Die Kirche - Braut Christi

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Ansprache
Die Kirche - Braut Christi

von Papst
Johannes Paul II.
bei der Generalaudienz
4. Dezember 1991

(Quelle: Der Apostolische Stuhl, S. 255-258)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


1. Bereits im Alten Testament spricht man von einer Art ehelichem Bund zwischen Gott und seinem Volk, das heißt Israel. So lesen wir im dritten Teil des Propheten Jesaja: "Denn dein Schöpfer ist dein Gemahl, ,Herr der Heere' ist sein Name. Der Heilige Israels ist dein Erlöser, ,Gott der ganzen Erde' wird er genannt" (Jes 54,5). Unsere Katechese über die Kirche als "Sakrament der innigsten Vereinigung mit Gott" ("mysterium Ecclesiae": Lumen gentium, Nr. 1) führt uns zu jener alten Tatsache des Bundes Gottes mit Israel, dem auserwählten Volk, der die Vorbereitung auf das fundamentale Geheimnis der Kirche war, die Verlängerung des Geheimnisses der Menschwerdung selbst. Wir haben das in den vorhergehenden Katechesen gesehen. Bei der heutigen Betrachtung wollen wir unterstreichen, dass der Bund Gottes mit Israel von den Propheten als Ehebund dargestellt wird.

Auch dieser besondere Aspekt der Beziehung Gottes zu seinem Volk hat bildlichen und vorbereitenden Wert für das eheliche Band zwischen Christus und der Kirche, dem neuen Volk Gottes, dem neuen Israel, das von Christus durch seinen Opfertod am Kreuz gebildet wurde.

2. Im Alten Testament finden wir außer dem anfangs zitierten Text von Jesaja auch andere, besonders in den Büchern Hoseas, Jeremias und Ezechiels, in denen der Bund Gottes mit Israel ähnlich der Eheschließung der Brautleute verstanden wird. Und aufgrund dieses Vergleichs erheben diese Propheten gegen das auserwählte Volk die Anklage, wie eine untreue und ehebrecherische Frau zu sein. So sagt Hosea: "Verklagt eure Mutter, verklagt sie! Denn sie ist nicht meine Frau, und ich bin nicht ihr Mann" (Hos 2,4). Desgleichen Jeremia: "Doch wie eine Frau ihres Freundes wegen treulos wird, so seid auch ihr mir treulos geworden, ihr vom Haus Israel" (Jer 3,20). Und während Jeremia die Untreue Israels gegenüber dem Gesetz des Bundes und besonders die wiederholten Sünden des Götzendienstes vor Augen hat, fügt er den Vorwurf hinzu: "Du aber hast mit vielen Freunden gebuhlt, und da solltest du zu mir zurückkehren dürfen? - Spruch des Herrn" (Jer 3,1). Schließlich Ezechiel: "Doch dann hast du dich auf deine Schönheit verlassen, du hast deinen Ruhm missbraucht und dich zur Dirne gemacht. Jedem, der vorbeiging, hast du dich angeboten, jedem bist du zu Willen gewesen" (Ez 16,15; vgl. 16,29.32).

Trotzdem muss man sagen, dass die Worte der Propheten keine absolute und endgültige Verweigerung gegenüber der ehebrecherischen Frau enthalten, sondern eine Einladung zur Umkehr und das Versprechen, die Bekehrte wieder anzunehmen. So Hosea: "Ich traue dich mir an auf ewig; ich traue dich mir [wieder] an um den Brautpreis von Gerechtigkeit und Recht, von Liebe und Erbarmen, ich traue dich mir an um den Brautpreis meiner Treue: Dann wirst du den Herrn erkennen" (Hos 2,21-22).

Ähnlich Jesaja: "Nur für eine kleine Weile habe ich dich verlassen, doch mit großem Erbarmen hole ich dich heim. Einen Augenblick nur verbarg ich vor dir mein Gesicht in aufwallendem Zorn; aber mit ewiger Huld habe ich Erbarmen mit dir, spricht dein Erlöser, der Herr" (Jes 54,7-8).

3. Diese Ankündigungen der Propheten gehen über die geschichtliche Grenze Israels und die ethnische und religiöse Dimension des Volkes hinaus, das den Bund nicht gehalten hat. Sie müssen in die Perspektive eines neuen Bundes gesetzt werden, der als zukünftiges Geschehnis dargestellt wird. Man vergleiche insbesondere Jeremias: "Denn das wird der Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe ... Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein" (Jer 31, 33). Ähnliches kündigt Ezechiel an, nachdem er den Verschleppten die Rückkehr in die Heimat verheißen hatte: "Ich schenke ihnen ein anderes Herz und schenke ihnen einen neuen Geist. Ich nehme das Herz von Stein aus ihrer Brust und gebe ihnen ein Herz von Fleisch, damit sie nach meinen Gesetzen leben und auf meine Rechtsvorschriften achten und sie erfüllen. Sie werden mein Volk sein, und ich werde ihr Gott sein" (Ez 11,19-20).

4. Die Verwirklichung dieser Verheißung des neuen Bundes nimmt ihren Anfang in Maria. Die Verkündigung ist die erste Offenbarung dieses Beginns. In jenem Augenblick hören wir tatsächlich die Jungfrau von Nazareth im Glaubensgehorsam antworten auf den ewigen göttlichen Plan zur Rettung des Menschen durch die Fleischwerdung des Wortes: Diese Menschwerdung des Sohnes Gottes bedeutet die Erfüllung der messianischen Ankündigungen und zugleich den Anfang der Kirche als Volk des Neuen Bundes. Maria ist sich der messianischen Dimension der Verkündigung, die sie empfängt, und des Ja, mit dem sie darauf antwortet, bewußt. Der Evangelist Lukas will scheinbar diese Dimension durch die Beschreibung der Einzelheiten des Dialogs zwischen dem Engel und der Jungfrau und dann durch den Wortlaut des Magnifikats hervorheben.

5. In dem Dialog und Lobpreis scheint die Demut Marias hindurch, aber auch die Intensität, mit der sie in ihrem Geist die Erwartung der Verwirklichung der messianischen Verheißung gelebt hat, die Israel gemacht worden war. Die Worte der Propheten über den ehelichen Bund Gottes mit dem auserwählten Volk, die sie in ihrem Herzen bewahrte und erwog in den von Lukas berichteten entscheidenden Augenblicken, finden in ihrem Herzen Widerhall. Sie selbst will in sich das Bild der dem göttlichen Bräutigam vollkommen treuen und ganz sich schenkenden Braut verkörpern; deshalb wird sie in ihrem bräutlichen Herzen zum Anfang des neuen Israel, das heißt jenes vom Gott des Bundes gewollten Volkes. Maria, die sowohl im Dialog als auch in dem Lobpreis keine Worte gebraucht, die vom Vergleich mit dem Ehebund geprägt sind, tut viel mehr: Sie bekräftigt und festigt eine bereits bestehende Weihe, die zu ihrem gewohnten Lebenszustand wird. Denn sie antwortet dem Engel der Verkündung: "Ich erkenne keinen Mann" (vgl. Lk 1,34). So als würde sie sagen: Ich bin eine Gott geweihte Jungfrau und will diesen Bräutigam nicht verlassen, denn ich glaube nicht, dass Gott dies will: Er, der so eifersüchtig gegenüber Israel ist, so streng gegenüber dem, der ihn betrogen hat, so beharrlich in seinem erbarmenden Ruf zur Versöhnung!

6. Maria ist sich der Untreue ihres Volkes wohl bewusst, und sie will persönlich eine Braut sein, die dem über alles geliebten göttlichen Bräutigam treu ist. Und der Engel kündigt ihr an, dass sich in ihr der neue Bund Gottes mit der Menschheit in einer unvorstellbaren Dimension verwirklicht, als jungfräuliche Mutterschaft durch den Heiligen Geist. "Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten" (Lk 1,35). Die Jungfrau von Nazareth wird durch das Wirken des Heiligen Geistes in jungfräulicher Weise Mutter des Sohnes Gottes. Das Geheimnis der Menschwerdung schließt in seinen Bereich diese Mutterschaft Marias ein, die kraft des Heiligen Geistes göttlich gewirkt wurde. Hier ist also der Beginn des Neuen Bundes, in dem Christus als göttlicher Bräutigam die Menschheit mit sich vereinigt, die berufen ist, seine Kirche als universales Volk des Neuen Bundes zu sein.

7. Bereits im Augenblick der Menschwerdung wird Maria als Jungfrau und Mutter zum Bild der Kirche in ihrem jungfräulichen und zugleich mütterlichen Wesen. Das II. Vatikanische Konzil sagt: "Im Geheimnis der Kirche, die ja auch selbst mit Recht Mutter und Jungfrau genannt wird, ist die selige Jungfrau Maria vorangegangen, da sie in hervorragender und einzigartiger Weise das Urbild sowohl der Jungfrau wie der Mutter darstellt" (Lumen Gentium, Nr. 63). Aus gutem Grund grüßt der von Gott gesandte Bote Maria vom ersten Augenblick an mit dem Wort Chaire (= Freu dich). In diesem Gruß erklingt das Echo so vieler prophetischen Worte des Alten Testaments: "Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft" (Sach 9,9)."Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich, und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! ... der Herr ist in deiner Mitte ... Fürchte dich nicht, Zion! ... ein Held, der Rettung bringt, ... erneuert seine Liebe zu dir, er jubelt über dich und frohlockt" (Zef 3,14-17). "Fürchte dich nicht, fruchtbares Land! Freu dich und juble; denn der Herr hat Großes getan ... Jubelt, ihr Söhne Zions, und freut euch über den Herrn, euren Gott!" (JoeI 2,21-23).

Maria und die Kirche sind also das verwirklichte Ziel dieser Prophetien an der Schwelle des Neuen Testamentes. Ja, man kann sogar sagen, dass an dieser Schwelle die Kirche sich in Maria und Maria sich in der Kirche und als Kirche finden. Dies ist eine der wunderbaren Taten Gottes, die Gegenstand unseres Glaubens sind.

In deutscher Sprache sagte der Papst:

Liebe Schwestern und Brüder!

Wenn wir uns in einer weiteren Katechese über die Kirche heute dem Gedanken des Volkes Gottes als Braut des Herrn im Alten Testament zuwenden, so stehen uns sogleich zahlreiche biblische Zeugnisse vor Augen, die dieses Bild aufgreifen. Dabei verwenden die Propheten den Vergleich zwischen dem ehelichen Bund und demjenigen zwischen Gott und seinem Volk Israel, um dem auserwählten Volk seine Treulosigkeit Gott gegenüber vorzuhalten. "Doch wie eine Frau ihres Freundes wegen treulos wird, so seid auch ihr mir treulos geworden, ihr vom Haus Israel" (Jer 3,20). Doch klingt in den prophetischen Worten immer schon an, dass Gott seine Braut nicht endgültig verstoßen wird, sondern vielmehr dazu einlädt, umzukehren: "Ich traue dich mir an auf ewig; ich traue dich mir an um den Brautpreis von Gerechtigkeit und Recht, von Liebe und Erbarmen, ich traue dich mir an um den Brautpreis meiner Treue. Dann wirst du den Herrn erkennen" (Hos 2,21-22).

Diese Verheißung hat an der Schwelle zum Neuen Testament ihre Verwirklichung in Maria gefunden. Sie, die sich in ihrer Jungfräulichkeit ganz dem Willen Gottes ergeben wollte, hat im Augenblick der Verkündigung ihre Antwort zum ewigen Heilsplan Gottes aus dem Gehorsam des Glaubens gegeben, um durch die Menschwerdung des göttlichen Wortes der Welt das Heil zu bringen. Diese Menschwerdung des Wortes Gottes bedeutet also die Erfüllung der messianischen Ankündigungen und zugleich den Ursprung der Kirche als den Neuen Bund.

Nach dieser kurzen Betrachtung richte ich einen herzlichen Willkommensgruss an die deutschsprachigen Pilger und Besucher. Verbunden mit dem Wunsch, dass Ihr Eure Berufung zu Gliedern des Gottesvolkes stets in Treue lebt und im Alltag glaubWürdig verwirklicht, erteile ich Euch, Euren lieben Angehörigen daheim sowie den mit uns über Radio und Fernsehen Verbundenen von Herzen meinen Apostolischen Segen.

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