Ad petri cathedram (Wortlaut)

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Ad petri cathedram

unseres Heiligen Vaters
Johannes XXIII.
durch göttliche Vorsehung Papst
an alle Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
und die anderen Oberhirten die in Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle leben,
sowie an den gesamten Klerus und die Christgläubigen des katholischen Erdkreises
über die Förderung der Wahrheit, der Einheit und des Friedens im Geiste der Liebe
29. Juni 1959

(Offizieller lateinischer Text: AAS LI [1959] 497-531)

(Quelle: [Nichtamtliche Übersetzung] Typografia Poliglotta Vaticana 1959. Die Nummerierung folgt der portugiesischen, Verbesserungen der lateinischen Fassung)

Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramtstexte dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


Der heilige Johannes XXIII.
EHRWÜRDIGE BRÜDER, GELIEBTE SÖHNE
GRUSS UND APOSTOLISCHEN SEGEN!

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG: DIE KIRCHE IN EWIGER JUGEND

Gründe des Trostes und der Hoffnung

1 Auf den Stuhl Petri erhoben ohne Unser Verdienst, erinnern Wir Uns nicht ohne Ermutigung und Trost an das, was Wir sahen und hörten, als nahezu alle Menschen jeden Volkes und jeden Geistes über den Heimgang Unseres nächsten Vorgängers trauerten, und Wir erinnern Uns, wie sich ebenso nachher die Menschenmengen, waren sie auch durch andere Ereignisse und schwierige Zeitumstände in Sorge und Spannung gehalten, mit einem Herzen hoffnungsvollen Vertrauens Uns zuwandten, die Wir mit dem Obersten Hirtenamt betraut waren. Das zeigt aber offensichtlich, dass die Katholische Kirche in immerwährender Jugend blüht, dass sie wie ein hoch aufgerichtetes Zeichen ist für die Nationen(1) und dass von ihr ein durchdringendes Licht und eine milde Liebe auf alle Völker ausströmt.

2 Es war Uns dann weiter eine große Freude, dass die Bekanntgabe des Planes zur Abhaltung eines Ökumenischen Konzils und einer römischen Synode zur Anpassung des kirchlichen Rechtsbuches an die heutigen Erfordernisse und der Herausgabe eines neuen Rechtsbuches für die Kirche des orientalischen Ritus den Beifall vieler fand und die gemeinsame Hoffnung weckte, alle würden mit glücklichem Erfolg zu größerer und tieferer Erkenntnis der Wahrheit, zu heilsamer Erneuerung christlicher Sitten und zur Wiederherstellung der Einheit, der Eintracht und des Friedens angetrieben werden.

3 Über diese drei Anliegen, über die Wahrheit, die Einheit und den Frieden, die im Geiste der Liebe zu erringen und zu fördern sind, wollen Wir jetzt in diesem Unserem ersten Rundschreiben an den gesamten katholischen Erdkreis sprechen, denn dies vor allem scheint Unser apostolisches Amt zu verlangen. Von oben stehe das Licht des Heiligen Geistes Uns beim Schreiben und euch beim Lesen bei, die wirksame Gnade Gottes aber treibe alle an zur Verwirklichung dessen, was wir gemeinsam ersehnen, mögen auch nicht wenige vorgefasste Meinungen und Schwierigkeiten und viele Hindernisse dem Ziel entgegenstehen.

ERSTER TEIL: DIE WAHRHEIT

Die Kenntnis der Wahrheit, vor allem der geoffenbarten

4 Die Ursache und gleichsam die Wurzel aller Übel, welche die Einzelnen die Völker und die Nationen gewissermaßen vergiften und die Herzen vieler verwirren, ist die Unkenntnis der Wahrheit, ja nicht bloß deren Unkenntnis, sondern zuweilen sogar deren Verachtung und die unbesonnene Abkehr von ihr. Daraus entstehen Irrtümer aller Art, die gleich Pestkeimen in die Herzen und selbst in das Gefüge der menschlichen Gesellschaft eindringen und alles in Unordnung bringen, zum großen Unheil für die Einzelnen und für die ganze menschliche Gesellschaft. Nun hat uns Gott aber die Vernunft gegeben, die fähig ist, die natürliche Wahrheit zu erkennen. Wenn wir ihr folgen, so folgen wir Gott selbst, der ihr Urheber und Führer und Gesetzgeber unseres Lebens ist, wenn wir aber aus Torheit oder aus Gleichgültigkeit oder gar aus bösem Willen von ihr abweichen, so wenden wir unser Herz vom höchsten Gute selbst und von der rechten Lebensnorm ab.

Wir können zwar, wie gesagt, die natürlichen Wahrheiten kraft der Vernunft erfassen, doch wird die Erkenntnis - zumal in Fragen der Religion und der Sittlichkeit - nicht von allen leicht und häufig nicht ohne Beimischung von Irrtümern erreicht, und ferner können wir Wahrheiten, die über das Vermögen der Natur und über die Fassungskraft der Vernunft hinausgehen, ohne das Licht und die Hilfe Gottes in keiner Weise erfassen. Deshalb ist das Wort Gottes, das »in unzugänglichem Lichte wohnt«,(2) in unermesslicher Liebe sich des Loses der Menschen erbarmend, »Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt«,(3) um »jeden, der in diese Welt kommt, zu erleuchten«(4) und um alle nicht nur zur ganzen und vollen Wahrheit, sondern auch zur Tugend und zur ewigen Seligkeit zu führen. Darum sind alle verpflichtet, die Lehre des Evangeliums anzunehmen; wenn man sie verwirft, so sind selbst die Grundlagen der Wahrheit, der Rechtschaffenheit und der Zivilisation gefährdet.

Die Wahrheit des Evangeliums führt zum ewigen Leben

5 Offensichtlich handelt es sich um eine sehr wichtige Frage, mit der unser eigenes ewiges Heil aufs engste zusammenhängt. Jene, die nach dem Wort des Völkerapostels »immerfort lernen wollen und doch nie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen«,(5) jene, die leugnen, dass der menschlichen Vernunft eine sichere und gewisse Wahrheit offen stehen könne, und jene, welche die von Gott geoffenbarten und zu unserem ewigen Heile notwendigen Wahrheiten ablehnen: sie alle weichen zweifellos bedauerlich von der Lehre Christi und von der Losung des gleichen Völkerapostels ab, der sagt:» ... Möchten wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen... Wir sollen ja nicht mehr unmündige Kinder sein, ein Spiel der Wellen und hin und her getrieben von jedem Winde der Irrlehre, die mit menschlicher Laune und List auf Täuschung und Verführung ausgeht. Vielmehr sollen wir die Wahrheit leben in Liebe, um in jeder Hinsicht hineinzuwachsen in ihn, der das Haupt ist, Christus. Von ihm aus wird der ganze Leib zusammengefügt und zusammengehalten durch jedes Gelenk, das seinen Dienst tut nach der Kraft, die ihm zugemessen ist. So vollzieht sich dass Wachstum des Leibes, um sich aufzubauen in Liebe«.(6)

Die Pflichten der Presse hinsichtlich der Wahrheit

6 Wer aber mit Bedacht und vermessen die erkannte Wahrheit bekämpft und im Reden, Schreiben und Handeln die Waffen der Lüge gebraucht, um das ungebildete Volk anzulocken und für sich zu gewinnen und um die Herzen der jungen Leute, unwissend und beeindruckbar wie Wachs, zu bilden und nach seinem eigenen Sinn zu formen: der missbraucht die Unerfahrenheit und Unschuld anderer und treibt ein durchaus verwerfliches Unterfangen.

7 Hier können Wir nicht anders, als in besonderer Weise jene zur Sorgfalt, Vorsicht und Klugheit in der Darlegung der Wahrheit zu ermahnen, die durch Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, deren es heute so viele gibt, großen Einfluss ausüben auf die Belehrung und Erziehung, die Meinungsbildung und das sittliche Verhalten der Mitbürger, zumal der Jugend. Sie haben die ernste Verpflichtung, keine Lügen, Unrichtigkeiten und keinen Schmutz zu verbreiten, sondern nur die Wahrheit und vor allem alles das, was nicht zum Laster, sondern zum rechten Tun und zur Tugend führt.

8 Mit großem Schmerz sehen Wir, was schon Unser Vorgänger unsterblichen Andenkens, Leo XIII. beklagte, »die Lüge kühn sich breit machen... in umfangreichen Büchern und Kleinschriften, in flatternden Tageblättern und verführerischen Schaustellungen«;(7) Wir sehen »Bücher und Zeitschriften, die darauf angelegt sind, die Tugend zu verspotten und das Laster zu beschönigen«.(8)

Rundfunk, Film und Fernsehen

9 Dazu kommen heute bekanntlich noch, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, die Darbietungen des Rundfunks, des Films und des Fernsehens, von denen die letzten leicht zu Hause empfangen werden, von allen diesen können zwar Anregungen und Antriebe zum Ehrbaren und Guten wie auch zur christlichen Tugend ausgehen, aber nicht selten können leider daraus, besonders für die Jugend, Verlockungen zu bösen Sitten, zu einem verdorbenen Leben, zu trügerischen Irrtümern wie zu schlüpfrigen Lastern entstehen. Diesen verderblichen Waffen ist daher das Rüstzeug der Wahrheit und Redlichkeit entgegenzusetzen, um die Macht dieses großen, täglich weiter um sich greifenden Übels mit aller Sorgfalt abzuwehren. Der schlechten und lügnerischen Presse ist darum mit einem guten und ehrlichen Schrifttum zu begegnen; den Rundfunksendungen, sowie den Film- und Fernsehdarbietungen, die zum Irrtum führen und dem Laster schmeicheln wollen, sind andere zur Verteidigung der Wahrheit und der Erhaltung guter Sitten entgegenzustellen; auf diese Weise sollen jene neuen Erfindungen, die sehr viel Unheil zu stiften vermögen, zum Heil und zur Wohltat für die Menschen wie zugleich zu ehrbarer Erholung verwendet werden, und so soll aus derselben Quelle, die oft böses Gift bietet, auch das Heilmittel kommen.

Religiöse Gleichgültigkeit

10 Ferner fehlt es nicht an Leuten, die zwar die Wahrheit nicht geflissentlich und absichtlich bekämpfen, die aber durch ihre Gleichgültigkeit und große Sorglosigkeit. doch gegen sie arbeiten, wie wenn Gott uns nicht den Verstand zum Suchen und Finden dieser Wahrheit gegeben hätte. Diese verkehrte Haltung führt wie von selbst zu der ganz widersinnigen Behauptung, alle Religionen seien gleich zu werten ohne Unterschied von wahr und falsch. »Dieser Schluss - um die Worte Unseres schon genannten Vorgängers zu gebrauchen - dient dem Untergang aller Religionen, namentlich der katholischen, die als einzig wahre unter allen nicht ohne großes Unrecht den übrigen gleichgestellt werden kann«.(9) Die Verneinung übrigens jeglichen Unterschieds bei Gegensätzlichem und Widersprechendem führt zu dem verhängnisvollen Ergebnis, keine Religion zu wollen, weder in der Theorie noch in der Tat. Wie könnte denn Gott, der die Wahrheit ist, die Unbekümmertheit, Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit derer billigen oder dulden, die sich um Fragen, von denen unser aller ewiges Heil abhängt, in keiner Weise, weder um die Erforschung und Erfassung der notwendigen Wahrheiten kümmern noch um die rechtmäßige Verehrung, die Gott allein gebührt!

11 Wenn man heute soviel Mühe und Fleiß aufbringt bei der Erlernung und Förderung menschlicher Wissenszweige, sodass unser Jahrhundert sich mit vollem Recht seines wundersamen Fortschritts auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Forschungen rühmt, warum sollten wir denn nicht denselben, ja noch größeren Fleiß und eifrigeres Geschick auf die sichere und feste Aneignung jener Kenntnisse verwenden, die nicht dieses irdische und vergängliche Leben, sondern das himmlische und unvergängliche betreffen? Nur dann, wenn wir zur Wahrheit gelangt sind, die aus dem Evangelium kommt und die in lebendige Tat umgesetzt werden muss, nur dann, sagen Wir, wird unser Herz in Frieden und Freude ruhig werden. Diese Freude übertrifft bei weitem jene, die ihren Ursprung in den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschungen und in den heute von uns ausgenützten wundersamen Erfindungen haben kann, welche durch die Tagesmeldungen bis in den Himmel erhoben werden.

ZWEITER TEIL: EINHEIT, EINTRACHT UND FRIEDE

Die Wahrheit bringt der Sache des Friedens ansehnliche Vorteile

12 Aus dieser Kenntnis der Wahrheit - die vollständig, unversehrt und aufrichtig sein soll - muss die Einheit kommen und überströmen in unseren Geist, in unser Herz und unser Tun. Alle Zwietracht nämlich, alle Unstimmigkeiten und Uneinigkeiten haben gleichsam ihren ersten Ausgangspunkt in der Wahrheit, die entweder nicht erkannt wurde oder die, was noch schlimmer ist, zwar erforscht und durchschaut, jedoch abgelehnt wurde, sei es um des Nutzens und der Vorteile willen, die oftmals aus den falschen Ansichten erhofft werden, sei es wegen jener böswilligen Blindheit, in der die Menschen für ihre Laster und unrechten Taten gar zu leicht und zu nachsichtig eine Entschuldigung suchen.

13 Es ist daher notwendig, dass alle, die Einzelnen wie auch jene, in deren Händen das Los der Völker liegt, aufrichtig die Wahrheit lieben, wenn sie die Eintracht und den Frieden erreichen wollen, woraus die wahre, private und öffentliche Wohlfahrt kommen kann.

14 Zu dieser Eintracht und zu diesem Frieden ermahnen Wir ausdrücklich jene, die den Staat regieren. Wir, die Wir über allen Spannungen zwischen den Völkern stehen, alle Völker mit gleicher Liebe umfangen und von keinen irdischen Vorteilen, von keinen Ansprüchen politischer Macht und von keinerlei Wünschen dieses Lebens geleitet werden, Wir glauben in einer Lage zu sein, dass Wir von allen Menschen jeglichen Volkes unvoreingenommen beurteilt und unvoreingenommen gehört werden, wenn Wir über diese überaus wichtige Frage sprechen.

Gott hat die Menschen als Brüder erschaffen

15 Gott schuf die Menschen nicht als Feinde, sondern als Brüder. Die Erde gab er ihnen zum Bebauen unter Mühen und Arbeit, damit die einzelnen und die Gesamtheit die Früchte und alles das bekämen, was zum Unterhalt und zum Leben notwendig ist. Die verschiedenen Nationen aber sind nichts anderes als Gemeinschaften von Menschen, das heißt von Brüdern, Gemeinschaften, die nicht nur ihr eigenes Ziel, sondern auch in brüderlicher Einheit die gemeinsame Wohlfahrt der ganzen menschlichen Gesellschaft erstreben sollen.

16 Ferner darf der Weg dieses sterblichen Lebens nicht nur in sich selbst betrachtet und nur um des Genusses willen übernommen werden, er führt nicht bloß zum Untergang des menschlichen Leibes, sondern auch zum unsterblichen Leben, zu einer unvergänglichen Heimat.

17 Wenn diese Lehre, diese trostvolle Hoffnung aus den Herzen der Menschen gerissen wird, so schwindet jede Lebensgrundlage; Begierden, Uneinigkeiten und Zwistigkeiten, die durch keinen wirksamen Zügel zu bändigen sind, brechen notwendig aus unserem Innern hervor; nicht der Ölzweig des Friedens leuchtet dann dem Geiste, sondern die Fackeln der Zwietracht flammen auf; unser Los ist dann dem Los der vernunftlosen Tiere beinahe gleich; ja, es ist sogar schlimmer, insofern wir, mit der Fähigkeit zu denken ausgestattet, die Möglichkeit haben, diese zu missbrauchen und auf Schlimmeres zu sinnen und zu verfallen – was leider nur zu oft geschieht - und, wie einstens Kain, durch vergossenes Bruderblut und schweres Vergehen die Erde zu entstellen.

18 Es ist also vor allem notwendig, Geist und Herz an diese rechten Grundsätze zu erinnern, wenn wir, wie es sich geziemt, den Willen haben, auch unser Tun auf den Weg der Gerechtigkeit zurückzuführen.

19 Warum, wenn wir doch Brüder heißen und sind, und wenn wir eines gemeinsamen Loses in diesem und im kommenden Leben teilhaft werden, warum, so sagen Wir, können wir uns als Gegner, Feinde und Bekämpfer der übrigen aufspielen? Warum andere beneiden, warum Hass entfachen und tödliche Waffen gegen die Brüder schmieden? Ob, es ist schon genug gekämpft worden unter den Menschen, schon haben allzu gewaltige Scharen junger Leute, in der Blüte der Jahre, ihr Herzblut vergossen. Allzu viele Friedhöfe der im Krieg Gefallenen gibt es schon auf der Erde, und sie mahnen mit ihrer ernsten Stimme alle, endlich einmal zur Eintracht, zur Einigkeit und zum gerechten Frieden zurückzukehren.

20 Wir sollen deshalb alle bedacht sein nicht auf das, was die Menschen untereinander entzweit und trennt, sondern vielmehr auf das, was sie in gegenseitiger und billiger Wertschätzung ihrer selbst und ihrer Angelegenheiten verbinden kann.

Einheit und Eintracht unter den Völkern

21 Wenn man, wie es angemessen ist, auf den Frieden und nicht auf den Krieg bedacht ist, und wenn alle aufrichtigen Herzen auf die brüderliche Eintracht der Völker schauen, nur dann wird es gelingen können, dass die öffentlichen Angelegenheiten richtig erkannt und glücklich geordnet werden; ebenso wird es dann möglich sein, in gemeinsamer Verständigung das zu suchen und zu beschließen, was die gesamte Menschheitsfamilie zu jener so erwünschten Einigung führt, in deren Genuss die einzelnen Nationen die eigenen Rechte auf Freiheit im Auge behalten, nicht den anderen unterworfen, sondern ganz und gar gesichert. Jene, die andere unterdrücken und sie der gebührenden Freiheit berauben, können gewiss nicht beitragen zu dieser Einigung. Diesbezüglich gilt das Wort Leos XIII., Unseres weisen Vorgängers unsterblichen Andenkens: »Um dem Ehrgeiz, der Sucht nach fremdem Besitz, der Eifersucht - den schlimmsten Kriegsschürern - Einhalt zu gebieten, ist nichts geeigneter als die christliche Tugend und an erster Stelle die Gerechtigkeit«.(10)

22 Wenn übrigens die Völker nicht zu dieser brüderlichen Einigkeit gelangen, die sich auf die Vorschriften der Gerechtigkeit stützt und durch die Liebe genährt werden muss, so bleibt die Lage äußerst gefährlich, deshalb beklagen und bedauern es alle Einsichtigen, dass man keine Sicherheit habe, ob man auf die Sicherung eines soliden, wahren und aufrichtigen Friedens oder vielmehr auf einen neuen und ganz schrecklichen kriegerischen Zusammenstoß in höchster Blindheit hintreibe. In höchster Blindheit, sagen Wir; denn falls - was Gott verhüten möge - ein neuer Krieg ausbricht, wird infolge der schauerlichen Waffen, die unsere Zeit einführte, auf alle Völker, Besiegte oder Sieger, nur ein grausiges Morden und ein grauenhafter Zusammenbruch warten und sie heimsuchen.

23 Wir bitten daher alle, besonders die Staatslenker, dies klug und aufmerksam vor Gott dem Richter zu überdenken und willig und gern alle Mittel zu benützen, die zur notwendigen Einigung führen können. Diese einmütige Einigung, durch die gleichzeitig, wie Wir sagen, auch die gemeinsame Wohlfahrt der Völker zweifellos wachsen wird, kann nur dann wiederhergestellt werden, wenn nach Befriedung der Gemüter und Sicherstellung der Rechte aller wieder die Freiheit aufleuchtet, die überall der Kirche, den Nationen und den einzelnen Bürgern geschuldet ist.

Einheit und Eintracht unter den Klassen der Gesellschaft

24 Wenn aber unter den Nationen und Völkern eine einmütige Einheit erstrebt wird, so muss diese notwendig auch unter den verschiedenen Klassen der Bürger immer mehr gefördert werden, andernfalls kann es, wie es sich schon deutlich zeigt, zu gegenseitigem Hass und Feindschaft kommen; daraus werden lärmender Aufruhr, unselige Umstürze und zuweilen auch Blutvergießen folgen zugleich mit immer größerer Schwächung und Gefährdung des öffentlichen und privaten Besitzes. Hierzu bemerkte Unser Vorgänger mit vollem Recht: »(Gott) ordnete an, dass in der Gemeinschaft des Menschengeschlechtes eine Ungleichheit der Klassen und unter diesen eine gewisse, aus freundschaftlichem Verstehen kommende Gleichheit herrsche«.(11) Es ist ja deutlich: »Wie sich im Körper die untereinander verschiedenen Glieder zusammenfinden, sodass jenes Verhältnis entsteht, das man mit Recht Symmetrie nennen könnte, so hat die Natur im Staat vorgeschrieben, dass... sich die Klassen untereinander einmütig zusammenfinden und sich gebührend zum Gleichgewicht verhelfen. Die eine bedarf unbedingt der anderen: es kann der Besitz nicht ohne die Arbeit und die .Arbeit nicht ohne den Besitz bestehen. Die Eintracht erzeugt die Schönheit und die Ordnung der Dinge«(12) Wer also die Ungleichheit der Klassen zu leugnen wagt, widerspricht den Gesetzen der Natur selbst; die Gegner dieser freundschaftlichen und notwendigen Zusammenarbeit der sozialen Klassen versuchen jedoch, die menschliche Gesellschaft in Unordnung zu bringen und zu spalten unter großer Gefährdung und Schädigung des privaten und öffentlichen Wohles. So hat übrigens Unser Vorgänger unsterblichen Andenkens, Pius XII., weise betont: »Bei einem Volke, das dieses Namens würdig ist, sind die Ungleichheiten, die nicht aus der Willkür der Menschen, sondern aus der Natur der Dinge selbst kommen - Ungleichheiten geistiger Kultur, des Besitzes, der sozialen Stellung, immer unbeschadet der Gerechtigkeit und der gegenseitigen Liebe - tatsächlich kein Hindernis für das Bestehen und Vorherrschen eines wahren Geistes gemeinsamer Brüderlichkeit«(13) Die einzelnen Klassen und die verschiedenen Schichten der Bürger können freilich auf ihren eigenen Rechte bestehen, vorausgesetzt dass dies nicht mit Gewalt, sondern auf rechtmäßigem Wege geschieht, und dass sie nicht unbefugt die Rechte der übrigen angreifen, die in gleicher Weise unangetastet bleiben müssen. Alle sind Brüder, daher ist alles in freundschaftlicher Verbundenheit und in gegenseitiger brüderlicher Liebe zu bereinigen.

Einige Zeichen der Entspannung

25 Man muss hierzu gestehen, und dies gibt Hoffnung auf Besserung der Dinge, dass in neuerer Zeit mancherorts das Verhältnis und die Beziehungen unter den Bürgerklassen weniger gespannt und schwierig sind; so hat Unser letzter Vorgänger an die Katholiken Deutschlands die Worte gerichtet: »Die furchtbare Katastrophe des letzten Krieges, die euch leidvoll erschütterte, hat wenigstens das Gute gehabt, dass in noch mehr von Vorurteilen und Gruppeneigennutz sich freimachenden Kreisen die Klassengegensätze weithin ausgeglichen und die Menschen einander näher gebracht wurden. Denn gemeinsame Not ist für alle eine herbe, aber heilsame Zuchtmeisterin«(14)

26 Tatsächlich ist der Abstand zwischen den bürgerlichen Klassen vermindert worden; da sie sich nicht mehr ausschließlich auf den Besitz und die Arbeit zurückführen, sind sie vielfältig geworden und stehen leichter allen Bürgern offen. Denen, die sich durch größeren Fleiß und Tüchtigkeit auszeichnen, ist die Möglichkeit gegeben, zu höheren sozialen Stellungen aufzusteigen, und was die betrifft, die von ihrer täglichen Arbeit leben, so ist es tröstlich zu sehen, dass all die jüngsten Maßnahmen zur Besserung der Lage der Arbeiter in den Betrieben und auf den übrigen Arbeitsgebieten die Wirkung haben, dass diese Arbeiter nicht mehr bloß nach ihrer wirtschaftlichen Bedeutung eingeschätzt werden, sondern auch nach einer höheren und würdigeren Auffassung des menschlichen Lebens.

Erwägungen über wichtige Fragen auf dem Gebiet der Arbeit

27 Es ist aber noch ein weiter Weg zurückzulegen. Noch bestehen zu viele sachliche Ungleichheiten, zu viele Ursachen der Spannung unter den verschiedenen Gruppen, zuweilen infolge der unvollkommenen oder nicht ganz gerechten Meinung über das Eigentumsrecht von seiten derer, die ungebührlich auf den eigenen Nutzen und Vorteil bedacht sind. Dazu kommt die furchtbare Arbeitslosigkeit, die viele so hart trifft und sehr quält, und die wenigstens heute auch deshalb noch größere Schwierigkeiten bereiten kann, weil die Arbeit häufig allerlei technisch vollkommeneren Maschinen übertragen wird. Diese Arbeitslosigkeit beklagte schon Unser Vorgänger seligen Andenkens Pius XI., mit den Worten: »Man muss sehen, wie beinahe unzählige ehrbare Arbeiter zusammen mit ihren Familien zur Untätigkeit und zur äußersten Not gezwungen sind, Arbeiter, die nichts sehnlicher wünschen, als sich in Ehren das Brot verdienen zu können, das sie täglich nach göttlichem Geheiß vom himmlischen Vater erflehen. Ihre Seufzer rühren Unser Herz, und sie lassen Uns, vom gleichen Mitleid ergriffen, jene Klage des liebenden Herzens unseres göttlichen Meisters wiederholen, die er angesichts der vom Hunger erschöpften Menschenmenge aussprach: »Misereor super turbam – Mich erbarmt des Volkes«(15)_(16)

28 Wenn wir also die ersehnte gegenseitige Verbundenheit unter den Klassen der Bürger wollen und suchen, - und wir alle müssen sie wirklich wollen und suchen - so ist in vereintem, privatem und öffentlichem Bemühen und in gemeinsamem mutigem Beginnen nach Kräften dahin zu streben, dass alle Menschen, auch die des Volkes in der bescheidensten Lage, sich durch ihre Arbeit und ihren Schweiß den notwendigen Lebensunterhalt erwerben und auf sichere und ehrbare Weise auch für ihre und der Ihrigen Zukunft vorsorgen können. Dazu haben unsere Zeitverhältnisse der allgemeinen Lebensführung viele Bequemlichkeiten gebracht, von deren Genuss man auch die weniger begüterten Mitbürger nicht fernhalten darf.

29 Jene, die auf den verschiedenen Gebieten der menschlichen Arbeit die Initiative oder Leitung haben, und von denen das Los und zuweilen selbst das Leben der Arbeiter abhängt, mahnen Wir dringend, nicht bloß daran zu denken, welchen Gewinn die Arbeiter durch ihr Mühen einbringen, und nicht bloß deren Rechte zu sichern, was den Arbeitslohn angeht, sondern sie auch tatsächlich als Menschen, ja als Brüder zu betrachten, sie sollen auch dahin wirken, dass die Arbeiter auf geziemende und entsprechende Weise immer mehr an den Früchten der geleisteten Arbeit teilhaben und sich gleichsam als Teile des ganzen Unternehmens fühlen können. Wir sprechen diese Mahnung aus, damit die Rechte und Pflichten der Arbeitgeber mit denen der Arbeitnehmer mehr und mehr in Übereinstimmung und in das rechte Verhältnis gebracht und die verschiedenen entsprechenden Vereinigungen aufgefasst werden »nicht als eine Waffe, ausschließlich gedacht für einen Verteidigungs- und Angriffskrieg, der Gegenwirkungen und Vergeltungsmaßnahmen hervorruft, nicht als ein Strom, der über die Ufer tritt und trennt, sondern als eine Brücke, die verbindet«(17) Vor allem ist aber dafür zu sorgen, dass dem Fortschritt auf wirtschaftlichem Gebiet, wovon Wir sprachen, ein nicht geringerer Fortschritt in sittlicher Hinsicht entspreche - wie es sich für Christen, ja schon für Menschen, unbedingt geziemt. Was wird es denn den Arbeitern nützen, wenn sie höhere Bezahlung bekommen und die Wohltaten einer gehobeneren Lebensführung genießen, wenn sie aber die höheren Güter, jene für die unsterbliche Seele, verloren oder vernachlässigt hätten? Der ausgesprochene Wunsch wird sich erfüllen, wenn die soziale Lehre der Katholischen Kirche gebührend verwirklicht wird, und wenn alle »sich bemühen, die Herrin und Königin aller Tugenden, die Liebe, in sich selbst zu pflegen und in den anderen, in den Großen wie in den Kleinen, zu wecken. Das erwünschte Heil ist hauptsächlich als Ergebnis eines großen Stromes der Liebe zu erwarten, Wir meinen damit die christliche Liebe, die das zusammenfassende Gesetz des ganzen Evangeliums ist und die, immer bereit sich für das Wohl der anderen zu opfern, für den Menschen das sicherste Gegengift ist gegen den Stolz und Egoismus der Welt. Die göttlichen Grundzüge und Auswirkungen dieser Tugend hat der Apostel Paulus mit den Worten gezeichnet: »Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig, sie sucht nicht ihren Vorteil, alles erträgt sie, alles duldet sie«(18)-(19)

Einheit und Eintracht in der Familie

30 Endlich ermahnen Wir mit väterlichem Herzen dringend auch alle Familien zur Begründung und Festigung der gleichen einträchtigen Einheit, zu der Wir die Völker, deren Lenker und alle Klassen der Bürger aufgerufen haben. Wenn nämlich Friede, Einigkeit und Eintracht nicht im häuslichen Zusammenleben herrschen, wie wird man sie dann in der bürgerlichen Gesellschaft finden können? Diese geordnete und harmonische Einheit, die jederzeit innerhalb der häuslichen Mauern herrschen muss, hat ihren Ursprung in dem unauflöslichen Band und in der Heiligkeit der Ehe selbst, und sie nährt zum großen Teil die Ordnung, den Fortschritt und das Wohl der ganzen bürgerlichen Gesellschaft. Der Familienvater nehme unter den Seinen gleichsam die Stelle Gottes ein und gehe nicht bloß durch die Autorität, sondern auch durch das Beispiel seines rechtschaffenen Lebens den anderen voran. Die Mutter der Familie aber gebiete im häuslichen Kreise mit ihrer Herzensgüte und ihrer Tugend ihren Kindern in Festigkeit und Milde, sie begegne ihrem Gatten nachsichtig und liebevoll, und zusammen mit ihm unterweise und erziehe sie die Kinder, das kostbarste, von Gott gewährte Geschenk, sorgfältig zu einem rechten und frommen Leben. Diese aber sollen, wie es sich gehört, immer den Eltern folgen, sie lieben und ihnen nicht bloß ein Trost sein, sondern ihnen, wenn nötig, auch zu Hilfe kommen. Innerhalb der häuslichen Mauern atme jene Liebe, die in der Familie von Nazareth lebendig war; es sollen dort alle christlichen Tugenden aufblühen; stark sei die Einigkeit, und ausstrahlen möge das Beispiel eines untadeligen Lebens. Niemals möge - darum bitten Wir Gott innig -, diese so schöne, so traute und so notwendige Eintracht zerrissen werden; wenn nämlich diese heilige Stiftung der christlichen Familie ins Wanken gerät, wenn die vom göttlichen Erlöser darüber gegebenen Vorschriften verworfen oder verdorben werden, dann wanken in der Tat die Grundlagen des Staates, und es wird, nicht ohne schweren Schaden und Nachteil für alle Bürger, die bürgerliche Gesellschaft selbst angesteckt und in ernste Gefahr gebracht.

DRITTER TEIL: EINHEIT DER KIRCHE

Beweggründe der Hoffnung, gegründet auf das Gebet Jesu

31 Und nun kommen Wir dazu, von jener Einheit zu reden, die Uns in ganz besonderer Weise am Herzen liegt, und die in innerster Beziehung steht zum Hirtenamt, das Uns von Gott anvertraut ist, nämlich von der Einheit der Kirche.

32 Alle wissen, dass der göttliche Erlöser eine Gemeinschaft gegründet hat, die ihre Einheit bis an das Ende der Zeiten bewahren muss gemäß dem Worte: »Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt«,(20) und dass er dafür an den himmlischen Vater glühende Gebete gerichtet hat. Dieses Gebet Jesu Christi, das ohne Zweifel angenommen und erhört wurde wegen seiner Gottesfurcht,(21) nämlich: »Dass alle eins seien, wie du, Vater, in mir und ich in dir, damit sie so alle in uns eins seien«,(22) dieses Gebet flößt Uns ein und befestigt in Uns die süße Hoffnung, dass alle Schafe, die nicht in dieser Hürde sind, schließlich einmal die Sehnsucht spüren, zurückzukehren, und dass deshalb nach dem Wort des göttlichen Erlösers »ein Schafstall und ein Hirte werde«.(23)

33 Lebhaft angeregt von dieser trauten Hoffnung haben Wir öffentlich die Absicht ausgesprochen, ein Ökumenisches Konzil einzuberufen, an dem die Bischöfe des ganzen katholischen Erdkreises teilnehmen werden, um die schwierigen Probleme der Religion zu behandeln. Hauptziel dieses Konzils wird sein, das Wachstum des katholischen Glaubens und die heilsame Erneuerung der Sitten des christlichen Volkes zu fördern, sowie die kirchliche Disziplin den Notwendigkeiten unserer Zeit anzupassen. Das wird ohne Zweifel ein wunderbares Schauspiel der Wahrheit der Einheit, der Wahrheit und der Liebe sein, ein Schauspiel, das auch in der Sicht jener, die von diesem Apostolischen Stuhl getrennt sind, eine sanfte Einladung sein wird, wie Wir hoffen, jene Einheit zu suchen und zu erlangen, die Jesus Christus in solch glühenden Gebeten vom Himmlischen Vater erflehte.

Einheitsbestrebungen bei den verschiedenen getrennten Gemeinschaften

34 Es ist Uns ein Trost, genau zu wissen, dass in letzter Zeit sich bei nicht wenigen von der Cathedra des heiligen Petrus getrennten Gemeinschaften eine gewisse Sympathiebewegung gegenüber dem Glauben und den Einrichtungen der Katholischen Kirche und eine steigende Hochachtung gegenüber diesem Apostolischen Stuhle abgezeichnet hat, wobei die Liebe zur Wahrheit manche vorgefasste Meinung beseitigt. Wir wissen ebenfalls, dass fast alle, die sich, obwohl von Uns und unter sich getrennt, Christen nennen, mehrere Male Kongresse abgehalten und besondere Organisationen geschaffen haben mit dem Ziel, Verbindungen unter sich anzuknüpfen. Das zeigt, dass sie von dem großen Verlangen beseelt sind, wenigstens zu irgend einer Form der Einheit zu gelangen.

Einheit der Kirche von ihrem göttlichen Stifter gewollt

35 Es steht außer Zweifel, dass der göttliche Erlöser seine Kirche gründete, indem er sie mit einer unverbrüchlichen Einheit beschenkte und kraftvoll ausrüstete. Wenn er dies – widersinniger weise - nicht so eingerichtet hätte, so hätte er ein wenigstens in der Zukunft sich selbst widersprechendes Gebilde geschaffen nach Art fast aller philosophischen Systeme, die willkürlich durch verschiedene menschliche Meinungen zustande kommen, und von denen im Laufe der Zeit eines aus dem andern entspringt: sie wandeln sich und verschwinden wieder. Es kann jedoch niemanden geben, der nicht sähe, wie sehr all dies der göttlichen Lehre Jesu Christi entgegengesetzt ist, der da ist »der Weg, die Wahrheit und das Leben«.(24)

36 Eine derartige Einheit, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, die, wie Wir gesagt haben, kein vergängliches, unsicheres und hinfälliges Gebilde sein darf, sondern fest, dauerhaft und sicher sein muss,(25) - wenn sie den andern christlichen Gemeinschaften fehlt, so fehlt sie doch sicher nicht der Katholischen Kirche. Das können alle sehr leicht sehen, die sie aufmerksam betrachten. Tatsächlich ist diese Einheit mit drei Kennzeichen geschmückt: mit der Einheit der Lehre, der Leitung und des Kultes. Sie ist so beschaffen, dass sie allen sichtbar werden kann, sodass alle sie erkennen und ihr folgen können. Außerdem ist sie gemäß dem Willen ihres göttlichen Stifters selbst so, dass tatsächlich alle Schafe sich dort in einer einzigen Hürde vereinigen können unter der Führung eines einzigen Hirten. Und so sind alle Söhne zum einzigen Vaterhaus gerufen, das auf dem Fundament Petri aufruht; und in ihm als dem einzigen Reiche Gottes müssen alle Völker brüderlich zusammengeführt werden: in einem Reich, dessen Bewohner unter sich auf Erden in der Einheit des Geistes und des Herzens verbunden sind, damit sie einst die ewige Seligkeit im Himmel genießen können.

Einheit des Glaubens

37 Die Katholische Kirche befiehlt, an das treu und fest zu glauben, was von Gott geoffenbart ist, d. h. alles, was in der Heiligen Schrift und in der mündlichen oder schriftlichen Überlieferung enthalten ist, und was im Laufe der Jahrhunderte, von den apostolischen Zeiten angefangen, von den Päpsten und den rechtmäßigen Ökumenischen Konzilien bekräftigt und definiert worden ist. Nie hat die Kirche, sooft sich jemand von diesem Pfad entfernte, aufgehört, ihn durch ihre mütterliche Autorität immer wieder auf den rechten Weg zurückzurufen. Sie weiß in der Tat gut und sie hält fest, dass es nur eine einzige Wahrheit gibt, und dass es keine »Wahrheiten« geben kann, die unter sich im Widerspruch stehen. Sie macht sich deshalb die Versicherung des Völkerapostels zu eigen: »Wir vermögen nichts gegen die Wahrheit, sondern nur für die Wahrheit«.(26)

38 Es gibt jedoch nicht wenige Punkte, in denen die Katholische Kirche den Theologen freie Meinung lässt, insofern es sich um Dinge handelt, die nicht völlig sicher sind, und insofern auch, wie der berühmte englische Schriftsteller John Henry Kardinal Newman bemerkte, solche Auseinandersetzungen die Einheit der Kirche nicht zerschneiden. Sie dienen vielmehr einem tieferen und besseren Verständnis der Glaubenssätze, weil sie den Weg zu dieser Erkenntnis bereiten und sicherstellen, da aus dem Gegensatz der verschiedenen Meinungen neues Licht kommt.(27) Jedenfalls muss man sich immer jenes allgemein bekannte Wort vor Augen halten, das in verschiedenen Formen verschiedenen Autoren zugeschrieben wird: In den notwendigen Dingen herrsche Einheit, in zweifelhaften Freiheit, in allen die Liebe.

Einheit der Leitung

39 Dass sich weiterhin in der Katholischen Kirche die Einheit der Leitung vorfindet, sieht jeder. Wie in der Tat die Gläubigen den Priestern unterstehen und die Priester den Bischöfen, die »der Heilige Geist aufgestellt hat ..., die Kirche Gottes zu regieren«,(28) so sind alle Bischöfe und jeder einzelne von ihnen dem römischen Papst unterstellt. Dieser aber muss als der rechtmäßige Nachfolger jenes Petrus gelten, den Christus der Herr als Fels und als Fundament seiner Kirche gesetzt hat,(29) und dem allein er in besonderer Weise die Vollmacht gab, auf Erden zu binden und zu lösen,(30= seine Brüder zu stärken(31) und die ganze Herde zu weiden.(32)

Einheit des Kultes

40 Was aber die Einheit des Kultes angeht, wer wüsste nicht, dass die Katholische Kirche seit ihrer Entstehungszeit immer sieben Sakramente, nicht mehr und nicht weniger, gehabt hat, die sie als heiliges Erbe von Jesus Christus empfing, und dass sie nie davon abließ, sie auf dem ganzen katholischen Erdkreis als Nahrung des geistlichen Lebens der Gläubigen zu spenden? Und ebenso wenig ist unbekannt, dass in ihr nur ein einziges Opfer gefeiert wird, das der heiligen Eucharistie, in dem Christus, unser Heil und unser Erlöser, sich jeden Tag für uns alle in unblutiger, aber wirklicher Weise opfert, wie er es einst auf Golgotha am Kreuze tat, und voll Barmherzigkeit die unermesslichen Schätze seiner Gnade auf uns alle ausgießt. Deshalb bemerkt der heilige Cyprian mit vollem Recht: »Es kann kein anderer Altar oder ein neues Priestertum eingesetzt werden außer dem einen Altar und dem einen Priestertum«.(33) Das hebt jedoch bekanntlich nicht auf, dass in der Katholischen Kirche verschiedene Riten existieren und approbiert sind, durch die sie umso schöner erstrahlt und gleichsam als Tochter des höchsten Königs erscheint, angetan mit mannigfaltigem Schmuck.(34)

41 Dass alle zu dieser wahren und vollständigen Einheit gelangen, dafür, bringt der katholische Priester, während er das eucharistische Opfer feiert, der unendlichen Milde Gottes die unbefleckte Hostie dar, indem er vor allem fleht »für ,deine heilige Katholische Kirche, der du den Frieden schenken, die du behüten, einigen und leiten mögest auf dem ganzen Erdkreis, zusammen mit deinem Diener, unserem Papst, und allen, welche der wahren Lehre getreu den katholischen und apostolischen Glauben fördern«.(35)

Väterliche Einladung zur Einheit

42 Dieses wunderbare Schauspiel der Einheit, das die Katholische Kirche unterscheidend auszeichnet und das für alle ein leuchtendes Beispiel ist, diese Wünsche, diese Gebete, durch die sie von Gott für alle dieselbe Einheit erfleht, möge euer Gemüt rühren und heilsam anregen, euer Gemüt, sagen Wir, die ihr von diesem Apostolischen Stuhle getrennt seid.

43 Gestattet, dass Wir euch mit innigem Verlangen Brüder und Söhne nennen. Lasst Uns die Hoffnung auf eure Rückkehr nähren, die Wir in väterlichem Empfinden hegen. Wir möchten Uns an euch in der gleichen Hirtensorge und mit denselben Worten wenden, mit denen Theophilus, der Bischof von Alexandrien, sich an seine Brüder und Söhne wandte, während ein unheilvolles Schisma das nahtlose Gewand der Kirche zerriss: »Ahmen wir, Geliebteste, die wir der himm1ischen Berufung teilhaftig sind, jeder gemäss den eigenen Möglichkeiten, ahmen wir Jesus nach, dem Führer und Vollender unseres Heiles. Umfangen wir jene Herzensdemut, die nach oben führt, und jene Liebe, die uns mit Gott verbindet, sowie den lauteren Glauben an die göttlichen Geheimnisse! Fliehet alle Spaltung, meidet die Zwietracht... Unterstützt euch in gegenseitiger Liebe. Höret das Wort Christi: Daran sollen alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, dass ihr einander liebet«.(36)

44 Beachtet, Wir bitten euch, dass Wir, während Wir euch voll Liebe zur Einheit der Kirche rufen, euch nicht in ein fremdes Haus einladen, sondern in das eigene und gemeinsame Vaterhaus. Erlaubt deshalb die Mahnung, da Wir nach allen Verlangen tragen »mit der Zärtlichkeit Jesu Christi«,(37) dass ihr euch an eure Väter erinnert, »die euch das Wort Gottes verkündet haben; und auf den Ausgang ihres Wandels achtend, folgt ihrem Glauben nach«.(38) Die glorreiche Schar der Heiligen, die jedes eurer Völker schon zum Himmel geschickt hat, und besonders jene, die mit ihren Schriften die Lehre Jesu Christi leuchtend überliefert und erklärt haben, auch sie scheinen euch durch das Beispiel ihres Lebens zur Einheit mit diesem Apostolischen Stuhle einzuladen, mit dem auch eure christliche Gemeinschaft durch so viele Jahrhunderte heilsam verbunden war.

45 Wir wenden Uns deshalb an alle jene, die von Uns getrennt sind, wie an Brüder mit den Worten des heiligen Augustinus, der sagt: »Ob sie wollen oder nicht, sie sind unsere Brüder. Nur dann werden sie aufhören, unsere Brüder zu sein, wenn sie aufgehört haben, zu sprechen: 'Vater Unser'«.(39) »Lieben wir also Gott unseren Herrn, lieben wir seine Kirche: jenen wie einen Vater, diese wie eine Mutter; jenen als Herrn, diese als seine Dienerin; sind wir doch selbst ihre Kinder. Diese Vereinigung aber kommt durch eine große Liebe zustande; niemand kann daher den einen beleidigen, ohne den andern zu kränken. Was nützt es dir, wenn du den Vater nicht beleidigst, dieser jedoch die beleidigte Mutter rächt?.. Betrachtet also, meine Teuersten, alle einheitlich Gott als euren Vater und die Kirche als eine Mutter«.(40)

Notwendigkeit besonderer Gebete

46 Deshalb senden wir zu Gott, dem allgemeinen, dem Spender der himmlischen Erleuchtungen und aller Güter, flehentlich Gebete empor um Bewahrung der kirchlichen Einheit und um das Wachstum der Hürde Christi und seines Reiches, und ermahnen auch alle geliebten Brüder und Söhne, soviel Wir ihrer in Christus haben, in Beharrlichkeit zu beten. Der gute Ausgang des künftigen Ökumenischen Konzils hängt tatsächlich mehr als von der menschlichen Mühe und sorgfältigem Fleiß von den glühenden Gebeten ab, die gewissermaßen in heiligem Wettstreit gemeinsam empor gesandt werden. Zur Verrichtung dieser Gebete an Gott laden Wir liebevoll auch diejenigen ein, welche, auch wenn sie nicht aus dieser Hürde stammen, bestrebt sind, Gott die schuldige Ehre zu geben und seinen Geboten mit gutem Willen zu gehorchen.

47 Diese Hoffnung, diese Unsere Wünsche vermehre und vollende das unvergleichliche Gebet Christi: »Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien wie auch wir ... Heilige sie in der Wahrheit, dein Wort ist Wahrheit ... Aber nicht nur für sie bitte ich, sondern auch für jene, die durch ihr Wort an mich glauben werden, ... damit sie vollendet seien in der Wahrheit ...«.(41)

Aus der einträchtigen Einheit der Geister entspringen Friede und Freude

48 Diese Bitte erneuern Wir zusammen mit dem katholisch, Erdkreis, der mit Uns verbunden ist, und Wir tun das nicht nur unter dem Antrieb einer lebendig flammenden Liebe zu an Völkern, sondern auch im Geiste echter evangelischer Bescheidenheit. Wir wissen nämlich um die Geringfügigkeit Unserer Person, die Gott nicht um Unserer Verdienste, sondern um seines geheimen Ratschlüssen willen zum Gipfel des höchsten Priestertums zu erheben sich gewürdigt hat. Deshalb wiederholen Wir allen Unseren von diesem Stuhle Petri getrennten Brüdern und Söhnen die Worte: »Ich bin ...Joseph, euer Bruder. «(42) Kommt! »Verstehet Uns«;(43) Wir wünschen nichts anderes, Wir wollen nichts anderes, Wir bitten Gott um nichts anderes als um euer Heil, um euere ewige Seligkeit. Kommt! Von dieser ersehnten Einheit und Eintracht, die von Bruderliebe genährt sein muss, wird ein großer Friede entspringen, jener Friede Christi, »der alles Erkennen übersteigt«,(44) denn er steigt vom Himmel hernieder; jener Friede, den Christus durch den Gesang der Engel über seiner Krippe den Menschen guten Willens verkündigt hat (45) und den er nach Einsetzung des eucharistischen Sakramentes und Opfers mit den Worten geschenkt .hat: »Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch, nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch«,(46) Friede und Freude: Ja, auch die Freude; denn diejenigen, die tatsächlich und wirksam zum Mystischen Leib Christi, welcher die Katholische Kirche ist, gehören, haben Anteil an jenem Leben, das vom göttlichen Haupt auf die einzelnen Glieder überströmt, und um dessentwillen die, welche alle Vorschriften und Gebote unseres Erlösers treu beobachten, auch in diesem sterblichen Leben jene Freude genießen können, die ein Unterpfand und eine Vorankündigung der himmlischen und ewigen Seligkeit sein soll.

Friede der alle Zwietracht vermeidet

49 Aber dieser Friede, diese Seligkeit ist, während wir den ermüdenden Weg in diesem Lande der Verbannung zurücklegen, noch unvollkommen. Es ist kein Friede in völliger Ruhe, in völliger Heiterkeit. Es ist ein tätiger Friede, nicht müßig und schlaff. Vor allem ist es ein Friede, der gegen alle Irrtümer ankämpft, auch wenn sie unter dem falschen und trügenden Schein des Wahren versteckt sind, der ankämpft gegen die Lockungen und Annehmlichkeiten des Lasters, schließlich gegen jede Art von Feinden der Seele, welche die Unschuld und unseren katholischen Glauben zu schwächen, zu beflecken und zu zerstören suchen.

50 Es ist ein Friede, der gegen den Hass, gegen die Streitigkeiten, gegen die Spaltungen ankämpft, welche diesen Glauben zerbrechen oder verletzen können. Deshalb hat der göttliche Erlöser uns seinen Frieden gegeben und empfohlen. Der Friede, den wir suchen und unter Einsatz unserer Kräfte erreichen müssen, ist also, wie Wir gesagt haben, ein Friede, der keinem Irrtum zustimmt und es nicht mit dessen Beförderern hält, der sich nicht an die Laster hingibt und der alle Zwietracht vermeidet. Derart ist dieser Friede, dass er von denen, die seine Anhänger sein wollen, den bereitwilligen Verzicht auf den eigenen Nutzen und den eigenen Vorteil verlangt um der Wahrheit und der Gerechtigkeit willen nach dem Wort des Evangeliums: »Suchet ... zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit ...«.(47)

51 Die Allerseligste Jungfrau Maria, die Königin des Friedens, deren unbeflecktem Herz Unser Vorgänger seIigen Angedenkens, Pius XII., das ganze Menschengeschlecht geweiht hat, erlange uns von Gott, Wir bitten inständig darum, die einträchtige Einheit und den wahren, wirksamen und streitbaren Frieden, und zwar sowohl Unseren Söhnen in Christus, als auch allen, die, obwohl von Uns getrennt, doch nicht umhin können, die Wahrheit, Einheit und Eintracht zu lieben.

VIERTER TEIL: VÄTERLICHE ERMAHNUNGEN

An die Bischöfe

52 Wir wollen Uns nun mit väterlichem Herzen einzeln an die verschiedenen Stände der Katholischen Kirche wenden. An erster Stelle »ist Unser Wort an euch gerichtet«,(48) Ehrwürdige Brüder im Bischofsamt, sowohl der östlichen als der westlichen Kirche; an euch, die ihr Führer des christlichen Volkes seid und die ihr zusammen mit Uns die Last und Hitze des Tages traget.(49) Wir kennen eure Sorgfalt; Wir kennen den apostolischen Eifer, durch den ihr das Reich Gottes voranbringen, befestigen und auf alle ausbreiten wollt, ein jeder in seinem Sprengel. Wir kennen gleichfalls eure Bedrängnisse, eure Schmerzen um so viele Söhne, die sich unglücklicherweise entfernen, getäuscht vom trügerischen Irrtum. Wir wissen um die Knappheit der äußeren Mittel, durch die mitunter ein größerer Aufschwung der katholischen Belange verhindert wird; und vor allem um die geringe Zahl der Priester, die an vielen Orten in keinem Verhältnis steht zu den wachsenden Bedürfnissen. Setzt jedoch euer Vertrauen auf denjenigen, von dem »jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk«(50) herstammt. Wendet euch mit inständigen Gebeten an Jesus Christus und vertraut auf ihn, ohne den »ihr nichts vermögt«,(51) durch dessen Gnade aber jeder von euch das Wort des Völkerapostels wiederholen darf: »Ich vermag alles in dem, der mich stärkt«.(52)

»Gott aber ... erfülle all euer Verlangen nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit in Christus Jesus«,(53) auf dass ihr reiche Ernte einbringen und reiche Früchte einsammeln könnt von dem Ackerfeld, das ihr mit eurer Mühe und euerem Schweiß bebaut habt.

An den Klerus

53 Einen anderen väterlichen Aufruf richten Wir auch an jene, die als Welt- und Ordenspriester sich abmühen; an sie, die in eurer Nähe, Ehrwürdige Brüder, euch in der Regierungsarbeit unterstützen; an jene, welche die wichtige Aufgabe haben, in den Seminarien ausgewählte junge Menschen zu unterrichten und zu erziehen, die zum Dienst des Herrn berufen sind; an jene schließlich, die in den Großstädten, Städten oder abgelegenen Dörfern die Pfarrseelsorge ausüben, die heute so schwierig und so sehr wichtig ist. Mögen sie dafür Sorge tragen, - sie mögen es Uns nachsehen, wenn Wir ihnen dies ins Gedächtnis rufen, wobei Wir vertrauen, dass es nicht nötig ist - sich immer ehrfurchtsvoll und gehorsam gegen ihren Bischof zu zeigen gemäß der Mahnung des heiligen Ignatius von Antiochien: »Seid dem Bischof unterworfen wie Jesus Christus ... Es ist deshalb nötig, dass ihr, wie ihr es schon übt, nichts ohne den Bischof tut«;(54) »alle nämlich, die Gott und Jesus Christus angehören, sind mit ihrem Bischof«.(55) Und sie mögen sich auch erinnern, dass sie nicht nur öffentliche Beamte sind, sondern vor allem Diener der heiligen Geheimnisse. Deshalb sollen sie nicht glauben, je genügend getan zu haben, wenn sie Mühen auf sich nehmen, Zeit und Kosten aufwenden sowie Beschwerden ertragen, um die Seelen mit der göttlichen Wahrheit zu erleuchten und ihren verkehrten Willen mit göttlicher Hilfe und brüderlicher Liebe zu beugen, und so schließlich den Triumph des Friedensreiches Jesu Christi zu befördern. Mehr jedoch als auf die eigene Anstrengung sollen sie auf die Macht der Gnade vertrauen, die sie jeden Tag in inständigem und beharrlichem Gebet erflehen sollen.

An die Ordensmänner

54 Unser väterlicher Gruß gilt auch den Ordensmännern, welche die verschiedenen Stände evangelischer Vollkommenheit erwählt haben, die gemäß den besonderen Gesetzen ihres Institutes leben und ihren Oberen Gehorsam entgegenbringen. Wir ermahnen sie, sich hochherzig und mit allen Kräften jenen Aufgaben zu widmen, die ihre Gründer durch besondere Richtlinien ihnen als Ziel gesteckt haben. Sie mögen sich vor allem auf den Eifer im Gebetsleben und in den Werken der Buße verlegen, auf die rechte Bildung und Erziehung der Jugend und auf jede ihnen mögliche Hilfe für alle irgendwie Bedürftigen und Bedrängten.

55 Wir wissen wohl, dass viele dieser Unserer geliebten Söhne wegen der gegenwärtigen Umstände sehr oft auch zur Seelsorge an den Gläubigen herangezogen werden, zum großen Vorteil der christlichen Religion und des christlichen Lebens. Wir ermahnen sie deshalb inständig, - wenngleich vertrauend, dass sie Unserer Mahnung nicht bedürfen, - zu den herrlichen Verdiensten, welche ihre Orden und Institute in der Vergangenheit erworben haben, auch noch dies hinzuzufügen, sich willig zur Verfügung zu stellen, um den augenblicklichen Bedürfnissen des gläubigen Volkes zu begegnen, in brüderlicher Zusammenarbeit mit den anderen Priestern, gemäß ihren eigenen Möglichkeiten.

An die eifrigen und verdienten Missionare

56 Unser Herz eilt nun zu jenen, die nach Verlassen des Vaterhauses und des Vaterlandes unter Ertragung großer Mühen und Überwindung großer Schwierigkeiten sich in die auswärtigen Missionen begeben haben, wo sie auf fernen Arbeitsgebieten ihren Schweiß vergießen, um die Ungläubigen in der Wahrheit des Evangeliums zu unterrichten und in der christlichen Lebensführung zu bilden, damit überall »das Wort Gottes sich verbreite verherrlicht werde«.(56) Wahrhaft groß ist die ihnen anvertraute Aufgabe, damit sie aber mit Erfolg durchgeführt werden könne, müssen alle, die sich des christlichen Namens rühmen, nach Kräften, sei es durch Gebet, sei es durch ihre Gaben, dazu beisteuern. Vielleicht ist kein anderes Werk Gott so angenehm wie dieses, das eng verbunden ist mit der allgemeinen Pflicht, das Reich Gottes auszubreiten. Diese Herolde des Evangeliums weihen tatsächlich ihr ganzes Leben dem Ziel, dass das Licht Jesu Christi jeden Menschen erleuchte, der in diese Welt kommt,(57) damit seine göttliche Gnade alle Herzen durchdringe und erwärme und alle zu einem tugendhaften und gebildeten Christenleben ermuntert werden. Sie suchen nicht ihre eigenen Interessen, sondern diejenigen Jesu Christi.(58) Mit großmütiger Seele gehen sie auf den Anruf des göttlichen Erlösers ein und können das Wort des Völkerapostels auf sich anwenden: »An Christi statt ... sind wir gesandt«,(59) sowie »Im Fleische ... wandelnd, kämpfen wir doch nicht nach dem Fleische«.(60) Als ihr zweites Vaterland betrachten sie jene Länder, in die sie gekommen sind., um ihnen das Licht des Evangeliums zu bringen, und die sie in tätiger Liebe umfangen. Und wenn sie auch immer eine lebhafte Zuneigung zu ihrer schönen Heimat und Heimatdiözese oder zu ihrer Ordensgemeinschaft bewahren, so sind sie doch davon überzeugt, dass man das allgemeine Wohl der Kirche über all dies setzen und ihr vor allem mit ganzem Einsatz dienen muss.

57 Wir wünschen deshalb, dass diese geliebten Söhne - und all jene, die als Katechisten oder sonst wie in den Missionsländern großmütigen Hilfsdienst leisten, - Wir wünschen, dass diese geliebten Söhne wissen, wie sie Unserem Herzen in besonderer Weise nahe stehen, besonders im Gebete, das Wir jeden Tag für sie und ihre Werke zu Gott empor senden. Auch bestätigen Wir mit Unserer Autorität und mit gleicher Liebe all das, was Unsere Vorgänger seligen Angedenkens, besonders Pius XI.(61) und Pius XII.(62) durch eigene Enzykliken über die Missionsarbeiten festgesetzt haben.

An die Ordensfrauen

58 Hier wollen Wir auch die Ordensfrauen nicht mit Stillschweigen übergehen, die sich durch die Ablegung der heiligen Gelübde Gott geweiht haben, um ihm allein zu dienen und um mit dem göttlichen Bräutigam durch eine mystische Vermählung, die sie eingegangen sind, möglichst eng verbunden zu werden. Ob sie nun in der Klausur des Klosters ein verborgenes, dem Gebet und der Buße geweihtes Leben führen, oder ob sie sich den äußeren Werken des Apostolates widmen, - sie können nicht bloß leichter und besser für ihr eigenes Heil Sorge tragen, sondern auch der Kirche große Hilfe bringen, sowohl in den christlichen Ländern, als besonders in den entlegenen Gebieten, wo das Licht des Evangeliums noch nicht aufstrahlte. Wie viel leisten doch diese Ordensfrauen! Welch große und herrliche Werke vollbringen sie, die niemand sonst mit derselben Jungfraulichen und mütterlichen Hingebung durchführen kann! Und das nicht nur auf einem einzigen Arbeitsgebiet, sondern auf vielen: in der gediegenen Unterweisung und Erziehung der Jugend, in der Katechese, die sie in den Pfarreien Knaben und Mädchen erteilen, in den Krankenhäusern, wo sie die Kranken liebevoll pflegen und zu Gedanken an himmlische Dinge aufrichten können; in den Altersheimen, wo sie den Greisen mit liebevoller Geduld, in Heiterkeit und Barmherzigkeit beistehen und sie wunderbar sanft zum Verlangen nach dem ewigen Leben hinwenden können; in den Heimen für Findelkinder und uneheliche Kinder, wo sie voll Feingefühl mit mütterlicher Liebe diejenigen umgeben, die als Waisen oder von ihren Eltern im Stich Gelassene nicht Vater noch Mutter haben, die sie ernähren und zärtlich umfangen. All diese Ordensfrauen sind ohne Zweifel nicht nur um die katholische Kirche, um die christliche Erziehung und die sogenannten Werke der Barmherzigkeit, sondern auch um die bürgerliche Gemeinschaft hochverdient, und sie bereiten sich eine unvergängliche Krone, die sie einst im Himmel erlangen.

An die Katholische Aktion und alle, die im Apostolat mitarbeiten

59 Nun sind heute, wie ihr, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, genau wisst, die Bedürfnisse der Menschen auch hinsichtlich der christlichen Belange so groß und vielfältig, dass der Klerus, die Ordensleute und die Schwestern ihnen nicht mehr ganz gewachsen sind. Dazu kommt, dass die Priester und die Ordensleute nicht zu allen sozialen Schichten Zutritt haben; nicht alle Wege stehen ihnen offen; denn viele kümmern sich nicht um sie oder fliehen sie; und leider fehlt es auch nicht an solchen, die sie verachten und verabscheuen.

60 Aus diesem schwerwiegenden und überaus schmerzlichen Grunde haben schon Unsere Vorgänger auch die Laien in das friedliche Heer, d. h. in die Katholische Aktion, berufen in der weisen Absicht, dass sie im Apostolat der kirchlichen Hierarchie Mitarbeiterdienste leisten. Dadurch sollte alles, was in den gegenwärtigen Umständen von der Hierarchie selbst nicht durchgeführt werden könnte, von diesen katholischen Männern und Frauen hochherzig übernommen werden in Zusammenarbeit mit den Seelsorgern und immer im Gehorsam gegen sie. Es ist Uns nun ein großer Trost, zu überdenken, wie viel in der Vergangenheit von diesen Mitarbeitern der Bischöfe und der Priester auch in den Missionsländern geleistet wurde. Jedem Alter und jedem Stand gehören sie an, und mit Eifer und tatkräftigem Willen haben sie Mühen ertragen und Werke weitergeführt, damit allen die christliche Wahrheit erstrahle und die christlichen Tugenden alle Seelen anspornen und anlocken.

61 Ein sehr großes Tätigkeitsgebiet steht ihnen augenblicklich offen: noch zu viele sind es, die ihr leuchtendes Beispiel und ihre apostolische Arbeit nötig haben. Auf diesen Gegenstand, den Wir für sehr schwerwiegend und äußerst bedeutsam halten, wollen Wir später nochmals in größerer Ausführlichkeit zurückkommen. Einstweilen hegen Wir die sichere Hoffnung, dass alle, die in der Katholischen Aktion oder in den vielfältigen und blühenden frommen Vereinigungen kämpfen, in einem solch notwendigen Werke mit aller Sorgfalt fortfahren; je größer die Bedürfnisse unserer Zeit sind, desto größer müssen auch ihre Anstrengungen, ihre Besorgtheit, ihre Arbeitsamkeit sein. Alle sollen durchaus einig sein; denn, wie sie genau wissen, macht die geeinte Kraft stärker. Sie sollen alle persönlichen Meinungen ausschalten, wo es sich um die Belange der Katholischen Kirche handelt, die über jeder anderem Belang stehen muss, und das nicht nur in Bezug auf die heilige Lehre, sondern auch in Bezug auf die kirchlich-christliche Zucht, die immer von allen beobachtet werden muss. In geschlossener Linie, immer einig mit der katholischen Hierarchie und immer gehorsam, sollen sie neuen Eroberungen entgegengehen. Sie sollen keine Mühe scheuen, keiner Beschwerde ausweichen, damit die Belange der Kirche triumphieren.

62 Damit dies aber in der nötigen Weise erreicht werden kann, sollen sie vor allem dafür sorgen, - davon sind sie zweifellos überzeugt, - sich sorgfältig in christlicher Lehre und Haltung auszubilden. Denn nur dann werden sie an andere weitergeben können, was sie selbst mit Hilfe der göttlichen Gnade erworben haben. Wir richten diese Empfehlung hauptsächlich an die jungen Menschen, deren Eifer sich für jedes Ideal leicht entflammt, für die aber Klugheit, Mäßigung und der schuldige Gehorsam gegenüber ihren Vorgesetzten unbedingt notwendig sind. An diese jungen Menschen, die Uns so teuer sind, die als Hoffnung der Kirche heranwachsen, und auf deren heilbringendes und mutiges Werk Wir so großes Vertrauen setzen, soll der lebhafte Ausdruck Unserer Dankbarkeit und Unserer väterlichen Liebe gelangen.

An die Betrübten und Bedrängten

63 Und nun scheint Uns, als hörten Wir, wie sich die Seufzer derer zu Uns erheben, die an Leib oder Seele krank sind und große Schmerzen leiden, oder die sich in solch beengter wirtschaftlicher Lage befinden, dass sie weder ein menschenwürdiges Heim noch Arbeit haben, um die Mittel zum Unterhalt für sich und ihre Kinder sich zu verschaffen. Diese Klagen rühren und bewegen lebhaft Unser Herz. Besonders den Kranken, den Schwachen und Greisen wünschen Wir jenen Trost zu bringen, der vom Himmel stammt. Mögen sie sich daran erinnern, dass wir hier keine bleibende Stätte haben, sondern dass wir auf der Suche nach der zukünftigen sind;(63) sie mögen sich erinnern, dass wir durch die Schmerzen dieses sterblichen Lebens, die die Seele läutern, erheben und adeln, eine ewige Freude im Himmel erlangen können. Sie mögen sich erinnern, dass der göttliche Erlöser selbst, um die Makel unserer Sünden wegzuwaschen und zu reinigen, das Kreuzesholz auf sich nahm und dafür freiwillig Schmach, Schmerzen und grausamste Ängste getragen hat. Wie er, so werden auch wir alle vom Kreuze zum Licht gerufen gemäß seinem Wort: »Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach«,(64) und er wird einen unvergänglichen Schatz im Himmel haben.(65)

64 Im Vertrauen darauf, dass diese Unsere Mahnung bereitwillig aufgenommen werde, haben Wir ferner den Wunsch, dass die leiblichen oder seelischen Bedrängnisse nicht nur wie Stufen seien, auf denen sie zum Himmel emporsteigen können, sondern dass sie auch viel zur Sühne für andere beitragen, zur Rückkehr der unglücklich Irrenden in den Schoß der Kirche und zum ersehnten Triumph des christlichen Namens.

An die Stände der Minderbemittelten

65 So dann sollen vor allem jene aus den Ständen der Minderbemittelten, die über eine allzu dürftige Lebensweise zu klagen haben, wissen, dass Wir ebenso großen Schmerz über ihr Geschick empfinden. Und das nicht nur deshalb, weil Wir aus väterlichem Herzen wünschen, dass auch in der sozialen Frage die Gerechtigkeit, die eine christliche Tugend ist, die Lebensnotwendigkeiten unter den verschiedenen sozialen Standen ordne, lenke und gestalte, sondern auch deswegen, weil Uns hauptsächlich leid tut, dass die Feinde der Kirche die ungerechten Lebensbedingungen der untersten Volksschicht ausnützen, um sie durch trügerische Versprechungen und täuschende Irrtümer auf ihre Seite zu ziehen.

66 Diese Unsere geliebten Söhne sollen sich gegenwärtig halten, dass die Kirche nicht ihre oder ihrer Rechte Feindin ist, sondern vielmehr als liebevolle Mutter sie beschützt und auf sozialem Gebiet eine Lehre und Normen verkündet und betont, durch deren entsprechende Durchführung jegliche Ungerechtigkeit aufgehoben und eine bessere und gerechtere Verteilung der Güter erreicht würde.(66) Gleichzeitig würde eine freundschaftliche und hilfsbereite Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen sozialen Schichten angeregt werden, so dass alle sich nicht nur als freie Glieder derselben Gemeinschaft, sondern auch als Brüder derselben Familie betrachten und es tatsächlich sein könnten. Wenn man übrigens die verbesserten Lebensbedingungen ruhig überdenkt, zu welchen die Schicht des arbeitenden Volkes in letzter Zeit gelangt ist, so muss man sagen, dass sie besonders durch den Einsatz zustande kamen, den Katholiken auf sozialem Gebiet tatkräftig geleistet haben, indem sie die weisen Richtlinien und wiederholten Ermahnungen Unserer Vorgänger befolgten. Diejenigen also, die es sich zur Aufgabe machen, die wirtschaftlichen Rechte des niederen Volkes zu schützen, besitzen bereits in der Soziallehre der Kirche sichere und genau festgelegte Normen. Wenn diese nur entsprechend zur Ausführung gebracht werden, sind jene Rechte auch genügend gewahrt. Deshalb brauchen sie sich niemals an diejenigen zu wenden, welche für die von der Kirche verurteilten Lehren eintreten. Mit falschen Versprechungen locken diese sie an; in Wirklichkeit aber versuchen sie dann überall, wo immer sie die Regierungsgewalt in Händen haben, aus den Seelen der Menschen in unbesonnener Verwegenheit die höchsten geistigen Güter auszureißen, - den Glauben nämlich, die christliche Hoffnung und die Gebote Gottes. Außerdem suchen sie alles zu schwächen oder ganz zu vernichten, was die Menschen der heutigen Zeit und Bildung als großen Gewinn schätzen, nämlich die gerechte Freiheit und die wahre Würde der menschlichen Person, und dadurch versuchen sie, die Fundamente und die Grundlagen der bürgerlichen und christlichen Kultur zu untergraben. Wer aber Christus treu bleiben will, hat die schwere Gewissenspflicht, sich von diesen Irrtümern vollständig fernzuhalten, die schon von Unseren Vorgängern verurteilt. worden sind, besonders von Pius XI. und Pius XII. seligen Angedenkens, wie auch Wir sie aufs neue verurteilen.

67 Nicht wenige Unserer Söhne, die sich in mehr oder weniger schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen befinden, beklagen sich oft darüber, dass bisher noch nicht alle Gebote der christlichen Soziallehre in die Praxis umgesetzt seien. Man muss also alle Sorge und alle Anstrengung darauf verwenden, - nicht nur von Seite der Privatleute, sondern vor allem der Regierenden, - dass die christliche Soziallehre, die Unsere Vorgänger des öfteren lichtvoll, weise und verbindlich dargelegt haben, und die auch Wir bestätigen, möglichst bald in die Praxis umgesetzt werde; und wenn auch nur stufenweise, so doch tatsächlich und vollständig.(67)

An die Flüchtlinge und Auswanderer

68 Nicht geringer ist Unsere Sorge um das Los derer, die aus Notwendigkeit, sich den Lebensunterhalt zu suchen, oder wegen der traurigen politischen und religiösen Verhältnisse in ihrer Heimat ihr Vaterland verlassen mussten. Wie viele Beschwerden, wie viele Sorgen haben sie deswegen zu ertragen, weil sie, vertrieben vom Heimatboden und Vaterhaus, sehr oft gezwungen sind, im Lärm der Großstädte und der Industriezentren, weit entfernt von den angestammten Lebensgewohnheiten und, was noch schlimmer ist, nicht selten in Verhältnissen zu weilen, die dem christlichen Leben schaden und feindlich sind. Leider wird diese Lage der Dinge für viele oft Anlass zu gefährlichen Krisen und zum fortschreitenden Verlust der gesunden religiösen und sittlichen Traditionen ihrer Vorfahren. Dazu kommt, dass die Bande häuslicher Lebensgemeinschaft geschwächt werden und auch der Zusammenhalt der Familien leidet, wenn die Ehegatten oft von einander getrennt sind und die Eltern von den Kindern.

69 Deshalb begleiten Wir mit väterlichem Herzen das unternehmende Werk jener Priester, die von der Liebe Jesu Christi getrieben, unter Beobachtung der vom Apostolischen Stuhl gegebenen Richtlinien, sich selbst freiwillig zu Auswanderern machen und keine Mühe scheuen, um sich der geistlichen und sozialen Betreuung dieser Unserer Söhne nach Kräften zu widmen. Sie erreichen dadurch, dass diese die Liebe der Kirche überall spüren, die ihnen umso näher und für sie umso wirkungsvoller ist, je mehr sie ihre Sorge und Unterstützung brauchen.

70 In gleicher Weise beachten und schätzen Wir mit lebhafter Freude die von verschiedenen Nationen gemachten Anstrengungen, wie auch die neuestens von ihnen gemeinsam gefassten Entschlüsse und Maßnahmen, um dieses sehr schwierige Problem möglichst schnell der gewünschten Lösung zuzuführen. Dies alles wird, wie Wir hoffen, nicht nur zur Eröffnung neuer Möglichkeiten für die Auswanderung führen, sondern auch zur glücklichen Wiederherstellung der Familiengemeinschaft von Eltern und Kindern; diese kann, wenn sie in rechter Weise wiederhergestellt ist, das religiöse, sittliche und wirtschaftliche Wohl der Auswanderer wirksam schützen und auch zum Nutzen der Länder selbst beitragen, die sie aufnehmen.

An die verfolgte Kirche

71 Und nun, während Wir es für Unsere Pflicht halten, alle Unsere Söhne in Christus zu ermahnen, dass sie mit aller Sorgfalt die Irrtümer meiden, die nicht nur die Religion, sondern auch das menschliche Zusammenleben untergraben können, sind Unserem Geiste so viele Unserer Ehrwürdigen. Brüder im Bischofsamt und so viele Uns teuere Priester und Gläubige gegenwärtig, die sich in Verbannung befinden, in Konzentrationslagern oder im Gefängnis, weil sie ihr bischöfliches oder priesterliches Amt nicht verraten und nicht vom Glauben abfallen wollten.

72 Wir wollen niemanden beleidigen, im Gegenteil, Wir wünschen, allen von Herzen zu verzeihen und die Verzeihung Gottes zu erflehen. Aber das Bewusstsein Unserer heiligen Pflicht erheischt, dass Wir die Rechte dieser Brüder und Söhne schützen, soweit Wir können, und dass Wir auch nachdrücklich verlangen, dass ihnen und der Kirche Gottes die geschuldete rechtmäßige Freiheit gewährt wird. Jene, die die Grundsätze der Wahrheit und der Gerechtigkeit befolgen, und denen die Interessen der einzelnen und der Nationen am Herzen liegen, verneinen nicht die Freiheit, schränken sie nicht ein und unterdrücken sie nicht; sie haben es nicht nötig, zu diesen Mitteln zu greifen. Aus diesem Grunde kann man durch Gewalt und Unterdrückung niemals zu einem gerechten Wohlstand der Menschen kommen.

73 Überdies muss man für sicher halten, dass früher oder später die Fundamente des menschlichen Zusammenlebens schwanken und zusammenstürzen, wenn die heiligen Rechte Gottes und der Religion vernachlässigt oder mit Füßen getreten werden. Weise bemerkte dies schon Unser Vorgänger unsterblichen Angedenkens, Leo XIII.: »Als Folge davon ... wird die Verbindlichkeit der Gesetze entkräftet und jede Autorität geschwächt, wenn die höchste und ewige Vernunft Gottes abgelehnt wird, der das Gute befiehlt und das Böse verbietet«.(68) Damit stimmt auch der Ausspruch Ciceros überein: »Ihr Priester, ... wirksamer ...gürtet ihr die Stadt mit der Religion als selbst mit Mauern«.(69)

74 Diese Überlegungen lassen Uns in großer Betrübnis all jene einzeln umfangen, deren Religionsübung eingeschränkt und behindert wird, und die oft auch »Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit«(70) und des Reiches Gottes willen. Wir nehmen teil an ihren Leiden, an ihren Ängsten und Bedrängnissen; und Wir schicken flehentliche Gebete zum Himmel, dass ihnen doch endlich einmal die Morgenröte besserer Zeiten leuchte. Auch wünschen Wir sehr, dass all Unsere Brüder oder Söhne in Christus auf der ganzen Welt mit Uns zusammen das gleiche tun. So steige also zum allbarmherzigen Gott aus jeder Gegend der Erde gleichsam ein Chor heiliger Flehrufe empor, die jenen unglücklich leidenden Gliedern des Mystischen Leibes Jesu Christi einen reichen Gnadenregen vermitteln mögen.

Schlussermahnungen

75 Aber nicht nur Gebete wünschen Wir von Unseren Söhnen, sondern auch jene Erneuerung des christlichen Lebens, die mehr als selbst Flehrufe es zu erreichen vermag, dass Gott Uns und Unseren Brüdern gnädig sei. Gerne wiederholen Wir euch allen die erhebenden und herrlichen Worte des Völkerapostels: »Was immer wahr ist, was immer ehrbar, was gerecht, was heilig, was immer liebenswürdig ist, was dem guten Rufe dient, was es überhaupt an Tugend und zuchtvoll Lobenswertem gibt, darauf richtet euer Sinnen«(71) »Ziehet an den Herrn Jesus Christus«.(72) Oder auch: »So ziehet also an, wie es sich für Auserwählte Gottes, für Heilige und Geliebte, geziemt, herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Bescheidenheit, Geduld ... Über alles hinaus aber habet die Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist, und der Friede Christi frohlocke in eueren Herzen, in dem ihr auch berufen seid in einem Leibe«.(73)

76 Wenn deshalb jemand wegen seiner Vergehen und Sünden unglücklicherweise weit vom göttlichen Erlöser abgeirrt ist, so kehre er - Wir bitten inständig - zurück zu ihm, der da ist »der Weg, die Wahrheit und das Leben«.(74) Wenn jemand in religiöser Hinsicht lau ist, schlaff und nachlässig in der Erfüllung seiner Pflichten, dann erwecke er seinen Glauben und nähre, erwärme und festige die Tugend durch die göttliche Gnade. Schließlich, wenn jemand durch Gottes Freigebigkeit »gerecht ist, so werde er noch gerechter; wenn er heilig ist, werde er noch heiliger«.(75)

77 Und weil es deren heute so viele sind, die unseren Rat, unser leuchtendes Beispiel und auch unsere Unterstützung brauchen, wenn sie sich in unglücklichen und traurigen Lebensbedingungen befinden, übt euch alle, jeder nach seinen Kräften und den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, in den sogenannten Werken der Barmherzigkeit, die Gott so wohlgefällig sind.

78 Wenn jeder versucht, all dies auszuführen, wird in der Kirche in neuem Glanz das sichtbar werden, was über die Christen im Brief an Diognet so herrlich geschrieben ist: »Sie sind im Fleische, aber sie leben nicht nach dem Fleische. Sie weilen auf Erden, aber sie haben ihre Heimat im Himmel. Sie gehorchen den aufgestellten Gesetzen, aber durch ihre Lebensweise reichen sie über die Gesetze hinaus ... Sie werden verachtet und verurteilt; sie werden dem Tod überliefert und gelangen doch zum Leben. Sie sind arm und machen doch viele reich; sie entbehren alles und haben doch alles in Fülle. Sie werden entehrt, aber in der Entehrung erlangen sie Ruhm; ihr guter Ruf wird preisgegeben, und doch gibt man ihrer Gerechtigkeit Zeugnis. Sie werden gescholten, und doch segnen sie; sie werden schmählich behandelt, und doch erlangen sie Ehre. Wenn sie Gutes tun, werden sie wie Übeltäter bestraft, während sie aber bestraft werden, freuen sie sich darüber und fühlen sich gleichsam verlebendigt ... In einem Wort: Das, was die Seele im Leibe ist, das sind die Christen in der Welt«.(76) Manches von dem, was hier so herrlich gesagt ist, lässt sich in besonderer Weise von den Gliedern der sogenannten »schweigenden Kirche« sagen. Für sie müssen wir alle in ganz besonderer Weise Gebete zu Gott richten, wie Wir es auch neulich erst allen Gläubigen in den Ansprachen inständig empfohlen haben, die Wir in der Basilika des heiligen Petrus am Pfingstfest und am Fest des Heiligsten Herzens Jesu hielten.(77)

79 Diese Erneuerung des christlichen Lebens, voll Tugend und Heiligkeit wünschen Wir euch allen und erflehen sie von Gott .in ununterbrochenem Gebet; und zwar nicht nur denen, die fest in der Einheit der Kirche verharren, sondern auch jenen, die in Liebe zur Wahrheit und in Lauterkeit des Willens danach streben.

80 Vermittlung und Unterpfand der himmlischen Gnaden sei der Apostolische Segen, den Wir, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, allen einzelnen von euch in lebhafter väterlicher Liebe erteilen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, am 29. Juni 1959,
dem Fest der Apostelfürsten Petrus und Paulus,
im ersten Jahre Unseres Pontifikats.
Johannes XXIII. PP.

Anmerkungen


(1) Vgl. Is 11, 12.

(2) 1 Tim 6, 16.

(3) Joh 1,14.

(4) Joh 1,9.

(5) 2 Tim 3, 7.

(6) Eph 4, 13-16.

(7) Epist. Saepenumero considerantes; A. L., vol. III, 1883, p. 262.

(8) Epist. Exeunte iam anno; A. L., vol. VIII, 1888, p. 398.

(9) Litt. Enc. Humanum genus; A. L., vol. IV, 1884, p. 53.

(10) Epist. Praeclara gratulationis; A. L., vol. XIV, 1894, p. 210.

(11) Epist. Permoti Nos; A. L., vol. XV, 1800, p. 259.

(12) Litt. Enc. Rerum novarum; A. L., vol. XI, 1891, p. 109.

(13) «Radioansprache Weihnachten 1944». Discorsi e radiomessaggi di S. S. Pius XII., vol. VI, pag. 239.

(14) «Radioansprache al 73° Congresso dei cattolici Tedeschi»: ebd., vol. XI, p. 189.

(15) Mk 8, 2.

(16) A.A.S., vol. XXIII, 1931, pp. 393-394.

(17) «Per un solido ordine sociale»: Discorsi e radiomessaggi di S. S. Pio XII, vol. VII, p. 350.

(18) 1 Kor 13, 4-7.

(19) Epist. Inter graves; A. L., vol. XI, p. 143-144.

(20) Mt. 28, 20.

(21) Vgl. Hebr 5, 7.

(22) Joh 17, 21.

(23) Joh 10, 16.

(24) Joh 14, 6.

(25) Vgl. Litt. Enc. Pius XI.: Mortalium animos, de vera religionis unitate fovenda; A. A. S., vol. XX, 1928, p. 5 f.

(26) 2 Kor 13, 8.

(27) Vgl. John Henry Newman, Difficulties of Anglicans, vol. I, lect. X, p. 261 f.

(28) Apg 20, 28.

(29) Vgl. Mt 16, 18.

(30) Vgl. Mt 16, 19.

(31) Vgl. Lk 22, 32.

(32) Vgl. Joh 21, 15-17.

(33) Epist. XLIII, 5; Corp. Vind. III, 2, 594; vgl. Epist. XL, apud MIGNE, PL, IV, 345.

(34) Vgl. Ps 44, 15.

(35) Canon Missae.

(36) Vgl. Hom. in mysticam caenam; PG, LXXVII, 1027.

(37) Phil 1, 8.

(38) Hebr 13, 7.

(39) S. Augustinus, In Ps. 32, Enarr. II, 29; MIGNE, PL, XXXVI, 299.

(40) Ebd., In Ps. 82, Enarr. II, 14; MIGNE, PL, XXXVII, 1140.

(41) Joh 17, 11.17.20.21.23.

(42) Gen 45, 4.

(43) 2 Kor 7, 2.

(44) Phil 4, 7.

(45) Vgl. Lk 2, 14.

(46) Joh 14, 27.

(47) Mt 6, 33.

(48) 2 Kor 6, 11.

(49) Vgl. Mt 20, 12.

(50) Jak 1, 17.

(51) Joh 15, 5.

(52) Phil 4, 18.

(53) Phil 4, 19.

(54) FUNK, Patres Apostalici I, 243-245; vgl. MIGNE, PG, V. 675.

(55) Ebd. I, 267; vgl. MIGNE, PG, V, 699.

(56) 2 Thess 3, 1.

(57) Vgl. Joh 1,9.

(58) Vgl. Phil 2, 21.

(59) 2 Kor 5, 20.

(60) 2 Kor 10, 3.

(61) Litt. Enc. Rerum ecclesiae; A.A.S., vol. XVIII, 1926, p. 65 f.

(62) Litt. Enc. Evangelii praecones; A.A.S., vol. XLIII. 1951, p. 497; et Litt. Enc. Fidei donum; A.A.S., vol. XLIX, 1957, p. 225 f.

(63) Vgl. Hebr 13, 14.

(64) Lk 9, 23.

(65) Vgl. Lk 12, 33.

(66) Vgl. Litt. Enc. Quadragesimo anno; A.A.S., vol. XXIII, 1931, pp. 196-198.

(67) Vgl. Allocutio Pii XII ad adscriptos societatibus christianis operariorum Italicorum; die XI mensis Martii habita, anno 1945; A.A.S., vol. XXXVII, 1945, pp. 71-72.

(68) Epist. Exeunte iam anno; A. L., vol. VIII, 1888, p. 398.

(69) De N. D. III, 40.

(70) Mt 5, 10.

(71) Phil 4, 8

(72) Röm 13, 14.

(73) Kol 3, 12-15.

(74) Joh 14, 6.

(75) Off 22, 11.

(76) FUNK; Patres Apostolici, I, 399-401; vgl. MIGNE, PG, II, 1174-1175.

(77) Vgl. L'Osservatore Romano 18-19 maggio 1959; 7 giugno 1959.

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