Divinum illud munus (Wortlaut)

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Enzyklika
Divinum illud munus

von Papst
Leo XIII.
an alle Ehrwürdigen Brüder, Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
der katholischen Welt, welche in Frieden und Gnade mit dem Apostolischen Stuhl stehen
über den Heiligen Geist</ref>
9. Mai 1897

(Offizieller lateinischer Text: ASS XXIX [1897] 644-658; Acta Leonis, 17 [1898] 125-148)

(Quelle: Heilslehre der Kirche, Dokumente von Pius IX. bis Pius XII. Deutsche Ausgabe des französischen Originals von P. Cattin O.P. und H. Th. Conus O.P. besorgt von Anton Rohrbasser, Paulus Verlag Freiburg/Schweiz 1953, S. 3-23; Imprimatur Friburgi Helv., die 22. maii 1953 L. Weber V. G. Die Nummerierung folgt der englischen Fassung)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdige Brüder, Gruß und Apostolischen Segen!

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Die Sendung Jesu Christi

1 Jene göttliche Sendung, die Jesus Christus zum Heile der Menschheit vom Vater empfangen und in heiligster Treue erfüllt hat, bezweckt in erster Linie die Befähigung der Menschen zur Teilnahme an der Seligkeit des ewigen Lebens; ihr nächstes Ziel ist jedoch Aussaat und Betreuung des göttlichen Gnadenlebens in dieser Zeitlichkeit, damit es zur Vollblüte des himmlischen Lebens sich entfalte. Ohne Unterlass lädt deshalb der Erlöser selber mit liebevoller Güte die Menschen aller Nationen und Sprachen insgesamt ein, sich im Schoß seiner Kirche zu sammeln: Kommt alle Zu mir; Ich bin das Leben; Ich bin der gute Hirt.[1]

Die Sendung des Heiligen Geistes

Gemäß seinen unergründlichen Ratschlüssen wollte er jedoch diese Aufgabe hier auf Erden nicht in eigener Person zum Abschluss bringen, sondern er übergab dem Heiligen Geiste zur Vollendung, was ihm selbst vom Vater übertragen worden war. Und trostvoll ist die Erinnerung an jene Worte, die Christus kurz vor seinem Abschied von der Erde im Kreise seiner Jünger gesprochen: Es ist gut für euch, dass ich weggehe; denn gehe ich nicht weg, so wird der Tröster nicht zu euch kommen; wenn ich aber weggehe, so werde ich ihn zu euch senden.[2] In diesen Worten hat er seinen Weggang und seine Rückkehr zum Vater vornehmlich mit dem Hinweis auf die Vorteile begründet, die seinen Jüngern durch die Ankunft des Heiligen Geistes unfehlbar zuteil werden sollten. Zugleich hat er kundgetan, dass der Geist von ihm wie vom Vater gesendet wird und ausgeht, sowie dass jener das Werk, das der Sohn während seines irdischen Daseins vollbrachte, als Fürsprecher, Tröster und Lehrmeister zu Ende führen werde. Der vielfältigen Kraft dieses Geistes, der bei Erschaffung der Welt die Himmel mit Zierde umgab[3] und den Erdkreis erfüllte,[4] war nämlich von der Vorsehung auch die Vollendung des Erlösungswerkes vorbehalten.

Gegenstand des Rundschreibens

2 Wir waren stets unablässig bemüht, das Beispiel des Heilandes Jesus Christus, des Fürsten der Hirten und Wächters unserer Seelen, mit seinem Beistande nachzuahmen, indem Wir gewissenhaft das Amt verwalteten, das er den Aposteln, namentlich dem Petrus anvertraut hat, und «dessen Würde selbst bei einem unwürdigen Erben keine Einbuße erleidet».[5] Deshalb wollten Wir alles, was Wir bei der nun schon lange dauernden Verwaltung des obersten Hirtenamtes in Angriff genommen haben und standhaft verfolgen, auf zwei Hauptziele hinlenken. Das erste ist die Erneuerung des christlichen Lebens in der bürgerlichen und häuslichen Gemeinschaft, bei Fürsten und Völkern; denn Christus allein ist für jedermann Quell des wahren Lebens. Das zweite ist die Förderung der Wiedervereinigung all jener, die sich entweder im Glauben oder im Gehorsam von der katholischen Kirche losgesagt haben; denn ganz bestimmt ist es der Wille Christi, dass sie alle dem einzigen Schafstall zugehören unter der Obhut des einen Hirten. Nun aber, da Wir den Tag Unseres Lebensendes immer näher kommen sehen, fühlen Wir uns lebhaft gedrängt, alles bisherige Wirken in Unserem Apostolate dem Heiligen Geist anheimzustellen, der die lebenspendende Liebe ist, damit er es reifen und Frucht tragen lasse.

Um Unser Vorhaben stets besser zu fördern und segensreicher zu gestalten, wollen Wir anlässlich der bevorstehenden Pfingsttage über die Gegenwart und die wunderbare Kraft eben dieses Geistes zu euch sprechen und darlegen, wie mächtig er in der ganzen Kirche und in den Einzelseelen durch die herrliche Fülle der übernatürlichen Gaben wirkt und tätig ist. Möge diese Erkenntnis, wie Wir sehnlichst wünschen, in den Seelen den Glauben an die allerheiligste Dreifaltigkeit zu neuem Leben erwecken und insbesondere die ehrfürchtige Andacht zum Heiligen Geist vermehren und vertiefen. Mannigfachen Dank schulden ihm für seine Gnadengeschenke alle, die auf dem Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit wandeln. Denn, so sagt Basilius, «wer könnte leugnen, dass alle Heilswerke zugunsten der Menschen, die der große Gott und unser Erlöser Jesus Christus nach Gottes Güte verwirklicht hat, durch die Gnade des Heiligen Geistes vollzogen wurden?» [6]

Das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit

3 Bevor Wir an Unser Thema herantreten, scheinen Uns einige Worte über das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit angebracht und nützlich. Denn die heiligen Lehrer bezeichnen es als Wesenskern des Neuen Testamentes, das heißt als das größte aller Geheimnisse, ist es doch die Grundlage und Krone aller. Und zur Erkenntnis und Betrachtung dieses Geheimnisses sind im Himmel die Engel, auf Erden die Menschen erschaffen worden. Schon im Alten Testament war es schattenhaft angedeutet. Um es klarer zu verkünden, stieg Gott selbst aus dem Reich der Engel zu den Menschen herab: Niemand hat Gott je gesehen,. der eingeborene Sohn, der im Schoße des Vaters ist, er selbst hat ihn geoffenbart.[7] Wer daher über die Dreifaltigkeit schreibt oder spricht, der muss sich den klugen Rat des engelgleichen Lehrers[8] stets vor Augen halten: «Wenn wir von der Trinität sprechen, müssen wir mit Vorsicht und Bescheidenheit vorgehen; denn, wie der heilige Augustinus[9] sagt, ist ein Irrtum nirgends gefährlicher, das Forschen nirgends mühseliger, aber auch der Ertrag nirgends gewinnbringender.»

Einheit der Natur und Unterscheidung der Personen; Die Appropriationen oder Zueignungen

Die Gefahr liegt nun darin, dass man im Glauben und im Kult die göttlichen Personen miteinander verwechselt oder ihre einheitliche Natur trennt; denn «das ist katholischer Glaube, dass wir einen Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in. der Einheit verehren ».[10] Deshalb weigerte sich auch Unser Vorgänger Innozenz XII. entschieden, dem Verlangen nach einer eigenen Festfeier zur Verehrung des Vaters nachzukommen. Wenn auch die einzelnen Geheimnisse des menschgewordenen göttlichen Wortes an bestimmten Festtagen gefeiert werden, so gibt es doch kein besonderes Fest zur Verehrung des Wortes nur hinsichtlich seiner göttlichen Natur; und selbst die Feier des Pfingstfestes ist nicht dazu schon in frühester Zeit eingesetzt worden, um den Heiligen Geist in sich einfach zu ehren, sondern um dessen Ankunft oder Sendung nach außen zu feiern.

All dies ist höchst weise verfügt worden, damit niemand mit der Unterscheidung der Personen voneinander auf die Unterscheidung mehrerer göttlicher Naturen verfalle. Überdies hat die Kirche zur Wahrung der Glaubensreinheit unter ihren Kindern das Fest der Allerheiligsten Dreifaltigkeit eingesetzt, dessen allgemeine Feier Papst Johannes XXII. später angeordnet hat. Sodann hat sie gestattet, ihr Altäre und Kirchen zu weihen, und hat den religiösen Orden zur Befreiung der Gefangenen, der ganz der Heiligsten Dreifaltigkeit geweiht und nach ihr benannt ist, gewiss nicht ohne göttliche Fügung bestätigt. Und noch viele Beweise gibt es dafür.

Denn alle Verehrung, die den Engeln und Heiligen im Himmel, der jungfräulichen Gottesmutter und Christus gezollt wird, richtet sich letzten Endes an die Heiligste Dreifaltigkeit selber und findet da ihr Ziel. In den Gebeten, die sich an eine einzelne göttliche Person wenden, wird auch der übrigen Erwähnung getan; in den Litaneien ist mit der besonderen Anrufung jeder einzelnen Person auch eine gemeinsame Anrufung aller Personen verbunden. Allen Psalmen und Hymnen wird derselbe Lobspruch auf den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist angefügt; die Segnungen, die liturgischen Zeremonien und die Sakramente werden unter Anrufung der Heiligsten Dreifaltigkeit vollzogen oder damit abgeschlossen. Dazu hatte der Apostel schon längst gemahnt mit den Worten: Denn aus ihm, durch ihn und in ihm ist alles; ihm sei Ehre in Ewigkeit.[11] Damit deutet er einerseits die Dreiheit der Personen an und betont anderseits die Einheit der Natur; da diese Natur in jeder einzelnen Person dieselbe ist, gebührt jeder von ihnen als dem einen und selben Gott gleich ewiger Lobpreis wie der göttlichen Majestät. Der heilige Augustinus sagt bei der Erklärung dieses Zeugnisses: «Nicht ohne Unterscheidung darf man das Wort (des Apostels) verstehen: Aus ihm und durch ihn und in ihm. Er sagt vielmehr 'aus ihm' in bezug auf den Vater, 'durch ihn' in bezug auf den Sohn, 'in ihm' in bezug auf den Heiligen Geist.»[12] In sehr zutreffender Weise pflegt die Kirche jene Werke der Gottheit, in denen sich besonders die Macht kundgibt, dem Vater, jene, in denen die Weisheit aufleuchtet, dem Sohn, jene, in denen die Liebe vorherrscht, dem Heiligen Geiste zuzueignen. Keineswegs als wären nicht alle Vollkommenheiten und nicht alle äußeren Werke den drei göttlichen Personen gemeinsam; denn «das Wirken der Dreieinigkeit ist ungeteilt, wie das Wesen der Dreieinigkeit ungeteilt ist»,[13] weil die drei göttlichen Personen, «wie sie untrennbar sind, so auch ungeteilt wirken»;[14] wohl aber werden die Werke auf Grund einer gewissen Gleichartigkeit und beinahe einer Verwandtschaft, die zwischen den, Werken und den Eigenschaften der Personen besteht, der einen Person eher als der anderen zugeschrieben oder, wie man sagt, zugeeignet. «Wie wir die Ähnlichkeit des Eindruckes oder des Bildes, die wir in den Geschöpfen vorfinden, zur Darstellung der göttlichen Personen verwenden, so auch die wesentlichen Attribute; und diese Darstellung der Personen durch die wesentlichen Attribute wird Zueignung genannt.»[15] Auf diese Weise ist der Vater, welcher «der Ursprung der ganzen Gottheit»[16] ist, zugleich die bewirkende Ursache aller Geschöpfe, der Menschwerdung des Wortes und der Heiligung der Seelen. Aus ihm ist alles; 'aus ihm' sagt der Apostel in bezug auf den Vater.

Der Sohn seinerseits, Wort und Abbild Gottes, ist die vorbildliche Ursache, der alle Dinge in ihrer Gestalt und Schönheit, ihrer Ordnung und Harmonie nachgebildet sind; für uns ist er der Weg, die Wahrheit und das Leben, der Versöhner des Menschen mit Gott. Durch ihn ist alles,. 'durch ihn' sagt der Apostel in bezug auf den Sohn. Der Heilige Geist aber ist die Endursache aller Dinge deshalb, weil, genau so wie am Ziel der Wille und im allgemeinen alles zur Ruhe kommt, der Heilige Geist, der die göttliche Güte ist und die gegenseitige Liebe zwischen Vater und Sohn, jenes geheimnisvolle Wirken zum ewigen Heil der Menschen durch seinen wirksamen und innigen Antrieb zu Ende und zur Vollendung führt. In ihm ist alles,. 'in ihm' sagt der Apostel in bezug auf den Heiligen Geist.

Das Wirken des Heiligen Geistes

In der Menschwerdung des Gottessohnes

4 Nachdem Wir somit die unverletzliche pflichtgemäße Verehrung der Allerheiligsten Dreifaltigkeit insgesamt in gebührender Weise gewürdigt haben, die billigermaßen dem christlichen Volke stets eindringlicher ans Herz gelegt werden muss, wenden Wir Uns in Unserer Darlegung dem Wirken des Heiligen Geistes zu. - Es ziemt sich, zuallererst auf Christus hinzublicken, den Gründer der Kirche und den Erlöser unseres Geschlechtes. Unter den äußeren Werken Gottes nimmt fürwahr das Geheimnis der Menschwerdung des Wortes eine außerordentliche Vorrangstellung ein. Darin erstrahlt das Licht der göttlichen Vollkommenheiten mit so hohem Glanz, dass nichts Größeres denkbar ist und auch nichts, was für die menschliche Natur heilsamer sein könnte. Obgleich nun dieses großartige Werk der ganzen Dreieinigkeit zugehört, wird es dennoch dem Heiligen Geist eigens zugeschrieben; denn die Evangelien berichten von der Jungfrau Maria: Es fand sich. .., dass sie empfangen hatte vom Heiligen Geist [17] und weiter: Was in ihr erzeugt ist, kommt vom Heiligen Geist.[18] Und mit Recht wird dieses Werk demjenigen zugeschrieben, der die Liebe des Vaters und des Sohnes ist. Dieses große Geheimnis der Gottseligkeit[19] ist hervorgegangen aus der Fülle der Liebe Gottes zu den Menschen. Der heilige Johannes ruft es uns in Erinnerung: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab.[20] Ferner wurde dadurch die menschliche Natur zur persönlichen Vereinigung mit dem göttlichen, Worte erhoben, einer Würde, die ihr keineswegs etwa infolge ihrer Verdienste verliehen wurde, sondern einzig und allein aus reiner Gnade, und somit wie ein persönliches Geschenk des Heiligen Geistes. Treffend bemerkt diesbezüglich der heilige Augustinus: «Die Art und Weise, wie Christus durch die Kraft des Heiligen Geistes Fleisch geworden ist, bezeugt uns die Huld Gottes, wodurch die menschliche Natur ohne jedes vorgängige Verdienst im ersten Augenblick ihres Daseins mit dem göttlichen Worte in so innige persönliche Verbindung trat, dass eben derjenige Gottes Sohn wurde, der Sohn des Menschen, und Sohn des Menschen, der Sohn Gottes war.»[21]

In der Erlösung der Menschheit

Das Walten des Heiligen Geistes bewirkte jedoch nicht nur die Empfängnis Christi, sondern auch die Heiligung seiner Seele, die in der Heiligen Schrift «Salbung» genannt wird.[22] Und auch seine ganze Tätigkeit «vollzog sich in Anwesenheit des Heiligen Geistes»,[23] insbesondere aber sein Opfer. Durch Vermittlung des Heiligen Geistes brachte er sich selber Gott als unbeflecktes Opfer dar.[24] Wer das bedenkt, den wird es nicht wundern, dass alle Gaben des Heiligen Geistes der Seele Christi zuströmten. Denn er besaß die Gnade in so einzigartiger Überfülle, wie sie offenbar reicher und wirksamer niemand besitzen kann. Er barg in sich alle Schätze der Weisheit und der Wissenschaft, alle Gnaden der göttlichen Freigebigkeit, alle Tugenden und alle Gaben überhaupt, sowohl jene, die in den Weissagungen des Isaias verkündet waren,[25] als auch jene, die durch die wunderbare Taube am Jordan versinnbildet wurden, als Christus jene Wasser durch seine Taufe für das neue Sakrament heiligte. Damit stimmen wiederum die Worte des heiligen Augustinus genau überein: «Äußerst töricht ist die Behauptung, Christus habe erst in seinem dreißigsten Lebensjahr den Heiligen Geist empfangen; er kam vielmehr zur Taufe ohne Sünde, aber auch nicht ohne den Heiligen Geist ... Damals also (nämlich bei seiner Taufe) würdigte er sich, seinen Mystischen Leib, d. h. die Kirche, zum voraus zu versinnbilden, in der vorzüglich die Getauften den Heiligen Geist empfangen.» [26]

In der Kirche Christi

Deshalb wird einerseits durch das sichtbare Schweben des Heiligen Geistes über dem Haupte Christi, und anderseits durch dessen Walten im Innern seiner Seele die doppelte Sendung desselben Geistes im voraus angedeutet, nämlich jene, die in der Kirche offen zutage tritt, und jene, die sich kraft seines verborgenen Einflusses in den Seelen der Gerechten vollzieht.

An Pfingsten

5 Die Kirche, die schon empfangen und aus der Seite des zweiten Adam, der gleichsam am Kreuze schlief, hervorgegangen war, offenbarte sich in außerordentlicher Weise zum erstenmal den Menschen am denkwürdigen Pfingssttage. Eben an jenem Tage begann der Heilige Geist seine Wohltaten im Mystischen Leibe Christi sichtbar zu spenden mittels jener wunderbaren Ausgießung, die der Prophet Joel vorausgesehen hatte;[27] denn der Tröster «stieg hernieder auf die Apostel, um durch die feurigen Zungen neue geistige Kronen auf ihre Häupter zu setzen».[28] Damals jedoch stiegen die Apostel, wie Chrysostomus schreibt, «nicht wie Moses mit steinernen Tafeln in den Händen vom Berge herab, sondern sie trugen den Heiligen Geist in ihrem Herzen und gossen gleichsam einen sprudelnden Schatz von Wahrheit und Gnade aus».[29] So vollzog sich genau die letzte Verheißung Christi an seine Apostel betreffs der Sendung des Heiligen Geistes, der den unter seinem Gnadenhauch übermittelten Lehrinhalt voll entfalten und gewissermaßen besiegeln sollte: Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen. Wenn aber jener Geist der Wahrheit kommt, wird er euch die ganze Wahrheit lehren.[30]

Bis zum Ende der Zeiten

Denn jener, der Geist der Wahrheit ist, insofern er zugleich aus dem Vater, der die ewige Wahrheit ist, und zugleich aus dem Sohn, der die wesenhafte Wahrheit ist, hervorgeht, schöpft aus beiden samt seiner Wesenheit die Wahrheit in ihrer ganzen Fülle. Und diese Wahrheit teilt er in vollem Ausmaß der Kirche mit und leiht ihr seinen immerwährenden und fürsorglichen Beistand, damit sie niemals einem Irrtum verfalle, und damit sie die Keime der göttlichen Lehre stets weiter entfalten und zum Heile der Völker zur Vollreife bringen könne. Weil nun das Heil der Völker, wofür ja die Kirche bestimmt ist, unbedingt die Fortdauer ihres Amtes durch alle Zeiten voraussetzt, so fließt ihr vom Heiligen Geist immerdar Leben und Kraft zu, um sie in ihrem Dasein und Wachstum zu stärken: Ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Tröster geben, damit er in Ewigkeit bei euch bleibe, den Geist der Wahrheit.[31]

6 Denn er setzt die Bischöfe ein, die kraft ihres Amtes nicht nur Söhne erzeugen, sondern auch Väter, nämlich die Priester, um die Kirche zu leiten und sie mit demselben Blute zu nähren, durch das Christus sie erlöst hat: Der Heilige Geist hat die Bischöfe eingesetzt, um die Kirche Gottes zu regieren, die er mit seinem Blute sich erworben hat.[32] Die einen wie die anderen aber, Bischöfe wie Priester, besitzen vermöge einer besonderen Gnade des Heiligen Geistes die Gewalt, die Sünden kraft ihrer Amtsbefugnis nachzulassen, gemäß dem Worte Christi an die Apostel: Empfanget den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden nachlasset, denen sind sie nachgelassen; welchen ihr sie behalten werdet, denen sind sie behalten.[33] Dass die Kirche ein durchaus göttliches Werk ist, das geht aus keinem anderen Beweis klarer hervor, als aus der glanzvollen Pracht der Gnadengaben, womit sie in jeder Hinsicht ausgestattet ist; selbstverständlich ein Werk und Geschenk des Heiligen Geistes. Zur Bestätigung dessen möge dieser eine Hinweis genügen: wie Christus das Haupt der Kirche ist, so ist der Heilige Geist ihre Seele. «Was in unserem Leibe die Seele, das ist der Heilige Geist im Leibe Christi, der die Kirche ist.»[34]

Angesichts dieser Tatsache darf man keine umfassendere und reichere Offenbarung und Kundgabe des göttlichen Geistes sich vorstellen noch erwarten. Jene, die jetzt in der Kirche stattfindet, ist fürwahr die allergrößte, und sie wird so lange dauern, bis es der Kirche beschieden ist, am Ende ihrer Dienstzeit auf Erden einzugehen in die Freudenchöre der triumphierenden Himmelsgemeinschaft.

Der Heilige Geist in den Seelen der Gerechten:

Urheber der Gnade

7 Nicht weniger bewunderungswürdig, wohl aber für den Menschengeist noch schwieriger zu erfassen, weil es sich dem Auge des Beobachters vollständig entzieht, ist das Wirken des Heiligen Geistes in den Seelen der Einzelmenschen. Auch diese Eingießung des Heiligen Geistes geschieht in so reicher Fülle, dass Christus selbst, von dem sie ausgeht, sie mit einem flutenden Strome vergleicht, wie es bei Johannes heißt: Wer an mich glaubt, aus dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Walsers fließen. Derselbe Evangelist fügt zur Erklärung dieses Zeugnisses die Worte hinzu: Er meinte damit den Geist, den jene empfangen sollten, die an ihn glauben würden.[35]

vor Christus und nach Christus

Gewiss wohnte der Heilige Geist durch die Gnade auch in den Gerechten, die vor Christus gelebt haben, wie wir es in der Schrift von den Propheten, von Zacharias, von Johannes dem Täufer, von Simeon und Anna bezeugt finden; und auch am Pfingsttage ist ja der Heilige Geist nicht herabgekommen, «um zum erstenmal in den Heiligen Wohnung zu nehmen, sondern um sie ausgiebiger zu überfluten, indem er seine Güter häufte, nicht erst anregte, und also kein neues Werk schuf, sondern seine Freigebigkeit steigerte».[36] Und doch, zählten auch jene schon zu den Söhnen Gottes, so waren sie dennoch hinsichtlich ihrer Lage Sklaven vergleichbar, denn der Sohn unterscheidet sich in nichts vom Sklaven, solange er unter den Vormündern und Verwaltern steht[37] und abgesehen davon; dass sie lediglich im Hinblick auf die Verdienste des verheißenen Heilandes die Gerechtigkeit besaßen, ist die nach Christus erfolgte Mitteilung des Heiligen Geistes viel umfangreicher, ungefähr so wie der vertraglich festgesetzte Preis das Unterpfand übersteigt und wie die Wirklichkeit das Abbild weit hinter sich zurücklässt. Deshalb behauptet der heilige Johannes: Der Heilige Geist war noch nicht gesandt, weil Jesus noch nicht verherrlicht war.[38] Sobald daher Christus bei der Himmelfahrt von der Herrlichkeit seines Reiches, die ihm den höchsten Einsatz gekostet, Besitz genommen hatte, erschloss er großmütig die Schatzkammern des Heiligen Geistes und schenkte den Menschen seine Gaben.[39] Denn «gewiss sollte jene Mitteilung oder Sendung des Heiligen Geistes nach der Verherrlichung Christi so beschaffen sein wie keine je zuvor; denn mitnichten hatte zuvor überhaupt keine stattgefunden, sondern nur keine von dieser Art». [40]

8 Die Menschennatur muss notwendigerweise Dienerin Gottes sein. «Die Kreatur ist eine Magd; wir sind naturgemäß Knechte Gottes»[41] Ja, es war sogar infolge der allgemeinen Schuld unsere Natur gesamthaft in einen solchen Abgrund der Sünde und Entwürdigung gestürzt, dass wir überdies zu Feinden Gottes geworden waren. Wir waren von Natur Kinder des Zornes.[42] Nirgends gab es eine Macht, die groß genug gewesen wäre, um uns aus diesem Abgrund emporzuziehen und vor dem ewigen Verderben zu retten. Gott aber, der Schöpfer der menschlichen Natur, hat dies in maßloser Barmherzigkeit durch seinen Eingeborenen verwirklicht; dank seiner Güte ist der Mensch mit noch reicherer Gnadenausstattung auf jene Stufe und zu jenem Adel, von denen er abgefallen war, wieder erhoben worden. Niemand vermag zu beschreiben, auf welche Art dieses Werk der göttlichen Gnade sich in den Seelen der Menschen vollzieht. Die Begnadeten werden daher in der Heiligen Schrift und von den Kirchenvätern treffend als Wiedergeborene, als neue Geschöpfe, als Teilhaber an der göttlichen Natur, als Kinder Gottes, als Vergöttlichte, und mit anderen Ehrentiteln dieser Art bezeichnet.

Nun aber werden diese unermesslichen Wohltaten nicht ohne Grund eigens dem Heiligen Geiste zugeschrieben. Denn er ist der Geist der Kindschaft, der uns rufen lässt: Abba, Vater! Er ist es auch, der die Herzen mit dem göttlichen Bewusstsein der väterlichen Liebe erfüllt: Denn der Geist selbst bezeugt es unserem Geiste, dass wir Kinder Gottes sind.[43] Zur Erklärung dieses Geheimnisses leistet die vom engelgleichen Lehrer erkannte Ähnlichkeit zwischen den beiden Werken des Heiligen Geistes einen vortrefflichen Dienst. Durch ihn ist nämlich «Christus in Heiligkeit empfangen worden, damit er der natürliche Sohn Gottes sei», und durch ihn «werden alle anderen geheiligt, damit sie Adoptivkinder Gottes seien».[44] So bewirkt die Liebe, und zwar die ungeschaffene Liebe in Person, eine geistige Wiedergeburt, die freilich viel edler ist, als was im Bereiche der Natur geschehen könnte.

9 Diese Wiedergeburt und Erneuerung nimmt für den Menschen in der Taufe ihren Anfang. Sobald beim Empfang dieses Sakramentes der unreine Geist aus der Seele gewichen ist, steigt der Heilige Geist in sie hernieder und macht sie sich selber ähnlich. Was aus dem Geiste geboren ist, das ist Geist.[45]

Gastfreund der Seele

In reicherem Maße schenkt sich derselbe Geist der Seele durch die heilige Firmung, um ihr Standhaftigkeit und Kraft zu verleihen in der Betätigung des christlichen Lebens. Zweifellos hat er den Märtyrern den Sieg und den Jungfrauen den Triumph verliehen über die Lockungen einer verkommenen Welt. Sich selbst, so sagten Wir, gibt der Heilige Geist zum Geschenk. Die Liebe Gottes ist in unsere Herzen ausgegossen durch den Heiligen Geist, der uns geschenkt wurde[46] Tatsächlich bringt er uns nicht nur die göttlichen Gaben, sondern er ist auch ihr Urheber, ja er selber ist die höchste Gabe; da er nämlich aus der gegenseitigen Liebe zwischen Vater und Sohn hervorgeht, wird er mit Recht als «des höchsten Gottes Gastgeschenk»[47] betrachtet und bezeichnet.

Allgegenwart des Schöpfergottes und Gnadengegenwart

Um Wesen und Wert dieses Geschenkes klarer zu erkennen, müssen wir uns an die Erläuterungen der heiligen Lehrer zu den Darlegungen der Schrift erinnern, dass nämlich Gott allen Dingen gegenwärtig ist und ihnen innewohnt «durch seine Macht, insofern alles seiner Gewalt unterworfen ist, durch seine Gegenwart, insofern alles unverhüllt und offen vor seinen Augen liegt, durch seine Wesenheit, insofern er in allen Dingen gegenwärtig ist als Ursache ihres Seins».[48] Im Menschen aber ist Gott nicht nur wie in den Dingen gegenwärtig, sondern er wird zudem noch, von ihm erkannt und geliebt, da wir schon aus innerem Naturtrieb das Gute lieben, wünschen und erstreben. Dazu kommt, dass Gott in der Seele des Gerechten wie in einem Tempel wohnt, auf ganz innige und einzigartige Weise; daraus ergibt sich das Band der Liebe, wodurch die Seele aufs engste mit Gott vereinigt wird, enger als ein Freund mit dem aufrichtigsten und besten Freunde, und im Verkehr mit ihm die tiefste Wonne kostet.

Gegenwart durch Einwohnung

Diese wunderbare Vereinigung nun, die als «Einwohnung» bezeichnet wird und nur durch die Umstände oder unsere Situation sich von jener unterscheidet, wodurch die Seligen im Himmel mit Gott vereint sind, wird dem Heiligen Geiste als sein besonderes Werk zugeschrieben, obgleich sie im eigentlichsten Sinne durch das Walten der gesamten Dreifaltigkeit zustande kommt: Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.[49] Wenn zwar Spuren der göttlichen Macht und Weisheit sogar am gottentfremdeten Menschen noch in Erscheinung treten, so hat nur der Gerechte Anteil an der Liebe, die gleichsam das eigentümliche Merkmal des Heiligen Geistes ist. Damit stimmt auch der Umstand überein, dass dieser Geist der Heilige genannt wird, eben weil er, die erste und höchste Liebe in Person, die Seelen zur Heiligkeit antreibt und führt, die ja letzten Endes in der Liebe zu Gott besteht. Wenn deshalb der Apostel die Gerechten als Tempel Gottes bezeichnet, nennt er sie ausdrücklich nicht Tempel des Vaters oder des Sohnes, sondern Tempel des Heiligen Geistes: Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt, den ihr von Gott empfangen habt.[50]

Wirkungen der Gegenwart des Heiligen Geistes=

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Innere Eingebungen

Die Einwohnung des Heiligen Geistes in den gottesfürchtigen Seelen ist begleitet von einem reichen Segen übernatürlicher Gaben, der sich in mannigfacher Weise offenbart. Der Aquinate lehrt nämlich: «Da der Heilige Geist als Liebe hervorgeht, so geschieht es in der Form der ersten Gnadengabe; deshalb sagt Augustinus, dass durch die Gnadengabe, die der Heilige Geist selber ist, den Gliedern des Leibes Christi viele besondere Gnaden zuteil werden..» [51] Zu diesen Gnaden gehören auch jene inneren Ermahnungen und Einladungen, die unter der Einwirkung des Heiligen Geistes immer wieder Geist und Herz anregen, und ohne die wir weder den guten Weg betreten, noch Fortschritte machen, noch zum Endziel des ewigen Lebens gelangen können. Und da ja diese Einsprechungen und Antriebe nur in der verborgensten Seelentiefe vernehmbar sind, werden sie bisweilen in der Heiligen Schrift zutreffend mit dem leisen Flüstern des Frühlingswindes verglichen; feinsinnig vergleicht sie der engelgleiche Lehrer mit dem Pochen des Herzens, dessen ganze Kraft tief im Lebewesen verborgen ist: «Das Herz übt gewissermaßen einen verborgenen Einfluss aus, und deshalb vergleicht man den Heiligen Geist mit dem Herzen, weil er unsichtbar der Kirche Leben und Einheit gibt.»[52]

Gaben und Früchte des Heiligen Geistes

Ferner bedarf der Gerechte, um das übernatürliche Leben der Gnade zu führen und um dazu die entsprechenden Tugenden zu üben, als wären es seine Fähigkeiten, unbedingt jener sieben Gaben, die man recht eigentlich als Gaben des Heiligen Geistes bezeichnet. Ihr wohltätiger Beistand befähigt und kräftigt die Seele, um den Einsprechungen und Antrieben des Heiligen Geistes leichter und rascher Folge zu leisten. Deshalb ist die Wirkung dieser Gaben so groß, dass sie den Menschen zum höchsten Grade der Heiligkeit emporführen, und so erhaben, dass sie, wenn auch vervollkommnet, ihrem Wesen nach im Himmelreiche fortdauern. Die Hilfskraft dieser Geistesgaben weckt im Menschen den Wunsch nach den evangelischen Seligkeiten und lenkt ihn auf den Weg zu ihnen, die - den sprießenden Frühlingsblumen vergleichbar - Anzeichen und Vorboten der ewig währenden Glückseligkeit sind.

Beglückend endlich sind die vom Apostel aufgezählten Früchte,[53] die der Heilige Geist schon in diesem vergänglichen Leben den gerechten Menschen bereitwillig spendet; sie sind dermaßen angefüllt mit Kostbarkeit und Wonne, dass sie vom Heiligen Geiste stammen müssen, «der in der Dreifaltigkeit ... des Erzeugers und des Erzeugten Wonneglück ist, und mit unermesslicher Freigebigkeit und reicher Fülle alle Geschöpfe überschüttet».[54]

So hat der Heilige Geist, im ewigen Glanze der Heiligkeit von Vater und Sohn ausgehend, deren Liebe und Gabe zugleich, sich zuerst unter dem Schleier der alttestamentlichen Vorbilder geoffenbart und sodann seine ganze Gnadenfülle auf Christus und seinen Mystischen Leib, der die Kirche ist, verströmt. Durch seine Gegenwart und seine Gnade hat er die Menschen, die auf den Pfaden der Bosheit und des Verderbens in die Irre gingen, so gründlich auf den Heilsweg zurückgeführt, dass sie nicht mehr irdisch gesinnt als Erdensöhne, sondern himmlisch gesinnt als Himmelskinder für andere weit erhabenere Güter Geschmack und Lust empfinden.

Unsere Pflichten gegenüber dem Heiligen Geist.

Den Heiligen Geist kennen lernen

10 Die Fülle dieser Gaben, welche die unermessliche Güte des Heiligen Geistes uns gegenüber offen kundtut, verlangt unbedingt von uns den größten Erweis dankbarer und ehrfürchtiger Verehrung. Das werden aber die Christgläubigen auf die richtige und beste Weise verwirklichen, wenn sie sich täglich bemühen, ihn besser kennen zu lernen, zu lieben und anzurufen. Unsere väterliche, von Herzen kommende Ermahnung möge sie dazu aneifern! - Vielleicht gibt es auch heute noch Christen, die wie jene, die einst der Apostel Paulus fragte, ob sie den Heiligen Geist empfangen hätten, antworten müssten: Wir haben nicht einmal gehört, dass es einen Heiligen Geist gibt.[55] Jedenfalls gibt es gewiss viele, denen eine tiefere Kenntnis des Heiligen Geistes abgeht; wohl sprechen sie bei ihren religiösen Übungen öfters seinen Namen aus, aber ihr Glaube ist von dichter Finsternis umhüllt. Deshalb sollen alle Prediger und Seelsorger wohl bedenken, dass es ihre Pflicht ist, die Lehre über den Heiligen Geist äußerst sorgfältig und eingehend dem Volke vorzutragen. Dabei soll man jedoch schwierige und spitzfindige Streitfragen beiseite lassen und die abwegige Torheit jener vermeiden, die meinen, alles, auch die tiefsten Geheimnisse Gottes, ergründen zu können. Statt dessen sollen vielmehr die zahlreichen und großen Wohltaten, die der göttliche Gnadenspender uns schon zugewandt hat und unablässig zuwendet, in Erinnerung gerufen und schlicht erklärt werden. Dann werden Irrtum und Unwissenheit, die den Kindern des Lichtes in so wichtigen Dingen schlecht anstehen, ganz und gar verschwinden. Wir betonen dies mit besonderem Nachdruck nicht nur deshalb, weil es sich hierbei um ein Geheimnis handelt, das mit unserer Hinführung zum ewigen Leben sehr eng zusammenhängt und deshalb fest zu glauben ist, sondern auch, weil man das Gute umso entschiedener schätzt und liebt, je besser und je gründlicher man es kennt.

Den Heiligen Geist wahrhaft lieben

Denn gerade die Liebe sind wir - wie es Unsere Ermahnung als die zweite Pflicht betonte - dem Heiligen Geiste schuldig, weil er Gott ist: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele und aus allen deinen Kräften.[56] Ihm gebührt ferner Liebe, weil er die wesenhafte, die erste, die ewige Liebe ist. Nichts ist ja liebenswerter als die Liebe selbst. Umso mehr sind wir dazu verpflichtet, als er uns mit den größten Wohltaten überhäuft, die im gleichen Maße, wie sie Beweise seines Wohlwollens sind, vom Empfänger wahre Herzensdankbarkeit fordern. Diese Liebe trägt uns doppelten Segen ein, und zwar keinen geringen; denn einmal wird sie unseren Verstand schärfen, damit wir die Wahrheiten über den Heiligen Geist stets klarer erkennen; sagt doch der heilige Thomas: «Der Liebende ist nicht zufrieden mit einer oberflächlichen Erfassung dessen, was er liebt, sondern er sucht alle Einzelheiten des geliebten Gegenstandes eingehend zu erforschen; so dringt er tief in dessen Inneres ein, wie es vom Heiligen Geist, der die Liebe Gottes ist, heißt, dass er auch die Tiefen der Gottheit erforscht.»[57] - Sodann wird sie uns ein reicheres Maß von übernatürlichen Gaben sicherstellen; wie nämlich Herzenskälte die Hand des Gebers verschließt, so wird diese durch einen dankbaren und erkenntlichen Sinn geöffnet.

Ihn nicht beleidigen, die Sünde meiden

Es ist jedoch sehr darauf zu achten, dass sich diese Liebe nicht nur auf dürres Wissen und auf äußerliche Ehrerbietung beschränke; sie soll sich vielmehr in unserem ganzen Tun und Lassen bekunden, am allermeisten in der Vermeidung der Sünde, beleidigt sie doch in besonderer Weise den Heiligen Geist. Denn was immer wir sind, das verdanken wir der göttlichen Güte, die insbesondere dem Heiligen Geiste zugeeignet wird. Ihn, seinen Wohltäter, beleidigt also der Sünder, der gerade im vermessentlichen Vertrauen auf die Gaben seiner Güte sich täglich anmaßender gebärdet.

Freilich, wenn jemand aus Schwäche oder Unverstand sündigt, so ist er vielleicht vor Gott noch entschuldbar, da der Heilige Geist der Geist der Wahrheit ist; wer jedoch aus Bosheit der Wahrheit widersteht und sich von ihr abwendet, der versündigt sich sehr schwer gegen den Heiligen Geist. Diese Haltung ist allerdings in unseren Tagen so häufig, dass jene schlimmen Zeiten angebrochen zu sein scheinen, die Paulus vorausverkündet hat, und wo die Menschen, durch Gottes Gericht verblendet, die Lüge für Wahrheit hinnehmen und dem Fürsten dieser Welt, der Lügner ist und Vater der Lüge, Glauben schenken, als wäre er der Lehrer der Wahrheit : Gott wird die Macht der Irreführung über sie kommen lassen, so dass sie der Lüge glauben;[58] in den letzten Zeiten werden manche vom Glauben abfallen und irreführenden Geistern und Teufelslehrern Gehör schenken.[59]

Da aber, wie Wir oben erwähnt haben, der Heilige Geist in uns wie in einem Tempel wohnt, sollen wir auch jene Worte des Apostels beherzigen: Betrübet nicht Gottes Heiligen Geist, mit dem ihr besiegelt seid.[60] Dabei genügt es aber nicht, alles Ungeziemende zu meiden; um seinem großen und gütigen Gaste zu gefallen, muss der Christ vielmehr im Glanze aller Tugenden leuchten, besonders durch Keuschheit und Frömmigkeit. Denn Keuschheit und frommer Sinn sind der Schmuck des Tempels. Deshalb lesen wir bei demselben Apostel Wisst ihr nicht, dass ihr ein Tempel Gottes seid, und dass der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn aber jemand den Tempel Gottes entheiligt, wird ihn Gott zugrunde richten, denn der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr.[61] Eine furchtbare, aber vollkommen gerechte Drohung!

Ihn im Gebet anrufen

11 Schließlich müssen wir den Heiligen Geist inständig anrufen, da jeder von uns seines Schutzes und Beistandes dringend bedarf. Ein jeder schwankt in Ratlosigkeit, jedem gebricht es an Kraft, jeden drückt ein Kummer, jeder neigt zum Bösen; so müssen wir denn alle Zuflucht suchen bei ihm, der als stets lebendiger Quell Licht und Kraft, Trost und Heiligkeit spendet. Namentlich jene Gnade, deren der Mensch vor allem bedarf, die Verzeihung der Sünden, muss vorzugsweise vom Heiligen Geist erbeten werden. «Es ist die Eigentümlichkeit des Heiligen Geistes, die Gabe des Vaters und des Sohnes zu sein; die Nachlassung der Sünden geschieht also durch den Heiligen Geist, insofern er Gabe Gottes ist.» [62] Ausdrücklich sagt ja die Liturgie: «Er ist die Vergebung aller Sünden.»[63] Über die richtige Art, ihn anzurufen, gibt uns die Kirche die allerbeste Anweisung, indem sie ihn unter den zärtlichsten Namen inständig anfleht und beschwört: «Komm, o Geist der Heiligkeit, Vater aller Armen du, aller Herzen Licht und Ruh, komm mit deiner Gaben Zahl! Tröster in Verlassenheit, Labsal voll der Lieblichkeit, komm, o süßer Seelenfreund!»[64] Innig betet sie zu ihm, dass er Herz und Sinn reinige, heile und erquicke, und dass er denen, die auf ihn vertrauen, «den Lohn der Tugend, ein seliges Lebensende und die ewige Freude» verleihe. Und niemand darf auch nur im geringsten daran zweifeln, dass er diesen Gebeten Gehör schenken wird; denn unter seiner Eingebung wurden die Worte niedergeschrieben: Der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern.[65] Endlich sollen wir vertrauensvoll und unablässig darum beten, dass er uns mehr und mehr mit seinem Licht erleuchte und in uns den Feuerbrand seiner Liebe entzünde. So werden wir, gestützt auf Glaube und Liebe, den ewigen Belohnungen unverwandt zustreben. denn er ist das Unterpfand unserer Erbschaft.[66]

Schluss: Verordnung der neuntägigen Andacht vor Pfingsten

12 Das sind, Ehrwürdige Brüder, die Weisungen und Ermahnungen, die Wir erteilen wollten, um die Verehrung des Heiligen Geistes zu fördern. Wir geben Uns dem festen Vertrauen hin, dass sie zumal vermöge Eurer hingebungsvollen Mithilfe, im christlichen Volke reiche Frucht zeitigen werden. Unserseits werden Wir es zur Verwirklichung dieses großen Anliegens nie an Bemühung fehlen lassen, und Wir sind entschlossen, diese vortreffliche Andachtsübung auch künftighin auf jede geeignete Weise zu stärken und zu fördern.

13 Vor zwei Jahren haben Wir im Rundschreiben Provida matris[67] den Katholiken für die heiligen Pfingsttage besondere Gebete empfohlen, um die Einheit unter den Christen herbeizuführen; nun aber möchten Wir diesbezüglich einige weitere Bestimmungen treffen. Wir beschließen und verordnen also, dass auf dem ganzen katholischen Erdkreis dieses Jahr und alle folgenden Jahre dem Pfingstfest in allen Pfarrkirchen, und nach Gutbefinden der Ortsordinarien auch in anderen Kirchen und Kapellen, eine neuntägige Andacht vorausgehen soll. Allen, die an dieser neuntägigen Andacht teilnehmen und nach Unserer Meinung mit Andacht beten, gewähren Wir vor Gott einen Ablass von sieben Jahren und sieben Quadragenen für jeden Tag; ferner einen vollkommenen Ablass an einem beliebigen dieser Tage oder am Pfingstfeste selber oder auch an einem beliebigen Tag der Oktav, wenn sie nach gültiger Beicht und würdigem Empfang der heiligen Kommunion ebenfalls nach Unserer Meinung beten. Die gleiche Vergünstigung bewilligen Wir auch jenen, die aus triftigen Gründen an der öffentlichen Andacht nicht teilnehmen können, sowie für jene Gebiete, wo nach dem Ermessen der Ordinarien die Andacht nicht gut in den Kirchen abgehalten werden kann, wofern man allerdings die neuntägige Andacht persönlich verrichtet und die übrigen Bedingungen erfüllt. Außerdem gewähren Wir für alle Zukunft aus dem Schatz der Kirche beide Ablässe ein zweites Mal all jenen, die öffentlich oder privat während der Oktav, bis zum Fest der Allerheiligsten Dreifaltigkeit einschließlich,. wiederum täglich mit, Andacht zum Heiligen Geist beten und die obgenannten Bedingungen richtig erfüllen. Alle diese Ablässe können auch den Armen Seelen im Fegfeuer fürbittweise zugewendet werden.

Unter Führung der Allerseligsten Jungfrau

14 Wir schließen mit den innigen Wünschen, die Wir schon eingangs ausgesprochen haben. In heißem Gebet um deren Erfüllung flehen Wir jetzt und immerdar zum Heiligen Geist. Ehrwürdige Brüder, vereinigt euer Gebet mit dem Unsrigen, und auf eure Ermahnung hin sollen alle christlichen Völker miteinstimmen, unter Anrufung der mächtigen und wohlwollenden Fürbitte der Allerseligsten Jungfrau. Ihr kennt die innigen und wunderbaren Beziehungen, die sie mit dem Heiligen Geiste verbinden, so dass sie mit Recht dessen makellose Braut genannt wird. Gewiss hatte das Gebet der seligsten Jungfrau einen mächtigen Anteil sowohl am Geheimnis der Menschwerdung wie auch an der Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Apostel. Möge sie .unseren vereinten Gebeten mit ihrer huldvollen Fürbitte weiterhin Kraft verleihen, damit sich für alle Nationen inmitten ihres Elendes durch den Heiligen Geist die göttlichen Wunderzeichen verwirklichen, die schon David in prophetischer Schau besungen hat: Du sendest aus deinen Geist, lind alles wird neu geschaffen, und du wirst das Antlitz der Erde erneuern.[68]

15 Als Unterpfand der himmlischen Gnaden und als Erweis Unseres Wohlwollens erteilen Wir euch, Ehrwürdige Brüder, eurem Klerus und Volk liebevoll im Herrn den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, am 9. Mai 1897,

im zwanzigsten Jahre Unseres Pontifikates

Leo XIII. PP.

Anmerkungen

  1. Mt 9,28 EU; Joh 14,6 EU; 11.14 EU.
  2. Joh 16,7 EU.
  3. Ijob 26,13 EU.
  4. Weish 1,7 EU.
  5. Leo der Große, Sermo II, in anniv. ass. suae. PL 54, 144.
  6. Basilius, De Spiritu Sancto c. XVI. n. 39. PG 32, 139.
  7. Joh 1,18 EU.
  8. Thomas von Aquin, Sum. theol. I q.31 a.2.
  9. Augustinus, De Trinitate I 3. PL 42, 822.
  10. Athanasisches Glaubensbekenntnis Quicumque. Denzinger Nr. 39.
  11. Röm 11,36 EU.
  12. Augustinus, De Trinitate VI 10, 12. PL 42, 932, und I 6, 12. PL 42, 827.
  13. Augustinus, I. c., I 5. PL 42, 824.
  14. Ebd. I 4. PL 42, 824.
  15. Thomas von Aquin, Sum. theol. I q. 39 a. 7.
  16. Augustinus, De Trinitate IV 20. PL 42, 906.
  17. Mt 1,18 EU.
  18. Mt 1,20 EU.
  19. 1 Tim 3,16 EU.
  20. Joh 3,16 EU.
  21. Augustinus, Enchirid. XL. PL 40, 252. -Thomas von Aquin, Sum. theol. III q.32 a. 1.
  22. Vgl. Apg 10,38 EU.
  23. Basilius, De Spiritu Sancto XVI. PG 32, 13:9.
  24. Hebr 9,14 EU.
  25. VgI. Jes 4,1 EU; 2-5 EU.
  26. Augustinus, De Trinitate 15, 26. PL 42, 1094.
  27. Vgl. Joel 2,28 29.
  28. Cyrill von Jerusalem, Catechesis XVII. PG 33, 987.
  29. Johannes Chrysostomus, In Mt. homo I. PG 57, 15. - Vgl. 2 Kor 3,3 EU.
  30. Joh 16,12 f EU.
  31. Joh 14,16 f EU.
  32. Apg 20,28 EU.
  33. Joh 20,22f EU.
  34. Augustinus, Sermo CCLXVII de tempore, c.4. PL 38, 1231.
  35. Joh 7,38 39.
  36. Leo der Große, Serm. LXXVII 1. PL 54, 412.
  37. Gal 4,1 f EU.
  38. Joh 7,39 EU.
  39. Eph 4,8 EU.
  40. Augustinus, De Trinitate IV 20, 29. PL 42, 908.
  41. Cyrill von Alexandrien; Thesaurus V 5. PG 75, 65.
  42. Eph 2,3 EU.
  43. Röm 8,15.16 EU.
  44. Thomas von Aquin, Sum. theol. III q. 32 a. 1.
  45. Joh 3,6 EU.
  46. Röm 5,5 EU.
  47. Hymnus Veni Creator Spiritus.
  48. Thomas von Aquin, Sum. theol. I q. 8 a. 3.
  49. Joh 14,23 EU.
  50. 1 Kor 4,19 EU.
  51. Thomas von Aquin, Sum. theol. I q. 38 a. 2. - Augustinus, De Trinitate XV 19. PL 42, 1084.
  52. Thomas von Aquin, Sum. theol. III q.8 a. 1 ad 3.
  53. Vgl. Gal 5,22f EU.
  54. Augustinus, De Trinitate VI 10. PL 42, 932.
  55. Apg 19,2 EU.
  56. Dtn 6,5 EU.
  57. Thomas von Aquin, Sum. theol. I-II q. 28 a.2. - VgI. 1 Kor 2,10 EU.
  58. 2 Thess 2,11 EU.
  59. 1 Tim 4,1 EU.
  60. Eph 4,30 EU.
  61. 1 Kor 3,16 f EU.
  62. Thomas von Aquin, Sum. theol. III q. 3 a. 8 ad 3.
  63. Römisches Missale, Postcommunio vom Pfingstdienstag.
  64. Pfingstsequenz.
  65. Röm 8,26 EU.
  66. Eph 1,14 EU.
  67. Vgl. Leo XIII., Rundschreiben Provida matris vom 5. Mai 1895.
  68. Ps 103,30 EU.
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