Die missionarische Identität des Priesters in der Kirche

Aus Kathpedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
Rundbrief

Kongregation für den Klerus
im Pontifikat von Papst
Benedikt XVI.
Die missionarische Identität des Priesters in der Kirche
als eine Ausübung der Tria munera innewohnende Dimension

29. Juni 2010

(Quelle: www.clerus.org)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Einleitend

Verehrte Mitbrüder im bischöflichen Dienst!

Mit aufrichtiger Dankbarkeit für das vor kurzem zu Ende gegangene Priesterjahr legt die Kongregation für den Klerus durch Vermittlung der Bischöfe dem ganzen Volk Gottes und insbesondere den Priestern die Ergebnisse der Vollversammlung vor, die vom 16. bis 18. März 2009 im Vatikan stattfand und unter dem Thema stand: »Die missionarische Identität des Priesters in der Kirche: eine der Ausübung der tria munera innewohnende Dimension.

In der Tradition der in den vergangenen Jahren vorgelegten Beiträge, angefangen beim Direktorium für Dienst und Leben der Priester (1994), dem Direktorium für Dienst und Leben der Ständigen Diakone (1998), dem Rundschreiben Der Priester, Lehrer des Wortes, Diener der Sakramente und Leiter der Gemeinde für das dritte christliche Jahrtausend (1999) bis hin zur Instruktion Der Priester, Hirte und Leiter der Pfarrgemeinde (2002), möchte dieser Rundbrief auf die wichtige Bedeutung der missionarischen Dimension und auf ihren konstitutiven Zusammenhang mit der Identität des geweihten Dieners aufmerksam machen.

Jeder Priester hat somit Anteil am Leben Jesu, des Herrn, er handelt in persona Christi und ist folglich ein unerlässliches Werkzeug Seiner Mission als vom Vater Gesandter, der alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit führen soll. Bei der Ausübung des Hirtendienstes ist es daher erforderlich, dass der missionarische Einsatz als der persönliche und tiefe Wunsch gelebt wird, für die Ausbreitung des Reiches Gottes zu wirken. Zudem muss dieser Sendungsauftrag in einem ständigen und engagierten Zeugnis für das Evangelium als wichtigstem Element jedes wahren Apostolats zum Ausdruck gebracht werden.

Vertrauen wir also das Leben eines jeden Priesters und die ihm übertragene Sendung, in der sich die Sendung der Kirche selbst vollzieht, dem Schutz der seligen Jungfrau Maria, Königin der Apostel, an, damit er durch die treue Ausübung des munus docendi, die aufmerksame und andächtige Erfüllung des munus sanctificandi und die maßgebende Leitungsaufgabe des munus regendi Christus, den einzigen Hohenpriester und Hirten unserer Seelen, glaubhaft vergegenwärtige.

CLÁUDIO Kardinal HUMMES

Emeritierter Erzbischof von São Paulo
Präfekt
MAURO PIACENZA
Titularerzbischof von Vittoriana

Sekretär

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI. AN DIE TEILNEHMER DER VOLLVERSAMMLUNG DER KONGREGATION FÜR DEN KLERUS

Montag, 16. März 2009

Meine Herren Kardinäle,
verehrte Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt!

Ich freue mich, euch in einer Sonderaudienz am Vorabend meiner Abreise nach Afrika begrüßen zu dürfen. Ich werde mich dorthin begeben, um das » Instrumentum laboris « der Zweiten Sonderversammlung der Synode für Afrika zu überreichen, die hier in Rom im kommenden Oktober stattfinden wird. Ich danke dem Präfekten der Kongregation, Herrn Kardinal Cláudio Hummes, für die freundlichen Worte, mit denen er eure gemeinsamen Empfindungen zum Ausdruck gebracht hat, und ich danke auch für den schönen Brief, den ihr mir geschrieben habt. Mit ihm begrüße ich euch alle, die Oberen, Offizialen und Mitglieder der Kongregation, und danke euch von Herzen für all die Arbeit, die ihr im Dienst eines so wichtigen Bereichs des Lebens der Kirche verrichtet.

Das Thema, das ihr für diese Vollversammlung gewählt habt – » Die missionarische Identität des Priesters in der Kirche: eine der Ausübung der ›tria munera‹ innewohnende Dimension« –, gestattet einige Überlegungen für die Arbeiten dieser Tage und für die reiche Frucht, die diese sicherlich tragen werden. Wenn auch die ganze Kirche missionarisch ist und jeder Christ kraft der Taufe und der Firmung » quasi ex officio « (vgl. KKK 1305) den Auftrag erhält, den Glauben öffentlich zu bekennen, so unterscheidet sich das Amtspriestertum jedoch auch unter diesem Gesichtspunkt ontologisch und nicht nur dem Grade nach vom Taufpriestertum, das auch allgemeines Priestertum genannt wird. Für Ersteres nämlich ist der apostolische Auftrag maßgebend: » Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen! « (Mk 16,15). Dieser Auftrag ist, wie wir wissen, nicht einfach nur eine Aufgabe, die Mitarbeitern anvertraut ist; seine Wurzeln liegen tiefer und reichen viel weiter zurück.

Die missionarische Dimension des Priesters entspringt seiner sakramentalen Gleichgestaltung mit Christus, dem Haupt: Daraus folgt eine tiefempfundene und vollkommene Treue zur » apostolica vivendi forma «, wie sie in der kirchlichen Überlieferung genannt wird. Sie besteht in der Teilhabe an einem »neuen Leben« im geistlichen Sinne, an jenem » neuen Lebensstil «, den Jesus, der Herr, eingeführt hat und den die Apostel sich zu eigen gemacht haben. Durch die Handauflegung des Bischofs und das Weihegebet der Kirche werden die Kandidaten zu neuen Menschen, zu »Priestern«. In diesem Licht wird deutlich, daß die »tria munera« in erster Linie ein Geschenk sind und erst in zweiter Linie ein Amt. Sie sind zunächst einmal Teilhabe an einem Leben und daher eine »potestas«. Sicher, die lange kirchliche Tradition hat die Wirkkraft des Sakraments zu Recht von der konkreten Lebenssituation des einzelnen Priesters losgelöst; dadurch werden die rechtmäßigen Erwartungen der Gläubigen adäquat geschützt. Aber diese richtige lehrmäßige Klarstellung mindert nicht das notwendige, ja unverzichtbare Streben nach moralischer Vollkommenheit, das in jedem wirklich priesterlichen Herzen wohnen muß.

Um dieses Streben der Priester nach geistlicher Vollkommenheit, von dem die Wirksamkeit ihres Dienstes entscheidend abhängt, zu unterstützen, habe ich entschieden, ein besonderes » Jahr des Priesters « auszurufen, das vom kommenden 19. Juni bis zum 11. Juni 2010 dauern wird. In dieses Jahr fällt nämlich der 150. Todestag des heiligen Pfarrers von Ars, Johannes Maria Vianney, wahres Vorbild eines Hirten, der im Dienst der Herde Christi steht. In Absprache mit den Diözesanbischöfen und den Oberen der Ordensinstitute wird eurer Kongregation die Förderung und Koordinierung der verschiedenen geistlichen und pastoralen Initiativen obliegen, die nützlich sein können, um die Bedeutung der Rolle und der Sendung des Priesters in der Kirche und in der heutigen Gesellschaft immer besser wahrnehmbar zu machen.

Die Sendung des Priesters verwirklicht sich, wie das Thema der Vollversammlung hervorhebt, » in der Kirche « wie. Eine solche kirchliche, gemeinschaftliche, hierarchische und doktrinelle Dimension ist absolut unverzichtbar für jede wahre Sendung, und sie allein gewährleistet ihre geistliche Wirkkraft. Die vier erwähnten Aspekte müssen stets als eng miteinander verbunden betrachtet werden: Die Sendung ist »kirchlich«, weil niemand sich selbst verkündigt oder in die Welt trägt, sondern im eigenen Menschsein und durch das eigene Menschsein muß jeder Priester sich bewußt sein, daß er einen anderen, Gott selbst, in die Welt trägt. Gott ist der einzige Reichtum, den die Menschen letztendlich in einem Priester finden wollen. Die Sendung ist »gemeinschaftlich«, weil sie in einer Einheit und Gemeinschaft stattfindet, die zwar auch wichtige Aspekte sozialer Sichtbarkeit besitzt, welche aber nur von untergeordneter Bedeutung sind. Diese entspringen andererseits wesentlich der Vertrautheit mit Gott. Der Priester ist berufen, darin Experte zu sein, damit er die ihm anvertrauten Seelen mit Demut und Vertrauen zur selben Begegnung mit dem Herrn führen kann. Die »hierarchische« und die »doktrinelle« Dimension schließlich legen nahe, die Bedeutung der kirchlichen Disziplin (das Wort ist eng verbunden mit dem Wort » discipulus « – Jünger) und der anfänglichen Ausbildung und ständigen Weiterbildung in der Lehre, und nicht nur in der Theologie, hervorzuheben.

Das Wissen um den radikalen Wandel der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten muß die besten kirchlichen Kräfte dazu bewegen, sich um die Ausbildung der Priesteramtskandidaten zu kümmern. Insbesondere muß es die Hirten anspornen, ständig für ihre ersten Mitarbeiter Sorge zu tragen, sowohl durch die Pflege wirklich väterlicher menschlicher Beziehungen, als auch durch die Fürsorge um ihre ständige Weiterbildung, vor allem unter lehrmäßigem und geistlichem Aspekt. Die Sendung hat ihre Wurzeln insbesondere in einer guten Ausbildung, die vorangetragen wird in Gemeinschaft mit der ununterbrochenen kirchlichen Tradition, ohne Brüche oder Versuchungen einer Diskontinuität. In diesem Sinne ist es wichtig, bei den Priestern, besonders bei den jungen Generationen, eine korrekte Rezeption der Texte des Zweiten Ökumenischen Vatikanischen Konzils zu fördern, die im Licht der gesamten Lehre der Kirche interpretiert werden müssen. Als dringend notwendig erweist sich auch die Wiedererlangung eines Bewußtseins, das die Priester anspornt, präsent, identifizierbar und erkennbar zu sein – sowohl im Glaubensurteil als auch in den persönlichen Tugenden als auch in der Kleidung – im kulturellen und im karitativen Bereich, die seit jeher das Herzstück der Sendung der Kirche darstellen.

Als Kirche und als Priester verkündigen wir Jesus von Nazaret, den Herrn, den gekreuzigten und auferstandenen Christus, den Herrscher über die Zeit und die Geschichte, in der frohen Gewißheit, daß diese Wahrheit den tiefsten Erwartungen des menschlichen Herzens entspricht. Im Geheimnis der Fleischwerdung des Wortes, in der Tatsache also, daß Gott ein Mensch wie wir geworden ist, liegt sowohl der Inhalt als auch die Methode der christlichen Verkündigung. Die Sendung hat hier ihren wirklichen vitalen Mittelpunkt: in Jesus Christus. Die Zentralität Christi bringt die richtige Wertung des Amtspriestertums mit sich, ohne das es keine Eucharistie und erst recht keine Sendung, ja selbst die Kirche nicht gäbe. In diesem Sinne ist es notwendig, darüber zu wachen, daß die »neuen Strukturen« oder pastoralen Einrichtungen nicht für eine Zeit gedacht sind, in der man ohne das Weiheamt »auskommen« muß, wobei von einem falschen Verständnis der rechten Förderung der Laien ausgegangen wird. In diesem Fall würde man nämlich die Voraussetzungen schaffen für eine noch größere Verwässerung des Amtspriestertums, und die angeblichen » Lösungen « würden sich in dramatischer Weise decken mit den eigentlichen Ursachen der gegenwärtigen Problematiken, die mit dem Amt verbunden sind.

Ich bin sicher, daß die Arbeit der Vollversammlung, unter dem Schutz der » Mater Ecclesiae «, in diesen Tagen diese kurzen Überlegungen vertiefen kann, die ich der Aufmerksamkeit der Herren Kardinäle sowie der Erzbischöfe und Bischöfe zu unterbreiten mir erlaube. Auf alle rufe ich die überreiche Fülle der himmlischen Gaben herab und erteile als deren Unterpfand euch und den euch nahestehenden Personen von Herzen einen besonderen Apostolischen Segen.

Rundbrief

DIE MISSIONARISCHE IDENTITÄT DES PRIESTERS IN DER KIRCHE ALS EINE DER AUSÜBUNG DER TRIA MUNERA INNEWOHNENDE DIMENSION

CONGREGATIO PRO CLERICIS

Einleitung: Ecclesia peregrinans natura sua missionaria est.

» Die pilgernde Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch, da sie selbst ihren Ursprung aus der Sendung des Sohnes und der Sendung des Heiligen Geistes herleitet gemäß dem Plan Gottes des Vaters «.[1]

Das Zweite Vatikanische Konzil bekräftig in Übereinstimmung mit der ununterbrochenen Tradition mit aller Deutlichkeit das der Kirche innewohnende missionarische Wesen. Die Kirche existiert nicht aus sich und für sich: Ihr Ursprung liegt in den Sendungen des Sohnes und des Heiligen Geistes; die Kirche ist ihrem Wesen nach dazu berufen, in einer auf die Welt ausgerichteten Bewegung aus sich selbst herauszugehen, um Zeichen des Immanuel, des fleischgewordenen Wortes, des Gott-mit-uns zu sein.

Vom theologischen Standpunkt aus ist das missionarische Wesen in jedem Merkmal der Kirche inbegriffen und kommt besonders sowohl durch die Katholizität als auch durch die Apostolizität zum Ausdruck. Wie könnte es ohne eine Mission, die für das Kirche-Sein als wahrhaft konstitutiv verstanden wird, gelingen, treu den Auftrag zu erfüllen, Apostel zu sein, wahre Zeugen des Herrn, Verkünder des Wortes sowie Verwalter, die sich demütig der Gnade gewiss sind?

Darüber hinaus ist die Sendung der Kirche jene, die sie von Jesus Christus zusammen mit der Gabe des Heiligen Geistes empfangen hat. Es handelt sich um eine einzige Sendung, die allen Gliedern des Gottesvolkes anvertraut ist, die durch die Sakramente der Initiation am Priestertum Christi mit teilhaben, um Gott ein geistliches Opfer darzubringen und Christus vor den Menschen zu bezeugen. Eine derartige Sendung schließt alle Menschen, alle Kulturen, alle Orte und Zeiten ein. Der einen Sendung entspricht ein einziges Priestertum: das Priestertum Christi, an dem alle Glieder des Gottesvolkes – wenn auch auf verschiedene Weise und nicht nur dem Grade nach – Anteil haben.

In dieser Sendung nehmen die Priester als die wertvollsten Mitarbeiter der Bischöfe und Nachfolger der Apostel gewiss eine zentrale und absolut unersetzliche Rolle ein, die ihnen von der Vorsehung Gottes anvertraut worden ist.

1. Die Kirche ist sich der Notwendigkeit eines neuen missionarischen Einsatzes bewusst

Das der Kirche innewohnende missionarische Wesen gründet auf dynamische Weise in den trinitarischen Sendungen. Die Kirche ist von Natur aus dazu berufen, die Person des gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus zu verkünden und sich gemäß dem Auftrag, den sie vom Herrn selbst empfangen hat, an die ganze Menschheit zu wenden: »Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!« (Mk 16,15); »Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch« (Joh 20,21). Auch die Berufung des hl. Paulus birgt einen Sendungsauftrag: » Brich auf, denn ich will dich in die Ferne zu den Heiden senden! « (Apg 22,21).

Für die Verwirklichung dieser Sendung empfängt die Kirche den Heiligen Geist, den der Vater und der Sohn am Pfingsttag aussenden. Der auf die Apostel herabgekommene Geist ist der Geist Jesu: Er lässt sie die Taten Jesu nachvollziehen, das Wort Jesu verkünden (vgl. Apg 4,30), das Gebet Jesu sprechen (vgl. Apg 7,59f; Lk 23,34.46), im Brechen des Brotes die Danksagung und das Opfer Jesu fortsetzen; er bewahrt die Einheit unter den Brüdern (vgl. Apg 2,42; 4,32). Der Heilige Geist stärkt die Gemeinschaft der Jünger und offenbart sie als neue Schöpfung, als eschatologische Heilsgemeinschaft, und schickt sie aus zur Mission: » Ihr werdet meine Zeugen sein [...] bis an die Grenzen der Erde « (Apg 1,8). Der Heilige Geist drängt die entstehende Kirche zu einer Mission, die die ganze Welt umfasst, und zeigt auf diese Weise, dass er » über alles Fleisch « ausgegossen wurde (vgl. Apg 2,17).

Angesichts der neuen Umstände der Präsenz und des Wirkens der Kirche auf weltweiter Ebene ist die Mission heute wieder von dringlicher Bedeutung, und zwar nicht allein in ihrer Form als Mission ad gentes, sondern als Mission, die innerhalb der schon bestehenden Herde der Kirche in Angriff genommen werden muss.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat das petrinische Lehramt auf maßgebende Weise immer stärker und dezidierter die Dringlichkeit eines neuen missionarischen Einsatzes betont. Es soll genügen, diesbezüglich an das Apostolische Schreiben Evangelii nuntiandi von Papst Paul VI. oder an die Enzyklika Redemptoris missio und das Apostolische Schreiben Novo millennio ineunte von Papst Johannes Paul II.[2] sowie an die zahlreichen Wortmeldungen von Papst Benedikt XVI.[3] zu erinnern.

Wie sein stetes Interesse zeigt, ist der Einsatz Papst Benedikts XVI. für die Mission ad gentes durchaus nicht als gering einzuschätzen. Auch heute ist hervorzuheben, dass es viele Missionare gibt, die ad gentes entsandt werden, andererseits muss diese Mission aber auch immer mehr gefördert werden, denn offensichtlich reicht ihre Zahl nicht aus. Darüber hinaus zeichnet sich ein weiteres Phänomen ab: Immer mehr Missionare aus Afrika und Asien helfen anderen Teilkirchen – zum Beispiel in Europa.

Zu Freude und Danksagung an Gott ermutigen auch die vielen neuen Bewegungen, kirchlichen Gemeinschaften und Laienvereinigungen, die dem missionarischen Charakter sowohl ad gentes als auch im eigenen Land – unter Katholiken, die aus verschiedenen Gründen die Zugehörigkeit zur kirchlichen Gemeinschaft nicht leben – lebendigen Ausdruck verschaffen.

2. Theologisch-spirituelle Aspekte des missionarischen Wesens der Priester

Theologie und Spiritualität des Priestertums können im Hinblick auf ihren missionarischen Aspekt nicht in den Blick genommen werden, ohne die Beziehung zum Geheimnis Christi deutlich zu machen. Wie bereits in Punkt 1 dargelegt, gründet die Kirche in den Sendungen Christi und des Heiligen Geistes: In gleicher Weise gründet jede » Sendung « und die dem Wesen der Kirche selbst innewohnende missionarische Dimension auf einer Teilhabe an der göttlichen Sendung. Jesus, der Herr, ist der vom Vater Gesandte schlechthin. Hiervon legen mit mehr oder weniger Nachdruck alle Schriften des Neuen Testaments Zeugnis ab.

Im Lukasevangelium stellt sich Jesus als der vom Heiligen Geist Gesalbte vor, der ausgesandt wurde, um den Armen die Frohe Botschaft zu verkünden (vgl. Lk 4,18; Jes 61,1-2). In den drei synoptischen Evangelien identifiziert sich Jesus mit dem geliebten Sohn, der im Gleichnis von den bösen Winzern vom Gutsbesitzer erst am Ende – nach den Knechten – entsandt wird (vgl. Mk 12,1-12; Mt 21,33-46; Lk 20,9-19); an anderer Stelle bezeichnet er sich als Gesandten (vgl. Mt 15,24). Auch bei Paulus erscheint der Gedanke von der Sendung Christi durch Gottvater (vgl. Gal 4,4; Röm 8,3).

Vor allem aber in den johanneischen Texten tritt die göttliche »Sendung« Jesu mit größerer Häufigkeit in Erscheinung.[4] Es gehört gewiss zur Identität Jesu, der » Gesandte des Vaters « zu sein: Er ist es, den der Vater gesalbt und in die Welt gesandt hat, und diese Tatsache ist Ausdruck seiner unwiederholbaren göttlichen Sohnschaft (vgl. Joh 10,36-38). Jesus hat das Heilswerk immer als Gesandter des Vaters und als der vollbracht, der die Werke dessen erfüllt, der ihn gesandt hat, im Gehorsam gegenüber seinem Willen. Allein in der Erfüllung dieses Willens hat Jesus seinen Dienst als Priester, Prophet und König ausgeübt. Gleichzeitig entsendet er seinerseits die Jünger allein als Gesandter des Vaters. In all ihren verschiedenen Aspekten hat die Mission ihren Grund in der Sendung des Sohnes in die Welt und in der Sendung des Heiligen Geistes.[5]

Jesus ist der Gesandte, der seinerseits entsendet (vgl. Joh 17,18). Der missionarische Charakter ist vor allem eine Facette von Jesu Leben und Dienst und daher ein Merkmal der Kirche und jedes einzelnen Christen, wobei dies in Übereinstimmung mit den Anforderungen jeder persönlichen Berufung steht. Es ist erkennbar, wie er seinen Heilsdienst in den drei zuinnerst miteinander verbundenen Dimensionen der Lehre, der Heiligung und der Leitung zum Wohl der Menschen ausgeübt hat; oder unter Verwendung von Worten, die unmittelbarer der Bibel entlehnt sind, stellen sich diese Dimensionen folgendermaßen dar: als Prophet und Offenbarer des Vaters, als Priester, als Herr, König und Hirte.

Auch wenn Jesus sich bei der Verkündigung des Reiches und in seiner Funktion als Offenbarer des Vaters besonders zum Volk Israel gesandt fühlte (vgl. Mt 15,24; 10,5), fehlt es in seinem Leben nicht an verschiedenen Begebenheiten, bei denen sich der universale Horizont seiner Botschaft auftut: Jesus schließt die Heiden nicht vom Heil aus, er lobt den Glauben einiger, so zum Beispiel den des Hauptmanns, und kündigt an, dass die Heiden von den Enden der Erde kommen werden, um mit den Patriarchen Israels bei Tisch zu sitzen (vgl. Mt 8,10-12; Lk 7,9); ebenso sagt er der kanaanäischen Frau: »Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen« (Mt 15,28; vgl. Mk 7,29). In Kontinuität mit der eigenen Mission sendet der auferstandene Jesus seine Jünger aus, damit sie allen Völkern das Evangelium verkünden – eine universale Sendung (vgl. Joh 20,21-22; Mt 28,19-20; Mk 16,15; Apg 1,8). Die christliche Offenbarung ist unterschiedslos für alle Menschen bestimmt.

Die Offenbarung Gottes, des Vaters, die Jesus bringt, stützt sich auf seine unwiederholbare Einheit mit dem Vater, auf sein Bewusstsein, daß er der Sohn ist; nur von daher kann er seine Funktion als Offenbarer erfüllen (vgl. Mt 11,12-27; Lk 10,21-22; Joh 1,18; 14,6-9; 17,3.4.6). Die Kenntnis des Vaters zu vermitteln, mit all dem, was diese Erkenntnis mit sich bringt, ist das letzte Ziel der gesamten Lehre Jesu. Seine Sendung als Offenbarer ist derart im Geheimnis seiner Person verwurzelt, dass er in Ewigkeit die Offenbarung des Vaters fortführen wird: »Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in ihnen bin « (Joh 17,26; vgl. 17,24). Diese Erfahrung der göttlichen Vaterschaft soll die Jünger zur Liebe zu allen drängen und darin wird auch ihre »Vollkommenheit« bestehen (vgl. Mt 5,45-48; Lk 6,35-36).

Der priesterliche Dienst Jesu kann ohne die Perspektive der Universalität nicht verstanden werden. In den neutestamentlichen Texten ist das Bewusstsein Jesu von seiner Sendung deutlich, die ihn dazu führen wird, sein Leben für alle Menschen hinzugeben (vgl. Mk 10,45; Mt 20,28). Jesus, der ohne Sünde ist, nimmt den Platz der sündigen Menschen ein und bringt sich für sie dem Vater dar. Die Einsetzungsworte der Eucharistie sind Zeichen vom selben Bewusstsein und derselben Haltung; Jesus bringt sein Leben im Opfer des Neuen Bundes für die Menschen dar: » Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird « (Mk 14,24; vgl. Mt 26,28; Lk 22,20; 1 Kor 11,24-25).

Das Priestertum Christi wurde vor allem im Hebräerbrief vertieft, der in den Vordergrund rückt, dass Christus der ewige Priester ist und ein Priestertum besitzt, das nie vergeht (vgl. Hebr 7,24), dass er der vollkommene Priester ist (vgl. Hebr 7,28). Im Unterschied zur Vielzahl der Priester und der alten Opfer hat Christus sich selbst ein einziges Mal und ein für allemal im vollkommenen Opfer dargebracht (vgl. Hebr 7,27; 9,12.28; 10,10; 1 Petr 3,18 ). Diese Einzigartigkeit seiner Person und seines Opfers verleiht auch dem Priestertum Christi seinen einzigartigen und universalen Charakter; seine ganze Person und konkret sein Erlösungsopfer, das in Ewigkeit Wert besitzt, tragen das Zeichen des Unvergänglichen und Unüberbietbaren. Christus, der ewige Hohepriester, fährt – nun verherrlicht – fort, für uns beim Vater Fürsprache einzulegen (vgl. Joh 14,16; Röm 8,32; Hebr 7,25; 9,24, 10,12; 1 Joh 2,1).

Jesus, der vom Vater gesandt wurde, tritt im Neuen Testament auch als Herr auf (vgl. Apg 2,36). Das Ereignis der Auferstehung gibt den Christen die Herrschaft Christi zu erkennen. In den ersten Glaubensbekenntnissen erscheint dieser grundlegende Herrschertitel in Bezug auf die Auferstehung (vgl. Röm 10,9). In vielen Texten, die von Jesus als dem Herrn sprechen, fehlt nicht die Bezugnahme auf Gottvater (vgl. Phil 2,1). Andererseits ist Jesus, der das Reich Gottes, das besonders an seine Person gebunden ist, verkündet hat, König, wie er selbst im Johannesevangelium aufzeigt (vgl. Joh 18,33-37). Und das Ende der Zeiten kommt, » wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft vernichtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt « (1 Kor 15,24). Natürlich hat die Herrschaft Christi wenig mit jener der Großen dieser Welt zu tun (vgl. Lk 22,25-27; Mt 20,25-27; Mk 10,42-45), da, wie er selbst sagt, sein Reich nicht von dieser Welt ist (vgl. Joh 18,36). Daher ist die Herrschaft Christi die Herrschaft des Guten Hirten, der alle Schafe kennt, der sein Leben für sie hingibt und sie alle in einer Herde sammeln will (vgl. Joh 10,14-16). Auch das Gleichnis vom verlorenen Schaf spricht indirekt von Jesus als dem Guten Hirten (vgl. Mt 18,12-14; Lk 15,4-7). Darüber hinaus ist Jesus der »oberste Hirt« (1 Petr 5,4).

In Jesus verwirklicht sich in herausragender Weise das, was die alttestamentliche Tradition über Gott als den Hirten Israels gesagt hatte: » Auf gute Weide will ich sie führen, im Bergland Israels werden ihre Weideplätze sein. [...] Ich werde meine Schafe auf die Weide führen, ich werde sie ruhen lassen – Spruch Gottes, des Herrn. Die verloren gegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist« (Ez 34,23-24). Und weiter: » Ich setze für sie einen einzigen Hirten ein, der sie auf die Weide führt, meinen Knecht David. Er wird sie weiden und er wird ihr Hirt sein. Ich selbst, der Herr, werde ihr Gott sein ... « (Ez 34,23-24; vgl. Jer 23,1-4; Zach 11,15-17; Ps 23,1-6).[6]

Nur von Christus her hat die traditionelle Lehre über die tria munera, die dem heiligen Dienstamt der Priester Gestalt verleihen, ihre Bedeutung. Wir dürfen nicht vergessen, dass Jesus von sich sagt, dass er in seinen Gesandten gegenwärtig ist: » Wer einen aufnimmt, den ich sende, nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat« (Joh 13,20; vgl. auch Mt 10,40; Lk 10,16). Es gibt eine Kette von » Sendungen «, deren Ursprung sich im Geheimnis des einen und dreifaltigen Gottes befindet, der will, dass alle Menschen an seinem Leben teilhaben. Die trinitarische, christologische[7] und eschatologische Verwurzelung des Dienstes der Priester ist die Grundlage der missionarischen Identität. Der universale Heilswille Gottes, die eine, ausschließliche Mittlerschaft Christi und deren Notwendigkeit (vgl. 1 Tim 2,4-7; 4,10) gestatten es nicht, dem in der Evangelisierung und der Heiligung bestehenden Werk der Kirche Grenzen zu ziehen. Die ganze Heilsökonomie hat ihren Ursprung im Ratschluss des Vaters, alles in Christus zusammenzufassen (vgl. Eph 1,3-10), und in der Verwirklichung dieses Ratschlusses, der seine endgültige Erfüllung bei der Wiederkunft des Herrn in Herrlichkeit finden wird.

Das Zweite Vatikanische Konzil verweist eindeutig darauf, dass die Priester als Mitarbeiter der Bischöfe die tria munera Christi ausüben: » Auf der Stufe ihres Dienstamtes haben sie Anteil am Amt des einzigen Mittlers Christus (1 Tim 2,5) und verkünden allen das Wort Gottes. Am meisten üben sie ihr heiliges Amt in der eucharistischen Feier oder Versammlung aus, wobei sie in der Person Christi handeln und sein Mysterium verkünden, die Gebete der Gläubigen mit dem Opfer ihres Hauptes vereinigen und das einzige Opfer des Neuen Bundes, das Opfer Christi nämlich, der sich ein für allemal dem Vater als unbefleckte Gabe dargebracht hat (vgl. Hebr 9,11-28) im Messopfer bis zur Wiederkunft des Herrn vergegenwärtigen und zuwenden (vgl. 1 Kor 11, 26). [...] Das Amt Christi, des Hirten und Hauptes, üben sie entsprechend dem Anteil ihrer Vollmacht aus, sie sammeln die Familie Gottes als von einem Geist durchdrungene Gemeinde von Brüdern und führen sie durch Christus im Geist zu Gott dem Vater. Inmitten der Herde beten sie ihn im Geist und in der Wahrheit an (vgl. Joh 4,24) «.[8]

Durch das Weihesakrament, das ein unauslöschliches geistliches Zeichen verleiht,[9] sind die Priester geheiligt, das heißt »aus der Welt« genommen und dem » lebendigen Gott « » zugeeignet «, » damit sie von ihm her priesterlichen Dienst für die Welt tun können «, das Evangelium verkünden, Hirten der Gläubigen sind und den Dienst vor Gott als wahre Priester des Neuen Bundes feiern (vgl. Hebr 5,1).[10]

Papst Benedikt XVI. hat in seiner Ansprache an die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für den Klerus bekräftigt: » Die missionarische Dimension des Priesters entspringt seiner sakramentalen Gleichgestaltung mit Christus, dem Haupt: Daraus folgt eine tiefempfundene und vollkommene Treue zur ‚apostolica vivendi forma‘, wie sie in der kirchlichen Überlieferung genannt wird. Sie besteht in der Teilhabe an einem ‚neuen Leben‘ im geistlichen Sinne, an jenem ‚neuen Lebensstil‘, den Jesus, der Herr, eingeführt hat und den die Apostel sich zu eigen gemacht haben. Durch die Handauflegung des Bischofs und das Weihegebet der Kirche werden die Kandidaten zu neuen Menschen, zu ‚Priestern‘. In diesem Licht wird deutlich, dass die ‚tria munera‘ in erster Linie ein Geschenk sind und erst in zweiter Linie ein Amt. Sie sind zunächst einmal Teilhabe an einem Leben und daher eine ‚potestas‘ «.[11]

Das Dekret Presbyterorum Ordinis über Dienst und Leben der Priester erläutert diese Wahrheit, wenn es sich auf die Priester als Diener des Wortes Gottes, als Diener der Heiligung durch die Sakramente und die Eucharistie sowie als Leiter und Erzieher des Gottesvolkes bezieht. Auch wenn die missionarische Identität des Priesters nicht eigens als Thema ausführlich behaudelt wird, ist sie doch in diesen Texten eindeutig enthalten. Ausdrücklich wird die Pflicht unterstrichen, allen, dem Auftrag des Herrn gemäß, das Evangelium Gottes zu verkünden, wobei die Nichtgläubigen explizit mit einbegriffen sind und durch die Verkündigung der Botschaft des Evangeliums zum Glauben und zu den Sakramenten aufgerufen wird. Der Priester, der an der Sendung Christi, der vom Vater gesandt wurde, Anteil hat, ist als » Gesandter « in eine missionarische Dynamik hineingenommen, ohne die er seine eigene Identität nicht wirklich leben kann.[12]

Das Nachsynodale Apostolische Schreiben Pastores dabo vobis hält ebenfalls fest, dass der Priester trotz seiner Zugehörigkeit zu einer Teilkirche kraft seiner Weihe ein geistliches Geschenk empfangen hat, das ihn auf eine Sendung vorbereitet, die universal ist und bis an die Grenzen der Erde geht, » denn jeder priesterliche Dienst hat teil an der weltweiten Sendung, die Christus den Aposteln aufgetragen hat «.[13] Daher muss das geistliche Leben des Priesters von einer missionarischen Dynamik und einem entsprechenden Drang geprägt sein; gemäß der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils wird darauf hingewiesen, dass die Priester die ihnen anvertraute Gemeinde zu einer wahrhaft missionarischen Gemeinde machen müssen.[14] Das Hirtenamt macht es erforderlich, dass der missionarische Elan gelebt und weitergegeben wird, da die ganze Kirche vom Wesen her missionarisch ist. Von dieser Dimension der Kirche leitet sich auf entscheidende Weise die missionarische Identität des Priesters ab.

Wenn von Sendung die Rede ist, muss notwendig daran erinnert werden, dass der Gesandte, in diesem Fall der Priester, sowohl mit dem, der ihn entsendet, als auch mit denen, zu denen er gesandt wird, in Beziehung steht. Mit Blick auf seine Beziehung zu Christus, dem ersten Gesandten des Vaters, muss unterstrichen werden, dass es nach den Texten des Neuen Testaments Christus ist, der entsendet und durch die Gabe des in der sakramentalen Weihe ausgegossenen Heiligen Geistes die Diener seiner Kirche bestellt; sie können nicht einfach als Männer angesehen werden, die die Gemeinde oder das priesterliche Volk gewählt oder delegiert hat. Der Sendungsauftrag stammt von Christus; die Diener der Kirche sind lebendige Instrumente des einen Mittlers.[15] » Der Priester findet die volle Wahrheit seiner Identität darin, sich von Christus herzuleiten, in besonderer Weise an Christus teilzuhaben und eine Weiterführung Christi, des einzigen Hohenpriesters des neuen und ewigen Bundes, zu sein: Er ist ein lebendiges und transparentes Abbild des Priesters Christus «.[16]

Geht man von dieser christologischen Beziehung aus, tritt der missionarische Charakter des priesterlichen Lebens eindeutig hervor: Jesus ist für alle Menschen gestorben und auferstanden – sie alle will er in einer Herde sammeln; er musste sterben, um alle versprengten Kinder Gottes zusammenzuführen (vgl. Joh 16,32). Wenn in Adam alle sterben, so werden in ihm alle lebendig gemacht (vgl. 1 Kor 15,20-22), in ihm versöhnt Gott die Welt mit sich (vgl. 2 Kor 5,19), in ihm trägt Gott den Aposteln auf, das Evangelium allen Völkern zu verkünden. Das ganze Neue Testament ist von der Vorstellung der Universalität des Heilswirkens Christi und seiner einzigen Mittlerschaft durchdrungen. In seinem Herzen muss der Priester, der Christus, dem Propheten, Priester und König gleichgestaltet ist, allen Menschen Raum geben und zwar konkret vor allem denjenigen, die Jesus nicht kennen und das Licht seiner Frohen Botschaft noch nicht empfangen haben.

In Bezug auf die Menschen, denen die Kirche das Evangelium verkünden muss[17] und zu denen folglich der Priester gesandt ist, muss man betonen, dass das Zweite Vatikanische Konzil wiederholt von der Einheit der Menschheitsfamilie gesprochen hat, die darauf beruht, dass alle nach dem Abbild Gottes geschaffen und ihm ebenbildlich sind sowie in Christus eine gemeinschaftliche Bestimmung haben: »Alle Völker sind ja eine einzige Gemeinschaft, sie haben denselben Ursprung, da Gott das ganze Menschengeschlecht auf dem gesamten Erdkreis wohnen ließ; auch haben sie Gott als ein und dasselbe letzte Ziel. Seine Vorsehung, die Bezeugung seiner Güte und seine Heilsratschlüsse erstrecken sich auf alle «.[18] Diese Einheit ist dazu berufen, ihren Höhepunkt darin zu finden, dass alles in Christus zusammengefasst wird (vgl. Eph 1,10).[19]

Dieser letzten Vereinigung aller Dinge in Christus, welche mit dem Heil der Menschen zusammenfällt, gilt das gesamte pastorale Wirken der Kirche. Da alle Menschen zur Einheit in Christus berufen sind, darf die Fürsorge des dem Herrn gleichgestalteten Priesters niemanden ausschließen. Alle erwarten – auch unbewusst (vgl. Apg 17,23-28) – das Heil, das er allein uns geben kann: jenes Heil, das in der Eingliederung in das Mysterium der Dreifaltigkeit, in der Teilhabe an seiner göttlichen Sohnschaft besteht. Unter den Menschen, die alle denselben Ursprung und dasselbe Ziel haben sowie miteinander die eine Berufung in Christus teilen, dürfen keine Unterschiede gemacht werden. Wenn man der »Hirtenliebe« des Priesters Grenzen ziehen würde, stünde dies in völligem Widerspruch zu seiner Berufung, die durch die besondere Gleichgestaltung mit Christus, dem Haupt und Hirten der Kirche und aller Menschen, charakterisiert ist.

Die tria munera, welche die Priester in ihrem Dienst ausüben, können nicht ohne ihre wesentliche Beziehung zur Person Christi und zum Geschenk des Geistes aufgefasst werden. Durch das in der Weihe empfangene Geschenk des Geistes ist der Priester Christus gleichgestaltet. Wie nun die tria munera in Christus als wesentlich ineinander verwoben auftreten, wie sie niemals getrennt werden können und sich alle drei vom Sohnsein Christi, von seiner Identität als Gesandter des Vaters erhellen, so dürfen wir ebenso wenig in den Priestern die Ausübung dieser drei Funktionen voneinander trennen.[20]

Der Priester steht in Beziehung zur Person Christi selbst und nicht allein zu seinen Funktionen, die erst der Person des Herrn entspringen und von ihm her ihren vollen Sinn empfangen. Das bedeutet, dass der Priester das Spezifische seines Lebens und seiner Berufung findet, wenn er seine persönliche Gleichgestaltung mit Christus lebt; er ist stets ein alter Christus. Im Bewusstsein, von Christus ausgesandt zu sein, wie dieser vom Vater für die salus animarum gesandt ist, erfährt der Priester die universale und damit die missionarische Dimension seines tiefsten Seins.

3. Ein neues missionarisches Wirken der Priester

Der dringliche Bedarf eines missionarischen Einsatzes in unserer Zeit erfordert eine erneuerte pastorale Praxis. Die neuen in der Welt vorherrschenden kulturellen und religiösen Gegebenheiten zeigen inmitten all ihrer aus den verschiedenen geographischen Gebieten und sozio-kulturellen Bereichen resultierenden Unterschiedlichkeit auf, dass es notwendig ist, dem missionarischen Wirken neue Wege zu erscließen. In der bereits zitierten Ansprache an die deutschen Bischöfe sagte Papst Benedikt XVI.: » Wir müssen alle miteinander versuchen, neue Weisen zu finden, wie wir in diese heutige Welt hinein wieder das Evangelium tragen können «.[21]

Was die Teilhabe der Priester an dieser Sendung betrifft, verweisen wir auf das missionarische Wesen der priesterlichen Identität aller Priester und jedes einzelnen, sowie auf die Geschichte der Kirche, die die unersetzbare Rolle der Priester in der missionarischen Tätigkeit aufzeigt. Wenn es dann um die missionarische Evangelisierung innerhalb der schon bestehenden Kirche geht, also um die Evangelisierung der »fernstehenden« Getauften sowie all jener, die zu unseren Pfarreien und Bistümern gehören, aber Jesus Christus kaum oder gar nicht kennen, zeigt sich diese unersetzbare Rolle der Priester noch deutlicher.

In den Teilkirchen und Pfarreien offenbart das priesterliche Dienstamt das Kirche-Sein als ein Geschehen, das verwandelnde und erlösende Kraft besitzt und sich im Alltag der Gesellschaft zuträgt. In diese Situation hinein verkünden die Priester das Wort Gottes; sie evangelisieren und lehren den Katechismus, indem sie die heilige Lehre vollständig und treu darlegen; sie helfen den Gläubigen, die Bibel zu lesen und zu verstehen; sie versammeln das Volk Gottes zur Feier der Eucharistie und der anderen Sakramente; sie fördern anderweitige Formen der gemeinschaftlichen Andacht und des Gebets; sie empfangen den, der auf der Suche nach Unterstützung, Trost, Licht, Glauben und Versöhnung ist und sich Gott wieder annähert; sie berufen Zusammenkünfte der Gemeinde ein und stehen diesen vor, um die Pastoralpläne zu erörtern, auszuarbeiten und in die Praxis umzusetzen; sie geben der Gemeinde bei der Ausübung der Nächstenliebe gegenüber denen, die vor Gott und materiell arm sind, Orientierung und Ermutigung, indem sie die soziale Gerechtigkeit, die Menschenrechte, die gleiche Würde aller Menschen, die wahre Freiheit, die brüderliche Zusammenarbeit und den Frieden entsprechend den Prinzipien der kirchlichen Soziallehre fördern. Sie tragen als Mitarbeiter der Bischöfe die unmittelbare Verantwortung für die Seelsorge.

3.1. Der Missionar muss Jünger sein

Im Evangelium selbst finden wir Belege dafür, dass der Missionar Jünger sein muss. Im Markusevangelium heißt es: » Jesus stieg auf einen Berg und rief die zu sich, die er erwählt hatte, und sie kamen zu ihm. Und er setzte zwölf ein, die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten und mit seiner Vollmacht Dämonen austrieben « (Mk 3,13-15). Er » rief die zu sich, die er erwählt hatte« und »die er bei sich haben wollte«: Hier stehen wir vor der Jüngerschaft! Diese Jünger werden gesandt, um zu predigen und die Dämonen auszutreiben: Hier begegnen wir dem Missionar!

Das Johannesevangelium beschreibt die Berufung der ersten Jünger (»Kommt und seht!«: Joh 1,39), ihre Begegnung mit Jesus und ihren ersten missionarischen Elan, wenn sie sich aufmachen und die anderen rufen, ihnen den Messias, dem sie begegnet sind und den sie erkannt haben, verkünden und sie zu Jesus führen, der sie noch einmal zur Jüngerschaft aufruft (vgl. Joh 1,35-51).

Auf dem Weg der Nachfolge nimmt alles im Ruf des Herrn seinen Anfang. Die Initiative geht immer von ihm aus. Daraus ergibt sich, dass die Berufung eine Gnade ist, die frei und demütig mithilfe des Heiligen Geistes angenommen und immerfort bewahrt werden muss. Gott hat uns zuerst geliebt. Hierin kommt der Vorrang der Gnade zum Ausdruck. Der Berufung folgt die Begegnung mit Jesus, bei der man sein Wort hört und seine Liebe für jeden einzelnen und die gesamte Menschheit erfährt. Er liebt uns und offenbart uns den wahren, einen und dreifaltigen Gott, der die Liebe ist. Im Evangelium sehen wir, wie bei dieser Begegnung der Geist Jesu den verwandelt, der ihm sein Herz geöffnet hat.

Wer nämlich Jesus begegnet, erfährt, wie er tief in dessen Person und Sendung in die Welt miteinbezogen wird, er glaubt an ihn, er erfährt seine Liebe, er bleibt bei ihm, er beschließt, ihm vorbehaltlos zu folgen, wohin er ihn auch führen mag, er setzt sein ganzes Leben auf ihn und, sollte es notwendig sein, nimmt er für ihn den Tod in Kauf. Aus dieser Begegnung geht er frohen Herzens und begeistert hervor. Vom Geheimnis Jesu fasziniert, macht er sich auf, ihn allen zu verkünden. So wird der Jünger dem Meister ähnlich, erhält von ihm seine Sendung und wird vom Heiligen Geist getragen.

Heute liegt uns dieselbe Bitte auf dem Mund, die einige Griechen in Jerusalem aussprachen, als Jesus als Messias in die Stadt einzog. Sie baten: » Wir möchten Jesus sehen « (Joh 12,21). Darum bitten auch wir. Wo und wie können wir Jesus nach seiner Rückkehr zum Vater heute, in der Zeit der Kirche, begegnen?

Papst Johannes Paul II. hat sich umfassend damit auseinandergesetzt, dass es für alle Christen notwendig ist, Jesus zu begegnen, damit sie von ihm aus einen neuen Anfang setzen und ihn der heutigen Menschheit verkünden können. Gleichzeitig hat er auf einige bevorzugte Orte verwiesen, an denen es möglich ist, heute Christus zu begegnen. Der erste Ort, so Papst Johannes Paul II., ist » die im Licht der Tradition, der Kirchenväter und des kirchlichen Lehramtes gelesene und durch Meditation und Gebet vertiefte Heilige Schrift « oder die sogenannte lectio divina, das betende Lesen der Bibel. Ein zweiter Ort ist die Liturgie, die Sakramente, in besonderer Weise die Eucharistie. Der Bericht über die Erscheinung des Auferstandenen vor den Jüngern in Emmaus legt uns die Schrift und die Eucharistie als Orte der Begegnung mit Christus nahe. Ein dritter Ort wird aus der Stelle des Matthäusevangeliums über das Jüngste Gericht (vgl. Mt 25,31-46) erkennbar, in dem sich Jesus mit den Armen identifiziert.[22]

Eine weitere wertvolle Art der Begegnung mit Jesus ist das persönliche und gemeinschaftliche Gebet vor dem allerheiligsten Altarssakrament oder im treu verrichteten Stundengebet. Auch die Betrachtung der Schöpfung kann zu einem Ort der Begegnung mit Gott werden.

Jeder Christ muss zu Jesus Christus geführt werden, damit er eine nachhaltige, persönliche und gemeinschaftliche Begegnung mit dem Herrn macht und diese dann stets erneuert und vertieft. Aus dieser Begegnung geht der Jünger hervor und wird dann neu geboren. Der Jünger wird zum Missionar. Wenn dies schon für jeden Christen gilt, so gilt es umso mehr für den Priester.[23]

Andererseits ist der Jünger und Missionar immer Mitglied einer Gemeinschaft von Jüngern und Missionaren: der Kirche. Jesus kam in die Welt und hat sein Leben am Kreuz hingegeben, »um die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln « (Joh 11,52). Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt: »Gott hat es [...] gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volke zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll «.[24] Jesus setzt mit seiner Gruppe von Jüngern und in besonderer Weise mit den Zwölf den Anfang für diese neue Gemeinde, die die versprengten Kinder Gottes sammelt, das heißt für die Kirche. Nach seiner Rückkehr zum Vater leben die ersten Christen unter der Führung der Apostel in Gemeinschaft; jeder Jünger nimmt am Gemeinschaftsleben und an der Zusammenkunft der Brüder teil, vor allem am Brechen des eucharistischen Brotes. Als Jünger und Missionar lebt und verwirklicht man sich in der Kirche und von der tatsächlichen Gemeinschaft mit ihr her.

3.2. Die Mission ad gentes

Die ganze Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch. Diese Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils spiegelt sich auch im Sein und im Leben der Priester wider: »Die Geistesgabe, die den Priestern in ihrer Weihe verliehen wurde, rüstet sie nicht für irgendeine begrenzte und eingeschränkte Sendung, sondern für die alles umfassende und universale Heilssendung ‚bis an die Grenzen der Erde‘ (Apg 1,8) [...]. Die Priester mögen also daran denken, dass ihnen die Sorge für alle Kirchen am Herzen liegen muss «.[25]

Auch ohne in Missionsländer zu gehen, können Priester auf viele Weisen und in verschiedenen Formen an der Mission ad gentes teilhaben. Doch kann Christus ihnen die besondere Gnade gewähren, sie zur Mission in jene Gebiete der Welt zu berufen, wo er noch nicht verkündet wurde und die Kirche noch keine testen strukturn besitzt, das heißt ad gentes oder auch dorthin, wo Priestermangel herrscht, wobei die Entsendung hierzu stets von den jeweiligen Bischöfen oder Oberen ausgeht. Im Bereich des Diözesanklerus denken wir dabei zum Beispiel an die Fidei-donum-Priester.

Die Horizonte der Mission ad gentes nehmen immer größere Ausmaße an und machen einen neuen Impuls erforderlich, der im Dienste der Missionstätigkeit steht. Die Priester sind eingeladen, auf das Wehen des Geistes, des wahren Hauptakteurs der Mission, zu hören und dadurch diese Sorge der universalen Kirche zu teilen.[26]

3.3. Die missionarische Evangelisierung

Im ersten Teil dieses Textes wurden bereits die Notwendigkeit und Dringlichkeit einer missionarischen Neuevangelisierung innerhalb der Herde der Kirche, das heißt unter den bereits Getauften, angesprochen.

Ein großer Teil unserer katholisch getauften Christen nimmt unregelmäßig oder überhaupt nicht am Leben unserer Pfarrgemeinden teil. Dies geschieht nicht nur deshalb, weil ihnen andere Möglichkeiten attraktiver erscheinen oder weil sie sich bewusst und entschlossen vom Glauben abgewandt haben, sondern immer öfter aufgrund einer unzureichenden Evangelisierung. Oder besser: Diese Menschen sind niemandem begegnet, der vor ihnen Zeugnis für die Schönheit des authentisch christlichen Lebens abgelegt hätte. Niemand hat sie zu einer nachhaltigen, zunächst persönlichen und dann gemeinschaftlichen Begegnung mit dem Herrn geführt, zu einer Begegnung, die ihr Leben geprägt und verwandelt hätte, zu einer Begegnung, die der Ausgangspunkt hätte sein können, um wahrhaft Jünger Christi zu werden.

Hieran wird die Notwendigkeit der Mission erkennbar: Wir müssen uns auf die Suche nach unseren Getauften und auf die Suche nach all jenen machen, die noch nicht getauft sind. Wir müssen ihnen erneut oder zum ersten Mal das Kerygma verkünden, das heißt die Erstverkündigung der Person Jesu Christi, der zu unserem Heil am Kreuz gestorben und auferstanden ist, und sie mit scimen Reich vertraut machen, um sie so zu einer persönlichen Begegnung mit ihm zu führen.

Mancher wird sich vielleicht fragen, ob der in der postmodernen Kultur und in höchst fortschrittlichen Gesellschaften lebende Mensch noch fähig ist, sich für das christliche Kerygma zu öffnen. Die Antwort muss ein » Ja « sein. Zu jeder Zeit und in allen Kulturen kann der Mensch das Kerygma verstehen und annehmen. Sowohl im hochakademischen als auch im einfachsten Umfeld kann evangelisiert werden. Wir müssen sogar glauben, dass auch die sogenannte postchristliche Generation erneut von der Person Jesu Christi ergriffen werden kann.

Die Zukunft der Kirche hängt auch von unserer Bereitschaft und Fähigkeit ab, inmitten unserer Getauften konkret missionarisch tätig zu sein.[27] Das heilbringende Ereignis der Taufe gibt nämlich den Hirten der Kirche das Recht und die Pflicht, die Getauften zu evangelisieren, und zwar weil sie ihnen dies aus Gründen der Gerechtigkeit schuldig sind.[28]

Gewiss muss in allen Kontinenten und Nationen jede Teilkirche einen Weg finden, um durch einen entschlossenen und wirkungsvollen, der Evangelisierung dienenden missionarischen Einsatz die Katholiken zu erreichen, die aus unterschiedlichen Gründen die Zugehörigkeit zur kirchlichen Gemeinschaft nicht leben. Bei dieser missionarischen Evangelisierungstätigkeit nehmen die Priester eine unersetzbare und wertvolle Rolle ein, vor allem in Hinblich auf die Mission jener Herde, die ihnen mirtihrer Pfarrei anvertrauten worden ist. In der Pfarrei werden die Priester die Mitglieder der Gemeinde, die gottgeweihten Männer und Frauen sowie die Laien, sammeln müssen, um sie angemessen vorzubereiten und zur missionarischen Evangelisierung – auch durch Hausbesuche – bei Einzelpersonen, einzelnen Familien und in alle im Pfarrgebiet bestehenden sozialen Bereiche zu entsenden. Der Pfarrer muss persönlich an erster Stelle an der Pfarrmission teilnehmen.

In Übereinstimmung mit der Lehre des Konzils und im Bewusstsein des mahnenden Herrenworts – »Alle sollen eins sein, [...] damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast « (Joh 17,21) – ist es für eine erneuerte missionarische Betätigung von vorrangiger Bedeutung, dass den Priestern wieder verstärkt bewusst wird, Mitarbeiter der Bischöfe zu sein. Denn sie sind von ihrem Bischof gesandt, um der christlichen Gemeinde zu dienen. Daher bietet in erster Linie die Einheit mit dem Bischof, der sich seinerseits in effektiver und tiefempfundener Einheit mit dem Papst befindet, die notwendige Gewähr für den Erfolg jedes missionarischen Wirkens.

Wir können einige konkrete Hinweise für eine erneuerte missionarische Betätigung der Priester im Bereich der tria munera ausmachen:

Im Bereich des munus docendi

1. Um den aktuellen Erfordernissen entsprechend in den eigenen Reihen der Kirche ein wahrer Missionar zu sein, ist es wesentlich und unverzichtbar, dass der Priester sich ganz bewusst und entschlossen dafür entscheidet, nicht nur jene aufzunehmen und zu evangelisieren, die ihn in der Pfarrei oder anderswo aufsuchen, sondern auch »aufzustehen « und sich vor allem nach jenen Getauften » auf die Suche « zu machen, die aus unterschiedlichen Gründen die Zugehörigkeit zur kirchlichen Gemeinschaft nicht leben, und jenen nachzugehen, die Jesus Christus wenig oder überhaupt nicht kennen.

Priester, die ihren Dienst in einer Pfarrei tun, sollen sich dazu aufgerufen fühlen, vor allem zu den Menschen zu gehen, die im Gebiet der Pfarrei leben. Dabei sollen sie in kluger Weise auch traditionelle Formen der Begegnung wie z.B. die Familiensegnungen fördern, die stets so viele Früchte gebracht haben. Priester, die hingegen zur Mission ad gentes berufen sind, sollen darin ein besonderes Gnadengeschenk des Herrn sehen sowie freudig und ohne Furcht ihren Weg gehen. Der Herr wird sie stets begleiten.

2. Um eine wahrhaft missionarische Evangelisierung unter den Katholiken, das heißt vorwiegend in den Pfarreien, durchfhren zu können, müssen hierzu auch Ordensleute und Laiengläubige eingeladen, ausgebildet und entsandt werden. Die Priester sind natürlich in der Pfarrei die ersten Missionare. Sie müssen sich selbst auf die Suche nach den Menschen begeben, sie in ihren Häusern und an jedem Ort und in jedem sozialen Umfeld aufsuchen; aber auch die Laien und Ordensleute sind durch die Taufe und ihr Charisma vom Herrn berufen, unter der Leitung des örtlichen Hirten an der Mission teilzunehmen.

Vom kulturellen Standpunkt her betrachtet ist es notwendig, sich bewusst zu werden, dass die praktische » Hirtenliebe «[29] gegenüber den Gläubigen die Pflicht auferlegt, nicht zuzulassen, dass diese wehrlos (das heißt ohne kritische Befähigung) jener Manipulation ausgesetzt sind, die oft vom Schulunterricht, vom Fernsehen, der Presse, dem Internet und manchmal auch von den universitären Lehrstühlen und der Welt der Unterhaltung ausgeht.

Ihrerseits müssen die Priester in dieser anspruchsvollen Hirtenaufgabe von ihren Bischöfen Unterstützung erfahren und ermutigt werden, wobei sie die direkte Katechese nie gänzlich an andere delegieren sollten, damit das christliche Volk in dieser Zeit der Vielfalt der Kulturen durch wahrhaft christliche Kriterien Orientierung erhalte. Es muss zwischen authentischer Lehre und theologischen Ansichten unterschieden werden; ebenso müssen unter den besagten Ansichten jene erfasst werden, die dem ständigen Lehramt der Kirche entsprechen.

3. Bei der spezifisch missionarischen Verkündigung des Evangeliums muss dem Kerygma eine zentrale Bedeutung beigemessen werden. Diese erstmalige oder neuerliche kerygmatische Verkündigung des gestorbenen und auferstandenen Herrn Jesus Christus und seines Reiches besitzt zweifellos eine Stärke und eine besondere Heiligungskraft, die vom Handeln des Heiligen Geistes ausgeht und beim missionarischen Einsatz nicht geringgeschätzt oder vernachlässigt werden darf.[30]

Daher muss opportune et importune mit großer Beständigkeit, Überzeugung und Freude an der Evangelisierung diese Erstverkündigung wieder aufgenommen werden und zwar sowohl in den Predigten während der heiligen Messen oder bei anderen Evangelisierungsaktivitäten als auch bei der Katechese, bei den Hausbesuchen, auf öffentlichen Plätzen, in den Medien, bei persönlichen Begegnungen mit unseren Getauften, die nicht am Leben der kirchlichen Gemeinde teilnehmen, kurz: an allen Orten, wohin der Geist drängt und wo sich eine Gelegenheit bietet, die nicht vergeudet werden darf. Das freudig und mutig verkündete Kerygma zeichnet die missionarische Predigt aus, die den Zuhörer zu einer persönlichen und gemeinschaftlichen Begegnung mit Jesus Christus, dem Beginn des Weges eines wahren Jüngers führen will.

4. Es muss auch erwähnt und erläutert werden, dass die Kirche von der Eucharistie lebt. Die Eucharistie ist die Mitte der Kirche. Bei der Feier der Eucharistie zeigt sich die Kirche in ihrem Wesen ganz. Alles, was zum Ereignis und zum Leben der Kirche gehört, führt zur Eucharistie und geht von ihr aus. Daher müssen auch die missionarische Evangelisierung, die Verkündigung des Kerygmas und die gesamte Ausübung des munus docendi auf die Eucharistie ausgerichtet sein und den Zuhörer letztendlich zum Tisch der Eucharistie führen. Die Mission selbst muss immer von der Eucharistie ihren Ausgangspunkt nehmen und auf die Welt zugehen. »Darum ist die Eucharistie nicht nur Quelle und Höhepunkt des Lebens der Kirche, sondern auch ihrer Sendung: Eine authentisch eucharistische Kirche ist eine missionarische Kirche «.[31]

5. Dem Werk der Evangelisierung gegenüber den Armen ist in all seinen Formen Vorrang einzuräumen, entsprechend dem Worte Jesu: »Der Geist des Herrn ruht auf mir. [...] Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe« (Lk 4,18). Der Text des Matthäusevangeliums über das Jüngste Gericht hält fest, dass Jesus in besonderer Weise im Armen erkannt werden will (vgl. Mt 25,31-46). Die Kirche hat sich immer von diesen Texten inspirieren und leiten lassen.[32]

6. Die Kirche will ihren Glauben niemals aufzwingen, sondern bietet ihn stets mit Liebe, innerer Überzeugung und Mut an, unter Achtung der genuinen Religionsfreiheit – die sie auch für sich selbst einfordert – und der Gewissensfreiheit des Zuhörers. Darüber hinaus wird der Weg des wahren Dialogs immer unverzichtbarer: ein Dialog, der die Verkündigung nicht ausschließt, sondern sie vielmehr voraussetzt und letztendlich ein Weg der Evangelisierung sein soll.[33]

7. Notwendig ist auch die Vorbereitung des Missionars durch eine Ausbildung in einer gefestigten Spiritualität und ein echtes Gebetsleben sowie durch ein stetes Hören auf das Wort Gottes, besonders durch die Lektüre der Evangelien. Die Methode der lectio divina oder der betenden Schriftlesung kann sich als große Hilfe erweisen. Auf jeden Fall muss der Prediger ein neues Feuer in sich tragen, das, wie wir in den Evangelien sehen können, durch den persönlichen Kontakt mit dem Herrn und durch ein Leben in der Gnade entfacht und genährt wird. Zu diesem Hören des Wortes muss sich ein beständiges und vertieftes Studium der authentischen katholischen Lehre gesellen, wie sie vor allem im Katechismus der Katholischen Kirche und in der gesunden Theologie vorgetragen wird. Die priesterliche Mitbrüderlichkeit ist ein integraler Bestandteil der missionarischen Spiritualität und stützt diese.

Im Bereich des munus sanctificandi

1. Die Ausübung des munus sanctificandi beinhaltet auch die Fähigkeit, einen lebendigen Sinn für das Übernatürliche und Heilige zu vermitteln, was faszinieren und zu einer wirklichen, existentiell bedeutsamen Gotteserfahrung führen soll.

Die Verkündigung des Wortes Gottes ist Teil einer jeden sakramentalen Feier, denn das Sakrament erfordert den Glauben dessen, der es empfängt. Diese Tatsache ist bereits ein erster Hinweis darauf, wie der priesterliche Dienst bei der Spendung der Sakramente und besonders in der Feier der Eucharistie eine ihm innewohnende missionarische Dimension besitzt, die als Verkündigung Jesu, des Herrn, und seines Reiches gegenüber denen zur Entfaltung gebracht werden kann, die wenig oder bisher gar nicht evangelisiert worden sind.

2. Es muss ferner unterstrichen werden, dass die Eucharistie das Ziel der Mission ist. Der Missionar begibt sich auf die Suche nach Menschen und Völkern, um sie zu jenem Festmahl des Herrn zu führen, das die eschatologische Vorankündigung des Mahles des ewigen Lebens ist, das nach dem göttlichen Erlösungsplan plan im Himmel die volle Heilsverwirklichung mit sich bringt. Daher bedarf es einer großen, warmherzigen und brüderlichen Aufnahme derer, die zum ersten Mal zur Eucharistie kommen oder zu ihr zurückkehren, nachdem sie von den Missionaren erreicht worden sind.

Darüber hinaus birgt die Eucharistie einen missionarischen Sendungsauftrag in sich. Bei jeder heiligen Messe werden am Schluss alle Teilnehmer ausgesandt, um in der Gesellschaft missionarisch zu wirken. Die Eucharistie als Gedächtnis des Leidens und der Auferstehung unseres Herrn vergegenwärtigt stets neu den Tod und die Auferstehung Jesu Christi, der aus Liebe zum Vater und zu uns sein Leben um unseres Heiles willen hingegeben und uns bis zur Vollendung geliebt hat. Dieses Opfer Christi ist der äußerste Akt der Liebe Gottes zu den Menschen.

Die christliche Gemeinde ist bei der Feier der Eucharistie und beim würdigen Empfang des Sakraments des Leibes und des Blutes Christi zutiefst mit dem Herrn vereint und von seiner grenzenlosen Liebe erfüllt. Gleichzeitig vernimmt sie jedes Mal wieder das Gebot des Herrn: »Liebt einander, wie ich euch geliebt habe«, und sie fühlt sich vom Geist Christi gedrängt, auszuziehen und allen Geschöpfen die Frohe Botschaft von der Liebe Gottes und von der Hoffnung zu verkünden, da sie sich seines heilbringenden Erbarmens gewiss ist. Im Dekret Presbyterorum ordinis erklärt das Zweite Vatikanische Konzil: » Darum zeigt sich die Eucharistie als Quelle und Höhepunkt aller Evangelisation« (N. 5). Mithin ist die Sorge darum, dass die Priester täglich, gegebenenfalls auch ohne Teilnahme des Volkes, die heilige Messe feiern, von grundlegender Bedeutung und Wichtigkeit.

3. Auch die anderen Sakramente empfangen ihre heiligende Kraft aus Christi Tod und Auferstehung und verkünden so, dass Gottes Barmherzigkeit unerschöpflich ist. Eine anmutige, würdige, andächtige und nach den liturgischen Vorschriften vollzogene Feier der Sakramente wird für die anwesenden Gläubigen zu einer ganz besonderen Form der Evangelisierung. Gott ist Schönheit die Schönheit schlecht hin, und die Schönheit der liturgischen Feier ist einer der Wege, die uns zu seinem Geheimnis hinführen.

4. Wir müssen dafür beten, dass der Herr die missionarische Berufung der kirchlichen Gemeinde, ihrer Hirten und der einzelnen Glieder wieder wecken möge. Jesus sagte: »Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden« (Mt 9,37-38). Das Gebet besitzt große Kraft vor Gottes Angesicht. Dessen versichert uns Jesus: » Bittet, dann wird euch gegeben« (Mt 7,7); »Und alles, was ihr im Gebet erbittet, werdet ihr erhalten, wenn ihr glaubt« (Mt 21,22); »Alles, um was ihr in meinem Namen bittet, werde ich tun, damit der Vater im Sohn verherrlicht wird. Wenn ihr mich um etwas in meinem Namen bittet, werde ich es tun « (Joh 14,13-14).

5. In diesem Zusammenhang soll auch daran erinnert werden, dass das Sakrament der Versöhnung in der Form der Einzelbeichte seinem Wesen nach tief missionarisch ist. Zugunsten der Fruchtbarkeit der ihm anvertrauten Sendung sowie der eigenen Heiligkeit ist der Priester dazu aufgerufen, vor allem selbst regelmäßig und häufig dieses Sakrament zu empfangen und gleichzeitig es treu und großherzig zu spenden.

6. Der Hirtendienst des Priesters dient der Einheit der christlichen Gemeinde. Die innere Erneuerung des christlichen Volkes und die Sorge um die gemeinschaftliche Dimension der christlichen Erfahrung bilden daher die erste missionarische Aufgabe des Priesters.

7. Schließlich wird der Priester versuchen müssen, jene Sehnsucht immer besse zu verstehen, die die Männer und Frauen unserer Zeit bisweilen auch unbewusst plagt: Sie dürsten nach Gott, nach Erfahrung und Belehmung in echten Heil, nach einer Verkündigung der Wahrheit über die letzte persönliche und gemeinschaftliche Bestimmung, nach einer christlichen Religion, die in der gesamten Lebensgestaltung Niederschlag finden kann und diese von Tag zu Tag mehr verwandelt.[34] Diesen Durst vermag allein der Herr zu stillen, wobei immer bedacht werden muss, dass »die pastorale Liebe [...] das innere und dynamische Prinzip [bildet], das die vielfältigen und verschiedenen pastoralen Tätigkeiten des Priesters einen kann «.[35]

Im Bereich des munus regendi

1. Die Vorbereitung und die Organisation der Mission in den kirchlichen Gemeinden und Pfarreien sind unverzichtbar. Ihre gute Planung und geordnete Durchführung sind deren Grundlage für den guten Erfolg. Natürlich darf dabei der Primat der Gnade nicht vergessen werden, ja, es ist vielmehr auf ihn hinzuweisen. Bei der Mission steht das Wirken des Heiligen Geistes an erster Stelle. Deshalb muss man ihn inständig und vertrauensvoll anrufen. Er wird es sein, der jenes neue Feuer entzündet, jene missionarische Leidenschaft, die in den Herzen der Mitglieder der Gemeinde brennen muss. Notwendig ist jedoch auch die frie Mitwirkung des Menschlichen. Weiter müssen die Hirten der Gemeinde auch in Bezug auf die Organisation überlegen, welche missionarische Mittel am nachhaltigsten und am besten geeignet sind.

2. Dazu muss eine gute missionarische Methode gefunden werden, die in der Praxis anwendbas ist. Die Kirche kann dabei auf eine zweitausendjährige Erfahrung zurückblicken. Trotzdem bringt jede Zeit neue Umstände mit sich, die bei der Umsetzung der Mission beachtet werden müssen. Es gibt zahlreiche bereits erarbeitete und in der Praxis der Ortskirchen erprobte Methoden. Die Bischofskonferenzen und die Bistümer könnten diesbezüglich angemessene Hinweise erteilen.

3. Es ist notwendig, vor allem zu den Armen zu gehen, die sich in den Peripherien der Städte und auf dem Land befinden. Sie sind die bevorzugten Adressaten des Evangeliums. Das bedeutet, dass die Verkündigung von Werben der Liebe begleitet werden muss, welche den ganzen Menschen fördern. Jesus Christus muss den Armen als eine gute Nachricht verkündet werden. Dank dieser Botschaft soll ihnen Freude und hoffnungsvolle Gewissheit zuteil werden.[36]

4. Die Mission in der Pfarrei und in der Diözese sollte nicht auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt bleiben. Die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch. So muss die Mission Teil der sich ständig erneuernden Dimensionen kirchlichen Seins und Handelns sein, ja, sie muss permanent andauern. Natürlich wird es Zeitabschnitte intensiverer Tätigkeit geben, die Mission sollte jedoch nie ganz abgeschlossen sein oder zum Stillstand kommen. Im Gegenteil, das missionarische Wesen muss fest und in breitem Umfang in die Struktur der pastoralen Tätigkeit und des Lebens der Teilkirche und ihrer Gemeinden einfließen und darin integriert sein.

Dies könnte zu einer echten Erneuerung führen und einen sehr wichtigen Beitrag leisten, um die Kirche von heute zu stärken und zu verjüngen. Da die Mission unauflöslich mit der empfangenen Weihe verbunden ist, ist auch das missionarische Wesen der Priester von dauerhafter Natur. Unabhängig von dem ihm übertragenen Amt und von seinem Alter ist der Priester bis zum letzten Tag seines irdischen Lebens immer zur Mission aufgerufen.

3.4. Die missionarische Ausbildung der Priester

Die Kirche will sich mit neuem Eifer und mit Dringlichkeit in der Mission ad gentes sowie in einer missionarischen Evangelisierung einsetzen, die ihre Getauften und insbesondere jene erreichen möchte, die sich von der Teilnahme am Leben und Handeln der kirchlichen Gemeinde entfernt haben. Daher müssen alle Priester eine sorgfältige, spezifisch missionarische Ausbildung erhalten. Diese Ausbildung sollte schon im Seminar beginnen, vor allem dank der geistlichen Begleitung und auch durch ein sorgfältiges und vertieftes Studium des Weihesakraments, bei dem hervorgehoben wird, auf welche Weise dem Sakrament selbst die missionarische Dynamik innewohnt.

Für die bereits geweihten Priester wird eine in das Fortbildungsprogramm integrierte missionarische Ausbildung von großem Nutzen sein, ja sie kann sogar unerlässlich werden. Das Bewusstsein, dass einerseits die Mission dringlich und andererseits unter den Priestern die Ausbildung und Spiritualität in diesem Bereich möglicherweise nicht ausreichend vorhanden ist, wird jeden Bischof oder Oberen die zu treffenden Maßnahmen erkennen lassen, um eine aktualisierte Vorbereitung für die Mission in die Wege zu leiten und eine tiefere und anregende missionarische Spiritualität unter den Priestern anzubieten.

Einer der Hauptaspekte der Mission scheint darin zu liegen, sich bewusst zu werden, wie dringend wir die Mission brauchen, und dazu gehört die Hinführung der Priesteramtskandidaten zu einer spezifisch missionarischen Sensibilität.

Die Zahl der Berufungen ist weltweit – wenn auch nur geringfügig – im Wachsen, wohingegen vor allem in den westlichen Ländern dieses Thema Anlass zu einiger Sorge bereitet. Absolut entscheidend für die Zukunft der Kirche ist jedoch die Ausbildung: Ein Priester, der eine klare spezifische Identität, verbunden mit einer soliden menschlichen, intellektuellen, geistlichen und pastoralen Ausbildung besitzt, wird eher neue Berufungen wecken, denn er wird seine Weihe als einen Sendungsauftrag verstehen. Der Liebe des Herrn gegenüber seiner priesterlichen Existenz wird froh und gewis, er den » Wohlgeruch « Christi um sich zu verbreiten wissen und jeden Augenblick seines Dienstes als eine Gelegenheit zur Mission leben.

So erscheint es immer dringlicher, eine positive Wechselwirkung zwischen der Ausbildungszeit im Seminar, dem Beginn des priesterlichen Diensts und der Fortbildung zu erreichen.[37] Diese Perioden müssen ganz harmonisch zusammengefügt werden, damit hierdurch auch der Klerus in immer vollkommenerer Weise zu dem werden kann, was er ist: ein kostbares und unersetzbares Gut, das Christus der Kirche und der ganzen Menschheit geschenkt hat.

Schluss

Obwolel das missionarische Wesen ein konstitutives Element kirchlichen Seins ist, so müssen wir dem Herrn dennoch dafür dankbar sein, dass er das klare Bewusstsein hiervon in seiner ganzen Kirche und besonders in den Priestern nicht zuletzt durch das päpstliche Lehramt der letzten Jahre erneuert.

Die weltweite Mission ist wahrhaft von großer Dringlichkeit. Sie macht eine Erneuerung der Seelsorge in dem Sinne erforderlich, dass die christliche Gemeinde begreifen sollte, dass sie sich »in ständiger Mission « befindet und zwar sowohl ad gentes als auch dort, wo die Kirche bereits besteht, das heißt, indem sie sich auf die Suche nach jenen macht, die von uns getauft worden sind und das Recht haben, von uns evangelisiert zu werden.

Die besten Ressourcen der Kirche und der Priester sind immer in die Verkündigung des Kerygma eingeflossen, die den wesentlichen Kern der uns vom Herrn anvertrauten Sendung darstellt. Ein solches ständiges »missionarisches Streben« kann auch für die Identität des Priesters nur von Vorteil sein. Dieser findet in der missionarischen Ausübung der tria munera den vornehmlichen Weg zur persönlichen Heiligung und damit auch zur vollen menschlichen Erfüllung.

Die reale und tatkräftige Beteiligung aller Glieder des Leibes der Kirche (Bischöfe, Priester, Diakone, Ordensleute und Laien) an der Mission wird dann eine Erfahrung jener sichtbaren Einheit möglich machen, die für die Wirksamkeit jedes christlichen Zeugnisses von so wesentlicher Bedeutung ist.

Um seine missionarische Identität wirklich zu leben, muss der Priester unaufhörlich auf die selige Jungfrau Maria blicken, auf jene, die sich, von der Gnade erfüllt, auf den Weg gemacht hat, um der Welt den Herrn zu bringen und darzubieten. Sie sucht auch weiterhin die Menschen aller Zeiten in ihrem irdischen Pilgerdasein auf, um ihnen das Antlitz des Herrn und Messias, des Jesus von Nazareth, zu zeigen und sie in die ewige Gemeinschaft mit Gott hineinzuführen.

Aus dem Vatikan, am 29. Juni 2010,

dem Hochfest des Hl. Petrus und Hl. Paulus, Apostel
CLÁUDIO Kardinal HUMMES
Emeritierter Erzbischof von São Paulo
Präfekt
MAURO PIACENZA
Titularerzbischof von Vittoriana

Sekretär

Anmerkungen

  1. Dekr. Ad gentes, 2; vgl. 5-6 und 9-10; Dogm. Konst. Lumen gentium, 8; 13; 17; 23; Dekr. Christus Dominus, 6.
  2. Vgl. Paul VI., Apost. Schreiben Evangelii nuntiandi (8. Dezember 1975), 2; 4-5; 14; Johannes Paul II., Enz. Redemptoris missio (7. Dezember 1990), 1; Apost. Schreiben Novo millennio ineunte (6. Januar 2001), 1; 40; 58.
  3. In seiner Ansprache an die deutschen Bischöfe anlässlich des Weltjugendtages 2005 sagte Papst Benedikt XVI.: »Wir wissen, dass Säkularisierung und Entchristlichung vorangehen, dass der Relativismus wächst, dass der Einfluss der katholischen Ethik und Moral immer geringer wird. Nicht wenige Menschen verlassen die Kirche, oder, wenn sie bleiben, akzeptieren sie doch nur ein Auswahlchristentum, einen Teil der katholischen Lehre. Besorgniserregend bleibt die religiöse Situation im Osten, wo ja, wie wir wissen, die Mehrheit der Bevölkerung nicht getauft ist und keinerlei Kontakt zur Kirche hat, oft überhaupt nichts von Christus und von der Kirche weiß. Solche Dinge sind Herausforderungen. Ihr selbst, liebe Mitbrüder, habt [...] wiederholt: ‚Wir sind zum Missionsland geworden‘ [...] Und so denke ich, müssen wir ganz ernstlich [...] darüber nachdenken, wie wir heute wirklich Evangelisierung, nicht nur Neuevangelisierung, sondern oft eben auch Erstevangelisierung leisten können. Die Menschen kennen Gott nicht, kennen Christus nicht. Ein neues Heidentum ist da, und es genügt nicht, dass wir versuchen, die bestehende Herde zu erhalten – das ist sehr wichtig –; aber es drängt sich die große Frage auf: Was ist eigentlich das Leben? Und wir müssen, denke ich, alle miteinander versuchen, neue Weisen zu finden, wie wir in diese heutige Welt hinein wieder das Evangelium tragen, dort wieder Christus verkünden und den Glauben aufrichten können « (Ansprache im Piussaal des Erzbischöflichen Priesterseminars von Köln, 21. August 2005). Gegenüber dem Klerus von Rom unterstrich Papst Benedikt XVI. zu Beginn seines Pontifikats die Wichtigkeit der bereits laufenden Stadtmission (vgl. Ansprache an den römischen Klerus, 13. Mai 2005). Während seiner Reise nach Brasilien im Mai 2007 zur Eröffnung der 5. Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik, die unter dem Thema stand: »Jünger und Missionare Jesu Christi, damit unsere Völker in ihm das Leben haben «, ermutigte der Papst die brasilianischen Bischöfe zu einer echten » Mission «, die sich an jene richtet, die – obwohl sie von uns getauft worden sind – aufgrund verschiedener geschichtlicher Umständen nicht ausreichend evangelisiert worden sind (vgl. Ansprache an die brasilianischen Bischöfe in der » Catedral da Sé « in São Paulo, 11. Mai 2007).
  4. Unter den Texten zur Sendung finden wir: Joh 3,14 EU; 4,34; 5,23-24.30.37; 6,39.44.57; 7,16.18.28; 8,18.26.29.42; 9,4; 11,42; 14,24; 17,3.18; 1 Joh 4,9.14.
  5. Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 690.
  6. Vgl. auch Johannes Paul II., Nachsynodales Apost. Schreiben Pastores dabo vobis (26. März 1992), 22.
  7. Ebd., 12: » Der Bezug auf Christus ist also der absolut notwendige Schlüssel für das Verständnis aller Dimensionen priesterlicher Wirklichkeit «.
  8. Vgl. Dogm. Konst. Lumen gentium, 28.
  9. Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 1582.
  10. Vgl. Benedikt XVI., Predigt in der » Missa Chrismatis « (9. April 2009); Johannes Paul II., Nachsynodales Apost. Schreiben Pastores dabo vobis (25. März 1992), 12; 16.
  11. Benedikt XVI., Ansprache an die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für den Klerus (16. März 2009). Gewiss ist es die Taufe, die alle Gläubigen zu »neuen Menschen« macht. Wenn also das Weihesakrament einerseits das, was die Priester mit allen Getauften gemeinsam haben, besonders in Erscheinung treten lässt und verwirklicht, so offenbart es andererseits, worin das eigentliche Wesen des Weihepriestertums besteht, das heißt ganz auf Christus, das Haupt und den Hirten der Kirche, bezogen zu sein, der neuen Schöpfung zu dienen, die aus dem Bad der Taufe hervorgeht: »Vobis enim sum episcopus« – sagt Augustinus – »vobiscum sum christianus«.
  12. Vgl. Dekr. Presbyterorum ordinis, 4-6. Mit den tria munera beschäftigt sich ausführlich auch Johannes Paul II., Nachsynodales Apost. Schreiben Pastores dabo vobis (25. März 1992), 26.
  13. Ebd., 32.
  14. Vgl. ebd., 26; Johannes Paul II., Enz. Redemptoris missio (7. Dezember 1990), 67.
  15. Vgl. A. VANHOYE, Prêtres anciens, prêtre nouveau selon le Nouveau Testament, Paris 1980, 346.
  16. Johannes Paul II., Nachsynodales Apost. Schreiben Pastores dabo vobis (25. März 1992), 12.
  17. Vgl. Dekr. Ad gentes, 1;
  18. Vgl. Erkl. Nostra aetate, 1; Past. Konst. Gaudium et spes 24; vgl. ebd., 29; 22; 92.
  19. Vgl. Past. Konst. Gaudium et spes, 45.
  20. Johannes Paul II., Nachsynodales Apost. Schreiben Pastores gregis (16. Oktober 2003), 9: » Es handelt sich in der Tat um Aufgaben, die eng miteinander verbunden sind, die sich gegenseitig erklären, bedingen und erhellen. Gerade deshalb gilt: Wenn der Bischof das Volk Gottes lehrt, heiligt und leitet er es gleichzeitig; während er heiligt, lehrt und leitet er auch; wenn er leitet, lehrt und heiligt er. Der heilige Augustinus definiert die Ganzheit dieses bischöflichen Dienstes als amoris officium. Das schenkt die Gewissheit, dass die Hirtenliebe Jesu Christi in der Kirche niemals versiegen wird «. Was hier von den Bischöfen gesagt wird, kann mit den gebotenen Unterscheidungen auch auf die Priester angewandt werden.
  21. Ansprache im Piussaal des Erzbischöflichen Priesterseminars in Köln (21. August 2005).
  22. Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apost. Schreiben Ecclesia in america (22. Januar 1999), 12.
  23. Beim Weihnachtsempfang am 21. Dezember 2007 sagte Papst Benedikt XVI. in seiner Ansprache an die Römische Kurie: » Christus kann man nie nur theoretisch kennen lernen. Man kann in großer Gelehrsamkeit alles wissen über die Heiligen Schriften, ohne ihm begegnet zu sein. Zum Kennenlernen gehört das Mitgehen mit ihm, das Eintreten in seine Gesinnungen, wie es im Philipperbrief heißt (2,5). [...] Um Jesus Christus begegnen zu können, muss man zuhören, man muss im Gebet und im Tun dessen, was er uns aufträgt, antworten. Wenn wir Christus kennen lernen, lernen wir Gott kennen, und nur von Gott her verstehen wir den Menschen und die Welt, welche sonst als sinnlose Frage dahingestellt bleiben. Jünger Jesu Christi werden führt uns also auf einen Weg der Erziehung zu unserem wahren Sein, zum rechten Menschsein «.
  24. Dogm. Konst. Lumen gentium, 9.
  25. Dekr. Presbyterorum ordinis, 10.
  26. Vgl. Dogm. Konst. Lumen gentium, 28; Dekr. Ad gentes, 39; Paul VI., Apost. Schreiben Evangelii nuntiandi (8. Dezember 1975), 68; Johannes Paul II., Enz. Redemptoris missio (7. Dezember 1990), 67.
  27. Papst Benedikt XVI. regte die brasilianischen Bischöfe dazu an, » die apostolische Arbeit als eine echte Mission innerhalb der Herde, die die katholische Kirche in Brasilien bildet, auf den Weg zu bringen«, und fügte hinzu: »Es geht in der Tat darum, keine Mühen zu scheuen, um auf die Suche nach den Katholiken zu gehen, die sich entfernt haben, und nach jenen, die wenig oder nichts von Jesus Christus wissen. [...] Erforderlich ist, kurz gesagt, eine der Evangelisierung dienende Mission, die alle lebendigen Energien dieser unermesslichen Herde einbeziehen soll. Ich denke daher an die Priester, an die Ordensmänner, an die Ordensfrauen und an die Laien, die sich oftmals unter ungeheuren Schwierigkeiten für die Verbreitung der Wahrheit des Evangeliums aufopfernd einsetzen. [...] In diesem angestrengten Bemühen um die Evangelisierung zeichnet sich die kirchliche Gemeinschaft durch pastorale Initiativen aus, vor allem durch die Entsendung ihrer Missionare, Laien und Ordensleute, in die Häuser an der Peripherie der Städte und im Landesinneren. [...] Die arme Bevölkerung an den Rändern der Großstädte oder auf dem Land muss die Nähe der Kirche spüren, sei es als Hilfe in den dringendsten Bedürfnissen, sei es in der Verteidigung ihrer Rechte und in der gemeinsamen Förderung einer Gesellschaft, die auf Gerechtigkeit und Frieden gegründet ist. Die Armen sind die ersten Adressaten des Evangeliums, und der Bischof muss – nach dem Bild des Guten Hirten – besonders darauf achten, den göttlichen Balsam des Glaubens darzubieten, ohne das ‚materielle Brot’ zu vernachlässigen. Wie ich in der Enzyklika Deus caritas est hervorheben konnte, ‚kann die Kirche den Liebesdienst so wenig ausfallen lassen wie Sakrament und Wort’ (Nr. 22)« (Ansprache an die brasilianischen Bischöfe in der »Catedral da Sé« in São Paulo, 11. Mai 2007).
  28. Vgl. Codex des kanonischen Rechts, Cann. 229 §1 und 757.
  29. Vgl. Dekr. Presbyterorum ordinis, 14.
  30. Vgl. Johannes Paul II., Enz. Redemptoris missio (7. Dezember 1990), 44.
  31. Benedikt XVI., Nachsynodales Apost. Schreiben Sacramentum caritatis, 84.
  32. Vgl. Benedikt XVI., Ansprache an die brasilianischen Bischöfe in der »Catedral da Sé « in São Paulo (11. Mai 2007), 3.
  33. Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Erkl. Dominus Iesus (6. August 2000), 4.
  34. Vgl. Dogm. Konst. Lumen gentium, 35.
  35. Kongregation für den Klerus, Direktorium für Dienst und Leben der Priester Tota ecclesia (31. Januar 1994), 43.
  36. Vgl. Benedikt XVI., Enz. Deus caritas est (25. Dezember 2005), 22; ders., Ansprache an die brasilianischen Bischöfe in der » Catedral da Sé « in São Paulo (11. Mai 2007), 3.
  37. Vgl. Johannes Paul II., Enz. Redemptoris missio (7. Dezember 1990), 83.

Weblinks

Meine Werkzeuge