Den Sinn für das Sakrale bewahren

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Ansprache

Seiner Heiligkeit
Johannes Paul II.
an die Teilnehmer des internationalen Liturgiekongresses der Bischofskonferenzen in der Audienzaula
Den Sinn für das Sakrale bewahren
27. Oktober 1984

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1984, S. 1454-1460)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Meine Herren Kardinäle!
Liebe Brüder im Bischofs- und Priesteramt!

1. Herzlich begrüße ich euch und bringe euch meine Freude über diese Gedenkfeier zum Ausdruck.

Ich danke dem Pro-Präfekten der Kongregation für den Gottesdienst für die freundlichen Worte, die er an mich richtete, und danke den vier Herren Kardinälen für ihre Darlegungen, die ich mit lebhafter Anerkennung gehört habe.

Mit besonders herzlicher Zuneigung ergeht mein Gruß und Dank an die Präsidenten und Sekretäre der nationalen Liturgiekommissionen, die zu einem so bedeutenden Anlass nach Rom gekommen sind. Denn ihr seid ja hierher gekommen, um an dem Kongress teilzunehmen, der den 20. Jahrestag der Verkündigung der Konzilskonstitution über die heilige Liturgie, Sacrosanctum concilium, zu feiern beabsichtigt.

Dieser Jahrestag verdient hervorgehoben zu werden. Handelt es sich doch um ein Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils, das für das Leben des Volkes Gottes eine besondere Bedeutung besaß und besitzt. In ihm ist bereits der Kern jener ekklesiologischen Lehre zu finden, die in der Folge von der Konzilsversammlung vorgelegt werden sollte. Die Konstitution Sacrosanctum concilium, die in zeitlicher Folge das erste Konzilsdokument war, nimmt Lumen gentium vorweg und setzt es voraus. Das konnte auch gar nicht anders sein: denn das Geheimnis der Kirche wird ja vor allem in der Liturgie verkündet, ausgekostet und gelebt. In der Liturgie begreift die Kirche sich selbst, nährt sich am Tisch des Wortes und des Brotes des Lebens, schöpft jeden Tag Kraft, um auf dem Weg weiterzugehen, der sie zur Freude und zum Frieden des "verheißenen Landes" führen soll. Man kann sagen, dass das geistliche Leben der Kirche über die Liturgie führt, in welcher die Gläubigen die ständig fließende Quelle der Gnade und die konkrete und überzeugende Schule jener Tugenden finden, durch die sie vor den Brüdern Gott die Ehre geben können. Deshalb freue ich mich aufrichtig über die gelungene Initiative dieses Kongresses, der im Abstand von 20 Jahren einen Bericht über die Situation geben will durch Sammlung der Zeugnisse der Verantwortlichen der nationalen Liturgiekommissionen, um daraus eine umfassende Bewertung darüber abzuleiten, wie die Kirche ihre Liturgie lebt, wie sie sich durch die Liturgie in den verschiedenen Nationen gegenwärtig setzt. Zwanzig Jahre sind eine ausreichende Zeitspanne für eine sachliche Überlegung über die Neugestaltung der Liturgie, so wie das Konzil sie verstanden und gewünscht hat; über ihre gegenwärtige Verwirklichung und pastorale Auswirkung; über die Ausblicke auf ihre volle Aufwertung als Höhepunkt des Lebens und Wirkens der Kirche.

Es war seit langem mein lebhafter Wunsch, diesbezüglich ein auf den laufenden Stand gebrachtes Bild zu erhalten, und ich bin daher sehr froh über die Gelegenheit, die mir eure Tagung bietet, legt sie doch das Zeugnis derer vor, die direkten Kontakt haben mit den örtlichen Situationen im liturgischen Bereich und daher von dem Durchgeführten, den erfahrenen Schwierigkeiten und bestehenden Hoffnungen in den einzelnen Kirchen eine gründliche Kenntnis haben können. Ich danke euch dafür und nehme gern die Gelegenheit wahr, euch zu ermutigen, hochherzig in dem Bemühen um liturgische Belebung der Gemeinden, denen ihr angehört, fortzufahren,wobei ihr in engem Kontakt mit der Kongregation für den Gottesdienst bleibt, die vor einigen Monaten eine Neuordnung erfuhr und nunmehr ein selbständiges Dikasterium bildet, damit sie ihre wichtige Funktion im Dienste des Gottesvolkes besser entfalten kann.

2. Mit Interesse habe ich eure intensive Arbeit in diesen Tagen verfolgt, an denen ihr über die jeweiligen Erfahrungen berichtet und diese Tatsache mit den Anweisungen der Konzilskonstitution konfrontiert habt.

Bereits im ersten Paragraphen dieses Dokuments wird in vier zusammenfassenden Begründungen die "mens", also die Absicht des Konzils bei der Verabschiedung eines Textes, umrissen, der dazu bestimmt sein soll, der Kirche einen Hauch neuen Lebens zu verleihen.

Die Worte sind euch gut bekannt: "Das Heilige Konzil hat sich zum Ziel gesetzt, das christliche Leben unter den Gläubigen mehr und mehr zu vertiefen, die dem Wechsel unterworfenen Einrichtungen den Notwendigkeiten unseres Zeitalters besser anzupassen, zu fördern, was immer zur Einheit aller, die an Christus glauben, beitragen kann, und zu stärken, was immer helfen kann, alle in den Schoß der Kirche zu rufen. Darum hält es das Konzil auch in besonderer Weise für seine Aufgabe, sich um Erneuerung und Pflege der Liturgie zu sorgen."[1]

In dieser Einleitung wird vor allem auf die Vertiefung des christlichen Lebens hingewiesen. Das ist das Ziel, das die Liturgie an erster Stelle anstrebt. Ein anderer Ansatz würde nicht nur die Echtheit der Liturgie, sondern geradezu den Seinsgrund der Kirche, deren "culmen et fons", Gipfel und Quelle, die Liturgie ist, verraten.

Dann kommt die Anpassung an die Erfordernisse unserer Zeit. Die Liturgie ist nicht körperlos; sie ist vielmehr in den Zeichen, in denen sie sich ausdrückt, die Darstellung und wirksame Gegenwärtigsetzung des Geheimnisses Christi, d. h. der ewigen Weisheit Gottes, die "auf der Erde erschien und unter den Menschen verkehrte" (vgl. Bar 3,38). Deshalb muss sie ihre veränderlichen Bestandteile den Menschen aller Zeiten und aller Orte anpassen (vgl. Sacrosanctum concilium, Nr. 21 und 37). [2]

An dritter Stelle wird an den tätigen Einsatz für die Einheit aller, die an Christus glauben, erinnert; eine Einheit die gerade in der Liturgie und in ihrem Mittelpunkt, der Eucharistie, in besonderer Weise zum Ausdruck gebracht und erzielt wird.

Und schließlich erfolgt der Hinweis auf die Stärkung der Initiativen, die geeignet sind, die missionarische Tätigkeit der Kirche zu fördern: eine Tätigkeit, in die - wie die Gebete des Missale es häufig erwähnen - eine richtig verstandene und volle Teilnahme an der Liturgiefeier einmünden soll.

Wie man sieht, kann die Liturgie nicht auf bloß "dekoratives Zeremoniell" oder auf eine "bloße Summe von Gesetzen und Vorschriften" verkürzt werden, eine Auffassung, die bereits von der Enzyklika Mediator Dei abgelehnt wurde.[3] Ausgeschlossen wird auch jene in unserer Zeit manchmal anzutreffende Anschauung, die in der Liturgie die sozialen Aspekte wie den Hinweis auf Freundschaft, Freude des Zusammenseins, Gruppe und ähnliches stärker unterstreicht als die Initiative Gottes, der die Gläubigen zusammenruft, und sein Wort, dem der Mensch Gehör schenken muss, um sein Gebet und sein Handeln diesem Wort anzupassen. Zu dieser "mens", dieser Auffassung des Konzils, ist es aber nicht plötzlich und unversehens gekommen, so als hätte sich in den Jahren vorher nichts getan, sondern es hat eine emsige Vorbereitung durch die liturgische Bewegung gegeben, die in Übereinstimmung mit der eucharistischen Bewegung und der Bibelbewegung die Umwelt zu sensibilisieren und die Grundlagen für jene tragenden Strukturen zu legen vermochte, auf die sich jede liturgische Handlung, die diesen Namen verdient, stützen muß.

Liturgiereform in der Kirche gut aufgenommen

3. Zwanzig Jahre nach der Verkündigung von Sacrosanctum concilium darf man sich fragen, wie die Wirklichkeit der von diesem Dokument eingeleiteten Liturgiereform aussieht. Auf diese Frage habt ihr in diesen Tagen eine möglichst objektive und erschöpfende Antwort zu geben versucht.

Im Licht der von euch vorgelegten Zeugnisse und auch unter Berücksichtigung verschiedener vorher durchgeführter Untersuchungen kann man ohne weiteres behaupten, dass die Liturgiereform in der gesamten Kirche des lateinischen Ritus sowohl von den Gemeinden wie von den einzelnen Gläubigen im allgemeinen gut aufgenommen worden ist, insbesondere geschätzt wurden die Einführung der Landessprachen und die Vereinfachung der Riten; dadurch konnten die Gläubigen das, was für sie und in ihrem Namen am Altar verkündet wurde und vor sich ging, besser verstehen.

Außerdem muss man mit Befriedigung anerkennen, dass dort, wo die Verantwortlichen eine gute Katechese über die grundlegenden und im Gottesdienst immer wiederkehrenden Themen hielten - wie die Heilsgeschichte, das Ostermysterium, den Bund (Gottes mit den Menschen), die verschiedenen Weisen der Gegenwart Christi in der Liturgie, das Priestertum Christi, das Amtspriestertum und das allgemeine Priestertum - die Gläubigen bemerkenswerte Fortschritte im Verständnis der Glaubensinhalte machen konnten und daraus Ansporn für jene christliche Reifung gewannen, die der heutige sozio-kulturelle Zusammenhang mit immer größerer Dringlichkeit fordert.

Als ein weiteres Merkmal von großer Bedeutung muss die reiche und verschiedenartige Nahrung des Gotteswortes angesehen werden, das sich auf die Dauer dem Herzen und dem Leben der Zuhörer tief einprägen soll. Ferner darf man nicht die Zunahme der aktiven Teilnahme der Laien an der Liturgie vergessen, auch in Diensten, die früher den Klerikern vorbehalten waren. Die nachfolgende Herausgabe zahlreicher Dokumente, die den normativen Teil von Sacrosanctum concilium genauer erklären und auch auf die Neuerungen anwenden, und die schrittweise Veröffentlichung der verschiedenen liturgischen Bücher haben nicht nur wirksam dazu beigetragen und tragen weiter dazu bei, das Interesse für die Liturgie neu zu beleben, sondern sie verhelfen auch zum Verständnis und geistlichen Genuss der Schattierungen des liturgischen Ausdrucks.

4. Aber die Pflicht gebietet freilich, dass zusammen mit den positiven Aspekten auch die negativen in Betracht gezogen werden. Es gab und gibt noch immer Widerstände von seiten einzelner oder Gruppen, die von Anfang an die Liturgiereform und die vom Konzil unternommenen Arbeiten insgesamt mit Misstrauen aufgenommen haben; während es auf der entgegengesetzten Seite nicht an Leuten fehlt, die, mit den erzielten Ergebnissen unzufrieden, willkürliche Liturgien einführen, die Unruhe und Verwirrung unter dem Gottesvolk stiften.

Außerdem gibt es gewisse Gruppen, die sich für ermächtigt halten, ihre eigenen Liturgien zu schaffen, denen aber, was Dauer und Art und Weise der Gottesdienste betrifft, jene Ausgewogenheit fehlt, an die sich die Liturgie der Kirche stets gehalten hat und in der Regel noch immer hält. Diese Leute vergessen, dass die Liturgie ihrer Natur nach der ganzen kirchlichen Gemeinschaft eigen ist und dass Hirten und Gläubige in Eintracht handeln müssen, damit sich in einem Bereich von so großer Bedeutung alles im Einklang mit den Weisungen der Kirche vollzieht.

5. Was ich bisher ausgeführt habe, drängt mich natürlich dazu, einige Hinweise zu bekräftigen, damit die Liturgiereform ganz die Ziele erreicht, um deretwegen sie durchgeführt wurde, und damit diese Begegnung eine erschöpfendere Antwort auf die Erwartungen bietet.

Die erste Weisung wird mir von Nr. 14 der Konstitution Sacrosanctum concilium eingegeben, wo von der „vollen, bewussten und tätigen Teilnahme“ die Rede ist, auf die hin alle Gläubigen mit "besonderer Sorgfalt" unterwiesen werden sollten: Es besteht aber keine Hoffnung, dies zu erreichen - fügt der Text hinzu -, wenn nicht zuerst die Seelsorger selbst vom Geist und von der Kraft der Liturgie durchdrungen sind.[4]

Hier also gilt es zu beginnen: bei der liturgischen Ausbildung des Klerus und besonders der jungen Seminaristen "unter theologischem und historischem wie auch unter geistlichem, seelsorglichem und rechtlichem Gesichtspunkt" (Sacrosanctum concilium, Nr. 16).[5]

Diese Ausbildung muss für das Studium und die Reflexion am meisten geeigneten Texte in den liturgischen Büchern und den in sie einführenden Dokumenten ausfindig machen: Apostolische Konstitutionen, Praenotanda, Institutiones generales.

Natürlich wird sie sich - das ist die zweite Weisung - unter dem Kennzeichen der Treue entwickeln müssen, die in der tiefen Überzeugung gründet, dass die Liturgie von der Kirche festgelegt wird und dass Klerus und Gläubige nicht ihre Eigentümer, sondern Diener sind. Diese Treue sieht auch die Öffnung und Bereitschaft für jene Anpassungen vor, die die Kirche selbst gestattet und zu denen sie ermutigt, wenn sie mit den Grundprinzipien der Liturgie im Einklang stehen und von der Kultur eines Volkes gefordert werden.

In diesem Licht wird - und das ist die dritte Weisung - unter bestimmten Bedingungen und entsprechend den Angaben der liturgischen Bücher jene richtig verstandene Kreativität zugebilligt werden können, die in den vorgesehenen Riten und Zeiten die Aufmerksamkeit der Gläubigen weckt und ihre Teilnahme neu belebt mit Messformularen, die unmittelbar der konkreten Situation der Gottesdienst feiernden Versammlung entsprechen. Man wird jedoch niemals vergessen dürfen, dass die eigentliche Kreativität innerhalb der Kirche und in der Fügsamkeit gegenüber dem "creator spiritus", dem Schöpfergeist,[6] entsteht, dem sich bei der Liturgiefeier Herz und Geist öffnen sollen.

6. Da ich mich zu meiner Freude an qualifizierte Mitglieder der Ortskirchen und an die Verantwortlichen der nationalen Liturgiekommissionen wenden kann, möchte ich euch als erstes empfehlen, auf jede Weise für die liturgische Ausbildung zu sorgen und sie zu verstärken, den Weisungen der Kirche treu zu sein, jenen Sinn für das Sakrale zu bewahren, der der Feier der Liturgie eigen ist, und vor allem euch mit großer Ausgewogenheit der euch anvertrauten Aufgabe zu widmen und die Rolle Gottes und jene des Menschen, die Hierarchie und die Gläubigen, die Tradition und den Fortschritt, das Gesetz und die Anpassung, den einzelnen und die Gemeinschaft, die Stille und den erhebenden Gesang in Betracht zu ziehen.

So wird sich die irdische Liturgie wieder an die himmlische anknüpfen lassen, in der - nach dem hl. Ignatius von Antiochien - sich ein einziger Chor bilden wird, in dem alle die Noten von Gott empfangen und in engster Harmonie aufeinander abstimmen werden, um durch Jesus Christus den Vater einstimmig zu preisen; er wird uns hören und an unseren Werken erkennen, daß wir das Lied seines Sohnes sind.[7]

Euch allen und euren Mitarbeitern erteile ich als Unterpfand meiner Liebe und als Vorzeichen reichen himmlischen Trostes von Herzen den Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am Pfingstfest, dem 10. Juni 1984,

im sechsten Jahr meines Pontifikats.

Johannes Paul II. PP.

Anmerkungen

  1. Zweites Vatikanisches Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie, Sacrosanctum concilium, Nr. 1; AAS, 56 (1964), S. 97.
  2. Ebd., Nr. 21: S. 105-106; Nr. 37: S. 110.
  3. Vgl. Pius XII., Enzyklika über die heilige Liturgie, Mediator Dei, 20. 11. 1947, AAS 39 (1947), S. 532.
  4. Sacrosanctum concilium, Nr. 14; a. a. O. S. 104.
  5. Ebd., 104.
  6. Vgl. Officium Divinum, ex decreto Sacrosancti Oecumenici Concilii, Vaticani II instauraturn auctoritate Pauli PP. VI promulgatum, Liturgia Horum iuxta Ritum Romanum, ed. typ., Vol. 1I, Dominica Pentecostes, Hymnus ad 1 Vesperas, S. 795.
  7. Vgl. Epistula ad Ephesios, IV, 1-2: ed. Funk, I, S. 216.
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