Consta alla Pontifìcia Commissione

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Schreiben
Consta alla Pontifìcia Commissione

der Bibelkommission
unsers Heiligen Vaters
Pius XII.
an die Hochwürdigen Erzbischöfe und Bischöfe Italiens:
Der literale und der geistliche Sinn der Heiligen Schrift und über die Autorität der Vulgata
20. August 1941

(Offizieller italienischer Text: AAS XXXIII [1941] 465-472)[1]

(Quelle: Über die zeitgemäße Förderung der biblischen Studien; Rundschreiben Pius XII. Divino afflante Spiritu und wichtige römische Dokumente zur Heiligen Schrift, St. Benno Verlag GMBH Leipzig, S. 39-48; Kirchliche Druckerlaubnis Bautzen, den 22. September 1964, Dr. Hötzel, Generalvikar).

Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramtstexte dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


Inhaltsverzeichnis

Einleitend

Exzellenz,

Der Päpstlichen Bibelkommission ist es bekannt, dass vor Wochen den Mitgliedern des Heiligen Kollegiums, den Ordinarien Italiens und einigen Generalobern religiöser Orden eine anonyme Broschüre zugesandt wurde mit dem Titel: "Eine schwere Gefahr für die Kirche und für die Seelen. Das kritisch-wissenschaftliche System im Studium und in der Interpretation der Heiligen Schrift, seine unheilvollen Abwege und Verirrungen". Die Broschüre trägt die Aufschrift: "Gilt als Manuskript. Streng als Gewissenssache zu behandeln". Tatsächlich wurde sie aber - in offenem Widerspruch dazu - in offenen Briefumschlägen über die ganze Halbinsel hin versandt. Überdies steht am Ende der letzten Seite die Erklärung: "Genaue Abschrift der Darlegung, die dem Heiligen Vater Papst Pius XII. überreicht wurde." Da dies zutrifft, bedarf es keines weiteren Beweises mehr für die Unschicklichkeit dieses Vorgehens - Eure Exzellenz werden es gewiss sofort empfunden haben -, gleichzeitig an Seine Heiligkeit und an viele kirchliche Personen ein Schriftstück zu richten, das in der Absicht geschrieben wurde, es dem Papste zur Prüfung vorzulegen. Diese zwei Tatsachen genügen als Beweis dafür, wie sehr dem Verfasser der Broschüre, wer es auch sein mag, das rechte Urteilsvermögen, die Klugheit und die Ehrfurcht abgehen, und dass man auf jede Widerlegung verzichten könnte. Aber aus Furcht, gewisse Anklagen und Ansinnen könnten den einen oder anderen Oberhirten verwirren und ihn von dem Entschluss abhalten, seinen künftigen Priestern jenen gesunden und richtigen Unterricht in der Heiligen Schrift zukommen zu lassen, welcher dem Papst sehr am Herzen liegt, haben die Väter Kardinäle, welche die Päpstliche Kommission für die Bibelstudien bilden, in ihrer Vollversammlung zur Prüfung des Falles beschlossen, der wohlwollenden Aufmerksamkeit Eurer Exzellenz folgende Überlegungen zu unterbreiten.

Die Broschüre will eine Verteidigung einer gewissen sogenannten Exegese "der Betrachtung" sein; sie ist aber vor allem eine giftige Anklage gegen das wissenschaftliche Studium der Heiligen Schrift. Philologische, historische, archäologische Untersuchungen usw. der Bibel seien nichts anderes als Rationalismus, Naturalismus, Modernismus, Skeptizismus, Atheismus usw. Um die Heilige Schrift richtig zu verstehen, brauche man nur dem Geist freien Lauf zu lassen, so als ob jeder in persönlicher Verbindung mit der göttlichen Weisheit stünde und vom Heiligen Geist besondere persönliche Erleuchtungen empfinge, wie die ersten Protestanten behaupteten. Darum greift der anonyme Verfasser mit äußerster Schärfe die wissenschaftlichen Lehrkräfte und Institute des Papstes an, schwärzt den Geist der wissenschaftlichen biblischen Studien an als einen "verfluchten Geist des Stolzes, der Überheblichkeit und der Oberflächlichkeit, der sich in hochmütige Forschung und heuchlerische, am Buchstaben klebende Skrupelhaftigkeit gehüllt habe" (S. 40). Er verachtet die Gelehrsamkeit, das Studium der orientalischen Sprachen und der anderen Hilfswissenschaften und verfällt schweren Irrtümern bezüglich der grundlegenden Gesetze der katholischen Hermeneutik, wie sie sich aus dem theologischen Begriff der biblischen Inspiration ergeben, indem er die Lehre von den verschiedenen Sinnen der Heiligen Schrift missversteht und mit größter Leichtfertigkeit über den Literalsinn und dessen genaue Erforschung handelt. Endlich verficht er eine falsche Lehre über die Authentizität der Vulgata, als ob er die Geschichte der Urtexte und der alten Übersetzungen sowie das Wesen und die Bedeutung der Textkritik nicht kennen würde. Es wäre fehl am Platze und nicht gerade ehrfurchtsvoll gegenüber den Hirten und Lehrern der Kirche, die grundlegenden Begriffe der Inspiration darzulegen. Daher möge es genügen, den Behauptungen des anonymen Verfassers einige der neuesten Verfügungen des Heiligen Stuhles über das wissenschaftliche Bibelstudium, von Leo XIII. angefangen, entgegenzustellen.

Über den Literalsinn

Zwar behauptet der anonyme Verfasser pro forma, der Literalsinn sei die "Grundlage für die Erklärung der Bibel" (S. 6). In Wirklichkeit aber redet er einer durchaus subjektiven und allegorischen Erklärung das Wort, gemäss der persönlichen Inspiration oder besser je nach der mehr oder weniger lebhaften Phantasie des einzelnen. Dass die Heiligen Schrift neben dem Literalsinn noch einen geistigen oder typischen Sinn enthalte, wie es das Beispiel des Herrn und der Apostel lehrt, ist zwar ein Glaubenssatz, der als Grundprinzip festgehalten ist. Jedoch nicht jeder Satz und jede Erzählung enthält einen typischen Sinn. Es war eine schwere Übertreibung der alexandrinischen Schule, überall einen symbolischen Sinn finden zu wollen, auch zum Schaden des wörtlichen und geschichtlichen Sinnes. Abgesehen davon, dass sich der geistige und typische Sinn auf den Wortsinn stützen muss, muss er sich auch nachweisen lassen, sowohl durch den Gebrauch, den der Herr, die Apostel und die inspirierten Schriftsteller davon machten, als auch durch den traditionellen Gebrauch bei den heiligen Vätern und in der Kirche, besonders in der heiligen Liturgie, denn "lex orandi, lex credendi". Eine noch erweiterte Anwendung der heiligen Texte könnte dann gerechtfertigt sein, wenn sie dem Ziel der Erbauung in Predigt und aszetischen Werken dient. Der Sinn aber, welcher sich nicht in der oben dargelegten Weise begründen lässt, darf nicht im wahren und strengen Sinn als Schriftsinn ausgegeben werden, noch ist er von Gott dem biblischen Verfasser eingegeben worden, auch wenn er aus den glücklichsten Anwendungen (Akkomodationen) resultierte.

Der anonyme Verfasser dagegen, der keine dieser grundlegenden Unterscheidungen macht, will das, was er in seiner Phantasie ausgeklügelt hat, als Schriftsinn, als "wahre geistliche Mitteilungen der Weisheit des Herrn" (S. 45) aufdrängen; und da er die entscheidende Bedeutung des Literalsinnes verkennt, wirft er den katholischen Exegeten zu Unrecht vor, sie würden "nur den Literalsinn" betrachten, und zwar "nach Menschenart, indem sie ihn nur materiell auffassten, nämlich so, wie die Worte klingen" (S. 11), ja sie seien "besessen vom Wortsinn der Schrift" (S. 46). Damit verwirft er die goldene Regel der Kirchenlehrer, die der Aquinate klar formuliert hat: "Alle Schriftsinne gründen auf einem, nämlich dem Literalsinn, aus dem allein ein Beweis gezogen werden kann",[2] eine Regel, die die Päpste bestätigten und bekräftigten, indem sie vorschrieben, dass man mit aller Sorgfalt den Literalsinn suche. So z. B. Leo XIII. im Rundschreiben Providentissimus Deus: "Daher soll mit der sorgfältigen Erwägung, was die Worte an sich bedeuten, was die Gedankenfolge, was die Parallelstellen und dergleichen besagen, sich auch die von außen kommende Aufhellung durch Beiziehung verwandter Wissenschaften vereinigen."[3] Und weiter: "Dieser von Augustinus wohlweislich gegebenen Vorschrift komme der Schrifterklärer gewissenhaft nach: Man dürfe vom Literalsinn, der sich gewissermaßen aufdrängt, nicht abgehen, es sei denn, dass ein Vernunftgrund verbiete, ihn festzuhalten, oder eine Notwendigkeit vorliege, ihn preiszugeben."[4] So sagt auch Benedikt XV. im Rundschreiben Spiritus Paraclitus: "Wir müssen eben die Worte der Schrift sorgfältig prüfen, damit sicher feststehe, was der heilige Verfasser meinte."[5] Das erläutert er dann am Beispiel und an den exegetischen Grundsätzen des heiligen Hieronymus, des "größten Lehrers in der Erklärung der Heiligen Schrift", der "erst, wenn der wörtliche oder geschichtliche Sinn festgestellt war, den inneren oder höheren Sinn aufschürfte, um mit einem ausgesuchteren Gastmahl den Geist zu speisen";[6] er empfiehlt ferner, die Erklärer möchten "bescheiden und maßvoll vom Literalsinn zu Höherem aufsteigen". [7] Beide Päpste, Leo XIII. und Benedikt XV., bestehen endlich mit den gleichen Worten des heiligen Hieronymus auf der Pflicht der Schrifterklärer: Aufgabe ges Erklärers sei es, nicht die eigenen Meinungen darzulegen, sondern die Gedanken dessen, den er erklärt.[8]

Über den Gebrauch der Vulgata

Noch greifbarer ist der Irrtum des anonymen Verfassers, was den Sinn und den Umfang des tridentinischen Dekretes über den Gebrauch der lateinischen Vulgata anbelangt. Um der Verwirrung entgegenzutreten, die durch die neuen, damals verbreiteten Übersetzungen ins Lateinische und in die Volkssprachen angerichtet wurde, wollte das Konzil von Trient in der abendländischen Kirche den öffentlichen Gebrauch der allgemein verbreiteten Übersetzung, der Vulgata, bestätigt wissen, indem es diesen mit dem jahrhundertealten Gebrauch rechtfertigte, den die Kirche selber von ihr machte. Keineswegs aber dachte es daran, die Autorität der alten Übersetzungen herabzumindern, die in den Kirchen des Ostens einst angefertigt worden waren, namentlich die Übersetzung der LXX, welche die Apostel selbst benützt hatten, und noch weniger die Autorität der Urtexte: und es widersetzte sich einem Teil der Väter, die den ausschließlichen Gebrauch der Vulgata als allein maßgebend wünschten. Nun behauptet der Verfasser, kraft des tridentinischen Dekretes besitze man in der lateinischen Vulgata einen Text, der allen anderen als überlegen erklärt sei, und er wirft den Schrifterklärern vor, dass sie die Vulgata mit Hilfe der Urtexte und der alten Übersetzungen erklären wollten. Ihm gibt das Dekret die "Sicherheit des heiligen Textes", so dass die Kirche nicht mehr den "authentischen Brief Gottes zu suchen" braucht (S. 7), und dies nicht nur in Glaubens- und Sittensachen, sondern auf allen Gebieten (auch literarischen, geographischen, chronologischen usw.). Die Kirche hat uns mit diesem Dekret "den authentischen und amtlichen Text gegeben, von dem man nicht abweichen darf" (S. 6). Textkritik üben heißt "die Heilige Schrift verstümmeln" (S. 8), heißt "sich anmaßend an die Stelle ihrer (d. h. der Kirche) Autorität setzen, die allein uns einen authentischen Text vorlegen kann und die allein ihn uns auch durch das erwähnte tridentinische Dekret vorgelegt hat" (S. 28). Jede kritische Arbeit am Bibeltext, wie er in der Vulgata uns vorgelegt ist, ist "frei« Untersuchung, ja eigene wahnwitzige Untersuchung, die sich an die Stelle der Autorität der Kirche setzt" (S. 9). Eine solche Behauptung ist nun nicht nur gegen die allgemeine Auffassung, die niemals zugibt, dass eine Übersetzung über dem Urtext stehen könne, sondern auch gegen die Auffassung der Konzilsväter, wie sie sich aus den Akten ergibt. Das Konzil war sich auch der Notwendigkeit bewusst, dass die Vulgata selbst durchgesehen und verbessert werden müsse, und überließ die Durchführung dieses Werkes den Päpsten. Diese führten es auch aus, wie sie auch gemäß der Auffassung der berufensten Mitarbeiter des Konzils selbst eine verbesserte Ausgabe der LXX herstellten (unter Sixtus V.). Darauf ordneten sie eine Ausgabe des hebräischen Alten Testamentes und des griechischen Neuen Testamentes an und beauftragten damit eigene Ausschüsse. Die Behauptung steht offensichtlich auch im Gegensatz zu der Vorschrift des Rundschreibens Providentissimus Deus: "Doch ist gebührend Rücksicht zu nehmen auf die übrigen Übersetzungen, die das christliche Altertum hochgeschätzt und benützt hat, und besonders auf die Urtexte." [9] Überhaupt erklärte das Konzil von Trient die Vulgata im rechtlichen Sinn als "authentisch", d. h. in bezug auf ihre "Beweiskraft in Glaubens- und Sittensachen", schloss aber mögliche Abweichungen vom Urtext und von den alten Übersetzungen keineswegs aus, wie jedes gute Werk der biblischen Einleitung auf Grund der Konzilsakten selbst klar darlegt.

Über die Textkritik

Auf Grund der oben dargelegten Vorstellung vom beinahe alleinigen Wert der Vulgata und dem geringen oder fast völlig geleugneten Wert der Urtexte und der anderen alten Übersetzungen verwundert es nicht, dass der anonyme Verfasser die Notwendigkeit und den Nutzen der Textkritik verwirft, obgleich die neuesten Entdeckungen wertvollster Texte das Gegenteil bestätigt haben. Da "die Kirche uns den heiligen Text vorlegt und verbürgt" (S. 10), heißt Textkritik treiben, "das göttliche Buch wie ein menschliches behandeln" (S. 23), und der einzige Gebrauch, den man vom Urtext und den alten Übersetzungen machen darf, ist, sie "zur Klärung irgendwelcher Schwierigkeiten" zu befragen (S. 6). Der griechische Text könne nicht gegen einen anderen Text oder "gar gegen den amtlichen Text der Kirche zeugen" (S. 8), und „unter keinen Umständen dürfe man nicht nur aus dem Text der Kirche (Vulgata), sondern auch aus dem Urtext ganze Abschnitte oder Verse tilgen" (S. 7), also nicht einmal, wenn sie in der ursprünglichen Überlieferung fehlen und später in sie eingedrungen sind. Den heiligen Text mittels der Kritik herzustellen versuchen heißt, die Bibel „verstümmeln" (S. 9). Deshalb sind mehrere Seiten der Broschüre voll von Angriffen gegen den "wissenschaftlichen Kritizismus", "Naturalismus" und "Modernismus".

Der Verfasser vergisst oder verschweigt, dass die katholische Bibelwissenschaft seit den Zeiten des Origenes und des heiligen Hieronymus bis auf die Kommission für die Überprüfung und Verbesserung der Vulgata, die gerade der Papst der Enzyklika Pascendi eingesetzt hat, sich dafür abgemüht hat, eine möglichst reine Gestalt des Urtextes und der Übersetzungen, einschließlich (um nicht zu sagen vor allem) der Vulgata, herzustellen, dass Leo XIII. mit aller Kraft betont: „Da die Textkritik außerordentlich nützlich ist, um den Sinn der heiligen Schriftsteller ganz zu erfassen, so sollen unsere Leute mit Unserer eindringlichen Billigung sie pflegen; sie sollen diese Fertigkeit auch noch weiter ausbilden, indem sie, ohne dass Wir Uns dem widersetzen, zur rechten Zeit die Hilfe der Andersgläubigen heranziehen";[10] dass die Päpstliche Bibelkommission geantwortet hat, im Pentateuch (und „unter gleichen Voraussetzungen" auch in den anderen biblischen Büchern[11] dürfe man annehmen, „es seien im Laufe vieler Jahrhunderte Veränderungen vorgekommen, Zusätze, die nach dem Tode des Moses durch einen inspirierten Verfasser angefügt, oder Zusätze und Erklärungen, die dem Text eingefügt, einzelne Wörter und Formen, die aus einer veralteten Redeweise in die jüngere übersetzt wurden; endlich fehlerhafte Lesarten, die dem Versehen der Abschreiber zuzuschreiben sind, worüber man nach den Regeln der Kritik nachforschen und urteilen dürfe";[12] dass das Heilige Offizium den katholischen Erklärern erlaubt hat und noch erlaubt, die Frage des "Comma Joanneum" zu erörtern und „auf die allseitig wohlerwogenen Beweisgründe hin und mit der Mäßigung und Zurückhaltung, die der Ernst der Sache erfordert, auch nach der für die Echtheit ungünstigen Ansicht hinzuneigen".[13]

All das vergisst oder unterschlägt der Verfasser der Broschüre, damit er die Werke der katholischen Exegeten zu einem Schreckgespenst machen kann, die doch, treu der katholischen Überlieferung und den von der höchsten kirchlichen Autorität eingeschärften Richtlinien, gerade durch die Tatsache ihrer ernsten und mühevollen Arbeit auf dem Gebiet der Textkritik beweisen, welch große Ehrfurcht sie vor dem heiligen Texte haben.

Über die orientalischen Sprachen und Hilfswissenschaften

Die unglaubliche Leichtfertigkeit und die Anmaßung, mit welcher der anonyme Verfasser von diesen Dingen spricht, erregen Mitleid und Unwillen zugleich. „Hebräisch, Syrisch, Aramäisch" wären nur Gegenstand des Stolzes der "Wissenschaftler" (S. 4), ein "Prahlen mit Gelehrsamkeit" (S. 14); "der Orientalismus hat sich in einen wahren Fetischismus verwandelt", und „die moderne orientalische Weisheit ist oft in höchstem Maße fragwürdig" (S. 46). Eine solche Geringschätzung ist ganz dazu geeignet, die Geister vom angestrengten Studium abzubringen und den Leichtsinn und die Leichtfertigkeit in der Behandlung der Heiligen Bücher zu begünstigen, mit dem unausbleiblichen Ergebnis, dass die ihnen geschuldete höchste Ehrfurcht und volle Unterwerfung wie auch die heilsame Furcht, davon einen wenig angebrachten Gebrauch zu machen, herabgemindert wird, und steht im völligen Gegensatz zur Tradition der Kirche, die seit den Zeiten des heiligen Hieronymus bis auf unsere Tage das Studium der orientalischen Sprachen gefördert hat. Sie wusste nämlich sehr wohl, dass „es für die Lehrer der heiligen Theologie eine Notwendigkeit ist, ...die Sprachen zu kennen, in denen die kanonischen Bücher ursprünglich von den heiligen Schriftstellern abgefasst worden sind".[14] Sie hat auch empfohlen, „dass an allen Akademien ... auch für die übrigen alten Sprachen, besonders für die semitischen und für die damit zusammenhängenden Wissenszweige Lehrstühle bestünden" (14), und ermahnt, dafür zu sorgen, dass bei unseren Leuten die Kenntnis der alten orientalischen Sprachen nicht weniger geschätzt werde als bei den Außenstehenden.[15] Der anonyme Verfasser vergisst, dass das Studium der biblischen Sprachen, des Griechischen und des Hebräischen, das von Leo XIII. den theologischen Akademien empfohlen wurde, durch Pius X. zum Pflichtfach erhoben wurde[16] und dass diese Bestimmung in die Constitutio Deus Scientiarum Dominus aufgenommen worden ist.[17] Natürlich ist das Studium der orientalischen Sprachen und der Hilfswissenschaften für die Exegeten nicht Selbstzweck, sondern dient dem Verständnis und der genauen und sicheren Darlegung des göttlichen Wortes, auf dass daraus das geistliche Leben soviel wie möglich Nutzen ziehe. In diesem Sinn und nicht aus kleinlicher Pedanterie noch aus schlecht verhülltem Misstrauen gegenüber dem geistigen Sinn wird das Aufsuchen des Literalsinns mit Hilfe der Sprachwissenschaft und der Kritik empfohlen und eingeschärft, und es müsste missbilligt werden, wenn einer sich ihrer im Übermaß und ausschließlich oder - was noch schlimmer wäre – missbräuchlich bediente, als ob es nicht ein göttliches Buch wäre. Aber zugleich kann nicht gestattet werden, dass man unter dem Vorwand des Missbrauches versucht, auch den Gebrauch richtiger exegetischer Grundsätze zu verdächtigen und abzuschaffen: "Missbrauch hebt den Gebrauch nicht auf."

Der Verfasser hat der Broschüre vier Seiten mit der Überschrift beigefügt: „Bestätigungen, entnommen der Enzyklika Pascendi", wie um sein unglückseliges Unternehmen unter den Schutz des hl. Papstes Pius X. zu stellen. Es ist ein unglücklicher Versuch, denn wenn der Unterricht in der Heiligen Schrift von Leo XIII. in der Enzyklika Providentissimus Deus die "Magna Charta" empfangen hat, welche die Aufmerksamkeit der ganzen Kirche auf einen so wichtigen Gegenstand hinlenkte, so war es Pius X., der aus eigenem und persönlichem Entschluss diesem Unterricht die endgültige Ordnung gab, zumal in Rom und in Italien. Aus seinen eigenen Erfahrungen als Bischof hatte er nämlich sowohl die Mängel im biblischen Unterricht wie auch die daraus entstehenden unheilvollen Wirkungen beobachtet. Er begann in der Tat damit, dass er, schon wenige Monate nach seiner Wahl, am 23. Februar 1904, die Grade des Lizentiates und des Doktorates in der Heiligen Schrift einführte, da die Schaffung dieser besonderen Titel ein wirksames Mittel war, zu erreichen, dass sich die Studenten in besonderer Weise diesem Studium hingeben. Da er aus Mangel an Mitteln das Institut für die höheren biblischen Studien, an das er dachte, nicht sofort gründen konnte, gab Pius X. 1906 dem Unterricht in der Heiligen Schrift am päpstlichen römischen Seminar einen neuen Auftrieb, bestätigte 1908 und 1909 die Schaffung eines höheren Unterrichtes in der Heiligen Schrift an der Gregoriana und am Angelicum und gründete endlich im selben Jahre, 1909, das Päpstliche Bibelinstitut, dessen Tätigkeit sich unter der Aufsicht der Päpste ständig weiterentwickelt hat, mit einer Kontinuierlichkeit der Richtlinien, die so offenkundig ist, dass sie keines Nachweises bedarf. Die Zahl der Alumnen und Hörer italienischer Herkunft und die Zahl derer, die sich für die Bibelwochen meldeten, die jährlich mit gutem Erfolg und wachsenden Früchten abgehalten werden, zeigt, wie sehr das Bibelinstitut den Fortschritt im Studium der Heiligen Schrift besonders in Italien gefördert hat. Pius X. war es auch, der für das Studium der Heiligen Schrift in den Seminarien die Richtlinien aufstellte, als er das Apostolische Schreiben Quoniam in re biblica vom 27. 3. 1906 herausgab[18] und durch das besondere Programm der Kongregation der Bischöfe und Regularen vom 10. 5. 1907 für deren Durchführung in den Seminarien Italiens sorgte.

Es erübrigt sich, weiter darauf zu bestehen: Wer immer der Verfasser jener Darlegungen und ihrer Ziele sein mag, das Studium der Heiligen Schrift in den Seminarien Italiens muss entsprechend den Richtlinien fortgeführt werden, welche die letzten Päpste gegeben haben. Denn heute nicht weniger als in der Vergangenheit liegt viel daran, dass die Priester und die Diener des Wortes Gottes gut vorbereitet sind und fähig, befriedigende Antworten zu geben nicht nur in Fragen der katholischen Glaubens- und Sittenlehre, sondern auch auf die Schwierigkeiten, die gegen die geschichtliche Wahrheit und die religiösen Lehren der Heiligen Schrift, insbesondere des Alten Testaments, vorgebracht werden. Deshalb schließen wir mit denselben Worten, mit denen Benedikt XV. seligen Angedenkens die Enzyklika Spiritus Paraclitus[19] schloss: „Arbeitet, ehrwürdige Brüder, mit allem Eifer darauf hin, dass die Lehren des heiligen Schrifterklärers (des heiligen Hieronymus) immer fester in den Herzen eurer Kleriker und Priester sitzen; denn euch kommt es vor allem zu, mit aller Sorgfalt zur Erwägung aufzurufen, was das Wesen des göttlichen Amtes von ihnen verlangt, mit dem sie bekleidet sind, wenn sie sich dessen nicht unwürdig machen wollen: ,Die Lippen des Priesters bewahren das Wissen, und die Lehre des Herrn sucht man in seinem Munde, denn er ist der Bote des Herrn der Heerscharen' (Mal 2, 7). Sie sollen wissen, dass sie das Studium der Heiligen Schrift nicht vernachlässigen und in keiner anderen Weise an es herantreten dürfen, als sie Leo XIII. im Rundschreiben Providentissimus Deus ausdrücklich vorgeschrieben hat."[20]

Der Heilige Vater, dem die ganze Frage in der Audienz unterbreitet worden ist, die S. Heiligkeit dem Sekretär der Päpstlichen Bibelkommission am 16. August 1941 gewährte, hat die Erwägungen der Kardinäle, die diese Kommission bilden, zu billigen geruht und die Abfertigung dieses Briefes angeordnet.

Indem ich mich des mir anvertrauten Auftrags entledige, bitte ich Eure Exzellenz, den Ausdruck meiner Hochachtung entgegenzunehmen und verbleibe

Rom, den 20. August 1941

Eurer Exzellenz ergebenster Bruder
für Seine Eminenz, den Kardinal-Präsidenten

J. M. Voste, OP, Sekretär

Anmerkungen

  1. Italienisch in: Enchiridion Biblicum – 4. Auflage (EB), 522-533.
  2. Summa theologica, Ia. q. l, 10 adl.
  3. EB 101.
  4. EB 112.
  5. EB 485.
  6. EB 486.
  7. EB 486.
  8. EB 106 und 487.
  9. EB 106.
  10. Apost. Schreiben Vigilantiae studiique; EB 142.
  11. VgI. Dekret De auctoribus et de tempore compositionis Psalmorum; EB 349.
  12. VgI. Dekret De Mosaica authentia Pentateuchi; EB 184.
  13. Erklärung des Heiligen Offiziums v. 2. 6.1927; EB 136.
  14. Leo III. Providentissimus Deus; EB 118.
  15. Leo III. Apost. Schreiben Vigilantiae; EB 140.
  16. Pius X. Apost. Schreiben Quoniam in re biblica v. 27. 3. 1906; EB 178.
  17. Art. 33-34; Ordinationes, Art. 27, I.
  18. EB 162-180.
  19. Enzyklika vom 15. 9. 1920; EB 444-495.
  20. EB 481.

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