Commonitorium (Vinzenz von Lérins)

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Das Commonitorium des heiligen Vinzenz von Lérins, ist eine schlagkräftige Abhandlung gegen Häretikergruppen, die er ohne Angabe seines Namens mit dem Titel: Schrift des Peregrinus (Pilger) gegen die Häretiker versah. Sie wurde 434 in sehr eleganter und klarer lateinischer Sprache verfasst.[1]

Es besteht aus dem Ersten Merkbuch (Commonitorium primum) und dem Zweiten (Commonitorium secundum). Da Vinzenz den größten Teil des zweiten Buches dieses Werkes verlor, dessen Blätter ihm gestohlen wurden, fasste er ihn sinngemäß in wenigen Aussagen zusammen und gab das Werk in einem Buch heraus.[2]

Commonitorium (Vinzenz von Lérins - Wortlaut)

Inhaltsverzeichnis

Die unveränderbare Lehre und ihr Wachstum

Vinzenz ist berühmt wegen seiner Erklärungen im ersten und zweiten Commonitorium, was wirklich katholisch ist. Die genaue Definition wird für gewöhnlich auf den „Kanon“ verkürzt, dass zu glauben sei: „was überall, immer, von allen geglaubt worden ist (quod ubique, quod semper, quod ab omnibus creditum est“ : Commonitorium II, 3). Der ganze Absatz (Commonitorium II) lautet:

„ In eben jener katholischen Kirche selbst ist mit größter Sorgfalt dafür zu sorgen, dass wir halten, was überall, was immer, was von allen geglaubt wurde. Denn das ist wirklich und wahrhaft katholisch, was, wie der Name und Grund der Sache erklären, alle insgesamt umfasst. [6] Aber diese Regel werden wir befolgen, wenn wir der Universalität, dem Alter, der Übereinstimmung folgen. Wir folgen aber demgemäß der Universalität, wenn wir bekennen, dass der eine Glaube wahr ist, den die gesamte Kirche in der ganzen Welt bekennt; dem Alter aber so, wenn wir in keiner Weise von den Meinungen abweichen, von denen feststeht, dass unsere heiligen Vorgänger und Väter sie vertreten haben; der Übereinstimmung, in gleicher Weise, wenn wir uns in jenem Altertum [gemeint ist die Zeit der Vorgänger und Väter] den Definitionen und Meinungen aller oder wenigstens fast aller Priester und Lehrer halten.“[3]

Abgesehen von der Formulierung ist hier nichts zu finden, was nicht bereits bei Irenäus von Lyon und Tertullian erarbeitet wurde. Vinzenz’ eigenständige Leistung besteht hingegen in der Erarbeitung eines Fortschrittsprinzips:[4]

[28] Aber vielleicht sagt jemand: Wird es also in der Kirche Christi keinen Fortschritt der Religion geben? Gewiss soll es einen geben, sogar einen recht großen. Denn wer wäre gegen die Menschen so neidisch und gegen Gott so feindselig, dass er das zu verhindern suchte? Allein es muss in Wahrheit ein Fortschritt im Glauben sein, keine Veränderung. Zum Fortschritt gehört nämlich, dass etwas in sich selbst zunehme, zur Veränderung aber, dass etwas aus dem einen sich in ein anderes verwandle. Wachsen also und kräftig zunehmen soll sowohl bei den einzelnen als bei allen, sowohl bei dem einen Menschen als in der ganzen Kirche, nach den Stufen des Alters und der Zeiten, die Einsicht, das wissen und die Weisheit, aber lediglich in der eigenen Art, nämlich in derselben Lehre, in demselben Sinne und in derselben Bedeutung (eodem sensu eademque sententia). [29] Die Religion der Seelen soll die Art der Leiber nachahmen, die im Verlauf der Jahre wohl ihre Teile entfalten und entwickeln, aber doch dieselben bleiben, die sie waren. Es ist ein großer Unterschied zwischen der Blüte der Kindheit und der Reife des Alters; aber die Greise sind dieselben, die sie als Jünglinge waren, so dass wohl die Größe und das Aussehen eines und desselben Menchen sich ändert, nichtsdestoweniger aber die Natur und die Person dieselbe bleibt. Klein sind die Glieder der Säuglinge, groß die der Jünglinge, doch sind sie die nämlichen; so viele Gliedmaßen der Knabe hatte, so viele hat auch der Mann, und wenn es Glieder gibt, die erst im reiferen Alter hervorkommen, so waren sie doch schon keinartig vorhanden, so dass nachher beim Greise nichts Neues sich zeigt, was nicht vorher beim Knaben schon verborgen gewesen wäre. Daher ist ohne Zweifel die gesetzmäßige und richtige Norm des Fortschritts, die feststehende und schönste Ordnung des Wachstums diese, dass die Zahl der Jahre immer bei den Erwachsenen die Teile und Formen ausgestaltet, welche schon bei den Kleinen die Weisheit des Schöpfers grundgelegt hatte. Sollte die menschliche Gestalt sich später in ein fremdartiges Gebilde verwandeln oder doch etwas der Zahl der Glieder beigefügt oder davon weggenommen werden, so müsste der ganze Leib entweder zugrunde gehen oder verunstaltet oder wenigstens geschwächt werden. So muss auch die Lehre der christlichen Religion diesen Gesetzen des Fortschrittes folgen, dass sie mit den Jahren gefestigt, mit der Zeit erweitert und mit dem Alter verfeinert werde, dabei jedoch unverdorben und unversehrt bleibe und in dem gesamten Umfang ihrer Teile, sozusagen an allen ihr eigentümlichen Gliedern und Sinnen, vollständig und vollkommen sei, außerdem keine Veränderung zulasse, keine Beeinträchtigung ihrer Eigentümlichkeit und keine Veränderung ihres Wesens erleide. (Nr. 28+29).

Die Päpste stützen sich auf seine Lehre

Papst Pius IX.

Pius IX. bezieht sich in der Dogmatischen Bulle Ineffabilis Deus vom 8. Dezember 1854 zur Erklärung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis auf sein literarisches Werk in den Worten:

Die Kirche Christi ist nämlich nur die treue Bewahrerin und Verteidigerin der in ihr niedergelegten Glaubenswahrheiten, an denen sie nichts ändert, an denen sie keine Abstriche macht und denen sie nichts hinzufügt. Mit aller Sorgfalt, getreu und weise behandelt sie das Überlieferungsgut der Vorzeit. Ihr Streben geht dahin, die Glaubenswahrheiten, die ehedem gelehrt wurden und im Glauben der Väter gleichsam noch im Keim niedergelegt waren, so auszusondern und zu beleuchten, dass jene Wahrheiten der himmlischen Lehre Klarheit, Licht und Bestimmtheit empfangen, zugleich aber auch ihre Fülle, Unversehrtheit und Eigentümlichkeit bewahren und nur in ihrem eigenen Bereich, d. h. in ein- und derselben Lehre, in ein- und demselben Sinn und in ein- und demselben Gehalt (eodem sensu eademque sententia), ein Wachstum aufzuweisen haben (Nr. 19).

Bei der Definition des Dogmas der Päpstlichen Unfehlbarkeit auf dem Ersten Vatikanischen Konzil am 24. April 1870, bezieht sich derselbe Papst ausdrücklich auf das Commmonitorium:

Nr. 29 Denn die Glaubenslehre, die ja Gott geoffenbart hat, ist nicht nach Art eines philosophischen Lehrsystems dem menschlichen Geiste vorgelegt worden, um durch seine Forscherarbeit erst vervollkommnet zu werden. Sie ist vielmehr der Braut Christi anvertraut worden als göttliches Lehrgut, um von ihr treu behütet und unfehlbar erklärt zu werden. Daher muss an dem Sinn der Heilslehren, wie ihn die Kirche, unsre heilige Mutter, einmal dargelegt hat, immerdar festgehalten werden und man darf niemals, etwa unter dem Vorwand und aus dem Scheingrund einer tiefern Erkenntnis, von diesem Sinn abgehen. So wachse denn im Lauf der Zeiten und Jahrhunderte und blühe weit und mächtig auf, Einsicht, Wissenschaft und Weisheit, in den einzelnen und in der Gesamtheit, in jedem Menschen wie in der ganzen Kirche: in dem ihnen zustehenden Bereich. Der Sinn der Glaubenssätze aber und die Lehrverkündigung müssen die gleichen bleiben.

Papst Johannes XXIII.

Papst Johannes XXIII. bezieht sich in der Eröffnungsansprache Gaudet mater ecclesia des Zweiten Vatikanischen Konzils am 11. Oktober 1962 auf Vinzenz Lehren, indem er sagt:

Denn etwas anderes ist das Depositum fidei oder die Wahrheiten, die in der zu verehrenden Lehre enthalten sind, und etwas anderes ist die Art und Weise, wie sie verkündet werden]]..

Papst Paul VI.

Die Pastorale Konstitution Gaudium et spes desselben Konzils bezieht sich auf diese Ansprache und dem Commonitorium mit den Worten: Denn die Glaubenshinterlage selbst, das heißt die Glaubenswahrheiten, darf nicht verwechselt werden mit ihrer Aussageweise, auch wenn diese immer den selben Sinn und Inhalt meint.

Papst Paul VI. verweist im Mahnschreiben Petrum et paulum apostolos vom 22. Februar 1967 auf das Commonitorium I, 23), in der Apostolische Konstitution Indulgentiarum doctrina 1. Januar 1967 über die Neuordnung des Ablasswesens, als auch in der höchst klaren Abschnitt der Weihnachtsansprache 1976 an die Römische Kurie:

Diese Lebenskraft der Kirche, von der wir täglich im Stillen beredte und überaus tröstliche Beweise erhalten, können wir mit dem organischen Leben vergleichen, wie es unser Universum durchpulst. Wie ein großer Baum, der seine Wurzeln tief in die ihn seit Jahrhunderten nährende Erde getrieben hat, so hat auch die Kirche ihre Wurzeln in die Vergangenheit hinabgesenkt, um bis zu Christus und den Aposteln vorzudringen. In diesem Sinn ist die Unveränderlichkeit des Glaubensgutes - es wäre unsinnig, das zu bestreiten - über jeden Zweifel erhaben, und die Kirche hütet dieses Gut, wenn sie Dogmen, Sittengesetz und auch die Liturgie nach dem lichtvollen Grundsatz "Das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens" darlegt. Das Leben der Kirche bleibt ein und dasselbe, gediegen und fest, denn da ist "ein Leib und ein Geist ... ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist" (Eph 4, 4 ff.). Auf dieser Linie haben wir uns bisher gehalten, auf ihr stehen wir, und auf ihr werden wir weiter bleiben gemäß den Worten des heiligen Paulus: "Bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält" (Eph 4, 3).
Aber weil diese Unveränderlichkeit aus den Wurzeln selber aufsteigt, mit denen die Kirche ihren Lebenssaft aus der Vergangenheit saugt und die kraft der Mittlerschaft Christi bis ins Innerste Gottes selber hineinreichen, steht diese Unveränderlichkeit absolut nicht im Widerspruch zu dem Leben, das aus diesen Wurzeln aufsprudelt und aufblüht. Es gibt keinerlei Gegensatz zwischen Leben und Unveränderlichkeit; im Gegenteil: das Leben selbst sichert die wesenhafte Unveränderlichkeit eines lebenden Wesens. Die Unveränderlichkeit des Steines, der unbelebten Materie überhaupt, ist etwas ganz anderes als die Unveränderlichkeit, die die ständige Identität des lebenden Wesens mit sich durch alles physische und geistige Wachsen hindurch und im Austausch mit den gegebenen Lebensbedingungen gewährleistet. Eine Pflanze, ein organischer Leib bleiben in ihrem Wesen dieselben, auch wenn sie allmählich wachsen. Es ist dies der alte und stets treffende Vergleich des Vinzenz von Lérins, der allen bekannt ist (Commonitorium Primum) 23; PL 50, 667 f.); diesen Gedanken hat schon Cyprian mit eindrucksvollen Bildern anschaulich gemacht: "Die Kirche des Herrn ... dehnt aus der Fülle ihrer Fruchtbarkeit ihre Zweige über die ganze Erde hin aus, und sie macht die schon breit dahinfließenden Ströme noch weiter: sie hat aber nur ein Haupt und einen Ursprung und ist eine einzige Mutter, überreich an Zeichen ihrer Fruchtbarkeit" (De unitate Ecclesiae) 5; PL 4, 518). Von den tiefreichenden Wurzeln her entfalten sich die Zweige ein und desselben Stammes, immer alt und immer neu: Genährt aus dem Lebenssaft der Vergangenheit, strecken sie sich der Zukunft entgegen, streben sie nach vorn, um die Scharen der Vögel des Himmels aufzunehmen, die dort Schatten und Ruhe suchen (vgl. Mk 4, 32). Entwicklung ist wesentlich für das Leben der Kirche.

Papst Johannes Paul II.

Papst Johannes Paul II. verweist in der Enzyklika Ut unum sint über den Einsatz in der Ökumene vom 25. Mai 1995 auf das Commonitorium (Nr. 18). Dies tut er auch in der Enzyklika Veritatis splendor vom 6. August 1993 über einige grundlegende Fragen der kirchlichen Morallehre (Nr. 53):

Diese Wahrheit des Sittengesetzes entfaltet sich - wie jene des Glaubensgutes ("depositum fidei") - über die Zeiten hinweg: Die Normen, die Ausdruck dieser Wahrheit sind, bleiben im wesentlichen gültig, müssen aber vom Lehramt der Kirche den jeweiligen historischen Umständen entsprechend "eodem sensu eademque sententia" genauer gefaßt und bestimmt werden; die Entscheidung des Lehramtes wird vorbereitet und begleitet durch das Bemühen um Verstehen und um Formulierung, wie es der Vernunft der Gläubigen und der theologischen Reflexion eigen ist.

Papst Franziskus

Papst Franziskus stützt sich in der Enzyklika Laudato si’ vom 24. Mai 2015 über die Sorge für das gemeinsame Haus auf das Werk des heiligen Vinzenz (Nr. 118), Im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Querida Amazonia vom 2. Februar 2020 nimmt er ebenfalls Bezug (Nr. 66).

Päpstliche Dikasterien

Die Kongregation des Heiligen Offiziums weist in der Erklärung Mysterium ecclesiae vom 24. Juni 1973 über die Kirche und ihre Verteidigung gegen einige Irrtümer von heute dauf hin:

Der Sinn der dogmatischen Formeln selbst aber bleibt in der Kirche immer wahr und konstant, wenn er auch mehr erhellt und vollständiger erkannt wird. Und am 28. Oktober 1995 in Utrum doctrina verweist sie auf die Worte des Commonitoriums: was immer, überall und von allen zu halten ist.

Dieselbe Kongregation bezieht sich von neuen in der weiteren Erklärung Ad catholicam profundius am 29. Juli 2007 auf die obigen Zeilen der Eröffnungsansprache Gaudet mater ecclesia des Zweiten Vatikanischen Konzils von Papst Johannes XXIII..

Der Päpstlicher Rat zur Förderung der Neuevangelisierung erwähnt das Commonitorium im Allgemeinen Direktorium für die Katechese am 23. März 2000, darauf hinweisend, dass das ""Glaubensleben"" sich "erneuern" muss.

Literatur

Weblinks

Anmerkungen

  1. Vinzenz von Lérins: Commonitorium, Mit einer Studie zu Werk und Rezeption herausgegeben und kommentiert von Michael Fiedrowicz, (lateinisch-deutsch), übersetzt von Claudia Barthold, Textgrundlage: Edition von R. Demeulenaere CCL 64 (1985), Carthusianus Verlag Mülheim/Mosel 2011, S. 9 (1. Auflage, 368 Seiten, ISBN 978-3-941862-04-3).
  2. Vinzenz von Lérins: Commonitorium, Carthusianus Verlag 2011, S. 9.
  3. aus der Wikipedia, abgerufen am 27. März 2021
  4. aus der Wikipedia, abgerufen am 27. März 2021
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