Der Anfang – Papst Benedikt XVI. – Joseph Ratzinger. Predigten und Ansprachen April/Mai 2005

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Der Anfang

von Papst
Joseph Ratzinger bzw. Benedikt XVI.
Predigten und Ansprachen im April und Mai 2005“

(Quelle: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 168, hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz Bonn 2005)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

ZUM GELEIT

„Habemus papam – Wir haben einen Papst!“ Am 19. April 2005 um 17.50 Uhr zeigt der weiße Rauch aus dem Kamin der Sixtinischen Kapelle den Gläubigen auf dem Petersplatz und über das Fernsehen den Menschen auf der ganzen Welt die Wahl des neuen Papstes an. In weniger als 24 Stunden hatten die 115 im Konklave versammelten Kardinäle, gestärkt und geführt durch den Heiligen Geist, Joseph Kardinal Ratzinger zum Papst und Nachfolger des heiligen Petrus gewählt. Als Papst Benedikt XVI. um 18.48 Uhr auf die Benediktionsloggia des Petersdoms tritt, sind die Freude und der Jubel riesengroß, besonders auch in Deutschland, dem Heimatland des Heiligen Vaters.

Mit Joseph Kardinal Ratzinger haben wir Kardinäle einen Mann der Kirche gewählt, der für uns ein Gewährsmann des kontinuierlichen Zeugnisses der Kirche ist, gestützt auf die Heilige Schrift und die kirchliche Überlieferung aller Jahrhunderte. Papst Benedikt XVI. ist ein unerschrockener Garant der Festigkeit des Glaubens mitten in allen Wandlungen, ein seit Jahrzehnten weltweit bekannter, begnadeter Theologe, der einer der engsten Mitarbeiter von Papst Johannes Paul II. war.

Wenn mit Papst Benedikt XVI. nach 482 Jahren erstmals wieder ein Papst aus Deutschland kommt, dann ist dies für uns Deutsche 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein Grund zu besonderer Dankbarkeit. Für uns deutsche Katholiken ist es zudem ein Ansporn, den Heiligen Vater in seinem Dienst für die Kirche in besonderer Weise zu unterstützen, im Gebet und durch unser Glaubenszeugnis.

Mit dieser Sammlung dokumentiert die Deutsche Bischofskonferenz die wichtigsten Predigten und Ansprachen Papst Benedikt XVI. in den Monaten April und Mai 2005. Die Dokumentation beginnt mit der Predigt des Dekans des Kardinalskollegiums, Joseph Kardinal Ratzinger, bei der Begräbnismesse für Papst Johannes Paul II. am 8. April und endet mit der Predigt beim Abschluss des italienischen Eucharistischen Kongresses am 29. Mai. In diesen Predigten und Ansprachen erfahren wir viel von und über Papst Benedikt. Der Papst spricht in diesen 21 Texten auch zu uns.

Jeder Anfang ist nicht nur zeitlicher Beginn, sondern ist auch bleibender Grund für alles, was folgt. Mögen diese Texte des Anfangs besonders in deutschsprachigen Ländern viele Leserinnen und Leser finden und sie in Glaube, Hoffnung, Liebe und in der Verbundenheit mit unserem Heiligen Vater Papst Benedikt stärken.

Mainz/Bonn, im Juni 2005

Karl Kardinal Lehmann

Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

EXEQUIEN UND BEGRÄBNIS SEINER HEILIGKEIT PAPST JOHANNES PAUL II.

Predigt von Kardinal Joseph Ratzinger, Dekan des Kardinalskollegiums, Petersplatz Freitag, 8. April 2005

„Folge mir nach!“, sagt der auferstandene Herr als letztes Wort zu Petrus, zu dem Jünger, der erwählt war, seine Schafe zu weiden. „Folge mir nach!“ – Dieses lapidare Wort Christi kann als Schlüssel gelten zum Verständnis der Botschaft, die vom Leben unseres geliebten verstorbenen Papstes Johannes Paul II. ausgeht, dessen sterbliche Hülle wir heute als Samen der Unsterblichkeit in die Erde senken, während unser Herz voll Trauer ist, aber auch voll froher Hoffnung und tiefer Dankbarkeit.

Das sind die Gefühle in unserem Innern, Brüder und Schwestern in Christus hier auf dem Petersplatz, in den angrenzenden Straßen und auf verschiedenen Plätzen der Stadt Rom, die in diesen Tagen von einer überaus großen Menge schweigender und betender Menschen bevölkert ist. Ich grüße alle von Herzen. Auch im Namen des Kardinalskollegiums möchte ich einen ehrerbietigen Gruß an die Staatsoberhäupter, die Regierungschefs und an die Delegationen der verschiedenen Länder richten. Ich grüße die Obrigkeiten und die Repräsentanten der christlichen Kirchen und Gemeinschaften sowie der anderen Religionen. Ich grüße die Erzbischöfe, die Bischöfe, die Priester, die Ordensleute und die Gläubigen, die aus allen Erdteilen gekommen sind; insbesondere die Jugendlichen, die Johannes Paul II. als die Zukunft und Hoffnung der Kirche bezeichnet hat. Mein Gruß gilt darüber hinaus all denen in der ganzen Welt, die über Rundfunk und Fernsehen in dieser gemeinsamen Teilnahme am feierlichen Ritus des Abschieds von diesem geliebten Papst mit uns verbunden sind.

„Folge mir nach!“ Als junger Student begeisterte sich Karol Wojtyla für die Literatur, das Theater und die Dichtung. Als er in einer Chemiefabrik arbeitete, umgeben und bedroht vom nationalsozialistischen Terror, hörte er die Stimme des Herrn: „Folge mir nach!“ In dieser ganz besonderen Situation begann er, philosophische und theologische Bücher zu lesen, trat dann in das von Kardinal Sapieha im Untergrund geschaffene Priesterseminar ein und konnte nach dem Krieg seine Studien an der theologischen Fakultät der Jagellonen-Universität in Krakau vervollständigen.

Oft hat er in seinen Schreiben an die Priester und in seinen autobiographischen Büchern von seinem priesterlichen Dienst gesprochen, zu dem er am 1. November 1946 geweiht worden war. In diesen Texten deutet er sein Priesteramt insbesondere im Licht von drei Worten des Herrn. Vor allem von diesem: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt“ (Joh 15,16). Das zweite Wort lautet: „Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe“ (Joh 10,11). Und schließlich: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15,9). In diesen drei Worten erkennen wir die ganze Seele unseres Heiligen Vaters.

Er ist wirklich unermüdlich überall hingegangen, um Frucht zu bringen, eine Frucht, die bleibt. „Auf, lasst uns gehen!“ lautet der Titel seines vorletzten Buches. „Auf, lasst uns gehen!“ Mit diesen Worten hat er uns aus einem müden Glauben, aus dem Schlaf der Jünger von gestern und heute aufgerüttelt. „Auf, lasst uns gehen!“ sagt er auch heute zu uns. Der Heilige Vater ist dann Priester bis zum Äußersten gewesen, denn er hat sein Leben Gott dargebracht für seine Schafe und für die ganze Menschenfamilie durch seine tägliche Hingabe im Dienst an der Kirche und vor allem in den schweren Prüfungen der letzten Monate. So ist er eins geworden mit Christus, dem Guten Hirten, der seine Schafe liebt. Und schließlich: „Bleibt in meiner Liebe.“ Der Papst, der die Begegnung mit allen gesucht hat, der die Fähigkeit zur Vergebung und zur Offenheit des Herzens gegenüber allen hatte, spricht auch heute zu uns mit diesen Worten des Herrn: Wenn wir in der Liebe Christi bleiben, lernen wir in der Schule Christi die Kunst der wahren Liebe.

„Folge mir nach!“ Im Juli 1958 beginnt für den jungen Priester Karol Wojtyla ein neuer Abschnitt auf dem Weg mit dem Herrn und in der Nachfolge des Herrn. Karol war, wie gewohnt, mit einer Gruppe Jugendlicher, die begeisterte Kanufahrer waren, zu den Masurischen Seen in Urlaub gefahren. Aber er hatte einen Brief bei sich, in dem er aufgefordert wurde, sich beim Primas von Polen, Kardinal Wyszyński, vorzustellen, und er konnte den Zweck der Begegnung erraten: seine Ernennung zum Weihbischof von Krakau. Den Unterricht an der Hochschule aufgeben, diese anregende Gemeinschaft mit den Jugendlichen aufgeben, diesen intellektuellen Wettstreit aufgeben, um das Geheimnis des Menschen zu erkennen und auszulegen, um in der Welt von heute die christliche Verwirklichung unseres Daseins gegenwärtig zu machen – das alles musste ihm wie eine Selbstaufgabe vorkommen, wie ein Verlust all dessen, was zur menschlichen Identität dieses jungen Priesters gehörte. „Folge mir nach!“ – Karol Wojtyla nahm den Ruf an, weil er im Ruf der Kirche die Stimme Christi hörte. Und er lernte dann, wie wahr das Wort des Herrn ist: „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen“ (Lk 17,33).

Unser Papst – das wissen wir alle – wollte nie das eigene Leben bewahren, es für sich behalten; er wollte sich ohne Vorbehalt, bis zum letzten Augenblick für Christus und auch für uns hingeben. Gerade so konnte er erfahren, dass alles, was er in die Hände des Herrn gelegt hatte, in neuer Weise zurückgegeben wurde: Die Liebe zum Wort, zur Dichtung, zur Literatur war ein wesentlicher Teil seiner Hirtensendung und hat der Verkündigung des Evangeliums neue Frische, neue Aktualität, neue Anziehungskraft verliehen, auch wenn es ein Zeichen ist, dem widersprochen wird.

„Folge mir nach!“ Im Oktober 1978 hört Kardinal Wojtyla wiederum die Stimme des Herrn. Es wiederholt sich der Dialog mit Petrus, von dem heute im Evangelium dieses Gottesdienstes die Rede ist: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Weide meine Schafe!“ Auf die Frage des Herrn: Karol, liebst du mich?, antwortete der Erzbischof von Krakau aus tiefstem Herzen: „Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebhabe.“ Die Liebe Christi war die bestimmende Kraft in unserem geliebten Heiligen Vater; wer ihn hat beten sehen, wer ihn hat predigen sehen, weiß das. Und so konnte er dank dieser tiefen Verwurzelung in Christus eine Last tragen, die rein menschliche Kräfte übersteigt: Hirt der Herde Christi, seiner universalen Kirche zu sein. Hier ist nicht der Augenblick, von den einzelnen Inhalten dieses so reichen Pontifikats zu sprechen. Ich möchte nur zwei Abschnitte aus der Liturgie von heute vorlesen, in denen die zentralen Elemente seiner Botschaft aufscheinen.

In der Ersten Lesung sagt uns der hl. Petrus – und der Papst spricht mit dem hl. Petrus: „Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist. Er hat das Wort den Israeliten gesandt, indem er den Frieden verkündete durch Jesus Christus; dieser ist der Herr aller“ (Apg 10,34–36). Und in der Zweiten Lesung mahnt uns der hl. Paulus und mit dem hl. Paulus unser verstorbener Papst mit lauter Stimme: „Darum, meine geliebten Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und mein Ehrenkranz, steht fest in der Gemeinschaft mit dem Herrn“ (Phil 4,1).

„Folge mir nach!“ Mit dem Auftrag, seine Herde zu weiden, kündete Christus dem Petrus sein Martyrium an. Mit diesem abschließenden und zusammenfassenden Wort des Dialogs über die Liebe und über den Sendungsauftrag des universalen Hirten verweist der Herr auf einen anderen Dialog, der im Zusammenhang mit dem Letzten Abendmahl stattgefunden hat. Bei diesem Anlass hatte Jesus gesagt: „Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.“ Petrus sagte zu ihm: „Herr, wohin willst du gehen?“ Jesus antwortete ihm: „Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst mir aber später folgen“ (Joh 13,33.36).

Vom Abendmahl geht Jesus zum Kreuz, zur Auferstehung – er tritt in das österliche Geheimnis ein; Petrus kann ihm noch nicht folgen. Jetzt – nach der Auferstehung – ist dieser Augenblick, dieses „später“ gekommen. Während er die Herde Christi weidet, tritt Petrus in das österliche Geheimnis ein, geht dem Kreuz und der Auferstehung entgegen. Der Herr sagt es mit diesen Worten: „Als du noch jung warst, ... konntest [du] gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst“ (Joh 21,18). In den ersten Jahren seines Pontifikats ging der Heilige Vater, noch jung und stark, unter der Führung Christi in alle Länder der Welt. Später aber vereinte er sich immer tiefer mit dem Leiden Christi, verstand er immer mehr die Wahrheit der Worte: „Ein anderer wird dich gürten ...“ Und gerade in dieser Vereinigung mit dem leidenden Herrn verkündete er unermüdlich mit neuer Eindringlichkeit das Evangelium, das Geheimnis der Liebe, die bis zum Äußersten geht (vgl. Joh 13,1).

Er hat uns das österliche Geheimnis als Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit aufgezeigt. In seinem letzten Buch schreibt er: Die dem Bösen gesetzte Grenze „ist letztendlich die göttliche Barmherzigkeit“ („Erinnerung und Identität“, S. 75). Und im Hinblick auf das Attentat schreibt er: „Christus hat, indem er für uns alle litt, dem Leiden einen neuen Sinn verliehen, er hat es in eine neue Dimension erhoben, in eine neue Ordnung der Liebe ... Es ist das Leiden, welches das Böse mit der Flamme der Liebe verbrennt und aufzehrt und sogar aus der Sünde einen mannigfaltigen Reichtum an Gutem hervorbringt“ (S. 208 f.). Von dieser Vision beseelt, hat der Papst vereint mit Christus gelitten und geliebt, und deshalb ist die Botschaft seines Leidens und seines Schweigens so beredt und fruchtbar gewesen.

Göttliche Barmherzigkeit: Der Heilige Vater hat den reinsten Widerschein der Barmherzigkeit Gottes in der Mutter Gottes gefunden. Er, der im Kindesalter die Mutter verloren hatte, hat umso mehr die göttliche Mutter geliebt. Er hat die Worte des gekreuzigten Herrn gehört und auf sich persönlich bezogen: „Siehe deine Mutter!“ Und er hat wie der Lieblingsjünger gehandelt: Er hat sie in seinem tiefsten Innern aufgenommen (eis ta idia: Joh 19,27) – „Totus tuus“. Und von der Mutter hat er gelernt, Christus ähnlich zu werden.

Für uns alle bleibt es unvergesslich, wie der Heilige Vater, vom Leiden gezeichnet, am letzten Ostersonntag seines Lebens noch einmal am Fenster des Apostolischen Palastes erschienen ist und zum letzten Mal den Segen „Urbi et orbi“ erteilt hat. Wir können sicher sein, dass unser geliebter Papst jetzt am Fenster des Hauses des Vaters steht, uns sieht und uns segnet. Ja, segne uns, Heiliger Vater. Wir vertrauen deine liebe Seele der Mutter Gottes, deiner Mutter, an, die dich jeden Tag geführt hat und dich jetzt in die ewige Herrlichkeit ihres Sohnes, Jesus Christus unseres Herrn, führen wird. Amen.

(Orig. ital. in O.R. 9.4.2005)

HEILIGE MESSE PRO ELIGENDO ROMANO PONTIFICE

Predigt von Kardinal Joseph Ratzinger, Dekan des Kardinalskollegiums

Patriarchalbasilika St. Peter Montag, 18. April 2005

Lesungen: Jes 61,1–3a. 6a. 8b–9; Eph 4,11–16; Joh 15,9–17

In dieser verantwortungsvollen Stunde hören wir mit besonderer Aufmerksamkeit auf das, was der Herr uns mit seinen eigenen Worten sagt. Aus den drei Lesungen möchte ich nur einige Abschnitte auswählen, die uns in einem Augenblick wie diesem direkt betreffen.

Die Erste Lesung bietet ein prophetisches Bild der Figur des Messias – ein Bild, das seine ganze Bedeutung von dem Augenblick her erhält, als Jesus, der diesen Text in der Synagoge von Nazaret liest, sagt: „Heute hat sich dieses Schriftwort erfüllt“ (Lk4,21). Im Zentrum des prophetischen Textes stoßen wir auf ein Wort, das – zumindest auf den ersten Blick – widersprüchlich erscheint. Der Messias, der von sich spricht, sagt, er sei gesandt worden, damit er „ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes“ (Jes 61,2). Wir hören voll Freude die Ankündigung des Jahres der Barmherzigkeit: die göttliche Barmherzigkeit setzt dem Bösen eine Grenze – hat der Heilige Vater uns gesagt. Jesus Christus ist die göttliche Barmherzigkeit in Person: Christus begegnen heißt, der Barmherzigkeit Gottes begegnen. Der Auftrag Christi ist durch die priesterliche Salbung zu unserem Auftrag geworden; wir sind aufgerufen, „das Jahr der Barmherzigkeit des Herrn“ nicht nur mit Worten, sondern mit dem Leben und mit den wirksamen Zeichen der Sakramente zu verkünden. Was aber will Jesaja sagen, als er den „Tag der Vergeltung unseres Gottes“ ankündigt? Jesus hat in Nazaret, als er den Text des Propheten las, diese Worte nicht ausgesprochen – er schloss mit der Ankündigung des Jahres der Barmherzigkeit. War das vielleicht der Anlass zu der Empörung, die nach seiner Predigt aufkam? Wir wissen es nicht. Auf jeden Fall hat der Herr seinen authentischen Kommentar zu diesen Worten durch den Tod am Kreuz abgegeben. „Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen ...“, sagt der hl. Petrus (1 Petr 2,24). Und der hl. Paulus schreibt an die Galater: „Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft, indem er für uns zum Fluch geworden ist; denn es steht in der Schrift: Verflucht ist jeder, der am Pfahl hängt. Jesus Christus hat uns freigekauft, damit den Heiden durch ihn der Segen Abrahams zuteil wird und wir so aufgrund des Glaubens den verheißenen Geist empfangen“ (Gal 3,13).

Die Barmherzigkeit Christi ist keine billig zu habende Gnade, sie darf nicht als Banalisierung des Bösen missverstanden werden. Christus trägt in seinem Leib und in seiner Seele die ganze Last des Bösen, dessen ganze zerstörerische Kraft. Er verbrennt und verwandelt das Böse im Leiden, im Feuer seiner leidenden Liebe. Der Tag der Vergeltung und das Jahr der Barmherzigkeit fallen im Ostermysterium, im toten und auferstandenen Christus zusammen. Das ist die Vergeltung Gottes: Er selbst leidet in der Person des Sohnes für uns. Je mehr wir von der Barmherzigkeit des Herrn berührt werden, umso mehr solidarisieren wir uns mit seinem Leiden, werden wir bereit, „das, was an den Leiden Christi noch fehlt“ (Kol 1,24), in unserem Leib zu ergänzen.

Gehen wir zur Zweiten Lesung über, zum Brief an die Epheser. Hier geht es im wesentlichen um drei Dinge: erstens um die Ämter und Charismen in der Kirche als Gaben des auferstandenen und in den Himmel aufgefahrenen Herrn; sodann um das Heranreifen des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes als Voraussetzung und Inhalt der Einheit im Leib Christi; und schließlich um die gemeinsame Teilnahme am Wachsen des Leibes Christi, das heißt an der Umgestaltung der Welt in die Gemeinschaft mit dem Herrn.

Wir verweilen nur bei zwei Punkten. Der erste ist der Weg zur „Reife Christi“, wie es etwas vereinfachend im italienischen Text heißt. Dem griechischen Text nach müssten wir genauer von dem „Maß der Fülle Christi“ sprechen, die zu erreichen wir gerufen sind, um wirklich Erwachsene im Glauben zu sein. Wir sollen nicht Kinder im Zustand der Unmündigkeit bleiben. Was heißt, unmündige Kinder im Glauben sein? Der hl. Paulus antwortet: Es bedeutet, „ein Spiel der Wellen zu sein, hin- und hergetrieben von jedem Widerstreit der Meinungen ...“ (Eph 4, 14). Eine sehr aktuelle Beschreibung!

Wie viele Glaubensmeinungen haben wir in diesen letzten Jahrzehnten kennen gelernt, wie viele ideologische Strömungen, wie viele Denkweisen ... Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wogen zum Schwanken gebracht, von einem Extrem ins andere geworfen worden: vom Marxismus zum Liberalismus bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus; vom Agnostizismus zum Synkretismus, und so weiter. Jeden Tag entstehen neue Sekten, und dabei tritt ein, was der hl. Paulus über den Betrug unter den Menschen und über die irreführende Verschlagenheit gesagt hat (vgl. Eph 4,14). Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich „vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-Lassen“, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt.

Wir haben jedoch ein anderes Maß: den Sohn Gottes, den wahren Menschen. Er ist das Maß des wahren Humanismus. „Erwachsen“ ist nicht ein Glaube, der den Wellen der Mode und der letzten Neuheit folgt; erwachsen und reif ist ein Glaube, der tief in der Freundschaft mit Christus verwurzelt ist. Diese Freundschaft macht uns offen gegenüber allem, was gut ist und uns das Kriterium an die Hand gibt, um zwischen wahr und falsch, zwischen Trug und Wahrheit zu unterscheiden. Diesen erwachsenen Glauben müssen wir reifen lassen, zu diesem Glauben müssen wir die Herde Christi führen. Und dieser Glaube – der Glaube allein – schafft die Einheit und verwirklicht sich in der Liebe. Dazu bietet uns der hl. Paulus – im Gegensatz zu den ständigen Sinnesänderungen derer, die wie Kinder von den Wellen hin- und hergeworfen werden – ein schönes Wort: die Wahrheit tun in der Liebe, als grundlegende Formel der christlichen Existenz. In Christus decken sich Wahrheit und Liebe. In dem Maße, in dem wir uns Christus nähern, verschmelzen auch in unserem Leben Wahrheit und Liebe. Die Liebe ohne Wahrheit wäre blind; die Wahrheit ohne Liebe wäre wie „eine lärmende Pauke“ (1 Kor 13,1).

Wir kommen nun zum Evangelium, aus dessen Fülle ich nur zwei kleine Bemerkungen entnehme. Der Herr richtet an uns diese wunderbaren Worte: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte ... Vielmehr habe ich euch Freunde genannt“ (Joh 15,15). So oft haben wir das Gefühl, dass wir – wie es ja zutrifft – nur unnütze Knechte sind (vgl. Lk 17,10). Und trotzdem nennt der Herr uns Freunde, er macht uns zu seinen Freunden, er schenkt uns seine Freundschaft. Der Herr definiert die Freundschaft auf eine zweifache Weise. Zwischen Freunden gibt es keine Geheimnisse: Christus sagt uns alles, was er vom Vater hört; er schenkt uns sein volles Vertrauen und mit dem Vertrauen auch die Erkenntnis. Er offenbart uns sein Antlitz, sein Herz. Er zeigt uns seine liebevolle Zuwendung zu uns, seine leidenschaftliche Liebe, die bis zur Torheit des Kreuzes geht. Er vertraut sich uns an, er verleiht uns die Vollmacht, durch sein Ich zu sprechen: „Das ist mein Leib ...“, „ich spreche dich los ...“. Er vertraut uns seinen Leib, die Kirche, an. Er vertraut unserem schwachen Geist, unseren schwachen Händen seine Wahrheit an – das Geheimnis von Gott, Vater, Sohn und Heiligem Geist; das Geheimnis von Gott, der „die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn hingab“ (Joh 3,16). Er hat uns zu seinen Freunden gemacht – und welche Antwort geben wir?

Das zweite Element, mit dem Jesus die Freundschaft definiert, ist die Übereinstimmung des Willens. „Idem velle – idem nolle“ war auch für die Römer die Definition von Freundschaft. „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage“ (Joh 15,14). Die Freundschaft mit Christus entspricht dem, was die dritte Bitte des Vaterunsers ausdrückt: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“. In der Stunde von Getsemani hat Jesus unseren widerspenstigen menschlichen Willen in einen Willen verwandelt, der dem göttlichen Willen entspricht und mit ihm verbunden ist. Er hat das ganze Drama unserer Autonomie erlitten – und gerade dadurch, dass er unseren Willen in Gottes Hände legt, schenkt er uns die wahre Freiheit: „Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Mt 26,39). In dieser Übereinstimmung des Willens vollzieht sich unsere Erlösung: Freunde Jesu sein, Freunde Gottes werden. Je mehr wir Jesus lieben, je mehr wir ihn kennen, umso mehr wächst unsere wahre Freiheit, wächst die Freude darüber, erlöst zu sein. Danke Jesus, für deine Freundschaft!

Das andere Element des Evangeliums, auf das ich hinweisen wollte, ist die Rede Jesu über das Fruchtbringen: „Ich habe euch dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt“ (Joh 15,16). Hier erscheint die Dynamik der Existenz des Christen, des Apostels: Ich habe euch dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht ... Wir müssen von einer heiligen Unruhe beseelt sein: der Unruhe, allen das Geschenk des Glaubens, der Freundschaft mit Christus zu bringen. In Wahrheit ist uns die Liebe, die Freundschaft Gottes geschenkt worden, damit sie auch die anderen erreiche. Wir haben den Glauben empfangen, um ihn an die anderen weiterzugeben, wir sind Priester, um anderen zu dienen. Und wir müssen Früchte hervorbringen, die bleiben. Alle Menschen wollen eine Spur hinterlassen, die bleibt. Aber was bleibt? Das Geld nicht. Auch die Gebäude bleiben nicht; ebenso wenig die Bücher. Nach einer gewissen, mehr oder weniger langen Zeit verschwinden alle diese Dinge. Das einzige, was ewig bleibt, ist die menschliche Seele, der von Gott für die Ewigkeit erschaffene Mensch. Die Frucht, die bleibt, ist daher das, was wir in die menschlichen Seelen gesät haben – die Liebe, die Erkenntnis; die Geste, die das Herz zu berühren vermag; das Wort, das die Seele der Freude des Herrn öffnet. Brechen wir also auf und bitten den Herrn, er möge uns helfen, Frucht zu bringen, eine Frucht, die bleibt. Nur so wird die Erde vom Tal der Tränen in einen Garten Gottes verwandelt.

Wir kommen schließlich noch einmal auf den Epheserbrief zurück. Der Brief sagt – mit den Worten des 68. Psalms –, dass Christus, als er in den Himmel auffuhr, „den Menschen Geschenke gab“ (Eph 4,8). Der Sieger verteilt Geschenke. Und diese Geschenke sind Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer. Unser Amt ist ein Geschenk Christi an die Menschen, um seinen Leib – die neue Welt – aufzubauen. Leben wir also unser Amt als Geschenk Christi an die Menschen! Aber in dieser Stunde beten wir vor allem inständig zum Herrn, dass er uns nach dem großen Geschenk Papst Johannes Pauls II. wieder einen Hirten nach seinem Herzen schenke, einen Hirten, der uns zur Erkenntnis Christi, zu seiner Liebe, zur wahren Freude führt. Amen.

(Orig. ital. in O.R. 19.4.2005)

„HABEMUS PAPAM“

Annuntio vobis gaudium magnum;

habemus Papam:
Eminentissimum ac
Reverendissimum Dominum,
Dominum Josephum
Sanctae Romanae Ecclesiae
Cardinalem Ratzinger qui sibi nomen imposuit
Benedictum XVI

„HABEMUS PAPAM“
Ich verkünde euch eine große Freude;
Wir haben einen Papst:
Seine Eminenz
den Hochwürdigsten Herrn
Joseph Kardinal der Heiligen Römischen Kirche Ratzinger,
der sich den Namen
Benedikt XVI.
gegeben hat.

19. April 2005

APOSTOLISCHER SEGEN URBI ET ORBI VON PAPST BENEDIKT XVI.

Dienstag, 19. April 2005

Liebe Brüder und Schwestern,

nach dem großen Papst Johannes Paul II. haben die Herrn Kardinäle mich gewählt, einen einfachen und bescheidenen Arbeiter im Weinberg des Herrn. Mich tröstet die Tatsache, dass der Herr auch mit ungenügenden Werkzeugen zu arbeiten und zu wirken weiß. Vor allem vertraue ich mich euren Gebeten an. In der Freude des auferstandenen Herrn und im Vertrauen auf seine immerwährende Hilfe gehen wir voran. Der Herr wird uns helfen, und Maria, seine allerseligste Mutter, steht uns zur Seite. Danke.

(O.R. dt., 22.4.2005)

Päpstlicher Segen URBI ET ORBI

Der Heilige Vater: Die Heiligen Apostel Petrus und Paulus, auf deren Machtfülle und Autorität wir vertrauen, sie selbst mögen beim Herrn für uns Fürsprache halten.

R. Amen.

Aufgrund der Fürsprache und die Verdienste der immer jungfräulichen Seligen Maria, des Heiligen Erzengels Michael, des Heiligen Johannes des Täufers, und der Heiligen Apostel Petrus und Paulus und aller Heiligen, erbarme sich euer der allmächtige Gott und, nachdem er alle eure Sünden vergeben hat, führe euch Jesus Christus zum ewigen Leben.

R. Amen.

Der allmächtige und barmherzige Herr gewähre euch Nachlass, Vergebung und Verzeihung all eurer Sünden, einen Zeitraum echter und fruchtbarer Reue, ein allzeit bußfertiges Herz und Besserung des Lebens, die Gnade und die Tröstung des Heiligen Geistes und die endgültige Ausdauer in den guten Werken.

R. Amen.

Und der Segen des allmächtigen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes komme auf euch herab und bleibe bei euch allezeit.

R. Amen.

Pontifex Maximus:

Sancti Apostoli Petrus et Paulus, de quorum potestate et auctoritate confidimus, ipsi intercedant pro nobis ad Dominum

R. Amen.

Precibus et meritis beatae Mariae semper Virginis, beati Michaëlis Archangeli, beati Ioannis Baptistae, et sanctorum Apostolorum Petri et Pauli et omnium Sanctorum, misereatur vestri omnipotens Deus et, dimissis omnibus peccatis vestris, perducat vos Iesus Christus ad vitam aeternam.

R. Amen.

Indulgentiam, absolutionem et remissionem omnium peccatorum vestrorum, spatium verae et fructuosae poenitentiae, cor semper poenitens et emendationem vitae, gratiam et consolationem Sancti Spiritus, et finalem perseverantiam in bonis operibus tribuat vobis omnipotens et misericors Dominus.

R. Amen. Et benedictio Dei omnipotentis, Patris, et Filii, et Spiritus Sancti, descendat super vos et maneat semper.

R. Amen.

MISSA PRO ECCLESIA

EUCHARISTIEFEIER MIT DEN WAHLBERECHTIGTEN KARDINÄLEN IN DER SIXTINISCHEN KAPELLE

Erste Botschaft Seiner Heiligkeit Benedikt XVI.

Mittwoch, 20. April 2005

Verehrte Brüder Kardinäle,
liebe Brüder und Schwestern in Christus, ihr alle, Männer und Frauen guten Willens!

1. Gnade sei mit euch und Friede in Fülle (vgl. 1 Petr 1,2)! In diesen Stunden ist mein Inneres von zwei gegensätzlichen Empfindungen erfüllt. Einerseits ein Gefühl der Unzulänglichkeit und menschlichen Unruhe wegen der großen Verantwortung, die mir gestern als Nachfolger des Apostels Petrus für die universale Kirche an diesem Sitz in Rom übertragen wurde. Andererseits empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit gegenüber Gott, der – wie die Liturgie uns singen lässt – seine Herde nicht im Stich lässt, sondern sie die Zeiten hindurch unter der Führung derer leitet, die er als Stellvertreter seines Sohnes erwählt und als Hirten eingesetzt hat (vgl. Präfation von den Aposteln I).

Meine Lieben, trotz allem überwiegt in meinem Herzen diese tiefe Dankbarkeit für ein Geschenk der göttlichen Barmherzigkeit. Und ich betrachte diese Tatsache als eine besondere Gnade, die mir von meinem verehrten Vorgänger Johannes PaulII. erwirkt wurde. Mir scheint es, seine feste Hand zu fühlen, die meine Hand drückt; mir scheint es, seine lächelnden Augen zu sehen und seine Worte zu hören, die in diesem Augenblick besonders mir gelten: „Hab keine Angst!“

Der Tod des Heiligen Vaters Johannes Paul II. und die Tage danach waren für die Kirche und für die ganze Welt eine außerordentliche Zeit der Gnade. Der große Schmerz über sein Ableben und das Gefühl der Leere, das er in allen hinterlassen hat, wurden gemildert durch das Wirken des auferstandenen Christus, das sich tagelang in der gemeinsamen Welle des Glaubens, der Liebe und der geistlichen Verbundenheit gezeigt und in den feierlichen Exequien seinen Höhepunkt gefunden hat.

Wir dürfen sagen: die Beerdigung Johannes Pauls II. war wirklich eine außerordentliche Erfahrung, bei der in gewisser Weise die Macht Gottes zu spüren war, der durch seine Kirche alle Völker zu einer großen Familie machen will mit der einenden Kraft der Wahrheit und der Liebe (vgl. Lumen gentium, 1). Ähnlich seinem Meister und Herrn hat Johannes Paul II. in der Todesstunde sein langes und fruchtbares Pontifikat gekrönt, indem er das christliche Volk im Glauben gestärkt und es um sich versammelt hat, so dass sich die ganze Menschheitsfamilie geeinter fühlen konnte.

Wie könnte man sich von diesem Zeugnis nicht gestützt fühlen? Wie könnte man nicht die Ermutigung spüren, die von diesem gnadenvollen Ereignis ausgeht?

2. Entgegen all meinen Erwartungen hat die göttliche Vorsehung mich durch die Wahl der verehrten Väter Kardinäle dazu berufen, die Nachfolge dieses großen Papstes anzutreten. Ich denke in diesen Stunden an das, was im Gebiet von Cäsarea Philippi vor zweitausend Jahren geschehen ist. Es scheint mir, als hörte ich die Worte des Petrus: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“, und die feierliche Bestätigung des Herrn: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen ... Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben“ (Mt 16,15–19).

Du bist der Messias! Du bist Petrus! Es kommt mir vor, als würde ich die im Evangelium beschriebene Szene miterleben; ich, der Nachfolger des Petrus, wiederhole mit Bangen die furchtsamen Worte des Fischers von Galiläa und höre mit innerer Bewegung die beruhigende Verheißung des göttlichen Meisters. Wenn die Last der Verantwortung, die auf meine schwachen Schultern gelegt wird, übermäßig groß ist, so ist die göttliche Macht, auf die ich zählen kann, sicher grenzenlos: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ (Mt 16,18). Als er mich zum Bischof von Rom erwählt hat, wollte der Herr mich zu seinem Stellvertreter, er wollte mich zum „Felsen“ machen, auf den sich alle sicher stützen können. Ich bitte ihn, meinen schwachen Kräften Abhilfe zu leisten, damit ich ein mutiger und treuer Hirt seiner Herde sein und den Eingebungen seines Geistes folgen kann.

Ich schicke mich an, dieses besondere Dienstamt anzutreten, das Petrusamt im Dienst der universalen Kirche, indem ich mich demütig den Händen der göttlichen Vorsehung überlasse. An erster Stelle erneuere ich Christus meine vollkommene und vertrauensvolle Zustimmung: „In Te, Domine, speravi; non confundar in aeternum!“

Mit dem Herzen voller Dank für das mir erwiesene Vertrauen bitte ich euch, meine Herren Kardinäle, mich durch das Gebet und die beständige, aktive und kluge Zusammenarbeit zu unterstützen. Ich bitte auch alle Brüder im Bischofsamt, mir mit ihrem Gebet und Rat zur Seite zu stehen, damit ich wirklich der „Servus servorum Dei“ sein kann. Wie Petrus und die übrigen Apostel nach dem Willen des Herrn ein einziges apostolisches Kollegium bildeten, so sollen der Nachfolger des Petrus und die Bischöfe, die Nachfolger der Apostel – das Konzil betonte es ausdrücklich (vgl. Lumen gentium, 22) –, miteinander verbunden sein. Trotz der unterschiedlichen Rollen und Aufgaben des römischen Papstes und der Bischöfe steht diese kollegiale Gemeinschaft im Dienst der Kirche und der Einheit im Glauben, von der in hohem Maße die Wirksamkeit der Evangelisierungstätigkeit in der Welt von heute abhängt. Auf diesem Weg, den meine verehrungswürdigen Vorgänger beschritten haben, will auch ich weitergehen in der einzigen Sorge, der ganzen Welt die lebendige Gegenwart Christi zu verkünden.

3. Mir steht insbesondere das Zeugnis von Papst Johannes Paul II. vor Augen. Er hinterlässt eine mutigere, freiere und jüngere Kirche. Eine Kirche, die nach seiner Lehre und seinem Beispiel gelassen auf die Vergangenheit blickt und keine Angst vor der Zukunft hat. Durch das Große Jubiläum ist sie in das neue Jahrtausend eingetreten, in den Händen das Evangelium haltend, das durch die maßgebliche vertiefte Interpretation des Zweiten Vatikanischen Konzils auf die heutige Welt angewandt wurde. Zu Recht hat Papst Johannes Paul II. das Konzil als „Kompass“ bezeichnet, mit dem man sich im weiten Meer des dritten Jahrtausends orientieren kann (vgl. Apostolisches Schreiben Novo millennio ineunte, 57–58). Auch in seinem geistlichen Testament schrieb er: „Ich bin überzeugt, dass es den jungen Generationen noch lange aufgegeben sein wird, die Reichtümer auszuschöpfen, die dieses Konzil des 20. Jahrhunderts uns geschenkt hat“ (17.3.2000; in O.R. dt., Nr. 16, 22.4.2005, S. 5).

Deshalb will auch ich, wenn ich den Dienst übernehme, der dem Nachfolger Petri eigen ist, mit Nachdruck den festen Willen bekräftigen, dass ich mich weiter um die Verwirklichung des Zweiten Vatikanischen Konzils bemühen werde, auf den Spuren meiner Vorgänger und in treuer Kontinuität mit der zweitausendjährigen Tradition der Kirche. In diesem Jahr wird der 40. Jahrestag des Abschlusses der Konzilsversammlung (8. Dezember 1965) gefeiert. Die Konzilsdokumente haben im Laufe der Jahre nicht an Aktualität verloren; ihre Lehren erweisen sich sogar als besonders nützlich im Bezug auf die neuen Anliegen der Kirche und der jetzigen globalisierten Gesellschaft.

4. Sehr bedeutungsvoll ist, dass mein Pontifikat zu einer Zeit beginnt, in der die Kirche das besondere Jahr der Eucharistie begeht. Sollte man in diesem providentiellen Zusammentreffen nicht ein Element sehen, das das Dienstamt, zu dem ich berufen bin, kennzeichnen muss? Die Eucharistie, Herz des christlichen Lebens und Quelle der Evangelisierungssendung der Kirche, soll die ständige Mitte und Quelle des mir anvertrauten Petrusamtes sein.

Die Eucharistie setzt den auferstandenen Christus immer gegenwärtig, der sich uns weiterhin darbringt, indem er uns auffordert, am Gastmahl seines Leibes und seines Blutes teilzuhaben. Aus der vollen Gemeinschaft mit Ihm erwächst jedes weitere Element des Lebens der Kirche, an erster Stelle die Gemeinschaft zwischen allen Gläubigen, die Verpflichtung, das Evangelium zu verkünden und zu bezeugen, und die leidenschaftliche Liebe zu allen, besonders zu den Armen und Geringen.

In diesem Jahr muss deshalb das Hochfest des Leibes und Blutes des Herrn, Fronleichnam, besonders feierlich begangen werden. Die Eucharistie wird dann im August den Mittelpunkt des Weltjugendtages in Köln und im Oktober der Ordentlichen Versammlung der Bischofssynode bilden, deren Thema lautet: „Die Eucharistie, Quelle und Höhepunkt des Lebens und der Sendung der Kirche.“ Ich bitte alle, in den kommenden Monaten die Liebe und Verehrung Jesu in der Eucharistie zu verstärken und den Glauben an die wirkliche Gegenwart des Herrn mutig und klar zum Ausdruck zu bringen, vor allem durch die Feierlichkeit und Korrektheit der Gottesdienste.

In besonderer Weise bitte ich die Priester darum, an die ich in diesem Augenblick mit großer Liebe denke. Das Priestertum ist im Abendmahlssaal zusammen mit der Eucharistie entstanden, wie mein verehrungswürdiger Vorgänger Johannes Paul II. viele Male unterstrichen hat. „Das Leben des Priesters muss in besonderer Weise eine ,eucharistische Gestalt‛ haben“, schrieb er in seinem letzten Brief zum Gründonnerstag 2005 (Nr. 1). Dazu trägt vor allem die andächtige tägliche Feier der heiligen Messe bei, die Mittelpunkt des Lebens und der Sendung jedes Priesters sein soll.

5. Genährt und gestützt von der Eucharistie, werden sich die Katholiken ganz selbstverständlich zum Streben nach jener vollen Einheit angespornt fühlen, die Christus im Abendmahlssaal so innig gewünscht hat. Der Nachfolger Petri weiß, dass er dieses tiefe Verlangen des göttlichen Meisters in ganz besonderer Weise auf sich nehmen muss. Denn ihm ist die Aufgabe übertragen, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32).

Zu Beginn seines Amtes in der Kirche von Rom, die Petrus mit seinem Blut getränkt hat, übernimmt sein jetziger Nachfolger ganz bewusst als vorrangige Verpflichtung die Aufgabe, mit allen Kräften an der Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi zu arbeiten. Das ist sein Bestreben, das ist seine dringende Pflicht. Er ist sich dessen bewusst, dass dafür die Bekundung aufrichtiger Gefühle nicht ausreicht. Es bedarf konkreter Gesten, die das Herz erfassen und die Gewissen aufrütteln, indem sie jeden zu der inneren Umkehr bewegen, die die Voraussetzung für jedes Fortschreiten auf dem Weg der Ökumene ist.

Der theologische Dialog ist notwendig, und die Untersuchung der geschichtlichen Beweggründe dieser Entscheidungen, die in der Vergangenheit geschehen sind, ist ebenfalls unerlässlich. Aber am dringendsten ist die „Reinigung des Gedächtnisses“, die von Johannes Paul II. so oft hervorgehoben wurde und die allein die Herzen darauf vorbereiten kann, die volle Wahrheit Christi aufzunehmen. Vor ihn, den höchsten Richter allen Lebens, muss jeder von uns hintreten in dem Bewusstsein, dass er Ihm eines Tages Rechenschaft ablegen muss über das, was er getan, und das, was er nicht getan hat im Hinblick auf das große Gut der vollen und sichtbaren Einheit aller seiner Jünger.

Der jetzige Nachfolger Petri lässt sich in erster Person diese Frage stellen und ist bereit, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um das grundlegende Anliegen der Ökumene zu fördern. Auf den Spuren seiner Vorgänger ist er fest entschlossen, jede Initiative zu pflegen, die angemessen erscheinen mag, um die Kontakte und das Einvernehmen mit den Vertretern der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu fördern. Ja, ihnen sende ich bei dieser Gelegenheit meinen herzlichen Gruß in Christus, dem einen Herrn aller.

6. In diesem Augenblick gedenke ich der unvergesslichen Erfahrung, die wir alle anlässlich des Todes und des Begräbnisses des verstorbenen Johannes Paul II. gemacht haben. Um seine sterbliche Hülle, die auf dem bloßen Erdboden ruhte, hatten sich die Oberhäupter der Nationen, Personen jedes Standes, und besonders die Jugendlichen in einer unvergesslichen Umarmung der Liebe und Bewunderung versammelt. Die ganze Welt hat voll Zuversicht auf ihn geschaut. Vielen schien es, dass diese eindrucksvolle Teilnahme, die von den Medien bis an die Grenzen des Planeten übertragen wurde, gleichsam ein gemeinsamer Hilferuf an den Papst von Seiten der heutigen Menschheit war, die sich, von Unsicherheiten und Ängsten beunruhigt, die Frage nach ihrer Zukunft stellt.

Die Kirche von heute muss in sich das Bewusstsein ihrer Aufgabe schärfen, der Welt die Stimme dessen anzubieten, der gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Joh 8,12). Bei seiner Amtsübernahme weiß der neue Papst, dass es seine Aufgabe ist, vor den Männern und Frauen von heute das Licht Christi leuchten zu lassen: nicht das eigene Licht, sondern das Licht Christi.

In diesem Bewusstsein wende ich mich an alle, auch an diejenigen, die anderen Religionen angehören oder die einfach eine Antwort auf die Grundfragen des Daseins suchen und sie noch nicht gefunden haben. An alle wende ich mich in Einfachheit und Liebe, um sie dessen zu vergewissern, dass die Kirche mit ihnen weiterhin einen offenen und aufrichtigen Dialog pflegen will in der Suche nach dem wahren Guten des Menschen und der Gesellschaft.

Ich erbitte von Gott die Einheit und den Frieden für die Menschheitsfamilie und erkläre die Bereitschaft aller Katholiken, für eine wahre gesellschaftliche Entwicklung zusammenzuarbeiten, die die Würde jedes Menschen achtet.

Ich werde weder an Kräften noch an Hingabe sparen, um den verheißungsvollen Dialog fortzusetzen, der von meinen verehrungswürdigen Vorgängern mit den verschiedenen Kulturen angeknüpft wurde, denn aus dem gegenseitigen Verständnis erwachsen die Bedingungen für eine bessere Zukunft aller.

In besonderer Weise denke ich an die jungen Menschen. Ihnen, den bevorzugten Gesprächspartnern von Papst Johannes PaulII., gilt meine liebevolle Umarmung in der Erwartung, dass ich – so Gott will – mit ihnen in Köln anlässlich des kommenden Weltjugendtages zusammentreffen werde. Liebe Jugendliche, ihr seid die Zukunft und Hoffnung der Kirche und der Menschheit, und ich setze mit euch den Dialog fort, indem ich eure Erwartungen anhöre in der Absicht, euch zu helfen, damit ihr dem lebendigen, ewig jungen Christus begegnet.

7. „Mane nobiscum, Domine!“ Bleibe bei uns, Herr! Diese Aufforderung, die das Hauptthema des Apostolischen Schreibens von Johannes Paul II. für das Jahr der Eucharistie bildet, ist die Bitte, die spontan aus meinem Herzen aufsteigt, während ich mich anschicke, das Dienstamt anzutreten, in das Christus mich berufen hat. Wie Petrus, so erneuere auch ich mein Versprechen uneingeschränkter Treue. Nur Ihm will ich dienen, indem ich mich vollständig dem Dienst an seiner Kirche widme.

Zur Bekräftigung meines Versprechens bitte ich um die mütterliche Fürsprache der allerseligsten Jungfrau Maria, in deren Hände ich die Gegenwart und die Zukunft meiner Person und der Kirche lege. Mögen auch die hll. Apostel Petrus und Paulus und alle Heiligen ihre Fürsprache einlegen.

Mit diesen Gefühlen erteile ich euch, verehrte Kardinalsbrüder, sowie denen, die an diesem Ritus teilnahmen, und allen, die über Fernsehen und Rundfunk mit uns verbunden sind, meinen besonderen liebevollen Segen.

(Orig. latein. in O.R. 21.4.2005)

AUDIENZ FÜR DIE IN ROM VERSAMMELTEN KARDINÄLE

Ansprache Seiner Heiligkeit Benedikt XVI.

Sala Clementina Freitag, 22. April 2005

Verehrte Brüder Kardinäle!

1. Auch heute begegne ich euch und möchte euch auf einfache und brüderliche Weise an den Empfindungen teilhaben lassen, die ich in diesen Tagen durchlebe. Die starken Emotionen anlässlich des Todes meines verehrten Vorgängers Johannes Pauls II. und dann während des Konklaves und vor allem bei dessen Ausgang verbinden sich mit einem tiefen Bedürfnis nach Schweigen und zwei einander ergänzenden Gefühlen: dem Wunsch, aus tiefstem Herzen zu danken, und einem Empfinden menschlichen Unvermögens angesichts der großen Aufgabe, die mich erwartet.

Da ist vor allem die Dankbarkeit. Ich fühle, dass ich an erster Stelle Gott zu danken habe, der mich trotz meiner menschlichen Schwäche als Nachfolger des Apostels Petrus haben wollte und mir die Aufgabe übertragen hat, die Kirche zu lenken und zu leiten, damit sie in der Welt Sakrament der Einheit für die ganze Menschheit sei (vgl. Lumen gentium, 1). Wir sind dessen gewiss, dass der ewige Hirt durch die Kraft seines Geistes seine Herde führt, indem er ihr jederzeit von ihm erwählte Hirten gewährt. In diesen Tagen ist das vielstimmige Gebet für den neuen Papst emporgestiegen, und wirklich bewegend war für mich die erste Begegnung mit den Gläubigen vorgestern Abend auf dem Petersplatz: Allen, Bischöfen, Priestern, Ordensmännern und Ordensfrauen, Jungen und Alten gilt meine tief empfundene Dankbarkeit für diese geistige Verbundenheit.

2. Einen herzlichen Dank darf ich an jeden von euch, verehrte Brüder, richten, angefangen beim Herrn Kardinal Angelo Sodano, der soeben als Sprachrohr der gemeinsamen Gefühle so warmherzige Worte und herzliche Glückwünsche an mich gerichtet hat. Mit ihm danke ich dem Herrn Kardinal-Camerlengo Eduardo Martínez Somalo für seinen großzügigen Dienst in dieser nicht einfachen Übergangsphase.

Sodann möchte ich meine aufrichtige Dankbarkeit für die aktive Mitarbeit in der Leitung der Kirche während der Sedisvakanz auf alle Mitglieder des Kardinalskollegiums ausweiten. Mit besonderer Zuneigung möchte ich die Kardinäle grüßen, die wegen ihres Alters oder aufgrund von Krankheit nicht am Konklave teilgenommen haben. Jedem von ihnen bin ich dankbar für das von ihnen abgegebene Beispiel an Verfügbarkeit und brüderlicher Gemeinschaft sowie auch für ihr eindringliches Gebet, beides Ausdruck der treuen Liebe zur Kirche, der Braut Christi.

Ein aufrichtiges Danke darf ich außerdem an alle richten, die in verschiedenen Funktionen an der Vorbereitung und Durchführung des Konklaves mitgearbeitet und den Kardinälen auf vielfältige Weise geholfen haben, diese verantwortungsreichen Tage möglichst sicher und ruhig zu verbringen.

3. Verehrte Brüder, meine ganz persönliche Dankbarkeit gilt euch für das Vertrauen, das ihr in mich gesetzt habt, als ihr mich zum Bischof von Rom und zum Hirten der Gesamtkirche gewählt habt. Es ist ein Akt des Vertrauens, der für mich eine Ermutigung darstellt, dieses neue Amt mit noch tieferer Gelassenheit anzugehen. Denn ich bin überzeugt, außer auf die unverzichtbare Hilfe Gottes auch auf eure großzügige Mitarbeit zählen zu können. Ich bitte euch, lasst es nie an eurer Unterstützung für mich fehlen! Auch wenn mir einerseits die Grenzen meiner Person und meiner Fähigkeiten bewusst sind, weiß ich andererseits nur zu gut um das Wesen des Auftrags, der mir anvertraut wurde und an dessen Erfüllung ich mit innerer Hingabe herangehen will. Hier geht es nicht um Ehren, sondern um einen Dienst, den es mit Einfachheit und Bereitwilligkeit zu leisten gilt, in der Nachfolge unseres Meisters und Herrn, der nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen (vgl. Mt 20,28), und der beim Letzten Abendmahl den Jüngern die Füße gewaschen und ihnen aufgetragen hat, dasselbe zu tun (vgl. Joh 13,13–14). Es bleibt mir und uns allen zusammen daher nichts anderes übrig, als den Willen Gottes von der Vorsehung anzunehmen und unser Bestes zu tun, um ihm zu entsprechen, indem wir uns bei der Erfüllung der jeweiligen Aufgaben im Dienst an der Kirche gegenseitig helfen.

4. Es ist mir ein Bedürfnis, in diesem Augenblick an meine verehrten Vorgänger zu erinnern, den seligen Johannes XXIII., die Diener Gottes Paul VI. und Johannes Paul I. und besonders Johannes Paul II., dessen Zeugnis uns in den letzten Tagen mehr als je zuvor gestützt hat und dessen Gegenwart wir noch immer lebendig fühlen. Das schmerzliche Ereignis seines Todes hat nach einer Zeit großer Prüfungen und Leiden in Wirklichkeit österliche Spuren erkennen lassen, wie er es in seinem Testament (24.II.–1.III.1980) erhofft hatte. Das Licht und die Kraft des auferstandenen Christus strahlten in der Kirche von jener Art „letzter Messe“ aus, die er in seiner Agonie gefeiert hat und die im „Amen“ eines Lebens gipfelte, das durch das Unbefleckte Herz Mariens völlig für das Heil der Welt aufgeopfert wurde.

5. Verehrte Brüder! Jeder wird nun an seinen jeweiligen Sitz zurückkehren, um wieder seine Arbeit aufzunehmen, aber geistlich bleiben wir vereint im Glauben und in der Liebe des Herrn, in der Verbundenheit der Eucharistiefeier, im unermüdlichen Gebet und in der Teilnahme am täglichen apostolischen Dienst. Eure geistliche Nähe, eure erfahrenen Ratschläge und eure tatkräftige Mitarbeit werden für mich ein Geschenk sein, für das ich immer dankbar sein werde, und ein Ansporn, den mir anvertrauten Auftrag mit absoluter Treue und Hingabe zu erfüllen.

Uns alle und die Erwartungen, Hoffnungen und Sorgen der ganzen Gemeinschaft der Christen vertraue ich der jungfräulichen Gottesmutter an, die mit ihrer stillen Gegenwart die entstehende Kirche begleitet und den Glauben der Apostel gestärkt hat. Unter dem mütterlichen Schutz Mariens, „Mater Ecclesiae“, lade ich euch ein, willig und gehorsam gegenüber der Stimme ihres göttlichen Sohnes und unseres Herrn Jesus Christus voranzugehen. Indem ich ihn um seinen ständigen Schutz bitte, erteile ich jedem von euch und allen, die die göttliche Vorsehung eurer Hirtensorge anvertraut, von Herzen den Apostolischen Segen.

(Orig. ital. in O.R. 23.4.2005)

HEILIGE MESSE ZUR AMTSEINFÜHRUNG VON PAPST BENEDIKT XVI. MIT ÜBERGABE DES PALLIUMS UND DES FISCHERRINGS

Predigt des Heiligen Vaters Benedikt XVI., Petersplatz, Sonntag, 24. April 2005

Meine Herren Kardinäle,
verehrte Brüder im Bischofs- und Priesteramt, sehr geehrte Staatsoberhäupter,
Mitglieder der offiziellen Delegationen und des Diplomatischen Corps,
liebe Brüder und Schwestern!

Dreimal hat uns in diesen ereignisreichen Tagen der Gesang der Allerheiligenlitanei begleitet: beim Begräbnis unseres heimgegangenen Heiligen Vaters Johannes Pauls II.; beim Einzug der Kardinäle ins Konklave, und jetzt haben wir es soeben wieder gesungen mit der Bitte: Tu illum adiuva – „sostieni il nuovo successore di S. Pietro“. Jedes Mal habe ich auf eigene Weise dieses gesungene Gebet als großen Trost empfunden. Wie verlassen fühlten wir uns nach dem Heimgang von Johannes Paul II., der gut 26 Jahre unser Hirt und Führer auf dem Weg durch diese Zeit gewesen war. Nun hatte er die Schwelle ins andere Leben – ins Geheimnis Gottes hinein – überschritten. Aber er ging nicht allein. Wer glaubt, ist nie allein – im Leben nicht und auch im Sterben nicht. Nun konnten wir die Heiligen aller Jahrhunderte herbeirufen – seine Freunde, seine Geschwister im Glauben. Und wir wussten, dass sie gleichsam das lebendige Fahrzeug sein würden, das ihn hinüber- und hinaufträgt zur Höhe Gottes. Wir wussten, wenn er ankommt, wird er erwartet. Er ist unter den Seinen, und er ist wahrhaft zu Hause. Wiederum war es so, als wir den schweren Zug ins Konklave gingen, um den zu finden, den der Herr erwählt hat. Wie sollten wir nur den Namen erkennen? Wie sollten 115 Bischöfe aus allen Kulturen und Ländern den finden, dem der Herr den Auftrag des Bindens und des Lösens geben möchte? Aber wieder wussten wir: Wir sind nicht allein. Wir sind von den Freunden Gottes umgeben, geleitet und geführt. Und nun, in dieser Stunde, muss ich schwacher Diener Gottes diesen unerhörten Auftrag übernehmen, der doch alles menschliche Vermögen überschreitet. Wie sollte ich das? Wie kann ich das? Aber Ihr alle, liebe Freunde, habt nun die ganze Schar der Heiligen stellvertretend durch einige der großen Namen der Geschichte Gottes mit den Menschen herbeigerufen, und so darf auch ich wissen: Ich bin nicht allein. Ich brauche nicht allein zu tragen, was ich wahrhaftig allein nicht tragen könnte. Die Schar der Heiligen Gottes schützt und stützt und trägt mich. Und Euer Gebet, liebe Freunde, Eure Nachsicht, Eure Liebe, Euer Glaube und Euer Hoffen begleitet mich. Denn zur Gemeinschaft der Heiligen gehören nicht nur die großen Gestalten, die uns vorangegangen sind und deren Namen wir kennen.

Die Gemeinschaft der Heiligen sind wir alle, die wir auf den Namen von Vater, Sohn und Heiligen Geist getauft sind und die wir von der Gabe des Fleisches und Blutes Christi leben, durch die er uns verwandeln und sich gleich gestalten will. Ja, die Kirche lebt – das ist die wunderbare Erfahrung dieser Tage. Durch alle Traurigkeit von Krankheit und Tod des Papstes hindurch ist uns dies auf wunderbare Weise sichtbar geworden: Die Kirche lebt. Und die Kirche ist jung. Sie trägt die Zukunft der Welt in sich und zeigt daher auch jedem einzelnen den Weg in die Zukunft. Die Kirche lebt – wir sehen es, und wir spüren die Freude, die der Auferstandene den Seinen verheißen hat. Die Kirche lebt – sie lebt, weil Christus lebt, weil er wirklich auferstanden ist. Wir haben an dem Schmerz, der auf dem Gesicht des Heiligen Vaters in den Ostertagen lag, das Geheimnis von Christi Leiden angeschaut und gleichsam seine Wunden berührt. Aber wir haben in all diesen Tagen auch den Auferstandenen in einem tiefen Sinn berühren dürfen. Wir dürfen die Freude verspüren, die er nach der kurzen Weile des Dunkels als Frucht seiner Auferstehung verheißen hat.

Die Kirche lebt – so begrüße ich in großer Freude und Dankbarkeit Euch alle, die Ihr hier versammelt seid, verehrte Kardinäle und Mitbrüder im Bischofsamt, liebe Priester, Diakone, pastorale Mitarbeiter und Katechisten. Ich grüße Euch, gottgeweihte Männer und Frauen, Zeugen der verwandelnden Gegenwart Gottes. Ich grüße Euch, gläubige Laien, die Ihr eingetaucht seid in den weiten Raum des Aufbaus von Gottes Reich, das sich über die Welt in allen Bereichen des Lebens ausspannt. Voller Zuneigung richte ich meinen Gruß auch an alle, die, im Sakrament der Taufe wiedergeboren, noch nicht in voller Gemeinschaft mit uns stehen; sowie an Euch, Brüder aus dem jüdischen Volk, mit dem wir durch ein großes gemeinsames geistliches Erbe verbunden sind, das in den unwiderruflichen Verheißungen Gottes seine Wurzeln schlägt. Schließlich gehen meine Gedanken – gleichsam wie eine Welle, die sich ausbreitet – zu allen Menschen unserer Zeit, zu den Glaubenden und zu den Nichtglaubenden.

Liebe Freunde! Ich brauche in dieser Stunde keine Art von Regierungsprogramm vorzulegen; einige Grundzüge dessen, was ich als meine Aufgabe ansehe, habe ich schon in meiner Botschaft vom Mittwoch, dem 20. April, vortragen können; andere Gelegenheiten werden folgen. Das eigentliche Regierungsprogramm aber ist, nicht meinen Willen zu tun, nicht meine Ideen durchzusetzen, sondern gemeinsam mit der ganzen Kirche auf Wort und Wille des Herrn zu lauschen und mich von ihm führen zu lassen, damit er selbst die Kirche führe in dieser Stunde unserer Geschichte.

Statt eines Programms möchte ich einfach die beiden Zeichen auszulegen versuchen, mit denen die In-Dienst-Nahme für die Nachfolge des heiligen Petrus liturgisch dargestellt wird; beide Zeichen spiegeln übrigens auch genau das, was in den Lesungen dieses Tages gesagt wird.

Das erste Zeichen ist das Pallium, ein Gewebe aus reiner Wolle, das mir um die Schultern gelegt wird. Dieses uralte Zeichen, das die Bischöfe von Rom seit dem 4. Jahrhundert tragen, mag zunächst einfach ein Bild sein für das Joch Christi, das der Bischof dieser Stadt, der Knecht der Knechte Gottes auf seine Schultern nimmt. Das Joch Gottes – das ist der Wille Gottes, den wir annehmen. Und dieser Wille ist für uns nicht eine fremde Last, die uns drückt und die uns unfrei macht. Zu wissen, was Gott will, zu wissen, was der Weg des Lebens ist – das war die Freude Israels, die es als eine große Auszeichnung erkannte. Das ist auch unsere Freude: Der Wille Gottes entfremdet uns nicht, er reinigt uns – und das kann weh tun – , aber so bringt er uns zu uns selber, und so dienen wir nicht nur ihm, sondern dem Heil der ganzen Welt, der ganzen Geschichte. Aber die Symbolik des Palliums ist konkreter: Aus der Wolle von Lämmern gewoben, will es das verirrte Lamm oder auch das kranke und schwache Lamm darstellen, das der Hirt auf seine Schultern nimmt und zu den Wassern des Lebens trägt. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf, dem der Hirte in die Wüste nachgeht, war für die Kirchenväter ein Bild für das Geheimnis Christi und der Kirche. Die Menschheit, wir alle, sind das verlorene Schaf, das in der Wüste keinen Weg mehr findet. Den Sohn Gottes leidet es nicht im Himmel; er kann den Menschen nicht in solcher Not stehen lassen. Er steht selber auf, verlässt des Himmels Herrlichkeit, um das Schaf zu finden und geht ihm nach bis zum Kreuz. Er lädt es auf die Schulter, er trägt unser Menschsein, er trägt uns – er ist der wahre Hirt, der für das Schaf sein eigenes Leben gibt. Das Pallium sagt uns zuallererst, dass wir alle von Christus getragen werden. Aber er fordert uns zugleich auf, einander zu tragen. So wird das Pallium zum Sinnbild für die Sendung des Hirten, von der die zweite Lesung und das Evangelium sprechen. Den Hirten muss die heilige Unruhe Christi beseelen, dem es nicht gleichgültig ist, dass so viele Menschen in der Wüste leben.

Und es gibt vielerlei Arten von Wüsten. Es gibt die Wüste der Armut, die Wüste des Hungers und des Durstes. Es gibt die Wüste der Verlassenheit, der Einsamkeit, der zerstörten Liebe. Es gibt die Wüste des Gottesdunkels, der Entleerung der Seelen, die nicht mehr um die Würde und um den Weg des Menschen wissen. Die äußeren Wüsten wachsen in der Welt, weil die inneren Wüsten so groß geworden sind. Deshalb dienen die Schätze der Erde nicht mehr dem Aufbau von Gottes Garten, in dem alle leben können, sondern dem Ausbau von Mächten der Zerstörung. Die Kirche als Ganze und die Hirten in ihr müssen wie Christus sich auf den Weg machen, um die Menschen aus der Wüste herauszuführen zu den Orten des Lebens – zur Freundschaft mit dem Sohn Gottes, der uns Leben schenkt, Leben in Fülle. Das Symbol des Lammes hat aber auch noch eine andere Seite. Im alten Orient war es üblich, dass die Könige sich als Hirten ihrer Völker bezeichneten. Dies war ein Bild ihrer Macht, ein zynisches Bild: Die Völker waren wie Schafe für sie, über die der Hirte verfügt. Der wahre Hirte aller Menschen, der lebendige Gott, ist selbst zum Lamm geworden, er hat sich auf die Seite der Lämmer, der Getretenen und Geschlachteten gestellt. Gerade so zeigt er sich als der wirkliche Hirt. „Ich bin der wahre Hirte ... Ich gebe mein Leben für die Schafe“, sagt Jesus von sich (Joh 10,14 f.). Nicht die Gewalt erlöst, sondern die Liebe. Sie ist das Zeichen Gottes, der selbst die Liebe ist. Wie oft wünschten wir, dass Gott sich stärker zeigen würde. Dass er dreinschlagen würde, das Böse ausrotten und die bessere Welt schaffen. Alle Ideologien der Gewalt rechtfertigen sich mit diesen Motiven: Es müsse auf solche Weise zerstört werden, was dem Fortschritt und der Befreiung der Menschheit entgegenstehe. Wir leiden unter der Geduld Gottes. Und doch brauchen wir sie alle. Der Gott, der Lamm wurde, sagt es uns: Die Welt wird durch den Gekreuzigten und nicht durch die Kreuziger erlöst. Die Welt wird durch die Geduld Gottes erlöst und durch die Ungeduld der Menschen verwüstet.

So muss es eine Haupteigenschaft des Hirten sein, dass er die Menschen liebt, die ihm anvertraut sind, weil und wie er Christus liebt, in dessen Diensten er steht. „Weide meine Schafe“, sagt Christus zu Petrus, sagt er nun zu mir. Weiden heißt lieben, und lieben heißt auch, bereit sein zu leiden. Und lieben heißt: den Schafen das wahrhaft Gute zu geben, die Nahrung von Gottes Wahrheit, von Gottes Wort, die Nahrung seiner Gegenwart, die er uns in den heiligen Sakramenten schenkt. Liebe Freunde – in dieser Stunde kann ich nur sagen: Betet für mich, dass ich den Herrn immer mehr lieben lerne. Betet für mich, dass ich seine Herde – Euch, die heilige Kirche, jeden einzelnen und alle zusammen – immer mehr lieben lerne. Betet für mich, dass ich nicht furchtsam vor den Wölfen fliehe. Beten wir füreinander, dass der Herr uns trägt und dass wir durch ihn einander zu tragen lernen.

Das zweite Zeichen, mit dem in der Liturgie dieses Tages die Einsetzung in das Petrusamt dargestellt wird, ist die Übergabe des Fischerrings. Die Berufung Petri zum Hirten, die wir im Evangelium gehört haben, folgt auf die Geschichte von einem reichen Fischfang: Nach einer Nacht, in der die Jünger erfolglos die Netze ausgeworfen hatten, sahen sie den auferstanden Herrn am Ufer. Er befiehlt ihnen, noch einmal auf Fang zu gehen, und nun wird das Netz so voll, dass sie es nicht wieder einholen können: 153 große Fische. „Und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht“ (Joh 21,11). Diese Geschichte am Ende der Wege Jesu mit seinen Jüngern antwortet auf eine Geschichte am Anfang: Auch da hatten die Jünger die ganze Nacht nichts gefischt; auch da fordert Jesus den Simon auf, noch einmal auf den See hinauszufahren. Und Simon, der noch nicht Petrus heißt, gibt die wunderbare Antwort: Meister, auf dein Wort hin werfe ich die Netze aus. Und nun folgt der Auftrag: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fischen“ (Lk 5,1–11). Auch heute ist es der Kirche und den Nachfolgern der Apostel aufgetragen, ins hohe Meer der Geschichte hinauszufahren und die Netze auszuwerfen, um Menschen für das Evangelium – für Gott, für Christus, für das wahre Leben – zu gewinnen. Die Väter haben auch diesem Vorgang eine ganz eigene Auslegung geschenkt. Sie sagen: Für den Fisch, der für das Wasser geschaffen ist, ist es tödlich, aus dem Meer geholt zu werden. Er wird seinem Lebenselement entrissen, um dem Menschen zur Nahrung zu dienen. Aber beim Auftrag der Menschenfischer ist es umgekehrt. Wir Menschen leben entfremdet, in den salzigen Wassern des Leidens und des Todes; in einem Meer des Dunkels ohne Licht. Das Netz des Evangeliums zieht uns aus den Wassern des Todes heraus und bringt uns ans helle Licht Gottes, zum wirklichen Leben. In der Tat – darum geht es beim Auftrag des Menschenfischers in der Nachfolge Christi, die Menschen aus dem Salzmeer all unserer Entfremdungen ans Land des Lebens, zum Licht Gottes zu bringen. In der Tat: Dazu sind wir da, den Menschen Gott zu zeigen. Und erst wo Gott gesehen wird, beginnt das Leben richtig. Erst wo wir dem lebendigen Gott in Christus begegnen, lernen wir, was Leben ist. Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht. Es gibt nichts Schöneres, als vom Evangelium, von Christus gefunden zu werden. Es gibt nichts Schöneres, als ihn zu kennen und anderen die Freundschaft mit ihm zu schenken. Die Arbeit des Hirten, des Menschenfischers mag oft mühsam erscheinen. Aber sie ist schön und groß, weil sie letzten Endes Dienst an der Freude Gottes ist, die in der Welt Einzug halten möchte.

Noch eins möchte ich hier anmerken: Sowohl beim Hirtenbild wie beim Bild vom Fischer taucht der Ruf zur Einheit ganz nachdrücklich auf. „Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; sie muss ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten“ (Joh 10,16), sagt Jesus am Ende der Hirtenrede. Und das Wort von den 153 großen Fischen endet mit der freudigen Feststellung: „Und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht“ (Joh 21,11). Ach, lieber Herr, nun ist es doch zerrissen, möchten wir klagend sagen. Aber nein – klagen wir nicht! Freuen wir uns über die Verheißung, die nicht trügt und tun wir das Unsrige, auf der Spur der Verheißung zu gehen, der Einheit entgegen. Erinnern wir bittend und bettelnd den Herrn daran: Ja, Herr, gedenke deiner Zusage. Lass einen Hirten und eine Herde sein. Lass dein Netz nicht zerreißen, und hilf uns Diener der Einheit zu sein!

In dieser Stunde geht meine Erinnerung zurück zum 22. Oktober 1978, als Papst Johannes Paul II. hier auf dem Petersplatz sein Amt übernahm. Immer noch und immer wieder klingen mir seine Worte von damals in den Ohren: „Non avete paura: Aprite, anzi spalancate le porte per Cristo!“ Der Papst sprach zu den Starken, zu den Mächtigen der Welt, die Angst hatten, Christus könnte ihnen etwas von ihrer Macht wegnehmen, wenn sie ihn einlassen und die Freiheit zum Glauben geben würden. Ja, er würde ihnen schon etwas wegnehmen: die Herrschaft der Korruption, der Rechtsbeugung, der Willkür. Aber er würde nichts wegnehmen von dem, was zur Freiheit des Menschen, zu seiner Würde, zum Aufbau einer rechten Gesellschaft gehört. Und der Papst sprach zu den Menschen, besonders zu den jungen Menschen. Haben wir nicht alle irgendwie Angst, wenn wir Christus ganz herein lassen, uns ihm ganz öffnen, könnte uns etwas genommen werden von unserem Leben? Müssen wir dann nicht auf so vieles verzichten, was das Leben erst so richtig schön macht? Würden wir nicht eingeengt und unfrei?

Und wiederum wollte der Papst sagen: Nein. Wer Christus einlässt, dem geht nichts, nichts – gar nichts verloren von dem, was das Leben frei, schön und groß macht. Nein, erst in dieser Freundschaft öffnen sich die Türen des Lebens. Erst in dieser Freundschaft gehen überhaupt die großen Möglichkeiten des Menschseins auf. Erst in dieser Freundschaft erfahren wir, was schön und was befreiend ist.

So möchte ich heute mit großem Nachdruck und großer Überzeugung aus der Erfahrung eines eigenen langen Lebens Euch, liebe junge Menschen, sagen: Habt keine Angst vor Christus! Er nimmt nichts, und er gibt alles. Wer sich ihm gibt, der erhält alles hundertfach zurück. Ja, aprite, spalancate le porte per Cristo – dann findet Ihr das wirkliche Leben. Amen.

(O.R. dt., Nr. 17, 29.4.2005)

AUDIENZ FÜR EINE DELEGATION VON VERTRETERN VERSCHIEDENER KIRCHEN UND KIRCHLICHER GEMEINSCHAFTEN SOWIE ANDERER RELIGIÖSER TRADITIONEN

Ansprache von Papst Benedikt XVI., Sala Clementina Montag, 25. April 2005

Mit Freude empfange ich Sie, verehrte Delegierte der orthodoxen Kirchen, der altorientalischen Kirchen und der kirchlichen Gemeinschaften des Westens, wenige Tage nach meiner Wahl. Besonders habe ich mich über Ihre gestrige Anwesenheit auf dem Petersplatz gefreut, nachdem wir die traurigen Stunden des Abschieds vom verstorbenen Papst Johannes Paul II. gemeinsam erlebt haben. Der Tribut an Sympathie und Zuneigung, den Sie meinem unvergesslichen Vorgänger gezollt haben, ging weit über einen einfachen Akt kirchlicher Höflichkeit hinaus. In den Jahren seines Pontifikats wurden große Fortschritte gemacht, und Ihre Anteilnahme an der Trauer der katholischen Kirche um seinen Tod hat gezeigt, wie echt und groß doch das gemeinsame leidenschaftliche Streben nach Einheit ist.

Mein Gruß an Sie sei auch mit einem Dank an den Herrn verbunden. Er hat uns durch sein Erbarmen gesegnet und uns die aufrichtige Bereitschaft gegeben, uns sein Gebet: „ut unum sint“ zu eigen zu machen. Dadurch ruft er uns die Bedeutsamkeit des Voranschreitens zur vollen Einheit immer deutlicher ins Bewusstsein. In brüderlicher Freundschaft können wir die vom Geist empfangenen Gaben untereinander austauschen, und wir fühlen uns zur gegenseitigen Ermutigung angeregt, damit wir der Welt, die heute oft verstört und beunruhigt, ahnungslos und gleichgültig scheint, Christus und seine Botschaft verkünden.

Nach diesen Worten auf Italienisch fuhr der Papst auf Französisch fort:

Unsere heutige Begegnung ist besonders bedeutungsvoll. Vor allem ermöglicht sie dem neuen Bischof von Rom, dem Hirten der katholischen Kirche, in aller Schlichtheit vor Ihnen allen erneut auszurufen: „Duc in altum!“ Gehen wir in der Hoffnung voran. Auf den Spuren meiner Vorgänger, insbesondere Pauls VI. und Johannes Pauls II., spüre ich den starken Drang nach einer neuerlichen Bekräftigung der vom Zweiten Vatikanischen Konzil unwiderruflich übernommenen Verpflichtung, die in den vergangenen Jahren auch dank der Tätigkeit des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen verwirklicht worden ist. Der Weg zur vollen Gemeinschaft, die Jesus für seine Jünger gewollt hat, verlangt Mut, Milde, Beharrlichkeit und die Hoffnung, ans Ziel zu gelangen, in konkreter Fügsamkeit gegenüber dem, was der Geist den Kirchen sagt. Vor allem aber verlangt er beständiges, einmütiges Gebet, um vom Guten Hirten das Geschenk der Einheit für seine Herde zu erhalten.

Wie könnte man nicht in einem Geist der Dankbarkeit gegenüber Gott anerkennen, dass unsere Begegnung auch die Bedeutung eines schon gewährten Geschenks hat? In der Tat hat Christus, der Friedensfürst, in unserer Mitte gewirkt, er hat mit vollen Händen Gefühle der Freundschaft verbreitet, er hat die Uneinigkeiten verringert und uns gelehrt, in größerer Dialogbereitschaft zu leben, im Einklang mit den Verpflichtungen derer, die seinen Namen tragen. Jenseits von allem, was uns trennt und Schatten auf unsere volle und sichtbare Gemeinschaft wirft, ist Ihre Gegenwart, liebe Brüder in Christus, ein Zeichen der Verbundenheit und Unterstützung für den Bischof von Rom, der auf Sie zählen kann, um hoffnungsvoll den eingeschlagenen Weg fortzusetzen und auf Ihn hin zu wachsen, Christus, der das Haupt ist.

Benedikt XVI. sagte danach wieder auf Italienisch:

Bei dieser außergewöhnlichen Gelegenheit versammeln wir uns hier zu Beginn meines kirchlichen Dienstes, den ich mit Bangen und in vertrauensvollem Gehorsam gegenüber dem Herrn angenommen habe. Ich möchte Sie alle aus diesem Anlass bitten, gemeinsam mit mir ein Beispiel für jene geistliche Ökumene zu geben, die unsere Gemeinschaft im Gebet ungehindert verwirklicht.

Diese Absichten und Betrachtungen vertraue ich Ihnen an zusammen mit meinen besten Wünschen, damit sie durch Sie an Ihre jeweiligen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften weitergegeben werden können.

Auf Englisch wandte sich der Papst an die Vertreter der anderen Religionsgemeinschaften:

Nun wende ich mich an Sie, verehrte Freunde aus verschiedenen religiösen Traditionen, und ich danke Ihnen aufrichtig für Ihre Gegenwart bei der feierlichen Eröffnung meines Pontifikats. Ihnen und allen, die den von Ihnen vertretenen Religionen angehören, gilt mein herzlicher, freundschaftlicher Gruß. Besonders dankbar bin ich, dass Mitglieder der muslimischen Gemeinschaft unter Ihnen anwesend sind, und ich bekunde meine Anerkennung für die Entfaltung des Dialogs zwischen Moslems und Christen, sowohl auf lokaler als auch auf internationaler Ebene. Ich sichere Ihnen zu, dass die Kirche auch weiterhin Brücken der Freundschaft mit den Anhängern aller Religionen bauen will, um das wahre Wohl jedes Menschen und der ganzen Gesellschaft zu suchen.

Die Welt, in der wir leben, ist oft von Konflikten, Gewalt und Krieg geprägt, aber sie sehnt sich ernsthaft nach Frieden, einem Frieden, der vor allem ein Geschenk Gottes ist, einem Frieden, für den wir unablässig beten müssen. Der Friede ist jedoch auch eine Aufgabe, zu der sich alle Völker verpflichten müssen, vor allem diejenigen, die ihre Zugehörigkeit zu religiösen Traditionen bekennen. Unsere Bemühungen, zueinander zu finden und den Dialog zu fördern, stellen einen wertvollen Beitrag zum Aufbau des Friedens auf einer soliden Grundlage dar. Papst Johannes Paul II., mein verehrter Vorgänger, schrieb zu Beginn des neuen Jahrtausends: „Der Name des einzigen Gottes muss immer mehr zu dem werden, was er ist, ein Name des Friedens und ein Gebot des Friedens“ (Novo millennio ineunte, 55). Es ist daher geboten, dass wir in einen authentischen und ehrlichen Dialog miteinander treten, gegründet auf den Respekt der Würde jedes Menschen, der, wie wir Christen fest glauben, nach dem Abbild und Gleichnis Gottes geschaffen wurde (vgl. Gen 1,26–27).

Der Papst schloss auf Italienisch:

Zu Beginn meines Pontifikats richte ich an Sie und an alle Gläubigen der von Ihnen vertretenen religiösen Traditionen sowie an alle Menschen, die mit aufrichtigem Herzen die Wahrheit suchen, die ausdrückliche Einladung, gemeinsam zu Stiftern des Friedens zu werden im gegenseitigen Streben nach Verständnis, Respekt und Liebe. An Sie alle richte ich meinen herzlichen Gruß.

(Orig. ital./franz./engl. in O.R. 26.4.2005)

AUDIENZ FÜR DIE PILGER AUS DEUTSCHLAND

Ansprache Seiner Heiligkeit Benedikt XVI., Montag, 25. April 2005

Liebe deutsche Landsleute!

Zunächst einmal muss ich vielmals um Entschuldigung bitten für meine Verspätung. Die Deutschen sind berühmt für ihre Pünktlichkeit. Es scheint, dass ich schon sehr italianisiert bin. Aber wir hatten eine große ökumenische Begegnung mit den Vertretern der Ökumene aus aller Welt, aus allen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, mit den Vertretern der anderen Religionen. Das war sehr herzlich, so dass es länger gedauert hat.

Jetzt aber endlich: Herzlich willkommen!

Von Herzen danke ich für die Glückwünsche, für die Worte und Zeichen der Zuwendung und der Freundschaft, die ich aus allen Teilen Deutschlands in überwältigender Weise empfangen habe. Am Beginn meines Weges in einem Amt, an das ich nie gedacht hatte und für das ich mich nicht geschaffen glaubte, ist mir dies alles eine ganz große Stärkung und Hilfe. Vergelt’s Gott!

Als langsam der Gang der Abstimmungen mich erkennen ließ, dass sozusagen das Fallbeil auf mich herabfallen würde, war mir ganz schwindelig zumute. Ich hatte geglaubt, mein Lebenswerk getan zu haben und nun auf einen ruhigen Ausklang meiner Tage hoffen zu dürfen. Ich habe mit tiefer Überzeugung zum Herrn gesagt: Tu mir dies nicht an! Du hast Jüngere und Bessere, die mit ganz anderem Elan und mit ganz anderer Kraft an diese große Aufgabe herantreten können.

Da hat mich ein kleiner Brief sehr berührt, den mir ein Mitbruder aus dem Kardinalskollegium geschrieben hat. Er erinnerte mich daran, dass ich die Predigt beim Gottesdienst für Johannes Paul II. vom Evangelium her unter das Wort gestellt hatte, das der Herr am See von Genezareth zu Petrus gesagt hat: Folge mir nach! Ich hatte dargestellt, wie Karol Wojtyła immer wieder vom Herrn diesen Anruf erhielt und immer neu viel aufgeben und einfach sagen musste: Ja, ich folge dir, auch wenn du mich führst, wohin ich nicht wollte. Der Mitbruder schrieb mir: Wenn der Herr nun zu Dir sagen sollte „Folge mir“, dann erinnere Dich, was Du gepredigt hast. Verweigere Dich nicht! Sei gehorsam, wie Du es vom großen heimgegangenen Papst gesagt hast. Das fiel mir ins Herz. Bequem sind die Wege des Herrn nicht, aber wir sind ja auch nicht für die Bequemlichkeit, sondern für das Große, für das Gute geschaffen.

So blieb mir am Ende nichts, als Ja zu sagen. Ich vertraue auf den Herrn, und ich vertraue auf Euch, liebe Freunde. Ein Christ ist nie allein, habe ich gestern in der Predigt gesagt. Damit habe ich die wunderbare Erfahrung ausgedrückt, die wir alle in diesen außergewöhnlichen vier Wochen machen durften, die hinter uns liegen. Beim Tod des Papstes ist in aller Trauer die lebendige Kirche erschienen. Und es ist sichtbar geworden, dass die Kirche eine Kraft der Einheit, ein Zeichen für die Menschheit ist. Wenn die großen Nachrichten-Stationen 24 Stunden auf 24 Stunden über den Heimgang des Papstes, über die Trauer der Menschen, über das Wirken des großen Heimgegangenen berichteten, antworteten sie auf eine Teilnahme, die jede Erwartung überstieg.

Im Papst war ihnen ein Vater sichtbar geworden, der Vertrauen und Zuversicht schenkte. Der alle irgendwie untereinander verband. Es wurde sichtbar, dass die Kirche nicht in sich verschlossen und nur für sich selber da ist, sondern dass sie ein Lichtpunkt für die Menschen ist. Es wurde sichtbar: Die Kirche ist gar nicht alt und unbeweglich. Nein, sie ist jung. Und wenn wir auf diese Jugend schauen, die sich um den verstorbenen Papst und letztlich um Christus scharte, für den er eingestanden war, dann wurde etwas nicht minder Tröstliches sichtbar: Es ist gar nicht wahr, dass die Jugend vor allem an Konsum und an Genuss denkt. Es ist nicht wahr, dass sie materialistisch und egoistisch ist. Das Gegenteil ist wahr: Die Jugend will das Große. Sie will, dass dem Unrecht Einhalt geboten ist. Sie will, dass die Ungleichheit überwunden und allen ihr Anteil an den Gütern der Welt wird. Sie will, dass die Unterdrückten ihre Freiheit erhalten. Sie will das Große. Sie will das Gute.

Und deswegen ist die Jugend – seid Ihr – auch wieder ganz offen für Christus. Christus hat uns nicht das bequeme Leben versprochen. Wer Bequemlichkeit will, der ist bei ihm allerdings an der falschen Adresse. Aber er zeigt uns den Weg zum Großen, zum Guten, zum richtigen Menschenleben. Wenn er vom Kreuz spricht, das wir auf uns nehmen sollen, ist es nicht Lust an der Quälerei oder kleinlicher Moralismus. Es ist der Impuls der Liebe, die aufbricht aus sich selbst heraus, die nicht umschaut nach sich selber, sondern den Menschen öffnet für den Dienst an der Wahrheit, an der Gerechtigkeit, am Guten. Christus zeigt uns Gott und damit die wahre Größe des Menschen.

Mit dankbarer Freude sehe ich die Delegationen und Pilger aus meiner bayerischen Heimat. Schon bei anderen Gelegenheiten durfte ich Euch sagen, wie viel mir eure treue Verbundenheit bedeutet, die seit jenen Tagen anhält, in denen ich meine geliebte Erzdiözese München und Freising in Richtung Vatikan verlassen habe, um dem Ruf meines verehrten Vorgängers Papst Johannes Pauls II. Folge zu leisten, der mich vor mehr als 23Jahren zum Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre bestellt hatte.

In all den Jahren, die seither vergangen sind, war mir stets bewusst, dass Bayern und Rom nicht nur in geographischer Hinsicht nicht weit auseinander liegen: Bayern und Rom, das waren von je her zwei Pole, die in fruchtbarer Beziehung zueinander standen. Von Rom kam das Evangelium mit Kaufleuten, Beamten und Soldaten bis an die Donau und an den Lech. Ich überspringe jetzt viele Dinge. Im 16. und im 17. Jahrhundert gab dann Bayern eines der schönsten Zeugnisse der Treue zur katholischen Kirche. Dies belegt der sehr fruchtbare Austausch von Kultur und Frömmigkeit zwischen dem barocken Bayern und dem Sitz des Nachfolgers Petri. In der Neuzeit war es Bayern, das der Gesamtkirche einen so liebenswerten Heiligen wie den Kapuzinerpförtner Bruder Konrad von Parzam geschenkt hat.

Liebe Freunde, lassen wir uns nicht abbringen von diesem Großmut, von dieser Wanderschaft zu Christus. Ich freue mich auf Köln, wo sich die Jugend der Welt treffen wird oder besser: wo die Jugend der Welt ihre Begegnung mit Christus hält. Gehen wir miteinander, halten wir zusammen. Ich vertraue auf Eure Hilfe. Ich bitte Euch um Nachsicht, wenn ich Fehler mache wie jeder Mensch oder wenn manches unverständlich bleibt, was der Papst von seinem Gewissen und vom Gewissen der Kirche her sagen und tun muss. Ich bitte Euch um Euer Vertrauen. Halten wir zusammen, dann finden wir den rechten Weg. Und bitten wir Maria, die Mutter des Herrn, dass sie uns ihre frauliche und mütterliche Güte spüren lässt, in der uns erst die ganze Tiefe des Geheimnisses Christi aufgehen kann. Der Herr segne Euch alle!

(Orig. dt. in O.R. 24.4.2005)

BESUCH IN DER PATRIARCHALBASILIKA ST. PAUL VOR DEN MAUERN

Predigt von Papst Benedikt XVI., Montag, 25. April 2005

'Meine Herren Kardinäle,
verehrte Brüder im Bischofs- und Priesteramt, liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Ich danke Gott, der mir zu Beginn meines Dienstes als Nachfolger Petri ermöglicht, im Gebet am Grab des Apostels Paulus zu verweilen. Dies ist eine von mir tief ersehnte Pilgerfahrt, eine Geste des Glaubens, die ich in meinem eigenen Namen tue, aber auch im Namen der geliebten Diözese Rom, zu deren Bischof und Hirten mich der Herr eingesetzt hat, sowie im Namen der Universalkirche, die meiner pastoralen Sorge anvertraut ist. Es ist gewissermaßen eine Pilgerfahrt zu den Wurzeln der Mission, jener Mission, die der auferstandene Christus dem Petrus, den Aposteln und in besonderer Weise auch Paulus übertrug. Er bewegte ihn dazu, den Völkern das Evangelium zu überbringen, wobei er schließlich hier in diese Stadt gelangte, in der er, nachdem er lange das Reich Gottes verkündet hatte (vgl. Apg 28,31), mit seinem Blut das äußerste Zeugnis für seinen Herrn ablegte, der ihn „ergriffen“ (Phil 3,12) und gesandt hatte.

Noch bevor ihn die göttliche Vorsehung nach Rom führte, schrieb der Apostel den Christen dieser Stadt, der Hauptstadt des Reiches, seinen in lehrmäßiger Hinsicht wichtigsten Brief. Soeben wurde dessen erster Teil vorgelesen, ein bedeutungsdichtes Vorwort, in dem der Apostel die Gemeinde von Rom grüßt und sich dabei als „Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel“ vorstellt (Röm 1,1). Und etwas später fügt er hinzu: „Durch ihn [Christus] haben wir Gnade und Apostelamt empfangen, um in seinem Namen alle Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu führen“ (Röm 1,5).

Liebe Freunde, als Nachfolger Petri bin ich hier, um im Glauben diese „Gnade des Apostolats“ wiederzubeleben, denn Gott hat mir gemäß einem anderen Wort des Völkerapostels „die Sorge für die Gemeinden“ (2 Kor 11,28) anvertraut. Wir haben das Beispiel meines geliebten und verehrten Vorgängers Johannes Paul II. vor Augen, dessen so intensives Wirken, für das mehr als hundert Apostolische Reisen außerhalb der Grenzen Italiens Zeugnis geben, wirklich unnachahmlich ist. Was bewegte ihn zu einer solchen Dynamik, wenn nicht eben jene Liebe zu Christus, die auch das Leben des hl. Paulus verwandelte (vgl. 2 Kor 5,14)? Der Herr möge auch in mir eine solche Liebe nähren, damit ich mich rastlos einsetze für die so dringend notwendige Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute. Die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch, ihre vorrangige Aufgabe ist die Evangelisierung. Das Zweite Ökumenische Vatikanische Konzil widmete der Missionstätigkeit das Dekret mit dem Namen Ad gentes, in dem daran erinnert wird, dass „die Apostel ... den Spuren Christi folgend, ,das Wort der Wahrheit verkündet und Kirchen gezeugt‘ [haben] (hl. Augustinus, Enarr. in ps. 44,23: PL 36,508)“ und es „Pflicht ihrer Nachfolger ist ..., diesem Werk Dauer zu verleihen, damit ,das Wort Gottes seinen Lauf nehme und verherrlicht werde‘ (2 Thess 3,1) und die Herrschaft Gottes überall auf Erden angekündigt und aufgerichtet werde“ (Nr. 1).

Zu Beginn des dritten Jahrtausends spürt die Kirche mit neuer Lebendigkeit, dass der missionarische Auftrag Christi von besonderer Aktualität ist. Das Große Jubiläum des Jahres 2000 leitete sie dazu an, „neu anzufangen bei Christus“, der im Gebet betrachtet wird, damit das Licht seiner Wahrheit allen Menschen erstrahle, vor allem durch das Zeugnis der Heiligkeit. Es ist mir ein Herzensanliegen, an dieser Stelle an das Wort zu erinnern, das der hl. Benedikt in seiner Regel anführte, als er die Mönche ermahnte, „der Liebe zu Christus nichts vorzuziehen“ (Kap. 4). In der Tat wurde Paulus durch seine Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus genau dazu veranlasst: Christus zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen, indem er alles hinter sich ließ zugunsten der erhabenen Erkenntnis seiner Person und seines Geheimnisses der Liebe, und indem er sich dafür einsetzte, Ihn allen Menschen zu verkünden, insbesondere den Heiden, zur Verherrlichung seines Namens (vgl. Röm1,5). Die Begeisterung für Christus veranlasste ihn, das Evangelium nicht nur mit Worten zu verkünden, sondern mit dem eigenen Leben, das er immer mehr an seinem Herrn ausrichtete. Schließlich verkündete Paulus den Messias durch sein Martyrium, und sein Blut tränkte zusammen mit dem des hl. Petrus und vieler anderer Zeugen des Evangeliums diesen Boden und befruchtete die Kirche von Rom, die in der universalen Gemeinschaft der Liebe den Vorsitz innehat (vgl. hl. Ignatius von Antiochien, Ad Rom., Inscr.: Funk, I, 252).

Das 20.Jahrhundert war, wie wir alle wissen, eine Zeit des Martyriums. Dies hat in besonderer Weise Papst Johannes Paul II. hervorgehoben, der die Kirche aufforderte, „das Martyrologium zu aktualisieren“, und der zahlreiche Märtyrer der jüngeren Geschichte selig und heilig sprach. Wenn also das Blut der Märtyrer der Same neuer Christen ist, dann können wir berechtigterweise zu Beginn des dritten Jahrtausends ein neues Wiedererstarken der Kirche erwarten, vor allem dort, wo sie um des Glaubens und der Verkündigung des Evangeliums willen besonders gelitten hat.

Diesen Wunsch vertrauen wir der Fürsprache des hl. Paulus an. Er erwirke der Kirche von Rom und insbesondere ihrem Bischof sowie dem ganzen Volk Gottes, die Freude, allen Menschen die Frohe Botschaft von Christus, dem Erlöser, zu verkünden und zu bezeugen.

(Orig. ital. in O.R. 27.4.2005)

ERSTE GENERALAUDIENZ AUF DEM PETERSPLATZ

Ansprache von Papst Benedikt XVI., Petersplatz, Mittwoch, 27. April 2005

Liebe Brüder und Schwestern!

Mit Freude empfange ich euch, und ich richte meinen herzlichen Gruß an euch, die ihr hier anwesend seid, aber auch an all jene, die mit uns über Rundfunk und Fernsehen verbunden sind.

Wie ich schon bei der ersten Begegnung mit den Herren Kardinälen am Mittwoch vor genau einer Woche in der Sixtinischen Kapelle sagte, empfinde ich in diesen Tagen des Antritts meines Petrusamtes unterschiedliche Gefühle in meinem Herzen: Staunen und Dankbarkeit Gott gegenüber, der vor allem mich selbst überrascht hat, als er mich zum Nachfolger des Apostels Petrus berief; und auch ein inneres Bangen angesichts der hohen Aufgabe und der schweren Verantwortung, die mir anvertraut worden sind. Aber die Gewissheit des Beistands Gottes und seiner allerseligsten Mutter, der Jungfrau Maria, sowie der heiligen Schutzpatrone erfüllt mich mit Gelassenheit und Freude. Eine Stütze ist mir auch die geistliche Nähe des ganzen Volkes Gottes, das ich weiterhin bitte – wie ich schon am vergangenen Sonntag wiederholt habe –, mich unermüdlich im Gebet zu begleiten.

Nach dem friedlichen Heimgang meines verehrten Vorgängers Johannes Paul II. werden heute die traditionellen Generalaudienzen am Mittwoch wieder aufgenommen.

Bei dieser ersten Begegnung möchte ich zunächst über den Namen sprechen, den ich gewählt habe, als ich Bischof von Rom und universaler Hirt der Kirche wurde. Ich wollte mich Benedikt XVI. nennen, weil ich geistig an den ehrwürdigen Papst Benedikt XV. anknüpfen wollte, der die Kirche in der stürmischen Zeit des Ersten Weltkriegs geleitet hat. Er war ein mutiger und wahrer Prophet des Friedens und bemühte sich mit großer Tapferkeit zuerst darum, das Drama des Krieges zu vermeiden, und später dessen unheilvolle Auswirkungen einzudämmen. Ich möchte mein Amt auf seinen Spuren im Dienst der Versöhnung und Harmonie unter den Menschen und Völkern fortführen in der Überzeugung, dass das große Gut des Friedens vor allem ein Geschenk Gottes, ein zerbrechliches und wertvolles Geschenk ist, das Tag für Tag durch den Beitrag aller zu erbitten, zu schützen und aufzubauen ist.

Der Name Benedikt erinnert auch an die herausragende Gestalt des großen „Patriarchen des abendländischen Mönchtums“, an den hl. Benedikt von Nursia, der zusammen mit den hll. Cyrill und Methodius Patron von Europa ist. Die zunehmende Ausbreitung des von ihm gegründeten Benediktinerordens hatte großen Einfluss auf die Verbreitung des Christentums in ganz Europa. Deshalb wird der hl. Benedikt in Deutschland und besonders in Bayern, meinem Geburtsland, sehr verehrt; er ist ein grundlegender Bezugspunkt für die Einheit Europas und ein nachdrücklicher Hinweis auf die unverzichtbaren christlichen Wurzeln der europäischen Kultur und Zivilisation. Von diesem Vater des abendländischen Mönchstums kennen wir die Empfehlung, die er den Mönchen in seiner Regel hinterlassen hat: „Der Liebe zu Christus nichts vorziehen“ (Regel 72,11; vgl. 4,21). Zu Beginn meines Dienstes als Nachfolger Petri bitte ich den hl. Benedikt, uns zu helfen, an der zentralen Stellung Christi in unserem Dasein festzuhalten. Er soll in unserem Denken und Handeln immer an erster Stelle stehen!

Ich denke voll Zuneigung an meinen verehrungswürdigen Vorgänger Johannes Paul II., dem wir ein großartiges geistliches Erbe verdanken. „Unsere christlichen Gemeinden“ – so betonte er in dem Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte – „müssen echte Schulen des Gebets werden, wo die Begegnung mit Christus nicht nur im Flehen um Hilfe Ausdruck findet, sondern auch in Danksagung, Lob, Anbetung, Betrachtung, Zuhören, Leidenschaft der Gefühle bis hin zu einer richtigen Verliebtheit des Herzens“ (Nr. 33). Diese Weisungen hat er selbst in die Tat umsetzen wollen, indem er in letzter Zeit in den Mittwochskatechesen die Psalmen der Laudes und der Vesper kommentiert hat. So wie er am Anfang seines Pontifikats die von seinem Vorgänger begonnenen Betrachtungen über die christlichen Tugenden fortsetzen wollte (vgl. Insegnamenti di Giovanni Paolo II, I, 1978, Ss. 60–63), so möchte auch ich bei den kommenden wöchentlichen Begegnungen den von ihm vorbereiteten Kommentar über den zweiten Teil der Psalmen und Lieder der Vesper fortführen. Am kommenden Mittwoch werde ich dort weiterfahren, wo seine Katechesen mit der Generalaudienz vom 26. Januar des Jahres unterbrochen wurden.

Liebe Freunde, ich danke nochmals für euren Besuch, ich danke für die Zuneigung, mit der ihr mich umgebt. Ich erwidere diese Gefühle herzlich mit einem besonderen Segen, den ich euch hier Anwesenden, euren Angehörigen und allen, die euch nahe stehen, erteile.

(Orig. ital. in O.R. 28.4.2005)

VOR DEM MARIENGEBET REGINA COELI

Ansprache Seiner Heiligkeit Benedikt XVI., Petersplatz, Sonntag, 1. Mai 2005

Zum ersten Mal wende ich mich an euch von diesem Fenster aus, das durch die geliebte Person meines Vorgängers unzähligen Menschen auf der ganzen Welt vertraut geworden ist. Und wir denken auch an jenes andere Fenster. Einem Termin getreu, der zu einer lieben Gewohnheit geworden ist, hat Johannes Paul II. Sonntag für Sonntag über ein Vierteljahrhundert lang die Geschichte der Kirche und der Welt begleitet, und wir spüren, dass er uns weiterhin sehr nahe ist. Mein erster Gedanke gilt in Dankbarkeit denen, die mich in diesen Tagen mit ihrem Gebet unterstützt haben, und allen, die mir aus der ganzen Welt Botschaften und gute Wünsche gesandt haben.

Mit besonderer Zuneigung möchte ich die orthodoxen Kirchen, die orthodoxen orientalischen Kirchen und die katholischen orientalischen Kirchen grüßen, die an diesem Sonntag das Fest der Auferstehung Christi begehen. An diese unsere lieben Brüder richte ich die traditionelle Botschaft der Freude: „Christós anesti!“ Ja, Christus ist auferstanden, er ist wahrhaft auferstanden. Von Herzen wünsche ich, dass die Feier des Osterfestes für sie ein einmütiges Gebet des Glaubens und des Lobes zu Ihm sei, der unser gemeinsamer Herr ist und der uns aufruft, mit Entschiedenheit den Weg hin zur vollen Gemeinschaft zu gehen.

Heute beginnt der Monat Mai mit einem liturgischen Gedenktag, der dem Volk Gottes sehr am Herzen liegt, der Gedenktag des hl. Josephs, des Arbeiters. Und ihr wisst, dass ich Joseph heiße. Dieser Gedenktag wurde von Papst Pius XII. seligen Angedenkens vor genau 50 Jahren eingeführt, um die Bedeutung der Arbeit und der Gegenwart Christi und der Kirche in der Arbeitswelt hervorzuheben. Auch in der heutigen Gesellschaft ist es notwendig, das „Evangelium der Arbeit“ zu bezeugen, von dem Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Laborem exercens gesprochen hat. Mein Wunsch ist, dass es vor allem den jungen Menschen nie an Arbeit fehlen möge und dass die Arbeitsbedingungen immer mehr die Würde der menschlichen Person achten.

Mit Zuneigung denke ich an alle Arbeiter und grüße diejenigen, die unterschiedlichen Vereinigungen angehören und heute auf dem Petersplatz versammelt sind. Mein besonderer Gruß gilt den Freunden der ACLI [Associazione cristiane dei lavoratori italiani/Christliche Vereinigungen der italienischen Arbeiter], die in diesem Jahr ihr 60.Gründungsjubiläum feiern, und ich wünsche ihnen, dass sie weiterhin die Entscheidung für die „christliche Brüderlichkeit“ in die Tat umsetzen als einen Wert, der im Bereich der Arbeit und des gesellschaftlichen Lebens verwirklicht werden muss, damit die Solidarität, die Gerechtigkeit und der Frieden zu jenen Pfeilern werden, auf denen die Einheit der Menschheitsfamilie aufgebaut wird.

Abschließend gelten meine Gedanken Maria: Ihr ist der Monat Mai in besonderer Weise geweiht. Durch seine Worte und mehr noch durch sein Vorbild hat uns Papst Johannes Paul II. gelehrt, Christus mit den Augen Marias zu betrachten, vor allem indem wir dem heiligen Rosenkranz besondere Aufmerksamkeit schenken. Mit dem Gesang des „Regina Coeli“ vertrauen wir der Jungfrau alle Anliegen der Kirche und der Menschheit an.

Nach dem Regina Coeli sagte der Papst auf Italienisch:

In diesen Tagen denke ich oft an die Völker, die aufgrund von Kriegen, Krankheiten und Armut leiden. Heute bin ich besonders der geliebten Bevölkerung von Togo nahe, die durch schmerzliche innere Kämpfe erschüttert wird. Für all diese Nationen erflehe ich die Gabe der Eintracht und des Friedens.

... auf Spanisch:

Herzlich begrüße ich die Gläubigen aus den Pfarreien „Santa Joaquina Vedruna“ in Barcelona und „Santa Catalina de Siena“ in Madrid, die an diesem Mariengebet teilnehmen. Liebe Brüder, der Besuch der Apostelgräber möge euch bestärken in eurer Verpflichtung zur vollkommenen Hingabe an Christus und seine Kirche.

Abschließend sagte der Heilige Vater auf Italienisch:

Mit Zuneigung grüße ich die Gläubigen aus Budapest und Pécs in Ungarn; die Laienbrüder und -schwestern der Canossianer; die Kinder des Kindergartens von Abbasanta in Sardinien mit ihren Erziehern und Eltern; die Eisenbahntruppe aus Bologna.

Schließlich wünsche ich euch allen einen schönen Sonntag. Danke für eure Aufmerksamkeit. Allen einen schönen Sonntag.

(O.R. dt., Nr. 18, 6.6.2005)

EUCHARISTIEFEIER ANLÄSSLICH DER FEIERLICHEN INBESITZNAHME DER KATHEDRA DES BISCHOFS VON ROM IN DER LATERANBASILIKA

Predigt von Papst Benedikt XVI.

Samstag, 7. Mai 2005

Liebe Väter Kardinäle,
liebe Brüder im Bischofsamt, liebe Brüder und Schwestern!

Am heutigen Tag, an dem ich als Nachfolger Petri zum ersten Mal die Kathedra, den Sitz des Bischofs von Rom, einnehmen kann, feiert die Kirche in Italien das Fest der Himmelfahrt des Herrn. Im Mittelpunkt dieses Tages steht Christus. Allein ihm, allein dem Geheimnis seiner Auffahrt in den Himmel ist es zu verdanken, dass es uns gelingt, die Bedeutung der Kathedra, die Symbol der Macht und der Verantwortung des Bischofs ist, zu verstehen. Was will uns also das Fest der Himmelfahrt des Herrn sagen? Es will uns nicht sagen, dass der Herr irgendwohin, weit weg von den Menschen und der Welt, gegangen ist.

Die Himmelfahrt Christi ist keine Weltraumfahrt zu den fernsten Gestirnen; denn im Grunde genommen bestehen auch die Gestirne, ebenso wie die Erde, aus physischen Elementen. Die Himmelfahrt Christi bedeutet, dass er nicht mehr der Welt der Vergänglichkeit und des Todes angehört, die unser Leben bedingt. Sie bedeutet, dass er vollkommen Gott gehört. Er – der ewige Sohn – hat unser Menschsein vor das Angesicht Gottes getragen, er hat das Fleisch und Blut in einer verwandelten Gestalt mit sich getragen. Der Mensch findet Raum in Gott; durch Christus wurde das menschliche Sein in das innerste Leben Gottes selbst hineingenommen. Und da Gott den ganzen Kosmos umfasst und trägt, bedeutet die Himmelfahrt des Herrn, dass sich Christus nicht von uns entfernt hat, sondern dass er jetzt, weil er beim Vater ist, jedem von uns für immer nahe ist. Jeder von uns darf zu ihm „Du“ sagen; jeder kann ihn anrufen. Der Herr befindet sich immer in Hörweite. Wir können uns innerlich von ihm entfernen. Wir können leben, indem wir ihm den Rücken zukehren. Aber er erwartet uns immer und ist uns immer nahe.

Aus den Lesungen der heutigen Liturgie erfahren wir auch etwas mehr darüber, wie der Herr diese seine Nähe zu uns konkret verwirklicht. Der Herr verheißt den Jüngern seinen Heiligen Geist. Die Erste Lesung, die wir gehört haben, sagt uns, dass der Heilige Geist für die Jünger „Kraft“ sein wird; das Evangelium fügt hinzu, dass er sie in die ganze Wahrheit einführen wird. Jesus hat seinen Jüngern alles gesagt, da er selbst das lebendige Wort Gottes ist, und Gott kann nicht mehr geben als sich selbst. In Jesus hat Gott sich uns selbst ganz geschenkt, das heißt, er hat uns alles geschenkt. Darüber hinaus oder daneben kann es für uns keine weitere Offenbarung geben, die in der Lage wäre, mehr mitzuteilen bzw. die Offenbarung Christi irgendwie zu ergänzen. In ihm, im Sohn, ist uns alles gesagt, ist uns alles geschenkt worden. Aber unsere Auffassungsgabe ist begrenzt; daher besteht die Sendung des Geistes darin, die Kirche immer wieder neu, von Generation zu Generation, in die Größe des Geheimnisses Christi einzuführen. Der Geist stellt nicht etwas anderes oder Neues neben Christus; es gibt nicht – wie einige behaupten – eine Geistoffenbarung neben der Offenbarung Christi, es gibt keine zweite Offenbarungsebene. Nein: „Er wird von dem, was mein ist, nehmen“, sagt Christus im Evangelium (Joh 16,14). Und wie Christus nur das sagt, was er vom Vater hört und empfängt, so ist der Heilige Geist Sprachrohr Christi. „Er wird von dem, was mein ist, nehmen.“ Er führt uns nicht zu anderen Orten, die weit weg von Christus sind, sondern er führt uns immer tiefer in das Licht Christi. Deshalb ist die christliche Offenbarung immer alt und neu zugleich. Deshalb ist uns alles seit jeher geschenkt. Gleichzeitig lernt jede Generation in der unerschöpflichen Begegnung mit dem Herrn – einer vom Heiligen Geist vermittelten Begegnung – immer etwas Neues.

So ist der Heilige Geist die Kraft, durch die uns Christus seine Nähe erfahren lässt. Aber die Erste Lesung enthält noch eine weitere Aussage: Ihr werdet meine Zeugen sein. Der auferstandene Christus braucht Zeugen, die ihm begegnet sind, Menschen, die ihn durch die Kraft des Heiligen Geistes zutiefst kennen gelernt haben. Menschen, die von ihm Zeugnis geben können, weil sie ihn sozusagen mit eigenen Händen berührt haben. Und so ist die Kirche, die Familie Christi, von „Jerusalem ... bis an die Enden der Erde“ gewachsen, wie es in der Lesung heißt. Durch die Zeugen ist die Kirche aufgebaut worden – angefangen bei Petrus und Paulus und den zwölf Aposteln bis hin zu all den Männern und Frauen, die, erfüllt von Christus, im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu die Flamme des Glaubens entzündet haben und sie weiter entzünden werden.

Jeder Christ kann und soll auf seine Weise Zeuge des auferstandenen Christus sein. Wenn wir die Namen der Heiligen lesen, können wir sehen, wie oft es sich bei ihnen vor allem um einfache Menschen gehandelt hat – und das gilt auch heute noch –, Menschen, von denen ein strahlendes Licht ausging – und ausgeht –, das zu Christus hinzuführen vermag.

Aber dieses Zusammenspiel der Zeugnisse hat eine klar festgelegte Struktur: Den Nachfolgern der Apostel, das heißt den Bischöfen, obliegt die öffentliche Verantwortung, dafür zu sorgen, dass das Netz dieser Zeugnisse durch die Zeiten hindurch weiter besteht. Im Sakrament der Bischofsweihe wird ihnen die für diesen Dienst notwendige Macht und Gnade übertragen. In diesem Netz von Zeugen obliegt dem Nachfolger Petri eine besondere Aufgabe. Es war Petrus, der als erster im Namen der Apostel das Glaubensbekenntnis ausgesprochen hat: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16). Das ist die Aufgabe aller Nachfolger des Petrus: Führer zu sein im Bekenntnis des Glaubens an Christus, den Sohn des lebendigen Gottes. Die Kathedra von Rom ist vor allem Kathedra dieses Glaubensbekenntnisses. Der Bischof von Rom ist dazu verpflichtet, von dieser Kathedra herab ständig zu wiederholen: „Dominus Iesus“ – „Jesus ist der Herr“, wie Paulus in seinen Briefen an die Römer (10,9) und an die Korinther (1 Kor 12,3) schrieb. An die Korinther gerichtet, sagte er mit besonderem Nachdruck: „Und selbst wenn es im Himmel oder auf der Erde so genannte Götter gibt [...], so haben doch wir nur einen Gott, den Vater [...]. Und einer ist der Herr: Jesus Christus. Durch ihn ist alles, und wir sind durch ihn“ (1 Kor 8,5 f.). Die Kathedra Petri verpflichtet ihre Inhaber – wie es schon Petrus in einer Krisensituation der Jünger, als viele fortgehen wollten, getan hat – zu sprechen: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes“ (Joh 6,68 f.). Wer die Kathedra Petri in Besitz genommen hat, muss sich der Worte erinnern, die der Herr beim Letzten Abendmahl zu Petrus gesagt hat: „... und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder“ (Lk 22,32). Der Träger des Petrusamtes muss sich bewusst sein, dass er ein zerbrechlicher und schwacher Mensch ist – wie seine eigenen Kräfte zerbrechlich und schwach sind –, der ständiger Läuterung und Umkehr bedarf. Aber er darf sich auch dessen bewusst sein, dass er vom Herrn die Kraft erhält, seine Brüder im Glauben zu stärken und sie vereint zu halten im Bekenntnis zum gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Im ersten Brief des hl. Paulus an die Korinther finden wir den ältesten Auferstehungsbericht, den wir besitzen. Paulus hat ihn von den Zeugen getreu übernommen. Dieser Bericht spricht zunächst vom Tod des Herrn für unsere Sünden, von seiner Grablegung, von seiner Auferstehung am dritten Tag und sagt dann: „Christus erschien dem Kephas, dann den Zwölf ...“ (1 Kor 15,4). So wird noch einmal die Bedeutung des Auftrags zusammengefasst, der dem Petrus bis ans Ende der Zeiten erteilt worden ist: Zeuge des auferstandenen Christus zu sein.

Der Bischof von Rom sitzt auf seiner Kathedra, um von Christus Zeugnis zu geben. Daher ist die Kathedra das Symbol der „potestas docendi“, jener Lehrvollmacht, die wesentlich zur Aufgabe des Bindens und Lösens gehört, die vom Herrn dem Petrus und nach ihm den Zwölf aufgetragen worden ist. In der Kirche gehören die Heilige Schrift, deren Verständnis unter der Eingebung des Heiligen Geistes wächst, und der den Aposteln aufgetragene Dienst der authentischen Auslegung unlösbar zusammen. Wo die Heilige Schrift von der lebendigen Stimme der Kirche losgelöst ist, wird sie zum Diskussionsthema der Experten. Sicher, alles, was sie uns zu sagen haben, ist wichtig und wertvoll; die Arbeit der Gelehrten ist für uns eine beachtliche Hilfe, um jenen lebendigen Wachstumsprozess der Schrift erfassen und somit ihren historischen Reichtum verstehen zu können. Aber die Wissenschaft allein kann uns keine endgültige und verbindliche Interpretation liefern; sie ist nicht in der Lage, uns in ihrer Interpretation jene Gewissheit zu geben, mit der wir leben können und für die wir auch sterben können. Dafür braucht es ein größeres Mandat, das nicht allein aus menschlichen Fähigkeiten entstehen kann. Dazu braucht es die Stimme der lebendigen Kirche, jener Kirche, die bis ans Ende der Zeiten dem Petrus und dem Apostelkollegium anvertraut wurde.

Diese Lehrvollmacht erschreckt viele Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche. Sie fragen sich, ob sie nicht die Gewissensfreiheit bedrohe, ob sie nicht eine Anmaßung darstelle, die im Gegensatz zur Meinungsfreiheit steht. Dem ist aber nicht so. Die von Christus dem Petrus und seinen Nachfolgern übertragene Macht ist, absolut verstanden, ein Auftrag zum Dienen. Die Lehrvollmacht in der Kirche schließt eine Verpflichtung zum Dienst am Glaubensgehorsam ein.

Der Papst ist kein absoluter Herrscher, dessen Denken und Willen Gesetz sind. Im Gegenteil: Sein Dienst garantiert Gehorsam gegenüber Christus und seinem Wort. Er darf nicht seine eigenen Ideen verkünden, sondern muss – entgegen allen Versuchen von Anpassung und Verwässerung sowie jeder Form von Opportunismus – sich und die Kirche immer zum Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes verpflichten. Das tat Papst Johannes Paul II., wenn er – angesichts sämtlicher, für den Menschen scheinbar gut gemeinter Versuche – den falschen Interpretationen der Freiheit gegenüber unmissverständlich die Unverletzlichkeit des menschlichen Wesens, die Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod betonte. Die Freiheit zu töten, ist keine wahre Freiheit, sondern eine Tyrannei, die den Menschen zur Sklaverei erniedrigt. Der Papst ist sich bewusst, dass er in seinen wichtigen Entscheidungen an die große Gemeinschaft des Glaubens aller Zeiten, an die verpflichtenden, auf dem Pilgerweg der Kirche entstandenen Interpretationen gebunden ist. So steht seine Macht nicht über dem Wort Gottes, sondern in dessen Dienst; und ihm obliegt die Verantwortung dafür, dass dieses Wort in seiner Größe erhalten bleibt und in seiner Reinheit erklingt, auf dass es nicht von den ständig wechselnden Moden zerrissen werde.

Die Kathedra ist – wir sagen es noch einmal – Symbol der Lehrvollmacht, die eine Macht des Gehorsams und Dienstes ist, damit das Wort Gottes – die Wahrheit! – unter uns erstrahlen und uns so den Weg des Lebens weisen kann. Aber wie könnten wir, wenn wir von der Kathedra des Bischofs von Rom reden, die Worte unerwähnt lassen, die der hl. Ignatius von Antiochien an die Römer schrieb? Von Antiochien, seinem ersten Sitz, steuerte Petrus Rom an, seinen endgültigen Sitz. Endgültig bekräftigt wurde dieser Sitz durch das Martyrium, mit dem er seine Nachfolger für immer an Rom gebunden hat. Ignatius, der Bischof von Antiochien blieb, wurde seinerseits in den Märtyrertod geführt, den er in Rom erleiden sollte. In seinem Brief an die Römer bezieht er sich auf die Kirche von Rom, „die den Vorsitz in der Liebe hat“, eine sehr bedeutsame Formulierung. Wir wissen nicht mit Sicherheit, was Ignatius mit der Verwendung dieser Worte im Sinn hatte. Aber für die alte Kirche war das Wort Liebe, „agape“, ein Hinweis auf das Geheimnis der Eucharistie. In diesem Mysterium wird die Liebe Christi immer mitten unter uns greifbar. Hier gibt er sich immer wieder hin. Hier lässt er sein Herz immer wieder durchbohren; hier hält er seine Verheißung aufrecht, die Verheißung, dass er vom Kreuz her alles an sich ziehen wird. In der Eucharistie erlernen wir selber die Liebe Christi. Dank dieser Herzensmitte, dank der Eucharistie haben die Heiligen gelebt, als sie die Liebe Gottes in immer neuen Formen in die Welt trugen. Dank der Eucharistie wird die Kirche immer wieder neu geboren!

Die Kirche ist nichts anderes als jenes Netz – die eucharistische Gemeinschaft! –, in dem wir alle, wenn wir denselben Herrn empfangen, zu einem einzigen Leib werden und die ganze Welt umfangen. Der Vorsitz in der Lehre und der Vorsitz in der Liebe müssen letzten Endes ein und dasselbe sein: Die ganze Lehre der Kirche führt schließlich zur Liebe. Und die Eucharistie als gegenwärtige Liebe Jesu Christi ist das Kriterium, an dem jede Lehre gemessen wird. An der Liebe hängen das ganze Gesetz und die Propheten, sagt der Herr (Mt 22,40). Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes, schrieb der hl. Paulus an die Römer (Röm 13,10).

Liebe Römer, ich bin jetzt euer Bischof. Danke für eure Großherzigkeit, danke für eure Sympathie, danke für eure Geduld mit mir! Als Katholiken sind wir alle in gewisser Weise auch Römer. Mit den Worten von Psalm 87, einem Loblied auf Zion, die Mutter aller Völker, sang Israel und singt die Kirche: „Doch von Zion wird man sagen: Jeder ist dort geboren ...“ (Ps 87,5). In ähnlicher Weise könnten auch wir sagen: Als Katholiken sind wir in gewisser Weise alle in Rom geboren. So will ich mit ganzem Herzen versuchen, euer Bischof, der Bischof von Rom zu sein. Und wir alle wollen versuchen, immer mehr katholisch zu werden – immer mehr zu Brüdern und Schwestern in der großen Familie Gottes, jener Familie, in der es keine Fremden gibt. Schließlich möchte ich dem Vikar für die Diözese Rom, dem lieben Kardinal Camillo Ruini, den Weihbischöfen und allen ihren Mitarbeitern von Herzen danken. Herzlich danke ich den Pfarrern, dem Klerus von Rom und allen, die als Gläubige dazu beitragen, um hier das lebendige Haus Gottes zu errichten. Amen.

(Orig. ital. in O.R. 9./10.5.2005)

AUDIENZ FÜR DAS BEIM HL. STUHL AKKREDITIERTE DIPLOMATISCHE KORPS

Ansprache Seiner Heiligkeit Benedikt XVI., Donnerstag, 12. Mai 2005

Exzellenzen, meine Damen und Herren! 3333 Es ist mir eine Freude, heute, etwas weniger als einen Monat nach Beginn meines pastoralen Dienstes als Nachfolger Petri, mit Ihnen zusammenzutreffen. Ich bin aufgeschlossen für die Worte, die Seine Exzellenz Herr Professor Giovanni Galassi, Doyen des Diplomatischen Korps beim Heiligen Stuhl, in Ihrem Namen soeben an mich gerichtet hat, und weiß die Aufmerksamkeit aller Diplomaten für die Sendung, die die Kirche in der Welt erfüllt, zu schätzen. Herzlich grüße ich einen jeden von Ihnen sowie Ihre Mitarbeiter und entbiete Ihnen meine besten Wünsche, wobei ich Ihnen für die aufmerksame Anteilnahme an den großen Ereignissen, die wir in diesem April erlebt haben, und für die Arbeit danke, die Sie täglich leisten.

Während ich mich an Sie wende, gehen meine Gedanken auch zu den von Ihnen vertretenen Ländern und an alle, die in ihnen Verantwortung tragen. Ich denke aber auch an die Nationen, mit denen der Heilige Stuhl noch keine diplomatischen Beziehungen unterhält. Einige von ihnen haben an den Feierlichkeiten anlässlich des Todes meines Vorgängers und meiner Wahl auf den Stuhl Petri teilgenommen. In Anerkennung dieser Gesten möchte ich ihnen heute meinen Dank aussprechen und einen respektvollen Gruß an die zivilen Autoritäten dieser Länder richten, begleitet von dem Wunsch, sie möglichst bald als Vertreter beim Apostolischen Stuhl zu sehen. Aus diesen Ländern, vor allem jenen mit zahlreichen katholischen Gemeinden, sind mir Botschaften zugegangen, die ich ganz besonders zu schätzen wusste. Ich möchte betonen, wie sehr mir diese Gemeinden und die Gesamtheit der Völker, zu denen sie gehören, am Herzen liegen, und versichere ihnen allen, dass sie in meinem Gebet gegenwärtig sind.

Wie könnte ich, wenn ich Sie hier vor mir sehe, es unterlassen, an den langen und fruchtbringenden Dienst des geliebten Papstes Johannes Paul II. zu erinnern! Als unermüdlicher Missionar des Evangeliums hat er in den zahlreichen von ihm besuchten Ländern auch für das Anliegen der Einheit der Menschheitsfamilie einen einzigartigen Dienst geleistet. Indem er alle Menschen guten Willens einlud, unaufhörlich ihr Gewissen zu schärfen und in Liebe und gegenseitigem Verzeihen eine gerechte, friedliche und solidarische Gesellschaft aufzubauen, hat er den Weg zu Gott gezeigt. Nicht zu vergessen auch seine unzähligen Begegnungen mit den Staatsoberhäuptern, Regierungschefs und Botschaftern hier im Vatikan, in deren Verlauf er sich die Verteidigung der Sache des Friedens zur Aufgabe gemacht hat.

Was mich betrifft, so komme ich aus einem Land, in dem Friede und Brüderlichkeit allen Bewohnern am Herzen liegen, vor allem jenen, die, so wie ich, den Krieg und die Trennung zwischen Brüdern erlebt haben, die ein und derselben Nation angehören; das geschah auf Grund zerstörerischer und unmenschlicher Ideologien, die unter dem Deckmantel von Träumen und Illusionen den Menschen das Joch der Unterdrückung aufluden. Sie werden also verstehen, dass mir ganz besonders am Dialog zwischen allen Menschen gelegen ist, um alle Formen von Konflikt und Spannung zu überwinden und aus unserer Welt eine Welt des Friedens und der Brüderlichkeit zu machen. Alle zusammen, die christlichen Gemeinschaften, die Verantwortlichen der Nationen, die Diplomaten und alle Menschen guten Willens, sind aufgerufen, sich in gemeinsamer Anstrengung für eine friedliche Gesellschaft einzusetzen, um die Versuchung zu Auseinandersetzungen zwischen Kulturen, Ethnien und verschiedenen Lebenswelten zu überwinden. Dazu muss jedes Volk aus seinem spirituellen und kulturellen Erbe die besten Werte schöpfen, die es in sich trägt, um dem anderen ohne Angst und mit der Bereitschaft zu begegnen, die eigenen geistigen und materiellen Reichtümer zum Wohl aller zu teilen.

Um in diesem Sinn voranzugehen, verkündet und verteidigt die Kirche unaufhörlich die menschlichen Grundrechte, die leider in verschiedenen Teilen der Welt noch immer verletzt werden, und sie setzt sich dafür ein, dass die Rechte jedes Menschen auf Leben, Nahrung, auf ein Dach über dem Kopf, auf Arbeit, auf medizinische Betreuung, auf Schutz der Familie und auf Förderung der sozialen Entwicklung anerkannt werden – unter Achtung der Würde jedes Mannes und jeder Frau, da sie nach dem Abbild Gottes geschaffen sind. Seien Sie versichert, dass die katholische Kirche, in ihrem Rahmen und mit den ihr eigenen Mitteln, weiterhin ihre Zusammenarbeit für die Wahrung der Würde jedes Menschen und ihren Dienst am Gemeinwohl anbieten wird. Sie verlangt für sich keine Privilegien, sondern nur die rechtmäßigen Bedingungen der Freiheit zur Wahrnehmung ihrer Mission. Im Konzert der Nationen ist es immer der Wunsch der Kirche, die Verständigung und Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu fördern, die sich auf eine Haltung der Loyalität, Diskretion und Herzlichkeit gründen.

Schließlich bitte ich Sie, Ihren Regierungen noch einmal meinen Dank für ihre Teilnahme an den Beisetzungsfeierlichkeiten Papst Johannes PaulsII. und an meiner Amtseinführung sowie meine respektvollen und herzlichen Grüße auszusprechen, die ich mit einem besonderen Gebet begleite, damit Gott Ihnen und Ihren Familien sowie Ihren Ländern und allen, die dort wohnen, die Fülle seines Segens schenke.

(Orig. franz. in O.R. 13.5.2005)

BEGEGNUNG MIT DEN PRIESTERN UND DIAKONEN DER DIÖZESE ROM IN DER LATERANBASILIKA

Ansprache von Papst Benedikt XVI., Freitag, 13. Mai 2005

Liebe Priester und Diakone, die ihr euren pastoralen Dienst in der Diözese Rom ausübt, ich bin froh, euch zu Beginn meines Hirtenamtes als Bischof dieser Kirche, die „den Vorsitz in der Liebe hat“, zu begegnen. Von Herzen begrüße ich den Kardinalvikar, dem ich für die freundlichen Worte danke, die er an mich gerichtet hat, wie auch den stellvertretenden Generalvikar und die Weihbischöfe. Im Geist der Freundschaft begrüße ich einen jeden von euch und möchte euch von diesem ersten Treffen an meine Dankbarkeit für eure tägliche Mühe im Weinberg des Herrn bekunden.

Die außerordentliche Glaubenserfahrung, die wir anlässlich des Todes unseres geliebten Papstes Johannes Paul II. erlebt haben, hat uns gezeigt, dass die Kirche Roms zutiefst vereint, voller Leben und reich an Eifer ist: All dies ist auch Frucht eures Gebetes und eures Apostolates. Durch unsere demütige Zugehörigkeit zu Christus, dem einzigen Herrn, können und müssen wir gemeinsam die „Beispielhaftigkeit“ der Kirche Roms fördern, die einen authentischen Dienst an den Schwesterkirchen in der ganzen Welt leistet. In der Tat bedeutet und erfordert das unauflösliche Band zwischen „romanum“ und „petrinum“ die Teilhabe der Kirche von Rom an der universalen Hirtensorge ihres Bischofs.

Aber die Verantwortung einer solchen Teilhabe betrifft in besonderer Weise euch, liebe Priester und Diakone, die ihr mit eurem Bischof durch das sakramentale Band verbunden und zu seinen wertvollen Mitarbeitern geworden seid. Daher zähle ich auf euch, auf euer Gebet, auf eure Aufnahmebereitschaft und euren Einsatz, so dass unsere geliebte Diözese immer großzügiger der Berufung, die der Herr ihr anvertraut hat, entspricht. Und meinerseits sage ich euch: Trotz meiner Grenzen könnt ihr auf die Aufrichtigkeit meiner väterlichen Liebe zu euch allen zählen.

Liebe Priester, die Qualität eures Lebens und eures pastoralen Dienstes scheint darauf hinzuweisen, dass wir in dieser Diözese, wie auch in zahlreichen anderen Diözesen der Welt, mittlerweile die Zeit der Identitätskrise, die viele Priester belastet hat, überwunden haben. Dennoch bleiben die Ursachen der „spirituellen Wüste“, von denen die Menschheit heute gequält wird, weiterhin bestehen, und sie bedrohen folglich auch die Kirche, die ja inmitten dieser Menschheit lebt. Wie sollte man nicht befürchten, dass sie auch das Leben der Priester in Gefahr bringen? Es ist daher unentbehrlich, immer wieder neu zur Wurzel unseres Priestertums zurückzukehren. Diese Wurzel ist, wie wir gut wissen, eine einzige: Jesus Christus, der Herr. Er ist es, den der Vater gesandt hat; er ist der Eckstein (1 Petr 2,7). In ihm, im Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung, kommt das Reich Gottes und vollzieht sich die Erlösung des Menschengeschlechts. Aber Jesus hat nichts, was ihm selbst gehörte; er gehört ganz und gar dem Vater und existiert für den Vater. Daher sagt er, dass seine Lehre nicht von ihm stammt, sondern von dem, der ihn gesandt hat (vgl. Joh 7,16): Von sich allein aus kann der Sohn nichts tun (vgl. Joh 5,19.30).

Dies, liebe Freunde, ist auch das wahre Wesen unseres Priestertums. In der Tat kann nichts von dem, was unseren Dienst ausmacht, alleinige Frucht unserer persönlichen Fähigkeiten sein. Dies betrifft sowohl die Spendung der Sakramente als auch den Dienst des Wortes: Wir sind nicht gesandt, uns selber oder unsere persönlichen Meinungen zu verkünden, sondern das Geheimnis Christi und, in ihm, den Maßstab des wahren Humanismus.

Widerhall und Träger des Wortes Gottes

Wir sind nicht dazu beauftragt, viele Worte zu machen, sondern zum Widerhall und Träger eines einzigen „Wortes“ zu werden, des Wortes Gottes, das zu unserem Heil menschgeworden ist. Das Wort Jesu gilt also auch uns: „Meine Lehre stammt nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat“ (Joh 7,16). Liebe Priester Roms, der Herr hat uns Freunde genannt; er macht uns zu seinen Freunden; er vertraut sich uns an; er vertraut uns seinen Leib in der Eucharistie an; er vertraut uns seine Kirche an. Daher müssen wir wirklich seine Freunde und mit ihm eines Sinnes sein. Wir müssen das wollen, was er will und all das nicht wollen, was er nicht will. Jesus selbst sagt uns: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage“ (Joh 15,14). Es sei unsere gemeinsame Absicht, zusammen seinen heiligen Willen zu tun, in dem unsere Freiheit und unsere Freude gründet.

Da das Priestertum seine Wurzel in Christus hat, besteht es seinem Wesen nach in der Kirche und für die Kirche. Der christliche Glaube ist nämlich nicht rein spirituell und innerlich, und unsere Beziehung zu Christus ist nicht rein subjektiv und privat. Sie ist vielmehr eine ganz konkrete und kirchliche Beziehung. Seinerseits hat das Weihepriestertum eine grundlegende Beziehung zum Leib Christi, in seiner zweifachen und untrennbaren Dimension der Eucharistie und der Kirche, des eucharistischen und des kirchlichen Leibes.

Deshalb ist unser Dienst ein „amoris officium“ (hl. Augustinus, In Iohannis Evangelium Tractatus 123,5), es ist der Dienst des Guten Hirten, der sein Leben hingibt für die Schafe (vgl. Joh 10,14–15). Im eucharistischen Geheimnis bringt sich Christus immer neu dar, und gerade in der Eucharistie lernen wir die Liebe Christi und somit die Liebe zur Kirche kennen. Darum wiederhole ich mit euch, geliebte Brüder im Priesteramt, die unvergesslichen Worte Johannes Pauls II.: „Die heilige Messe ist in absoluter Weise das Zentrum meines Lebens und eines jeden meiner Tage“ (Ansprache am 27. Oktober 1995 zum 30jährigen Jubiläum des Dekrets Presbyterorum ordinis). Und es müsste ein Wort sein, das sich ein jeder von uns persönlich zu eigen machen kann: Die heilige Messe ist uneingeschränkt der Mittelpunkt meines Lebens und eines jeden Tages. Auf gleiche Weise wird der Gehorsam gegenüber Christus, der den Ungehorsam Adams korrigiert, im kirchlichen Gehorsam konkret.

Im täglichen Leben bedeutet Gehorsam für den Priester vor allem Gehorsam gegenüber seinem Bischof. In der Kirche ist Gehorsam jedoch nichts Formalistisches; es ist der Gehorsam gegenüber jemandem, der seinerseits gehorsam ist und der den gehorsamen Christus personifiziert. All dies hebt die konkreten Erfordernisse des Gehorsams nicht auf; es schwächt sie nicht einmal ab. Vielmehr gewährleistet es seine theologische Tiefe und seinen katholischen Atem: Im Bischof gehorchen wir Christus und der ganzen Kirche, die er an diesem Ort verkörpert.

Jesus Christus wurde zum Heil der ganzen Menschheitsfamilie in der Kraft des Geistes vom Vater gesandt, und wir Priester wurden durch die Gnade des Sakraments seiner Sendung teilhaftig. Der Apostel Paulus schreibt: „Gott [hat] uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen. ... Wir sind also Gesandte an Christi Statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi Statt: Lasst euch mit Gott versöhnen“ (2 Kor 5,18–20). So beschreibt der hl. Paulus unsere Sendung als Priester. Deshalb sprach ich in der Predigt, die dem Konklave vorausgegangen war, von einer „heiligen Unruhe“, die uns beseelen muss, die Unruhe, allen die Gabe des Glaubens zu bringen, allen dieses Heil anzubieten, das allein auf ewig bleibt. Und in einer so großen Stadt wie Rom, die einerseits so vom Glauben durchdrungen ist und in der dennoch viele Personen leben, die die Verkündigung des Glaubens nicht wirklich im Herzen vernommen haben, wie viel mehr müssen wir da beseelt sein von der Unruhe, den Menschen diese Freude, dieses Zentrum des Lebens zu bringen, das Sinn und Richtung gibt.

Zeugen des auferstandenen Christus sein

Liebe Brüder, liebe Priester Roms, der auferstandene Christus ruft uns, seine Zeugen zu sein, und er gibt uns die Kraft seines Geistes, um es wahrhaftig zu sein. Es ist daher wichtig, bei ihm zu bleiben (vgl. Mk 3,14; Apg 1,21–23). In der ersten Beschreibung des „munus apostolicum“, im 3. Kapitel des Markusevangeliums, wird geschildert, was der Herr von einem Apostel verlangt: bei ihm zu bleiben und zur Sendung bereit zu sein.

Diese beiden Eigenschaften gehören zusammen, und nur wenn wir bei ihm bleiben, bewegen wir uns auch stets mit dem Evangelium auf andere zu. Es ist daher von wesentlicher Bedeutung, bei ihm zu bleiben. So wird dann die Unruhe in uns erweckt, die uns befähigt, den anderen die Kraft und die Freude des Glaubens zu übermitteln und mit unserem ganzen Leben Zeugnis zu geben und nicht nur mit einigen Worten. Die Worte des Apostels Paulus sind an uns gerichtet: „Wenn ich ... das Evangelium verkünde, kann ich mich deswegen nicht rühmen; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde! ... Da ich also von niemand abhängig war, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen. ... Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten“ (1 Kor 9,16–22). Diese Worte, die ein Selbstporträt des Apostels sind, stellen auch das Porträt eines jeden Priesters dar.

Dieses „allen alles werden“ kommt im täglichen Umgang miteinander zum Ausdruck, in der Aufmerksamkeit für jede Person und Familie: Ihr Priester Roms habt in dieser Hinsicht eine lange Tradition – ich sage dies mit tiefer Überzeugung –, und ihr ehrt sie auch heute noch, da sich die Stadt so weit ausgedehnt und so sehr verändert hat. Wie ihr sehr wohl wisst, ist es entscheidend, dass allen die Nähe und Aufmerksamkeit immer im Namen Christi geschenkt wird und sie stets darauf ausgerichtet ist, uns zu ihm zu führen.

Natürlich kosten eine solche Nähe und ein solcher Einsatz einen jeden von euch, von uns, einen persönlichen Preis; sie bedeuten Zeit, Sorge und Energieaufwand. Ich kenne eure tägliche Mühe und möchte euch von Seiten des Herrn danken. Aber ich möchte euch auch, so gut ich kann, dabei helfen, angesichts dieser Mühe nicht nachzugeben. Um widerstehen zu können, und vielmehr, um als Personen und Priester heranreifen zu können, ist vor allem die tiefe innere Gemeinschaft mit Christus, dessen Speise es war, den Willen des Vaters zu tun (vgl. Joh 4,34), von grundlegender Bedeutung: Alles, was wir tun, tun wir in Gemeinschaft mit ihm, und auf diese Weise finden wir immer wieder von neuem die Einheit unseres Lebens in der Zersplitterung, die die verschiedenen alltäglichen Beschäftigungen mit sich bringen.

Die Kunst der priesterlichen Askese erlernen

Außerdem lernen wir vom Herrn Jesus Christus, der sich selbst dargebracht hat, um dadurch den Willen des Vaters zu tun, die Kunst der priesterlichen Askese, die auch heute noch notwendig ist: Sie steht nicht als eine zusätzliche Last, die unseren Tag noch schwerer macht, neben der pastoralen Praxis. Ganz im Gegenteil, in der pastoralen Praxis selbst müssen wir lernen, uns zu verleugnen, unser Leben hinter uns zu lassen und es hinzugeben.

Aber damit all dies auch wirklich in uns geschieht, damit unser Handeln wirklich zu Askese und zu Selbsthingabe wird, damit all dies nicht ein bloßer Wunsch bleibt, brauchen wir zweifellos Zeiten zur Stärkung unserer Kräfte, auch der körperlichen, und vor allem zum Beten und zur Meditation, um wieder in uns zu gehen und um in uns den Herrn zu finden. Aus diesem Grund ist die Zeit, die wir in der Gegenwart Gottes im Gebet verbringen eine wahre pastorale Priorität und nicht etwas, das neben der pastoralen Arbeit steht. Vor dem Herrn zu stehen ist eine pastorale Priorität, letzten Endes die wichtigste. Auf ganz konkrete und leuchtende Art hat uns dies Johannes Paul II. in jedem Aspekt seines Lebens und Dienstes gezeigt.

Liebe Priester, wir können nie genug betonen, wie grundlegend und entscheidend unsere persönliche Antwort auf den Ruf zur Heiligkeit ist. Dies ist nicht nur die Bedingung dafür, dass unser persönliches Apostolat Frucht bringt. Es ist zugleich auf noch umfassendere Weise die Bedingung dafür, dass das Antlitz der Kirche das Licht Christi widerspiegelt (vgl. Lumen gentium, 1) und dass die Menschen dazu geführt werden, den Herrn zu erkennen und anzubeten. Der Bitte des Apostels Paulus, sich mit Gott versöhnen zu lassen (vgl. 2 Kor 5,20), müssen wir zuallererst in uns selbst entsprechen und den Herrn aufrichtigen Herzens und entschlossenen und mutigen Sinnes bitten, alles von uns fernzuhalten, was uns von ihm trennt und was der Sendung, die wir empfangen haben, widerspricht. Wir sind gewiss, dass der Herr barmherzig ist und uns zu erhören weiß.

Mein Dienst als Bischof von Rom folgt den Spuren meiner Vorgänger und nimmt dabei in besonderer Weise das besondere und kostbare Erbe auf, das uns Johannes Paul II. hinterlassen hat. Liebe Priester und Diakone, gehen wir diesen Weg gemeinsam voll Freude und Vertrauen. Streben wir weiterhin danach, die Gemeinschaft innerhalb der großen Familie der Diözesankirche wachsen zu lassen und gemeinsam daran zu arbeiten, die missionarische Ausrichtung unserer Pastoralarbeit gemäß den Grundlinien der römischen Synode zu stärken.

Diese Synode wurde mit besonderer Wirksamkeit in der Erfahrung der Stadtmission in die Tat umgesetzt. Rom ist eine sehr große Diözese und durch die universale Sorge, die der Herr ihrem Bischof anvertraut hat, ist sie wahrlich etwas ganz Besonderes. Liebe Priester, aus diesem Grunde kann eure Beziehung zum Diözesanbischof, der ich bin, leider nicht dieselbe tägliche Unmittelbarkeit haben, die ich mir wünschte und die in anderen Situationen möglich ist. Durch die Arbeit des Kardinalvikars und der Weihbischöfe, denen ich meine große Dankbarkeit ausdrücken möchte, ist es mir dennoch möglich, einem jeden von euch konkret nah zu sein, in den Freuden und Schwierigkeiten, die den Weg eines jeden Priesters begleiten.

Und vor allem möchte ich euch der tiefsten und entscheidendsten Nähe versichern, die den Bischof mit seinen Priestern und Diakonen verbindet, des täglichen Gebets. Seid gewiss, dass der Klerus von Rom wirklich auf besondere Weise in meinem Gebet ist. Seien wir uns im Glauben und in der Liebe Christi nahe und im Vertrauen auf Maria, die Mutter des einzigen Hohenpriesters. Es entspringt unserer Verbundenheit mit Christus und mit der Jungfrau Maria, dass sich Freude und Vertrauen nähren, die wir alle sowohl für das apostolische Werk als auch für die persönliche Existenz brauchen.

Liebe Priester und Diakone, dies sind einige Betrachtungen, die ich eurer Aufmerksamkeit anempfehlen wollte. Bevor ich nun euch das Wort erteile für eure Fragen und Reflexionen, habe ich noch eine sehr freudige Nachricht bekannt zu geben. Heute ist eine Mitteilung eingegangen. Kardinal Saraiva Martins, Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, hat zusammen mit Seiner Exzellenz Nowak, Sekretär derselben Kongregation, folgende Erklärung geschrieben:

ROMANA
Beatificationis et Canonizationis
Servi Dei IOANNIS PAULI II
(Caroli Wojtyla)
Summi Pontificis

Instante Em.mo ac Rev.mo Domino D. Camillo S.R.E. Cardinali Ruini, Vicario Generali Suae Sanctitatis pro Dioecesi Romana, Summus Pontifex BenedictusXVI, attentis peculiaribus expositis adiunctis, in audientia eidem Cardinali Vicario Generali die 28 mensis Aprilis huius anni 2005 concessa, dispensavit a tempore quinque annorum exspectationis post mortem Servi Dei Ioannis PauliII (Caroli Wojtyla), Summi Pontificis, sta ut causa Beatificationis et Canonizationis eiusdem Servi Dei statim incipi posset. Contrariis non obstantibus quibuslibet.

Datum Romae, ex aedibus huius Congregationis de Causis Sanctorum, die 9 mensis Maii A.D. 2005.

Nun sei euch das Wort gegeben. Am Ende werde ich, soweit es mir möglich ist, versuchen zu antworten.

Nach 21 Wortbeiträgen, die verschiedene Priester und Diakone der Diözese Rom vorgetragen hatten, antwortete Papst Benedikt XVI. in freier Rede:

Zum Abschluss kann ich nur danke sagen für den Reichtum und die Tiefe dieser Beiträge, in denen ein Klerus zum Vorschein kommt, der voller Enthusiasmus ist, erfüllt von der Liebe zu Christus, von der Liebe zu der uns anvertrauten Herde, von der Liebe zu den Armen. Und dies nicht nur in der Stadt Rom, sondern wirklich in der Weltkirche, gegenüber allen unseren Brüdern. Danke auch für die Zuneigung, die ihr mir gegenüber zum Ausdruck gebracht habt und die mir sehr hilft.

Ich sehe mich jetzt nicht in der Lage, auf die Einzelheiten des Gesagten einzugehen. Es wäre schön, mit einer echten Diskussion fortzufahren, und ich hoffe, dass sich noch Möglichkeiten bieten werden, eine konkrete Diskussion mit Fragen und Antworten zu führen. An dieser Stelle möchte ich einfach meiner Dankbarkeit für alles Ausdruck verleihen. Ich spüre in der Tat euren pastoralen Eifer, wie ihr die Kirche Christi hier in Rom aufbauen möchtet und auch wie ihr überlegt, auf welche Weise ihr dies noch besser tun könnt; ich spüre, dass alles einer großen Liebe zum Herrn und zur Kirche entspringt.

Romanität und Universalität

Ich möchte lediglich drei oder vier Punkte anschneiden, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Ihr habt von der Verflechtung der Romanität und der Universalität gesprochen. Dies erscheint mir ein sehr wichtiger Aspekt zu sein. Einerseits ist Rom eine wahre Ortskirche, die als solche leben muss. Es gibt Personen, die leiden, die leben, die glauben wollen oder die nicht glauben können. Hier muss in den Pfarrgemeinden die Kirche von Rom mit ihrer großen Verantwortung für die Welt wachsen, denn in gewisser Weise trägt sie das Mandat der „Beispielhaftigkeit“ in sich; in der Kirche von Rom soll das Angesicht der Kirche als solche erscheinen und sie soll ein Vorbild für die anderen Ortskirchen sein. Um ein Vorbild sein zu können, müssen wir selbst eine Ortskirche sein, die sich täglich müht im demütigen Werk, das dieses Kirche-Sein an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit erfordert.

Ihr habt von der Pfarrgemeinde als Grundstruktur gesprochen, die von den geistlichen Bewegungen Hilfe erfährt und Bereicherung empfängt. Und mir scheint, dass während des Pontifikats Papst Johannes Pauls II. ein fruchtbares Zusammenspiel zwischen dem konstanten Element der Pfarrstruktur und dem, sagen wir, „charismatischen“ Element, das neue Initiativen und Anregungen bietet, entstanden ist. Unter der weisen Leitung des Kardinalvikars und der Weihbischöfe können alle Pfarrer gemeinsam wahrhaft Verantwortung für das Wachstum der Pfarrgemeinden tragen und all die Elemente aufnehmen, die von den Bewegungen und den verschiedenen Dimensionen der konkreten Wirklichkeit der Kirche kommen können.

Aber ich wollte noch weiter von der Verflechtung von Romanität und Universalität sprechen. Einer unserer Mitbrüder hat von unserer Verantwortung gegenüber Afrika gesprochen. Wir haben gesehen, wie Afrika, wie Indien, wie der Kosmos in Rom gegenwärtig sind. Und diese Gegenwart unserer Brüder verpflichtet uns, nicht nur an uns zu denken, sondern zu diesem geschichtlichen Zeitpunkt, unter den uns bekannten Umständen, die Gegenwart der anderen Kontinente zu spüren. Es scheint mir, dass wir zu diesem Zeitpunkt eine besondere Verantwortung gegenüber Afrika, Lateinamerika und Asien haben. In Asien ist das Christentum, mit Ausnahme der Philippinen, noch eine sehr kleine Minderheit, auch wenn es in Indien wächst und sich als eine Kraft der Zukunft darstellt. Denken wir daher an diese Verantwortung. Afrika ist ein Kontinent sehr großer Möglichkeiten und enormer Großherzigkeit seitens der Menschen, ein Kontinent mit einem beeindruckenden, lebendigen Glauben.

Aufbau eines glücklichen Afrikas

Aber wir müssen bekennen, dass Europa nicht nur den Glauben an Christus, sondern auch alle Laster des Alten Kontinents exportiert hat. Es hat die Haltung der Korruption, es hat die Gewalt, die Afrika jetzt verwüstet, exportiert. Und wir müssen unsere Verantwortung anerkennen, indem wir sicherstellen, dass die Verbreitung des Glaubens, der auf die tiefsten Erwartungen jedes Menschen antwortet, stärker ist als die Ausfuhr der europäischen Laster. Dies scheint mir eine große Verantwortung zu sein. Es gibt immer noch den Waffenhandel. Es kommt zur Ausbeutung der Ressourcen dieses Kontinents. Um so mehr müssen wir Christen alles tun, damit der Glaube Afrika erreicht und mit dem Glauben die Kraft, diesen Lastern zu widerstehen und ein christliches Afrika aufzubauen, ein glückliches Afrika, ein großer Kontinent des neuen Humanismus sein wird.

Außerdem wurde erwähnt, wie notwendig es ist, einerseits zu verkünden und zu sprechen, aber dann auch zuzuhören. Mir erscheint dies im zweifachen Sinne sehr wichtig. Der Priester, der Diakon, der Katechet, der Ordensmann und die Ordensfrau müssen einerseits verkündigen und Zeugen sein. Aber dazu müssen sie natürlich in einem zweifachen Sinne zuhören, einerseits indem sie die Seele für Christus öffnen und innerlich auf sein Wort hören, so dass es aufgenommen wird und mein Sein verändert und gestaltet. Andererseits indem man die Menschheit von heute hört, den Nächsten, den Menschen meiner Pfarrei, den Menschen, für den ich eine gewisse Verantwortung trage. Natürlich, wenn wir die Welt von heute hören, die ja auch in uns existiert, hören wir alle Probleme, alle Schwierigkeiten, die sich dem Glauben entgegenstellen. Wir müssen in der Lage sein, diese Probleme ernst zu nehmen. Der hl. Petrus, der erste Bischof von Rom, sagt in seinem ersten Brief, dass wir Christen bereit sein sollen, Rede und Antwort zu stehen für unseren Glauben. Das setzt voraus, dass wir selbst den Grund des Glaubens verstanden haben, dass wir dieses Wort, das für die anderen wirklich eine Antwort sein kann, mit dem Herzen, mit der Weisheit des Herzens und auch mit dem Verstand, wahrhaft verinnerlicht haben.

Im ersten Petrusbrief gibt es im griechischem Text ein schönes Wortspiel: Es ist die Rede von der „apología“, der Antwort des „logos“, der Grundlage unseres Glaubens. Das bedeutet, dass der „logos“, der Grund des Glaubens, das Wort des Glaubens zur Antwort des Glaubens werden muss. Und wir wissen gut, dass die Sprache des Glaubens den heutigen Menschen oft sehr fern ist; sie kann ihnen nur nahgebracht werden, wenn sie in uns zur Sprache unserer Zeit wird. Wir sind Zeitgenossen; wir leben in dieser Zeit, mit diesen Gesinnungen und Empfindungen. Wenn sie in uns verwandelt wird, kann sie eine Antwort finden.

Glauben mit der Kirche

Natürlich bin ich mir darüber im Klaren, und wir wissen es alle, dass viele nicht sofort in der Lage sind, sich mit der ganzen Lehre der Kirche zu identifizieren, sie zu verstehen, sie in sich aufzunehmen. Es scheint mir wichtig, zunächst die Absicht, mit der Kirche zu glauben, wieder zu erwecken, auch wenn jemand persönlich noch nicht viele Details in sich aufgenommen haben mag. Es ist notwendig, den Willen zu haben, mit der Kirche zu glauben und Vertrauen zu haben, dass die Kirche – nicht nur die Gemeinschaft der zweitausendjährigen Pilgerschaft des Volkes Gottes, sondern die Gemeinschaft, die Himmel und Erde umfängt, die Gemeinschaft, in der also auch alle Gerechten aller Zeiten gegenwärtig sind – dass diese vom Heiligen Geist lebendiggemachte Kirche wirklich die Leitung des Geistes in sich trägt und daher das wahre Subjekt des Glaubens ist. Der Einzelne fügt sich in dieses Subjekt ein, hängt ihm an. Und auch wenn er noch nicht ganz davon durchdrungen ist, hat er doch Vertrauen und nimmt am Glauben der Kirche teil, will mit der Kirche glauben. Dies scheint mir die ununterbrochene Pilgerschaft unseres Lebens zu sein: mit unserem Denken und Empfinden, mit unserem ganzen Leben zur Gemeinschaft des Glaubens zu gelangen. Dies können wir allen anbieten, damit sie sich nach und nach mit dem Glauben der Kirche identifizieren und vor allem immer wieder von Neuem den grundlegenden Schritt tun, sich dem Glauben anzuvertrauen, sich in diese Pilgerschaft des Glaubens einzufügen, um so das Licht des Glaubens zu erlangen.

Zum Schluss möchte ich noch einmal für den Beitrag über die christozentrische Spiritualität danken, über die Notwendigkeit, unseren Glauben stets von der persönlichen Beziehung zu Christus, von der persönlichen Freundschaft mit Jesus zu nähren. Vor 70 Jahren hat Romano Guardini einmal zu Recht gesagt, dass das Wesen des Christentums nicht eine Idee, sondern eine Person sei. Große Theologen hatten versucht, die wesentlichen, grundlegenden Ideen des Christentums zu beschreiben. Aber das Christentum, das sie schilderten, war letzten Endes nicht überzeugend. Das Christentum ist nämlich zuallererst ein Ereignis, eine Person. Und in dieser Person finden wir dann den inhaltlichen Reichtum. Das ist wichtig.

Finden der wahren Authentizität durch Jesus Christus

Und hier, so scheint mir, finden wir auch die Antwort auf einen Einwand, den man heute oft hört, wenn es um den missionarischen Charakter der Kirche geht. Viele zeigen uns die Versuchung auf, auf folgende Weise über die anderen zu denken: „Aber warum lassen wir sie nicht in Frieden? Sie haben ihre Authentizität, ihre Wahrheit. Wir haben die unsere. Leben wir daher friedlich zusammen und lassen wir doch einen jeden, wie er ist, so dass er auf bestem Wege seine eigene Authentizität sucht.“ Aber wie kann die eigene Authentizität gefunden werden, wenn wir in der Tiefe unseres Herzens Jesus erwarten und wenn die wahre Authentizität eines jeden gerade in der Gemeinschaft mit Christus und nicht ohne Christus gefunden wird? Anders gesagt: Wenn wir den Herrn gefunden haben und wenn er für uns das Licht und die Freude des Lebens ist, sind wir da sicher, dass jemand anderem, der Christus nicht gefunden hat, nicht etwas Wesentliches fehlt, und dass es nicht unsere Pflicht ist, ihm diese wesentliche Wirklichkeit anzubieten? Danach überlassen wir das, was geschehen mag, der Führung des Heiligen Geistes und der Freiheit eines jeden Einzelnen. Aber wenn wir überzeugt sind und wenn wir die Erfahrung der Tatsache gemacht haben, dass das Leben ohne Christus unvollständig ist, dass eine Wirklichkeit, dass die grundlegende Wirklichkeit fehlt, dann müssen wir auch überzeugt sein, dass wir niemandem Unrecht tun, wenn wir ihm Christus zeigen und ihm die Möglichkeit anbieten, so auch seine wahre Authentizität zu finden, die Freude, das Leben gefunden zu haben.

Zum Abschluss möchte ich allen Mitgliedern des Klerus und der kirchlichen Gemeinschaft von Rom danken, den Pfarrern, ihren Vikaren und Kaplänen, allen Mitarbeitern in den verschiedenen Aufgaben, den Diakonen, den Katecheten, vor allem den Ordensleuten, die ein wenig das Herz auch des kirchlichen Lebens einer Diözese sind. Danke für dieses Zeugnis, das ihr gegeben habt.

Gehen wir gemeinsam voran, beseelt von der Liebe Christi. Und so werden wir gut gehen!

(Orig. ital. in O.R. 14.5.2005)

PRIESTERWEIHE IM PETERSDOM AM PFINGSTSONNTAG

Predigt von Papst Benedikt XVI., Sonntag, 15. Mai 2005

Liebe Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
liebe Weihekandidaten,
liebe Brüder und Schwestern!

Die Erste Lesung und das Evangelium des Pfingstsonntags führen uns zwei große Bilder von der Aussendung des Heiligen Geistes vor Augen. Die Apostelgeschichte erzählt, wie am Pfingsttag unter den Zeichen eines heftigen Sturmes und des Feuers der Heilige Geist in die betende Gemeinde der Jünger Jesu einbricht und damit die Kirche ins Leben ruft. Für Israel war Pfingsten vom Erntefest zu dem Fest geworden, das an den Bundesschluss am Sinai erinnerte. Gott hatte durch Wind und Feuer dem Volk seine Gegenwart deutlich gemacht und ihm dann sein Gesetz, die Zehn Gebote, geschenkt. Erst damit war das Befreiungswerk, das mit dem Auszug aus Ägypten begonnen hatte, ganz vollendet: Die menschliche Freiheit ist immer eine mit den Mitmenschen geteilte Freiheit, eine Gesamtheit von Freiheiten. Nur in einer geordneten Harmonie der Freiheiten, die jedem seinen eigenen Bereich eröffnet, kann eine allgemeine Freiheit aufrechterhalten werden.

Deshalb war das Geschenk des Gesetzes auf dem Sinai keine Einschränkung oder gar Aufhebung der Freiheit, sondern gerade die Grundlage der wahren Freiheit. Und da eine gerechte menschliche Ordnung nur aufrechterhalten werden kann, wenn sie von Gott kommt und wenn sie die Menschen im Hinblick auf Gott miteinander verbindet, dürfen zu einer ausgeglichenen Ordnung der menschlichen Freiheiten die von Gott selbst geschenkten Gebote nicht fehlen. So ist Israel erst durch den Bund mit Gott am Sinai im vollen Sinne ein Volk geworden. Die Begegnung mit Gott am Sinai könnte als Fundament und Garantie seiner Existenz als Volk angesehen werden. Sturm und Feuer, die über die im Abendmahlssaal versammelte Gemeinde der Jünger Christi hereinbrachen, stellten eine Weiterentwicklung des Geschehens am Sinai dar und verliehen ihm eine neue Weite.

Dem Bericht der Apostelgeschichte zufolge befanden sich an jenem Tag in Jerusalem „Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel“ (Apg 2,5). Und da wird die charakteristische Gabe des Heiligen Geistes offenbar: Alle verstehen die Worte der Apostel: „Jeder hörte sie in seiner Sprache reden“ (Apg 2,6). Der Heilige Geist verleiht ihnen die Gabe des Verstehens. Er überwindet den in Babel eingetretenen Bruch – die Verwirrung der Herzen, die uns gegeneinander aufbringt – und öffnet die Grenzen. Das Volk Gottes, das auf dem Sinai zum ersten Mal Gestalt angenommen hat, wird jetzt erweitert, bis es keine Grenze mehr kennt. Das neue Volk Gottes, die Kirche, ist ein Volk, das aus allen Völkern kommt. Die Kirche ist von Anfang an katholisch; das ist ihr tiefstes Wesen. Der hl. Paulus erklärt und unterstreicht das in der Zweiten Lesung, als er sagt: „Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt“ (1 Kor 12,13).

Die Kirche muss immer wieder neu zu dem werden, was sie schon ist: Sie muss die Grenzen zwischen den Völkern öffnen und die Barrieren zwischen Klassen und Rassen niederreißen. In ihr darf es keinen geben, der vergessen oder verachtet wird. In der Kirche gibt es nur freie Brüder und Schwestern Jesu Christi. Wind und Feuer des Heiligen Geistes müssen unaufhörlich jene Grenzen öffnen, die wir immer wieder zwischen uns aufrichten; wir müssen immer wieder von Babel, vom Verschlossensein in uns selbst, zu Pfingsten übergehen. Deshalb müssen wir ständig dafür beten, dass der Heilige Geist uns offen mache, uns die Gnade des gegenseitigen Verstehens schenke, um zum Volk Gottes zu werden, das aus allen Völkern kommt – ja, der hl. Paulus sagt uns noch mehr: Wir müssen in Christus, der als einziges Brot uns alle in der Eucharistie speist und uns in seinem am Kreuz durchbohrten Leib an sich zieht, zu einem Leib und einem Geist werden.

Das zweite Bild von der Aussendung des Geistes, das wir im Evangelium finden, ist viel verhaltener. Aber gerade dadurch lässt es uns die ganze Größe des Pfingstgeschehens erfassen. Der auferstandene Herr tritt durch die verschlossenen Türen in den Raum, in dem sich die Jünger aufhielten, und grüßt sie, indem er zweimal sagt: Friede sei mit euch! Wir verschließen ständig unsere Türen; wir sind unentwegt darauf bedacht, uns in Sicherheit zu bringen, und wollen weder von den anderen noch von Gott gestört werden. Deshalb können wir den Herrn immer wieder nur darum bitten, er möge unsere Verschlossenheit aufbrechen und zu uns kommen und uns seinen Gruß bringen. „Friede sei mit euch!“: Dieser Gruß des Herrn ist eine Brücke, die er zwischen Himmel und Erde schlägt. Auf dieser Brücke steigt er zu uns herab, und wir können auf dieser Brücke des Friedens zu ihm emporsteigen. Auf dieser Brücke sollen wir, immer zusammen mit ihm, auch den Nächsten, der uns braucht, erreichen. Ja, indem wir uns mit Christus erniedrigen, erheben wir uns bis zu ihm und zu Gott: Gott ist Liebe, und darum ist der Abstieg, die Erniedrigung, die uns die Liebe abverlangt, zugleich der wahre Aufstieg. Gerade dadurch, dass wir uns erniedrigen, und dabei aus uns selbst herausgehen, gelangen wir zu der erhabenen Größe Jesu Christi, zur wahren Größe des Menschen.

Auf den Friedensgruß des Herrn folgen zwei Gesten, die für Pfingsten entscheidend sind: Der Herr will, dass seine Sendung in den Jüngern ihre Fortsetzung findet: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21). Danach haucht er sie an und sagt zu ihnen: „Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20,22 f.). Der Herr haucht die Jünger an und verleiht ihnen so den Heiligen Geist, seinen Geist. Der Atem Jesu ist der Heilige Geist. Wir erkennen hier zunächst eine Anspielung auf den Bericht von der Erschaffung des Menschen in der Genesis, wo es heißt: „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem“ (Gen 2,7). Der Mensch ist dieses geheimnisvolle Geschöpf, das ganz von der Erde stammt, dem aber der Atem Gottes eingehaucht wurde. Jesus haucht die Apostel an und beschenkt sie aufs Neue, aber noch großartiger, mit Gottes Atem. In den Menschen ist jetzt trotz all ihrer Grenzen etwas absolut Neues – der Atem Gottes. Das Leben Gottes lebt in uns. Der Atem seiner Liebe, seiner Wahrheit und seiner Güte. So können wir hier auch eine Anspielung auf die Taufe und die Firmung erkennen – auf die neue Zugehörigkeit zu Gott, die uns der Herr schenkt. Der Text des Evangeliums lädt uns dazu ein, immer im Bereich des Atems Jesu Christi zu leben, von ihm Leben zu empfangen, auf dass er uns das wahre Leben einflöße – das Leben, das kein Tod mehr zu nehmen vermag. Mit seinem Atem, mit der Gabe des Heiligen Geistes verbindet der Herr die Vollmacht zur Vergebung. Wir haben vorher gehört, dass der Heilige Geist vereinende Kraft hat, die Grenzen sprengt und die Menschen zueinander führt. Die Kraft, die Verschlossenes öffnet und zur Überwindung Babels führt, ist die Kraft der Vergebung. Jesus kann Vergebung gewähren und die Vollmacht zur Vergebung, weil er selber die Folgen der Schuld erlitten und sie in der Flamme seiner Liebe erstickt hat. Die Vergebung geht von seinem Kreuz aus; er verwandelt die Welt durch die sich hingebende Liebe. Sein am Kreuz geöffnetes Herz ist das Tor, durch das die Gnade der Vergebung in die Welt eintritt. Allein diese Gnade vermag die Welt zu verwandeln und den Frieden aufzubauen.

Wenn wir die beiden Pfingstereignisse – den heftigen Sturm am 50. Tag und das sanfte Anhauchen durch Jesus am Abend des Paschafestes – vergleichen, mag uns der Gegensatz zwischen zwei Episoden in den Sinn kommen, die sich am Sinai zugetragen haben und von denen das Alte Testament berichtet. Einerseits wird von Feuer, Hörnerschall und Wind berichtet, die der Verkündigung der Zehn Gebote und dem Bundesschluss vorausgingen (vgl. Ex 19 ff.); andererseits gibt es die geheimnisvolle Erzählung von Elija auf dem Berg Horeb. Nach dem dramatischen Geschehen auf dem Karmel war Elija vor dem Zorn Ahabs und Isebels geflohen. Dem Befehl Gottes gehorchend war er dann zum Berg Horeb gepilgert.

Das Geschenk des göttlichen Bundes, des Glaubens an den einen Gott, schien in Israel verloren gegangen zu sein. Elija soll gewissermaßen die Flamme des Glaubens auf dem Berg Gottes neu entzünden und nach Israel zurückbringen. Er erlebt an jenem Ort Sturm, Erdbeben und Feuer. Aber Gott ist in all dem nicht gegenwärtig. Und Gott spricht aus einem sanften, leisen Säuseln zu ihm (vgl. 1 Kön 19,11–18). Lehrt uns nicht vielleicht gerade das Geschehen an jenem Abend des Paschafestes, als Jesus seinen Aposteln erscheint, was das bedeuten soll? Können wir etwa hier nicht eine Vorankündigung des Gottesknechtes erkennen, von dem Jesaja sagt: „Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen“ (Jes 42,2)? Erscheint uns etwa nicht genau so die demütige Gestalt Jesu als die wahre Offenbarung, in der sich Gott uns zeigt und zu uns spricht? Sind etwa die Demut und die Güte Jesu nicht die wahre Epiphanie Gottes? Elija hatte auf dem Berg Karmel die Abwendung des Volkes von Gott mit Feuer und Schwert dadurch zu bekämpfen versucht, dass er die Propheten des Baal tötete. Aber den Glauben hatte er auf diese Weise nicht wiederherzustellen vermocht. Auf dem Horeb muss er erfahren, dass Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer ist; Elija muss lernen, die sanfte Stimme Gottes zu vernehmen und so im vorab den zu erkennen, der nicht durch Gewalt, sondern durch sein Leiden und Sterben die Sünde besiegt hat; den, der uns durch sein Leiden die Vollmacht zur Vergebung geschenkt hat. Das ist die Art, wie Gott siegt.

Liebe Weihekandidaten! Auf diese Weise richtet sich die Botschaft von Pfingsten nun direkt an euch. Die Pfingstszene im Johannesevangelium spricht von euch und zu euch. Zu jedem von euch ganz persönlich sagt der Herr: Friede sei mit euch – Friede sei mit dir! Wenn der Herr das sagt, schenkt er nicht einfach irgendetwas, sondern er schenkt sich selbst. Denn er selbst ist der Friede (vgl. Eph 2,14). In diesem Gruß des Herrn können wir auch einen Hinweis auf ein großes Geheimnis des Glaubens erkennen, auf die Heilige Eucharistie, in der er uns immer wieder sich selbst und damit den wahren Frieden schenkt. Dieser Gruß steht somit im Zentrum eurer priesterlichen Mission: Der Herr vertraut euch das Geheimnis dieses Sakraments an. In seinem Namen dürft ihr sagen: Das ist mein Leib – das ist mein Blut. Lasst euch immer aufs Neue für die Heilige Eucharistie, für die lebendige Gemeinschaft mit Christus begeistern. Betrachtet es als Mittelpunkt jedes Tages, dass ihr sie in würdiger Weise feiern könnt. Führt die Menschen immer wieder zu diesem Geheimnis hin. Helft ihnen, von der Eucharistie her den Frieden Christi in die Welt zu tragen.

In dem eben gehörten Evangelium ist noch ein zweites Wort des Auferstandenen zu vernehmen: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21). Christus sagt das ganz persönlich zu jedem von euch. Mit der Priesterweihe tretet ihr in die Sendung der Apostel ein. Der Heilige Geist ist Windhauch, aber er ist nicht gestaltlos. Er ist ein geordneter Geist. Und er zeigt sich darin, dass er die Sendung im Sakrament der Priesterweihe gestaltet, mit der der Dienst der Apostel fortgesetzt wird. Durch diesen Dienst werdet ihr in die große Schar derjenigen eingegliedert, die seit dem ersten Pfingsten den apostolischen Sendungsauftrag empfangen haben. Ihr werdet in die Gemeinschaft der Priester, in die Gemeinschaft mit dem Bischof und mit dem Nachfolger des hl. Petrus aufgenommen, der hier in Rom auch euer Bischof ist. Wir alle sind eingebunden in das Netz des Gehorsams gegenüber dem Wort Christi, dem Wort dessen, der uns die wahre Freiheit schenkt, weil er uns in die Freiräume und die weiten Horizonte der Wahrheit führt. Gerade in dieser gemeinsamen Bindung zum Herrn können und sollen wir die Dynamik des Geistes leben. Wie der Herr vom Vater ausgegangen ist und uns Licht, Leben und Liebe geschenkt hat, so muss uns die Sendung ständig antreiben, uns unruhig machen, um den Leidenden, den Zweifelnden und auch den Trauernden die Freude Christi zu bringen.

Schließlich gibt es da noch die Vollmacht zur Vergebung. Das Bußsakrament ist einer der kostbaren Schätze der Kirche, weil sich nur in der Vergebung die wahre Erneuerung der Welt vollzieht. Nichts kann in der Welt besser werden, wenn nicht das Böse überwunden wird. Und das Böse kann nur durch die Vergebung überwunden werden. Es muss natürlich eine wirksame Vergebung sein. Aber diese Vergebung kann uns allein der Herr gewähren. Eine Vergebung, die das Böse nicht nur mit schönen Worten aus dem Weg räumt, sondern es wirklich zerstört. Das aber kann nur durch das Leiden geschehen, und es ist tatsächlich geschehen durch die leidende Liebe Christi, aus der wir die Vollmacht zur Vergebung schöpfen.

Schließlich, liebe Weihekandidaten, lege ich euch die Liebe zur Mutter des Herrn ans Herz. Macht es wie der hl. Johannes, der sie in seinem tiefsten Herzen aufnahm. Lasst euch immer wieder von ihrer mütterlichen Liebe erneuern. Lernt von ihr Christus lieben. Der Herr segne euren Weg als Priester! Amen.

(Orig. ital. in O.R. 16./17.5.2005)

VOR DEM REGINA CAELI

Worte von Papst Benedikt XVI.

Pfingstsonntag, 15. Mai 2005

Liebe Brüder und Schwestern!

Zunächst einmal bitte ich um Entschuldigung für meine große Verspätung! Mir war die Gnade gewährt, heute, am Tag des Heiligen Geistes, 21 neue Priester für die Diözese Rom zu weihen. Eine so reiche Ernte Gottes braucht natürlich ein wenig Zeit! Danke für euer Verständnis.

Vor kurzem ist also diese Eucharistiefeier zu Ende gegangen, in deren Verlauf ich zu meiner großen Freude 21 Neupriester weihen konnte. Dieses Ereignis stellt eine wichtige Zeit des Wachstums für unsere Gemeinschaft dar, denn von den geweihten Amtsträgern erhält sie Leben, vor allem durch den Dienst am Wort Gottes und an den Sakramenten. Heute ist also ein Festtag für die Kirche von Rom. Und für die neuen Priester ist dies in besonderer Weise ihr Pfingstfest: Von neuem übermittle ich ihnen meinen Gruß und bete dafür, dass der Heilige Geist ihren Dienst stets begleite. Lasst uns Gott danken für das Geschenk der Neupriester und dafür beten, dass in Rom und der ganzen Welt zahlreiche und heilige Priesterberufungen erweckt werden und heranreifen.

Das glückliche Zusammentreffen von Pfingsten und der heutigen Priesterweihe ist für mich eine Einladung, die unauflösliche Verbindung, die in der Kirche zwischen dem Geist und der Institution besteht, herauszustellen. Ich wies darauf schon am vergangenen Samstag bei der Inbesitznahme der Kathedra des Bischofs von Rom in der Lateranbasilika hin. Der Bischofssitz und der Geist sind zwei tief miteinander verbundene Wirklichkeiten, so wie es auch für das Charisma und das Weiheamt der Fall ist. Ohne den Heiligen Geist würde die Kirche auf die Ebene einer rein menschlichen, von ihren eigenen Einrichtungen belasteten Organisation verkürzt werden. Zumeist jedoch bedient sich der Geist in Gottes Plänen seinerseits menschlicher Vermittlung, um in der Geschichte zu wirken. Gerade deshalb hat Christus, der seine Kirche auf das Fundament der um Petrus gescharten Apostel gründete, sie auch mit der Gabe seines Geistes bereichert, damit er sie im Laufe der Jahrhunderte tröste (vgl. Joh 14,16) und sie zur vollen Wahrheit führe (vgl. Joh 16,13). Möge die kirchliche Gemeinschaft dem Wirken des Heiligen Geistes gegenüber stets aufgeschlossen und fügsam bleiben, um glaubhaftes Zeichen und wirksames Werkzeug von Gottes Tun unter den Menschen zu sein! Diesen Wunsch vertrauen wir der Jungfrau Maria an, die wir heute im glorreichen Geheimnis des Pfingstfestes betrachten. Der Heilige Geist, der in Nazaret auf sie herabkam, um sie zur Mutter des menschgewordenen Wortes zu machen (vgl. Lk 1,35), ist an diesem Tag auf die werdende, um Maria im Abendmahlssaal versammelte Kirche herabgekommen. Vertrauensvoll rufen wir die allerseligste Jungfrau an, damit sie eine erneute Ausgießung des Geistes auf die Kirche in unserer Zeit erwirke.

Danke! Danke! Liebe Brüder und Schwestern, heute, an diesem schönen Pfingstsonntag sehe ich Grüße in nur zwei Sprachen: auf Deutsch und Italienisch.

Nach dem Regina Caeli sagte der Papst auf Deutsch:

Sehr herzlich grüße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache. Besonders heiße ich eine Gruppe von Jugendlichen der Gemeinschaft „Sant’Egidio“ aus Deutschland willkommen. Vertraut stets auf das Wirken des Heiligen Geistes! Er hilft euch, als frohe Zeugen Christi das Evangelium der Liebe und der Hoffnung zu allen Menschen zu bringen. Allen ein gesegnetes Pfingstfest!

Abschließend sagte Benedikt XVI. auf Italienisch:

Meinen herzlichen Gruß richte ich nun an die Pilger italienischer Sprache. Ausdrücklich begrüße ich die Vertreter des Nationalen Verbands der Krankenhilfsdienste aus Florenz, die Gläubigen aus Avigliano Umbro und aus Castel del Piano bei Perugia. Euch allen wünsche ich ein schönes Pfingstfest. Schönen Sonntag! Danke! Danke! Auf Wiedersehen! Danke!

(O.R. dt., Nr. 20, 20.5.2005)

GENERALAUDIENZ

Ansprache von Papst Benedikt XVI., Mittwoch, 18. Mai 2005 Lesung: Psalm 113,1–9

1 Ein Loblied auf Gottes Hoheit und Huld Halleluja! Lobet, ihr Knechte des Herrn, lobt den Namen des Herrn!

2 Der Name des Herrn sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit.

3 Vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang sei der Name des Herrn gelobt.

4 Der Herr ist erhaben über alle Völker, seine Herrlichkeit überragt die Himmel.

5 Wer gleicht dem Herrn, unserem Gott, im Himmel und auf Erden,

6 ihm, der in der Höhe thront, der hinabschaut in die Tiefe,

7 der den Schwachen aus dem Staub emporhebt und den Armen er- höht, der im Schmutz liegt?

8 Er gibt ihm einen Sitz bei den Edlen, bei den Edlen seines Volkes.

9 Die Frau, die kinderlos war, lässt er im Hause wohnen; sie wird Mutter und freut sich an ihren Kindern. Halleluja!

Liebe Brüder und Schwestern!

Bevor wir nun eine kurze Auslegung des eben gesungenen Psalms vornehmen, möchte ich daran erinnern, dass heute der Geburtstag unseres geliebten Papstes Johannes Pauls II. ist. Er wäre heute 85 Jahre alt geworden, und wir sind sicher, dass er uns vom Himmel aus sieht und bei uns ist. Wir wollen bei dieser Gelegenheit dem Herrn für das Geschenk dieses Papstes danken und wir wollen dem Papst selbst für alles danken, was er getan und gelitten hat.

1. Soeben erklang in seiner Schlichtheit und Schönheit der Psalm 113, der gleichsam das Eingangstor zu einer kleinen Reihe von Psalmen ist, die vom 113. bis zum 118. reicht und herkömmlich als „das ägyptische Hallel“ bezeichnet wird. Es ist das Halleluja, das heißt der Lobgesang, der die Befreiung aus der Knechtschaft des Pharaos und Israels Freude darüber preist, dem Herrn in Freiheit im verheißenen Land zu dienen (vgl. Ps 114).

Nicht ohne Grund hatte die jüdische Überlieferung diese Folge von Psalmen mit der Pascha-Liturgie in Zusammenhang gebracht. Die entsprechend seinen historisch-sozialen und vor allem spirituellen Dimensionen begangene Feier jenes Ereignisses wurde als Zeichen der Befreiung vom Bösen in seinen vielfältigen Erscheinungsformen empfunden.

Der 113. Psalm ist ein kurzer Hymnus, der im hebräischen Original aus nur 60 Worten besteht, die alle von Gefühlen des Vertrauens, der Lobpreisung und der Freude erfüllt sind.

2. Die erste Strophe (vgl. Ps 113,1–3) preist „den Namen des Herrn“, der im Sprachgebrauch der Bibel bekanntlich auf die Person Gottes selbst, auf seine lebendige und tätige Gegenwart in der menschlichen Geschichte hinweist.

Dreimal und mit leidenschaftlicher Eindringlichkeit erklingt im Mittelpunkt der Anbetung „der Name des Herrn“. Alles Sein und alle Zeit – „vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang“, sagt der Psalmist (V. 3) – sind hineingenommen in ein einziges Dankgebet. Es ist, als stiege unaufhörlich ein Chor von der Erde zum Himmel empor, um den Herrn, Schöpfer des Alls und König der Geschichte, zu preisen.

3. Durch diese Bewegung nach oben führt uns der Psalm zum göttlichen Geheimnis. Denn der zweite Teil (vgl. V. 4–6) verherrlicht die Transzendenz des Herrn, beschrieben mit vertikalen Bildern, die den rein menschlichen Horizont übersteigen. Es wird verkündet: Der Herr ist „erhaben“, „er thront in der Höhe“, und keiner vermag ihm gleich zu sein; auch um die Himmel zu schauen, muss er „hinabschauen in die Tiefe“, denn „seine Herrlichkeit überragt die Himmel“ (V. 4).

Der göttliche Blick richtet sich auf die gesamte Wirklichkeit, auf die irdischen und auf die himmlischen Wesen. Doch seine Blicke sind nicht hochmütig und unbeteiligt wie die eines kaltblütigen Herrschers. Der Herr – sagt der Psalmist – beugt sich hinab, er „schaut hinab in die Tiefe“ (V. 6).

4. So kommt man zur letzten Bewegung des Psalms (vgl. V. 7–9), die die Aufmerksamkeit von den himmlischen Höhen auf unseren irdischen Horizont verlagert. Der Herr beugt sich mit zuvorkommender Sorge herab zu unserer Geringheit und unserem Elend, das uns dazu verleiten könnte, uns ängstlich zurückzuziehen. Er richtet seinen liebevollen Blick und sein eifriges Wirken direkt auf die Geringsten und Ärmsten dieser Welt: „Er hebt den Schwachen aus dem Staub empor und erhöht den Armen, der im Schmutz liegt“ (V. 7).

Gott beugt sich also hinab zu den Bedürftigen und Leidenden, um sie zu trösten. Und dieses Wort findet seine letzte Verdichtung, seinen letzten Realismus in dem Augenblick, in dem sich Gott hinabbeugt, um Mensch zu werden, um einer von uns, ja einer der Armen der Welt zu werden. Dem Armen verleiht er die größte Ehre, nämlich „einen Sitz bei den Edlen“ zu haben; ja „bei den Edlen seines Volkes“ (V. 8). Der allein stehenden und kinderlosen Frau, die von der antiken Gesellschaft geächtet wurde, als wäre sie ein dürrer, nutzloser Zweig, schenkt Gott die Ehre und große Freude, mehrere Kinder zu haben (vgl. V. 9). Der Psalmist lobt also einen Gott, der in seiner Größe ganz anders ist als wir, aber zugleich seinen leidenden Geschöpfen sehr nahe.

Es liegt nahe, in diesen Schlussversen des 113. Psalms intuitiv eine Vorwegnahme der Worte Marias im Magnifikat zu erkennen, dem Gesang von der Erwählung durch Gott, der „auf die Niedrigkeit seiner Magd geschaut hat“. Radikaler als unser Psalm verkündet Maria, dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht (vgl. Lk 1,48.52; vgl. Ps 113,6–8).

5. Ein sehr alter „Vesperhymnus“, der in den so genannten Constitutiones Apostolorum (VII, 48) erhalten ist, greift die freudige Einleitung unseres Psalms auf und entwickelt sie weiter. Wir führen ihn zum Abschluss unserer Betrachtung hier an, um die „christliche“ Lesart der Psalmen durch die Urgemeinde zu veranschaulichen: „Lobt, Kinder, den Herrn, / lobt den Namen des Herrn. / Wir loben dich, wir besingen dich, wir preisen dich / für deine unermessliche Herrlichkeit. / Königlicher Herr, Vater Christi, des unbefleckten Lammes, / das hinwegnimmt die Sünde der Welt. / Dir gebührt das Lob, dir der Lobgesang, dir Lobpreis und Ehre, / Gottvater durch den Sohn im Heiligen Geist / von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen“ (S. Priocco – M. Simonetti, La preghiera dei cristiani, Mailand 2000, S. 97).

(Orig. ital. in O.R. 19.5.2005)

Bei der Generalaudienz am 18. Mai auf Deutsch:

Liebe Brüder und Schwestern!

Ein Hymnus des Vertrauens, der Lobpreisung und der Freude ist der Psalm 113, der die Reihe der „Hallelpsalmen“ eröffnet, die an die Befreiung Israels aus der Knechtschaft Ägyptens erinnern. Der Name des Herrn, Gott selbst, steht darin im Mittelpunkt. Alles Sein und alle Zeit sind hineingenommen in ein einziges Dankgebet: „Vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang sei der Name des Herrn gelobt!“ (Ps 113,3). Unaufhörlich steigt der Lobgesang des Gottesvolkes zum Schöpfer und Herrn der Geschichte auf. Seine Herrlichkeit überragt Himmel und Erde. Aber diese Größe Gottes bedeutet keineswegs, dass er dem Menschen fernbliebe. In unerschöpflicher Liebe blickt er auf die Bedürftigen und Leidenden, die er tröstet und denen er zu Hilfe eilt. Der Lobpreis der Größe Gottes ist deshalb zugleich Ausdruck des Vertrauens auf seine rettende Nähe.

Mit Freude heiße ich die große Zahl der Pilger und Besucher aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, aus Luxemburg und aus den Niederlanden willkommen. Ich sehe die Fahnen und die Freude, und viele der Namen sind mir bestens bekannt. Herzlich willkommen! Besonders grüße ich den Domchor Klagenfurt und das Philharmonische Orchester Augsburg. Euer ganzes Leben sei ein Lobpreis Gottes! Der Herr ist uns immer und überall nahe. Sein Geist führe und leite euch. Allen Schülerinnen und Schülern, die heute hier sind, wünsche ich erholsame Pfingstferien! (O.R. dt., 20.5.2005)

ORDENSÜBERREICHUNG AN DEN HOCHWÜRDIGSTEN HERRN APOSTOLISCHEN PROTONOTAR PROF. DR. H. C. GEORG RATZINGER

Ansprache von Papst Benedikt XVI., Donnerstag, 19. Mai 2005

Lieber Georg,
verehrter Herr Botschafter,
verehrter Herr Präsident Schambeck, verehrte Autoritäten,
Damen und Herren!

Ich komme mir etwas merkwürdig vor, wenn ich jetzt das Wort ergreife. Beim Herunterfahren hat der Sekretär noch sehr berechtigt zu mir gesagt: „Jetzt, lieber Heiliger Vater, ist eindeutig Ihr Bruder die Hauptperson“. Darüber kann es keine Diskussion geben und so ist es auch. Aber gerade das finde ich schön, dass jetzt einmal wirklich mein Bruder, der 30 Jahre mit so viel Hingebung um die Kirchenmusik im Regensburger Dom und in der weiten Welt sich bemüht hat, eine Anerkennung von besonders kompetenter Seite erfährt.

Wenn ich trotz meiner Inkompetenz rede, so fühle ich mich gleichsam als Sprecher all derer, die hier anwesend sind, die sich mitfreuen, die Dankbarkeit und Genugtuung für diese Stunde und für diesen Augenblick mitempfinden. Mein Bruder hat es schon gesagt: Österreich ist in ganz besonderer Weise ein Land der Musik. Wer an Österreich denkt, denkt zunächst an die Schönheit der Schöpfung, die der Herr diesem unserem Nachbarland geschenkt hat. Denkt an die Schönheit der Bauten, an die Herzlichkeit der Menschen, aber er denkt vor allen Dingen auch an die Musik – und die großen Namen sind ja eben schon genannt worden – und auch an die Ausübung der Musik – Wiener Sängerknaben, Wiener Philharmoniker, Salzburger Festspiele und so fort. Und so ist es doch von einem ganz besonderen Gewicht, wenn dieses unser geliebtes Nachbarland Österreich meinem Bruder diese Auszeichnung schenkt. Dafür möchte auch ich mich ganz herzlich bedanken.

Ich stelle mir vor, dass es auch für die neue Generation der Domspatzen, vom Domkapellmeister angefangen, Ermutigung und Freude ist, dass diese 30-jährige Arbeit in dieser Weise nun anerkannt wird und dass es ihnen helfen wird, mit neuem Elan, mit neuer Freude in dieser Zeit, in der wir dessen besonders bedürfen, die Botschaft des Schönen Gott zur Ehre und den Menschen zur Freude weiterzutragen. Danke.

(Orig. dt. in O.R. 21.5.2005)

VOR DEM ANGELUS

Ansprache von Papst Benedikt XVI., Dreifaltigkeitssonntag, 22. Mai 2005

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute feiert die Liturgie das Hochfest der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, gleichsam um hervorzuheben, dass sich im Licht des Ostergeheimnisses der Mittelpunkt des Kosmos und der Geschichte vollkommen offenbart: Gott selbst, die ewige und grenzenlose Liebe. Das Wort, das die gesamte Offenbarung zusammenfasst, lautet: „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,8.16). Die Liebe ist stets ein Geheimnis, eine Wirklichkeit, die den Verstand übersteigt; sie steht dabei nicht im Widerspruch zu ihm, sondern bringt seine Fähigkeiten voll zur Entfaltung. Jesus hat uns das Mysterium Gottes enthüllt: Er, der Sohn, hat uns den Vater im Himmel erkennen lassen und uns den Heiligen Geist, die Liebe des Vaters und des Sohnes, geschenkt. Die christliche Theologie fasst die Wahrheit über Gott in diesem Begriff zusammen: ein einziges Wesen in drei Personen. Gott ist nicht Einsamkeit, sondern vollkommene Gemeinschaft. Deshalb verwirklicht sich der Mensch als Abbild Gottes in der Liebe, die aufrichtige Selbsthingabe ist.

Wir betrachten das Geheimnis der Liebe Gottes, an dem wir auf erhabenste Weise in der heiligen Eucharistie teilhaben, dem Sakrament des Leibes und Blutes Christi, der Vergegenwärtigung seines Erlösungsopfers. Daher freue ich mich, heute, am Fest der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, meinen Gruß an die Teilnehmer des Eucharistischen Kongresses der italienischen Kirche zu richten, der gestern in Bari begonnen hat. Im Herzen dieses der Eucharistie gewidmeten Jahres schart sich das christliche Volk um Jesus Christus, der im Altarsakrament gegenwärtig ist, als Quelle und Höhepunkt seines Lebens und seiner Sendung. Vor allem sind alle Pfarrgemeinden aufgerufen, die Schönheit des Sonntags, des Tages des Herrn, wiederzuentdecken, denn an diesem Tag erneuern die Jünger Christi in der Eucharistie ihre Gemeinschaft mit Ihm, der den täglichen Freuden und Mühen Sinn gibt. „Ohne den Sonntag können wir nicht leben“, bekannten die ersten Christen auch um den Preis ihres Lebens, und auch wir sind heute aufgerufen, diese Worte zu wiederholen.

Am kommenden Sonntag werde ich persönlich zu einer Eucharistiefeier nach Bari reisen, aber schon jetzt schließe ich mich im Geiste diesem bedeutenden kirchlichen Ereignis an. Lasst uns gemeinsam die Fürsprache der Jungfrau Maria erbitten, auf dass diese Tage so tiefen Gebets und tiefer Anbetung des eucharistischen Christus die Kirche in Italien mit neuem Eifer im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe erfülle. Auch alle Kinder, Heranwachsenden und Jugendlichen, die in diesen Tagen die Erstkommunion oder das Sakrament der Firmung empfangen, möchte ich Maria anvertrauen. Mit diesem Anliegen beten wir nun den Angelus und erleben dadurch mit Maria aufs Neue das Geheimnis der Verkündigung.

Nach dem Angelusgebet sagte der Papst zunächst auf Spanisch:

Herzlich begrüße ich die Pilger spanischer Sprache, besonders die Mitglieder der „Obra de la Iglesia“, die gekommen sind, um an diesem Mariengebet teilzunehmen. Bekennt euren Glauben an die Heiligste Dreifaltigkeit, und verherrlicht mit euren Worten und Werken den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Schönen Sonntag!

... auf Polnisch:

Ich begrüße die Pilger aus Polen. Ich empfehle euch alle der Muttergottes an und segne einen jeden von Herzen.

... auf Deutsch:

Einen glaubensfrohen Gruß richte ich an die Pilger deutscher Sprache, besonders an die Erstkommunionkinder der polnischen Mission in Essen. Aus Liebe zu uns Menschen hat der ewige Vater seinen Sohn gesandt und uns den Heiligen Geist geschenkt, um uns zu Kindern Gottes zu machen. Erweisen wir uns dieser Gnade würdig! Der Dreifaltige Gott erhalte euch allezeit in seiner Liebe!

Papst Benedikt XVI. schloss auf Italienisch:

Ich grüße die Pilger italienischer Sprache, vor allem die Gläubigen aus Romano di Lombardia, Cassano d’Adda, Piedimonte Matese, Bonifati und Sava; die Vereinigung UNITALSI aus Gualdo Tadino; die Kinder und Jugendlichen aus der Erzdiözese Genua, aus Colonnella, Sant’Ilario d’Enza und Bellizzi; die Kinder aus San Vito dei Normanni und den Rotary Club von Salerno. Außerdem begrüße ich die Missionarinnen und die Freiwilligen des Instituts „Immacolata-Pater Kolbe“ sowie die Schwestern der Nächstenliebe, denen ich für ihr Generalkapitel alles Gute wünsche.

Allen wünsche ich einen schönen Sonntag.

(O.R. dt., 27.5.2005)

HEILIGE MESSE AUF DEM VORPLATZ DER PATRIARCHALBASILIKA ST. JOHANN IM LATERAN

Predigt von Papst Benedikt XVI., Hochfest des Leibes und Blutes Christi Donnerstag, 26. Mai 2005

Liebe Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

Am Hochfest des Leibes und Blutes Christi, dem Fronleichnamsfest, durchlebt die Kirche im Licht der Auferstehung von neuem das Geheimnis des Gründonnerstags. Auch der Gründonnerstag kennt eine eucharistische Prozession, mit der die Kirche den Gang Jesu vom Abendmahlssaal zum Ölberg wiederholt. In Israel feierte man die Paschanacht zu Hause, im engen Familienkreis; so erinnerte man an das erste Pascha in Ägypten – an die Nacht, in der das Blut des Osterlammes auf die Schwellen und Pfosten der Häuser gestrichen worden war, um sie vor dem Vernichter zu schützen. In jener Nacht geht Jesus hinaus und liefert sich den Händen des Verräters aus, des Vernichters, und besiegt genau dadurch die Nacht und die Finsternis des Bösen. Nur so findet das Geschenk der Eucharistie, die im Abendmahlsaal eingesetzt wurde, seine Erfüllung: Jesus gibt wirklich seinen Leib und sein Blut hin. Indem er die Schwelle des Todes überschreitet, wird er lebendiges Brot, wahres Manna, unvergängliche Speise für alle Zeiten. Das Fleisch wird zum Brot des Lebens.

Bei der Prozession am Gründonnerstag begleitet die Kirche Jesus zum Ölberg: Es ist der inständige Wunsch der betenden Kirche, mit Jesus zu wachen, ihn nicht allein zu lassen in der Nacht der Welt, in der Nacht des Verrats, in der Nacht der Gleichgültigkeit so vieler. Am Fronleichnamsfest nehmen wir diese Prozession wieder auf, aber in der Freude der Auferstehung. Der Herr ist auferstanden und geht uns voraus.

In den Berichten über die Auferstehung gibt es ein wesentliches gemeinsames Merkmal; die Engel sagen: Der Herr „geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen“ (Mt 28,7). Bei näherer Betrachtung können wir sagen, dass dieses „Vorausgehen“ Jesu eine doppelte Richtung beinhaltet. Die erste ist – wie wir gehört haben – Galiläa. In Israel galt Galiläa als das Tor zur Welt der Heiden. Und tatsächlich sehen die Jünger in Galiläa, auf dem Berg, Jesus, den Herrn, der zu ihnen sagt: „Darum geht zu allen Völkern ... und lehrt sie“ (Mt 28,19 f.).

Die andere Richtung, in die der Auferstandene vorausgeht, erscheint im Johannesevangelium, in den Worten Jesu an Maria Magdalena: „Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen“ (Joh 20,17). Jesus geht uns zum Vater voraus, er steigt zur Höhe Gottes hinauf und lädt uns ein, ihm zu folgen. Diese beiden Richtungen des Weges des Auferstandenen widersprechen sich nicht, sondern zeigen zusammen den Weg der Nachfolge Christi an. Das wahre Ziel unseres Weges ist die Gemeinschaft mit Gott – Gott selbst ist das Haus mit den vielen Wohnungen (vgl. Joh 14,2 f.). Aber wir können zu diesem Haus nur aufsteigen, wenn wir „nach Galiläa“ gehen – wenn wir auf den Straßen der Welt gehen und das Evangelium zu allen Völkern bringen, allen Menschen aller Zeiten das Geschenk seiner Liebe bringen. Darum führte der Weg der Apostel bis an die „Grenzen der Erde“; so sind die hll. Petrus und Paulus bis nach Rom gekommen, die Stadt, die damals der Mittelpunkt der bekannten Welt war, das wahre „caput mundi“, die Hauptstadt der Welt.

Die Prozession am Gründonnerstag begleitet Jesus in seiner Einsamkeit hin zum „Kreuzweg“. Die Fronleichnamsprozession hingegen antwortet symbolisch auf den Auftrag des Auferstandenen: Ich gehe euch voraus nach Galiläa. Geht bis an die Grenzen der Erde, bringt der Welt das Evangelium. Natürlich ist die Eucharistie für den Glauben ein Mysterium tiefer Vertrautheit. Der Herr hat das Sakrament im Abendmahlssaal eingesetzt, umgeben von seiner neuen Familie, den zwölf Aposteln, Vorankündigung und Vorwegnahme der Kirche aller Zeiten.

Deshalb wurde die Austeilung der heiligen Kommunion in der Liturgie der Urkirche mit den Worten eingeleitet: Sancta sanctis – die heilige Gabe ist für diejenigen bestimmt, die sich als heilig erwiesen haben. Auf diese Weise antwortete man auf die Mahnung des hl. Paulus an die Korinther: „Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken“ (1 Kor 11,28). Dennoch geht von dieser Vertrautheit, die ein sehr persönliches Geschenk des Herrn ist, die Kraft des Sakraments der Eucharistie weit über die Mauern unserer Kirchen hinaus. In diesem Sakrament ist der Herr immer unterwegs zur Welt. Dieser universelle Aspekt der eucharistischen Präsenz zeigt sich in der Prozession unseres heutigen Festes. Wir tragen Christus, der in der Gestalt des Brotes gegenwärtig ist, durch die Straßen unserer Stadt. Wir vertrauen diese Straßen, diese Häuser – unser tägliches Leben – seiner Güte an. Mögen unsere Straßen Jesu Wege sein! Mögen unsere Häuser Häuser für ihn und mit ihm sein! Möge unser tägliches Leben durchdrungen sein von seiner Gegenwart.

Mit dieser Geste tragen wir vor seine Augen die Leiden der Kranken, die Einsamkeit der Jungen und Alten, die Versuchungen, die Ängste – unser ganzes Leben. Die Prozession will ein großer, öffentlicher Segen für diese unsere Stadt sein: Christus selbst ist der göttliche Segen für die Welt – der Strahl seines Segens breite sich über uns alle aus!

Bei der Fronleichnamsprozession begleiten wir, wie gesagt, den Auferstandenen auf seinem Weg hin zur ganzen Welt. Und indem wir das tun, antworten wir auch auf seinen Auftrag: „Nehmt und esst ...

Trinkt alle daraus“ (Mt 26,26 f.). Den Auferstandenen, der in der Gestalt des Brotes gegenwärtig ist, kann man nicht „essen“ wie ein einfaches Stück Brot. Dieses Brot essen heißt kommunizieren, heißt eintreten in die Gemeinschaft mit der Person des lebendigen Herrn. Diese Kommunion, dieses „Essen“ ist wirklich eine Begegnung zwischen zwei Personen, ein Sich-durchdringen-Lassen vom Leben dessen, der der Herr ist, der mein Schöpfer und Erlöser ist. Ziel dieser Kommunion, dieses „Essens“, ist die Angleichung meines Lebens an sein Leben, meine Umwandlung und Gleichgestaltung mit ihm, der lebendige Liebe ist. Deshalb schließt diese Kommunion die Anbetung ein, den Willen, Christus nachzufolgen, dem zu folgen, der uns vorangeht. Anbetung und Prozession sind also Teil einer einzigen Geste der Kommunion; sie antworten auf seinen Auftrag: „Nehmt und esst“.

Unsere Prozession endet vor der Basilika Santa Maria Maggiore, in der Begegnung mit der Muttergottes, die vom lieben Papst Johannes Paul II. „eucharistische Frau“ genannt wurde. Tatsächlich lehrt uns Maria, die Mutter des Herrn, was es heißt, in Gemeinschaft mit Christus zu treten: Maria hat ihr eigenes Fleisch, ihr eigenes Blut Jesus gegeben und ist zum lebendigen Zelt des Wortes geworden, als sie sich im Körper und im Geist von seiner Gegenwart durchdringen ließ. Wir bitten sie, unsere heilige Mutter, dass sie uns dabei helfe, unser ganzes Sein immer mehr der Gegenwart Christi zu öffnen. Sie helfe uns, ihm treu zu folgen, Tag für Tag, auf den Straßen unseres Lebens. Amen!

(Orig. ital. in O.R. 27./28.5.2005)

== HEILIGE MESSE ZUM ABSCHLUSS DES XXIV. NATIONALEN EUCHARISTISCHEN KONGRESSES ITALIENS IN BARI ??

Predigt von Papst Benedikt XVI., Sonntag, 29. Mai 2005

Liebe Brüder und Schwestern!

„Jerusalem, preise den Herrn, lobsinge, Zion, deinem Gott!“ (Antwortpsalm). Diese Einladung des Psalmisten, die auch in der Sequenz anklingt, bringt sehr gut die Bedeutung dieser Eucharistiefeier zum Ausdruck: Wir sind zusammengekommen, um den Herrn zu loben und zu preisen. Das ist der Grund, der die italienische Kirche dazu veranlasst hat, sich hier in Bari zum Nationalen Eucharistischen Kongress einzufinden. Auch ich wollte mich heute euch allen anschließen, um das Hochfest des Leibes und Blutes Christi besonders würdig zu feiern und auf diese Weise Christus im Sakrament seiner Liebe Ehrerbietung zu erweisen und zugleich die Bande der Gemeinschaft zu festigen, die mich mit der Kirche in Italien und mit ihren Hirten verbinden. Wie ihr wisst, wäre bei diesem bedeutenden kirchlichen Ereignis auch mein verehrter und geliebter Vorgänger, Papst Johannes Paul II., gern zugegen gewesen. Wir spüren alle, dass er uns nahe ist und mit uns Christus, den Guten Hirten, verherrlicht, den er jetzt selbst direkt schauen darf.

Herzlich begrüße ich euch alle, die ihr an diesem feierlichen Gottesdienst teilnehmt: Kardinal Camillo Ruini und alle weiteren anwesenden Kardinäle, den Erzbischof von Bari, Msgr. Francesco Cacucci, dem ich für seine freundlichen Worte danke, die Bischöfe Apuliens und die zahlreichen Bischöfe, die aus allen Teilen Italiens gekommen sind; die Priester, die Ordensmänner, die Ordensfrauen und die Laien, besonders die jungen Menschen, und natürlich all jene, die in verschiedener Weise bei der Organisation des Kongresses mitgewirkt haben. Außerdem begrüße ich die Obrigkeiten, die durch ihre geschätzte Anwesenheit auch hervorheben, dass die Eucharistischen Kongresse Teil der Geschichte und der Kultur des italienischen Volkes sind.

Zeugnis der 49 Märtyrer von Abitene

Dieser Eucharistische Kongress, der heute zu Ende geht, wollte den Sonntag als „wöchentliches Ostern“, als Ausdruck der Identität der christlichen Gemeinschaft und Mittelpunkt ihres Lebens und ihrer Sendung darstellen. Das gewählte Thema – „Ohne den Sonntag können wir nicht leben“ – führt uns zurück in das Jahr 304, als Kaiser Diokletian den Christen unter Todesstrafe verbot, die Heilige Schrift zu besitzen, am Sonntag zur Feier der Eucharistie zusammenzukommen und Räume für ihre Versammlungen zu errichten. In Abitene, einem kleinen Dorf im heutigen Tunesien, wurden eines Sonntags 49 Christen, die im Haus des Octavius Felix zusammengekommen waren, überrascht, als sie die Eucharistie feierten und sich damit den kaiserlichen Verboten widersetzten. Sie wurden festgenommen und nach Karthago gebracht, um von Prokonsul Anulinus verhört zu werden. Bedeutsam war unter anderem die Antwort eines gewissen Emeritus an den Prokonsul, der ihn fragte, warum sie dem strengen Befehl des Kaisers zuwidergehandelt hätten. Er antwortete: „Sine dominico non possumus“. Das bedeutet: Ohne uns am Sonntag zur Feier der Eucharistie zu versammeln, können wir nicht leben. Es würden uns die Kräfte fehlen, uns den täglichen Schwierigkeiten zu stellen und nicht zu unterliegen. Nach grausamer Folter wurden diese 49 Märtyrer von Abitene getötet. So bezeugten sie mit dem Vergießen ihres Blutes ihren Glauben. Sie starben, haben aber gesiegt: Wir gedenken ihrer jetzt in der Herrlichkeit des auferstandenen Christus.

Über diese Erfahrung der Märtyrer von Abitene müssen auch wir Christen des 21. Jahrhunderts nachdenken. Auch für uns ist es nicht leicht, als Christen zu leben, auch wenn es nicht diese kaiserlichen Verbote gibt. Aber aus geistlicher Sicht kann die Welt, in der wir leben, die oft von zügellosem Konsumismus, von religiöser Gleichgültigkeit und von einem der Transzendenz verschlossenen Säkularismus geprägt ist, wie eine Wüste erscheinen, die nicht weniger hart ist als die „große und furchterregende Wüste“ (Dtn 8,15), von der die Erste Lesung, aus dem Buch Deuteronomium, gesprochen hat.

Dem jüdischen Volk in seiner Not kam Gott in dieser Wüste mit der Gabe des Manna zu Hilfe, um es erkennen zu lassen, dass „der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des Herrn spricht“ (Dtn 8,3). Im heutigen Evangelium hat uns Jesus erklärt, auf welches Brot Gott durch die Gabe des Manna das Volk des Neuen Bundes vorbereiten wollte. Im Hinblick auf die Eucharistie hat er gesagt: „Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Mit ihm ist es nicht wie mit dem Brot, das die Väter gegessen haben; sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit“ (Joh 6,58). Der Fleisch gewordene Sohn Gottes konnte zum Brot werden und so Speise seines Volkes sein, Speise für uns, die wir in dieser Welt unterwegs sind in das verheißene Land des Himmels.

Freude über die Teilnahme an der sonntäglichen Messfeier

Wir brauchen dieses Brot, um die Mühen und die Erschöpfung der Reise zu bewältigen. Der Sonntag, Tag des Herrn, ist die beste Gelegenheit, um aus ihm, dem Herrn des Lebens, Kraft zu schöpfen. Das Sonntagsgebot ist also keine von außen auferlegte Verpflichtung, keine Last auf unseren Schultern. Im Gegenteil, an der sonntäglichen Messfeier teilzunehmen, sich vom eucharistischen Brot zu nähren, die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern in Christus zu erfahren, ist für den Christen ein Bedürfnis, eine Freude; so kann der Christ die nötige Kraft finden für den Weg, den wir jede Woche zurücklegen müssen. Es ist übrigens kein willkürlicher Weg: Der Weg, den Gott uns in seinem Wort weist, führt in die Richtung, die in das Wesen des Menschen selbst eingeschrieben ist. Das Wort Gottes und die Vernunft gehören zusammen. Dem Wort Gottes folgen, mit Christus gehen bedeutet für den Menschen, sich selbst zu verwirklichen; ihn verlieren heißt sich selbst verlieren.

Der Herr lässt uns auf diesem Weg nicht allein. Er ist bei uns ja, er möchte unser Schicksal mit uns teilen und geht dabei so weit, dass er uns in sich aufnimmt. In dem Gespräch, von dem uns soeben das Evangelium berichtet hat, sagt er: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm“ (Joh 6,56). Wie sollten wir uns über eine solche Verheißung nicht freuen? Wir haben jedoch gehört, dass die Menschen auf jene erste Verkündigung hin zu murren und zu protestieren begannen, anstatt sich zu freuen: „Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?“ (Joh 6,52). Um ehrlich zu sein, diese Haltung hat sich im Laufe der Geschichte viele Male wiederholt. Man könnte im Grunde genommen sagen, die Menschen wollen Gott gar nicht so nahe, so verfügbar haben, sie wollen nicht, dass er so an ihren Angelegenheiten teilnimmt. Die Menschen wollen einen Gott, der groß ist, und schließlich wollen auch wir ihn oft etwas von uns fernhalten. Da werden Fragen aufgeworfen, die schließlich beweisen sollen, dass eine solche Nähe tatsächlich unmöglich wäre.

Die Worte aber, die Christus bei dieser Gelegenheit gesprochen hat, behalten ganz klar ihre Gültigkeit: „Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch“ (Joh 6,53). Wahrlich, wir brauchen einen Gott, der uns nahe ist.

Angesichts des mürrischen Protests hätte Jesus auch auf beruhigende Worte ausweichen und sagen können: „Freunde, macht euch keine Sorgen! Ich habe von Fleisch gesprochen, aber es handelt sich nur um ein Symbol. Was ich möchte, ist nur eine tiefe gefühlsmäßige Verbundenheit“. Aber nein, Jesus hat nicht derartige milde Worte verwendet.

Er hat an seiner Aussage, an ihrem ganzen Realismus festgehalten, selbst auf die Gefahr hin, dass sich viele seiner Jünger zurückziehen würden (vgl. Joh 6,66). Ja er wäre sogar bereit gewesen, den Weggang seiner eigenen Apostel in Kauf zu nehmen, nur um die Konkretheit seiner Rede auf keinen Fall zu verändern: „Wollt auch ihr weggehen?“ (Joh 6,67), fragte er sie. Gott sei Dank gab Petrus eine Antwort, die auch wir heute uns mit vollem Bewusstsein zu eigen machen: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6,68). Wir brauchen einen nahen Gott, einen Gott, der sich in unsere Hände begibt und uns liebt.

In der Eucharistie ist Christus wirklich unter uns gegenwärtig. Seine Gegenwart ist nicht statisch. Es ist eine dynamische Präsenz, die uns erfasst, damit wir die Seinen werden, damit wir ihm ähnlich werden. Christus zieht uns an sich, er lässt uns aus uns selbst herausgehen, damit wir alle mit ihm eins werden. Auf diese Weise nimmt er uns auch in die Gemeinschaft der Brüder auf, und die Gemeinschaft mit dem Herrn ist immer auch Gemeinschaft mit den Schwestern und Brüdern. Und wir sehen die Schönheit dieser Gemeinschaft, die die Heilige Eucharistie uns schenkt.

Die Eucharistie – das Sakrament der Einheit

Hier berühren wir eine weitere Dimension der Eucharistie, auf die ich zum Schluss noch kurz eingehen möchte. Der Christus, dem wir im Sakrament begegnen, ist hier in Bari derselbe wie in Rom, derselbe in Europa wie in Amerika, Afrika, Asien oder Ozeanien. Es ist ein und derselbe Christus, der überall auf der Welt im eucharistischen Brot gegenwärtig ist. Das heißt, dass wir ihm nur zusammen mit allen anderen begegnen können. Wir können ihn nur in der Einheit empfangen.

Ist das etwa nicht das, was uns der Apostel Paulus in der eben gehörten Lesung gesagt hat? In seinem Brief an die Korinther schreibt er: „Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot“ (1 Kor 10,17). Die Konsequenz ist klar: Wir können nicht mit dem Herrn kommunizieren, wenn wir nicht untereinander kommunizieren. Wenn wir vor ihm erscheinen wollen, müssen wir uns auch bewegen und aufeinander zugehen. Dazu müssen wir die große Lektion der Vergebung lernen: Nicht im Herzen das nagende Gefühl des Grolls arbeiten lassen, sondern das Herz für die Großmut öffnen und dem anderen zuhören, das Herz für das Verständnis ihm gegenüber öffnen, um möglicherweise seine Entschuldigungen anzunehmen und unsere eigenen großzügig anzubieten.

Die Eucharistie ist – wir wiederholen es – das Sakrament der Einheit. Doch leider sind die Christen gerade in diesem Sakrament der Einheit gespalten. Um so mehr müssen wir uns, getragen von der Eucharistie, angespornt fühlen, mit allen Kräften nach der vollen Einheit zu streben, die Christus im Abendmahlssaal sehnlich gewünscht hat.

Gerade hier in Bari, im glücklichen Bari, der Stadt, die die Gebeine des hl. Nikolaus aufbewahrt, an dieser Stätte der Begegnung und des Dialogs mit den christlichen Brüdern des Ostens, möchte ich meinen Willen bekräftigen, dass ich es als grundlegende Aufgabe betrachte, mit allen Kräften für die Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Anhänger Christi zu arbeiten.

Ich bin mir bewusst, dass gute Absichtserklärungen dafür nicht ausreichen. Erforderlich sind konkrete Gesten, die in die Herzen dringen und die Gewissen anrühren und so jeden zu dieser inneren Umkehr auffordern, die die Voraussetzung für jeden Fortschritt auf dem Weg des Ökumenismus ist (vgl. Botschaft an die Weltkirche, Sixtinische Kapelle, 20. April 2005). Ich bitte alle, entschlossen den Weg jenes geistlichen Ökumenismus einzuschlagen, der im Gebet die Türen für den Heiligen Geist öffnet, der allein die Einheit schaffen kann.

Liebe Freunde, wir sind aus verschiedenen Teilen Italiens nach Bari gekommen, um diesen Eucharistischen Kongress zu feiern, und müssen die Freude des christlichen Sonntags wiederentdecken. Wir müssen voll Stolz wiederentdecken, was es für ein Privileg ist, an der Eucharistie teilzunehmen, die das Sakrament der erneuerten Welt ist.

Die Auferstehung Christi geschah am ersten Tag der Woche, der in der Heiligen Schrift der Tag der Erschaffung der Welt ist. Genau aus diesem Grund wurde der Sonntag von der christlichen Urgemeinde als der Tag betrachtet, an dem die neue Welt beginnt, der Tag, an dem durch den Sieg Christi über den Tod die neue Schöpfung begonnen hat.

Indem sie sich um den eucharistischen Tisch versammelte, nahm die Gemeinde die Gestalt des neuen Gottesvolkes an. Der hl. Ignatius von Antiochien bezeichnete deshalb die Christen als diejenigen, „die zu der neuen Hoffnung gelangt sind“, und stellte sie als Menschen vor, die „dem Sonntag entsprechend leben“ („iuxta dominicam viventes“). Vor diesem Hintergrund fragte sich der Bischof von Antiochien: „Wie könnten wir ohne Ihn leben, den auch die Propheten erwartet haben?“ (Epistula ad Magnesios, 9,1–2).

„Wie könnten wir ohne Ihn leben?“ In diesen Worten des hl. Ignatius hören wir das Bekenntnis der Märtyrer von Abitene widerhallen: „Sine dominico non possumus“. Von hier steigt unser Gebet auf: Mögen auch wir heutigen Christen uns wieder neu der entscheidenden Bedeutung der sonntäglichen Messfeier bewusst werden und aus der Teilnahme an der Eucharistie den nötigen Eifer für ein neues Engagement erhalten können, um der Welt Christus, „unseren Frieden“ (Eph 2,14), zu verkünden.

Amen!

(Orig. ital. in O.R. 30./31.5.2005)

KURZBIOGRAFIE SEINER HEILIGKEIT BENEDIKT XVI.

1927 Geboren am 16. April in Marktl am Inn

1945–1951 Studium der Philosophie und Theologie in Freising und München 1951 Priesterweihe am 29. Juni in Freising; Aushilfspriester in München-Moosach (Pfarrei St. Martin)

1951–1952 Kaplan in München-Bogenhausen (Pfarrei Hl. Blut)

1953 Dissertation zum Thema Volk und Haus Gottes in Augustinus’ Lehre von der Kirche [1954, Nachdruck: St. Ottilien 1992]

1954–1957 Dozent für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Freising

1957 Habilitation an der Universität München im Fach Fundamentaltheologie mit einer Untersuchung über die Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura (1959, Nachdruck: St. Ottilien 1992)

1958–1959 Außerordentlicher Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Freising

1959–1963 Ordinarius für Fundamentaltheologie an der Universität Bonn

1962–1965 Offizieller Konzilstheologe (Peritus) des Zweiten Vaticanums, Berater von Josef Kardinal Frings, Köln

1963–1966 Ordinarius für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Münster

1966–1969 Ordinarius für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Tübingen

1968 Veröffentlichung des theologischen Standardwerkes „Einführung in das Christentum“

1969–1977 Ordinarius für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Regensburg

1976–1977 Vizepräsident der Universität Regensburg 96

1977 Ernennung zum Erzbischof von München und Freising am 25. März, Bischofsweihe am 28. Mai. Sein Bischofsmotto lautet: „Cooperatores veritatis / Mitarbeiter der Wahrheit“. Erhebung zum Kardinalpriester am 27. Juni durch Papst Paul VI.; Ernennung zum Honorarprofessor der Universität Regensburg

1981 Ernennung am 25. November durch Papst Johannes Paul II. zum Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre in Rom, zum Präsidenten der Päpstlichen Bibelkommission und der Internationalen Theologenkommission

1986–1992 Leiter der Päpstlichen Kommission zur Erstellung des „Katechismus der Katholischen Kirche“

1993 Erhebung im Konsistorium des 5. April zum Kardinalbischof des suburbikarischen Bistums Velletri-Segni durch Papst Johannes Paul II.

1998 Bestätigung der Wahl zum Vizedekan des Kardinalskollegiums am 9. November durch Papst Johannes Paul II.

2002 Wahl am 30. November zum Dekan des Kardinalskollegiums, erhält zusätzlich das suburbikarische Bistum Ostia durch Papst Johannes Paul II.

2005 Am 19. April zum Papst gewählt (Benedikt XVI.), am 24. April feierlich in das Amt eingeführt.

BIBLIOGRAPHISCHE HINWEISE

Die zahlreichen Bücher, die über Papst Benedikt XVI. in den letzten Wochen erschienen sind, enthalten fast alle ein Verzeichnis seiner Buchveröffentlichungen in deutscher Sprache. Eine ausführliche Bibliographie findet der Leser besonders in:

Joseph Cardinal Ratzinger, Weggemeinschaft des Glaubens. Kirche als Communio. Festgabe zum 75. Geburtstag, herausgegeben vom Schülerkreis. Redaktion S. O. Horn und V. Pfnür, Augsburg 2002, 261–324 (Stand: 01.02.2002).

Nach dem Erscheinen dieses umfassenden Verzeichnisses, das auch die Übersetzungen verzeichnet, erschienen folgende wichtigere Werke:

Berührt vom Unsichtbaren. Jahreslesebuch, Freiburg – Basel – Wien 2003, Neuausgabe 2005.

Glaube – Wahrheit – Toleranz. Das Christentum und die Weltreligionen, Freiburg 2003. Unterwegs zu Jesus Christus, Augsburg 2003.

Skandalöser Realismus? Gott handelt in der Geschichte, Bad Tölz 2004.

Komm, Heiliger Geist! Pfingstpredigten, Donauwörth 2004.

Werte in Zeichen des Umbruchs. Die Herausforderung der Zukunft bestehen, Freiburg – Basel – Wien 2005.

Zur Gemeinschaft gerufen. Kirche heute verstehen. Freiburg i. Br. 1991/2005.

(Zusammen mit H. Maier), Demokratie in der Kirche. Möglichkeiten und Grenzen, Limburg – Kevelaer 2000/2005.

Für wissenschaftliche Zwecke empfiehlt sich auch die sehr ausführliche Bibliographie: Per il diritto. Omaggio a Joseph Ratzinger e Sergio Cotta = LUMSA, Collana della Facoltà di Giurisprudenza 4, Torino 2000 (G. Giappichelli Editore) 27–88.

Juni 2005 98

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