Ampliores rationes

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Erklärung
Ampliores rationes

Sekretariat für die Nichtglaubenden
unseres Heiligen Vaters
Paul VI.
an alle Bischofskonferenzen sowie die Landessekretariate für die Nichtglaubenden
zum Studium des Atheismus und zur Ausbildung für den Dialog mit den Nichtglaubenden

10. Juli 1970

(Quelle: Nachkonziliare Dokumentation – im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, Band 32, Herausgegeben vom Sekretariat für die Nichtglaubenden, lateinisch und deutscher Text, Paulinus Verlag Trier 1972 (37 Seiten; ISBN 3-7902-4132-8; Im Index Nr. 58: ISBN 3-7902-4132-6)

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Geschichte und Zielsetzung dieser Erklärung

1. Bei ihren weiter ausholenden Überlegungen zu einer wirksameren, gründlichen Neuordnung der kirchlichen Studien und zu einer angemesseneren Ausbildung der Priesterkandidaten hat die Kongregation für die Katholische Erziehung in ihrer Instruktion "Grundordnung der Priesterausbildung" der dringenden Notwendigkeit besondere Aufmerksamkeit geschenkt, die jungen Menschen frühzeitig zum Dialog mit den Nichtglaubenden auszubilden und, im Hinblick auf Dozenten wie auf Studenten, die wachsende Kraft des Atheismus und die Säkularisierung sorgfältiger zu betrachten, die zu Weggenossen der Menschen unserer Zeit werden.

2. Das Sekretariat für die Nichtglaubenden stimmt mit der Kongregation für die Katholische Erziehung völlig überein in diesem Willen zur Erneuerung der kirchlichen Studien, von dem es glaubt, dass er der Forderung und Erwartung der heutigen Gesellschaft voll entspricht. Ganz besonders aber stimmt es jenem Teil des Dokuments der Kongregation für die Katholische Erziehung zu, in dem speziell vom Atheismus und vom Dialog die Rede ist.

Klärung der Kompetenzen

3. Das Sekretariat für die Nichtglaubenden will sich nicht mit der Ordnung selbst befassen, durch welche das festgelegte Studienprogramm zu konkreter Verwirklichung geführt wird; das gehört ja in die Kompetenz der Kongregation für die Katholische Erziehung und der Bischofskonferenzen. Aber es ist überzeugt, dass es höchst nützlich ist, die Bedeutung zu betonen, die bei der Erneuerung der kirchlichen Studien und bei der Ausbildung des Klerus einer tieferen Erkenntnis der die Säkularisierung begünstigenden und atheistischen Gestalten der heutigen menschlichen Kultur zukommt; ebenso ist die Bedeutung einer verantwortlichen Vorbereitung des Klerus auf den Dialog mit den Nichtglaubenden hervorzuheben. Daher wünscht es dringend, dass die von den Bischofskonferenzen eingesetzten Kommissionen für die Ausarbeitung einer Studienordnung und für deren Anpassung an die diözesanen Bedürfnisse den Empfehlungen Beachtung schenken, die hinsichtlich des Studiums des Atheismus und der Ausbildung zum Dialog im folgenden dargelegt werden, wobei sie in den einzelnen Fällen abwägen mögen, wie diese Ratschläge in den eigenen Regionen von Nutzen sein können. Sorgsam mögen sie auch auf andere Aspekte achten und sie, falls sie den Anforderungen der Regionen mehr entsprechen, bei der Erstellung der Studienordnung berücksichtigen.

I. Über das faktische Vorhandensein des Atheismus und der Säkularisierung

Die Ausbreitung des Atheismus

4. Hierzu ist es vor allem wichtig, von Grund auf zu bedenken, dass die Säkularisierung und die Verbreitung des Atheismus in dieser Zeit ein reales Faktum in der Gesellschaft sind, das nicht nur bei ausgewählten gebildeten Menschen allmählich zunimmt, sondern das sich auch im Volk weitgehend ausbreitet.

Der aus vielen und verschiedenartigen Ursachen erwachsende Atheismus verbreitet sich immer mehr, treibt tiefere Wurzeln, wird kämpferischer. In den östlichen Bereichen, wo er von politischen und gesellschaftlichen Ideologien genährt und vorgeschrieben wird, ist er die Angelegenheit riesiger Menschenmassen, vieler hundert Millionen, und macht er sich immer mehr Völker und Nationen untertan. In den westlichen Gegenden, wo seine Quellen vor allem der infizierte Neopositivismus und der Pragmatismus sind, wird die entsprechende Mentalität immer stärker und fasst Wurzel in der heutigen Kultur. Bei den Völkern, die erst noch um ihre Zivilisation bemüht sind, scheint er in der gleichen Gestalt wie bei den westlichen und östlichen Völkern aufzutauchen, insofern sie langsam jenen Grad menschlicher Kultur erreichen, der den schon früher dazu gelangten Nationen eigen ist.

Atheismus und Kirche

5. Atheismus und Säkularisierung prägen stark die ganze Menschengemeinschaft, jenen Teil nicht ausgenommen, der sich eigentlicher und aus Tradition als christlich bekennt.

Das Vorhandensein dieses Faktums darf nicht länger ignoriert werden. Das Zweite Vatikanische Konzil hat es schon deutlich hervorgehoben und seine Ursachen, die verschiedenen Formen und die Mittel aufgezeigt, die zum Schutz des christlichen Glaubens und seiner Geisteskultur angewendet werden können.

Auch alle päpstlichen und amtlich-kirchlichen Dokumente, die nach jenem großen Ereignis erlassen wurden, haben es nicht unterlassen, zur Besinnung zu rufen mit dem Ziel, alle auf die große Bedeutung aufmerksam zu machen, die jenes Faktum für das künftige Geschick der ganzen Menschheit haben wird.

II. Über die Notwendigkeit, eine angemessene Kenntnis dieses Faktums zu vermitteln

Vielfalt der Methoden

6. Wenn diese Beobachtung zutrifft, wie es wohl der Fall ist, muss den Priesterkandidaten die Möglichkeit gegeben werden, dieses Faktum genau kennenzulernen, damit sie dazu ausgebildet und bereit sind, den Erfordernissen der Welt zu begegnen, die immer mehr Gott entfremdet wird und doch Gottes selbst bedarf.

Es kann nicht für jede Zeit und auf eine für alle gleiche Art genau angegeben werden, auf welche Weise diese Vorbereitung der Kandidaten erfolgen sollte. Denn die Eigenart der Säkularisierung und des um sich greifenden Atheismus ist verschieden je nach den unterschiedlichen Formen der Kultur bei den einzelnen Völkern und je nach den Zeiten. Daher bedarf es einer vielfältigen Methodologie, die bei der Aneignung der geeigneten Mittel zur Auseinandersetzung mit dieser Sache und zur Ausbildung des Klerus angewendet werden muss, damit dieser seine besonderen Aufgaben in dieser Zeit gut zu erfüllen vermag.

Wer nämlich zur Arbeit unter Menschen von geringerer Kultur bestimmt ist, ist nicht auf die gleiche Weise auszubilden, wie sie bei dem verlangt wird, der seinen Dienst unter Arbeitern oder Studenten, bei ausgebildeteren Menschen ausüben wird. Beide aber müssen die Forderungen und Fragen kennen, die den Geist dessen bewegen, den sie ansprechen.

Die zuständigen Organe

7. Aufgabe der Bischofskonferenzen und der Organe der Studienvorgesetzten wird es sein, die Studienprogramme aufzustellen und nach den verschiedenen Erfordernissen der Gegenden, die jeweils ihre eigene Kultur haben, und der Gemeinwesen, in denen das Amt übernommen wird, auszurichten. Ebenso wird es Aufgabe der genannten Organe sein, je nach der verschiedenen Sachlage zu entscheiden, ob die Betrachtung und die tiefere Kenntnisnahme des Atheismus und der Säkularisierung in besonderen Lehrkursen oder in den üblichen Kursen der Geschichte, Philosophie und Theologie erfolgen sollen.

Es ist aber selbstverständlich, dass der heranwachsende Klerus sich der Schwere dieser Angelegenheit völlig bewusst werden und entsprechend vorbereitet werden muss, damit er die Gründe verstehen könne, die die Menschheit immer mehr zur Annahme des Atheismus bewegen, und damit er nicht gleichsam ungewappnet vor diesem Faktum stehe, sondern seinen Beitrag leisten kann zur Läuterung und Festigung des christlichen Glaubens in der Welt.

Spezialkurse oder Integrierung

Was dies angeht, können sowohl spezielle Lehrgänge über den Atheismus und die Säkularisierung als auch Lehrstücke darüber, die in die verschiedenen Wissenschaftszweige eingefügt werden, eine eigene Wirksamkeit haben oder dieser entbehren. Alles hängt ja von der Intensität und Sorgfalt ab, die Dozenten und Studenten darin einbringen, und von der Art und Weise, in der die speziellen oder nicht speziellen Kurse mit den Anforderungen und Fakten des menschlichen Lebens übereinstimmen, unter denen ein Priesterkandidat leben und arbeiten wird. Kurzum, es liegt viel mehr am einsichtigen Urteil der Dozenten als an einem speziellen oder generellen Studienprogramm, ob jene der Zeit entsprechende, für die Anfänger im Priesterdienst erforderliche Vorbereitung zum Erfolg führt oder wenig glücklich vor sich geht.[1]

Tendenzen der heutigen Studienreform

8. Nun kann auch gesagt werden, die Frage, ob ein besonderes Lehrstück über den Atheismus und die Säktularisierung geboten werde, sei von geringerer Bedeutung. Es handle sich ja faktisch darum, dass eine neue Mentalität entstehe und die Studenten wie die Dozenten sich dieser so weit verbreiteten humanen Angelegenheit stärker bewusst würden, die immer mehr dem Atheismus und der Säkularisierung zuneigt. Es wird gesagt: Notwendig ist eine humanistische Ausbildung, die mehr der heutigen Zeit entspricht und bewirkt, dass der Priester genauer den Menschen dieser Zeit erreicht, der als solcher durch immer stärkere Schwierigkeiten daran gehindert wird, den Glauben zu akzeptieren.

Es ist nützlich, diese Frage genau zu überlegen. Nach dem Konzil scheint nämlich wenigstens in einigen Gegenden die Neigung zuzunehmen, die philosophische Ausbildung der Priesterkandidaten zu verringern mit der Absicht, mehr Zeit und Raum für das theologische Studium und die persönliche wissenschaftliche Forschung zu verschaffen. Diese Neigung scheint sehr gefährlich zu sein. Aus einer nach diesem Prinzip ausgerichteten Ausbildung der Priesterkandidaten kann ja folgen, dass die künftigen Priester zwar auf das Gespräch mit den getrennten Gläubigen, besonders mit den Protestanten, vorbereitet sind, aber für die Eröffnung des Dialogs mit nichtglaubenden Menschen unserer Zeit unfähig sind.

Notwendigkeit und Schwerpunkte der Philosophie

Die philosophische Ausbildung darf daher nicht nur nicht verringert werden, sondern es ist dafür Sorge zu tragen, dass das philosophische Lehrprogramm und die Lehre viel mehr auf den Menschen und auf seine äußerste Problematik hingeordnet werden, dorthin, wo sich die Frage stellt, ob er für die Transzendenzerfahrung offen ist oder nicht. Das also sind die fundamentalen Fragen, in denen die philosophischen Studien des künftigen Priesters verändert werden müssen: Der Mensch (philosophische Anthropologie) und die Weisen menschlicher Existenz, in denen Anzeichen einer Transzendenzerfahrung vorkommen mögen (unter ihnen gewinnt die Geschichte immer größere Bedeutung). Eine Kenntnis der menschlichen Kultur wird heute notwendigerweise verlangt, damit jemand den Menschen selbst erkennen kann.

III. Über den Marxismus

Der Marxismus, seine Wurzeln und Ausformungen

9. Das, was speziell den Marxismus betrifft, ist gesondert zu besprechen, nicht nur, weil er sich weithin in der Menschheit ausbreitet, wie oben angedeutet wurde, sondern auch wegen seines ganz eigenen Charakters in der philosophischen, politischen und sozialen Lehre und wegen der Methode, mit der er sich gewöhnlich in der menschlichen Kultur und Gesellschaft durchsetzt.

Die Ausbildung der Priesterkandidaten muss daher eine möglichst umfassende und möglichst genaue Kenntnis des Marxismus vermitteln. Diese Ausbildung darf sich nicht nur auf ein voll genügendes Kennenlernen der Lehren der Gründer des Marxismus, Heinrich C. Marx und Friedrich Engels, erstrecken sowie auf deren keimhafte Ansätze in der Philosophie Georg W. F. Hegels und Ludwig A. Feuerbachs. Sie muss auch die Fortentwicklungen jener Lehren einbeziehen, denen in unserer Zeit besondere Bedeutung zukommt. Das ist vor allem der Marxismus-Leninismus, das doktrinäre Fundament aller kommunistischen Bewegungen, mit den Ausformungen, die aus ihm hervorgingen (wie der Maoismus und der Castrismus). Dann die verschiedenen Meinungen und Initiativen, die man Revisionismus nennt (d. h. den jugoslawischen Kommunismus, die Experimente des Jahres 1968 in der CSSR, Gelehrte wie Roger Garaudy, Georg Lukács, Ernst Bloch usw.). Schließlich auch die neomarxistischen Bewegungen wie den strukturalistischen Marxismus Louis Althussers, die "Frankfurter Schule" und Herbert Marcuse, denen die Jugendbewegungen der "Neuen Linken" - deren Ideologie noch nicht genau bestimmt ist vieles entnommen haben.

Umfassende Kenntnis des Marxismus

Dieses Kennenlernen darf nicht so eingeengt werden, dass es nur den in der Marxschen Lehre enthaltenen Atheismus und deren vom Materialismus geprägte Philosophie umfasst. Weiter ausholend muss es sich vielmehr auf sämtliche Lehren des Marxismus-Leninismus, auch die auf sozialem und politischem Gebiet, erstrecken. Die Kenntnis dieser politischen Lehren ist ja höchst notwendig für die Eröffnung des Dialogs mit den Kommunisten. Der Dialog aber, besonders der öffentliche und der über die Zusammenarbeit[2], ist für diese immer eine politische Angelegenheit; deshalb wird der Dialog von den Kommunisten immer als Teil eines Systems politischer Lehren behandelt und dient jener großen, von Lenin eingeführten Kampfbewegung, die nach der Erlangung der Macht strebt und dabei ein Bündnis mit anderen politischen Parteien eingeht. Damit ein Urteil möglich wird, ob es angebracht ist, sich als Partner zur Verfügung zu stellen, und um zu vermeiden, dass jemand ohne Willen oder Wissen zum Partner wird, ist es absolut nötig, die Kampfweise und die einzelnen Beschlüsse der Kommunisten zu kennen. Diese Notwendigkeit ist auch dringlicher in unserer Zeit, die vom Dialog charakterisiert ist.

IV. Über die Säkularisierung

Aspekte der Säkularisierung

10. Hinsichtlich der komplizierten Frage der Säkularisierung und ihrer Einbeziehung in das Studium der Priesterkandidaten kann zum Teil an das erinnert werden, was allgemein vom Atheismus und speziell vom Marxismus gesagt wurde. Die Frage der Säkularisierung unterscheidet sich zwar von der Frage der Einführung in den Atheismus, ist aber mit dem Atheismus-Problem in etwa verbunden.

Dennoch ist darauf zu achten, dass der Säkularisierung eine zweifache Kraft innewohnt, insofern sie neben einigen negativen Aspekten auch positive Aspekte enthält, die für die Anpassung der kirchlichen Praxis an die neue Zeit Bedeutung haben können. Außerdem muss natürlich unterschieden werden zwischen der Säkularisierung als Faktum und dem Säkularismus als Ideologie.

Wichtiger aber ist die Erkenntnis der vielfältigen Elemente der Säkularisierung und ihres allmählichen Voranschreitens in den letzten vier Jahrhunderten als die Mühe um eine Begründung und Darlegung einer Theorie darüber.

Historische Perspektiven

Manchmal wird auf die ungleiche Ausbildung des Klerus in Geschichte und in menschlicher Kultur hingewiesen. Gerade das scheint die Ursache dafür zu sein, dass er sich selbst gegenüber der heutigen Menschengemeinschaft unterlegen fühlt. Der Abstand zwischen der umfangreichen historischen Ausbildung für Studenten an weltlichen Universitäten und der Dürftigkeit, an der die Ausbildung der Priesterkandidaten in den Seminaren in dieser Hinsicht manchmal leidet, bewirkt, dass diese nicht wenig resignieren. Die Priesterkandidaten können die Welt unserer Zeit nicht ganz verstehen, wenn sie nicht gut wissen, wie sie durch historischen Fortschritt zustande gekommen ist. Jedes einzelne Gedachte wird ins Leben übertragen, das Leben aber wird in der Geschichte erneuert. Auch die Lehren der Kirche auf dem sozialen Gebiet werden nur verstanden, wenn sie auf die Zeiten und Erfahrungen bezogen werden, zu denen sie gesprochen wurden.

V. Über den Dialog

Einübung des Dialogs

11. Was schließlich die Ausbildung zum Dialog betrifft, so sind nicht unbedingt eigene Kurse einzurichten, sondern eher und vor allem sind die (Priester-)Kandidaten in die offene und bereite Geisteshaltung als Dialogpartner einzuüben. Es handelt sich ja um eine Lebensart oder -haltung, die in jeder Situation und in jeder Zeit der menschlichen Erfahrung realisiert und vervollkommnet werden muss.

Die Ausbildungsstätte ist aber der geeignetste Ort, an dem die Nähe von Lehrer und Schülern, auch und vor allem außerhalb der Vorlesungen, wachsen und vervollkommnet werden kann. Die Priesterkandidaten und die Dozenten müssen sich durch ihr Amt verpflichtet wissen, die Wahrheit sorgfältig zu erforschen, die Meinungen Andersdenkender mit Achtung zu respektieren, über die Lehrmeinungen der Gesprächspartner sich viel mehr aus der inneren kritischen Vernunft ein Urteil zu bilden, die eigenen Meinungen gelassen und ohne Eigensinn mit den Meinungen anderer zu vergleichen, auch wenn diese nach persönlicher Überzeugung oder von der Offenbarung her vermeintlich kaum oder überhaupt nicht akzeptiert werden können.

Diese Mentalität lässt sich jedoch bei den Kandidaten durch eine bloß lehrhafte und theoretische Ausbildung sicher nicht erreichen, auch wenn man sagen muss, dass ein besonderer Kurs darüber höchst nützlich sein kann. Die Geisteshaltung entsteht vielmehr durch fortgesetzte, im Leben gewonnene Erfahrung.

Gefahren und Missverständnisse des Dialogs

Der Dialog erzeugt selbstverständlich nicht geringe Schwierigkeiten und Gefahren. Der Kandidat muss sie kennen, ihnen vorbeugen, sie abweisen lernen. Mittelmäßigkeit und eine oberflächliche Behandlung des Themas aus dem Stegreif müssen vermieden werden. Der Kandidat muss mit einem soliden Fundament der theologischen und vor allem der philosophischen Lehre versehen sein, damit er nicht gleichsam ungewappnet der säkularisierten, atheistisch gewordenen Welt begegnet.

Es muss unterschieden werden, ob wirklich ein Dialog begonnen werden kann oder ob er dagegen eher der Politik dienen soll, offen oder versteckt zum Instrument geworden für Ziele, die von der Erforschung der Wahrheit und der Suche nach gegenseitiger Freundschaft ganz weit entfernt sind. Das muss man sich besonders vor Augen halten, wenn es sich um den öffentlichen Dialog handelt, der als theoretischer oder praktischer, das heißt zur Eröffnung der Zusammenarbeit, mit Kommunisten begonnen wird.

Der Dialog darf nicht zu einem "Mythos" werden, nämlich die falsche Meinung begünstigen, mit seiner Hilfe habe einer die leicht erworbene Fähigkeit, alles zu verstehen, alles zu lösen, indem echte Probleme verdünnt, geeignete Antworten im voraus an den Haaren herbeigezogen werden. Ohne Zweifel können weder die Antworten auf alle Fragen immer und überall schon bereit liegen, noch kann der Dialog sie vollständig möglich machen,

Rom, im Sekretariat für die Nichtglaubenden, den 10. Juli 1970.

Anmerkungen

  1. Sollte jemand tatsächlich festlegen wollen, welche Kurse über den Atheismus einzuführen oder mit einem traditionellen Wissenschaftszweig zu verbinden sind, dann wird sich gleich die konkrete Verlegenheit zeigen. Eine Lösung, die für alle Fälle zutrifft, ist nicht möglich. Welche Lösung auch immer getroffen wird, es findet sich in ihr immer Positives und Negatives. Was also dies angeht, wird die hier folgende Reihe von Fragen nur als Beispiel vorgelegt: - Der historische Ursprung des heutigen Atheismus. - Der Atheismus in der heutigen Philosophie (d. h. im Idealismus, Marxismus, Existentialismus, Neopositivismus usw.). - Der Atheismus in Literatur und Kunst. - Der Atheismus und das Problem der Gotteserkenntnis. - Der Atheismus und die Naturwissenschaften (Problem der Herkunft der Welt, des Lebens und des Menschen). - Der Atheismus und das Problem der menschlichen Werte (dazu gehören: die Ethik, das Recht, das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben, das Problem des Bösen und des Todes usw.). - Der Atheismus als theologisches Problem (Theologie des Atheismus, Möglichkeiten des Atheismus, implizite Religiosität, Unglauben der Gläubigen usw.). - Die Religionsgeschichte im Hinblick auf das Atheismusproblem (Problem des primitiven Atheismus, über atheistische Völker usw.). - Soziologie, Psychologie und Pädagogik im Hinblick auf das Atheismusproblem. - Der Atheismus als Glaubensweise und als Ersatzreligion. - Der militante Atheismus. - Das christliche Handeln in einer vom Atheismus durchdrungenen Welt (Problem des Dialogs, Zusammenarbeit von Christen und Atheisten, Ökumenismus und Atheismus, Ausbildung der Priester für die Begegnung mit der atheistischen Welt usw.). Was aber diese Fragen angeht, wenn sie an geeigneter Stelle in das Studienprogramm einzufügen sind, so haben sie ihren gleichsam natürlichen Ort in folgenden traditionellen Wissenschaftszweigen: Philosophiegeschichte, Religionsphilosophie, Moralphilosophie, Kulturphilosophie, Soziologie, philosophische und theologische Anthropologie, und, hinsichtlich der Theologie: Fundamentaltheologie (über die Offenbarung) und in den Lehrstücken vom einen Gott, vom Glauben und von der Gnade. In der spezialisierten, pastoralen oder wissenschaftlichen, Ausbildung können Sonderkurse eingeführt werden, wie in der "Grundordnung der Priesterausbildung" Nr. 83 und 85 gewährleistet ist.
  2. Vgl. Dokument "Über den Dialog mit den Nichtglaubenden" (Vatikanstadt 1968)
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