisser und schwieriger wird, die feste Linie sittlicher Rechtschaffenheit und rechten praktischen Verhaltens aufzuzeigen.

49 Der Naturalismus droht, die ursprüngliche Auffassung vom Christentum zu verwässern; der Relativismus, der alles rechtfertigt und allem den gleichen Wert zuspricht, geht gegen den absoluten Charakter der christlichen Grundsätze an. Die Gewohnheit, jede Anstrengung und Unbequemlichkeit aus den Lebensgewohnheiten auszuschalten, empfindet die christliche Zucht und Aszese als unnütz und lästig. Das apostolische Verlangen, der Religion fernstehenden Kreisen nahe zu kommen oder sich bei profan eingestellten Menschen, besonders Jugendlichen, Gehör zu verschaffen, führt bisweilen zu einem Verzicht auf die dem christlichen Leben eigenen Formen und selbst auf jene innere Haltung, die dem Bemühen um Annäherung und formenden Einfluss erst seinen Sinn und seine Kraft geben muss. Ist es nicht häufig so, dass der junge Klerus oder auch mancher sonst eifrige Ordensmann in der guten Absicht, in die Volksmassen oder in gewisse Kreise einzudringen, sich mit ihnen zu identifizieren sucht, statt sich von ihnen zu unterscheiden, und so wegen unnutzer Nachahmung sein Apostolat um seine eigentliche Wirkung bringt? Der große von Christus verkündete Grundsatz zeigt sich hier in seiner Aktualität und in seiner Problematik: in der Welt sein, aber nicht von der Welt. Wohl uns, wenn sein so höchst aktuelles Gebet auch heute noch von ihm, „der immer lebt und für uns eintritt" (vgl. Hebr 7,25), vor den himmlischen Vater gebracht wird: „Nicht bitte im, dass du sie nehmest aus der Welt, sondern dass du sie bewahrest vor dem Bösen" (Jo 17,15).

aggiornamento

50 Das soll nicht heißen, wir müssten glauben, etwa die Unveränderlichkeit der Formen, mit denen sich die Kirche im Laufe der Jahrhunderte umgeben hat, gehöre zur Vollkommenheit, auch nicht, dass die Vollkommenheit darin besteht, jede Annäherung und Anpassung an die heute allgemein üblichen und einwandfreien Formen der Sitte und der Zeitumstände abzulehnen. Das nun schon berühmte gewordene Wort Unseres verehrten Vorgängers Johannes' XXIII. seligen Andenkens, das „aggiornamento", werden Wir immer als programmatische Richtschnur im Auge behalten. Wir haben es als Leitkriterium des Ökumenischen Konzils bestätigt, und der Gedanke an dieses Wort wird Uns ein Ansporn sein, immer mit der inneren neuen Lebenskraft der Kirche zu rechnen, mit ihrer Fähigkeit, die Zeichen der Zeit zu deuten, und mit ihrer ewig jugendlichen Begabung, „alles zu prüfen und das Gute zu behalten" (1 Thess 5,21).

Im Geiste des Gehorsams

51 Aber nochmals sei zu unser aller Nutzen und Mahnung wiederholt: Die Kirche wird ihre neue Jugend nicht so sehr durch Änderung ihrer äußeren Gesetze finden, als vielmehr durch die innere Haltung des Gehorsams gegenüber Christus, durch Beobachtung jener Gesetze, die die Kirche sich selbst gibt, um Christi Weg zu folgen. Hier liegt das Geheimnis ihrer Erneuerung, hier ihre „Metanoia", hier ihre Übung der Vollkommenheit. Die Beobachtung der kirchlichen Gesetze mag durch Vereinfachung mancher Vorschrift und durch das Vertrauen erleichtert werden, das in die Freiheit des Christen von heute gesetzt wird, da er besser über seine Pflichten belehrt ist und klarer und mit mehr Einsicht über die Art, sie zu erfüllen, sich zu entscheiden vermag. Trotzdem bleibt das Gesetz in seiner wesentlichen Forderung bestehen. Das christliche Leben, wie die Kirche es deutet und durch kluge Vorschriften umschreibt, wird immer durch den „schmalen Weg", von dem unser Herr sprach (vgl. Mt 7, 13), gezeichnet sein. Es wird von uns Christen dieser Zeit nicht geringere, ja vielleicht größere sittliche Anstrengungen verlangen als von den Christen von gestern und Bereitschaft zum Gehorsam, die heute nicht weniger als in der Vergangenheit verpflichtend und vielleicht schwieriger, sicher aber verdienstlicher ist, weil mehr von übernatürlichen als natürlichen Beweggründen geleitet. Nicht die Gleimförmigkeit mit dem Geist der Welt, nicht das Freisein von der Zucht einer vernünftigen Aszese, nicht die Gleichgültigkeit gegenüber den freien Sitten unserer Zeit, nicht die Befreiung von der Autorität kluger und rechtmäßiger Vorgesetzter, nicht die Gleichgültigkeit gegenüber den Widersprüchen im gegenwärtigen Denken können der Kirche Kraft geben oder sie befähigen, die Wirkung der Gaben des Heiligen Geistes zu erfahren; nicht sie können ihr die Echtheit ihrer Christusnachfolge garantieren oder ihr die Sorge um die Liebe zu den Brüdern eingeben und die Fähigkeit, ihnen ihre Heilsbotschaft zu verkünden. Nein, das alles vermag nur ihre Bereitschaft, nach Gottes Gnade zu leben, ihre Treue gegenüber dem Evangelium des Herrn, ihr hierarchischer und gemeinschaftsförmiger Zusammenschluss. Nicht verweichlicht und feig ist der Christ, sondern stark und treu.

52 Wir wissen, es würde zu weit führen, wollten Wir das gegenwärtige Programm des christlichen Lebens auch nur in seinen Hauptlinien zeichnen. Wir wollen jetzt nicht darauf eingehen. Im übrigen kennt ihr die sittlichen Bedürfnisse unserer Zeit, und ihr werdet sicher nicht aufhören, die Gläubigen auf das Verständnis der Würde, der Reinheit, der Strenge des christlichen Lebens hinzuweisen, und werdet es nicht unterlassen, so gut ihr könnt, auch öffentlich die sittlichen Gefahren und die Laster, an denen unsere Zeit krankt, anzuklagen. Wir alle erinnern uns an die feierliche Mahnung der Heiligen Schrift: „Ich weiß um deine Werke, um deine Mühe und dein Ausharren, und auch, dass du Schlechtes nicht ertragen kannst" (Offb 2, 2). Und wir alle werden danach trachten, wachsame und rührige Hirten zu sein. Das Ökumenische Konzil muss uns selbst neue und heilsame Weisungen geben. Und sicher müssen wir alle schon jetzt uns darauf einstellen, die Weisungen zu hören und durchzuführen.

Der Geist der Armut

53 Wir wollen jedoch auf zwei besondere Hinweise nicht verzichten, die, wie Uns scheint, grundlegende Bedürfnisse und Pflichten betreffen und die die Möglichkeit bieten, über die allgemeine Ausrichtung einer echten Erneuerung des kirchlichen Lebens nachzudenken.

54 Wir weisen zunächst auf den Geist der Armut hin. Dieser wird, so meinen Wir, in der Bibel so sehr betont, ist so sehr einbezogen in den Plan unserer Bestimmung für das Reich Gottes, so gefährdet durch die Einschätzung der Güter in der gegenwärtigen Mentalität, so notwendig, um uns unsere Schwächen und Verwirrungen in der Vergangenheit verstehen zu lassen und um uns anderseits bewusst zu machen, wie unser Leben gestaltet werden muss und welches die beste Methode ist, den Menschen die Religion Christi zu verkünden, und ist endlich so schwer, in der rechten Weise gelebt zu werden, dass Wir den Geist der Armut in dieser Unserer Botschaft ausdrücklich erwähnen müssen - nicht weil Wir spezielle kirchliche Maßnahmen treffen wollten, sondern vielmehr, um euch, Ehrwürdige Mitbrüder, um den Trost eurer Zustimmung, eures Rates und eures Beispiels zu bitten. Wir erwarten, dass ihr als angesehene Autorität und als Interpreten der besten Impulse, durch die der Geist Christi in der Kirche lebendig wird, Uns sagt, wie Hirten und Gläubige in Sprache und Verhalten zur Armut angeleitet werden sollen. „Seid auf das in euch bedacht, was auch in Christus Jesus war" (Phil 2,5), mahnt der Apostel. Ihr müsst Uns sagen, welche Leitsätze wir zusammen für das kirchliche Leben aufstellen müssen, die uns helfen, unser Vertrauen mehr auf die Hilfe Gottes und auf die geistlichen Güter zu gründen als auf die irdischen Mittel, die ferner uns selbst daran erinnern und die Welt darüber unterrichten sollen, dass die geistlichen Güter gegenüber den wirtschaftlichen den Vorrang haben müssen und dass wir den Besitz und den Gebrauch der materiellen Güter soweit beschränken und unterordnen müssen, als es für die rechte Ausübung unserer apostolischen Sendung von Nutzen ist.

55 Auch wenn Wir hier nur kurz auf die Notwendigkeit und den verpflichtenden Charakter der Armutshaltung hinweisen, wie sie das Evangelium Christi enthält, so dürfen Wir nicht unterlassen, daran zu erinnern, dass uns dieser Geist nicht vom Verständnis und der Mitarbeit auf wirtschaftlichem Gebiet ausschließt - wie Wir es bereits dargelegt haben -, einem Gebiet, das ungeheure Ausmaße und eine wichtige Bedeutung in der Entwicklung der gegenwärtigen Kultur, besonders in seinen menschlichen und sozialen Auswirkungen, erhalten hat. Wir glauben vielmehr, dass das innere Freiwerden, die Frucht des Geistes der evangelischen Armut, uns feinfühliger macht und besser befähigt, die menschlichen Phänomene, die mit dem Wirtschaftsleben verbunden sind, zu verstehen, sei es, dass es sich darum handelt, dem Reichtum und dem Fortschritt in seiner schöpferischen Bedeutung die ihm zustehende gerechte und oft strenge Bewertung zu geben; sei es, um der Not mit wachem und mit großherzigem Interesse zu begegnen, sei es schließlich, um das Bestreben zu fördern, dass die wirtschaftlichen Güter für die Menschen nicht eine Quelle des Kampfes, des Egoismus, des Stolzes werden, sondern auf dem Wege der Gerechtigkeit und der Billigkeit dem Allgemeinwohl zugeführt und so immer zweckmäßiger verteilt werden mögen. Alles, was sich auf die wirtschaftlichen Güter bezieht, die den geistlichen und ewigen untergeordnet, aber für das gegenwärtige Leben notwendig sind, findet den Hörer des Evangeliums fähig zu einer klugen Einschätzung und zu einer menschenwürdigen Mitarbeit: Wissenschaft, Technik und vor allem die Arbeit sind für Uns Gegenstand höchsten Interesses; ihre Frucht, das Brot, wird geheiligt durch Tisch und Altar. Die Soziallehre der Kirche lässt bezüglich dieses Themas keinen Zweifel offen. Gerne benützen Wir diese Gelegenheit, um von neuem Unsere Absicht zu bekräftigen, an diesen heilsamen Lehren festzuhalten.

Das Gebot der Liebe

56 Der andere Hinweis bezieht sich auf den Geist der Liebe. Aber ist dieses Thema euch nicht schon längst vertraut? Bezeichnet die Liebe nicht etwa den Brennpunkt der religiösen Heilsordnung des Alten und des Neuen Testamentes? Bewegt sich nicht die geistliche Erfahrung der Kirche gerade um die Liebe? Ist die Liebe vielleicht nicht immer die lichtvollste und beglückendste Entdeckung, die Theologie und Frömmigkeit machen können, wenn sie unablässig die Schätze der Schrift und der Sakramente betrachten, deren Erbin, Hüterin, Lehrerin und Ausspenderin die Kirche ist? Wir meinen, mit Unseren Vorgängern, mit der Vielzahl der Heiligen, die unser Zeitalter der Kirche im Himmel und auf Erden gegeben hat, und mit dem frommen Sinn des gläubigen Volkes: dass die Liebe heute jenen Platz einnehmen muss, der ihr zukommt, den ersten, den höchsten auf der Stufenleiter der religiösen und sittlichen Werte, nicht nur in der theoretischen Wertschätzung, sondern auch in der praktischen Verwirklichung des christlichen Lebens. Das gilt von der Liebe zu Gott, der seine Liebe an uns verschenkt hat, wie auch von der Liebe, die wir unsererseits unseren Nächsten, das heißt allen Menschen, Weiterschenken müssen. Die Liebe erklärt alles, die Liebe gibt in allem das Rechte ein. Die Liebe macht alles möglich. Die Liebe erneuert alles. Die Liebe „erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles" (1 Kor 13, 7). Wer von uns wüsste das alles nicht? Und wenn wir es wissen, ist dies dann nicht die Stunde der Liebe?

57 Dieses Idealbild demütiger und tief christlicher Fülle führt Uns zu der seligsten Jungfrau Maria. Sie spiegelt es vollkommen in sich wider, ja noch mehr: sie hat es auf Erden gelebt und besitzt nunmehr im Himmel dessen Glanz und Seligkeit. Glücklicherweise blüht heute in der Kirche die Verehrung Mariens; und bei dieser Gelegenheit lenken Wir gern Unsere Gedanken auf sie, um in ihr, der seligsten Jungfrau, der Mutter Christi und darum der Mutter Gottes und unserer Mutter, das Vorbild christlicher Vollkommenheit, den Spiegel echter Tugenden, das Wunder wahrer Menschlichkeit zu bewundern. Wir sind der Meinung, dass die Marienverehrung eine Quelle evangelischer Unterweisung ist: von ihr, dem seligsten, dem liebevollsten, dem demütigsten, dem makellosen Geschöpf, dem das Privileg zufiel, dem Worte Gottes einen menschlichen Leib in seiner ursprünglichsten und unschuldigen Schönheit zu geben, von ihr haben Wir auf Unserer Pilgerfahrt ins Heilige Land die Lehre christlicher Echtheit annehmen wollen, und auf sie, die liebevolle Meisterin des Lebens, richten Wir den flehenden Blick, während Wir mit euch, verehrte Mitbrüder, über die geistige und sittliche Erneuerung des Lebens der Kirche nachdenken.

Dritter Teil: Der Dialog der Kirche

58 Noch eine dritte Haltung muss die katholische Kirche in dieser Stunde der Weltgeschichte einnehmen. Diese Haltung ist gekennzeichnet durch das Bemühen um die Begegnung mit der Menschheit von heute. Wenn die Kirche ein immer klareres Bewusstsein von sich selbst gewinnt und wenn sie danach trachtet, sich selbst nach dem Modell, das Christus ihr vor Augen stellt, zu bilden, dann wird sie sich tief von der menschlichen Umgebung unterscheiden, in der sie dennoch lebt und der sie sich nähert.

59 Das Evangelium macht uns auf diese Unterscheidung aufmerksam, wenn es von der „Welt" spricht, nämlich von der Menschheit, die das Licht des Glaubens und die Gabe der Gnade ablehnt; von der Menschheit, die in einem naiven Optimismus glaubt, ihre eigenen Kräfte würden allein genügen, um sich ganz und vollkommen zu verwirklichen; oder auch von der Menschheit, die sich in einem düsteren Pessimismus niederdrücken lässt, indem sie die eigenen Laster, die eigenen Schwachheiten, die eigenen sittlichen Krankheiten als vom Schicksal bestimmt, als unheilbar und vielleicht auch als begehrenswerte Kundgebungen von Freiheit und Glaubwürdigkeit erklärt. Das Evangelium, das die menschlichen Armseligkeiten mit durchdringender und zuweilen qualvoller Aufrichtigkeit erkennt und aufzeigt, bemitleidet und heilt, gibt jedenfalls weder der Täuschung von der natürlichen Güte des Menschen Raum - als ob dieser sich selbst genüge und nichts anderes brauche, als seiner Freiheit überlassen zu werden, um sich nach eigener Willkür auszuleben - noch der verzweifelten Resignation vor der unheilbaren Verderbtheit der menschlichen Natur. Das Evangelium ist Licht, ist Neuheit, ist Energie, ist Wiedergeburt, ist Heil. Deshalb erzeugt und bildet es eine Form neuen Lebens, von dem das Neue Testament uns ständig wunderbare Belehrung gibt: „Macht euch nicht die Art dieser Welt zu eigen, sondern wandelt euch um durch Erneuerung eures Denkens, um zu erforschen, was der Wille Gottes, was gut, wohlgefällig und vollkommen ist" (Röm 12,2); so mahnt uns der heilige Paulus.

60 Diese Verschiedenheit des christlichen Lebens vom weltlichen Leben ergibt sich ferner aus der Wirklichkeit und dem Bewusstsein der Rechtfertigung, die durch unsere Verbindung mit dem Ostergeheimnis, vor allem mit der heiligen Taufe in uns hervorgebracht wurde, wie Wir vorhin gesagt haben, die eine wahre Wiedergeburt ist und als solche betrachtet werden muss. Der heilige Paulus erinnert daran: „...wir alle, die wir getauft wurden auf Christus Jesus, sind auf seinen Tod getauft. Wir wurden also mitbegraben mit ihm durch die Taufe auf seinen Tod, damit so, wie Christus auferweckt wurde von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln" (Röm 6, 3-4).

Leben in der Welt, nicht von der Welt

61 Der Christ von heute muss wieder an seine ursprüngliche und wunderbare Lebensform denken, in der Freude über seine Würde muss er seinen Halt finden, sie muss ihn vor der Ansteckung und Verführung bewahren, die vom menschlichen Elend oder vom Glanze seiner Umgebung ausgehen.

62 Hören wir, wie der heilige Paulus die Christen der ersten Generation erzog: „Zieht nicht im fremden Joch mit Ungläubigen; denn was hat Gerechtigkeit zu tun mit Ungesetzlichkeit? Oder was haben Licht und Finsternis miteinander gemeinsam? ... Welchen Anteil hat der Gläubige gemeinsam mit dem Ungläubigen?" (2 Kor 6, 14 f). Die christliche Pädagogik wird den Menschen von heute immer an seine besondere Stellung und die daraus folgende Pflicht erinnern müssen, in der Welt zu leben, aber nicht von der Welt zu sein, entsprechend dem Gebete Jesu für seine Jünger: „Nicht bitte ich, dass du sie nehmest aus der Welt, sondern dass du sie bewahrest vor dem Bösen. Sie sind nicht aus der Welt, so wie auch ich nicht aus der Welt bin" (Jo 17, 15-16). Die Kirche macht sich diesen Wunsch zu eigen.

63 Aber diese Unterscheidung bedeutet nicht Trennung. Sie ist weder Gleichgültigkeit noch Furcht, noch Verachtung. Wenn die Kirche den Unterschied hervorhebt, der zwischen ihr und der Menschheit besteht, so stellt sie sich nicht in Gegensatz zu ihr, sondern verbindet sich vielmehr mit ihr. Wie der Arzt, der die Tücken einer ansteckenden Krankheit kennt, sich und andere vor Ansteckung zu bewahren sucht, sich aber doch gleichzeitig dem Dienst an den Kranken widmet, die davon befallen sind, so macht auch die Kirche aus der Barmherzigkeit, die Gottes Güte ihr erwiesen hat, kein ausschließliches Privileg und aus dem eigenen guten Geschick keinen Grund, sich nicht um die zu kümmern, die nicht das gleiche Glück hatten; ihre eigene Rettung ist ihr vielmehr Anlass, sich in Liebe um jeden zu bemühen, der ihr nahe kommt oder dem sie sich in ihrem Bemühen, alle zum Heile zu führen, nähern kann.

64 Wenn die Kirche wirklich, wie Wir sagten, sich dessen bewusst ist, was sie nach dem Willen des Herrn sein soll, dann fühlt sie in sich eine einzigartige Fülle und das Bedürfnis, sich allen mitzuteilen, zugleich mit der klaren Erkenntnis einer über sie selbst hinausgehenden Sendung, einer Botschaft, die sie zu verbreiten hat. Es ist die Pflicht der Verkündigung des Evangeliums, der missionarische Auftrag, das apostolische Amt. Eine Haltung treuen Bewahrens genügt nicht. Gewiss müssen wir den uns als Erbe von der christlichen Überlieferung überkommenen Schatz der Wahrheit und der Gnade bewahren, ihn auch verteidigen. „Bewahre das anvertraute Gut!" mahnt der heilige Paulus (1 Tim 6, 20). Doch weder das Bewahren noch die Verteidigung erschöpfen die Pflicht der Kirche gegenüber den ihr anvertrauten Gütern. Die Pflicht, die dem von Christus erhaltenen Erbe einzig und ganz entspricht, ist die Verbreitung, das Angebot und die Verkündigung, wie wir wissen: „Darum geht hin und macht alle Völker zu Jüngern!" (Mt 28,19); das ist der letzte Auftrag Christi an seine Apostel. Der Name Apostel selbst weist sie auf ihre unabweisliche Sendung hin. Diesem inneren Antrieb der Liebe, die danach strebt, sich zur äußeren Gabe der Liebe zu machen, wollen Wir den heute allgemein gewordenen Namen „Dialog" geben.

Der Dialog

65 Die Kirche muss zu einem Dialog mit der Welt kommen, in der sie nun einmal lebt. Die Kirche macht sich selbst zum Wort, zur Botschaft, zum Dialog.

66 Dieser Gesichtspunkt ist einer der wichtigsten im heutigen Leben der Kirche; er ist, wie bekannt, Gegenstand eines besonderen und umfassenden Studiums des Ökumenischen Konzils. Wir wollen Uns nicht auf die Prüfung der einzelnen Themen dieser Studien einlassen, sondern den Konzilsvätern die Aufgabe überlassen, sie in Freiheit zu behandeln. Wir möchten euch, Ehrwürdige Brüder, nur einige Gedanken zur Erwägung vorlegen, um die Beweggründe, die die Kirche zu diesem Dialog drängen, seine Methode, seine Ziele zu verdeutlichen. Es geht Uns dabei um die rechte innere Verfassung, in der der Dialog geführt werden muss, nicht um die einzelnen Diskussionspunkte. Wir wollen nur vorbereiten, noch nicht die Sache selbst behandeln.

67 Wir können nicht anders vorgehen als in der Überzeugung, dass der Dialog Unser apostolisches Amt kennzeichnen muss, da Wir Erben einer solchen Arbeitsweise, einer solchen pastoralen Richtung sind, die Uns von Unseren Vorgängern seit dem letzten Jahrhundert überliefert wurde, angefangen von dem großen weisen Leo XIII., der die evangelische Gestalt des weisen Schriftgelehrten personifizierte: „... welcher gleich einem Hausherrn aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt" (Mt 13, 52), und der souverän die Ausübung des katholischen Lehramtes wiederaufnahm und im Lichte des Wortes Christi die Probleme unserer Zeit zum Gegenstand seiner überaus reichen Lehre machte. So handelten auch seine Nachfolger, wie ihr wisst.

68 Haben nicht Unsere Vorgänger, besonders die Päpste Pius XI. und Pius XII., Uns ein großartiges und sehr reiches Erbe von Lehren hinterlassen und in Liebe und Weisheit versucht, göttliche Gedanken mit menschlichen zu verbinden, nicht in abstrakten Überlegungen, sondern in der Umgangssprache des Menschen der gegenwärtigen Zeit? Was ist dieser apostolische Versuch anderes als ein Dialog? Hat nicht Johannes XXIII., Unser unmittelbarer Vorgänger verehrten Andenkens, seine Lehre noch deutlicher ausgedrückt in der Absicht, sie soweit wie möglich der Erfahrung und dem Verständnis der heutigen Welt anzupassen? Wollte man nicht, und mit Recht, dem Konzil selbst einen pastoralen Zweck geben, ganz hingeordnet auf die Einfügung der christlichen Botschaft in das Denken, die Sprache, die Kultur, die Sitte, den Geist der Menschheit, wie sie heute auf Erden lebt? Bevor man die Welt bekehrt, oder vielmehr um sie zu bekehren, muss man sich ihr nahen und mit ihr sprechen.

69 Was Unsere bescheidene Person betrifft – Wir reden nicht gerne von Uns und möchten nicht die Aufmerksamkeit anderer auf Uns lenken -, so haben Wir im Hinblick auf das Bischofskollegium und das christliche Volk den festen Vorsatz, in der gleichen Richtung voranzugehen - soweit Unsere schwache Kraft es Uns gestatten wird, und vor allem soweit die Gnade Gottes Uns die Möglichkeit geben wird, es zu tun -, auf derselben Linie, in demselben Bemühen, der Welt, in der die Vorsehung Uns bestimmt hat zu leben, nahezukommen, und zwar mit aller Achtung, Aufmerksamkeit und mit aller Liebe, um sie zu verstehen, um ihr die Gaben der Wahrheit und Gnade anzubieten, zu deren Verwalter Uns Christus gemacht hat, und um ihr unser wunderbares Glück der Erlösung und der Hoffnung mitzuteilen. Tief haben Wir Uns die Worte Christi eingeprägt, an denen Wir demütig, aber entschieden festhalten wollen: „Nicht ... um die Welt zu richten hat Gott seinen Sohn in die Welt gesandt, sondern dass die Welt gerettet werde durch ihn" (Jo 3, 17).

Die Religion als Dialog zwischen Gott und den Menschen

70 Der transzendente Ursprung des Dialogs, Ehrwürdige Brüder, liegt im Plane Gottes selbst. Die Religion ist ihrer Natur nach eine Beziehung zwischen Gott und dem Menschen. Das Gebet spricht im Dialog diese Beziehung aus. Die Offenbarung, das heißt die übernatürliche Beziehung, die Gott selbst durch freien Entschluss mit der Menschheit herstellen wollte, wird in einem Dialog verwirklicht, wobei das Wort Gottes sich in der Menschwerdung und dann im Evangelium zum Ausdruck bringt. Das heilige väterliche Gespräch Gottes mit dem Menschen wurde durch die Erbsünde unterbrochen, aber im Laufe der Weltgeschichte wunderbar wiederaufgenommen. Die Heilsgeschichte erzählt diesen langen und vielgestaltigen Dialog, der von Gott ausgeht und zu einer wunderbar vielgestaltigen Zwiesprache mit dem Menschen wird. In diesem Gespräch Christi mit den Menschen (vgl. Bar 3,38) gewährt Gott etwas Einblick in das Geheimnis seines Lebens, in das Einzigartige seines Wesens, dreifaltig in den Personen; er sagt uns, wie er erkannt werden will - er ist Liebe; und wie er von uns geehrt werden will und wie wir ihm dienen sollen - Liebe ist unser oberstes Gebot. Der Dialog wird eng und vertraulich. Das Kind ist dazu eingeladen, der Mystiker erschöpft sich darin.

Kennzeichen des Heilsdialogs

71 Wir müssen uns diese unaussprechliche und durchaus wirkliche Beziehung des Dialogs vor Augen halten, der uns angeboten und mit uns aufgenommen wurde von Gott Vater, durch die Vermittlung Christi, im Heiligen Geiste, um zu verstehen, welche Beziehung wir, das heißt die Kirche, mit der Menschheit anzubahnen und zu fördern suchen sollen.

72 Der Dialog des Heiles wurde frei durch die göttliche Initiative eröffnet: „Er (Gott) hat uns zuerst geliebt" (1 Jo 4, 10): an uns liegt es nun, die Initiative zu ergreifen, um den Dialog selbst auf die Menschen auszudehnen, ohne zu warten, bis wir gerufen werden.

73 Der Dialog des Heiles ging aus von der Liebe, von der göttlichen Güte: „Denn so liebte Gott die Welt, dass er seinen eingeborenen Sohn hingab" (Jo 3,16): eifrige und selbstlose Liebe wird auch unseren Dialog leiten müssen.

74 Der Dialog des Heiles war nicht abhängig von den Verdiensten derer, an die er gerichtet war, und nicht einmal von den Ergebnissen, die er hätte erreichen oder verfehlen können: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes" (Lk 5,31): auch unser Dialog soll keine Grenzen und keine Berechnungen kennen.

75 Niemand wurde gezwungen, diesen Dialog des Heiles aufzunehmen. Er war eine unerhörte Einladung der Liebe. Sie bedeutete eine erschreckende Verantwortung für jene, an die sie gerichtet war (vgl. Mt 11, 21) - sie ließ ihnen die Freiheit, ihr zu entsprechen oder sie zurückzuweisen; dabei passte sie aber die Vielzahl der Zeichen und Wunder (Mt 12,38 ff) den Bedürfnissen der Fassungskraft der Hörer, der Beweiskraft der Zeichen selbst an (vgl. Mt 13, 13), um den Hörern die freie Zustimmung zur göttlichen Offenbarung zu erleichtern, ohne ihnen das Verdienst zu nehmen. So wird unsere Sendung - auch wenn sie Verkündigung unbestreitbarer Wahrheit und notwendigen Heiles ist – nicht mit äußeren Zwangsmitteln vorgehen, sondern sie wird nur den zulässigen Wegen menschlicher Erziehung, innerer Überzeugung, gemeinsamer Besprechung, immer unter Achtung der persönlichen und staatsbürgerlichen Freiheit, das Geschenk des Heiles anbieten.

76 Der Dialog des Heiles wurde allen möglich gemacht und für alle, ohne irgendeine Herabsetzung, bestimmt (Kol 3,11); auch unser Dialog soll seiner Natur nach allgemein sein, katholisch, das heißt, dass er sich mit jedem einlässt, vorausgesetzt, dass man ihn nicht zurückweist oder nur vortäuscht, ihn aufzunehmen.

77 Der Dialog des Heiles hat naturgegebene Abstufungen, macht Entwicklungen durch von bescheidenen Anfängen bis zum vollen Erfolg (vgl. Mt 13,31); auch unser Dialog muss mit einem langsamen psychologischen und geschichtlichen Reifungsprozess rechnen und die Stunde abwarten, in der Gott ihm Erfolg verleiht. Dennoch soll unser Dialog nicht auf morgen verschieben, was er heute tun kann; er soll das brennende Verlangen nach der entscheidenden Stunde und den Sinn für die Kostbarkeit der Zeit haben (vgl. Eph 4, 16). Heute, das heißt jeden Tag, soll er wieder neu anfangen, und eher auf unserer Seite als bei denen, an die er gerichtet ist.

78 Es ist klar, dass die Beziehungen zwischen Kirche und Welt viele und verschiedene Formen annehmen können. Theoretisch gesprochen, könnte die Kirche sich zum Ziel setzen, diese Beziehungen auf das Mindestmaß zu beschränken, und könnte danach trachten, sich selbst aus dem Verkehr mit der profanen Gesellschaft herauszuhalten. Sie könnte sich auch damit begnügen, die Übel, die sich in jener Gesellschaft finden, aufzuzeigen, sie mit Bannfluch zu belegen und Kreuzzüge gegen sie zu predigen. Sie könnte sich auch der Welt nähern, nur um einen vorherrschenden Einfluss auf sie anzustreben oder auch um eine theokratische Herrschaft über sie auszuüben oder etwas Ähnliches. Es scheint Uns jedoch, dass die Beziehung der Kirche zur Welt - ohne sich anderen rechtmäßigen Möglichkeiten zu verschließen - sich besser darstellen lasse in einem Dialog, der freilich nicht nach einem allgemeinen Schema vorgehen darf, sondern sich der Eigenart des Partners und der gegebenen Wirklichkeit anpassen muss. Anders ist in der Tat der Dialog mit einem Kinde und anders der mit einem Erwachsenen; anders der mit einem Gläubigen und anders der mit einem Ungläubigen. Dies ist eine Forderung, die sich aus der heutigen allgemeinen Art ergibt, das Verhältnis zwischen dem Heiligen und dem Profanen aufzufassen; sie ergibt sich aus dem Dynamismus, der die gegenwärtige Gesellschaft ergriffen hat; aus der Vielheit ihrer Erscheinungsformen; aus der größeren Reife des Menschen, mag er religiös oder nichtreligiös sein, die ihn durch Erziehung und Kultur heute zum Denken, zum Sprechen und zur würdigen Führung eines Dialogs befähigt.

79 Diese Form der Beziehung zeigt das Bestreben nach Korrektheit, Wertschätzung, Sympathie, Güte auf seiten dessen, der ihn aufnimmt; sie schließt eine aprioristische Verurteilung, eine beleidigende und fortgesetzte Polemik und eitles, unnutzes Reden aus. Wenn sie auch gewiss nicht auf eine unmittelbare Bekehrung des Partners abzielt, da sie seine Würde und seine Freiheit amtet - so sucht sie dennoch dessen Vorteil und möchte ihn zu einer volleren Gemeinschaft der Gesinnung und Überzeugung führen.

80 Der Dialog setzt also bei uns eine innere Haltung voraus, die wir auch in unserer Umgebung hervorrufen und nähren wollen: es ist die innere Verfassung dessen, der in sich die Last des apostolischen Auftrages fühlt, der sich bewusst ist, das eigene Seelenheil nicht vom Suchen nach dem Heil des anderen trennen zu können, der sich ständig bemüht, die Botschaft, die ihm anvertraut ist, in den Kreislauf des menschlichen Gesprächs einzuführen.

Klarheit, Sanftmut, Vertrauen, Klugheit

81 Daher ist das Gespräch eine Art, die apostolische Sendung auszuüben, es ist eine Kunst geistiger Mitteilung. Seine Eigenschaften sind folgende: 1. vor allem Klarheit. Der Dialog setzt die Verständlichkeit voraus und fordert sie, er ist eine Gedankenmitteilung, eine Einladung, die höheren Fähigkeiten des Menschen zu betätigen. Diese Eigenschaft würde schon genügen, um ihn zu den edelsten Ausdrucksformen menschlicher Tätigkeit und Kultur zu zählen. Und diese seine Grundforderung genügt, um unser apostolisches Bemühen anzuspornen und jede Form unserer Sprache zu überprüfen: ob sie verständlich, anschaulich und überlegt ist. 2. Eine andere Eigenschaft ist dann die Sanftmut, jene, die Christus uns vorlegte, damit wir sie von ihm lernen. „Lernt von mir; denn im bin sanftmütig und demütig von Herzen" (Mt 11, 29). Der Dialog ist nicht hochmütig, verletzend oder beleidigend. Seine Autorität wohnt ihm inne durch die Wahrheit, die er darlegt, durch die Liebe, die er ausstrahlt, durch das Beispiel, das er gibt. Er ist weder Befehl noch Nötigung. Er ist friedfertig und meidet die heftigen Ausdrücke; er ist geduldig und großmütig. 3. Die dritte Eigenschaft ist das Vertrauen, das sowohl dem eigenen Worte innewohnt als auch in der Haltung des Zuhörens von seiten des Gesprächpartners zum Ausdruck kommt. Es fördert die Annäherung und die Freundschaft. Es verbindet die Geister in der gemeinsamen Bejahung eines Wertes, die jede egoistische Zielsetzung ausschließt. 4. Schließlich die pädagogische Klugheit, die weitgehend die psychologischen und moralischen Voraussetzungen des Zuhörers berücksichtigt (vgl. Mt 7,6): ob es sich um ein Kind, einen Ungebildeten, Unvorbereiteten, Misstrauischen oder Feindseligen handelt. Sie bemüht sich, dessen geistige Verfassung kennen zu lernen sowie auch in vernünftiger Weise sich selbst und die Form der eigenen Darlegung anzupassen, um ihm gegenüber nicht undankbar und verständnislos zu sein.

Authentische Dialektik

82 In einem so geführten Dialog verwirklicht sich die Verbindung von Wahrheit und Liebe, von Klugheit und Güte.

83 Im Dialog entdeckt man, wie verschieden die Wege sind, die zum Lichte des Glaubens führen, und wie es möglich ist, sie alle auf dasselbe Ziel hinzulenken. Auch wenn sie voneinander abweichen, können sie doch zur Ergänzung beitragen, weil sie unsere Überlegungen auf ungewohnte Bahnen lenken und uns zwingen, unsere Forschungen zu vertiefen und unsere Ausdrücke neu zu gestalten. Die Dialektik dieses Denkens und dieser Geduld lässt uns auch in den Meinungen der anderen Wahrheitselemente entdecken; sie wird uns zwingen, unsere Lehre möglichst unparteiisch vorzutragen, und als Lohn für die Mühe, dass wir auf die Einwände der anderen eingegangen sind, wird sie uns die allmähliche Annäherung schenken. Sie wird uns weise und zu Meistern machen.

84 Und welches ist seine Form der Entfaltung?

85 Vielfältig sind die Formen des Dialogs, der zum Heile führt. Er folgt den Bedürfnissen der Erfahrung, wählt die geeigneten Mittel, bindet sich nicht an nichtssagende Apriorismen, legt sich nicht auf starre Ausdrücke fest, wenn diese die Kraft verloren haben, den Menschen etwas zu sagen und sie zu etwas zu bewegen.

86 Hier stellt sich die große Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Sendung der Kirche und dem Leben der Menschen einer bestimmten Zeit eines bestimmten Ortes, einer bestimmten Kultur und einer bestimmten sozialen Situation.

Annäherung und Wahrheit

87 Bis zu welchem Grade muss die Kirche sich den historischen und örtlichen Umständen anpassen, in denen sie ihre Sendung ausübt? Wie kann sie sich gegen die Gefahr eines Relativismus schützen, der ihre dogmatische und moralische Treue antastet? Wie aber soll sie sich gleichzeitig geeignet machen, allen nahezukommen und alle zu retten, nach dem Beispiel des Apostels: „Allen bin ich alles geworden, um alle zu retten" (1 Kor 9, 22). Die Welt wird nicht von außen gerettet. Man muss, wie das menschgewordene Wort Gottes, gewissermaßen mit den Lebensformen derjenigen eins werden, denen man die Botschaft Christi bringen will, man muss, ohne Rücksicht auf Privilegien oder ohne die Trennungswand einer unverständlichen Sprache, die allgemeine Gewohnheit annehmen, wenn sie nur menschenwürdig und lauter ist, vor allem jene der Kleinsten, wenn man gehört und verstanden sein will. Noch bevor man spricht, muss man auf die Stimme, ja sogar auf das Herz des Menschen hören; man muss ihn verstehen und, soweit möglich, achten und, wo es sich geziemt, ihm auch Recht geben. Wir müssen Brüder der Menschen werden in demselben Augenblick, wo wir ihre Hirten, Väter und Lehrer sein wollen. Das Klima des Dialogs ist die Freundschaft, ja der Dienst. An all das müssen wir uns erinnern und uns bemühen, es in die Tat umzusetzen, nach dem Beispiel und Gebot, das Christus uns hinterließ (vgl. Jo 13, 14-17).

88 Aber die Gefahr bleibt bestehen. Die Kunst des Apostolates ist ein Wagnis. Die Sorge, den Brüdern näher zu kommen, darf nicht zu einer Abschwächung oder Herabminderung der Wahrheit führen. Unser Dialog kann uns nicht von der Verpflichtung gegenüber unserem Glauben entbinden. Das Apostolat darf keinen doppeldeutigen Kompromiss eingehen bezüglich der Prinzipien des Denkens und Handelns, die unser christliches Bekenntnis kennzeichnen. Der Irenismus und der Synkretismus sind im Grunde nichts anderes als Formen des Skeptizismus gegenüber der Kraft und dem Inhalt des Wortes Gottes, das wir verkünden wollen. Nur wer der Lehre Christi vollkommen treu ist, kann ein erfolgreicher Apostel sein. Und nur wer die christliche Berufung ganz lebt, kann gegen die Ansteckung durch die Irrtümer, mit denen er in Berührung kommt, gefeit sein.

Vorrang der Predigt

89 Wir sind der Meinung, dass das Konzil, wenn es die Fragen behandelt, die das Wirken der Kirche in unserer Zeit betreffen, einige theoretische und praktische Richtlinien angeben wird, die als Anleitung dienen, um unseren Dialog mit den Menschen unserer Zeit gut zu führen. Und gleichfalls meinen Wir, da es sich einerseits um die Frage der eigentlichen apostolischen Sendung der Kirche handelt und anderseits um die verschiedenartigen, veränderlichen Umstände, in denen diese sich entfaltet, werde es Aufgabe der weisen und tatkräftigen Leitung der Kirche selbst sein, von Fall zu Fall die Grenzen, Normen und Wege für die ständige Beseelung eines lebendigen und segenbringenden Dialogs zu bezeichnen.

90 Darum verlassen Wir dieses Thema, indem Wir Uns darauf beschränken, noch einmal an die hohe Bedeutung zu erinnern, die die christliche Predigt behält und heute besonders im Rahmen des katholischen Apostolates erhält, das heißt des Dialogs, der uns jetzt interessiert. Keine Form der Verbreitung von Gedanken, auch wenn sie technisch durch Presse, Rundfunk und Fernsehen eine außerordentliche Macht erlangt, vermag sie zu ersetzen. Apostolat und Predigt sind in einem gewissen Sinne gleichwertig. Die Predigt ist die primäre Form des Apostolates. Unser Amt, Ehrwürdige Brüder, ist vor allem ein Dienst des Wortes. Wir wissen diese Dinge sehr gut, aber es scheint Uns angebracht, sie jetzt uns selbst in Erinnerung zu rufen, um unserer pastoralen Tätigkeit die rechte Richtung zu geben. Wir dürfen nicht mehr zum Studium der menschlichen Beredsamkeit oder einer nichtssagenden Rhetorik zurückkehren, sondern müssen an das Studium der echten Kunst des heiligen Wortes gehen.

91 Wir müssen die Gesetze seiner Einfachheit, Klarheit, Kraft und Autorität herauszufinden suchen, um die naturgegebene Unerfahrenheit in der Anwendung eines so hohen und geheimnisvollen geistlichen Instruments, wie es das göttliche Wort ist, zu überwinden und um in edlen Wettstreit mit all denen zu treten, die heute durch das Wort größten Einfluss auf die öffentliche Meinung ausüben. Vom Herrn selbst müssen wir dazu das wichtige und begeisternde Charisma (vgl. Jer 1, 6) erbitten, um würdig zu sein, dem Glauben den praktisch wirksamen Anfang zu geben (vgl. Röm 10, 17), und um unsere Botschaft bis an die Enden der Erde zu verkünden (vgl. Ps 18,5; Röm 10,18). Dass doch die Vorschriften der Konzilskonstitution De Sacra Liturgia über den Dienst des Wortes in uns eifrige und bereitwillige Voltbringer finden mögen. Und möge die katechetische Unterweisung des christlichen Volkes und möglichst vieler anderer immer erfahren in der Sprache, klug in der Methode, ausdauernd in der Ausübung sein und, unterstützt vom Zeugnis wahrer Tugenden, einzig darauf bedacht, fortzuschreiten und die Hörer zur Sicherheit des Glaubens und zur Ahnung des lebendigen Gottes in der Erkenntnis der Einheit von Wort Gottes und Leben zu führen.

92 Schließlich müssen Wir noch auf diejenigen hinweisen, an die sich Unser Dialog richtet. Wir wollen aber auch in dieser Sache nicht der Stimme des Konzils zuvorkommen. So Gott will, wird sie bald zu hören sein.

93 Wir wollen hier nur allgemein die Haltung als Gesprächspartnerin erörtern, die die katholische Kirche heute mit neuem Eifer einnehmen muss, den Dialog mit allen Menschen guten Willens innerhalb und außerhalb ihres eigenen Bereiches zu führen.

Die Partner des Dialogs

94 Niemand ist ihrem Herzen fremd. Niemanden betrachtet sie, als hätte er mit ihrer Aufgabe nichts zu tun. Niemand ist ihr Feind, der es nicht selbst sein will. Nicht umsonst nennt sie sich katholisch, nicht vergebens ist sie beauftragt, in der Welt Einheit, Liebe und Frieden zu fördern.

95 Die Kirche verkennt nicht die gewaltigen Ausmaße einer solchen Sendung. Sie kennt die Missverhältnisse der Statistiken zwischen sich selbst und der Bevölkerung der Erde. Sie ist sich der Grenzen ihrer Kräfte bewusst, sie weiß schließlich um die eigenen menschlichen Schwächen und die eigenen Fehltritte, sie weiß auch, dass die Annahme des Evangeliums letzten Endes weder von irgendeiner apostolischen Bemühung noch von irgendeinem günstigen Umstand der zeitlichen Ordnung abhängt: Der Glaube ist ein Geschenk Gottes, und Gott allein bestimmt in der Welt das Ausmaß und die Stunden seines Heils. Aber die Kirche ist sich bewusst, Same, Sauerteig, Salz und Licht der Welt zu sein. Die Kirche nimmt die umwälzende Neuerung der gegenwärtigen Zeit zur Kenntnis. Aber mit aufrichtigem Vertrauen schaut sie auf die Wege der Geschichte und sagt den Menschen: Ich habe das, was ihr sucht und was euch fehlt. Auf diese Weise verspricht sie nicht diesseitiges Glück, wohl aber bietet sie etwas an - ihr Licht, ihre Gnade -, um dieses so gut wie möglich erreichen zu können. Ferner spricht sie zu den Menschen von ihrer jenseitigen Bestimmung. Sie spricht zu ihnen von der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Freiheit, dem Fortschritt, der Eintracht, dem Frieden und der Kultur. Das alles sind Worte, deren Geheimnis die Kirche kennt, Christus hat es ihr anvertraut. Also hat die Kirche eine Botschaft für die Menschen jeglichen Standes: für die Kinder, die Jugend, die Wissenschaftler und Denker, für die Welt der Arbeit und für alle Gesellschaftsschichten, für die Künstler, die Politiker und die Regierenden, besonders aber für die Armen, die Enterbten, die Leidenden, sogar für die Sterbenden: für alle.

96 Es könnte nun so aussehen, als ob Wir Uns, in dem Wir so reden, von der Begeisterung für Unsere Sendung hinreißen ließen und als ob Wir die konkrete Stellung der Menschheit gegenüber der Katholischen Kirche nicht beachteten. Dem ist aber nicht so, weil Wir diese konkreten Positionen sehr wohl kennen. Um eine summarische Vorstellung davon zu geben, glauben Wir, sie nach Art konzentrischer Kreise, in deren Mitte uns Gott gestellt hat, angeben zu können.

Der erste Kreis: alle Menschen

97 Da finden wir zuerst einen unendlich großen Kreis, dessen Grenzen wir nicht festzustellen vermögen, denn sie verlieren sich im Horizont, das heißt, dieser Kreis ist die Menschheit als solche, die Welt. Wir empfinden ihn nicht als etwas Fremdartiges, denn alles Menschliche geht Uns ja an. Wir haben ja mit der ganzen Menschheit die Natur gemeinsam, das heißt das Leben mit all seinen Gaben und Problemen. Wir sind bereit, diese erste Gemeinsamkeit zu teilen, die große Dringlichkeit ihrer grundlegenden Bedürfnisse gelten zu lassen, den neuen und bisweilen sehr hohen Erfolgen ihres Geistes Beifall zu zollen. Wir haben lebenswichtige sittliche Wahrheiten zu verkünden und im Gewissen der Menschen zu verankern, die für alle heilbringend sind. Wo immer ein Mensch auf der Suche ist, sich selbst und die Welt zu verstehen, können wir mit ihm gehen. Wo immer Völkerversammlungen stattfinden, um die Rechte und Pflichten des Menschen festzusetzen, ist es eine Ehre für Uns, wenn sie nur damit einverstanden sind, dass Wir daran teilnehmen. Wenn es im Menschen eine „von Natur aus christliche Seele" gibt, wollen Wir sie durch Unsere Hochschätzung und Unser Gespräch ehren.

98 Wir könnten Uns selbst und all daran erinnern, dass Unsere Haltung einerseits ganz uneigennützig sein soll; Wir streben kein politisches oder zeitliches Ziel an, anderseits zielt Unsere Haltung darauf ab, jeden echten menschlichen und irdischen Wert zu übernehmen, das heißt ihn auf die übernatürliche und christliche Ebene zu erheben. Wir sind nicht die Kultur, wohl aber ihre Förderer.

Die Leugnung Gottes, ein Hindernis

99 Jedoch wissen Wir, dass es in diesem grenzenlosen Kreise viele, leider sehr viele gibt, die sich zu keiner Religion bekennen. Es ist Uns sogar bekannt, dass viele unter den verschiedensten Formen sich als Gottlose bezeichnen, und Wir wissen, dass manche ihre Gottlosigkeit offen bekennen und sie als Programm der menschlichen Erziehung und der Politik vertreten, in der naiven, aber verhängnisvollen Überzeugung, den Menschen von überholten und falschen Lebens- und Weltanschauungen zu befreien, um an deren Stelle, wie sie sagen, eine wissenschaftliche und mit den Forderungen des gegenwärtigen Fortschrittes übereinstimmende Weltanschauung zu setzen.

100 Das ist die schlimmste Erscheinung unserer Zeit. Wir sind fest davon überzeugt, dass die theoretische Grundlage der Leugnung Gottes von Grund auf falsch ist, den letzten und unabdingbaren Forderungen des Denkens nicht entspricht, die Vernunftordnung der Welt ihrer wahren und fruchtbaren Grundlagen beraubt, in das menschliche Leben statt einer Lösung ein blindes Dogma einführt, das es erniedrigt und verkümmern lässt, und schließlich jedes soziale System, das auf ihm zu gründen vorgibt, an der Wurzel zerstört. Das ist keine Befreiung, sondern eine Gaukelei, die jedes Licht des lebendigen Gottes auszulöschen trachtet. Darum werden Wir mit allen Unseren Kräften dem Vordringen dieser Leugnung widerstehen, im höchsten Interesse der Wahrheit, in der hochheiligen Verpflichtung zum treuesten Bekenntnis zu Christus und seinem Evangelium, in der leidenschaftlichen und unbedingten Liebe zu den Geschicken der Menschheit und in der unbesiegbaren Hoffnung, dass der gegenwärtige Mensch in der vom Katholizismus ihm angebotenen Auffassung seine Berufung zur Kultur auch heute noch zu entdecken vermag, die nicht vergeht, sondern ständig fortschreitet zur natürlichen und übernatürlichen Vollendung des menschlichen Geistes, der durch die Gnade Gottes fähig ist zum friedlichen und rechtschaffenen Besitz der zeitlichen Güter und offen für die Erwartung der ewigen.

101 Das sind die Gründe, die Uns verpflichten, wie sie Unsere Vorgänger verpflichtet haben, und mit ihnen alle, die sich für die religiösen Werte einen Sinn bewahrt haben, die gottesleugnerischen und die Kirche verfolgenden ideologischen Systeme zu verurteilen, Systeme, die oft identisch sind mit ökonomischen, sozialen und politischen Regierungsformen, unter ihnen besonders der atheistische Kommunismus. Man könnte sagen, dass ihre Verurteilung nicht so sehr von unserer Seite kommt, als vielmehr von den Systemen selbst und den Regimen, die sie verkörpern, der radikale Gegensatz der Ideen und die Unterdrückung auf uns zukommen. Unser Bedauern ist in Wirklichkeit eher Klage von Betroffenen als richterliches Urteil.

Wache Liebe auch im Schweigen

102 Die Hypothese eines Dialogs wird sehr schwierig unter solchen Voraussetzungen, um nicht zu sagen unmöglich, obwohl Wir keinen von vornherein ausschließen, der sich zu den genannten Systemen bekennt und diese Regierungsformen bejaht. Für den, der die Wahrheit liebt, ist die Diskussion immer möglich. Aber Hindernisse moralischen Charakters vergrößern die Schwierigkeiten sehr, weil die notwendige Freiheit zu urteilen und zu handeln fehlt und weil man die Worte dialektisch missbraucht, indem man mit ihnen nicht mehr die objektive Wahrheit suchen und ausdrücken will, sondern sie im voraus festgesetzten Zwecken bloßer Nützlichkeit dienstbar macht.

103 Das ist der Grund, warum der Dialog hier aufhört. Die Kirche des Schweigens zum Beispiel redet nicht mehr. Sie spricht nur durch ihre Leiden, die sich mit denen verbinden, die eine unterdrückte und gedemütigte Gesellschaft erduldet, in der die Rechte des Geistes von denen vergewaltigt werden, die über ihr Geschick verfügen. Wollten wir unter diesen Umständen einen Dialog beginnen, wohin würde er führen, da er ja nur „ein Ruf in die Wüste" sein kann (Mt 1,3). Schweigen, Rufen, Dulden und immer Lieben - das ist das Zeugnis, das die Kirche auch in dieser Lage ablegen und das auch der Tod nicht zum Verstummen bringen kann.

104 Wie offen und entschieden aber auch Bekenntnis und Verteidigung der Religion und der von ihr verkündeten und vertretenen Werte sein müssen, so müssen wir doch aus seelsorglichen Erwägungen heraus in der Seele des Atheisten dieser Zeit, auch nach den Motiven seiner Verirrung und seiner Leugnung suchen. Sie erweisen sich uns als komplex und vielgestaltig; ihre Kenntnis wird uns im Urteil vorsichtig und unsere Widerlegung wirksamer machen. Es wird sich zeigen, dass sie bisweilen aus der Forderung nach einer höheren und reineren Vorstellung von Gott und Religion hervorgehen, als es die ist, die aus unzureichenden Ausdrucksformen der Sprache und des Kultes sich ergibt. Wir müssen diese Formen gründlich überdenken, damit sie möglichst klar und deutlich das Heilige, das sie ausdrücken sollen, wiedergeben. Wir sehen Atheisten befallen von unruhiger Angst, getrieben von Leidenschaft und utopischen, aber oft großmütigen Wünschen, erfüllt von einem Traum nach Gerechtigkeit und Fortschritt, der zu einer vergöttlichten idealen Gesellschaft führen soll, die aber doch nur Ersatz für das Absolute und das eine Notwendige ist, ein Ersatz, der das ununterdrückbare Bedürfnis nach dem göttlichen Anfang und Ziel verrät, dessen Transzendenz und Immanenz mit Geduld und Weisheit aufzuweisen Aufgabe Unseres Lehramtes ist. Wir sehen Atheisten, wie sie bisweilen mit einem naiven Enthusiasmus sich unter strenger Berufung auf die menschliche Vernunft bemühen, eine wissenschaftliche Erklärung des Universums zu geben, ein Versuch, der um so mehr gerechtfertigt ist, je mehr er in logischen Gedankengängen gründet, die häufig denen unserer klassischen Schulphilosophie nicht unähnlich sind. Sie glauben, hiermit eine innere Berechtigung gefunden zu haben. Aber gegen ihren Willen, durch die innere Kraft der Beweise genötigt, müssten sie doch schließlich zu einer neuen metaphysischen oder logischen Bejahung der Existenz des höchsten Gottes gelangen. Wäre es hier nicht an uns, diesem logischen Prozess zu Hilfe zu kommen, so dass der politisch-wissenschaftliche Atheist zur Einsicht käme, dass er an einem bestimmten Punkt haltmachen und auf eine weitere, rein verstandesmäßige Erfassung des Universums verzichten müsse, und so zu jenem Begriff der objektiven Wirklichkeit des kosmischen Universums gelange, der in der Seele den Sinn für die Gegenwart Gottes weckt und über die Lippen die demütigen und schüchternen Worte eines beglückenden Gebetes kommen lässt? Wir treffen bisweilen aber auch Menschen an, die aus reinem Idealismus Atheisten sind, aus Empörung gegen Mittelmäßigkeit und Egoismus, die in so weiten Kreisen der heutigen Gesellschaft anzutreffen sind; sie verstehen es, Solidarität und menschliches Mitgefühl in einer Form und Sprache auszudrücken, die sie unserem Evangelium entwenden. Werden wir nicht imstande sein, sie zu den Quellen dieser sittlichen Werte, von denen sie reden, zurückzuführen - zu den Quellen, die ja die christlichen sind?

105 Unser Vorgänger, Papst Johannes XXIII. Seligen Andenkens, schreibt in seiner Enzyklika Pacem in terris, dass die Lehren, die diesen Bewegungen zugrunde liegen, wenn sie einmal ausgearbeitet und festgelegt sind, immer die gleichen bleiben, dass aber die Bewegungen selbst sich entwickeln und tiefgreifend verändern müssen. Im Gedanken an diese Worte möchten Wir die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich eines Tages zwischen ihnen und der Kirche ein positiver Dialog anbahnen wird, der über Unser Bedauern und über Unsere notwendigen Klagen von jetzt hinausführt.

Der Dialog über den Frieden

106 Wir können aber Unseren Blick von der heutigen Welt nicht abwenden, ohne einen verlockenden Wunsch zu äußern: dass nämlich Unser Vorhaben, Unsern Dialog in seiner naturgegebenen Vielseitigkeit zu pflegen und zu fördern, der Sache des Friedens unter den Menschen dienen möge: einerseits als Methode, die die menschlichen Beziehungen nach den Normen einer vernünftigen und aufrichtigen Sprache zu ordnen sucht, anderseits als Beitrag an Erfahrung und Klugheit, der in allen die Betrachtung der höchsten Werte wieder zu beleben vermag. Die Eröffnung eines Dialogs, wie es der Unsrige sein will - ohne persönliches Interesse, sachlich, ehrlich -, entscheidet sich von selbst für einen freien und ehrenvollen Frieden; er schließt Verstellung, Rivalitäten, Betrug und Verrat aus. Er verurteilt einen Angriffskrieg, einen der auf Eroberung und Vormacht ausgeht, als Verbrechen und Verderben. Er muss sich außer auf die internationalen Beziehungen auf höchster Ebene auch auf das innerstaatliche Zusammenleben und dessen soziale, familiäre und individuelle Voraussetzungen erstrecken, um jeder Institution und jedem Menschen den Sinn, die Verpflichtung und den Geschmack am Frieden einzugeben.

Zweiter Kreis: die Gottgläubigen

107 Sodann steht vor Unseren Augen ein anderer großer Kreis, Uns weniger fremd: es sind alle jene, die den einen höchsten Gott anbeten, den auch wir verehren. Wir denken hier an das jüdische Volk, dem unsere Zuneigung und Achtung gilt, weil es gläubig der Religion anhängt, die wir die des Alten Testamentes nennen. Sodann meinen Wir jene, die Gott in der Religion des Monotheismus, besonders in der Form des Islams, anbeten; für alles, was in ihrer Gottesverehrung wahr und gut ist, verdienen sie Bewunderung. Schließlich gedenken Wir auch der Anhänger der großen afro-asiatischen Religionen. Wir können freilich die verschiedenen religiösen Auffassungen und Ausdrucksformen nicht teilen. Wir können uns auch nicht zu einem Indifferentismus bekennen, der alle Religionen auf ihre Art für gleichwertig hält und ihnen das Recht zuerkennt, ihre Anhänger von einem weiteren Forschen abzuhalten, ob Gott selbst eine Form der Religion geoffenbart habe, die frei ist von Irrtum, vollkommen und endgültig, in der er erkannt und geliebt werden will, in der ihm gedient werden soll. Die Liebe zur Wahrheit verpflichtet uns vielmehr, unserer Überzeugung Ausdruck zu verleihen, dass es nur eine wahre Religion gibt, und das ist die christliche und dass wir die Hoffnung nähren, dass sie als solche einmal von allen anerkannt werde, die Gott suchen und anbeten.

108 Damit wollen Wir aber nicht den geistigen und sittlichen Werten der verschiedenen nichtchristlichen Religionen Unsere Achtung und Anerkennung versagen. Wir wollen zusammen mit ihnen, soweit wie möglich, die gemeinsamen Ideale der Religionsfreiheit, der menschlichen Brüderlichkeit, der Kultur, der sozialen Wohlfahrt, der staatlichen Ordnung fördern und verteidigen. Über diese gemeinsamen Ideale ist ein Dialog von unserer Seite durchaus möglich. Wir werden uns immer dazu bereit finden, wenn er in gegenseitiger aufrichtiger Hochschätzung auch von der anderen Seite aufgegriffen wird.

Dritter Kreis: die getrennten christlichen Brüder

109 Und nun kommen Wir zum Kreis jener, die uns in der Welt am nächsten stehen und Christen sind. Mit ihnen hat das sogenannte ökumenische Gespräch schon begonnen, und es ist teilweise bereits in eine positive Anfangsphase eingetreten. Zu diesem komplexen und schwierigen Thema wäre viel zu sagen. Aber unser Gespräch hört hier nicht auf. Wir beschränken Uns jetzt auf einige wenige Hinweise, die nicht neu sind. Gerne machen Wir Uns den Grundsatz zu eigen: Stellen wir zunächst das heraus, was uns gemeinsam ist, bevor wir auf das eingehen, was uns trennt. Das ist ein gutes und fruchtbares Thema für unseren Dialog. Seien wir bereit, ihn in herzlicher Weise fortzuführen. Wir gehen noch weiter: Wir sind bereit, viele Meinungsverschiedenheiten, die Tradition, Frömmigkeitsformen, Kirchenrecht, Gottesdienst betreffen, einem eingehenden Studium zu unterwerfen, um den berechtigten Wünschen der noch immer von uns getrennten Brüder entgegenzukommen. Nach nichts streben Wir so sehnlich wie danach, sie in vollkommener Einheit des Glaubens und der Liebe zu umarmen. Aber Wir müssen auch sagen, dass es nicht in Unserer Macht liegt, die Grenzen, welche die Unversehrtheit des Glaubens und die Forderungen der Liebe uns setzen, zu überschreiten. Wir befürchten, dass es in dieser Hinsicht zu Misstrauen und Widerständen kommen kann. Aber jetzt, da die Katholische Kirche sich aufmacht, die eine Herde Christi wieder zusammenzuführen, wird sie mit aller Geduld und mit aller Rücksichtnahme auf diesem Wege weiterschreiten. Sie wird unablässig darauf hinweisen, dass die Prärogativen, welche die getrennten Brüder noch von ihr fernhalten, nicht das Ergebnis ehrgeiziger historischer Ansprüche oder phantastischer theologischer Spekulationen sind, sondern sich aus dem Willen Christi herleiten und, richtig verstanden, eine Wohltat für alle sind, für die gemeinsame Einheit, für die gemeinsame Freiheit, für die gemeinsame christliche Fülle. Die Katholische Kirche wird sich unaufhörlich darum bemühen, sich durch Gebet und Buße der ersehnten Versöhnung fähig und würdig zu machen.

110 In dieser Hinsicht bedrückt Uns besonders ein Gedanke, dass nämlich gerade Wir, der Wir die Versöhnung fördern, von vielen getrennten Brüdern wegen des Ehren- und Jurisdiktionsprimates, den Christus dem Apostel Petrus übertragen hat und der Uns von ihm überkommen ist, als deren Hindernis angesehen werden. Sagen nicht manche, eine Wiedervereinigung der getrennten Kirchen würde viel leichter zustande kommen, wenn der Primat des Papstes aufgegeben würde? Wir wollen die getrennten Brüder bitten, die Haltlosigkeit einer solchen Annahme zu bedenken; und zwar nicht nur deshalb, weil ohne Papst die Katholische Kirche aufhörte, die zu sein, die sie ist, sondern weil ohne das oberste, wirksame und entscheidende Hirtenamt Petri die Einheit der Kirche in Trümmer ginge. Vergebens würde man dann versuchen, sie nach Kennzeichen wiederherzustellen, die das von Christus selbst gegebene authentische Kennzeichen ersetzen sollen. Mit Recht schrieb der heilige Hieronymus: „Es würde in der Kirche so viele Schismen geben wie Priester" (Dial. Contra Luciferianos n. 9). Wir wollen jedoch bedenken, dass dieser Angelpunkt der heiligen Kirche keine Oberhoheit geistlichen Stolzes und menschlicher Herrschsucht schaffen will, sondern einen Primat des Dienens, des Helfens, der Liebe. Es ist nicht leere Rhetorik, wenn dem Stellvertreter Christi der Titel „Diener der Diener Gottes" gegeben wird.

111 An diesem Punkt muss unser Dialog beachten, dass er, noch bevor die brüderliche Aussprache beginnt, ein Dialog mit dem Vater im Himmel, ein vertrauensvolles Gebet werde.

112 Wir dürfen mit Freude und Vertrauen feststellen, Ehrwürdige Brüder, dass in der mannigfaltigen großen Zahl der getrennten Brüder eine geistliche Kraft wirksam wird, die hoffnungsvolle Aussichten für eine Entwicklung zur kirchlichen Einheit hin zu eröffnen scheint. Wir wollen das Wehen des Heiligen Geistes über die „Ökumenische Bewegung" herabflehen. Wir wollen noch einmal an Unsere Ergriffenheit und Freude anlässlich Unserer Begegnung mit dem Patriarchen Athenagoras in Jerusalem erinnern. Mit Achtung und Dankbarkeit grüßen Wir auch die Vertreter der getrennten Kirchen, die am Zweiten Vatikanischen Ökumenischen Konzil teilgenommen haben. Noch einmal versichern Wir, dass Wir aufmerksam und mit heiligem Interesse die religiösen Strömungen verfolgen, die sich unter dem Einfluss der Unionsfrage bei Personen, in Gruppen, in religiösen Gemeinschaften zeigen. Mit Liebe und Verehrung grüßen Wir alle diese Christen in der Erwartung, es möge Uns vergönnt sein, in einem von Aufrichtigkeit und Liebe beseelten Dialog mit ihnen zusammen noch besser den Auftrag Christi und die von ihm für seine Kirche gewollte Einheit zu fördern.

Der Dialog in der Katholischen Kirche

113 Und schließlich richtet sich unser Dialog an die Söhne des Hauses Gottes, an die heilige katholische und apostolische Kirche, deren „Mutter und Haupt" diese römische ist. Wie sehr wünschen Wir, dass dieser häusliche Dialog in der Fülle des Glaubens und tätiger Liebe vor sich gehe, dass er mit Eifer und Familiengeist gepflegt werde, empfänglich für jede Wahrheit, jede Tugend, für alle uns überkommenen Schätze der Lehre und des geistlichen Lebens, dass er zutiefst durchdrungen sei von echter Frömmigkeit, bereit, die vielfältigen Anregungen unserer Zeit aufzugreifen, fähig, die Katholiken zu wahrhaft guten, weisen, freien, frohen und starken Menschen zu machen.

114 Dieser Wunsch, den Beziehungen innerhalb der Kirche den Geist eines Dialogs zwischen Gliedern einer Gemeinschaft zu geben, deren Wesenselement die Liebe ist, will aber keineswegs die Pflege der Tugend des Gehorsams beseitigen, da nämlich die Ausübung der Autorität auf der einen und die Unterordnung auf der anderen Seite sowohl von einem geordneten gesellschaftlichen Leben, besonders aber von der hierarchischen Natur der Kirche gefordert werden. Die Autorität der Kirche ist von Christus eingesetzt; sie vertritt ihn; sie ist die bevollmächtigte Vermittlerin seiner Worte und seiner seelsorglichen Liebe. So wird der Gehorsam, der aus dem Motiv des Glaubens geleistet wird, eine Schule evangelischer Demut und führt den Gehorchenden zur Klugheit, zur Einheit, zur Frömmigkeit und zur Liebe, zu Tugenden, die das kirchliche Gefüge erhalten. Er gewährt dem, der ihn auferlegt, wie dem, der gehorcht, das Verdienst, Christus nachzuahmen, „der gehorsam wurde bis in den Tod" (Phil2, 8).

115 Unter Gehorsam, der sich dem Dialog öffnet, verstehen Wir die Ausübung der Autorität, die ganz vom Bewusstsein durchdrungen ist, im Dienst der Wahrheit und der Liebe zu stehen. Und Wir verstehen darunter die immer bereitwillige und frohe Befolgung der kanonischen Vorschriften und die Unterordnung unter die Führung der rechtmäßigen Vorgesetzten, wie es sich für freie und liebende Kinder geziemt. Der Geist der Auflehnung, der Kritik, der Rebellion verträgt sich schlecht mit der Liebe, die ein Gemeinschaftsleben beseelen soll, mit Eintracht und Frieden in der Kirche, und verwandelt schnell den Dialog in eine Auseinandersetzung, einen Wortwechsel, einen Streit, was leider nur zu leicht geschieht, aber darum eine nicht weniger unerfreuliche Erscheinung ist, gegen die uns das Wort des Apostels schützen soll: „Lasst nicht Spaltung sein unter euch" (1 Kor 1, 10).

116 Wir wünschen sehr, dass der Dialog innerhalb der Kirche noch eifriger werde, was Themen und Gesprächspartner angeht, damit auch die Lebenskraft und die Heiligung des Mystischen Leibes Christi zunehmen. Alles, was der Ausbreitung der Lehren, deren Trägerin die Kirche ist, dient, hat Unsere Billigung und Empfehlung: von dem liturgischen und dem inneren Leben sowie von der Predigt haben Wir schon gesprochen; Wir können hinzufügen: Schule, Presse, das soziale Apostolat, die Missionen, die karitative Tätigkeit, Themen, mit denen sich auch das Konzil befassen wird. Alle, die an diesem leben spendenden Dialog der Kirche unter Führung der zuständigen Autorität teilnehmen, ermuntern und segnen Wir: besonders die Priester, die Ordensleute, die sehr lieben Laien, die in der Katholischen Aktion oder in anderen Vereinigungen für Christus kämpfen.

117 Mit Freude und Genugtuung sehen Wir, dass ein solcher Dialog innerhalb der Kirche und mit ihrer Umwelt bereits im Gange ist. Die Kirche lebt heute mehr denn je! Aber bei genauer Betrachtung scheint es, dass die Hauptarbeit erst noch zu leisten ist. Die Arbeit beginnt heute und hört nie auf. Das ist das Gesetz unserer irdischen, zeitlichen Pilgerschaft. Das ist, Ehrwürdige Brüder, die gewohnte Aufgabe unseres Amtes, von dem heute all stürmisch fordern, dass es sich erneuere, wachsam sei und seine Tätigkeit intensiviere.

118 Indem Wir euch das mitteilen, vertrauen Wir auf eure Mitarbeit, während Wir euch die Unsrige anbieten. Um diese Gemeinschaft in Gesinnung und Tat bitten Wir, und zu ihr wollen auch Wir beitragen, nachdem Wir mit dem Namen und, gebe Gott, auch ein wenig mit dem Geist des Völkerapostels vor kurzem den Stuhl Petri bestiegen haben.

119 Der Einheit Christi unter uns gedenkend, senden Wir euch mit diesem ersten Schreiben im Namen des Herrn Unseren brüderlichen und väterlichen Apostolischen Segen, in den Wir gerne die ganze Kirche und die ganze Menschheit einbeziehen.


120 Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter,
am Fest der Verklärung unseres Herrn Jesus Christus, dem 6. August 1964,
im zweiten Jahr Unseres Pontifikates.
Paul VI. PP.
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