Ansprache vom 24. Februar 1957 über Anästhesie

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Ansprache

unseres Heiligen Vaters
Pius XII.
über die Anwendung der Anästhesie in der Medizin
24. Februar 1957
(Offizieller lateinischer Text: AAS 49 [1957] 129-147)

(Quelle: Herder-Korrespondenz, Elfter Jahrgang 1956/57; Achtes Heft, Mai 1957, S. 372-379)
Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramtstexte dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


Als im vergangenen Oktober der IX. Nationalkongress der Italienischen Gesellschaft für Anästhesiologie tagte, bat deren Präsident den Heiligen Vater, ihm drei Fragen vorlegen zu dürfen, die die Bedeutung des Schmerzes und dessen Betäubung durch analgetische oder narkotische Mittel für den Christen und den christlichen Arzt beträfen. Auf diese drei Fragen hat der Heilige Vater am 24. Februar vor einer großen internationalen Versammlung von Ärzten, zumal auch Chirurgen und Anästhesisten, in einer großen Ansprache in französischer Sprache geantwortet. Sie hatte folgenden Wortlaut:

Inhaltsverzeichnis

Drei religiöse und moralische Fragen in bezug auf die Betäubung von Schmerzen

Der IX. Nationalkongreß der "Italienischen Gesellschaft für Anästhesiologie", der hier in Rom vom 15. bis 17. Oktober 1956 stattfand, hat Uns durch Vermittlung des Präsidenten seines Organisationskomitees, Prof. Piero Mazzoni, drei Fragen gestellt, die sich auf die religiöse und sittliche Seite der Anästhesie auf Grund des Naturgesetzes und besonders der christlichen Lehre, wie sie im Evangelium enthalten ist und von der Kirche dargelegt wird, beziehen.

Diese Fragen, deren Wichtigkeit sich nicht bestreiten lässt, müssen bei den Menschen von heute verstandes- und gefühlsbedingte Reaktionen hervorrufen; bei den Christen insbesondere zeigen sich in dieser Hinsicht sehr auseinandergehende Tendenzen. Die einen bejahen die Anwendung schmerzbetäubender Mittel uneingeschränkt; andere neigen eher dazu, sie in Bausch und Bogen zu verwerfen, weil sie dem Ideal des christlichen Heroismus widersprächen; wieder andere opfern zwar nichts von diesem Ideal, sind aber doch bereit, eine Kompromisshaltung einzunehmen. Daher hat man Uns gebeten, Unsere Gedanken zu folgenden Punkten zu äußern:

1. Gibt es eine allgemeine sittliche Verpflichtung, die Anästhesie abzulehnen und den physischen Schmerz aus Glaubensgründen anzunehmen?

2. Ist der Verlust des Bewusstseins und des Gebrauchs der höheren Fähigkeiten infolge der Anwendung von Narkotika mit dem Geist des Evangeliums vereinbar?

3. Ist die Anwendung von Narkotika bei Sterbenden oder Kranken in Todesgefahr erlaubt, vorausgesetzt dass es dafür eine medizinische Indikation gibt? Darf man sie auch dann anwenden, wenn zugleich mit der Linderung der Schmerzen wahrscheinlich eine Verkürzung des Lebens eintritt?

Wesen, Ursprung und Entwicklung der Anästhesie

Das Aufkommen der modernen Chirurgie in der Mitte des vorigen Jahrhunderts war durch zwei entscheidende Faktoren bestimmt: die Einführung der Antisepsis durch Lister, nachdem Pasteur die Rolle der Keime beim Entstehen von Infektionen nachgewiesen hatte, und die Entdeckung einer wirksamen Methode der Anästhesie. Bevor Horace Wells auf den Gedanken kam, Stickstoffoxydul zur Einschläferung der Patienten zu benutzen, waren die Chirurgen gezwungen, rasch und summarisch am sich in furchtbarsten Schmerzen windenden Menschen zu arbeiten. Die Einführung der Vollanästhesie brachte für diesen Zustand eine Umwälzung und gestattete nun lange, delikate, oft erstaunlich kühne Eingriffe; sie schenkte sowohl dem Chirurgen wie dem Patienten die grundlegenden Vorbedingungen der Ruhe und der "musulären Entspannung", die für die Genauigkeit und Sicherheit jedes chirurgischen Eingriffs unerlässlich sind. Sie forderte aber gleichzeitig eine aufmerksame Beobachtung der wesentlichen physiologischen Funktionen des Organismus. Das Anästhetikum dringt in die Zellen ein und lähmt ihren Metabolismus, es unterdrückt die Abwehrreflexe und verlangsamt das Leben des bereits durch die Krankheit und den operativen Eingriff mehr oder weniger mitgenommenen Patienten. Gänzlich von seiner Arbeit beansprucht, musste der Chirurg obendrein noch in jedem Augenblick den Allgemeinzustand seines Patienten im Auge behalten: eine schwere Verantwortung zumal bei ungewöhnlich schwierigen Eingriffen.

Daher sieht man denn auch seit einigen Jahren, wie sich eine neue ärztliche Spezialisierung entwickelt, die des Anästhesisten, der eine wachsende Rolle in der modernen Krankenhausorganisation zu spielen berufen ist.

Die Rolle des Anästhesisten

Es ist eine oft unsichtbare Rolle, beim großen Publikum beinahe unbekannt, weniger glänzend als die des Chirurgen, aber ebenso wichtig. Seinen Händen vertraut der Kranke sein Leben an, damit er ihm hilft, mit der größtmöglichen Sicherheit den schwierigen Moment des chirurgischen Eingriffs zu überstehen. Der Anästhesist muss den Patienten zuerst ärztlich und psychologisch vorbereiten. Er informiert sich sorgfältig über die Besonderheiten jedes einzelnen Falls, um die etwaigen Schwierigkeiten vorherzusehen, die die Schwäche dieses oder jenes Organs hervorrufen kann; er flößt dem Kranken Vertrauen ein, regt seine Mitarbeit an, gibt ihm Medikamente, die ihn beruhigen und seinen Organismus vorbereiten. Er wählt je nach der Art und Dauer der Operation das geeignetste narkotische Mittel und die Art, es zu verabreichen. Vor allem aber ist es während des Eingriffs seine Aufgabe, den Zustand des Patienten aufs genaueste zu überwachen; er lauert sozusagen den leichtesten Symptomen auf, um den Grad der Narkose exakt zu erkennen und die nervösen Reaktionen, den Atemrhythmus und den Blutdruck zu verfolgen und allen etwaigen Komplikationen, Gefäßkrämpfen, Konvulsionen, Herzstörungen und Atemstörungen zuvorzukommen.

Wenn die Operation beendet ist, kommt der schwierigste Teil seiner Aufgabe: dem Patienten zu helfen, wieder zu sich zu kommen, alle Zwischenfälle wie Versagen der Atmungswege und Schockanzeichen zu vermeiden und physiologische Lösungen einzuflößen. Der Anästhesist muss also mit der vollkommenen Kenntnis der Technik seiner Kunst große Sympathiefähigkeit, Verständnis, Hingabefähigkeit verbinden, nicht nur zur Steigerung aller psychologischen Anlagen, die dem Zustand des Patienten zugute kommen können, sondern auch auf Grund eines Gefühls echter, tiefer menschlicher und christlicher Liebe.

Vielfalt und Fortschritt der Narkosemittel

Um seine Aufgabe zu erfüllen, verfügt er heute über eine reiche Stufenfolge von Produkten, von denen einige schon lange bekannt sind und erfolgreich die Probe der Erfahrung bestanden haben, während andere die Frucht neuester Forschungen sind und ihren besonderen Beitrag zur Lösung des schwierigen Problems leisten: den Schmerz auszuschalten, ohne den Organismus zu schädigen. Das Stickstoffoxydul, dessen Bedeutung Horace Wells bei seinem Versuch in der Bostoner Klinik 1845 keine Anerkennung verschaffen konnte, nimmt immer noch einen Ehrenplatz unter den gebräuchlichsten Mitteln der Vollanästhesie ein. Mit dem schon 1842 von Crawford Long benutzten Äther experimentierte Thomas Morton 1846 in derselben Klinik wie sein Kollege Wells, aber mit mehr Glück. Zwei Jahre später bewies der schottische Chirurg James Simpson die Wirksamkeit des Chloroforms; aber erst der Londoner John Snow trug hauptsächlich zur Verbreitung seiner Anwendung bei. Nachdem die Zeit der ersten Begeisterung vorbei war, zeigten sich die Mängel dieser drei ersten Anästhetika deutlich; es dauerte jedoch noch bis zum Jahrhundertende, bis ein neues Produkt, das Äthylchlorid, auftauchte, das indes nicht genügte, wenn man eine lange Narkose brauchte. 1924 entdeckten Luckhardt und Carter das Äthylen, das erste anästhetische Gas, das das Ergebnis einer systematischen Laboratoriumsforschung war, und fünf Jahre später kam das Zyklopropan in Gebrauch, das den Arbeiten von Henderson, Lucas und Brown zu verdanken ist: seine rasche und tiefe Wirkung verlangt von dem, der es anwendet, eine vollkommene Kenntnis der Methode im geschlossenen System.

Wenn die Inhalationsnarkose einen gesicherten Vorzug genießt, so begegnet sie doch seit einem Vierteljahrhundert der Konkurrenz der intravenösen Narkose. Mehrere frühere Versuche mit Chloralhydrat, Morphium, Äther, Äthylalkohol hatten keine ermutigenden, ja zuweilen selbst verhängnisvolle Resultate ergeben. Aber seit 1925 sind die Barbituratzusammensetzungen in die klinischen Versuche eingeführt worden und haben sich durchgesetzt, seit das Evipan die unbestreitbaren Vorteile dieser Art von Narkose erwiesen hat. Bei ihr werden die Nachteile der Inhalationsmethode, der unangenehme Eindruck des Erstickens, die Gefahren der Narkoseeinleitung, die Übelkeit beim Erwachen und die organischen Verletzungen vermieden.

Das 1934 von Lundy eingeführte Pentothal sicherte den endgültigen Erfolg und die weiteste Verbreitung dieser Art der Narkose. Seither werden die Barbiturpräparate entweder allein bei kurz dauernden Eingriffen, oder als "kombinierte Anästhesie" mit Äther und Zyklopropan benutzt, deren Induktionszeit sie abkürzen und deren Dosierung und unangenehme Nebenerscheinungen sie herabsetzen; manchmal benutzt man sie als Hauptagens und kompensiert ihre pharmakologischen Mängel durch die Anwendung von Stickstoffoxydul und Sauerstoff.

Die Herzchirurgie

Die Herzchirurgie, die seit einigen Jahren aufsehenerregende Fortschritte zu verzeichnen hat, stellt dem Anästhesisten besonders schwierige Probleme. Sie setzt als erste Vorbedingung voraus, dass sich die Blutzirkulation während einer mehr oder minder langen Zeit ausschalten lässt. Da sie zudem ein äußerst empfindliches Organ betrifft, dessen normale Funktion häufig ernstlich gestört ist, muss der Anästhesist alles vermeiden, was die Arbeit des Herzens belasten könnte. Im Fall von Mitralstenose zum Beispiel wird er den psychischen und neurovegetativen Reaktionen des Patienten durch eine voraufgehende Vorbehandlung mit Beruhigungsmitteln vorbeugen. Er vermeidet eine Tachykardie durch eine Tiefenpräanästhesie, die den Parasympathicus schwach blockiert; im Augenblick der Durchschneidung der Kommissur setzt er die Gefahr eines Sauerstoffmangels durch reichliche Sauerstoffzufuhr herab und überwacht den Puls und die Bewegungen der Herztätigkeit genau.

Aber zur guten Durchführung anderer Eingriffe muss der Chirurg die Möglichkeit haben, an einem blutleeren Herzen zu arbeiten und die Zirkulation weit länger als die drei Minuten zu unterbrechen, nach denen normalerweise irreversible Schäden des Gehirns und der Herzmuskeln auftreten. Um einen der häufigsten angeborenen Fehler zu beheben, nämlich das Fortbestehen des ductus Botalli, wandte man seit 1948 die so genannte chirurgische Technik ohne Sicht an, die die offenkundigen Risiken jeder blind durchgeführten Handlung aufwies. Heute gestatten zwei neue Methoden, die Unterkühlung und die Verwendung des künstlichen Herzens, mit direkter Sicht zu arbeiten, und eröffnen damit auf diesem Gebiet glänzende Perspektiven. Man hat in der Tat festgestellt, dass die Unterkühlung mit einer dem Sinken der Temperatur entsprechenden Minderung des Sauerstoffverbrauchs und der Produktion von Kohlenanhydrid verbunden ist. In der Praxis geht man nicht unter 25° hinab, um die Zusammenziehbarkeit des Herzmuskels nicht zu verändern und vor allem, um die Reizbarkeit des Myokardmuskels und die Gefahr einer schwer rückgängig zu machenden Kammerzuckung nicht zu vergrößern. Die Unterkühlungsmethode gestattet es, einen Stillstand des Kreislaufs hervorzurufen, der acht oder zehn Minuten andauern kann, ohne die Nervenzellen des Gehirns zu zerstören. Diese Dauer kann noch verlängert werden durch die Benutzung von Herz-Lungen-Maschinen, die das Venenblut aufnehmen, es reinigen, ihm Sauerstoff zuführen und es in den Organismus zurückleiten. Das Funktionieren dieser Apparate verlangt von den Operateuren eine gepflegte Schulung und untersteht vielfältigen minutiösen Kontrollen. Der Anästhesist erfüllt dabei eine schwere, komplizierte Aufgabe, deren tadellose Ausführung eine unerlässliche Bedingung des Erfolgs ist. Doch die schon erreichten Ergebnisse lassen für die Zukunft eine weite Verbreitung dieser neuen Methoden erhoffen.

Es ist normal, dass sich angesichts der vielfältigen Möglichkeiten, die die moderne Medizin bietet, den Schmerz zu vermeiden, und bei dem so natürlichen Wunsch, möglichst großen Nutzen daraus zu ziehen, Gewissensfragen erheben. Sie haben Uns einige davon, die Sie besonders angehen, vorgelegt. Doch bevor Wir darauf antworten, möchten Wir kurz darauf hinweisen, dass noch andere moralische Probleme die Beachtung des Anästhesisten verlangen: vor allem das seiner Verantwortung gegenüber dem Leben und der Gesundheit des Kranken; denn diese hängen manchmal nicht weniger von ihm als vom Chirurgen ab. Zu dieser Frage haben Wir bereits mehrfach und insbesondere in der Ansprache vom 30. September 1954 an die VIII. Versammlung des Weltärzteverbandes darauf hingewiesen, dass der Mensch für den Arzt kein einfaches Versuchsobjekt sein kann, an dem er die neuen Methoden und ärztlichen Praktiken versucht.

I.. Über die allgemeine moralische Verpflichtung, physischen Schmerz zu ertragen

Sie haben also an erster Stelle gefragt, ob es eine allgemeine moralische Verpflichtung gebe, physischen Schmerz zu ertragen. Um Ihre Frage genauer zu beantworten, wollen Wir an ihr mehrere Aspekte unterscheiden. Zunächst einmal ist es evident, dass in gewissen Fällen die Annahme des physischen Schmerzes eine schwere Verpflichtung darstellt. So ist der Mensch immer dann, wenn er vor die unentrinnbare Alternative gestellt wird, entweder Schmerzen zu erleiden oder eine moralische Pflicht durch Tat oder Unterlassung zu verletzen, im Gewissen gehalten, die Schmerzen anzunehmen. Die Martyrer konnten die Folterqualen und den Tod nicht vermeiden, ohne ihren Glauben zu verleugnen oder sich der ernsten Pflicht zu entziehen, ihn in einem bestimmten Augenblick zu bekennen. Aber wir brauchen nicht bis zu den Martyrern zurückzugehen; wir finden in der gegenwärtigen Zeit wunderbare Beispiele von Christen, die Wochen, Monate und Jahre hindurch Schmerzen und physische Gewalt erlitten haben, um Gott und ihrem Gewissen treu zu bleiben.

Freie Annahme und Aufsuchen des Schmerzes

Ihre Frage bezieht sich jedoch nicht auf diese Situation; sie bezieht sich vielmehr auf die freie Annahme und das Aufsuchen des Schmerzes wegen seines eigenen Sinns und Zwecks. Um sogleich ein konkretes Beispiel zu zitieren, wollen Wir an die Ansprache erinnern, die Wir am 8. Januar 1956 über die neuen Methoden der schmerzlosen Geburt gehalten haben. Man fragte damals, ob die Mutter im Hinblick auf den Schrifttext: "Du sollst deine Kinder in Schmerzen gebären" (Gen. 3, 16) verpflichtet sei, alle Schmerzen anzunehmen und die Schwerelosigkeit durch natürliche oder künstliche Mittel abzulehnen. Wir haben geantwortet, dass keine derartige Pflicht bestehe. Der Mensch behält auch nach dem Sturz das Recht, die Kräfte der Natur zu beherrschen, sie zu seinem Dienst zu nutzen und daher alle Hilfsmittel auszuschöpfen, die sie ihm bietet, um den physischen Schmerz zu vermeiden oder auszuschalten. Aber Wir haben hinzugefügt, dass der Schmerz für den Christen nicht ein rein negatives Faktum darstellt, dass er vielmehr mit hohen religiösen und moralischen Werten verbunden ist und also auch gewollt und gesucht werden kann, selbst wenn dafür in diesem oder jenem Fall keinerlei moralische Verpflichtung besteht. Und Wir fuhren fort: "Das Leben und das Leiden des Herrn, die Leiden, die so viele große Menschen ertragen und sogar gesucht haben, an denen sie gereift und emporgewachsen sind bis zur Höhe christlichen Heroismus, die alltäglichen Beispiele der ergebungsvollen Annahme des Kreuzes, die wir vor Augen haben: all das offenbart den Sinn des Leidens, der geduldigen Hinnahme des Schmerzes in der gegenwärtigen Heilsordnung während dieser irdischen Lebenszeit".

Über die Pflicht des Verzichts und der inneren Reinigung

Außerdem ist der Christ gehalten, sein Fleisch abzutöten und daran zu arbeiten, sich innerlich zu reinigen, weil es auf die Dauer nicht möglich ist, die Sünde zu vermeiden und alle Pflichten getreu zu erfüllen, wenn man sich dieser Mühe der Reinigung und Abtötung nicht unterziehen will. In dem Maße als die Beherrschung seiner selbst und der ungeordneten Neigungen nicht ohne die Hilfe des körperlichen Schmerzes erreicht werden kann, wird dieser zu einer Notwendigkeit und muss angenommen werden, aber soweit er nicht zu diesem Zweck erforderlich ist, kann man nicht behaupten, dass es in dieser Hinsicht eine strikte Verpflichtung gebe. Der Christ ist also niemals verpflichtet, den Schmerz um seiner selbst willen zu wollen; er betrachtet ihn als ein, je nach dem Umständen, mehr oder weniger geeignetes Mittel zu dem Zweck, den er verfolgt.

Über die Einladung zu einer höheren Vollkommenheit

Anstatt den Gesichtspunkt der strikten Verpflichtung zu betrachten, kann man auch den der vom christlichen Glauben gesetzten Forderungen, der Einladung zu einer größeren Vollkommenheit, untersuchen, deren Nichtbefolgung noch keine Sünde ist. Muss der Christ physischen Schmerz annehmen, um nicht in Widerspruch zu dem Ideal zu geraten, das ihm sein Glaube vorstellt? Wenn es nicht zu leugnen ist, dass der Christ das Verlangen hat, den physischen Schmerz anzunehmen und sogar aufzusuchen, um besser am Leiden Christi teilzunehmen, auf die Welt und die sinnliche Befriedigung zu verzichten und sein Fleisch abzutöten, so ist es doch wichtig, diese Neigung korrekt zu interpretieren. Diejenigen, die sie nach außen bekunden, besitzen nicht notwendigerweise den wahren christlichen Heldenmut; aber es wäre auch irrig, zu behaupten, dass die, die sie nicht bekunden, ihn nicht besäßen. Dieser Heldenmut kann sich in der Tat auch auf ganz andere Art äußern. Wenn ein Christ Tag für Tag von früh bis spät alle Pflichten erfüllt, die ihm sein Stand, sein Beruf, die Gebote Gottes und der Menschen auferlegen, wenn er mit Sammlung betet, mit allen Kräften arbeitet, den bösen Leidenschaften widersteht, dem Nächsten die Liebe und Hingabe erweist, die er ihm schuldet, männlich, ohne Murren alles erträgt, was Gott ihm schickt, dann steht sein Leben ständig unter dem Zeichen des Kreuzes Christi, ob physische Leiden dazu gehören oder nicht, ob er sie erträgt oder durch erlaubte Mittel zu vermeiden trachtet. Selbst wenn man nur die Pflichten betrachtet, deren Nichterfüllung eine Sünde ist, kann ein Mensch nicht als Christ leben und seine tägliche Arbeit verrichten, ohne ständig zum Opfer bereit zu sein und ohne sich sozusagen unaufhörlich zu opfern. Die Annahme des physischen Schmerzes ist nur eine Art unter vielen an dem, das zu bekunden, was das Wesentliche ist: den Willen, Gott zu lieben und ihm in allem zu dienen. In der Vollkommenheit dieser freiwilligen Seelenverfassung besteht vor allem der Wert des christlichen Lebens und sein Heldentum.

Erlaubte Gründe zur Vermeidung physischen Schmerzes

Welche Gründe gestatten es gegebenenfalls, physischen Schmerz zu meiden, ohne mit einer schweren Verpflichtung oder mit dem Ideal des christlichen Lebens in Konflikt zu geraten? Man könnte deren eine große Zahl aufzählen; aber trotz ihrer Verschiedenheit kommen sie schließlich alle auf die Tatsache heraus, dass der Schmerz auf die Dauer die Erlangung höherer Güter und Interessen verhindert. Es kann vorkommen, dass er für eine bestimmte Person und in einer bestimmten konkreten Situation vorzuziehen ist; aber im allgemeinen zwingen die Schäden, die er hervorruft, die Menschen, sich gegen ihn zu verteidigen; zweifellos wird man ihn in der Menschheit nie völlig zum Verschwinden bringen können; aber man kann seine schädlichen Wirkungen in engeren Grenzen halten. Wie man also eine Naturkraft bewältigt, um sie zu nutzen, so nutzt der Christ das Leiden als Ansporn bei seiner Bemühung um geistigen Aufstieg und Reinigung, um seine Pflichten besser zu erfüllen und dem Aufruf zu einer höheren Vollkommenheit besser zu entsprechen; jeder muss hier die Lösungen anwenden, die seinem persönlichen Fall entsprechen, gemäß den oben erwähnten Anlagen und Fähigkeiten, im Maße, in dem sie - ohne andere höhere Interessen und Güter zu behindern - ein Mittel zum Fortschritt des inneren Lebens, zur vollkommeneren Reinigung, zur treueren Erfüllung der Pflicht, zur größeren Bereitschaft, den göttlichen Eingebungen zu folgen, darstellen. Um sich zu versichern, dass das wirklich der Fall ist, soll man die Regeln der christlichen Klugheit und die Meinung eines erfahrenen Seelenführers zu Rate ziehen.

Schlussfolgerungen und Antworten auf die erste Frage Sie werden ohne Mühe aus diesen Antworten nützliche Richtlinien für Ihr praktisches Verhalten gewinnen.

1. Gegen die Grundprinzipien der Anästhesiologie als Wissenschaft und Praxis und den Zweck, den sie verfolgt, erheben sich keine Einwände. Sie bekämpft Kräfte, die in vieler Hinsicht schädliche Wirkungen haben und ein höheres Gut hemmen.

2. Der Arzt, der diese Methoden übernimmt, gerät weder mit der natürlichen Sittenordnung noch mit dem besonderen christlichen Ideal in Widerspruch. Er sucht, nach der Ordnung des Schöpfers (vgl. Gen. 1,28) den Schmerz der menschlichen Herrschaft zu unterwerfen, und benutzt dazu die Errungenschaften der Wissenschaft und Technik gemäß den Prinzipien, die Wir aufgezählt haben und die seine Entscheidungen in den einzelnen Fällen leiten werden.

3. Der Patient, der den Schmerz betäuben oder lindern will, kann ohne Gewissensbisse die Mittel benutzen, die die Wissenschaft gefunden hat und die an sich nicht unmoralisch sind. Besondere Umstände können zu einer anderen Haltung verpflichten; aber die Pflicht zum Verzicht und zur inneren Reinigung, die jedem Christen obliegt, ist kein Hinderungsgrund für die Anwendung der Anästhesie, weil man dieser Pflicht auch auf andere Weise nachkommen kann. Die gleiche Regel gilt für die oben angeführten Forderungen des christlichen Ideals.

II. Über die Narkose und die völlige oder teilweise Bewusstseinsberaubung

Ihre zweite Frage betraf die Narkose und die völlige oder teilweise Bewusstseinsberaubung in bezug auf die christliche Moral. Sie haben sie so formuliert: "Die völlige Ausschaltung der Empfindungsfähigkeit in all ihren Formen (völlige Anästhesie) oder die mehr oder weniger große Herabsetzung der Schmerzempfindlichkeit (Hypo- und Analgesie) sind fast immer von einem Verschwinden bzw. einer Minderung des Bewusstseins und der obersten geistigen Fähigkeiten (Gedächtnis, Assoziationsprozess, Urteilsfähigkeit usw.) begleitet: sind diese Phänomene, die zum gewöhnlichen Bild der chirurgischen Narkose und der vor- und nachoperativen Analgesie gehören, mit dem Geist des Evangeliums zu vereinbaren?"

Das Evangelium berichtet, dass dem Herrn unmittelbar vor der Kreuzigung Wein, der mit Galle gemischt war, angeboten wurde, zweifellos um die Schmerzen zu mildern. Nachdem er gekostet hatte, wollte er nicht trinken (vgl. Matth. 27, 34), weil er mit vollem Bewusstsein leiden und so erfüllen wollte, was er bei seiner Gefangennahme zu Petrus gesagt hatte: "Soll ich den Kelch nicht trinken, den mein Vater mir bereitet hat?" (Joh. 18, 11). Einen so bitteren Kelch, dass Jesus in seiner Seelenangst gefleht hatte: "Vater, nimm diesen Kelch von mir! Aber Dein Wille geschehe, nicht der meine!" (Matth. 26, 38-39; Luk. 22, 42-44.) Erlaubt die Haltung Christi gegenüber seiner Passion, wie sie uns dieser Bericht und andere Stellen des Evangeliums (vgl. Luk. 12, 50) enthüllen, dem Christen, die Voll- oder Teilnarkose anzunehmen?

Da Sie die Frage in zweierlei Hinsicht betrachten, werden Wir nacheinander die Ausschaltung des Schmerzes und die Herabsetzung oder vollständige Ausschaltung des Bewusstseins und der höheren Fähigkeiten erwägen.

Verschwinden des Schmerzes

Das Verschwinden des Schmerzes hängt, wie Sie sagen, entweder von der Ausschaltung des gesamten Empfindungsvermögens (totale Anästhesie) oder von einer mehr oder weniger angesprochenen Herabsetzung der Leidensfähigkeit (Hypo- und Analgesie) ab. Wir haben das Wesentliche über den moralischen Aspekt der Ausschaltung des Schmerzes schon gesagt; es verschlägt in bezug auf das religiöse und sittliche Urteil wenig, ob sie durch eine Narkose oder auf andere Weise bewirkt wird: in den angegebenen Grenzen erheben sich dagegen keine Einwände, und sie bleibt mit dem Geist des Evangeliums vereinbar. Anderseits soll die Tatsache nicht geleugnet oder unterschätzt werden, dass die freiwillige Annahme des physischen Schmerzes (pflichtgemäß oder nicht), selbst anlässlich eines chirurgischen Eingriffs, einen hohen Heldenmut beweisen kann und in der Tat häufig eine heldenmütige Nachahmung des Leidens Christi bezeugt. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie ein unentbehrliches Element derselben wäre; bei wichtigen Eingriffen vor allem liegt der Fall oft so, dass die Narkose aus anderen Gründen notwendig ist und der Chirurg oder der Patient nicht ohne sie auskommen können, ohne sich gegen die christliche Klugheit zu verfehlen. Ebenso verhält es sich bei der vor- oder nachoperativen Analgesie.

Ausschaltung oder Herabsetzung des Bewusstseins und des Gebrauchs der höheren Fähigkeiten

Sie sprechen dann von der Herabsetzung oder Ausschaltung des Bewusstseins, des Gebrauchs der höheren Fähigkeiten als von Phänomenen, die den Verlust der Schmerzempfindlichkeit begleiten. Was Sie erreichen wollen, ist gewöhnlich eben dieser Verlust der Schmerzempfindlichkeit; aber häufig ist es unmöglich, sie hervorzurufen, ohne zugleich völlige oder teilweise Bewusstlosigkeit zu bewirken. Außerhalb des Bereichs der Chirurgie ist dieses Verhältnis oft umgekehrt, nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Psychologie und bei Kriminaluntersuchungen. Hier möchte man eine Minderung des Bewusstseins und der höheren Fähigkeiten hervorrufen, um dadurch die psychischen Kontrollmechanismen zu lähmen, die der Mensch ständig benutzt, um sich zu beherrschen und sich in der Hand zu behalten; er ist dann ohne Widerstand dem Spiel der Assoziationen der Ideen, Gefühle und Willensimpulse ausgeliefert. Die Gefahren einer solchen Situation liegen auf der Hand; es kann selbst geschehen, dass auf diese Weise unmoralische triebhafte Instinkte entfesselt werden. Diese Formen des zweiten Stadiums der Narkose sind wohlbekannt, und gegenwärtig bemüht man sich, sie durch vorausgehende Zuführung von Narkotika zu beheben. Die Ausschaltung der Kontrollanlagen erweist sich besonders gefährlich, wenn sie die Enthüllung von privaten, persönlichen oder Familiengeheimnissen oder solchen des sozialen Lebens hervorruft. Es genügt nicht, dass der Chirurg und alle seine Gehilfen zur natürlichen Wahrung des Geheimnisses (secretum naturale), sondern auch des Berufsgeheimnisses (secretum officiale, sec return commissum) in bezug auf alles verpflichtet sind, was im Operationssaal vor sich geht. Es gibt gewisse Geheimnisse, die niemandem verraten werden dürfen, nicht einmal, wie die technische Formel lautet: "uni viro prudenti et silentii tenaci" (einem vorsichtigen und im Stillschweigen geübten Mann). Wir haben das schon in Unserer Ansprache am 15. April 1953 über klinische Psychologie und Psychotherapie betont. Darum kann man die Verwendung von Narkotika in der voroperativen Medikation nur begrüßen, damit diese Nachteile vermieden werden.

Beachten wir zunächst, dass im Schlaf die Natur selber die intellektuelle Aktivität mehr oder weniger vollständig unterbricht. Wenn in einem nicht zu tiefen Schlaf der Gebrauch der Vernunft ("usus rationis") nicht völlig ausgeschaltet ist und der Mensch seine höheren Fähigkeiten noch gebrauchen kann - was schon Thomas v. Aquin bemerkt hat (S. Th. p. 1 q. 84 a. 8) -, so schließt der Schlaf doch das "dominium rationis" aus, das Vermögen, dank dem die Vernunft frei das menschliche Handeln bestimmt. Daraus folgt nicht, dass der Mensch, wenn er sich dem Schlaf überlässt, gegen die moralische Ordnung verstößt, indem er sich des Bewusstseins und der Selbstbeherrschung durch den Gebrauch der höheren Fähigkeiten begibt. Aber es ist auch gewiss, dass es Fälle geben kann (und sie sind nicht selten), in denen der Mensch sich dem Schlaf nicht ausliefern darf, sondern im Besitz seiner höheren Fähigkeiten bleiben muss, um eine moralische Verpflichtung durchzuführen, die auf ihm ruht. Manchmal verzichtet der Mensch, ohne dazu durch eine strikte Verpflichtung gehalten zu sein, auf den Schlaf, um nichtobligatorische Dienste zu leisten oder um sich einen Verzicht zugunsten höherer sittlicher Interessen aufzuerlegen. Die Ausschaltung des Bewusstseins durch den natürlichen Schlaf bietet also an sich keinerlei Schwierigkeiten; doch ist es unerlaubt, ihn anzunehmen, wenn er die Erfüllung einer sittlichen Pflicht unterbindet. Der Verzicht auf den natürlichen Schlaf kann außerdem in der sittlichen Ordnung Ausdruck und Vollzug einer nicht-obligatorischen Tendenz zur sittlichen Vervollkommnung sein.

Die Hypnose

Aber das Bewusstsein kann auch durch künstliche Mittel verändert werden. Ob man dieses Ergebnis nun durch die Zuführung von Narkotika oder durch Hypnose erreicht (die man ein psychisches Narkotikum nennen kann), das macht in moralischer Hinsicht keinen wesentlichen Unterschied aus. Die Hypnose jedoch unterliegt, auch wenn man sie rein an sich betrachtet, gewissen Regeln. Es sei Uns gestattet, in diesem Zusammenhang an den kurzen Hinweis auf die medizinische Verwendung der Hypnose zu erinnern, den Wir am Anfang der Ansprache vom 8. Januar 1956 über die natürliche schmerzlose Geburt gegeben haben.

Bei der Frage, die Uns gegenwärtig beschäftigt, handelt es sich um eine vom Arzt durchgeführte Hypnose im Dienste eines klinischen Zwecks unter Beobachtung der Vorsichtsmaßnahmen, die die ärztliche Wissenschaft und Ethik ebenso vom Arzt, der sie anwendet, wie vom Patienten, der sich ihr unterzieht, verlangt. Auf diese bestimmte Anwendung der Hypnose bezieht sich das moralische Urteil, das Wir jetzt in bezug auf die Ausschaltung des Bewusstseins formulieren wollen.

Aber Wir wünschen nicht, dass man einfach auf die Hypnose im allgemeinen ausdehnt, was Wir über die Hypnose im Dienste der Medizin sagen. Diese kann, als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung, nicht vom ersten besten studiert werden, sondern nur von einem ernsten Wissenschaftler innerhalb der moralischen Grenzen, die für jede wissenschaftliche Betätigung gelten. Das ist nicht Sache irgendeines Zirkels von Laien oder Klerikern, die sich damit als mit einem interessanten Gegenstand beschäftigen, nur um sie auszuprobieren, oder sogar nur zum Zeitvertreib.

Über die Erlaubtheit der Ausschaltung oder Herabsetzung des Bewusstseins

Um die Erlaubtheit der Ausschaltung oder Minderung des Bewusstseins einzuschätzen, muss man erwägen, dass die vernünftige, frei auf ein Ziel hingeordnete Handlung das Kennzeichen der menschlichen Natur ist. Der Mensch kann z. B. seine tägliche Arbeit nicht verrichten, wenn er dauernd in einem Dämmerzustand lebt. Zudem muss er alle seine Handlungen mit den Anforderungen der sittlichen Ordnung in Einklang bringen. Da es feststeht, dass die natürlichen Dynamismen und die blinden Instinkte nicht imstande sind, von sich aus eine geordnete Tätigkeit zu garantieren, ist der Gebrauch der Vernunft und der höheren Fähigkeiten unerlässlich, sowohl um die genauen Normen der Verpflichtung einzusehen, wie um sie auf den Einzelfall zu übertragen. Daraus ergibt sich die sittliche Pflicht, sich dieses Bewusstseins nicht ohne wirkliche Notwendigkeit zu begeben.

Es folgt daraus, dass man das Bewusstsein nicht verwirren oder ausschalten darf zu dem bloßen Zweck, sich angenehme Sensationen zu verschaffen, indem man Gifte nimmt, die dazu führen, selbst wenn man nur eine gewisse Euphorie sucht. über eine bestimmte Dosis hinaus verursachen diese Gifte eine mehr oder weniger ausgesprochene Störung des Bewusstseins und selbst seine völlige Verdunkelung. Die Tatsachen zeigen, dass der Missbrauch von Rauschmitteln zu völligem Vergessen der fundamentalsten Forderungen des persönlichen und Familienlebens führt. Nicht ohne Grund greifen daher die öffentlichen Stellen ein, um den Verkauf und Gebrauch dieser Drogen zu regeln, um der Gesellschaft schwere physische und sittliche Schädigungen zu ersparen.

Ist es für die Chirurgie eine praktische Notwendigkeit, eine Minderung oder selbst eine völlige Ausschaltung des Bewusstseins durch die Narkose hervorzurufen? Vom technischen Gesichtspunkt aus untersteht die Antwort auf diese Frage Ihrer Kompetenz. Vom moralischen Gesichtspunkt aus beziehen sich die Grundsätze, die Wir vorhin zur Beantwortung Ihrer ersten Frage formuliert haben, im wesentlichen ebenso auf die Narkose wie auf die Ausschaltung des Schmerzes. Was für den Chirurgen in erster Linie zählt, ist in der Tat die Ausschaltung der Schmerzempfindung, nicht des Bewusstseins. Wenn erstere wach bleibt, rufen die heftigen Schmerzempfindungen leicht Reflexreaktionen - oft unfreiwilliger Art - hervor, die zu unerwünschten Komplikationen führen und mit tödlichem Herzkollaps enden können. Das psychische und organische Gleichgewicht zu erhalten, gewaltsame Erschütterungen desselben zu vermeiden, stellt für den Chirurgen wie für den Patienten ein wichtiges Ziel dar, das nur durch die Narkose erreicht werden kann. Es ist kaum nötig darauf hinzuweisen, dass wenn man damit rechnen müsste, dass andere in unmoralischer Weise eingreifen, während der Kranke bewusstlos ist, sich für die Narkose ernste Schwierigkeiten ergeben würden, die entsprechende Maßnahmen nötig machen würden.

Die Lehre des Evangeliums

Fügt das Evangelium zu diesen Regeln der natürlichen Moral noch genaue Umschreibungen und ergänzende Forderungen hinzu? Wenn Christus auf Golgotha den mit Galle gemischten Wein zurückgewiesen hat, weil er mit vollem Bewusstsein bis zur Hefe den Kelch austrinken wollte, den der Vater ihm reichte, so folgt daraus, dass der Mensch den Kelch jedes Mal annehmen und trinken muss, wenn Gott es will. Aber man darf nicht glauben, dass Gott es jedes Mal will, wenn ein Leiden ertragen werden muss, was immer die Ursachen und Umstände sein mögen. Die Worte des Evangeliums und das Verhalten Christi bedeuten nicht, dass Gott das von allen Menschen und jederzeit will, und die Kirche hat ihnen in keiner Weise diese Auslegung gegeben. Dennoch behalten die Taten und Handlungen des Herrn eine tiefe Bedeutung für jeden Menschen. Unzählbar sind auf dieser Welt diejenigen, die von Leiden bedrückt werden (Krankheiten, Unfällen, Kriegen, Naturkatastrophen), deren Bitterkeit sie nicht mildern können. Das Beispiel Christi auf Golgotha, seine Weigerung, seine Schmerzen zu lindern, sind für sie eine Quelle des Trostes und der Kraft. übrigens hat der Herr den Seinen auch vorhergesagt, dass dieser Kelch sie alle erwarte. Die Apostel und nach ihnen die Martvrer haben das zu Tausenden bezeugt und fahren fort, es glorreich zu bezeugen bis auf den heutigen Tag. Häufig aber stellt die Annahme des Leidens ohne Linderung keine Verpflichtung dar und entspricht keiner Norm der Vollkommenheit. Der Fall liegt immer dann vor, wenn es ernste Gründe dafür gibt und die Umstände nicht das Gegenteil verlangen. Man darf dann den Schmerz vermeiden, ohne sich irgendwie in Widerspruch mit der Lehre des ·Evangeliums zu versetzen.

Schlussfolgerung und Antwort auf die zweite Frage

Die Schlussfolgerung der vorangehenden Überlegungen lässt sich also folgendermaßen formulieren: In den angegebenen Grenzen und unter Beobachtung der nötigen Vorbedingungen ist die Narkose, die eine Minderung oder Ausschaltung des Bewusstseins mit sich bringt, durch die natürliche Moral erlaubt und mit dem Geist des Evangeliums vereinbar.


III. über die Verwendung von Analgetika bei Sterbenden

Wir müssen nun noch die dritte Frage untersuchen: "Ist die Anwendung von Analgetika, deren Gebrauch immer das Bewusstsein abstumpft, im allgemeinen und insbesondere in der post-operativen Behandlung auch bei Sterbenden und bei Patienten in Todesgefahr erlaubt, wenn eine klinische Indikation dafür spricht? Ist sie selbst in gewissen Fällen (bei nicht zu operierendem Krebs, bei unheilbaren Krankheiten) erlaubt, wenn sich die Linderung unerträglicher Schmerzen vielleicht' auf Kosten der Lebensdauer vollzieht, die dadurch abgekürzt wird?" Diese dritte Frage ist im Grunde nur eine Übertragung der beiden vorhergehenden auf den besonderen Fall der Sterbenden und auf die besondere Nebenwirkung der Abkürzung des Lebens.

Dass Sterbende mehr als andere durch die natürliche Moral verpflichtet wären, den Schmerz anzunehmen und seine Linderung auszuschlagen, geht weder aus der Natur der Sache noch aus der Offenbarung hervor. Aber da nach dem Geist des Evangeliums das Leiden zur Sühnung der persönlichen Sünden und zur Erwerbung umfassenderer Verdienste beiträgt, haben diejenigen, deren Leben in Gefahr ist, sicher einen besonderen Grund, es anzunehmen, denn mit dem nahen Tod droht diese Möglichkeit, neue Verdienste zu erwerben, bald zu verschwinden. Doch dieser Grund geht den Kranken unmittelbar an, nicht den Arzt, der die Betäubung des Schmerzes durchführt, vorausgesetzt dass der Kranke seine Einwilligung dazu gibt oder ausdrücklich darum bittet. Es wäre offenkundig unerlaubt, die Anästhesie gegen den ausdrücklichen Willen des Sterbenden durchzuführen (wenn er "sui iuris" ist).

Einige genauere Bestimmungen erscheinen hier nützlich, denn es geschieht nicht selten, dass man dieses Motiv in ungenauer Weise vorlegt. Man versucht gelegentlich zu beweisen, dass die Kranken und Sterbenden verpflichtet sind, physische Schmerzen zu ertragen, um mehr Verdienste zu erwerben, und man beruft sich dabei auf die Aufforderung zur Vollkommenheit, die der Herr an alle gerichtet hat: "Seid daher vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist" (Matth. 5, 48), oder auf die Worte des Apostels: "Das ist der Wille Gottes: eure Heiligung" (1 Tess. 4, 3). Manchmal führt man auch ein Verstandesprinzip an, nach dem keine Gleichgültigkeit gegenüber dem (selbst stufenweisen und fortschreitenden) Erreichen des letzten Ziels, auf das der Mensch angelegt ist, erlaubt sei; oder das Gebot der geordneten Selbstliebe, die verlange, dass man die ewigen Güter in dem Maße suche, wie die Umstände des täglichen Lebens sie zu erlangen erlaubten; oder selbst das erste und höchste Gebot, Gott über alles zu lieben, das keine Wahl gestattet, wenn die Vorsehung konkrete Gelegenheiten biete, die sich nützen ließen. Das Wachsen der Gottesliebe und die Hingabe des eigenen Willens gehen nun aber nicht von den Leiden selber aus, die man annimmt, sondern von der durch die Gnade gestützten Willensrichtung; diese Intention kann sich bei vielen Sterbenden lebendiger bezeugen und lebendiger werden, wenn man ihre Schmerzen lindert, weil diese den Zustand der Schwäche und physischen Erschöpfung steigern, den Aufschwung der Seele behindern und die sittlichen Kräfte untergraben, anstatt sie zu stützen. Umgekehrt verschafft die Ausschaltung des Schmerzes eine organische und psychische Entspannung, erleichtert das Gebet und ermöglicht eine bedingungslosere Hingabe seiner selbst. Wenn Sterbende dem Leiden als Mittel zur Sühne und Quelle von Verdiensten zustimmen, um in der Liebe Gottes und der Hingabe des eigenen Willens fortzuschreiten, zwinge man sie nicht zur Anästhesie; man helfe ihnen vielmehr, ihren eigenen Weg zu gehen. Im umgekehrten Fall wäre es aber nicht gut, den Sterbenden die erwähnten asketischen Betrachtungen zu suggerieren, und man soll daran denken, dass der Schmerz auch, anstatt dass er zur Sühne und zum Verdienst beiträgt, Anlass zu neuen Fehlern werden kann. Fügen Wir noch einige Worte über die Ausschaltung des Bewusstseins bei Sterbenden hinzu, im Maße dies nicht durch den Schmerz bedingt ist. Da der Herr den Tod bei vollem Bewusstsein hat erleiden wollen, wünscht der Christ, ihn auch hierin nachzuahmen. Übrigens hat die Kirche für die Priester und Gläubigen einen "Ordo commendationis animae", eine Reihe von Gebeten, die den Sterbenden helfen sollen, diese Erde zu verlassen und in die Ewigkeit einzugehen. Wenn nun diese Gebete ihren Wert und Sinn auch behalten, auch wenn man sie neben bewusstlosen Kranken rezitiert, spenden sie doch normalerweise einem Kranken, der daran teilnehmen kann, Licht, Trost und Kraft. So gibt die Kirche zu verstehen, dass man einen Sterbenden nicht ohne ernste Gründe des Bewusstseins berauben darf. Wenn die Natur es tut, müssen die Menschen es hinnehmen; aber sie dürfen es nicht aus eigenem Antrieb herbeiführen, außer wenn es dafür wichtige Gründe gibt. Das ist im übrigen auch der Wunsch der Betroffenen selber, wenn sie gläubig sind; sie wünschen die Anwesenheit der Ihren, eines Freundes, eines Priesters, um ihnen zu einem guten Tod zu helfen. Sie wollen die Möglichkeit behalten, ihre letzten Anordnungen zu treffen, eine letztes Gebet, ein letztes Wort zu den Umstehenden zu sprechen. Sie dessen zu berauben, widerstrebt dem christlichen und selbst dem einfach menschlichen Empfinden. Die beim Herannahen des Todes angewendete Anästhesie, nur um dem Kranken ein bewusstes Ende zu ersparen, wäre nicht mehr eine beachtenswerte Errungenschaft der modernen Therapie, sondern eine wirklich bedauernswerte Praktik.

Ihre Frage setzte dagegen eher eine ernsthafte klinische Indikation (z. B. heftige Schmerzen, krankhafte Depressionszustände und Ängste) voraus. Der Sterbende kann nicht erlauben und noch weniger vom Arzt verlangen, ihm Bewusstlosigkeit zu verschaffen, wenn er dadurch außer Stande gesetzt wird, ernste moralische Pflichten zu erfüllen, z. B. wichtige Angelegenheiten zu regeln, sein Testament zu machen, zu beichten. Wir haben bereits gesagt, dass das Motiv der Erwerbung größerer Verdienste allein nicht genügt, den Gebrauch von Narkotika zu etwas Unerlaubtem zu machen. Um über die Erlaubtheit zu urteilen, muss man sich auch fragen, ob die Narkose verhältnismäßig kurz dauern wird (über Nacht oder für einige Stunden) oder lang anhält (mit oder ohne Unterbrechung), und man muss in Betracht ziehen, ob der Gebrauch der höheren Fähigkeiten für Augenblicke wiederkehren wird, für einige Minuten wenigstens oder für einige Stunden, und dem Sterbenden die Möglichkeit geben wird, zu tun, was die Pflicht von ihm verlangt (z. B. sich mit Gott auszusöhnen). Übrigens wird ein gewissenhafter Arzt, auch wenn er nicht Christ ist, niemals dem Druck solcher Leute nachgeben, die den Kranken gegen seinen Willen seines Bewusstseins berauben lassen möchten, damit er gewisse Bestimmungen nicht treffen kann. Wenn der Sterbende trotz der ihm auferlegten Pflichten die Narkose verlangt, für die ernsthafte Gründe sprechen, wird ein gewissenhafter Arzt, zumal wenn er Christ ist, sich darauf nicht einlassen, ohne ihn persönlich oder besser noch durch jemand anderen aufgefordert zu haben, vorher seine Pflicht zu erfüllen. Wenn der Kranke sich hartnäckig weigert und fortfährt, die Narkose zu verlangen, darf der Arzt sich einverstanden erklären, ohne sich der formellen Mitschuld an dem begangenen Fehler schuldig zu machen. Dieser hängt in der Tat nicht von der Narkose ab, sondern von dem unmoralischen Willen des Patienten; ob man ihm die Anästhesie verschafft oder nicht, sein Verhalten bleibt dasselbe: er erfüllt seine Pflicht nicht. Wenn die Möglichkeit der Reue auch nicht ausgeschlossen ist, so besteht doch keinerlei ernstliche Wahrscheinlichkeit dafür; und wer könnte selbst sagen, ob er sich im Leiden nicht noch mehr verhärtet?

Aber wenn der Sterbende alle seine Verpflichtungen erfüllt und die Sterbesakramente empfangen hat, wenn eindeutige ärztliche Indikation zur Anästhesie rät, wenn bei der Festsetzung der Dosis das erlaubte Quantum nicht überschritten wird, wenn deren Wirksamkeit und Dauer sorgfältig gemessen wird und der Patient zustimmt, dann steht dem nichts im Wege: die Anästhesie ist moralisch erlaubt .

. . . bei den nicht operierbaren und unheilbaren Kranken

Müßte man darauf verzichten, wenn gerade die Anwendung der Narkotika die Lebensdauer verkürzte? Zunächst ist jede Form von direkter Euthanasie, d. h. die Verabreichung von Narkotika, um den Tod herbeizuführen oder zu beschleunigen, verboten, weil man sich dann anmaßt, direkt über das Leben zu verfügen. Es ist eines der Grundprinzipien der natürlichen und der christlichen Moral, dass der Mensch nicht Herr und Besitzer, sondern nur Nutznießer seines Leibes und seines Daseins ist. Man maßt sich immer dann ein direktes Verfügungsrecht an, wenn man die Abkürzung des Lebens als Zweck oder Mittel will. Unter den Bedingungen, die Sie im Auge haben, handelt es sich aber allein darum, dem Patienten unerträgliche Schmerzen zu ersparen, z. B. bei nicht operierbarem Krebs oder unheilbaren Krankheiten.

Wenn zwischen der Narkose und der Verkürzung des Lebens kein unmittelbarer Kausalzusammenhang besteht, der auf dem Willen der Interessierten beruht oder in der Natur der Sache liegt (was der Fall wäre, wenn die Unterdrückung des Schmerzes nur durch die Verkürzung des Lebens bewirkt werden könnte) und wenn vielmehr die Verwendung von Narkotika an sich zweierlei verschiedene Folgen nach sich zieht, einerseits die Erleichterung des Schmerzes und andererseits die Verkürzung des Lebens, so ist sie erlaubt; man muss allerdings auch noch zusehen, ob zwischen diesen beiden Wirkungen ein vernünftiges Verhältnis besteht und ob die Vorteile der einen die Nachteile der andern aufwiegen. Es ist auch wichtig, sich vorher noch zu fragen, ob der gegenwärtige Stand der Wissenschaft es nicht erlaubt, dasselbe Ergebnis mit anderen Mitteln zu erreichen, und dann bei der Verwendung der Betäubungsmittel die praktisch notwendigen Höchstgrenzen nicht zu überschreiten.

Schlussfolgerung und Antwort auf die dritte Frage

Kurz zusammengefasst fragen Sie Uns: "Ist die Ausschaltung des Schmerzes und des Bewusstseins durch Narkotika (wenn die medizinische Indikation sie verlangt) von seiten der Religion und der Moral dem Arzt und dem Patienten erlaubt (auch beim Herannahen des Todes und wenn sich vorhersehen lässt, dass die Anwendung von Narkotika das Leben verkürzen wird)?" Man muss darauf antworten: "Wenn es keine anderen Mittel gibt und unter bestimmten Umständen nicht die Erfüllung anderer religiöser oder moralischer Pflichten verhindert wird: ja." Wie Wir schon erklärt haben, verpflichtet das Ideal des christlichen Heldentums nicht, zum mindesten nicht allgemein, zur Verweigerung einer im übrigen gerechtfertigten Narkose, selbst nicht beim Herannahen des Todes; alles hängt von den konkreten Umständen ab. Der vollkommenere und heldenhaftere Entschluss kann ebensowohl auf seiten der Annahme wie auf seiten der Verweigerung liegen.

Schlussermahnung

Wir wagen zu hoffen, dass diese Überlegungen zur Anästhesie unter religiösem und moralischem Gesichtspunkt Ihnen helfen werden, Ihre Berufspflichten mit einem noch wacheren Gefühl für Ihre Verantwortung zu erfüllen. Sie wünschen, den Forderungen unseres christlichen Glaubens vollkommen treu zu bleiben und Ihr Handeln danach zu richten. Doch weit davon entfernt, diese Forderungen als Einschränkungen oder Behinderungen Ihrer Freiheit und Initiative aufzufassen, sehen Sie darin vielmehr den Aufruf zu einem unendlich viel höheren und schöneren Leben, das wir nicht erwerben können ohne Mühen und Opfer, dessen Fülle und Freude aber schon hienieden für diejenigen fühlbar sind, die in Gemeinschaft mit der Person Christi stehen, der in seiner Kirche lebt und sie durch seinen Geist belebt und der auf alle ihre Glieder seine erlösende Liebe ausgießt, die allein endgültig über Leiden und Tod triumphieren kann.

Auf dass der Herr Sie mit seinen Gaben überschütte, erteilen Wir Ihnen, Ihren Familien und Ihren Mitarbeitern von ganzem Herzen Unsern väterlichen Apostolischen Segen.

Pius XII. PP.
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