Adiutricem populi christiani (Wortlaut)

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Enzyklika
Adiutricem populi christiani

unseres Heiligen Vaters
Leo XIII.
durch göttliche Vorsehung Papst
an die Ehrwürdigen Brüder. die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
der katholischen Welt, die in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle stehen
über Maria, die Helferin er Christen und den Rosenkranz
5. September 1895

(Offizieller lateinischer Text: ASS XXXVIII [1895-96] 129-136)

(Quelle: Rundschreiben Leo XIII., Fünfte Sammlung, Lateinischer und deutscher Text, Herder´sche Verlagsbuchhandlung übersetzt durch den päpstlichen Hausprälaten Professor Hettinger, Freiburg im Breisgau 1904; Die Nummerierung ist der englischen Fassung angeglichen. Die Überschriften wurden aus: Rudolf Graber: Die marianischen Weltrundschreiben der Päpste in den letzten hundert Jahren, Echter Verlag Würzburg 1954 [Mit kirchlicher Druckerlaubnis ] entnommen; Das deutsche Schreiben bei Kathtube zum Download)

Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramtstexte dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


Ehrwürdige Brüder,
Gruß und Apostolischen Segen
Rosenkranz als Herz.jpg

Inhaltsverzeichnis

Das Aufblühen der Marianischen Bewegung

1 Die mächtige und gütige Helferin des christlichen Volkes, die Jungfrau und Gottesmutter, geziemt sich immer herrlicherem Lobe zu feiern, mit immer festerem Vertrauen anzuflehen. Der mannigfaltige Reichtum von Wohltaten, welcher durch sie in immer reicherem Strome weit und breit für aller Wohl ergossen wird, vermehrt zugleich die Beweggründe, sie zu preisen und auf sie zu bauen.

2 Und es fehlt fürwahr auf seiten der Katholiken gegenüber diesen großen Wohltaten nicht an Beweisen bereitwilligster Hingebung; denn, wenn jemals, so lässt sich in diesen für die Religion so ungünstigen Zeiten beobachten, dass die Liebe und Verehrung gegen die seligste Jungfrau in allen Ständen wacht und glüht. Ein vortreffliches Zeugnis dafür bietet weit und breit die Wiedererrichtung und Vermehrung der unter ihrem Schutze stehenden Bruderschaften, die ihren erhabenen Namen ehrende Weihe herrlicher Kirchen, die Wallfahren, welche von andachtsvollen Mengen zu ihren vorzüglichern Heiligtümern ausgeführt werden, die Berufungen von Versammlungen zur Beratung über die Verbreitung ihres Ruhmes und andere derartige Veranstaltungen, welche, in sich selbst vortrefflich, für die Zukunft von bester Vorbedeutung sind.

3 Ganz einzigartig und für Uns hocherfreulich zu erwähnen ist dabei dies, wie unter den vielfachen Formen derselben andächtigen Verehrung der Marianische Rosenkranz, jene ausgezeichnete Gebetsweise, in immer weitern Kreisen an Achtung und Liebe gewinnt. Wir sagen, es ist dies für Uns hocherfreulich, denn Wir haben unsere Fürsorge nicht am wenigsten der Förderung des Rosenkranzgebetes angedeihen lassen und sehen nun klar, wie gütig die Himmelskönigin auf Unsere Gebete Unsere Bestrebungen unterstützt hat; und Wir hegen das Vertrauen, dass sie durch ihre Hilfe die Sorgen und Bitterkeiten lindere, welche die nächsten bringen werden.

Gebet um die Rückkehr der von uns Getrennten

4 Wir erwarten von der Kraft des Rosenkranzgebetes vorzugsweise reichliche Hilfe für die Ausbreitung des Reiches Christi. Wir haben mehr als einmal es ausgesprochen, dass Unsere gegenwärtig mit gesteigertem Eifer verfolgten Bestrebungen der Wiedervereinigung der von der Kirche getrennten Nationen gelten; zugleich haben Wir betont, dass ein glücklicher Erfolg allermeist in heißem Gebete zu Gott gesucht werden müsse. Vor kurzem erst haben Wir dies noch beteuert, als Wir in dieser Angelegenheit besondere Gebete zum Heiligen Geist empfahlen, die während der heiligen Pfingstzeit verrichtet werden sollten. Allenthalben ist dieser Empfehlung mit großem Eifer Folge geleistet worden.

5 In Anbetracht der Wichtigkeit und der großen Schwierigkeit dieses Zieles, und da jede Tugend mit Ausdauer vereint sein muss, passt trefflich hierher die Mahnung des Apostels: „Seid beharrlich im Gebete“[1]; dies um so mehr, als die guten Anfänge des Unternehmens einen erfreulichen Ansporn zu dieser Beharrlichkeit im Gebete zu geben scheinen. Demgemäss wird nichts für Unser Vorhaben nützlicher und Uns selber angenehmer sein, Ehrwürdige Brüder, als wenn Ihr und Euer Volk in nächsten Oktober, den ganzen Monat hindurch, vereint mit Uns, dem Rosenkranzgebete zur jungfräulichen Mutter nach den gewohnten Regeln in kindlicher Frömmigkeit Euch hingebt. Treffliche Gründe bewegen Uns, Unsere Bestrebungen und Wünsche vertrauensvollst unter ihren Schutz zu stellen.

Maria als Lehrerin der Apostel

6 Eine helle Offenbarung des Geheimnisses der übergroßen Liebe Christi zu uns war es, als er sterbend seine Mutter dem Jünger Johannes durch das denkwürdige Testament zurücklassen wollte: „Siehe da deinen Sohn!“ Nach der beständigen Auffassung der Kirche hat Christus in Johannes das menschliche Geschlecht, insbesondere diejenigen bezeichnet, welche ihm glaubensvoll anhängen werden. Dieser Meinung gemäß sagt der hl. Anselm von Canterbury: „Was kann für geziemender erachtet werden, als dass du, o Jungfrau, die Mutter derjenigen seiest, deren Vater und Bruder Christus zu sein sich gewürdigt hat?“[2] Hochherzig übernahm sie daher das einzigartige und mühevolle Amt und übte es aus, nachdem im Zönakulum der Anfang unter himmlischer Weihe gemacht worden war. Damals ließ sie den Erstlingen des christlichen Volkes durch die Heiligkeit ihres Beispiels, durch die Gewichtigkeit ihrer Ratschläge, durch die Erquickung ihres Trostes und der Macht ihres heiligen Gebetes ihre bewunderungswürdige Hilfe angedeihen; in voller Wahrheit erwies sie sich als Mutter der Kirche, als Lehrerin und Königin der Apostel, denen sie auch aus dem Schatze göttlicher Aussprüche spendete, den „sie in ihrem Herzen bewahrte“.

Maria, Schutzherrin der Kirche im Himmel

7 Kaum aber zu beschreiben ist es, wie sehr diese Wirksamkeit nach Umfang und Machtfülle sich erweiterte, aber sie zum Gipfel ihrer Herrlichkeit, wie es ihrer Würde und ihren glänzenden Verdiensten zukam, bei ihrem göttlichen Sohne erhoben worden war. Denn seit jenem Tage begann sie nach göttlichem Ratschluss so über die Kirche zu wachen, so uns mütterlich Beistand und Gnade zu leihen, dass sie, begabt mit fast unermesslicher Gewalt, die Ausspenderin der aus dem Geheimnis der Erlösung des Menschengeschlechtes für alle Zeit fließenden Gnade wurde, gleichwie sie einst die Helferin in Vollführung des Erlösungswerkes war.

8 Deshalb fühlen sich die Christenseelen mit Recht, gleichsam wie durch einen natürlichen Antrieb geleitet, zu Maria innig hingezogen, teilen ihr vertrauensvoll ihre Absichten und Unternehmungen, ihre Ängsten und Freuden mit, empfehlen ihrer gütigen Fürsorge sich und alle ihre Angelegenheiten wie Kinder. Deshalb haben alle Völker und alle Riten ihr mit vollstem Rechte glänzende Lobestitel zuerkannt, welche die Stimme der Jahrhunderte noch vermehrte. Neben vielen andern Ehrenamen heißt sie: unsere Herrin, unsere Mittlerin,[3] Wiederherstellerin des ganzen Erdkreises,[4] Bringerin der göttlichen Gnaden.[5]

Maria und die Ausbreitung des Evangeliums

9 Und weil der Glaube die Grundlage und Krone der göttlichen Gnaden ist, durch welcher der Mensch die übernatürliche Vollendung für das ewige Leben erlangt, so wird passend hervorgehoben, dass zur Erlangung und zur Ausbildung des Glaubens im Heilswerk jene eine geheimnisvolle Mitwirkung entfaltet, welche den „Urheber des Glaubens“ geboren hat, und welche wegen des Glaubens als „selig“ begrüßt wurde: „Niemand o Heiligste, wird mit der Erkenntnis Gottes erfüllt als durch dich; niemand gelangt zum Heile als durch dich, o Gottesgebärerin; niemand erhält Gnade aus Barmherzigkeit als durch dich.“[6]

10 Auch wird keiner sich einer Täuschung hingeben, der mit Zuversicht behauptet, dass die rasche Ausbreitung der Weisheit und Gnadenanstalten des Evangeliums unter alle Völker mit der Einrichtung der neuen Ordnung der Gerechtigkeit und des Friedens, trotz unerhörter Beschwerlichkeiten und Hemmnisse, ihrer Leitung und Hilfe zumeist zu danken sei. Ja, der hl. Cyrill von Alexandrien hat diesen Eindruck in dem folgenden Gebete zur heiligsten Jungfrau tiefbewegt ausgesprochen: „Durch dich haben die Apostel den Völkern das Heil gepredigt...; durch dich wird auf dem ganzen Erdkreis das kostbare Kreuz gepriesen und angebetet ...; durch dich werden die Dämonen vertrieben und der Mensch selbst zum Himmel zurückgerufen; durch dich ist jede im Irrtume des Götzendienstes befangene Kreatur zur Erkenntnis der Wahrheit geführt worden; durch dich gelangten die Gläubigen zur heiligen Taufe, und sind überall unter den Völkern Kirchen gegründet worden.“[7]

Maria, Szepter des wahren Glaubens

11 Ja sie hat sich, wie derselbe Kirchenlehrer in seinem Lobe hervorhebt,[8] sogar als „das Szepter des wahren Glaubens“ wirksam erwiesen durch ihr sorgfältiges, ununterbrochenes Walten dafür, dass der katholische Glaube bei den Völkern unerschüttert bestehe, unversehrt erhalten bleibe und fruchtbringend seine Kraft bewähre. Es gibt hierfür zahlreiche und genügend bekannte Beweise aus der Geschichte, die nicht selten überdies auf wunderbare Weise erhärtet sind. In jenen Zeiten und an jenen Orten, wo die tiefste Erschlaffung des Glaubens infolge der Gleichgültigkeit oder die größte Gefährdung durch die Pest nichtswürdiger Irrtümer schmerzlich zu beklagen war, da erwies sich in Gnaden hilfreich die große Jungfrau.

12 Ihrem Antrieb, ihrer Belebung verdankte man das Auftreten kraftvoller Helden, welche in glänzender Heiligkeit und voll des apostolischen Geistes das Unterfangen der Gottlosen vereitelten und die Seelen zur Rückkehr zum frommen Christenleben begeisterten. Einer von den vielen, Dominikus Guzmann, sei als ihr Typus erwähnt. Nach beiden Richtungen ist er mit Glück tätig gewesen, indem er sein Vertrauen auf das hilfebringende Gebet des Marianischen Rosenkranzes setzte.

13 Welcher Anteil der Gottesmutter auch an dem verdienstvollen Wirken der ehrwürdigen Kirchenväter und Kirchenlehrer, ihrer herrlichen Arbeit für die Verteidigung und Erklärung der katholischen Wahrheit zukommt, darüber kann niemand im Zweifel sein. Denn aus dankbarem Herzen bekennen sie selbst, dass ihnen von ihr, dem Sitze der göttlichen Weisheit, bei der Abfassung ihrer Schriften in Fülle das Gut des besten Rates zugekommen sei; nicht von ihnen, sondern von ihr sei deshalb das Verderbnis des Irrtums überwunden worden. Schließlich haben Fürsten und römische Päpste als Hüter und Verteidiger des Glaubens, die einen im heiligen Kriege, die andern bei feierlichen Entscheidungen, den Namen der göttlichen Mutter angerufen und jedes Mal ihre Güte und Macht erfahren.

14 Deshalb beglückwünschen die Kirche und die Väter ebenso wahr als rühmend Maria: „Sei gegrüßt, du ewig beredter Mund der Apostel, unerschütterliche Feste des Glaubens, unverrückbares Bollwerk der Kirche;[9] sei gegrüßt, du, durch welche wir unter die Bürger der einen heiligen, katholischen und apostolischen Kirche eingeschrieben worden sind.[10] Sei gegrüßt, du Born, von Gott erschlossen, aus welchem die Ströme der göttlichen Weisheit in den reinen und klaren Wogen des wahren Glaubens dahinfließen und den Schwarm der Irrtümer von dannen treiben.[11] Freue dich, den alle Irrlehren hast du allein vernichtet in der ganzen Welt.“[12]

Maria und die Glaubenseinheit

15 Dieser große Anteil der erhabenen Jungfrau an dem Vordringen, den Kämpfen und Siegen des katholischen Glaubens enthüllt noch mehr den herrlichen Ratschluss Gottes bezüglich ihrer und soll bei allen Gutgesinnten die größte Hoffnung erwecken in Betreff der Anliegen, die gegenwärtig Gegenstand der Wünsche aller sind. – Auf Maria müssen wir vertrauen, zu Maria müssen wir flehen.

16 Fürwahr! Wie erfolgreich wird sie mit ihrer Macht das Ziel beschleunigen können, dass zu neuem und erwünschtem Glanze der Religion unter den christlichen Völkern ein Glaubensbekenntnis in Eintracht die Geister, das einigende Band vollkommener Liebe den Willen der Herzen verbinde! Sollte sie es nicht bewirken wollen, dass die Völker, um deren innigste Einheit ihr Eingeborener so nachdrücklich zum Vater flechte, die er alle durch die eine Taufe zu derselben um unermesslichen Preis erworbenen Erbschaft des Heiles berufen, einmütig ihrem Ziele unter Führung seines wunderbaren Lichtes zustreben? Sollte sie ihre Güte und Fürsorge nicht darauf verwenden, dass sie der Kirche, der Braut Christi, nach den Anstrengungen, die diese so lange Zeit für dieses Ziel gemacht hat, Trost bringe, und besonders dass sie die ausgezeichnete Frucht ihrer Mutterschaft, die Einheit der christlichen Familie, vollkommen herbeiführe?

Geschichtliche Erinnerung

17 Die Erwartung, dass dieser Erfolg in nicht zu ferner Zeit eintrete, scheint der Glaube und das Vertrauen zu bestätigen, welches die frommen Herzen erfüllt, dass nämlich gerade Maria das glückliche Band sein werde, dessen sanfte und feste Gewalt allüberall diejenigen, welche Christus lieben, durch den Gehorsam gegen seinen Stellvertreter auf Erden, den römischen Papst, als den gemeinsamen Vater zu einem Volk von Brüdern zusammenschließen wird.

18 Bei diesem Gedanken überfliegt der Geist gerne die Jahrbücher der Kirche bis zu den edeln Beispielen der damaligen Einheit und hält mit besonderer Freude inne bei der Erinnerung an das große Konzil von Ephesus. Dort ist sichtbar die vollkommene Übereinstimmung im Glauben und die gleich innige Gemeinschaft der Gnadenmittel, die damals das Morgenland und das Abendland verband, in einzigartiger Festigkeit zur Geltung gekommen und in ausgezeichnetem Glanze strahlend hervorgetreten. Denn als dort die Väter in rechtmäßiger Weise den Glaubenssatz feststellten, die heilige Jungfrau sei Gottesgebärein, da erfüllte den ganzen christlichen Erdkreis eine und dieselbe festliche Freude, als die Nachricht von diesem Geschehnis aus der tieffrommen, aufjubelnden Stadt zu ihm hinausdrang.

Maria und das Gebet um Glaubenseinheit

19 So viele Gründe nun das Vertrauen auf die große Güte und Macht der heiligen Jungfrau in Hinsicht auf den Gegenstand auf unsere Gebete stützen und mehren, ebenso lebhaft soll sich der Eifer zur Anrufung derselben, wie Wir es den Katholiken nahe legen, angespornt fühlen. Mögen sie ferner bedenken, wie ehrenvoll und segensreich dies für sie selber, wie erfreulich und angenehm es Gleicherweise der heiligen Jungfrau sein wird. Denn dadurch geben sie zu erkennen, dass sie, wie sie das Gut der Glaubensreinheit besitzen, so auch den Wert dieser Wohltat nach Gebühr hochschätzen und dieselbe noch in größerer Ehrfurcht bewahren wollen. Und sie können auf keine bessere Weise den brüderlichen Geist gegen die Getrennten bewähren, als wenn sie ihnen angelegentlich Beistand leisten zur Wiedererlangung des einen und allergrößten Gutes.

20 Diese wahrhaft christliche Bruderliebe, die in jedem Zeitalter der Kirche blühte, pflegte ihre stärkste Kraft von der Gottesmutter, der besten Gönnerin des Friedens und der Einigkeit, zu erbitten. Der hl. Germanus von Konstantinopel betete zu ihr mit den folgenden Worten: „Gedenke der Christen, die deine Diener sind, empfiehl die Gebete ihrer aller, stütze die Hoffnungen aller, befestige du den Glauben, verbinde du die Kirchen zur Einheit.“[13]

Die Marienverehrung des Ostens

Bis heute ist bei den Griechen das folgende kräftige Gebet zu ihr im Gebrauche: „Du Reinste, der es gegeben ist, hinzutreten zu deinem Sohne ohne Furcht, zurückgewiesen zu werden, bitte ihn, o Heiligste, dass er der Welt den Frieden gebe und alle Kirchen mit dem Hauche derselben Gesinnung erfülle, und wir alle werden dich preisen.“[14]

21 Dazu kommt noch ein besonderer Grund, wegen dessen Maria uns auf das Flehen für die getrennten Völker besonders mild willfahren wird, nämlich die vortrefflichen Verdienste der letztern, besonders der orientalischen Völker, um sie. In hohem Grade wahrlich verdankt man ihnen die Ausbreitung und Vertiefung der Marienverehrung; sie stellten denkwürdige Vorkämpfer und Verteidiger ihrer Würde von hoher Stellung uns Schriftstellerischer Bedeutung, Verkünder ihres Ruhmes voll Feuer und Anmut ausgezeichneter Beredsamkeit; gottgefällige Kaiserinnen[15] ahmten das Beispiel der unversehrten Jungfrau nach und ehrten sie mit freigebigen Spenden; Kapellen und Kirchen erhoben sich in königlicher Pracht.

Marienbilder des Osten ins Abendland übertragen

22 Es liegt Unserem Gegenstand nicht ferne, wenn wir im einzelnen, wie es auch der heiligen Gottesmutter zum Ruhme gereicht, eines hervorheben. Es ist allgemein bekannt, dass bei verschiedenen Veranlassungen hehre Bildnisse derselben aus dem Oriente in das Abendland, meistens nach Italien und in diese Stadt in größerer Anzahl übertragen wurden.

23 Mit tiefer Ehrfurcht haben einst die Väter sie entgegengenommen und hoch verehrt; und die Enkel wetteifern mit ihrer Frömmigkeit im Bestreben, sie heilig zu halten. In dieser Tatsache möchten Wir einen Fingerzeig und Gnadenerweis der hingebendsten Mutter erkennen. Sie scheint sagen zu wollen, dass diese Bildnisse gleichsam als Zeugen der Zeiten, in welchen die ganze christliche Völkerfamilie überall in vollkommener Einheit verbunden war, und sozusagen als liebwerte Unterpfänder des gemeinsamen Erbgutes in unserer Mitte sich befinden; deshalb soll denn ihr Anblick wie eine stille Mahnung der heiligen Jungfrau selber die Herzen bewegen, auch jener andächtig zu gedenken, welche die katholische Kirche zur alten Eintracht und Freude in ihre Arme voll größter Liebe zurückruft.

Der Rosenkranz als Gebet für die Einigung unter den Christen

24 So ist uns in Maria eine sehr mächtige Schutzherrin der christlichen Einheit von Gott gegeben. Wenn der Schutz derselben auch nicht bloß durch eine Gebetsweise erlangt werden kann, so geschieht dies doch am besten und wirksamsten, wie Wir glauben, durch die Rosenkranzandacht. Wir haben an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass nicht der kleinste Nutzen derselben darin bestehe, dass sie dem Christen bequem und leicht Stärkung im Glauben und Schutz vor den Gefahren der Unwissenheit und des Irrtums bietet;

25 schon die Entstehung der Rosenkranzandacht beweist dies. Ja es ist offenbar, wie enge diese Übung des Glaubens zu Maria in Beziehung tritt, mag sie durch mündliche Wiederholung der Gebete oder hauptsächlich durch die innerliche Betrachtung der Geheimnisse geschehen. Denn so oft wir, vor ihr hingeworfen, den heiligen Rosenkranz ordnungsgemäß beten, erneuern wir dergestalt die Erinnerung an das bewunderungswürdige Werk unseres Heiles, dass wir wie Augenzeugen die Entwicklung jener Reihe von Begebenheiten und Wirkungen schauen, durch die sie zugleich Mutter Gottes und unsere Mutter geworden ist.

26 Wie groß ihre Würde in beiderlei Hinsicht ist, wie reich die Frucht beider Ämter, das zeigt sich in lebensvollem Lichte, wenn man in Andacht die Gemeinschaft Marias mit dem Sohne in den Geheimnissen der Freude, des Leides und der Glorie betrachtet. Da muss fürwahr in der Seele das Gefühl dankbarer Liebe gegen sie entbrennen, dass sie erhaben über alles Vergängliche mit festem Vorsatz sich dieser großen Mutter und ihrer Wohltaten würdig zu erweisen trachtet. Es ist aber unmöglich, dass die öftere und gläubige Beherzigung gerade dieser Geheimnisse Maria nicht mit größter Freude erfülle und als die gütigste aller Mütter zur Milde gegen die Menschen rühre.

27 Und deshalb lehren Wir, dass das Rosenkranzgebet ein überaus geeignetes Mittel ist, die Sache der getrennten Brüder vor ihr bittend zu vertreten. Dies gehört im eigentlichen Sinne zu dem Amte ihrer geistlichen Mutterschaft. Denn diejenigen, die Christi sind, hat Maria nur geboren und konnte sie nur gebären in der Einheit des Glaubens und der Liebe. Denn „ist etwa Christus geteilt“?[16] In Einheit müssen wir alle das Leben Christi leben, dass wir in einem und demselben Leibe „Gott Früchte bringen“.[17] Deshalb muss alle, welche immer eine unselige Verwirrung der Verhältnisse von dieser Einheit losgerissen hat, die gleiche Mutter, die von Gott mit beständiger Fruchtbarkeit an heiliger Nachkommenschaft gesegnet ist, für Christus gleichsam wiedergebären. Und sie sehnt sich innigst danach, dies zu vollbringen; winden wir den Kranz willkommener Gebete ihr zum Geschenke, und sie wird ihnen die Hilfe des lebensspendenden Geistes in Fülle erlangen. Möchten sie nur auch es nicht ablehnen, dem Willen der mitleidsvollen Mutter zu willfahren und für ihr eigenes Heil besorgt mit dem gutem Geiste die so freundliche Einladung hören: „Meine Kindlein, für die ich abermals in Geburtsängsten schwebe, bis Christus in euch gestaltet wird.“[18]

Der Rosenkranz und der christliche Osten

28 Im Hinblick auf diese Kraft des Marianischen Rosenkranzes haben einige Unserer Vorgänger besonders die Verbreitung desselben unter den orientalischen Völkerschaften sich sorgfältig angelegen sein lassen. Vorzüglich war es Eugen IV. in der Konstitution Advesperascente vom Jahre 1439, dann Innozenz XII., und Klemens XI. Durch ihre Verfügung wurden auch, in der gleichen Absicht, dem Predigerorden ausgedehnte Privilegien erteilt. Und es hat dem Eifer und dem Geschick der Mitglieder dieses Ordens nicht an Erfolg gefehlt; vielfache und unzweideutige Zeugnisse der Geschichte liegen dafür vor; allerdings hat nochmals die Länge und die Ungunst der Zeit den Forschritt des Unternehmens nicht wenig behindert. In unsern Tagen jedoch hat derselbe Eifer für die Übung des Rosenkranzes, dessen Erwachen Wir im Anfang lobend erwähnt haben, in gleicher Weise auch in jenen Gegenden die Herzen vieler erfasst. So sehr diese Tatsache wahrhaftig Unserem Beginnen entspricht, ebensoviel Nutzen hoffen Wir davon für die Erfüllung Unserer Wünsche.

Die neue Marienkirche in Patras

29 Mit dieser Hoffnung verbindet sich noch ein erfreuliches Ereignis, welches das Morgenland wie das Abendland gleich nahe angeht und eben mit diesen Wünschen vollkommen übereinstimmt. Wir haben, Ehrwürdige Brüder, jenen Plan im Auge, welcher erstmals auf dem hochachtbaren eucharistischen Kongress zu Jerusalem gefasst wurde, nämlich zu Ehren der Königin des heiligen Rosenkranzes eine Kirche zu bauen, und zwar zu Patras in Achaia nicht weit von der Stätte, wo einst der christliche Name unter ihrem Schutze seinen Glanz verbreitete. Wie Wir von dem Ausschusse erfahren, welcher unter Unserer Billigung für die Förderung der Angelegenheit und die Ausführung des Werkes gebildet worden ist, haben auf Ansuchen schon die meisten von Euch voll Aufmerksamkeit Beiträge dazu eingesandt und versprochen, auch in Zukunft bis zur Vollendung des Werkes mit unveränderter Teilnahme beizustehen.

30 So ist dafür hinlänglich Sorge getragen, dass zu einem der Größe der Sache würdigen Bau beschritten werden kann: und es ist von Uns die Erlaubnis erteilt worden, dass demnächst in feierlicher Weise der Grundstein des bedeutungsvollen Tempels gelegt werde. Es wird ein Gotteshaus sich erheben im Namen des christlichen Volkes, ein Denkmal des ewigen Dankes gegen die himmlische Helferin und Mutter; sie wird dort nach lateinischem und griechischem Ritus angerufen werden, dass sie zu den alten Guttaten mit immer größerer Hilfsbereitschaft neue in Fülle spenden möge.

„Zeige, dass du Mutter bist“

31 Nun, Ehrwürdige Brüder, kehrt Unser Mahnung zum Ausgangspunkte zurück. O mögen alle Hirten und ihre Herden unter den Schutz der großen Jungfrau, zumal im nächsten Monat, mit allem Vertrauen ihre Zuflucht nehmen! Mögen sie nicht ablassen, öffentlich und privatim, mit Lob und Bittgebeten und Wüschen einmütig sie anzurufen und zu beschwören als Gottes und unsere Mutter: „Zeige, dass du unsere Mutter bist!“ Darin zeige sich ihre mütterliche Milde, dass sie ihre ganze Familie sicher bewahre vor jeder Gefahr, sie zu wahrem Glücke geleite und insbesondere sie gründe auf die heilige Einheit. Gnädig möge sie herniederschauen auf die Katholiken in einem jeden Volke, sie möge sie umschlingen mit dem Bande der Liebe und mit regem Eifer und festerer Standhaftigkeit erfüllen zur Aufrechterhaltung der Ehre der Religion, in welcher zugleich die größten Güter des Staates eingeschlossen sind. Mit größter Güte aber wolle sie herniederschauen auf die großen und erlauchten Völker in der Trennung, Geister voll Adel und eingedenk der Pflichten des Christen.

32 Sie möge in ihnen die heilsamsten Wünsche anregen, nähren und zur Erfüllung bringen. Den Getrennten im Morgenlande möge jene ausgesprochen, so verbreitete Ergebenheit gegen sie zu statten kommen, sowie die vielen zu ihrer Ehre vollbrachten Taten der Vorfahren. Den Getrennten im Abendlande bringe Segen die Erinnerung an ihren wohltätigen Schutz, durch welchen sie die ausgezeichnete Hingebung aller Stände durch viele Jahrhunderte gerechtfertigt und belohnt hat.

33 Beiden aber und allen, wo immer sie sich befinden, bringe Segen das vereinte Beten der katholischen Völker, und Unser Gebet, die wir bis zum letzten Atemzuge rufen: „Zeige, dass du unsere Mutter bist“

Inzwischen erteilen Wir Euch allen, Euerem Klerus und Volk als Unterpfand der göttlichen Gnaden und zum Zeugnis Unseres Wohlwollens in aller Liebe den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, den 5. September des Jahres 1895,
dem achtzehnten Unseres Pontifikates
Leo XIII. PP.

Anmerkungen

  1. Kol 4,2 EU
  2. Or. 47, olim 46.
  3. S. Bernardus, Serm. 2 in adv. Domini n. 5.
  4. S. Tharasius, Or. In praesent. Deip.
  5. In offic. graec. VIII. dec., Θεοτοκίον post oden IX.
  6. S. Germanus Const., Or. 2 in dormit. B. M V.
  7. Hom. contra Nestorium.
  8. Ibid.
  9. Ex hymno Graecor. Άκάτιστος.
  10. S. Ioannes Damasc., Or. in annunc. Dei Genitricis n. 9.
  11. S. Germanus Const., Or. in Deip. Praesent. N. 14.
  12. In off. B. M V.
  13. Or. Hist. In dormit. Deiparae.
  14. Men. v. maii, Θεοτοκίον post oden IX. De S. Irene V. M.
  15. S. Cyrill. Alex., De fide ad Pulcheriam et sorores reginas.
  16. 1 Kor 1,13 EU
  17. Röm 7,4 EU
  18. Gal 4,19 EU
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