Dokumentation von Päpstlichem zu Pater Pio

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Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Seligsprechung von Pater Pio von Pietralcina am 2. Mai 1999 auf dem Petersplatz

Predigt von Papst Johannes Paul II. bei der Seligsprechung

»Singet dem Herrn ein neues Lied!«

1. Die Aufforderung des Eröffnungsverses bringt die Freude so vieler Gläubiger zum Ausdruck, die seit langer Zeit die Erhebung zur Ehre der Altäre von Pater Pio von Pietrelcina erwarten. Dieser bescheidene Kapuziner hat die Welt mit seinem ganz dem Gebet und dem Anhören der Brüder gewidmeten Leben in Staunen versetzt.

Zahllose Menschen sind zum Kloster von San Giovanni Rotondo gereist, um ihn dort zu treffen, und auch nach seinem Tod ist dieser Pilgerstrom nicht abgerissen. Als ich Student hier in Rom war, hatte ich selbst einmal Gelegenheit, ihn persönlich kennenzulernen, und ich danke Gott, der mir heute die Möglichkeit gibt, ihn in das Buch der Seligen einzutragen.

Heute morgen rufen wir uns die wesentlichen Inhalte seiner spirituellen Erfahrung in Erinnerung, geleitet von den Texten der Liturgie dieses fünften Sonntags der Osterzeit, in die der Ritus seiner Seligsprechung eingebettet ist.

2. »Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott, und glaubt an mich!« (Joh 14,1). Im Abschnitt aus dem Evangelium, der soeben verlesen wurde, hörten wir diese Worte Jesu an seine Jünger, die eine Ermutigung brauchten. In der Tat hatte der Hinweis auf seinen baldigen Weggang sie tief bestürzt. Sie fürchteten sich, verlassen zu sein und allein zu bleiben. Der Herr aber ermutigte sie mit einem klaren Versprechen: »Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten«; und dann »komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin« (Joh 14,2–3).

Auf diese Zusicherung erwidern die Apostel durch Thomas: »Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?« (Joh 14,5). Diese Bemerkung ist zutreffend. Jesus weicht der darin enthaltenen Frage nicht aus. Seine Antwort wird durch die Jahrhunderte wie ein klares Licht für die kommenden Generationen bestehen: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich« (Joh 14,6).

Der »Platz«, den Jesus vorbereiten möchte, ist im Haus des Vaters. Dort kann der Jünger auf ewig mit dem Meister sein und an dessen Freude teilhaben. Zu diesem Ziel gibt es allerdings nur einen Weg: Christus, dem der Jünger Schritt für Schritt ähnlicher werden muß. Genau darin besteht die Heiligkeit: Nicht mehr der Christ selbst lebt, sondern Christus lebt in ihm (vgl. Gal 2,20). Ein anspruchsvolles Ziel, begleitet von einem glei-chermaßen tröstenden Versprechen: »Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater« (Joh 14,12).

3. Wir hören die Worte Christi, und unsere Gedanken gehen zu dem bescheidenen Kapuzinerpater aus dem Gargano. Wie deutlich haben diese Worte doch im sel. Pio von Pietrelcina Gestalt angenommen!

»Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Seid gläubig…«. Was war das Leben dieses demütigen Sohnes des hl. Franziskus, wenn nicht ein stetes Bemühen um den Glauben, gestärkt durch die Hoffnung auf den Himmel, wo man mit Christus zusammen sein kann?

»Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten […] damit auch ihr dort seid, wo ich bin«. Welch anderes Ziel hatte die harte Askese, der sich Pater Pio schon in frühester Jugend unterworfen hatte, wenn nicht eine fortschreitende Identifizierung mit dem göttlichen Meister, um »dort zu sein, wo er war« ?

Wer sich nach San Giovanni Rotondo aufmachte, um an seiner Messe teilzunehmen, ihn um Rat zu bitten oder bei ihm zu beichten, erkannte in ihm ein lebendiges Abbild des leidenden und auferstandenen Christus. Im Gesicht von Pater Pio erstrahlte das Licht der Auferstehung. Sein von den Wundmalen gezeichneter Körper zeigte jene enge Verbindung zwischen Tod und Auferstehung, von der das Ostergeheimnis geprägt ist. Die Teilnahme an der Passion nahm für den Seligen aus Pietrelcina ganz besonders durchdringende Züge an: Die einzigartigen Gaben, die ihm zuteil wurden, und die innerlichen und mystischen Schmerzen, die diese Gaben begleiteten, ließen für ihn ein ergreifendes und ständiges Erleben der Leiden des Herrn in der unerschütterlichen Gewißheit zu, daß »der Kalvarienberg der Berg der Heiligen ist«.

4. Nicht weniger schmerzlich, und in menschlicher Hinsicht vielleicht noch herber, waren die Prüfungen, die er – man würde fast sagen infolge seiner einzigartigen Charismen – über sich ergehen lassen mußte. In der Geschichte der Heiligkeit kommt es manchmal vor , daß der Auserwählte – aufgrund eines besonderen Zulassens Gottes – auf Unverständnis stößt. In einem solchen Fall wird der Gehorsam für ihn zum Schmelztiegel der Läuterung, zum Weg fortschreitender Annäherung an Christus, zur Stärkung der wahren Heiligkeit. In diesem Zusammenhang schrieb der neue Selige an einen seiner Oberen: »Mir liegt allein daran, euch zu gehorchen, denn der gute Gott hat mich mit dem bekannt gemacht, was ihm am liebsten und für mich das einzige Mittel ist, auf Heil zu hoffen und den Sieg zu erringen« (vgl. Epist. I, S. 807).

Als das »Gewitter« über ihn hereinbrach, machte er die Ermahnung aus dem ersten Petrusbrief, die wir eben gehört haben, zu seiner Lebensregel: »Kommt zu Christus, dem lebendigen Stein« (vgl . 1 Petr 2,4). Auf diese Weise wurde auch er zum »lebendigen Stein«, zum Aufbau des geistigen Hauses, das die Kirche ist. Und dafür wollen wir heute Gott danken.

5. »Laßt euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen« (1 Petr 2,5). Wie zutreffend erscheinen doch diese Worte in Bezug auf die außerordentliche Erfahrung von Kirche, die um den neuen Seligen gewachsen ist! Viele haben durch eine direkte oder indirekte Begegnung mit ihm den Glauben wiedergefunden. Nach seiner Weisung sind überall auf der Welt die »Gebetsgruppen« entstanden. Denen, die zu ihm kamen, empfahl er die Heiligkeit und sagte ihnen wiederholt: »Es scheint, daß Jesus keine andere Sorge hat als die Heiligung eurer Seelen« (vgl. Epist. II, S. 155).

Wenn die göttliche Vorsehung gewollt hat, daß er wirkte, ohne je sein Kloster zu verlassen, sozusagen zu Füßen des Kreuzes »verwurzelt«, dann hat dies sicher seine Bedeutung. Der göttliche Meister mußte ihn eines Tages, als er unter besonders schweren Prüfungen litt, trösten und sagte zu ihm: »Unter dem Kreuz lernt man lieben« (vgl. Epist. I, S. 339).

Ja, das Kreuz Christi ist die höchste Schule der Liebe. Noch mehr: Es ist der »Quell« der Liebe selbst. Vom Schmerz geläutert führte die Liebe dieses treuen Jüngers die Herzen der Menschen zu Christus und zu seinem fordernden Evangelium des Heils.

6. Gleichzeitig ergoß sich seine Liebe wie Balsam auf die Schwächen und Leiden seiner Brüder. So verband Pater Pio seine Sorge um die Seelen mit dem Offensein für das menschliche Leid: In San Giovanni Rotondo setzte er sich für die Gründung eines Krankenhauses ein, das er »Casa Sollievo della Sofferenza« nannte. Er wollte, daß es ein erstklassiges Krankenhaus sei, vor allem aber lag ihm daran, daß dort eine wirklich »humane« Medizin angewendet werde, bei der die Beziehung zum Kranken von besonderer Fürsorge und herzlicher Aufnahme geprägt ist. Er wußte sehr wohl, daß Kranke und Leidende nicht nur eine korrekte Anwendung therapeutischer Maßnahmen brauchen, sondern auch und vor allem ein menschliches und geistiges Klima, das es ihnen ermöglicht, in der Begegnung mit der Liebe Gottes und mit der Fürsorge der Brüder sich selbst wiederzufinden.

Mit der »Casa Sollievo della Sofferenza« wollte er beweisen, daß die »gewöhnlichen Wunder« Gottes sich durch unsere Nächstenliebe vollziehen. Man muß zum Teilen und zum großherzigen Dienst an den Brüdern bereit sein und dabei alle verfügbaren Hilfsmittel der medizinischen Wissenschaft und der Technik einsetzen.

7. Das Echo, das diese Seligsprechung in Italien und auf der ganzen Welt her vorgerufen hat, ist ein Zeichen dafür, daß der Ruf von Pater Pio, Sohn Italiens und des hl. Franz von Assisi, sich inzwischen in allen Erdteilen verbreitet hat. Gerne begrüße ich alle, die sich hier versammelt haben, beginnend bei den höchsten Vertretern des italienischen Staates, die an dieser Feier teilnehmen: den Präsidenten der Republik, den Präsidenten des Senats, den Ministerpräsidenten, der die offizielle Delegation leitet, sowie zahlreiche weitere Minister und Persönlichkeiten. Italien ist fürwahr würdig vertreten! Aber auch viele Gläubige anderer Nationen haben sich hier eingefunden, um Pater Pio ihre Ehrerbietung zu erweisen.

Allen, die aus nah und fern gekommen sind, gilt mein herzlicher Gruß, begleitet von einem besonderen Gruß an die Kapuzinerpatres. Vielen Dank an alle!

8. Ich möchte mit den Worten aus dem Evangelium dieser hl. Messe abschließen: »Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott.« Diese Aufforderung Christi spiegelt sich wider in dem Rat, den der neue Selige so gerne gab: »Sinkt voll Vertrauen auf das göttliche Herz Jesu, wie ein Kind in die Arme der Mutter.« Möge diese Einladung als Quelle des Friedens, der Freude und Zufriedenheit auch in unser Herz dringen. Warum sollten wir Angst haben, wenn Christus für uns der Weg und die Wahrheit und das Leben ist? Warum sollten wir nicht auf Gott vertrauen, der Vater, unser Vater, ist?

»Santa Maria delle Grazie«, die der bescheidene Kapuziner aus Pietrelcina mit steter und inniger Verehrung anrief, helfe uns, unsere Augen immer auf Gott gerichtet zu halten. Sie nehme uns bei der Hand und führe uns dazu, mit all unserer Kraft jene über natürliche Nächstenliebe zu erstreben, die aus der durchbohrten Seite des Gekreuzigten strömt.

Und du, sel. Pater Pio, richte deinen Blick aus dem Himmel auf uns, die wir uns auf diesem Platz einfanden, und auf jene, die im Gebet auf dem Platz vor dem Lateran oder in San Giovanni Rotondo versammelt sind. Sei der Fürsprecher aller, die sich überall auf der Welt diesem Ereignis im Geiste anschließen und ihre Bitten zu dir erheben. Komm jedem von ihnen zu Hilfe und schenke jedem Herzen Frieden und Trost. Amen![1]

Heiligsprechung von Pater Pio von Pietralcina am 16. Juni 2002

Predigt von Papst Johannes Paul II. bei der Heiligsprechung

»Mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht« (Mt 11, 30).

1. Die soeben gehörten Worte Jesu an die Jünger helfen uns, die wichtigste Botschaft dieses feierlichen Gottesdienstes zu verstehen. Ja, wir können sie in gewisser Weise als eine wunderbare Zusammenfassung des ganzen Daseins des heute heiliggesprochenen Paters Pio da Pietrelcina ansehen.

Das im Evangelium verwandte Bild vom »Joch« ruft die vielen Prüfungen in Erinnerung, die der demütige Kapuziner von San Giovanni Rotondo durchstehen mußte. An ihm sehen wir heute, wie wenig das »Joch« Christi drückt, und wie leicht seine Last ist, wenn man sie mit treuer Liebe trägt. Leben und Sendung von Pater Pio bezeugen, daß Schwierigkeiten und Leid, wenn sie aus Liebe angenommen werden, sich in einen bevorzugten Weg der Heiligkeit verwandeln, der die Perspektive auf ein viel höheres Gut öffnet, das nur der Herr kennt.

2. »Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen« (Gal 6, 14).

Zeichnete sich Pater Pio nicht hauptsächlich dadurch aus, daß er sich »des Kreuzes rühmte«? Die von dem einfachen Kapuziner aus Pietrelcina gelebte Spiritualität des Kreuzes ist überaus aktuell. Unsere Zeit muß diesen Wert wiederentdecken, damit sie das Herz auf die Hoffnung hin öffnet.

In seinem ganzen Leben hat er eine immer größere Ähnlichkeit mit dem Gekreuzigten angestrebt, wobei er sich seiner besonderen Berufung bewußt war, in einzigartiger Weise am Heilswerk mitzuwirken. Ohne diesen ständigen Bezug auf das Kreuz versteht man seine Heiligkeit nicht.

Im Plan Gottes ist das Kreuz das wahre Heilswerkzeug für die ganze Menschheit und der vom Herrn ausdrücklich angebotene Weg für alle, die ihm nachfolgen wollen (vgl. Mk 16, 24). Der heilige Bruder vom Gargano hatte dies vollkommen erkannt, als er am Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel im Jahr 1914 schrieb: »Wenn wir zu unserer endgültigen Bestimmung gelangen wollen, müssen wir dem göttlichen Haupt folgen. Gott will die erwählte Seele auf keinen anderen als den von ihm beschrittenen Weg führen; ich meine, auf den Weg der Selbstverleugnung und des Kreuzes« (Epistolarium II , S. 155).

3. »Ich, der Herr, bin es, der auf der Erde Gnade schafft« (Jer 9, 23).

Pater Pio war ein hochherziger Ausspender der göttlichen Gnade, indem er allen zur Verfügung stand durch die Aufnahmebereitschaft, die geistliche Führung und besonders durch die Spendung des Bußsakraments. Auch mir wurde das Privileg zuteil, in meinen Jugendjahren in den Genuß seiner Verfügbarkeit gegenüber den Beichtenden zu kommen. Der Dienst im Beichtstuhl, der für sein Apostolat kennzeichnend war, hat große Scharen von Gläubigen zum Kloster von San Giovanni Rotondo hingezogen. Auch wenn dieser einzigartige Beichtvater die Pilger scheinbar mit Härte behandelte, kehrten sie, der schweren Sünde bewußt und wirklich reumütig, fast immer zur versöhnlichen Umarmung der sakramentalen Vergebung zurück.

Sein Beispiel möge die Priester dazu anspornen, mit Freude und Seeleneifer diesen Dienst zu vollbringen, der auch heute sehr wichtig ist, wie ich im Schreiben an die Priester zum vergangenen Gründonnerstag betonen wollte.

4. »Herr, mein ganzes Glück bist du allein.« 

So haben wir im Antwortpsalm gesungen. Mit diesen Worten lädt uns der neue Heilige ein, Gott über alles zu stellen, ihn als unser einziges und höchstes Gut zu betrachten.

Denn der tiefste Grund des apostolischen Wirkens von Pater Pio, die eigentliche Wurzel seiner großen geistlichen Fruchtbarkeit findet sich in der festen inneren Verbundenheit mit Gott, deren sprechendes Zeugnis die vielen im Gebet und im Beichtstuhl verbrachten Stunden waren. Er pflegte zu sagen: »Ich bin ein einfacher Bruder, der betet«, überzeugt davon, daß »das Gebet die beste Waffe ist, die wir haben, ein Schlüssel, der das Herz Gottes öffnet.« Dieses grundlegende Merkmal seiner Spiritualität setzt sich fort in den von ihm gegründeten »Gebetsgruppen«, die durch ihr unablässiges und vertrauensvolles Gebet in großartiger Weise zum Wohl der Kirche und der Gesellschaft beitragen. Mit dem Gebet hat Pater Pio eine intensive karitative Tätigkeit verbunden, deren schönster Ausdruck die »Casa Sollievo della Sofferenza« ist. Gebet und Nächstenliebe, das ist die konkrete Zusammenfassung der Lehre Pater Pios, die heute allen erneut angeboten wird.

5. »Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.« (Mt 11, 25).

Wie zutreffend erscheinen diese Worte Jesu, wenn man sie auf dich, einfacher und geliebter Pater Pio, bezieht.

Wir bitten dich, lehre auch uns die Einfachheit des Herzens, damit wir zu den Kleinen des Evangeliums gezählt werden, denen der Vater die Geheimnisse seiner Reiches zu enthüllen verheißen hat.

Hilf uns zu beten, ohne zu ermüden, getragen von der Gewißheit, daß Gott weiß, was wir brauchen, bevor wir ihn darum bitten.

Erlange uns den Blick des Glaubens, der in den Armen und Leidenden das leidende Antlitz Jesu zu sehen vermag.

Hilf uns in der Stunde des Kampfes und der Prüfung, und, wenn wir fallen, laß uns die Freude des Sakraments der Vergebung spüren.

Vermittle uns deine zärtliche Verehrung für Maria, die Mutter Jesu und unsere Mutter.

Begleite uns auf dem Pilgerweg auf Erden in die selige Heimat, wohin auch wir – so hoffen wir – gelangen werden, um in Ewigkeit die Herrlichkeit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zu schauen. Amen.[2]

Pastoralbesuch von Papst Benedikt XVI. in San Giovanni Rotondo am Sonntag, den 21. Juni 2009[3]

Homilie der Eucharistiefeier vor der Kirche des Hl. Pater Pio von Pietrelcina

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich freue mich, im Rahmen meiner Pilgerreise an diesen Ort, an dem alles vom Leben und von der Heiligkeit Pater Pios von Pietrelcina spricht, für euch und mit euch die Eucharistie zu feiern, das Geheimnis, das den Mittelpunkt seines ganzen Daseins bildete: den Ursprung seiner Berufung, die Kraft seines Zeugnisses, die Weihe seines Opfers. Mit großer Zuneigung grüße ich euch alle, die ihr hier zahlreich zusammengekommen seid, sowie alle, die über Rundfunk und Fernsehen mit uns verbunden sind. Ich grüße an erster Stelle Erzbischof Domenico Umberto D’Ambrosio, der sich nach Jahren treuen Dienstes in dieser Diözesangemeinschaft darauf vorbereitet, die Verantwortung für die Erzdiözese Lecce zu übernehmen. Ich danke ihm herzlich auch dafür, daß er eure Empfindungen zum Ausdruck gebracht hat. Ich begrüße die anderen konzelebrierenden Bischöfe. Einen besonderen Gruß richte ich an die Kapuziner mit ihrem Generalminister, Fra Mauro Jöhri, den Generaldefinitor, den Provinzialminister, den Pater Guardian des Konvents, den Rektor des Heiligtums und die Gemeinschaft des Kapuzinerkonventes von San Giovanni Rotondo. Dankbar begrüße ich außerdem alle, die ihren Beitrag im Dienst des Heiligtums und der ihm angeschlossenen Einrichtungen leisten: ich begrüße die zivilen und militärischen Obrigkeiten; ich begrüße die Priester, die Diakone, die anderen Ordensmänner und Ordensfrauen sowie alle Gläubigen. Einen herzlichen Gruß richte ich an alle, die sich in der »Casa Sollievo della Sofferenza« befinden, an die einsamen Menschen sowie an alle Einwohner dieser eurer Stadt.

Wir haben soeben das Evangelium von der Stillung des Seesturmes gehört, dem ein kurzer, aber aussagekräftiger Abschnitt aus dem Buch Hiob zur Seite gestellt wurde, in dem sich Gott als der Herr des Meeres offenbart. Jesus droht dem Wind und gebietet dem See, still zu werden, er spricht zu ihm, als wäre er mit der teuflischen Macht gleichzusetzen. Tatsächlich wird – nach dem, was uns die erste Lesung und der Psalm 107 (106) sagen – das Meer in der Bibel als ein bedrohliches, chaotisches, potentiell zerstörerisches Element gesehen, das nur Gott, der Schöpfer, beherrschen, bändigen und beruhigen kann.

Es ist da jedoch noch eine andere Kraft – eine positive Kraft –, welche die Welt bewegt und fähig ist, die Geschöpfe zu verwandeln und zu erneuern: die Kraft der »Liebe Christi« (2 Kor 5,14), wie sie der hl. Paulus im Zweiten Brief an die Korinther nennt: also im wesentlichen nicht eine kosmische, sondern eine göttliche, transzendente Kraft. Sie wirkt auch auf den Kosmos, doch in sich selbst ist die Liebe Christi eine »andere« Kraft, und diese ihre transzendente Andersheit hat der Herr in seinem Pascha gezeigt, in der »Heiligkeit« des von ihm gewählten »Weges«, um uns von der Herrschaft des Bösen zu befreien, wie es bereits beim Auszug aus Ägypten geschehen war, als er die Juden durch die Wasser des Roten Meeres herausgeführt hatte. »Gott, dein Weg ist heilig«, so ruft der Psalmist aus, »durch das Meer ging dein Weg, dein Pfad durch gewaltige Wasser« (Ps 77 [76],14.20). Im Ostergeheimnis hat Jesus den Abgrund des Todes durchschritten, da Gott auf diese Weise das Universum erneuern wollte: durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes, der »für alle gestorben « ist, damit alle »für den [leben], der für sie starb und auferweckt wurde« (2 Kor 5,15), und nicht nur für sich selbst leben.

Die feierliche Geste der Stillung des Seesturmes ist eindeutig ein Zeichen der Herrschaft Christi über die negativen Mächte und läßt an seine Göttlichkeit denken: »Was ist das für ein Mensch«, so fragen sich die Jünger erstaunt und verängstigt, »daß ihm sogar der Wind und der See gehorchen?« (Mk 4,41). Ihr Glaube ist noch nicht fest, er ist noch im Entstehen begriffen; es handelt sich um eine Mischung aus Furcht und Vertrauen; die vertrauensvolle Hingabe Jesu an den Vater ist hingegen vollkommen und rein. Daher, wegen dieser Macht der Liebe, kann er während des Sturmes schlafen, vollkommen sicher in Gottes Umarmung. Doch es wird der Moment kommen, in dem auch Jesus Furcht und Angst empfinden wird: Wenn seine Stunde kommt, wird er die ganze Schwere der Sünden der Menschheit auf sich lasten spüren, wie eine hohe Welle, die auf ihn niederzugehen droht. Das wird allerdings ein schrecklicher Sturm sein, kein kosmischer, sondern ein geistlicher Sturm. Es wird der letzte, äußerste Ansturm des Bösen gegen den Sohn Gottes sein.

Jesus aber zweifelte in jener Stunde nicht an der Macht Gottes, des Vaters, und an dessen Nähe, auch wenn er bis zum äußersten erfahren mußte, wie groß die Distanz zwischen Hass und Liebe, zwischen Lüge und Wahrheit, zwischen Sünde und Gnade ist. Er erfuhr dieses Drama auf quälende Weise in sich selbst, besonders im Garten Getsemani kurz vor seiner Gefangennahme und dann während seines gesamten Leidens bis zum Tod am Kreuz. In jener Stunde war Jesus einerseits ganz eins mit dem Vater, ganz an ihn hingegeben, ihm überlassen; auf der anderen Seite war er in seiner Verbundenheit mit den Sündern gleichsam von ihm getrennt und fühlte sich wie von ihm verlassen.

Einige Heilige haben diese Erfahrung Jesu intensiv und persönlich erlebt. Pater Pio von Pietrelcina ist einer von ihnen. Ein einfacher Mann aus bescheidenen Verhältnissen, »von Christus Jesus ergriffen« (Phil 3,12) – wie der Apostel Paulus über sich selbst schreibt –, um ihn zu einem auserwählten Werkzeug der immerwährenden Kraft seines Kreuzes zu machen: der Kraft der Liebe zu den Seelen, der Kraft der Vergebung und der Versöhnung, der geistlichen Vaterschaft, der tatkräftigen Solidarität mit den Leidenden. Die Wundmale, die seinen Körper zeichneten, vereinten ihn zuinnerst mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Als echter Schüler des hl. Franz von Assisi machte er sich – wie der »Poverello« – die Erfahrung des hl. Paulus zu eigen, der in seinen Briefen schreibt: »Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir« (Gal 2,19–20); oder: »So erweist an uns der Tod, an euch aber das Leben seine Macht« (2 Kor 4,12). Das bedeutet keine Entfremdung, keinen Verlust der Persönlichkeit: Gott macht das Menschliche niemals zunichte, sondern er verwandelt es mit seinem Geist und richtet es auf den Dienst an seinem Heilsplan aus. Pater Pio bewahrte seine natürlichen Gaben und auch sein ihm eigenes Temperament, doch er hat alles Gott dargebracht, der sich seiner frei bedienen konnte, um das Werk Christi weiterzuführen: das Evangelium zu verkünden, die Sünden zu vergeben und die Kranken an Leib und Seele zu heilen.

Wie Jesus hatte auch Pater Pio die wahre Auseinandersetzung, den grundsätzlichen Kampf nicht gegen die irdischen Feinde, sondern gegen den Geist des Bösen zu führen (vgl. Eph 6,12). Die größten »Stürme«, die ihn bedrohten, waren die Anfechtungen des Teufels, vor denen er sich mit der »Rüstung Gottes«, mit dem »Schild des Glaubens« und dem »Schwert des Geistes, das … das Wort Gottes [ist]« (Eph 6,11.16.17) schützte. Dadurch, daß er mit Jesus vereint blieb, hatte er immer die Tiefe des menschlichen Dramas im Blick, und aus diesem Grund hat er sich und seine vielen Leiden aufgeopfert und es verstanden, sich zu verausgaben, um die Kranken zu pflegen und ihr Leid zu lindern, als besonderes Zeichen der Barmherzigkeit Gottes, seines Reiches, das kommen wird, ja das vielmehr bereits in der Welt ist, als Zeichen des Sieges der Liebe und des Lebens über die Sünde und den Tod. Die Seelen führen und das Leid lindern: so kann man die Sendung des hl. Pio von Pietrelcina zusammenfassen, wie auch der Diener Gottes Papst Paul VI. über ihn gesagt hatte: »Er war ein Mann des Gebets und des Leidens« (An die Kapitelväter des Kapuzinerordens, 20. Februar 1971).

Liebe Freunde, Kapuziner-Minderbrüder, Mitglieder der Gebetsgruppen und Gläubige von San Giovanni Rotondo, ihr seid die Erben Pater Pios, und das Erbe, das er euch hinterlassen hat, ist die Heiligkeit. In einem seiner Briefe schreibt er: »Es scheint, daß Jesus kein anderes Heilmittel zur Hand hat als die Heiligung eurer Seele« (Epist. II, S. 155). Dies war immer seine erste Sorge, sein priesterlicher und väterlicher Wunsch: daß die Menschen zu Gott zurückkehren, daß sie seine Barmherzigkeit erfahren und innerlich erneuert die Schönheit und die Freude wiederentdecken mögen, Christen zu sein, in Gemeinschaft mit Jesus zu leben, zu seiner Kirche zu gehören und das Evangelium in die Praxis umzusetzen. Pater Pio hat die Menschen durch sein eigenes Zeugnis auf den Weg der Heiligkeit gelockt und mit seinem Vorbild das »Gleis« aufgezeigt, das zu ihr hinführt: das Gebet und die Nächstenliebe.

Vor allem das Gebet. Wie alle großen Männer Gottes war Pater Pio selbst mit Leib und Seele Gebet geworden. Seine Tage waren ein gelebter Rosenkranz, das heißt eine ständige Betrachtung und Aneignung der Geheimnisse Christi in geistlicher Einheit mit der Jungfrau Maria. So erklärt sich das außergewöhnliche gleichzeitige Vorhandensein übernatürlicher Gaben und menschlicher Konkretheit in ihm.

Und alles gipfelte in der Feier der heiligen Messe: hier vereinte er sich ganz und gar mit dem gestorbenen und auferstandenen Herrn. Aus dem Gebet strömte wie aus einer stets lebendigen Quelle die Nächstenliebe hervor. Die Liebe, die er im Herzen trug und den anderen vermittelte, war voller Zärtlichkeit und achtete stets auf die tatsächlichen Umstände der Menschen und Familien. Vor allem den Kranken und Leidenden gegenüber hegte er die besondere Liebe des Herzens Christi, und gerade daraus hat sich das Vorhaben eines großen Werks, das der »Linderung des Leids« (»Sollievo della Sofferenza«) gewidmet war, ergeben und Gestalt angenommen. Man kann eine solche Einrichtung weder verstehen noch auf angemessene Weise interpretieren, wenn man sie von dem sie inspirierenden Quell löst, von der dem Evangelium entspringenden Nächstenliebe, die ihrerseits durch das Gebet beseelt wird.

Auf all das, meine Lieben, richtet Pater Pio heute unsere Aufmerksamkeit. Die Gefahren des Aktivismus und der Säkularisierung sind stets gegenwärtig; daher hat mein Besuch auch die Absicht, euch in der Treue zu der von eurem geliebten geistigen Vater ererbten Sendung zu bestärken. Viele von euch, Ordensmänner, Ordensfrauen und Laien, sind so sehr von den Tausenden von Aufgaben eingenommen, die der Dienst für die Pilger oder für die Kranken im Krankenhaus erfordert, daß sie Gefahr laufen, das wirklich Notwendige zu vernachlässigen: auf Christus zu hören, um Gottes Willen zu erfüllen. Wenn ihr merkt, daß ihr dieser Gefahr nahe seid, dann blickt auf Pater Pio: auf sein Beispiel, auf seine Leiden; und bittet ihn um seine Fürsprache, damit er für euch beim Herrn das Licht und die Kraft erwirkt, derer ihr bedürft, um seine Sendung fortzuführen, die von der Liebe zu Gott und von brüderlicher Nächstenliebe durchdrungen war. Möge er vom Himmel her weiterhin jene vorbildliche geistliche Vaterschaft ausüben, durch die er sich während seines irdischen Daseins ausgezeichnet hat; möge er weiterhin seine Mitbrüder, seine geistlichen Kinder und das ganze Werk, das er begonnen hat, begleiten. Gemeinsam mit dem hl. Franziskus und der Gottesmutter – die er so sehr geliebt hat, wie er auch die Liebe zu ihr in dieser Welt verbreitet hat – möge er über euch alle wachen und euch immer behüten. Dann werdet ihr auch in den Stürmen, die unversehens aufkommen können, den Atem des Heiligen Geistes erfahren können, der stärker ist als jeder widrige Wind und der das Schiff der Kirche und jeden von uns antreibt. Deshalb müssen wir immer in der Gelassenheit leben und in unserem Herzen die Freude pflegen, indem wir dem Herrn Dank sagen. »Seine Huld währt ewig« (Antwortpsalm). Amen!

Angelus Domini vor der Kirche des Hl. Pater Pio von Pietrelcina

Liebe Brüder und Schwestern!

Am Schluß dieser festlichen Eucharistiefeier lade ich euch dazu ein, zusammen mit mir – wie jeden Sonntag – das Mariengebet des Angelus zu sprechen. Hier aber, beim Heiligtum des heiligen Pater Pio von Pietrelcina ist es so, als hörten wir seine Stimme, die uns dazu ermahnt, uns mit kindlichem Herzen an die heilige Jungfrau zu wenden: »Liebt die Gottesmutter und sorgt dafür, daß sie geliebt wird.« So sagte er zu allen, und wichtiger noch als seine Worte war das beispielhafte Zeugnis seiner tiefen Verehrung der himmlischen Mutter. Er war in der Kirche »Santa Maria degli Angeli« von Pietrelcina auf den Namen Francesco getauft worden, und wie der »Poverello« von Assisi hegte er stets eine überaus zarte Liebe zur Jungfrau. Die Vorsehung führte ihn dann an diesen Ort, nach San Giovanni Rotondo, zum Heiligtum »Santa Maria delle Grazie«, wo er bis zu seinem Tod blieb und seine sterblichen Überreste ruhen. Sein ganzes Leben und sein Apostolat war also begleitet vom mütterlichen Blick der Gottesmutter und von der Kraft ihrer Fürsprache. Auch die »Casa Sollievo della Sofferenza« betrachtete er als Werk Mariens, »Heil der Kranken«. Daher, liebe Freunde, möchte auch ich heute, dem Beispiel des Pater Pio folgend, euch alle der mütterlichen Obhut der Mutter Gottes anvertrauen. In besonderer Weise erbitte ich sie für die Gemeinschaft der Kapuzinerbrüder, für die Kranken des Krankenhauses und für all jene, die sich liebevoll ihrer annehmen, wie auch für die Gebetsgruppen, die in Italien und auf der ganzen Welt das geistliche Erbe ihres heiligen Gründers weiterführen.

Der Fürsprache der Gottesmutter und des hl. Pio von Pietrelcina möchte ich in besonderer Weise das Priester-Jahr empfehlen, das ich am vergangenen Freitag, dem Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu, eröffnet habe. Es möge eine besondere Gelegenheit sein, die Bedeutung der Sendung und der Heiligkeit der Priester im Dienst der Kirche und der Menschheit des dritten Jahrtausends ins Licht zu stellen.

Wir wollen heute auch für die schwierige und manchmal dramatische Situation der Flüchtlinge beten. Gerade gestern wurde der Welttag der Flüchtlinge begangen, der unter der Schirmherrschaft der UNO steht. Groß ist die Zahl der Menschen, die Zuflucht in anderen Ländern suchen und vor Kriegen, Verfolgungen und Unglück flüchten, und ihre Aufnahme stellt vor nicht wenige Probleme, sie ist jedoch geboten. Gott gebe, daß es mit dem Einsatz aller so weit als möglich gelinge, die Ursachen einer so betrüblichen Wirklichkeit zu beseitigen.

Mit großer Zuneigung grüße ich alle Pilger, die hier zusammengekommen sind. Ich danke den zivilen Obrigkeiten und allen, die bei den Vorbereitungen meines Besuches mitgewirkt haben. Ein herzliches Vergelt’s Gott! Allen sage ich erneut: Geht den Weg, den Pater Pio euch gewiesen hat, den Weg der Heiligkeit gemäß dem Evangelium unseres Herrn Jesus Christus. Auf diesem Weg wird euch stets die Jungfrau Maria vorangehen, und mit mütterlicher Hand wird sie euch zur himmlischen Heimat führen.

Nach dem Angelus:

... auf italienisch: In Polen wird heute der 1000. Jahrestag des Martyriums des hl. Bruno von Querfurt begangen, und aus diesem Anlaß sage ich jetzt einige Worte zu den polnischen Gläubigen.

... auf polnisch: Aus San Giovanni Rotondo beim Heiligtum des hl. Pio von Pietrelcina grüße ich herzlich die Polen, besonders die Teilnehmer an den Feierlichkeiten zum 1000. Jahrestag des Martyriums des hl. Bruno von Querfurt, die heute in Gizycko Gott für das Geschenk des Glaubens danken, das dieser große Missionar gebracht hat. Sein Bemühen um gute Beziehungen unter den Nationen trage in deren Eintracht und in ihrem Eifer für die Verkündigung des Evangeliums reiche Früchte. Euch alle segne ich von Herzen.

Begegnung mit den Kranken, den Ärzten, dem Pflegepersonal und der Leitung des Krankenhauses vor dem Eingang der "Casa Sollievo della Sofferenza"

Liebe Brüder und Schwestern,
liebe Kranke!

Im Rahmen meiner Pastoralreise nach San Giovanni Rotondo durfte ein Besuch in der »Casa Sollievo della Sofferenza« (Haus zur Linderung des Leidens) nicht fehlen, die der hl. Pio von Pietrelcina ins Leben gerufen hat. Er wollte sie als »Ort des Gebetes und der Wissenschaft, wo die Menschheit sich im gekreuzigten Christus als eine einzige Herde mit einem einzigen Hirten wiederfindet«. Er vertraute sie daher der materiellen und vor allem der geistlichen Unterstützung der Gebetsgruppen an, die hier den Mittelpunkt ihrer Sendung im Dienst der Kirche haben. Pater Pio wollte, daß man in dieser modern ausgestatteten Klinik geradezu körperlich erfahren kann, daß die wissenschaftlichen Bemühungen um die Heilung der Kranken niemals von einem kindlichen Vertrauen in den unendlich liebevollen und barmherzigen Gott getrennt werden dürfen. Als er sie am 5. Mai 1956 einweihte, bezeichnete er sie als »Geschöpf der Vorsehung« und sprach von dieser Einrichtung als einem »von Gott in die Erde eingepflanzten Samenkorn, das er mit den Strahlen seiner Liebe erwärmen wird«.

Jetzt bin ich also bei euch, um Gott für all das Gute zu danken, das ihr seit über 50 Jahren getreu den Weisungen eines einfachen Kapuziners hier in der »Casa Sollievo della Sofferenza« tut. Die Ergebnisse, die dabei erzielt wurden, sind wissenschaftlich und medizinisch anerkannt. So sehr ich es mir auch wünsche, ist es mir dennoch leider nicht möglich, alle Stationen zu besuchen und jeden einzelnen Kranken zusammen mit denen zu begrüßen, die sich ihrer annehmen. Ich möchte jedoch jedem – den Kranken und den Ärzten, den Familienangehörigen, dem Pflegepersonal und den Seelsorgern – ein Wort väterlichen Trostes aussprechen und sie ermutigen, gemeinsam dieses dem Evangelium entsprechende Werk zur Linderung des Leidens weiterzuführen und alle Mittel für das menschliche und geistliche Wohl der Kranken und ihrer Angehörigen einzusetzen.

Mit diesen Empfindungen grüße ich euch alle sehr herzlich, begonnen bei euch, liebe Brüder und Schwestern, die ihr von der Krankheit geprüft seid. Ich grüße auch die Ärzte, das Pflegepersonal und die Verwaltungsangestellten. Ich grüße euch, verehrte Kapuzinerpatres, die ihr als Seelsorger das Apostolat eures heiligen Mitbruders weiterführt. Ich grüße die Bischöfe, an erster Stelle Herrn Erzbischof Domenico Umberto d’Ambrosio, den vormaligen Hirten dieser Diözese, der jetzt berufen ist, die Gemeinschaft der Erzdiözese Lecce zu leiten; ich danke ihm für die Worte, die er in eurem Namen an mich gerichtet hat. Ich grüße auch den Generaldirektor des Krankenhauses, Dr. Domenico Crupi, sowie den Vertreter der Kranken und danke ihnen für die freundlichen und herzlichen Worte, die sie soeben an mich gerichtet haben und die es mir gestatten, die Arbeit an diesem Ort, und den Geist, mit dem ihr sie verrichtet, besser kennenzulernen. Jedes Mal, wenn man eine Klinik betritt, wendet man sich in Gedanken natürlich dem Geheimnis der Krankheit und des Schmerzes zu, der Hoffnung auf Heilung und dem unschätzbaren Wert der Gesundheit, den man oft erst dann wahrnimmt, wenn diese abhanden kommt. In den Krankenhäusern macht man die konkrete Erfahrung, wie kostbar, aber auch wie schwach und zerbrechlich unsere Existenz ist. Jesus zog in ganz Galiläa umher und »heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden« (Mt 4,23). Seinem Vorbild folgend hat die Kirche, bewegt vom Heiligen Geist, es stets als ihre Pflicht und als ein Privileg betrachtet, den Leidenden zur Seite zu stehen. Dabei hat sie den Kranken stets besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht.

Die Krankheit, die in vielen Formen auftritt und den Menschen in unterschiedlicher Weise befällt, läßt beunruhigende Fragen aufkommen: Warum leiden wir? Kann die Erfahrung des Schmerzes als positiv betrachtet werden? Wer kann uns vom Leiden und vom Tod befreien? Auf menschlicher Ebene bleiben diese existentiellen Fragen meist unbeantwortet, da das Leiden ein Geheimnis ist, das der Verstand nicht ergründen kann. Das Leiden gehört zum Geheimnis des Menschen selbst. Das habe ich in der Enzyklika Spe salvi hervorgehoben, wo ich gesagt habe: »Es folgt zum einen aus unserer Endlichkeit, zum anderen aus der Masse der Schuld, die sich in der Geschichte angehäuft hat und auch in der Gegenwart unaufhaltsam wächst.« Und ich fügte hinzu: »Natürlich muß man alles tun, um Leid zu mindern …, aber ganz aus der Welt schaffen können wir es nicht – einfach deshalb nicht, weil … niemand von uns imstande ist, die Macht des Bösen … aus der Welt zu schaffen, die immerfort … Quell von Leiden ist« (vgl. Nr. 36).

Nur Gott allein kann die Macht des Bösen aus der Welt schaffen. Eben aufgrund der Tatsache, daß Jesus Christus in die Welt gekommen ist, um uns den göttlichen Ratschluß zu unserem Heil zu offenbaren, hilft der Glaube uns, den Sinn alles Menschlichen, also auch des Leidens zu ergründen. Daher besteht eine enge Verbindung zwischen dem Kreuz Jesu – Symbol des höchsten Schmerzes und Preis unserer wahren Freiheit – und unserem Schmerz, der verwandelt und sublimiert wird, wenn er im Bewußtsein von Gottes Nähe und Solidarität gelebt wird. Pater Pio hatte diese tiefe Wahrheit intuitiv erfaßt, und am ersten Jahrestag der Einweihung dieses Werkes sagte er, daß in ihm »der Leidende die Liebe Gottes erfahren soll durch die weise Annahme seiner Schmerzen, die ruhige Betrachtung seines Schicksals vor Gott« (Ansprache am 5. Mai 1957). In der »Casa Sollievo«, so ebenfalls Pater Pio, sollen die »Patienten, Ärzte und Priester Reservoirs der Liebe sein – je überreicher sie in einem von ihnen ist, desto mehr wird sie den anderen vermittelt« (ebd.).

»Reservoir der Liebe« sein: Das, liebe Brüder und Schwestern, ist die Sendung, die unser Heiliger euch, die ihr mit unterschiedlichen Funktionen die große Familie der »Casa Sollievo della Sofferenza « bildet, heute abend in Erinnerung ruft. Der Herr möge euch helfen, das von Pater Pio begonnene Projekt umzusetzen, mit dem Beitrag aller: der Ärzte und der Wissenschaftler, des Pflegepersonals und der Mitarbeiter der verschiedenen Verwaltungsstellen, der freiwilligen Helfer und der Wohltäter, der Kapuziner und der anderen Priester. Dabei dürfen auch die Gebetsgruppen nicht vergessen werden, die »an der Seite der ›Casa Sollievo‹ Vorposten dieser Hochburg der Nächstenliebe, Pflanzstätte des Glaubens, Feuerherd der Liebe sind« (Pater Pio, Ansprache am 5. Mai 1966). Auf alle und einen jeden rufe ich die Fürsprache Pater Pios und den mütterlichen Schutz Mariens, Heil der Kranken, herab. Ich danke euch noch einmal für eure Gastfreundschaft, versichere einen jeden von euch meines Gebetes und segne euch alle von Herzen.

Begegnung mit den Priestern, Ordensleuten und den Jugendlichen in der Kirche des Hl. Pater Pio von Pietrelcina

Liebe Priester,
liebe Ordensmänner und Ordensfrauen,
liebe Jugendliche!

Mit dieser unserer Begegnung endet meine Pilgerreise nach San Giovanni Rotondo. Ich danke dem Erzbischof von Lecce und Apostolischen Administrator dieser Diözese, Domenico Umberto d’Ambrosio, sowie P. Mauro Jöhri, dem Generalminister der Kapuziner-Minderbrüder, für den herzlichen Willkommensgruß, den sie in eurem Namen an mich gerichtet haben. Jetzt richtet sich mein Gruß an euch, liebe Priester, die ihr tagtäglich im Dienst des Volkes Gottes steht, als weise Führer und unermüdliche Arbeiter im Weinberg des Herrn. Sehr herzlich grüße ich auch die lieben geweihten Personen, die berufen sind, durch ihre Treue zu den evangelischen Räten die völlige Hingabe an Christus zu bezeugen. Ein besonderer Gruß gilt euch, liebe Kapuziner, die ihr diese Oase der Spiritualität und einer vom Evangelium geprägten Solidarität liebevoll verwaltet und Pilger und Gläubige empfangt, die von der lebendigen Erinnerung an euren heiligen Mitbruder Pater Pio von Pietrelcina angezogen werden. Ich danke euch von Herzen für diesen wertvollen Dienst an der Kirche und an den Menschen, die hier die Schönheit des Glaubens und die Wärme der göttlichen Liebe wiederentdecken. Ich grüße euch, liebe Jugendliche, auf die der Papst vertrauensvoll blickt, denn ihr seid die Zukunft der Kirche und der Gesellschaft. Hier in San Giovanni Rotondo spricht alles von der Heiligkeit eines demütigen Ordensmannes und eifrigen Priesters, der heute abend auch uns einlädt, das Herz für die Barmherzigkeit Gottes zu öffnen; er ermahnt uns, Heilige zu sein, also aufrichtige und wahre Freunde Jesu. Danke auch für die Worte der Jugendlichen, die euch vertreten.

Liebe Priester, vorgestern, am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu und Tag des Gebetes für die Heiligung der Priester, haben wir das Priester-Jahr begonnen, in dem wir mit Verehrung und Liebe des 150. Todestages des hl. Johannes Maria Vianney gedenken, des heiligen Pfarrers von Ars. Im Brief, den ich aus diesem Anlaß geschrieben habe, habe ich hervorgehoben, wie wichtig die Heiligkeit der Priester für das Leben und die Sendung der Kirche ist. Wie der Pfarrer von Ars, so führt auch Pater Pio uns die Würde und Verantwortung des Priesteramts vor Augen. Wer war nicht berührt von der Hingabe, mit der er das Leiden Christi in jeder Eucharistiefeier stets aufs neue durchlebte? Die Liebe zur Eucharistie schenkte ihm ebenso wie dem Pfarrer von Ars die vollkommene Bereitschaft zur Annahme der Gläubigen, vor allem der Sünder. Darüber hinaus versuchte der hl. Johannes Maria Vianney in einer unruhigen und schwierigen Zeit auf jede Weise, die Mitglieder seiner Pfarrgemeinde die Bedeutung und Schönheit des Bußsakraments wiederentdecken zu lassen. Ebenso war für den heiligen Ordensmann vom Gargano die Seelsorge und die Bekehrung der Sünder eine Sehnsucht, die ihn bis zu seinem Tod verzehrte. Wie viele Menschen haben dank seines geduldigen priesterlichen Dienstes ihr Leben geändert! Wie viele lange Stunden verbrachte er im Beichtstuhl! Wie für den Pfarrer von Ars war gerade der Dienst als Beichtvater der größte Ehrentitel und das besondere Merkmal dieses heiligen Kapuziners. Wie sollten wir uns also nicht bewußt werden, wie wichtig es ist, andächtig an der Eucharistiefeier teilzunehmen und oft das Sakrament der Beichte zu empfangen? Insbesondere muß das Bußsakrament noch höhere Wertschätzung erhalten, und die Priester dürfen sich niemals damit abfinden, daß ihre Beichtstühle leer sind, noch dürfen sie sich darauf beschränken, die Abneigung der Gläubigen gegen diese wunderbare Quelle der inneren Ruhe und des Friedens festzustellen.

Noch eine andere große Lehre können wir aus Pater Pios Leben ziehen: den Wert und die Notwendigkeit des Gebets. Wenn er über seine Person befragt wurde, antwortete er gewöhnlich: »Ich bin nur ein armer Ordensmann, der betet.« Und in der Tat betete er immer und überall mit Demut, Vertrauen und Beharrlichkeit. Das ist ein wesentlicher Punkt für die Spiritualität nicht nur des Priesters, sondern eines jeden Christen und noch mehr für eure Spiritualität, liebe Ordensmänner und Ordensfrauen, die ihr erwählt seid, Christus durch die Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams aus nächster Nähe nachzufolgen. Manchmal kann man von einer gewissen Mutlosigkeit ergriffen werden angesichts des Glaubensschwundes oder sogar der Abkehr vom Glauben, die in unserer säkularisierten Gesellschaft zu verzeichnen sind. Sicherlich müssen neue Wege gefunden werden, um die Wahrheit des Evangeliums den Männern und Frauen unserer Zeit zu vermitteln, aber da der wesentliche Inhalt der christlichen Verkündigung immer gleich bleibt, ist es notwendig, zur ursprünglichen Quelle zurückzukehren, zu Jesus Christus: Er »ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit« (Hebr 13,8). Pater Pios menschliche und geistliche Lebensgeschichte lehrt, daß nur eine Seele, die eng mit dem Gekreuzigten vereint ist, auch den Fernstehenden die Freude und den Reichtum des Evangeliums vermitteln kann.

Mit der Liebe zu Christus ist unweigerlich die Liebe zu seiner Kirche verbunden. Sie wird durch die Kraft des Heiligen Geistes geleitet und beseelt, und jeder von uns hat in ihr eine Rolle und eine Sendung zu erfüllen. Liebe Priester, liebe Ordensmänner und Ordensfrauen, euch sind unterschiedliche Aufgaben anvertraut, und ihr habt verschiedene Charismen, aber sie müssen stets in dem einen Geist umgesetzt werden, damit eure Gegenwart und euer Handeln inmitten des christlichen Volkes zu einem beredten Zeugnis für den Primat Gottes in eurem Leben wird. War es nicht gerade das, was alle im hl. Pio von Pietrelcina wahrgenommen haben?

Gestattet mir jetzt, ein besonderes Wort an die Jugendlichen zu richten, die, wie ich sehe, so zahlreich und mit großer Begeisterung erschienen sind. Liebe Freunde, ich danke euch für den freundlichen Empfang und für die herzlichen Empfindungen, die eure Vertreter zum Ausdruck gebracht haben. Ich habe gesehen, daß der Pastoralplan eurer Diözese für das Triennium 2007 bis 2010 der Jugend- und Familienmission große Aufmerksamkeit schenkt, und ich bin sicher, daß der Weg des Hörens, des Austauschs, des Dialogs und der Überprüfung, den ihr beschritten habt, dazu führen wird, daß den Familien immer mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht wird und die wirklichen Erwartungen der neuen Generationen eingehend Gehör finden. Liebe Jungen und Mädchen, ich weiß um die Probleme, die euch belasten und die eure Begeisterung, die für euer jugendliches Alter kennzeichnend ist, zu ersticken drohen. Unter ihnen möchte ich besonders das Phänomen der Arbeitslosigkeit erwähnen, von dem nicht wenige junge Männer und Frauen im Süden Italiens auf dramatische Weise betroffen sind. Verliert nicht den Mut! Seid »junge Menschen mit einem großen Herzen«, wie euch in diesem Jahr oft und immerwieder gesagt wurde, begonnen bei der Diözesanen Jugendmission, die im vergangenen September vom Regionalseminar Molfetta angeregt und geleitet wurde. Die Kirche läßt euch nicht im Stich. Laßt auch ihr die Kirche nicht im Stich! Eurer Beitrag wird gebraucht, um lebendige christliche Gemeinschaften und eine gerechtere Gesellschaft aufzubauen, die offen ist für die Hoffnung. Und wenn ihr ein »großes Herz« haben wollt, dann lernt von Jesus. Gerade in diesen Tagen haben wir sein großes Herz betrachtet, das voller Liebe zur Menschheit ist. Niemals wird er euch im Stich lassen oder euer Vertrauen enttäuschen, niemals wird er euch auf falsche Wege führen. Wie Pater Pio sollt auch ihr treue Freunde Jesu sein und die tägliche Beziehung zu ihm pflegen durch das Gebet und das Hören auf sein Wort, durch den regelmäßigen Empfang der Sakramente und die tief im Herzen empfundene Zugehörigkeit zu seiner Familie, der Kirche.

Das muß die Grundlage für den Lebensplan eines jeden von euch sein, liebe Jugendliche, und dasselbe gilt auch für euch, liebe Priester, und für euch, liebe Ordensmänner und Ordensfrauen. Einen jeden und eine jede versichere ich meines Gebets, und ich erbitte den mütterlichen Schutz Marias, Jungfrau der Gnaden, die von ihrem Heiligtum aus, in dessen Krypta die sterbliche Hülle Pater Pios ruht, über euch wacht. Ich danke euch noch einmal von Herzen für eure Gastfreundschaft, und ich segne euch alle, zusammen mit euren Familien, Gemeinschaften, Pfarreien und eurer ganzen Diözese.

Reliquienausstellung im Petersdom vom 8. bis zum 14. Februar 2016

Die Gebeine Pater Pio wurden zum Jubiläum der Barmherzigkeit aus dem süditalienischen San Giovanni Rotondo in den Petersdom nach Rom gebracht. Dort wurde der gläserne Sarg mit den sterblichen Überresten des Kapuzinerpaters auf ausdrücklichen Wunsch von Papst Franziskus vom 8. bis zum 14. Februar 2016 ausgestellt.[4]

Pastoralbesuch von Papst Franziskus in Pietrelcina und San Giovanni Rotondo am Samstag, den 17. März 2018

Anlass war das 50. Todesjahr des Heiligen.[5]

Anmerkungen

  1. Ansprache bei der Seligsprechung am 2. Mai 1999
  2. Ansprache bei der Heiligsprechung am 16. Juni 2002
  3. Die deutschen Fassungen auf der Vatikanseite
  4. Gebeine von Pater Pio kommen im Heiligen Jahr in den Petersdom kath.net am 27. Juli 2015
  5. Papst besucht Stätten des heiligen Pater Pio Kath.net am 17. März 2018; Programm und Videos auf der Vatikanseite
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