Bischofssynode für Europa 1991 (Wortlaut)

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Dokument der Sonder-Bischofssynode für Europa
Bischofssynode für Europa 1991

unter unseres Heiligen Vaters
Johannes Paul II.
mit dem Missionsthema: "Damit wir Zeugen Christi sind, der uns befreit hat"

13. Dezember 1991

(Quelle: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 103)

Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramtstexte dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Während das dritte Jahrtausend nunmehr naht, erlebt Europa außergewöhnliche Ereignisse, in welchen wir gleichsam die Hände der Liebe und Barmherzigkeit Gottes des Vaters zu allen Menschen, seinen Töchtern und Söhnen, berühren. Der Hl. Vater Johannes Paul II. wollte deshalb diese besondere Bischofssynode über Europa zusammenrufen, damit die Bischöfe Ost-, Mittel- und Westeuropas in kollegialer Gemeinschaft mit ihm und untereinander nach so vielen Jahren gewaltsamer Trennung über die Bedeutung und Folgen dieser für Europa und die Kirche historischen Stunde nachdenken können (1).

Dankbar für diese Aufgabe und voll Freude sind wir beim Nachfolger Petri zusammengekommen, um Gott die Ehre zu geben und die Großtaten zu erzählen, die er selbst, der stets in der Geschichte gegenwärtig und wirksam ist, für uns vollbracht hat. Im Namen der Kirche Europas, die reich ist an so vielen neuen Märtyrern und Bekennern, von denen einige unter uns gegenwärtig waren, haben wir Gott dem Vater Dank gesagt für die Macht und Weisheit des gekreuzigten Herrn (vgl. 1 Kor 1,24), der uns während dieser Jahre in den Prüfungen der Verfolgung durch den Trost und Beistand des Heiligen Geistes aufrechterhalten hat und für den neuen Freiheitsraum, den jetzt viele Völker in Europa genießen. Wir haben uns auch über die Anwesenheit der "brüderlichen Delegierten" anderer christlicher Kirchen und Gemeinschaften gefreut, die an unserem Gebet und unserer Arbeit teilgenommen haben. Für die synodale Versammlung war auch das Symposion über Christentum und Kultur sehr nützlich (2).

Wir sind auch hierher gekommen, um von Gott und unseren Brüdern Verzeihung für unsere Schuld und unsere Fehler zu erbitten, zugleich sind wir bereit, unsererseits Vergebung zu gewähren. In dieser Eintracht und wechselseitigen Gemeinschaft, die aus dem Leben der allerheiligsten Dreifaltigkeit hervorgehen, konnten wir uns gegenseitig sehr viele Schätze der Weisheit und Erfahrung darbieten, durch welche Gott unsere Teilkirchen bereichern wollte, damit sie diese in der einzigen und allumfassenden Kirche Jesu Christi allen anderen schenken. Nach so vielen Jahren des auferlegten Schweigens konnten die Kirchen des Ostens endlich ihr häufig tapferes Lebenszeugnis darbieten. Die Kirchen des Westens aber haben den Samen einer erneuerten Lebendigkeit und neue Erfahrungen beigebracht, die in den Erprobungen gewachsen sind, deren auch sie nicht entbehrten. Deswegen haben wir das Ereignis der Synode als Frucht des Heiligen Geistes erfahren.

In Christi Namen vereint (vgl. Mt 18, 20), haben wir darum gebetet, dass wir hören können, was der Geist heute den Kirchen Europas sagt (vgl. Offb 2, 7.11.17), und dass die Kirchen es verstehen, die Wege für die Neu-Evangelisierung unseres Kontinents zu erkennen. Wir sind uns der ungeheuren Herausforderungen der gegenwärtigen Stunde bewusst, aber auch ihrer großen Chancen, und wir wollen im Dialog und in herzlicher Zusammenarbeit mit unseren Schwestern und Brüdern in Europa und in der Welt unseren Beitrag zum Aufbau eines neuen Europas leisten, "damit wir Zeugen Christi sind, der uns befreit hat" (vgl. Apg 1,8; Gal 5,1). Wir verstehen unsere Synode als ersten Schritt auf einem Weg, den wir unermüdlich weitergehen wollen.

I. Die Bedeutung der gegenwärtigen Stunde für den christlichen Glauben und die Geschichte Europas

1 Die gegenwärtige historische Stunde Europas

Unsere Sonder-Versammlung der Bischofssynode hat zwei Jahre nach dem Beginn des so plötzlichen und in der Tat außerordentlichen Zusammenbruchs des kommunistischen Systems stattgefunden, an dem das mutige Zeugnis der christlichen Kirchen einen großen Anteil hatte. Auch zahlreiche Nichtglaubende haben diese Ereignisse als ein "Wunder" betrachtet. Im Licht des Glaubens und unter dem Antrieb des Heiligen Geistes wollen wir in dieser Stunde wahre Zeichen der Gegenwart Gottes und seine Ratschlüsse erkennen (3). Für die Christen offenbart sich in diesen Ereignissen ein echter "Kairos" der Heilsgeschichte und eine ungeheure Herausforderung zur Fortsetzung des Erneuerungswerkes Gottes, von dem schließlich das Schicksal der Nationen abhängt.

Zweifelsohne hatte der Untergang der totalitären Herrschaftssysteme Mittel- und Osteuropas ökonomische, soziale und politische Ursachen. Gleichwohl besaß er von innen her einen ethischen, anthropologischen und schließlich spirituellen Grund. Denn dem ganzen Marxismus liegt ein Irrtum "anthropologischer Art" (4) zugrunde, insofern nämlich in diesem System der Mensch auf den rein materiellen und ökonomischen Gesichtspunkt verkürzt wird. Aus einer solch falschen und verkürzten Anthropologie ergaben sich notwendigerweise ökonomische und politische Konsequenzen, die ganz und gar ungerecht, mit dem Menschen unvereinbar und deshalb folgerichtig zum Untergang bestimmt sind. Das eigentliche, ja sogar innere Element dieser Lehre und deshalb auch des ganzen kommunistischen Systems war der verordnete Zwangs-Atheismus im täglichen Leben.

Heute ist in Europa der Kommunismus als System untergegangen, doch seine Wunden und sein Erbe verbleiben in den Herzen der Menschen und in den neu entstehenden Gesellschaften. Die Menschen stehen vor Schwierigkeiten im rechten Gebrauch der Freiheit und der Demokratie; die zuinnerst verdorbenen sittlichen Werte müssen erneuert werden. Zugleich hat die Kirche, arm geworden an Strukturen und Mitteln, tiefer gelernt, auf Gott allein zu vertrauen.

Der Zusammenbruch des Kommunismus ruft zu einem kritischen Nachdenken über den ganzen kulturellen, sozialen und politischen Weg des europäischen Humanismus auf, soweit er durch den Atheismus, nicht nur im Blick auf das Ergebnis des Marxismus, gekennzeichnet ist, und beweist, dass es faktisch, und nicht nur prinzipiell, nicht angeht, die Sache Gottes von der Sache der Menschen zu trennen.

Bei der Betrachtung der religiösen, sozialen und kulturellen Situation der demokratischen Nationen Westeuropas können Licht und Schatten wahrgenommen werden. Innerhalb des politischen und institutionellen Bereichs der Demokratie und der Freiheit haben sich viele Früchte des wissenschaftlichen, technischen, sozialen und ökonomischen Fortschritts ergeben. Die Kirche selbst zeigt eine erneuerte Lebendigkeit, besonders in der biblischen und liturgischen Erneuerung sowie in der aktiven Teilnahme der Gläubigen am Leben der Pfarrei, in neuen gemeinschaftlichen Erfahrungen, in der wiederentdeckten Bedeutung des Gebets und des kontemplativen Lebens sowie in vielfältigen Formen selbstlosen Dienstes an Armen und Ausgegrenzten.

Auf der anderen Seite verbreiten sich eine gewisse Gesinnung und ein gewisser Lebensstil, die nur darauf achten, dass die nächstliegenden Wünsche eines jeden befriedigt und ebenso die wirtschaftlichen Vorteile gefördert werden; zugleich wird in falscher Weise die Freiheit der einzelnen zu etwas Absolutem und jeder Vergleich mit der Wahrheit und den Gütern geleugnet, die den eigenen Horizont und Bereich des einzelnen oder einer Gruppe überschreiten. Obwohl der gewaltsam aufgezwungene Marxismus zusammengebrochen ist, ist der praktische Materialismus in ganz Europa sehr verbreitet. Wenn dieser auch nicht gewaltsam aufgezwungen wird, ja auch nicht ausdrücklich empfohlen wird, führt er dennoch die Menschen dazu, dass sie denken und handeln, "als ob es Gott nicht gäbe".

Zugleich bleibt die Sehnsucht nach religiöser Erfahrung, mag sie auch in einer Fülle von Formen da sein, die schwerlich miteinander vereinbar sind und häufig vom echten christlichen Glauben weit weg führen. Besonders die Jugendlichen suchen ihr Glück in vielen Zeichen, Bildern und auch vagen Entwürfen und neigen so leichter zu neuen religiösen Formen und Sekten verschiedenen Ursprungs. In der Tat befindet sich ganz Europa heute vor der Herausforderung, eine neue Entscheidung für Gott zu treffen.

2 Der christliche Glaube und die kulturellen sowie geistigen Grundlagen Europas

Die europäische Kultur ist aus vielen Wurzeln zusammengewachsen. Der Geist Griechenlands und die Romanitas, die Errungenschaften der lateinischen, keltischen, germanischen, slawischen und ugro-finnischen Völker, die hebräische Kultur und die islamischen Einflüsse gehören zu diesem komplexen Ganzen. Niemand kann aber leugnen, dass der christliche Glaube entscheidend zum beständigen und grundlegenden Fundament Europas gehört. In diesem Sinne sprechen wir von den "christlichen Wurzeln Europas", nicht aber um damit unterschwellig zu behaupten, dass Europa und das Christentum schlechthin zusammenfielen. Man kann sagen, dass die christliche Religion Europa ein eigenes Gesicht gegeben hat, indem sie in das gemeinsame europäische Bewusstsein einige fundamentale Prinzipien der Humanität einfügte: besonders den Begriff des transzendenten Gottes, der in höchster Weise frei ist und für immer aus Liebe in das Leben der Menschen eingetreten ist durch die Menschwerdung und das Paschageheimnis seines Sohnes; eine neue und besondere Kennzeichnung der Person und der menschlichen Würde; eine ursprüngliche Geschwisterlichkeit der Menschen als Prinzip solidarischen Zusammenlebens in der Verschiedenheit der Menschen und Völker.

Dieses gemeinsame Erbe menschlicher Kultur Europas hat im Laufe der Zeit schwere Wunden und Veränderungen erlitten. Was die westlichen und mittleren Teile Europas betrifft, so hat es sich seit den Religionskriegen nach der zerbrochenen Einheit der Kirche im 16./17. Jahrhundert ergeben, dass besonders das öffentliche und soziale Leben anders verstanden oder ausschließlich von der menschlichen Vernunft allein her begriffen wurde. Dennoch sind nicht alle Werte direkt in Zweifel gezogen worden, die ihren Ursprung im christlichen Glauben hatten; ja, man hat sich sogar Mühe gegeben, sie zu bewahren, so dass sie auf einem neuen und eigenen Fundament gründen. Die Schwäche eines solchen Fundamentes ist erst in diesem Jahrhundert wirklich deutlich geworden, und daraus folgte, dass sowohl im allgemeinen Bewusstsein vieler als auch in den zivilen Gesetzgebungen jene Werte umstritten waren. Europa kann heute nicht schlechthin auf sein vorgegebenes christliches Erbe hinweisen: Es geht nämlich darum, zu der Fähigkeit zu gelangen, erneut über die Zukunft Europas zu entscheiden in der Begegnung mit der Person und der Botschaft Jesu Christi.

II. Die lebendige Mitte und die vielen Wege der Neu-Evangelisierung

3 Die Bedeutung der Neu-Evangelisierung Europas

In einer solchen Lage hängt sehr viel vom glaubwürdigen Zeugnis des verkündeten und gelebten Evangeliums ab. Die Situation ist sicher in den verschiedenen Gebieten unterschiedlich: In einigen Teilen des Kontinents, besonders aber in den neuen Staaten, ist der christliche Glaube fast unbekannt wegen der andauernden Verbreitung des Atheismus, oder der Prozess der Säkularisierung ist schon so weit fortgeschritten, dass die Evangelisierung fast "von neuem" wieder beginnen muss. Wo die Kirche bisher zwar noch stark vertreten ist, nimmt dennoch nur ein geringerer Teil voll am kirchlichen Leben teil, während ein tiefes Auseinanderklaffen - allgemein gesprochen - zwischen Glaube und Kultur, Glaube und Leben festgestellt werden kann.

In dieser Situation ist es eine drängende Aufgabe für die Kirche, die befreiende Botschaft des Evangeliums erneut den Menschen Europas zu bringen. Nichts anderes war auch die Absicht des II. Vatikanischen Konzils und aller folgenden Versuche einer Erneuerung, nämlich "dass die Kirche des 20. Jahrhunderts immer mehr fähig wird, den Menschen eben dieses Jahrhunderts das Evangelium zu verkünden" (5). Die Neu-Evangelisierung ist kein Programm zu einer sogenannten "Restauration" einer vergangenen Zeit Europas, sondern sie verhilft dazu, die eigenen christlichen Wurzeln zu entdecken und eine tiefere Zivilisation zu begründen, die zugleich christlicher und so auch menschlich reicher ist. Diese "Neu-Evangelisierung" lebt aus dem unerschöpflichen Schatz der ein für allemal in Jesus Christus erfolgten Offenbarung. Es gibt kein "anderes Evangelium". Mit Bedacht wird sie Neu-Evangelisierung genannt, weil der Heilige Geist stets die Neuheit des Wortes Gottes hervorbringt und beständig die Menschen geistig und geistlich aufweckt (6). Diese Evangelisierung ist auch deshalb neu, weil sie nicht unabänderlich an eine bestimmte Zivilisation gebunden ist, da das Evangelium Jesu Christi in allen Kulturen aufleuchten kann (7).

Der Kern dieser Evangelisierung lautet: "Gott liebt dich. Christus ist für dich gekommen." (8) Wenn die Kirche diesen Gott verkündet, dann spricht sie nicht von irgendeinem unbekannten Gott, sondern von dem Gott, der uns so geliebt hat, dass sein Sohn für uns Mensch geworden ist. Gott, der uns nahe kommt, sich uns mitteilt, sich mit uns vereinigt, ist der wahre "Emmanuel" (Mt 1,23). Diese Gemeinschaft hat der Herr nicht nur für dieses Leben verheißen (vgl. Mt 28,20), sondern besonders als Sieg über Sünde und Tod durch die Teilnahme an seiner Auferstehung (vgl. Röm 6,5; 1 Kor 15,22) und als Freundschaft ohne Ende mit Gott von Angesicht zu Angesicht (1 Kor 13,12). Ohne diese Hoffnung auf das ewige Leben, in dem alle Schmerzen und Mängel überwunden werden, ist der Mensch schwer verstümmelt. Die dem Menschen geschenkte Gewissheit der Hoffnung, dass er in Ewigkeit mit Gott leben wird, mindert nicht die Verpflichtung zu seinen irdischen Aufgaben, sondern verleiht ihm ihre wahre Kraft und Bedeutung. Deshalb müssen wir mit großer Zuversicht von der unsterblichen Seele und der Auferstehung des Fleisches sprechen. Diese Freude darf niemals bei der Neu-Evangelisierung fehlen.

Für eine wahre Evangelisierung genügt es also nicht, sich um die Verbreitung der "Werte des Evangeliums" wie Gerechtigkeit und Frieden zu bemühen. Wir kommen nur dann zu einer wirklich christlichen Evangelisierung, wenn die Person Jesu Christi verkündet wird (9). Denn die Werte des Evangeliums können nicht getrennt werden von Christus selbst, der ihre Quelle, ihr Fundament sowie die Mitte der ganzen Botschaft des Evangeliums ist. Ihrem Wesen nach strebt die Evangelisierung zur Gründung der Kirche, welche in der Verkündigung des Wortes und in den Sakramenten der Initiation ihren Anfang nimmt. Denn sie ist ursprünglich begründet im Auftrag des Herrn, der gesagt hat: "Geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" (Mt 28,19).

Wer den lebendigen und wahren Gott nicht kennt, kennt deshalb auch den Menschen nicht wirklich. In diesem Sinn sagt der hl. Irenäus: "Die Glorie Gottes ist der lebendige Mensch, das Leben des Menschen aber ist die Anschauung Gottes" (10). Denn der heutige Mensch meint bisweilen, der Glaube erhöhe nur die Herrlichkeit und Ehre Gottes, erniedrige aber das Bild vom Menschen. Die Sache Gottes steht hingegen keineswegs im Gegensatz zur Sache des Menschen. Es sind vielmehr die rein irdischen Versprechungen, welche - wie die jüngste Geschichte gezeigt hat - schließlich die Menschen auf totalitäre Weise unterjochen. Die Erneuerung Europas muss ihren Ausgangspunkt nehmen vom Dialog mit dem Evangelium. Dieser Dialog, der vom II. Vatikanischen Konzil gefördert worden ist, darf die Klarheit der Positionen nicht schmälern und muss zugleich in gegenseitiger Achtung unter den Jüngern Christi und ihren Schwestern und Brüdern geführt werden, die anderen Überzeugungen anhängen (11). So wird es möglich sein, zu einer "wahren Begegnung zwischen dem Wort des Lebens und den Kulturen Europas" (12) zu gelangen. Denn die Evangelisierung soll nicht nur einzelne Menschen, sondern auch die Kulturen erreichen. Die Evangelisierung der Kultur bedeutet aber die "Inkulturation" des Evangeliums. Die Aufgabe der Inkulturation des Evangeliums in einer neuen kulturellen Situation Europas, die nicht nur von der Moderne, sondern auch von der sogenannten "Postmoderne" geprägt ist, beinhaltet eine Herausforderung, der wir nach Kräften entsprechen müssen: Dazu ist der Beitrag von Menschen, die sich in der Kultur auskennen, erforderlich und von Theologen, die von Herzen mit der Kirche übereinstimmen.

4 Die Früchte des Evangeliums: Wahrheit, Freiheit und Gemeinschaft

Christus, der menschgewordene Gott, ist selbst die Wahrheit (vgl. Joh 14,6), die uns frei macht (vgl. Joh 8,32) durch die Gabe des Heiligen Geistes (vgl. 2 Kor 3,17; Röm 5,5; Gal 4,6) und zur vollen Gemeinschaft mit Gott und unter den Menschen führt (vgl. Joh 17,21; 1 Joh 1,3). In der Tat ist das Suchen nach Freiheit, Wahrheit und Gemeinschaft das höchste, älteste und dauerhafteste Verlangen des europäischen Humanismus, welches auch in der gegenwärtigen Zeit weiterwirkt. Deswegen steht das Vorhaben einer Neu-Evangelisierung keineswegs dem Verlangen dieses Humanismus im Weg, vielmehr reinigt und kräftigt er ihn, da er - besonders in unserer Zeit - in der Gefahr steht, seine Identität und seine Zukunftshoffnung infolge irrationaler Einflüsse und eines Neuheidentums zu verlieren.

Deshalb scheint die Frage nach der Verbindung von Freiheit und Wahrheit besonders wichtig zu sein, welche die moderne europäische Kultur sehr häufig als Gegensätze aufgefasst hat, während in der Tat Freiheit und Wahrheit in einer solchen Weise aufeinander hingeordnet sind, dass das eine ohne das andere nicht erreicht werden kann. Ebenfalls ist es von höchster Bedeutung, einen anderen Gegensatz zu überwinden, der übrigens mit dem vorhergehenden verbunden ist, nämlich von Freiheit und Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität, Freiheit und wechselseitiger Gemeinschaft. Denn die Person, deren höchste Würde in der Freiheit besteht, vollendet sich nicht dadurch, dass sie sich auf sich selbst zurückzieht, sondern sich schenkt (vgl. Lk 17,33) (13).

Während der Unterdrückung durch den Totalitarismus konnten nur jene die Freiheit des Herzens und des Bekenntnisses bewahren, die sich intensiver mit Gott verbunden hatten. Glaube, Anbetung und Liebe stehen in tiefer Beziehung zur menschlichen Freiheit. Auf seine Weise gibt es auch in den "freien Gesellschaften" subtile Zwänge, die, gleichsam als geheime Verführer, unseren Geist besetzen, unser Fühlen manipulieren und unser Verhalten lenken wollen. Wer im Geist der Anbetung des einzigen wahren Gottes allein vor diesem Herrn seine Knie beugt, kann leichter die vielfältigen, faszinierenden Idole zurückweisen.

Kreuz und Auferstehung Jesu Christi offenbaren und schenken durch die Gnade des Heiligen Geistes jene Freiheit, die in Wahrheit diesen Namen verdient. In der Geschichte des Lebens und des Todes des Herrn wird offenbar, dass der Gipfel der Freiheit in der vollkommen freien Hingabe an den Willen des Vaters und für das Leben der Welt besteht. Im Vergleich mit dem Vollmaß dieser Hingabe wird erst offenkundig, wie sehr der Mensch Knecht seiner selbst werden und sich Mächten ausliefern kann, die ihn versklaven.

Da die Freiheit sich nicht im "Haben" erschöpft, sind Besitz und dessen Genuss keine letzten Werte (vgl. 1 Kor 7,29-31). Wenn nämlich der Christ das Eigentum, welches stets in seiner Verpflichtung zum Gemeinwohl zu betrachten ist, und die Freude an den Gütern dieser Welt bejaht, so weiß er dennoch, dass sie nicht zu den letzten Dingen gehören. Der von der Liebe geprägte evangeliumsgemäße Verzicht nimmt uns die Güter nicht, sondern gibt sie uns in ihrer Ursprünglichkeit erst. Das ist zur Wahrung der Freiheit in einer vom Konsumismus geprägten Gesellschaft von hoher Bedeutung.

Hier kommt nunmehr zur Sprache, wie wahre Gemeinschaft gefunden werden kann. Sie ist nur möglich, wenn jeder die personale und menschliche Würde der anderen respektiert. Es gibt keine Gemeinschaft, wenn die Menschen durch Zwang zu einem Kollektiv gemacht werden. Eine wahre Verpflichtung den anderen gegenüber kommt aber auch nicht zustande, wenn die einen gleichgültig neben den anderen leben und nur ihren eigenen Vorteil suchen. Wahre Gemeinschaft entsteht nur dann, wenn ein jeder die dem Nächsten eigene Würde und die Unterschiede als Reichtum wahrnimmt, ihm dieselbe Würde ohne Gleichmacherei zuerkennt und bereit ist, die eigenen Fähigkeiten und Gaben mitzuteilen.

Um uns des göttlichen Lebens teilhaftig zu machen (vgl. 2 Petr 1,4), hat Christus Jesus sich selbst entäußert, indem er bei der Menschwerdung die Gestalt eines Sklaven annahm und gehorsam wurde bis zum Tod am Kreuz (vgl. Phil 2,7 f.). Das göttliche Leben besteht in der Gemeinschaft von drei Personen. Von Ewigkeit her zeugt der Vater den Sohn, der gleichen Wesens ist, und die gegenseitige Liebe beider ist der Heilige Geist. Deshalb ist der christliche Gott kein einsamer Gott, sondern ein Gott, der in der Gemeinschaft der Liebe von Vater und Sohn und Heiligem Geist lebt. Diese Liebe hat sich auf höchste Weise in der Entäußerung des Sohnes geoffenbart. Deswegen gehören Gemeinschaft der Liebe und Entäußerung zum Kern des Evangeliums, das Europa und der ganzen Welt verkündet werden muss, damit eine neue Begegnung zwischen dem Wort des Lebens und den verschiedenen Kulturen geschehen kann. Diese Synthese von Wahrheit, Freiheit und Gemeinschaft, geschöpft aus dem Zeugnis des Lebens und des Paschageheimnisses Jesu Christi, wo der eine und dreifaltige Gott uns geoffenbart wird, bildet Sinn und Fundament des ganzen christlichen Lebens und des christlichen Ethos, welches entgegen einer weitverbreiteten Meinung der Freiheit nicht entgegengesetzt ist - da das neue Gesetz die Gnade des Heiligen Geistes ist (14)  -, sondern zugleich ihre Bedingung und ihre Frucht ist. Aus diesen Quellen kann eine Kultur gegenseitigen Schenkens und wechselseitiger Gemeinschaft entstehen, die auch im Opfer und in der täglichen Bemühung für das Gemeinwohl vollendet wird.

5 Die Träger der Evangelisierung und die vielen Wege einer Neu-Evangelisierung

Die Neu-Evangelisierung Europas ist nur möglich, wenn wir alle Christen aufrufen, ihrer prophetischen Berufung entsprechend diese Aufgabe in Angriff zu nehmen. Mit den Bischöfen sind freilich zunächst die Priester und Diakone die Träger der Evangelisierung. Sie tragen die Last der täglichen Pastoral in den christlichen Gemeinden. Die Ordensleute, denen zu einem großen Teil die Erst-Evangelisierung zu verdanken ist, und ihre Kommunitäten können in ganz Europa das Zeugnis eines radikalen Lebens nach dem Evangelium ablegen, wenn sie ein stärkeres Augenmerk auf das richten, was für das geweihte Leben wesentlich ist. Von ihnen können einige Aufgaben mit besonderer Wirksamkeit übernommen werden, etwa im Bereich der Erziehung oder der inspirierenden Begleitung und Belebung verschiedener Gruppen. Wie das Schreiben Christifideles laici nachhaltig herausgestellt hat, müssen auf jeden Fall auch die Laien zum Einsatz für die Neu-Evangelisierung Europas aufgerufen werden. Sie, die über eine eigene Berufung verfügen, nehmen auf eigene Weise am prophetischen Amt Jesu Christi teil (15)  und haben Zugang zu Bereichen, in welche Bischöfe und Priester nicht gelangen können: Nur durch sie können die Evangelisierung und der Aufbau des neuen Europas konkret möglich werden. Auf besondere Weise ruft diese Synode die jungen Menschen auf, Träger einer Evangelisierung der künftigen Generation Europas zu werden.

Um wirkliche Apostel zu werden, brauchen wir selbst eine beständige Evangelisierung: durch beharrliches Gebet und die Betrachtung des Wortes Gottes, die uns zur persönlichen Begegnung mit dem lebendigen Gott führen, wie auch durch den täglichen Versuch, all dies in die Praxis umzusetzen. Dafür hat uns die selige Jungfrau Maria ein einzigartiges Beispiel gegeben. Nur durch die Nahrung mit dem Worte Gottes, dem eucharistischen Brot und dem häufigen Empfang des Bußsakramentes vollziehen sich in uns die ständige Umkehr und persönliche Umwandlung, durch die das Phänomen einer subjektiven Engführung des Glaubens überwunden werden kann. Diese besteht darin, dass das Wort Christi und der Kirche nur soweit aufgenommen wird, als es den persönlichen Bedürfnissen und Erwartungen entspricht. Zugleich findet sich hier auch der Weg, der Schwierigkeiten Herr zu werden, die es - auch in der Kirche selbst - mit der kirchlichen Lehre besonders im Bereich der Moraltheologie gibt. Je tiefer nämlich in den Menschen die Erfahrung der Liebe Gottes verwurzelt ist, die durch das Wort vermittelt und in geschwisterlicher Gemeinschaft empfangen wurde, desto mehr wächst in ihnen die Fähigkeit und die Bereitschaft, alle Forderungen der Botschaft Christi anzunehmen.

Um der Kirche vitale Kraft zu verleihen, kommt den Pfarrgemeinden besondere Bedeutung zu. Sie bleiben die grundlegenden Instanzen des Lebens und der Mission der Kirche, die der Erneuerung und Stärkung durch das Licht des Evangeliums bedürfen. Besondere Bedeutung haben aber auch die Verbände und die neuen Gemeinschaften von Laien (16), die besonders seit dem Konzil aufblühen. Großes Vertrauen setzen wir auf eine neue Pastoral der Familie als "Hauskirche" (17) wie auch auf die Vermehrung kleiner Gemeinschaften, die in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft ein christliches Leben führen. Eine Katechese, die zur Ausprägung des christlichen Lebens geeignet ist, muss nicht nur Kindern und Heranwachsenden, sondern auch jungen Leuten und Erwachsenen ständig angeboten werden (18). Der künftige Allgemeine Katechismus wird mit großer Hoffnung erwartet: Eine zusammenhängende Darstellung der gesamten katholischen Lehre im wahren Geist des II. Vatikanischen Konzils wird eine Hilfe im Blick auf die Sorge sein, zu der gewisse theologische Tendenzen Anlass geben. Da nämlich eine Theologie, die im Wort Gottes verwurzelt und dem Lehramt der Kirche verbunden ist, einen großen Nutzen für die Aufgabe der Evangelisierung hat, muss man einen theologischen "Dissens" als Hindernis für die Durchführung der Evangelisierung betrachten - besonders jener Evangelisierung, die in der Kirche selbst ständig vollzogen werden muss (19).

Alle Menschen sind eingeladen, das Evangelium Jesu Christi anzunehmen. Die Neu-Evangelisierung muss deshalb zutiefst missionarisch sein, so dass sie nicht nur die Personen und Personenkreise erreicht, die schon im Herzen der Kirche verwurzelt sind, sondern auch jene, die eher von ferne auf sie schauen - und dies nicht selten mit Skepsis oder gar Verachtung.

Damit die Europäer von heute, die besonders allem, was man sehen und mit den Händen greifen kann, einen Wert beimessen, das Evangelium annehmen, muss das Zeugnis einzelner und der Gemeinden die Verkündigung des Wortes Gottes ständig begleiten und bestärken, indem es seine Wahrheit und göttliche Kraft offenbar macht. Dieses Zeugnis muss - aus Gründen der Treue zu so vielen neuen Märtyrern unserer Zeit - durch sichtbare Heiligkeit hervorstechen und das Geheimnis der Einheit mit Gott und unter den Menschen, das die Kirche in der Eucharistie begeht, im Leben vollziehen.

Außerordentlich wichtig ist das Zeugnis der kirchlichen Diakonie, d.h. der Liebe zu allen, besonders aber zu denen, die materiell oder geistlich die jeweils Bedürftigeren sind. Ein solches Zeugnis macht, wenn es von allen verstanden wird, die Liebe Gottes zu den Menschen sichtbar und öffnet diese für das Hören des Evangeliums.

Im Erfahrungsaustausch unserer Kirchen haben wir erkannt, wie nötig es für die Evangelisierung ist, den einzelnen gesellschaftlichen Bereichen einen Wert beizumessen, die unserem Zugang offen stehen. Hier sind vor allem der Religionsunterricht auch an öffentlichen Schulen, die Erwachsenenbildung, die Pastoral in der Welt der Arbeit, der Wissenschaft, der Kultur und der Kunst sowie in allen Kommunikationsmedien zu nennen. Letztere formen immer stärker das moderne Leben und verdienen eine größere Aufmerksamkeit der Kirche. In den Nationen, die vor kurzem vom Kommunismus befreit wurden, herrscht eine dringende Notwendigkeit, katholische Universitäten und Schulen zu gründen. Aber auch in all diesen Bereichen sind - heute wie immer - das persönliche Zeugnis und die großherzige Beziehung von Mensch zu Mensch sehr wichtig.

Besonders in unserer Zeit gibt es einen Weg der Evangelisierung, der unter allen herausragt: Die Zeugnisse aus den Kirchen, die jüngst vom Kommunismus befreit wurden, haben uns die Fruchtbarkeit des Geheimnisses von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi fast mit den Händen greifen lassen. Wenn wir uns um eine Neu-Evangelisierung Europas bemühen - in Gemeinschaft mit allen christlichen Schwestern und Brüdern -, dann spüren wir die Notwendigkeit wieder neu, Ihn zu wählen, mit dem wir in der Taufe gestorben und zu neuem Leben auferstanden sind (vgl. Röm 6,3-5; Gal 2,19-20): In Ihm verankert und gegründet, wollen wir Europa Zeugen des Glaubens sein.

6 Kirchliche Gemeinschaft und Sendung im Austausch der Gaben

Alle Evangelisierung entspringt der Person und dem Werk Jesu Christi und führt wieder hin zu Ihm. In Ihm ist die Kirche ein Leib aus vielen Gliedern (vgl. 1 Kor 12,12), "das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Einigung mit Gott wie für die Einheit des ganzen Menschengeschlechts" (20). Aus diesem Geheimnis strömen Einheit und Katholizität der Kirche Gottes, die als ein einziges Volk, das "von der Einheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" (21) geeint ist, unter allen Völkern der Erde Wohnung nimmt und den Reichtum der Nationen zum wechselseitigen Austausch führt (22).

Diese Synode hat die Verschiedenheit und Einheit unserer Teilkirchen und den Austausch ihrer Gaben täglich erfahren: im brüderlichen Anhören, das die wahren Erfahrungen der anderen Kirchen mit Freude und herzlicher Anteilnahme in sich aufnahm. Die Kirche in der Unterdrückung hat vom Herrn Gaben empfangen, von denen nun alle auf besondere Weise Kenntnis erlangen: das Zeugnis lebendigen Glaubens, Treue in Schmerzen und im Leiden, einträchtige Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl. Heute bringt eine große Anzahl von Berufungen zum Priestertum oder zum Ordensleben in vielen dieser Gebiete einen geistlichen Reichtum zutage, der bisher verborgen war.

Infolge der Freiheit, deren sie sich über lange Zeit erfreut haben, sind die westlichen Teilkirchen zu einer pastoralen Praxis unter den Bedingungen einer komplexen und säkularisierten Gesellschaft gelangt. Sie vermochten viele Konsequenzen des II. Vatikanischen Konzils zu entwickeln, die nun in Demut und in kluger Unterscheidung der Werte mitgeteilt werden können. Wir müssen die Zusammenarbeit unserer Kirchen wirklich verstärken, vor allem im Blick auf die Neu-Evangelisierung Europas. Dazu sind materielle Mittel wie auch personelle Hilfen nötig, die zum Aufbau des Leibes Christi dienen und den Prioritäten der Empfängerkirchen entsprechend geleistet werden müssen.

Die kollegiale Verbundenheit der Bischöfe mit dem Nachfolger Petri und untereinander, die während dieser Synode noch erstarkte, sollte durch persönliche Besuche und Freundschaft gefördert werden. In voller Beachtung des Bandes der Einheit mit dem Hl. Stuhl und der Aufgaben der einzelnen Bischöfe und Bischofskonferenzen aus den verschiedenen Nationen legt es die pastorale Sorge auf unserem Kontinent, der den Weg zur Einheit beschreitet, nahe, dass mit Hilfe des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen eine Abstimmung und gemeinsame Anstrengung für die Evangelisierung und den Ökumenismus unternommen und Wege für andere Formen der Zusammenarbeit zwischen den Teilkirchen des Kontinents gesucht werden. Darüber hinaus verlangt es die Notwendigkeit einer Präsenz der Kirche bei den europäischen Institutionen, dass - in Einheit mit dem Hl. Stuhl und seinem Gesandten - die Tätigkeiten des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) und der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (ComECE) gestärkt und enger miteinander verbunden werden. Beide haben sich in den vergangenen Jahren schon sehr verdient gemacht.

In Einheit mit dem Apostolischen Stuhl müssen die Kirchen Europas auch die eigene Zusammenarbeit mit den Teilkirchen der übrigen Kontinente verstärken. Anlässe, die besonders wichtig sind, wie die 500-Jahr-Feier der Evangelisierung Amerikas, die bevorstehende Vollversammlung des lateinamerikanischen Bischofsrates und die Spezialversammlungen der Bischofssynode für Afrika und für den Libanon bilden günstige Gelegenheiten zum Austausch von Gaben und schließlich dazu, den gemeinsamen Heilsdienst aller Kirchen der ganzen Welt zu erweitern.

In diesem Dienst ist besonders der missionarische Impuls "zu den Völkern" enthalten, der in der Tat zur Geschichte und zur christlichen Gestalt Europas gehört und in dessen Identität enthalten ist. Auch wenn sich das Werk der Missionare bisweilen nicht losgelöst von der kolonialen Erweiterung der europäischen Nationen und mit dem Stachel der Trennung zwischen den Christen vollzogen hat, haben doch die Teilkirchen Europas mit der Gnade Gottes bei der Verkündigung des Heils Christi an die Völker und bei der Einpflanzung der Kirche an allen Orten eine sehr gute Rolle gespielt. Auch heute darf sich die Kirche in keiner Region in sich selbst verschließen, selbst wenn sie von Schwierigkeiten und inneren Nöten bedrängt wird, zu denen besonders die Verminderung der Priester- und Ordensberufe gehört. Vielmehr ist es nötig, dass sie ihren Horizont erweitert und auf die Verheißung des Herrn vertraut: "Gebt, dann wird auch euch gegeben" (Lk 6,38). Denn "der Glaube wird im Geben gestärkt. Die Neu-Evangelisierung der christlichen Völker wird ihren Antrieb und ihre Stütze finden im Dienst der universalen Missionierung" (23). Deshalb muss der Missionseifer den Dienst in Seelsorge und Bildung nähren und durchdringen, so dass die Priester, Ordensleute und Laien mehr und mehr bereit sind zum täglichen Neuaufbruch, wo auch immer die Kirche ihren Einsatz für die Evangelisierung und den menschlichen Fortschritt nötig hat. Voller Vertrauen bitten wir den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seinen Weinberg sendet, indem er vor allem junge Menschen zu Priestertum und Ordensleben beruft.


III. Die Notwendigkeit des Dialogs und der Zusammenarbeit mit den anderen Christen, mit den Juden und mit allen, die an Gott glauben

7 Die enge Zusammenarbeit mit den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften

In der Synode haben wir erfahren, wie sehr die Neu-Evangelisierung Europas das gemeinsame Werk aller Christen ist und wie sehr davon die Glaubwürdigkeit der Kirche im neuen Europa abhängt.

Immer wieder haben wir entdeckt, wie reich Europa durch die einander sich ergänzenden, im Wesentlichen gleichen Traditionen des Christentums ist, nämlich die westliche und die östliche Überlieferung mit ihren entsprechenden theologischen, liturgischen, geistlichen und kanonischen Besonderheiten. Immer wieder wurde das Bild von "der einen Seele, die mit zwei Lungen atmet", genannt, das diese kirchliche Wirklichkeit beschreiben will. Auch hier haben wir gesehen, wie die besonderen Gaben der jeweiligen Tradition die andere Überlieferung bereichern und auch korrigieren können (24). Genauso haben wir erfahren, wie auch heute noch die Trennungen unter den Christen leidvolle Wirkungen haben.

Auf die Forderungen des Evangeliums nach Wahrheit und Liebe wollen wir antworten, wie es vom Nachfolger Petri im Ökumenischen Gebetsgottesdienst am 7. Dezember 1991 dargelegt wurde: "Diese Anforderungen setzen die treue Anerkennung der Fakten, die Bereitschaft zur Vergebung und zur Wiedergutmachung der vergangenen eigenen Fehler voraus. Sie verhindern, dass man sich in Vorurteilen verschließt, die oft Quelle von Bitterkeit und sterilen gegenseitigen Vorwürfen sind; sie führen dazu, dass man keine unbegründeten Beschuldigungen gegen den Bruder erhebt und ihm Absichten und Vorsätze unterstellt, die er nicht hat. Wenn man so vom Wunsch erfüllt ist, die Positionen der anderen wirklich zu verstehen, gleichen sich die Widersprüche durch einen aufrichtigen Dialog unter der Führung des Heiligen Geistes, des Trösters, aus" (25).

Im Blick auf die Ostkirchen müssen wir uns fragen, ob der seit dem II. Vatikanischen Konzil geführte Dialog der Liebe gerade angesichts der neuerdings wieder aufgebrochenen Schwierigkeiten wirklich immer gut geführt wird. Es hat uns leid getan, dass einige orthodoxe Kirchen glaubten, die Einladung zu unserer Versammlung nicht annehmen zu können. Wir haben bei unseren Überlegungen und im Gespräch mit den anwesenden "brüderlichen Delegierten" die Überzeugung gewonnen, dass der bisher schon so fruchtbare Dialog, allein schon wegen des Gebotes des Herrn, mit allen Kräften fortgesetzt und vertieft werden muss. Wir möchten unsere orthodoxen Schwesterkirchen zu einem solchen Dialog von Herzen einladen und sie an unsere gemeinsame Verantwortung für das Zeugnis des Evangeliums vor der Welt und besonders vor dem Herrn der Kirche erinnern: Das Ziel dieses Dialogs ist es, uns zur Einheit zu führen (vgl. Joh 17,21). Wir wissen, dass es dabei viel Geduld und viel Verständnis braucht. Diejenigen unter uns, die zu den katholischen Ostkirchen gehören, befinden sich in dieser Hinsicht in einer ganz besonderen Schwierigkeit. Doch sehen wir alle in ihnen ein konstruktives Element zu Förderung des ökumenischen Dialogs zwischen der katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche. Wir können auch nicht übersehen, dass gerade diese Kirchen in der Bedrängnis des Kommunismus für uns alle ein eindringliches Zeugnis standfesten Glaubens gegeben haben und heute noch geben. Ebenso wenig wollen wir das mutige Glaubenszeugnis vergessen, das Orthodoxe und Protestanten gegeben haben. Die gemeinsame Erfahrung der Verfolgung möge zur neuen Basis eines tieferen ökumenischen Verständnisses und eines gerechten Friedens werden.

Mit den Kirchen aus den reformatorischen Traditionen haben wir in den vielfältigen Dialogen seit dem II. Vatikanischen Konzil und in vielen geglückten Anstrengungen zu gemeinsamem Bekenntnis und christlichem Dienst viele Missverständnisse ausräumen und große Annäherungen erzielen können. Wir wissen aber auch, dass uns nicht zuletzt im Verständnis der Kirche, besonders auch des geistlichen Amtes, noch manches schmerzlich trennt. Man darf nicht von den Problemen der Lehre absehen, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, das Evangelium widersprüchlich zu verkünden. Da wir aber wissen und wieder erfahren haben, wie viele Menschen an dieser noch fortbestehenden Trennung Anstoß nehmen, wollen wir diesen so fruchtbar geführten Dialog mit allen Kräften fortsetzen.

Auf der Grundlage der gemeinsamen Ehrfurcht vor der Hl. Schrift hat das Bibelapostolat zur Förderung des Ökumenismus eine große Bedeutung. Zur Aufgabe der Ökumene gehört auch die Sorge für die Menschen und Völker, vor allem für die Bedürftigen, und besonders in unseren Tagen das gemeinsame Bemühen für den Aufbau einer wahrhaften Gemeinschaft der Völker Europas.

8 Die besondere Beziehung zum Judentum

Beim Aufbau einer neuen Ordnung in Europa und in der Welt ist das Gespräch zwischen den Religionen von größter Bedeutung, besonders mit den "älteren Brüdern", den Juden, deren Glaube und Kultur ein konstitutiver Teil der Entwicklung der europäischen Humanität sind. Nach dem schrecklichen Holocaust in unserem Jahrhundert, den die Kirche aus tiefstem Herzen bedauert, sind neue Anstrengungen zu einem tieferen Kennenslernen des Judentums zu unternehmen und alle Formen des Antisemitismus, die sämtlich entweder im Gegensatz zum Evangelium oder zum Naturrecht stehen, zurückzuweisen. Auch werden jene Hilfen besonders empfohlen, die im Geist des II. Vatikanischen Konzils (26) die guten Beziehungen mit dem jüdischen Volk in der Verkündigung und durch den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Kirche angemessen unterstützen.

Die gemeinsamen Wurzeln von Christentum und jüdischem Volk sind besonders zu würdigen: Jesus selbst hat im Rahmen der israelitischen Religion die Anfänge seiner Kirche gelegt. Eingedenk des geistigen Vermächtnisses, besonders der Heiligen Schrift, die sie mit dem Judentum verbindet, möchte die Kirche in der gegenwärtigen Lage in Europa dazu beitragen, dass in den gegenseitigen Beziehungen ein neuer Frühling aufbricht. Denn die gemeinsame Bemühung von Christen und Juden in verschiedenen Bereichen, unter Beachtung der Unterschiede und eigenen Lehren beider Religionen, kann höchste Bedeutung haben, die für die religiöse und gesellschaftliche Zukunft Europas und für Europas Aufgabe im Blick auf den übrigen Teil der Welt zu beachten ist.

9 Die gemeinsame Verantwortung aller, die an Gott glauben

Auch die Beziehungen zu den Muslimen sind sehr wichtig für das Christentum und die europäische Kultur, nicht nur wegen vergangener Ereignisse, sondern auch im Blick auf unsere Zukunft, zumal eine starke Wanderungsbewegung aus den islamischen Nationen stattfindet und auch sonst enge Beziehungen mit ihnen bestehen. Trotz der bekannten Schwierigkeiten hat sich der Dialog mit ihnen als besonders notwendig erwiesen; er muss jedoch auf kluge Weise geführt werden, mit klaren Vorstellungen im Blick auf seine Möglichkeiten und Grenzen sowie mit Vertrauen in den Heilsratschluss Gottes für alle. Um einer aufrichtigen gegenseitigen Solidarität willen ist die Wechselseitigkeit der Beziehungen notwendig, besonders was den Umfang der Religionsfreiheit anbelangt: Sie ist ein in der Würde der menschlichen Person selbst begründetes Recht (27) und muss überall auf der Erde herrschen.

Die anwachsenden Wanderungsbewegungen in unserer Zeit erfordern es, dass wir die anderen Religionen besser kennen, dass wir ein brüderliches Gespräch mit jenen Menschen beginnen, die sich zu diesen Religionen bekennen und die unter uns leben. Wir wollen mit ihnen in gleicher Weise die soziale Gerechtigkeit, gute Verhaltensweisen und gewiss auch Frieden und Freiheit für alle schützen und fördern; gemeinsam müssen wir auch die Schöpfung, die Gott allen Menschen, zumal unseren Nachkommen geschenkt hat, erhalten.

Auf der anderen Seite freilich darf die Beachtung der Freiheit und das rechte Bewusstsein der Werte, die in anderen Religionen zu finden sind, nicht zum Relativismus führen und auch nicht das Bewusstsein von der Notwendigkeit und Dringlichkeit des Auftrags Christi zur Verkündigung mindern. Im Kontext des Pluralismus wünscht die Kirche nicht den Relativismus, sondern den aufrichtigen und klugen Dialog, der "den Glauben nicht schwächt, sondern ihn vielmehr stärkt" (28). Die Neu-Evangelisierung erfordert in der Tat eine Ausbildung der Priester, Ordensleute und Laien, die tief im Boden des Glaubens verwurzelt und darum fähig sind, in einen vielgestaltigen Dialog einzutreten.

IV. Die Aufgabe der Kirche beim Aufbau eines zu universaler Solidarität offenen Europas

10 Die Aufgabe der Kirche beim Aufbau eines neuen Europas

In der Neu-Evangelisierung liegt nicht nur eine Herausforderung für die einzelnen Christen und Gemeinden, sondern auch für die Staaten, die auf humanere Weise aufgebaut werden müssen. Die Kirche hat nämlich die Sendung, das in Jesus Christus zum Heil geoffenbarte Geheimnis zu enthüllen, das alle Dimensionen des menschlichen Lebens betrifft. Wenn also die Kirche das Evangelium verkündet und lebt, dient sie der Menschheit (29). Wenn auch diese Sendung allen Christen zukommt, so haben die Laien - Männer wie Frauen, Erwachsene wie Jugendliche - und ihre verschiedenen Zusammenschlüsse aufgrund ihres "Weltcharakters" eine besondere Sendung. Das Apostolische Schreiben Christifideles laici hat diese Sendung, zu der die Laien auch in besonderer Weise auszubilden sind, genauer beschrieben. Für den Beitrag der Laien zum Aufbau eines neuen Europas sind besonders wichtig: Förderung der Würde des Menschen, Ehrfurcht vor dem unantastbaren Recht auf Leben, Recht auf Gewissens- und Religionsfreiheit, Ehe und Familie als primärer Ort des sozialen Engagements und der "Humanisierung", caritativer Dienst der Liebe und Werke der Barmherzigkeit, Sorge um das Gemeinwohl und Engagement in der Politik, Verantwortung in der Wirtschaft, Sorge um die Bewahrung der Schöpfung, Evangelisierung im Bereich der Kultur, der Bildung und Erziehung sowie der Kommunikationsmittel (30).

Die Kirche darf also auf die Wahrnehmung eines eigenen öffentlichen Auftrags nicht verzichten. Sie muss sich auch hüten, bei der Erfüllung ihres Grundauftrages an frühere überholte Formen anzuknüpfen, die heute für die Kirche schädlich wären. Durch den Anstoß der christlichen Offenbarung und durch langfristige geschichtliche Veränderungen hat die Zivilisation Europas die Unterscheidung, wenn auch nicht die Trennung von religiöser und politischer Ordnung entdeckt, die sehr zum menschlichen Fortschritt beiträgt. Die Kirche fördert durchaus eine recht verstandene Demokratie (31), ist jedoch an kein politisches System gebunden (32). Sie hat aber ihre eigene Verantwortung für die Gestaltung der Gesellschaft, die sie nicht zurückweisen kann und die sie besonders in ihrer Soziallehre, die sich auf die Aufgabe der Neu-Evangelisierung erstreckt (33), erfüllt.

Die Prinzipien der Würde der menschlichen Person, die ihr als Fundamentalrechte vor jeder sozialen Anerkennung zukommen und nicht - nicht einmal durch Mehrheitsbeschlüsse - verneint oder aufgehoben werden können, wie auch der Subsidiarität, welche die Rechte und Zuständigkeiten aller Gemeinschaften auf allen Ebenen berücksichtigt sowie der Solidarität, welche ein Gleichgewicht zwischen Bedürftigen und Stärkeren fordert, können gleichsam die Säulen einer neuen Gesellschaft beim Aufbau Europas bilden. Deshalb ist die Kenntnis der Soziallehre für alle, die in christlichem Geist an der Erbauung des neuen Europas teilnehmen wollen, notwendig. Die Studienordnung in den theologischen Hochschulen muss die Ausbildung in der Soziallehre und der caritativen Diakonie berücksichtigen(34) .

Die Erprobung der Nützlichkeit der Marktwirtschaft sowie des freien Handels und ihre Einführung auch bei den Nationen Mittel- und Osteuropas müssen nach einem klaren und klugen Konzept erfolgen. Man muss sie auf das Gemeinwohl hin ausrichten und die berechtigten Bemühungen der Arbeitnehmer unterstützen, eine volle Respektierung ihrer Würde und eine größere Partizipation an den Wirtschaftsunternehmen zu erlangen, in denen sie arbeiten (35). Der Beginn des "Gemeinsamen Europäischen Marktes" ist für uns ein Anruf und eine Herausforderung: Besonders dringlich ist eine Kultur der Solidarität, damit für die alten und neuen Formen der Armut gerechte Lösungswege gefunden werden.

In der gegenwärtigen europäischen Situation hat die Frauenfrage eine große Bedeutung (36). Nur ein neues Verhältnis von Mann und Frau, das den Veränderungen Rechnung trägt, kann die legitimen Anliegen der Frauen auf den rechten Weg bringen. Wir appellieren an die Bürger und die politisch Verantwortlichen, dass sie von der immer wieder zum Ausdruck gebrachten und notwendigen rechtlichen Gleichstellung auch zu ihrer tatsächlichen Verwirklichung gelangen. Die Eingliederung der Frauen in das Berufsleben darf nicht von der Alternative Beruf oder Familie bestimmt sein, sondern bedarf einer geordneten Verbindung mit ihrer eigenen Aufgabe in der Familie und bei der Weitergabe des Lebens. Unter diesen Bedingungen könnten die Frauen ihre ganze Kraft dem kulturellen Aufbau und einer Sozialordnung widmen, die eher mit der vollständigen, personalen und sozialen Wahrheit über den Menschen übereinstimmt. Weil das Recht auf Leben in vielen Nationen des heutigen Europas sowohl im Westen als auch im Osten sehr mit Füßen getreten wird, besonders im Fall der Abtreibung und der Euthanasie, empfiehlt unsere Synode den einzelnen Kirchen und besonders den Bischofskonferenzen, jährlich einen "Tag _" oder eine "Woche für das Leben" in allen Gemeinschaften und Pfarreien zu begehen und im Lauf der Zeit diesen Tag oder diese Woche auch gemeinsam festzulegen. Das Recht auf Erhaltung der Gesundheit oder nach Möglichkeit auf ihre Wiederherstellung muss ganz und gar geschützt werden; die Bemühung der ganzen Gesellschaft und die pastorale Sorge der Kirche müssen sich auf alle erstrecken, die an Krankheiten leiden, besonders an den Krankheiten dieser Zeit. Alle, die im Dienst an der Gesundheit stehen, sollen eine Ausbildung in Ethik und in Bioethik erhalten.

Die Kirche hat Hochachtung vor dem beständigen Wert der Familie, die in der Ehe gegründet ist, denn sie ist eine Einrichtung des Schöpfers und ein Baustein für Kirche und Gesellschaft. Sie bittet deshalb alle, besonders jene, die in der Gesellschaft, im politischen und gesetzgeberischen, im administrativen, sozialen und ökonomischen Bereich Verantwortung tragen, die Familie zu schützen und in ihren Rechten zu fördern. So legt die Synode noch einmal den Regierungen die Charta über die Rechte der Familie zur Beachtung vor, die der Hl. Stuhl 1983 vorbereitet hat, auch im Blick auf das kommende Weltjahr der Familie (1994). Die Sozialpolitik, die auf die schwächeren Teile der Bevölkerung ausgerichtet sein soll, muss konzentriert und verstärkt werden, auch durch eine aktive und verantwortliche Teilnahme der Familien selbst und der Familienverbände. Große Bedeutung haben nämlich die Organisationen und Verbände für die Familien in Europa von seiten der Laien. Wer sich um den Schutz und die Förderung von Ehe und Familie bemüht, erwirbt sich sehr große Verdienste um das künftige Schicksal Europas.

In einer gemeinsamen konzertierten Aktion mit Unterstützung der Regierung sollte all das beseitigt werden, was der menschlichen Würde widerspricht und in der Tat auch schädlich ist, wie z.B. Pornographie, Handel mit Drogen und ihr Gebrauch sowie organisierte Gewalt. Der Einigungsprozess in Europa und in besonderer Weise die europäischen Einrichtungen sowie die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa bringen eine große Verantwortung der Kirchen mit sich. Denn das gemeinsame europäische Haus wird auf sicheren Fundamenten erbaut, wenn es nicht nur aus ökonomischen Gründen entsteht. Das neue Europa setzt bei seinem Aufbau stets den Konsens und die Anerkennung fundamentaler Werte voraus und fordert ein wirkliches Ideal. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Beitrag der Kirche für das neue Europa keineswegs etwas Zweitrangiges; er muss die Bemühungen der christlichen Laien, die im sozialen und politischen Bereich tätig sind, begleiten.

Während der Weg zur europäischen Einheit beschritten wird, stellt sich jetzt wiederum in mehreren Teilen Europas akut das Problem der Beziehungen zwischen den Nationen. Die Nationen sind lebendige kulturelle Ausformungen, die den Reichtum Europas zum Ausdruck bringen. Die nationalen Differenzierungen sollen also nicht verschwinden, sondern vielmehr beibehalten und gepflegt werden als historisch gewachsenes Fundament der europäischen Solidarität. Nachdem aber das marxistische Herrschaftssystem zugrunde gegangen ist, welches mit erzwungener Gleichförmigkeit der Völker und Unterdrückung kleiner Nationen gekoppelt war, taucht nun nicht selten die Gefahr auf, dass die Völker Europas in Ost und West wiederum zu alten nationalistischen Konstellationen zurückkehren.

Die nationale Identität wird aber nur in der Öffnung auf andere Völker hin und in Solidarität mit ihnen vollendet. Konflikte müssen durch Gespräche und Verhandlungen gelöst werden, nicht aber durch den Gebrauch von Gewalt, in welcher Form auch immer, zur Unterdrückung des anderen. Nach dem Zeugnis der kroatischen Bischöfe hört auch während der Synode diese Gewalt nicht auf, ihr Vaterland zu zerstören. Man darf die Rechte von Minderheiten nicht vergessen, vielmehr müssen die Traditionen eines jeden Volkes gewahrt und gefördert werden. Die katholische Kirche anerkennt und bejaht den Wert der Nationen. Als eine Gemeinschaft aus mehreren Völkern übersteigt sie zugleich alle Partikularismen. Die enge Verbindung mit der Gesamtkirche - mit und unter Petrus - hat die Teilkirchen oft auf wunderbare Weise davor bewahrt, von den einzelnen Systemen einer nationalen Herrschaft aufgesogen zu werden. Auch in der heutigen Situation behält dieses Prinzip der Katholizität ganz und gar seine Geltung.

11 Notwendigkeit einer Öffnung Europas zu weltweiter Solidarität

Allen Teilen der Welt hat Europa zahlreiche kulturelle und technische Güter mitgeteilt, die heute das Erbe der weltweiten Zivilisation bilden. Die Geschichte Europas hat aber auch viele Schattenseiten, unter denen man den Imperialismus und die Unterdrückung vieler Völker, verbunden mit der Ausbeutung ihrer Güter, nennen muss. Ein gewisser "Eurozentrismus", dessen Folgen wir heute besser wahrnehmen können, muss zurückgewiesen werden. In Folge der Überwindung des Konfliktes zwischen Ost und West ist heutzutage die Zukunft Europas derart offen, wie sie es seit langer Zeit nicht gewesen ist. Mag auch der Aufbau neuer Staaten in vielen Gebieten Mittel- und Osteuropas sich schwieriger gestalten, als man erwarten konnte, und das Zusammenspiel aller Kräfte erfordern, so ergibt sich für Europa die dringende Notwendigkeit, über die eigenen Grenzen und das eigene Interesse hinauszublicken. Der Schrei des leidenden Christus erreicht uns heute mit besonderer Stärke aus den südlichen Weltteilen, wo die ärmsten Völker wagnisbereite und wirksame Solidarität fordern gegen Hunger, vielfältige Schwierigkeiten und Unrecht, die sie bedrängen. Diesen Schrei muss man mit konkreten Entscheidungen beantworten, die sich auf die Unterbindung des Waffenhandels, die Öffnung unserer Märkte, eine gerechtere Lösung der internationalen Verschuldung beziehen; zugleich geht es um alles, was in diesen Regionen das Wachstum der Kultur und der Wirtschaft zugleich mit demokratischen Lebensformen fördern kann. Im übrigen schöpft Europa selbst aus den Schätzen anderer Völker und Kulturen großen Reichtum.

Notlagen zeigen sich nicht nur in den Armutsregionen, sondern sie betreffen auch mit dem Anwachsen der Migration mehr und mehr das Gebiet Europas. Gerechtigkeit und Liebe drängen dazu, dass möglichst viele Menschen in ihren eigenen Ländern Brot, Arbeit und die Achtung ihrer menschlichen Würde finden können und nicht aus ihrer Heimat in ein unbekanntes Exil fliehen müssen. Zugleich muss man an die Notwendigkeit einer größeren Aufnahmebereitschaft erinnern; dazu muss eine geeignete Geisteshaltung gefördert werden, zusammen mit konkreten und frühzeitigen Plänen. Sie sollen die Schwierigkeiten verringern und die Möglichkeit zur Integration - unter Beibehaltung der legitimen eigenen Identität - jener fördern, die durch die Migration zu uns kommen. Im übrigen kann man nicht ganz mit Schweigen übergehen, dass häufig die Nationen, die Zuwanderer aufnehmen, sie für ihren eigenen Fortschritt notwendig haben.

Die vielfältige Not und das große Leid der Welt rufen uns die endzeitlichen Verheißungen Gottes ins Gedächtnis, die in dieser Welt nicht verwirklicht werden können. Durch Solidarität und Liebe können wir jedoch inmitten einer gespaltenen und zerrissenen Menschheit Anstöße geben und Samenkörner pflanzen für die zukünftige Erfüllung der ewigen Vollendung.

Schluss

Der heilige Paulus kam während seiner zweiten Missionsreise (vgl. Apg 15,36-18,22) zum ersten Mal nach Europa. In Troas hatte er in der Nacht eine Zukunftsvision: "Ein Mazedonier stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien, und hilf uns! Auf diese Vision hin wollten wir sofort nach Mazedonien abfahren; denn wir waren überzeugt, dass uns Gott dazu berufen hatte, dort das Evangelium zu verkünden" (Apg 16,9-10). So vollzog sich der Übergang nach Europa: Der Geist Gottes selbst hat den Weg des Evangeliums nach Europa geöffnet.

Es ist bemerkenswert, dass bereits an diesem ersten Beginn des Glaubens in Europa jenes Wort vorkommt, nämlich Evangelisierung, das für uns heute zu einem Schlüsselwort für unser christliches Leben und unsere Sendung geworden ist. Durch den Mazedonier erklärte sich Europa bereit, das Evangelium aufzunehmen. Wir wissen freilich auch, wie mühsam die Verkündigung des Evangeliums durch Paulus besonders in Athen und Korinth geworden ist (vgl. Apg 17,16-34; 18,1-17). Das Beispiel und der unbesiegbare Glaube des Apostels ermutigen uns, das Wagnis einer Neu-Evangelisierung anzugehen.

In diesen Tagen des Advents, in denen wir uns darauf vorbereiten, den Herrn aufzunehmen, bitten wir Gott den Vater auf die Fürsprache der heiligen Benedikt, Cyrill und Methodius, dass die Menschen in Europa ihre wahre, tiefere Bedürftigkeit wahrnehmen, dass sie um jene Hilfe bitten, die wirklich rettet, und - wie der Mazedonier - Jesus Christus selbst und seine Boten einladen mit den Worten: "Komm herüber _, und hilf uns!"

Maria, die Mutter des Herrn und Ursache unserer Hoffnung, lehrt uns, offen zu sein für die Winke Gottes und das Heil demütig zu erwarten, indem wir das Wort Gottes in uns aufnehmen und es mit ganzem Herzen umfassen: "Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen" (Lk 2,51). So hat sie an der Seite ihres Sohnes von Anfang an die Evangelisierung begleitet. Auch heute bleibt sie "einmütig im Gebet", wie vor Pfingsten (vgl. Apg 1,14), inmitten der Kirche und bittet mit uns um das Kommen des Heiligen Geistes. "Möge sie der Leitstern einer sich selbst stets erneuernden Evangelisierung sein!" (37) Sie geht uns voran als Wegführerin, die den Weg weist zu Jesus Christus und zur vollen Einheit unter seinen Jüngern, "damit die Welt glaube" (Joh 17,21). So wird sie uns auch in diesen Tagen als gütige Mutter an die Hand nehmen und zu dem Kind an der Krippe führen, das zugleich der Herr und der Erlöser der Welt ist, während das große himmlische Heer Gott lobt (vgl. Lk 2,14):

"Ehre sei Gott in der Höhe, und auf Erden Friede den Menschen seiner Gnade."

Anmerkungen

(1) Vgl. die erste Ankündigung der Synode am 22. April 1990 in der Stadt Velehrad (CSFR), wo das Begräbnis des hl. Methodius stattfand.

(2) Vgl. Cristianesimo e Cultura in Europa. Memoria, coscienza, progetto. Atti del simposio presinodale (Vatikan, 28.-31. Oktober), Forlì 1991.

(3) Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 11.

(4) Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus, Nr. 13.

(5) Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi (8. Dezember 1975), Nr. 2.

(6) Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 41; Johannes Paul II., Homilie bei der Eröffnung der Synode (28. November 1991), in: L'Osservatore Romano, 29. November 1991, S.4-5.

(7) Vgl. Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, Nr. 19.

(8) Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Christifideles laici, Nr. 34.

(9) Vgl. Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, Nr. 22; Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris missio, Nr. 5-6; 17-19.

(10) Adv. Haer. IV, 20,7.

(11) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache beim Präsynodalen Symposion, Nr. 3 (31. Oktober 1991), in: L'Osservatore Romano, 1. November 1991, S. 4.

(12) Ebd., Nr. 5.

(13) Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 24.

(14) Vgl. Thomas v. Aquin, STh I-II, 106, 1.

(15) II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, Nr. 35.

(16) Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Christifideles laici, Nr. 29.

(17) II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, Nr. 11; Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio, Nr. 53-76.

(18) Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Catechesi tradendae, Nr. 19f.

(19) Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion über die kirchliche Berufung des Theologen, Nr. 21-44, bes. 32.

(20) II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, Nr. 1.

(21) Vgl. ebd., Nr. 4.

(22) Vgl. ebd., Nr. 13.

(23) Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris missio, Nr. 2.

(24) Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dekret Unitatis redintegratio, Nr. 4.

(25) Johannes Paul II., Ansprache während des Ökumenischen Gottesdienstes (7. Dezember 1991), in: L'Osservatore Romano, 9./10. Dezember 1991, S. 6.

(26) Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erklärung Nostra aetate, Nr. 4.

(27) Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erklärung Dignitatis humanae, Nr. 2.

(28) Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog - Kongregation für die Evangelisierung der Völker, Dialog und Verkündigung, Nr. 50.

(29) Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 40 und 42; Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Christifideles laici, Nr. 36.

(30) Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Christifideles laici, Nr. 37-44.

(31) Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus, Nr. 46-47.

(32) Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 76.

(33) Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus, Nr. 5.

(34) Vgl. Kongregation für das katholische Bildungswesen, Leitlinien für das Studium und den Unterricht der Soziallehre der Kirche in der Priesterausbildung.

(35) Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus, Nr. 42-43.

(36) Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem.

(37) Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, Nr. 82.

Die delegierten Präsidenten der Sondersynode für Europa Botschaft namens der Sondersynode für Europa an alle Regierungen des Kontinents

Von der Vergangenheit zur Zukunft

08.12.1991

Erschienen in: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 103 / hg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Bonn: 1991, S. 61-63. / für die Datenübertragung aufbereitet von Andreas Schwenzer, Kath.-Theol. Fak., Uni Würzburg.

Die Gläubigen, deren Hirten wir sind, gehören allen Ländern Europas an. Ihre Ängste und Hoffnungen sind auch unsere. Wir kennen auch die Bürde der schweren Verantwortungen, die auf Ihnen, den politisch Verantwortlichen, lasten, da Sie dafür arbeiten, neue Wege für ein erneuertes Europa zu öffnen. Wir richten diese Botschaft der Freundschaft und Achtung im Namen unseres pastoralen Amtes an Sie. Jeder von Ihnen möge sie als eine Geste menschlicher und christlicher Solidarität wohlgefällig aufnehmen.

Die in diesen Tagen ausgetauschten Erfahrungen lassen uns einmal mehr den Reichtum und die Traurigkeit der Vergangenheit Europas verspüren. Ideologische, politische und militärische Barrieren haben die Völker gespalten, haben zwei Weltkriege verursacht; sie haben unsägliche Leiden und schreckliche Zerstörungen, die unseren Kontinent entstellt haben, verursacht. Doch wir wurden auch dazu veranlasst, Gott Dank zu sagen für all das, was wir Europäer getan haben, was unsere Kirchen verwirklichen konnten, was die Christen für ihre Brüder beigetragen haben. Ihre Märtyrer haben überall den Weg für die Freiheit geöffnet; mit meist kärglichen Mitteln, doch stets mutig trachteten sie danach, das gemeinsame Leben der Völker Europas immer mehr der Würde der menschlichen Person und der Sendung, zu der Gott die Völker ruft, entsprechen zu lassen.

Vereint mit den unserer Sorge anvertrauten Gläubigen blicken wir nun der Zukunft dieses Europas entgegen, in dem einige eben erst aus der Lüge der Totalitarismen herausgekommen sind. Alle wollen dem Recht und der Wahrheit Macht verleihen. Sie wollen die Liebe über den Hass triumphieren lassen, damit sich das Gemeinwohl in allen Gegebenheiten durchsetzt.

Christen und Bürger ...

Heute wie gestern wissen die Christen dieses Kontinents vom Christentum geprägter Kulturen, welche Aufgabe sie erwartet, was auch immer ihre Konfession sei. In Achtung vor der Religionsfreiheit für alle wie auch vor der Verschiedenheit geistlicher und weltlicher Macht wollen wir uns, die geistlichen Energien unserer Kirchen, ihre Kraft der Gemeinschaft, der Solidarität und der Universalität in den Dienst aller stellen.

... für die politische Zukunft Europas

Mehr denn je ersehnen die Völker Europas die Einheit und warten darauf, sich in neuen, politischen Strukturen zusammenzuschließen, an denen einige von Ihnen in Fortsetzung des vor langer Zeit begonnenen Aufbaus in diesen Tagen arbeiten werden. Wir versichern Ihnen, dass die Christen mehr denn je Diener und Zeugen der Einheit sein wollen.

Ein grausamer Konflikt

In diesem Geist geben wir den Appell der europäischen Völker wieder, die sich heute wieder mit der Gewalt und dem Krieg auseinandersetzen müssen. Wir denken ohne Ausnahme an alle unsere Brüder und Schwestern in Jugoslawien. Ihre Bischöfe haben uns an ihrem Leiden und ihren Sorgen teilhaben lassen. Unter ihnen befindet sich das kroatische Volk im Todeskampf. Die Heftigkeit der Kämpfe, die Verwüstungen des Hasses zwischen Völkern, die die geographische Lage und die Geschichte zu Nachbarn gemacht hat, die Grausamkeiten, deren Opfer die wehrlose Zivilbevölkerung ist, die systematische Zerstörung ihres kulturellen und religiösen Erbes, all dies entehrt "unser" Europa und unterminiert das Vertrauen, das die Völker auf es setzen.

Wir wollen Ihnen unsere Entrüstung mitteilen und Sie vor allem ermutigen, Ihre Bemühungen um den Frieden dank einer politischen Lösung zu intensivieren. Möge das Recht siegen! Möge es überall und unter allen Umständen in der gleichen Weise angewandt werden! Mögen die berechtigten Erwartungen der Völker gehört werden, die sich frei und demokratisch äußern. Die Völker Kroatiens und Sloweniens haben ihr Recht auf Selbstbestimmung ausgeübt. Angesichts dieser Situation und der Gewalt des gegenwärtig tobenden Krieges ist es das Gebot der Stunde, daran zu erinnern, dass der internationale Verhaltenskodex, nämlich die zehn Prinzipien der Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), die 1975 in Helsinki unterzeichnet und 1990 in der Charta von Puebla wiederholt wurden, den Nationen des demokratischen Europas Rechte und Pflichten auferlegen.

Nehmen Sie dieses Zeugnis des Vertrauens in Ihr Verantwortungsbewusstsein im Dienst Europas und der Völker, die es bilden, auf. Auf unserem Platz und mit allen unseren Gläubigen wollen wir zum Aufbau einer Zivilisation der Gerechtigkeit, des Verzeihens und der Liebe beitragen.

Mit unseren orthodoxen, protestantischen und anglikanischen Brüdern haben wir für die Völker Europas gebetet und über die Gnade nachgedacht und meditiert, die uns erwiesen wurde, in ihrer Mitte "Zeugen Christi zu sein, der uns befreit hat" (vgl. Gal 5,1; Apg 1,8), damit jeder Mensch die Freiheit der Kinder Gottes empfangen möge.

Aus dem Vatikan, am 8. Dezember 1991
Jean-Marie Kardinal Lustiger Erzbischof von Paris
Józef Kardinal Glemp Primas von Polen
Eduardo Kardinal Martinez Somalo