Ad beatissimi apostolorum (Wortlaut)

Aus Kathpedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
Antrittsenzyklika
Ad beatissimi apostolorum

unsers Heiligen Vaters
Benedikt XV.
durch göttliche Vorsehung Papst
an alle Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
und andere Ordinarien, welche in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl stehen
über die gegenwärtige menschliche Gesellschaft und die Kirche
1. November 1914

(Offizieller lateinischer Text: AAS VI [1914] ca. 581)

(Quelle: Rundschreiben unseres Heiligen Vaters Benedikt XV., Autorisierte Ausgabe, Lateinischer Text und authentische deutsche Übersetzung [mit gebrochenen Buchstaben], Herdersche Verlagsbuchhandlung Freiburg im Breisgau 1915. Die Abschnittseinteilung und Nummerierung folgt der englischen Fassung [1])

Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramtstexte dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


Benedictus XV: 'In te Domine, speravi'
Ehrwürdige Brüder, Gruß und Apostolischen Segen!

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Der Papst weidet alle Menschen

1 Auf dem Stuhl des heiligen Apostelfürsten durch den unerforschlichen Ratschluss der göttlichen Vorsehung ohne Unser Verdienst erhoben, richteten wir alsbald, da ja Christus, der Herr mit demselben Worte „Weide meine Lämmer, weide meine Schafe“(1) wie einst Petrus, so auch Uns berief, den Blick voll Wohlwollen und Liebe auf die ganze Herde, die Unserer Sorge anvertraut wurde. Wahrhaft zahllos ist diese Herde, da sie ja alle Menschen, wenn auch nicht alle in gleicher Weise, umfasst. Denn für alle Menschen, so viele ihrer sind, hat Jesus Christus sein Blut als Lösepreis hingegeben und sie dadurch aus der Knechtschaft der Sünde befreit, und es gibt keinen, der von den Wohltaten der Erlösung ausgeschlossen wäre. So hat der göttliche Hirte den einen Teil der Menschheit schon glücklich geborgen in den Hirten der Kirche, und auch den andern wird er dorthin führen, wie er so liebevoll versichert: Ich habe noch andere Schafe, wie er so liebevoll versichert: Ich habe noch andere Schafe, welche nicht aus diesem Schafstalle sind; auch diese muss ich herbeiführen, und sie werden meine Stimme hören.(2)

2 Wir wollen es Euch nicht verhehlen, ehrwürdige Brüder, das erste, was wir im Herzen empfunden haben, war, gewiss durch Gottes Güte geweckt, ein unsagbarer Drang von Verlangen und Liebe, aller Menschen heil zu wirken. Bei Übernahme des Pontifikates war Uns Wunsch und gebet, was es für Jesus war, bevor er den Kreuzestod starb: Heiliger Vater, bewahre sie in Deinem Namen, die Du mir gegeben hast.(3)

Die menschliche Gesellschaft

Traurigste Lage des Krieges

3 Als Wir aber von der erhabenen Warte des Apostolischen Stuhles Ausschau hielten auf den Lauf der Dinge dieser Welt und alles gleichsam mit einem Blicke überschauten, da trat Uns der so tieftraurige Zustand der menschlichen Gesellschaft vor Augen, und herber Schmerz ergriff Unser Herz. Denn wie wäre es möglich, dass Uns, dem gemeinsamen Vater von allen, nicht tief zu Herzen ginge dieses Bild, das Europa und mit ihm die ganze Welt bietet, ein Bild, wie es schrecklicher und trauriger seit Menschengedenken wohl nie geschaut wurde! Jene Tage fürwahr scheinen gekommen zu sein, von denen Christus vorausgesagt: Ihr werdet von Kriegen und Kriegsgerüchten hören, ... denn es wird Volk gegen Volk aufstehen und Reich gegen Reich(4). Überall bietet sich dem Auge das entsetzliche Bild des Krieges, und es gibt jetzt kaum etwas anderes, was der Menschen Sinnen und Trachten beschäftigt. Die größten und blühendsten Völker haben zum Schwert gegriffen; was Wunder daher, dass sie, wohlausgerüstet mit den schrecklichen Mitteln, welche die heutige Kriegskunst erfunden hat, mit rücksichtsloser Härte sich gegenseitig niederzuringen suchen. Überall Tod und Zerstörung; täglich wird die Erde aufs neue mit Blut getränkt und bedeckt mit den Leibern der Toten und Verwundeten. Wer sollte glauben, dass diejenigen, die man so sehr gegeneinander erbittert sieht, Kinder eines gemeinsamen Stammvaters, Träger derselben Natur, Glieder derselben menschlichen Gesellschaft sind? Wer sollte Brüder in ihnen erkennen, die den einen Vater im Himmel haben? Während aber die ungezählten Heeresmassen in Erbitterung sich gegenseitig bekämpfen, zieht Schmerz und Elend, diese traurige Gefolgschaft der Kriege, in Städte und Häuser und die Herzen der einzelnen ein: es wächst in Ungeheure von Tag zu Tag die Zahl der Witwen und Waisen, die Verkehrswege sind gesperrt, und so liegt der Handel danieder, verödet sind die Felder, die Künste liegen brach; die Reichen sind in schwerer Sorge, die Armen in bitterer Not, alle in tiefer Trauer.

An die Regierenden

4 Erschüttert durch dieses entsetzliche Unglück hielten Wir es auf der Schwelle des Pontifikates für Unsere Pflicht, die letzten Worte Unseres Vorgängers, des Papstes von so hehrem und heiligem Andenken, ins Gedächtnis zurückzurufen, und, sie wiederholend, zum erstenmal Unseres Apostolischen Amtes zu walten. Wir beschworen daher aus Herzensgrund diejenigen, welche das Zepter führen und die Staaten beherrschen, zu bedenken, wie viel Blut und Tränen schon vergossen, und darum sich zu beeilen, den Völkern die erhabenen Segnungen des Friedens wiederzugeben. Möge Gott sich unser erbarmen und in Gnade bewirken, dass, einst die Engel bei der Geburt des Weltheilandes gesungen, jetzt, da Wir das Amt als Sein Stellvertreter übernehmen, bald wieder ertöne: Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind! (5) Mögen also, so bitten Wir, die auf Uns hören, in deren Händen die Geschichte der Völker ruhen. Es stehen ja andere Wege offen, es gibt andere Mittel, verletzte Rechte wiederherzustellen. Mit diesen also mögen sie es einmal aufrichtigen Sinnes und guten Willens versuchen und unterdessen die Waffen ruhen lassen! Die Liebe zu ihnen und zu allen Völkern, nicht eigenes Interesse, gibt es Uns ein, also zu sprechen. Möge dieses Wort des Freundes und Vaters nicht umsonst gesprochen sein!

Ursache der Übel: Die Staatsverfassungen lassen die christlichen Vorschriften außer acht

5 Aber nicht bloß der gegenwärtige blutige Krieg ist es, was die Völker unglücklich macht und uns Kummer und Sorge bereitet. Es ist noch ein anderes schreckliches Übel, das am Marke der menschlichen Gesellschaft zehrt, ein Übel, das alle Einsichtigen mit Furcht erfüllt. Denn, abgesehen von dem Unglück, das es über die Staaten schon gebracht hat und in Zukunft noch bringen wird, muss gerade es mit Recht als die wahre Ursache dieses entsetzlichen Krieges betrachtet werden. Denn seit man in der Verfassung der Staaten die Vorschriften und Einrichtungen der christlichen Lehre außer acht gelassen hat, die doch die sicherste Bürgschaft für Festigkeit und Bestand der staatlichen Ordnung in sich tragen, seitdem sind die Staaten notwendigerweise selbst in ihren Grundfesten erschüttert worden und ins Wanken gekommen. Eine Verwirrung der Geister und Verwilderung der Sitten ist daraus gefolgt, dass, wenn Gott nicht bald Hilfe schafft, der Zusammenbruch der menschlichen Gesellschaft nahe bevorstehen scheint. Das nämlich sind die Übel, die wir wahrnehmen: Mangel an wohlwollender Liebe in den Beziehungen der Menschen untereinander, Missachtung der Autorität, ungerechter Kampf der Stände und Klassen, gieriges Verlangen nach den wandelbaren und hinfälligeren Gütern, als ob es keine andern und zwar viel bessere gäbe, die dem Menschen zum Erwerb angeboten sind. In diesen vier Grundübeln glauben wir ebenso viele Ursachen erblicken zu können, warum die Ordnung der menschlichen Gesellschaft so schwer gestört ist. Wir müssen daher vereint alles aufbieten, dieses Übel auszurotten, und zwar dadurch, dass wir den Grundsätzen des Christentums aufs neue Geltung verschaffen, wenn es uns Ernst damit ist, das Gemeinwohl zu fördern und Ordnung und Frieden zu schaffen.

Mangel an wohlwollender Liebe in den Beziehungen der Menschen untereinander

6 Was nun das Erste betrifft, so hat Christus der Herr, der gerade zu dem Zweck vom Himmel herabgestiegen war, um unter den Menschen das durch den Neid des Teufels zerstörte Reich des Friedens wieder herzustellen, es auf keinem andern Fundament errichten wollen, als auf dem der Liebe. Deshalb wiederholt er so oft: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebet (6); Dies ist mein Gebot, dass ihr einander liebet (7); Dies gebiete ich euch, dass ihr einander liebet (8), als wäre einzig das ihm Lebensaufgabe und Lebenszweck gewesen, die Menschen dahin zu bringen, dass sie einander lieben. Welche Fülle von ergreifenden Beweggründen hat der Erlöser uns nicht vor Augen gestellt, um uns zu dieser Liebe zu führen! Er heißt uns alle zum Himmel aufschauen: Denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist (9). Allen, ohne Unterschied der Nation, der Sprache, der Interessen legt er dasselbe Gebet auf die Lippen: Vater unser, der Du bist in dem Himmel (10). Er versichert sogar, der Himmlische Vater mache keinen Unterschied, nicht einmal nach dem Verdienste des Einzelnen, wenn er die Gaben der Natur spendet, er, der seine Sonne über die Guten und Bösen aufgehen lässt, und regnen über Gerechte und Ungerechte (11). Brüder sind wir untereinander, sagt der Heiland, ja er nennt uns seine eigenen Brüder: Ihr aber seid Brüder (12), auf dass er selbst der Erstgeborne sei unter vielen Brüdern (13). Auf den stärksten Beweggrund, die Liebe Gottes zu üben, auch gegen jene, welche wir in angeborenen Stolz so leicht verachten, weist er hin, wenn er uns in jedem, auch im letzten und ärmsten, die Würde seiner eigenen Person anzuerkennen lehrt: Was immer ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. (14) Und hat er nicht am Ende seines Lebens den Vater flehentlich gebeten, dass alle, so viele an ihn glauben werden, in der Liebe eins seien: wie Du, Vater in mir und ich in Dir (15)? Endlich hat er am Kreuze hängend sein Blut in alle überströmen lassen, so dass wir, gleichsam zusammengefügt und zu einem Leibe verwachsen, uns gegenseitig lieben, wie ein Glied das andere am selben Leibe.

7 Aber leider, ganz anders verhalten sich die Menschen unserer Zeit. Niemals vielleicht hat man das Wort Bruderliebe so häufig im Munde geführt als heute; ja man ging so weit, das Evangelium der Liebe, die Predigt des Heilandes und der Kirche zu vergessen und Bruderliebe als die große Errungenschaft zu preisen, welche die Bildung unserer Zeit gebracht hat. In Wirklichkeit aber ist niemals weniger Liebe unter den Menschen geübt worden als gerade heute. Der Hass zwischen den verschiedenen Völkerstämmen ist aufs höchste gestiegen; Volk wird von Volk mehr durch Feindschaft getrennt als durch Grenzen geschieden; in ein und derselben Stadt, innerhalb derselben Mauern ist Neid und Missgunst unter den verschiedenen Klassen der Bürger entbrannt, und im Privatleben ist die Selbstsucht das oberste Gesetz, das alles regelt und beherrscht.

8 Ihr seht, ehrwürdige Brüder, wie notwendig es ist, mit allem Eifer dahin zu streben, dass die Liebe Jesu Christi in den Herzen der Menschen wieder zur Herrschaft komme. Wir werden das sicherlich immer vor Augen haben und gleichsam als die Hauptaufgabe Unseres Pontifikates betrachten; aber Euch ermahnen Wir, strebet das Gleiche mit allen Kräften an. Lasst uns immer wieder in Erinnerung bringen, und durch das Beispiel lehren jene Mahnung des heiligen Johannes: Lieben wir einander! (16) Gut sind gewiss und sehr zu empfehlen jene Wohltätigkeitseinrichtungen, an denen unsere Zeit so reich ist; aber nur dann schaffen sie wirklichen Nutzen, wenn sie dazu beitragen, die wahre Liebe zu Gott und zum Nächsten in den Seelen zu fördern; tun sie das nicht, so sind sie nichts wert, denn wer nicht liebt, bleibt im Tode. (17)

Missachtung der Autorität

9 Die zweite Ursache der allgemeinen Wirren liegt, wie Wir gesagt haben, darin, dass die Autorität derjenigen, die die Gewalt in Händen haben, der Menge des Volkes nicht mehr heilig ist. Seitdem man nämlich für gut befunden hat, den Ursprung jeglicher menschlichen Gewalt nicht von Gott, dem Schöpfer und Herrn der Welt, sondern von der freien Entschließung der Menschen herzuleiten, sind die Bande der Pflicht, die Vorgesetzte und Untergebenen verknüpfen sollen, so locker geworden, dass sie beinahe ganz gelöst zu sein scheinen. Denn maßloser Drang und Freiheit, verbunden mit dem Geist der Widersetzlichkeit, hat nach und nach alles durchsetzt. Nicht einmal den Verband der Familie, in der doch die Gewalt sonnenklar auf dem Naturgesetze beruht, hat er unberührt gelassen; selbst in das Heiligtum, und das ist noch mehr zu beklagen, ist er eingedrungen. Daraus entsteht die Missachtung der Gesetze, die Auflehnung der Volksmassen, daraus jene Sucht, alles zu bekriteln, was von oben angeordnet wird, daher jene ungezählten Versuche, die straffe Zucht der Ordnung zu lockern; daher die entsetzlichen Frevel jener, die laut erklären, dass es für sie ein Gebot nicht gebe, und die sich darum nicht scheuen, Gut und Blut der Mitmenschen zu Grunde zu richten.

10 Zu dieser Entartung im Denken und Handeln, durch welche die Ordnung der menschlichen Gesellschaft umgestürzt wird, dürfen Wir, da Uns das Amt, die Wahrheit zu lehren, von Gott übertragen ist, durchaus nicht schweigen. So mahnen Wir denn die Völker, jener Lehre eingedenk zu sein, die keine menschliche Willkür zu ändern vermag: Es gibt keine Gewalt außer von Gott, die aber, welche bestehen, sind von Gott gesetzt.(18) Wer immer daher unter Menschen die Stelle eines Vorgesetzten einnimmt, sei es nun dass er die oberste Gewalt in Händen hat, oder von dieser bestellt sei, dessen Gewalt stammt von Gott. Daher sagt der heilige Paulus, aus keinem andern Grunde, als weil Glaube und Gewissen es so verlangt, sei denen Gehorsam zu leisten, die kraft ihrer Macht befehlen, es müsste nur sein, dass sie etwas anordnen, was gegen Gottes Geboten verstoße. Darum ist es eure Pflicht, untertan zu sein, nicht nur um der Strafe willen, sondern auch des Gewissens wegen.(19) Mit diesen Worten des heiligen Paulus stimmt überein, was der Apostelfürst lehrt: Seid daher untertan aller menschlichen Ordnung um Gottes willen, sei es dem Könige als dem Oberherrn, oder den Statthaltern als solchen, welche von ihm bestellt sind ...(20) Daraus zieht der Völkerapostel den Schluss, dass der, welcher dem rechtmäßig Befehlenden sich widersetzt, Gott widersteht und sich ewige Strafe zuzieht: Wer demnach gegen die obrigkeitliche Gewalt sich auflehnet, widersetzt sich der Anordnung Gottes. Die sich aber widersetzen, ziehen sich selbst Verdammnis zu.(21)

11 Mögen die Fürsten und Lenker der Völker dies bedenken und zusehen, ob es klug und für die öffentliche Gewalt und die Staaten heilsam ist, sich von Jesu Christi heiliger Religion zu trennen, von der ihre eigene Macht getragen und gestützt wird. Wieder und wieder mögen sie erwägen, ob es ein Beweis von Staatsklugheit ist, die heilige Lehre des Evangeliums und der Kirche aus Staat und Schule ausschließen zu wollen. Leider hat die Erfahrung nur zu deutlich bewiesen, dass dort das Ansehen der menschlichen Autorität am meisten darniederliegt, wo die Religion ihres Rechts und Einflusses beraubt ist. Denn was dem Stammvater unseres Geschlechtes zugestoßen ist, als er seiner Pflicht untreu geworden war, dasselbe pflegt auch die Staaten zu treffen. Sobald sich sein Wille gegen Gott aufgelehnt hatte, empörten sich in ihm die Leidenschaften und schüttelten die Herrschaft des Willens ab. So pflegt es zu geschehen, dass, wo die Lenker der Völker Gottes Autorität verachten, die Völker ihrerseits sich nicht kümmern um die Autorität der Menschen. Eines bleibt freilich übrig, dass man anzuwenden pflegt, erregte Volksmassen niederzuhalten: die Waffengewalt; jedoch mit welchem Enderfolge? Mit Waffengewalt zwingt man zwar die Leiber nieder, meistert aber nicht die Geister.

Ungerechter Kampf der Stände und Klassen

12 Ist einmal das zweifache Band gelöst oder auch nur gelockert, das jede Gesellschaft zusammenhält, nämlich das der gegenseitigen Liebe, welches Glied mit Glied verknüpft, und das der gläubigen Unterwerfung unter die Autorität, wodurch die Glieder mit dem Haupte verbunden sind, wer könnte sich dann noch wundern, ehrwürdige Brüder, dass die menschliche Gesellschaft wie in zwei Heerlager gespalten ist, die sich heftig und unablässig bekämpfen? Auf der einen Seite stehen die, denen ein glückliches Los irdische Güter in Fülle gespendet oder der eigene Fleiß zum Wohlstand verholfen hat, und ihnen gegenüber die unterste Klasse des Volkes und die Arbeiterwelt, voll Hass und Neid deswegen, weil sie, obschon gleicher Natur, nicht auch in denselben glücklichen Verhältnissen leben. Sie sind irregeführt durch falsche Vorspiegelungen der Volksaufwiegler, deren Wink sie willentlich folgen. Wie wäre es da möglich, ihnen die Überzeugung beizubringen: daraus dass die Menschen alle die gleiche Natur haben, folge keineswegs, dass auch alle in der Gesellschaft den gleichen Platz einnehmen müssten, sondern da sei die jedem zukommende Stellung, die er, wo nicht widrige Schicksale im Wege stehen, durch eigene sittliche Anstrengung erworben hat. Wenn daher die weniger Bemittelten die Wohlhabenden bekämpfen, als hätten sich diese in den Besitz fremden Gutes gesetzt, so sündigen sie nicht nur gegen die Gerechtigkeit und Liebe, sondern auch gegen die gesunde Vernunft; denn auch sie könnten, wenn sie nur wollten, durch ehrliche Arbeit ihr Los zu verbessern suchen. – Wir brauchen nicht auszuführen, welche Nachteile und wie große, dieser Kampf des Neides den einzelnen wie der Gesellschaft bringt. Wir sehen und beklagen ja alle die so häufigen Arbeiterausstände, wodurch der Lauf des bürgerlichen und öffentlichen Lebens auch in den notwendigsten Dienstleistungen wie mit einem Schlage zum Stillstand gebracht wird, und jene bedrohlichen Ansammlungen und lärmenden Kundgebungen, bei denen es nicht selten geschieht, dass man zu den Waffen greift und dass Blut fließt.

13 Wir wollen hier nicht die Beweisgründe wiederholen, durch welche die Irrtümer der Sozialisten und ähnlich Gesinnte so überzeugend widerlegt werden. Das hat mit hoher Weisheit Unser Vorgänger Leo XIII. in seinen denkwürdigen Rundschreiben getan. Ihr aber, ehrwürdige Brüder, sollt bei dem Eifer, der Euch auszeichnet, dafür Sorge tragen, dass jene so wichtigen Grundsätze und Vorschriften niemals in Vergessenheit kommen, dass sie vielmehr in katholischen Vereinen, in Versammlungen, bei Verkündigung des Wortes Gottes, in den öffentlichen Schriften der Unsrigen wissenschaftlich dargestellt und eingeschärft werden, so oft sich dazu ein Anlass bietet. Doch, was die Hauptsache bleibt – und Wir stehen nicht an, es zu wiederholen – lasst Uns mit allen Beweggründen, die uns das Evangelium, die Natur des Menschen selbst und das Interesse der öffentlichen und häuslichen Ordnung darbieten, dringend ermahnen, dass alle, geleitet vom göttlichen Gebot der Liebe, in brüderlicher Gesinnung einander lieben. Gewiss, diese Liebe vermag nicht, die Unterschiede der Lebensstellungen und Stände aufzuheben. Das ist ebenso unmöglich, wie allen Gliedern am lebenden Leibe dieselbe Aufgabe, dieselbe Würde zuzuweisen. Das aber wird die Liebe bewirken, dass die höher Gestellten sich herablassen zu denen, die in bescheidenen Verhältnissen leben, und diesen gegenüber nicht bloß, wie es sich gehört, Gerechtigkeit üben, sondern ihnen entgegengekommen mit Wohlwollen, mit Freundlichkeit und Geduld. Die vom Glück weniger Begünstigten ihrerseits sollen sich freuen über den Wohlstand der andern und deren Hilfe vertrauensvoll erwarten; geradeso wie unter den Kindern derselben Familie das jüngere sich auf den Schutz und die Hilfe des älteren verlässt.

Gieriges Verlangen nach den wandelbaren und hinfälligeren Gütern

14 Doch, ehrwürdige Brüder, alle bisher beklagten Übel haben eine gemeinsame tiefer liegende Wurzel, und wenn nicht die Guten mit allen Kräften dahin wirken, diese Wurzel ausrotten, dann wird fürwahr das, was Uns so sehr am Herzen liegt, nicht erreicht werden, nämlich der menschlichen Gesellschaft dauernd von Frieden zu sichern. Was das für eine Wurzel ist, sagt uns der Apostel klar: Die Wurzel aller Übel ist die Begierlichkeit.(22) Und in der Tat, wer genau zusieht, wird finden, dass die Übel, an denen die menschliche Gesellschaft heute krank, alle aus dieser Wurzel entstehen.

15 Schlechte Schulen, welche das jugendliche Herz, das weich ist wie Wachs, verbilden, gottlose Schriften, welche, sei es nun täglich oder periodisch, ihren Einfluss ausüben und die unerfahrene Menge irreführen, und nicht zuletzt die öffentliche Meinung; all das hat gemeinsam dazu beigetragen, jenen verderblichen Irrtum in den Herzen der Menschen sich festsetzen zu lassen: für den Menschen sei im Jenseits kein ewiges Leben zu erhoffen, in dem er glücklich werde; hier, hier auf Erden liege es in seiner Hand, durch Besitz von Geld und Würden, durch Lebensgenuss und irdische Freuden sich sein Glück zu schaffen. Da darf man sich doch nicht wundern, dass Menschen mit solchen Grundsätzen – und wir Menschen sind ja von Natur zur Seligkeit geschaffen – mit demselben Ungestüm, mit dem sie sich zu jenen Gütern unwiderstehlich hingezogen fühlen, in derselben Weise rücksichtslos aus dem Wege schaffen, was immer die Erreichung dieses Erdenglücks verzögert oder verhindert. Weil aber die Erdengüter nun einmal nicht in gleichem Maße unter die einzelnen verteilt sind, und weil die staatliche Obrigkeit die Pflicht hat, zu verhindern, dass der einzelne die Grenzen seiner Freiheit überschreite oder gar fremdes Gut antaste, deshalb ist die Autorität verhasst, deshalb nagt weiter am Herzen der Unbemittelten der Neid gegen den Besitzenden, deshalb wütet der Kampf unter den verschiedenen Klassen der Bürger, da die einen darauf ausgehen, um jeden Preis zu erlangen, ja sogar andern zu entreißen, was ihnen fehlt, während die andern ebenso entschlossen sind, das zu bewahren, was sie besitzen, ja es noch zu vermehren.

Vom Himmel stammende Lebensweisheit

16 Da Christus der Herr, in die Zukunft schauend, das so kommen sah, hat er in jener göttlich erhabenen Predigt auf dem Berge klar und deutlich gezeigt, was des Menschen Seligkeit hier auf Erden ist. Damit hat der Herr gleichsam das Grundgesetz christlicher Lebensweisheit aufgestellt. In ihm erkennen selbst den Glauben durchaus Fernstehende eine wunderbare Weisheit und die vollkommenste Glaubens- und Sittenlehre. Das müssen sicherlich alle zugeben: Niemand hat vor Christus, der die Wahrheit selbst ist, auch nur ähnlich Erhabenes über diesen Gegenstand vorgetragen, niemand mit gleicher Würde und Kraft, niemand mit so viel Liebe.

17 Der innere und tiefste Grund dieser vom Himmel stammenden Lebensweisheit liegt darin, dass, was wir Güter dieses vergänglichen Lebens nennen, Güter nur dem Scheine nach sind, nicht aber in des Wortes wahrer Bedeutung. Darum kann ihr Genuss das Leben der Menschen nicht wahrhaft glücklich machen. So wenig kann Reichtum, Ehre und Genuss nach dem Willen des Schöpfers dem Menschen ein seliges Los bereiten, dass, wer hienieden wahrhaft selig werden will, zuerst auf dies alles um Gottes willen verzichten muss: Selig die Armen... Selig ihr, die ihr jetzt meinet... Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen, verstoßen, schmähen und euern Namen in übeln Ruf bringen.(23) Ja durch Schmerz und Leid und des Lebens Elend, wenn wir sie nur ertragen, wie wir sollen, führt der Weg zu den wahren und unvergänglichen Gütern, die Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.(24) Allein diese so hochbedeutsame Wahrheit des Glaubens scheint von den meisten kaum beachtet, von vielen vollständig vergessen zu sein.

18 Und doch, ehrwürdige Brüder, ist es unerlässlich notwendig, im Lichte dieser Wahrheit die Geister umzubilden; denn anders wird weder der einzelne noch die menschliche Gesellschaft den Frieden finden. Wer daher von Kummer und Leid niedergedrückt ist, der lasse nicht sein Auge auf dieser Erde haften, auf der wir doch nur Fremdlinge sind, sondern erhebe es zum Himmel, dorthin, wo das Ziel unserer Wanderung ist: denn wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern trachten nach der zukünftigen.(25) Mitten in den Bitterkeiten des Lebens, durch die Gott die Standhaftigkeit seiner Diener auf die Probe stellt, sollen sie oft erwägen, welch ein Lohn ihnen winkt, wenn sie als Sieger aus dieser Prüfung hervorgehen: denn unsere gegenwärtige Trübsal, die von kurzer Dauer und leicht erträglich ist, bewirkt eine überschwängliche, ewige, alles überwiegende Herrlichkeit in uns.(26) Endlich muss mit aller Sorge und Anstrengung erstrebt werden, dass der Glaube an eine übernatürliche Welt unter den Menschen neu auflebe und mit dem Glauben die Wertschätzung, das Verlangen und die Erwartung der ewigen Güter. Das sei also Eure erste Aufgabe, ehrwürdige Brüder, und das vorzüglichste Bestreben des Klerus und all unserer Söhne, die sich in verschiedene Vereine zusammenschließen, um Gottes Ehre und das wahre Wohl der Menschheit zu fördern. In dem Grade, als dieser Glaube in den Menschen zunimmt, wird ihr maßloses Streben nach den nichtigen irdischen Gütern abnehmen, und nach und nach, wenn nämlich auch die Liebe wieder erstarkt, werden die sozialen Unruhen und Kämpfe sich legen.

Angelegenheiten der Kirche

Das Pontifikat Pius X.

19 Wenden wir nun den Blick von der menschlichen Gesellschaft weg auf die eigenen Angelegenheiten der Kirche. Da findet in der Tat unser Herz, das beim Anblick des namenlosen Unglücks der heutigen Zeit aufs schmerzlichste berührt wird, so manches, was es in etwa tröstet und aufrichtet. Zu besonderem Troste gereicht Uns nicht nur der offenkundige Beweis der göttlichen Kraft und Festigkeit, welche der Kirche eigen sind, sondern auch das herrliche Erbe, welches Unser Vorgänger Pius X., der durch die Heiligkeit seines Wandels eine Zierde des Apostolischen Stuhles gewesen, Uns als Frucht seiner unermüdlichen Fürsorge hinterlassen hat. Durch sein Bemühen ist allenthalben im geistlichen Stande der religiöse Eifer neu belebt, die Frömmigkeit des christlichen Volkes wieder geweckt, im Leben der katholischen Vereine ist Eifer und Zucht gefördert worden; Bischofssitze sind neu erreichtet oder der Zahl nach vermehrt; für die Erziehung des heranwachsenden Klerus wurde den kirchlichen Vorschriften gemäß und unter glücklicher Berücksichtigung der heutigen Zeitverhältnisse aufs beste gesorgt; von den Lehrstühlen der heiligen Wissenschaft ist die Gefahr unkirchlicher Neuerungen verbannt; die kirchliche Musik steht im Einklang mit der Erhabenheit der heiligen Geheimnisse, welche sie verherrlichen soll, Reichtum du Glanz der liturgischen Feier ist gemehrt; durch Errichtung neuer Missionen für die Boten des Evangeliums wurde die Verbreitung der christlichen Lehre gefördert.

20 Groß in der Tat sind die Verdienste Unseres Vorgängers um die Kirche und wert, dass sie die Nachwelt in dankbarem Andenken bewahre. Wie aber der Acker des Familienvaters (von dem das Evangelium spricht) durch Gottes Zulassung der Bosheit des Menschenfeindes immer offen steht, so wird es niemals eine Zeit geben, in der man nicht mit ununterbrochener Arbeit verbinden müsste, dass das üppig wuchernde Unkraut die gute Frucht ersticke. So glauben Wir auf Uns anwenden zu sollen, was Gott einst dem Propheten gesagt hat: Siehe, ich habe dich heute über die Völker gestellt und über die Reiche, damit du ausreißest und zerstörest ..., aufbauest und pflanzest.(27) Daher werden Wir mit Einsatz auch der letzten Kraft das Böse auszurotten, das Gute zu fördern trachten, solange es dem obersten Hirten gefällt, Uns für die Verwaltung des anvertrauten Amtes verantwortlich zu machen.

21 Da Wir heute, ehrwürdige Brüder, Uns zum ersten Mal mit einem Rundschreiben an Euch alle wenden, halten wir für gut, einige Hauptpunkte kurz zu erwähnen, denen Wir besondere Sorgfalt widmen werden. Je eifriger Ihr durch Eure Mithilfe Unserer Bemühungen unterstützt, um so schneller werden wir uns der ersehnten Früchte erfreuen.

In größter Einmütigkeit das gleiche Ziel verfolgen

22 In jeder Gemeinschaft von Menschen, was immer der Grund ihrer Verbindung sein mag, ist für das Gedeihen der gemeinsamen Sache von höchster Bedeutung, dass die Glieder in größter Einmütigkeit das gleiche Ziel verfolgen. Daher wollen Wir dafür sorgen, alle bestehenden Gegensätze und Uneinigkeiten unter Katholiken zu beseitigen und neuen vorzubeugen. Eins sollen sie fortan sein im Denken und Handeln. – Nur zu gut wissen die Feinde Gottes und der Kirche, dass jede Uneinigkeit im Lager der Unsrigen für sie einen Sieg bedeutet; daher gehen sie von alters her darauf aus, in die festgeschlossenen Reihen der Katholiken listig den Samen der Zwietracht zu streuen und die Ewigkeit zu stören. Wäre doch dieser Versuch ihnen nicht so oft geglückt zum großen Schaden der Kirche! Wo also die rechtmäßige Autorität unzweifelhaft ein Gebot erlassen hat, da steht es niemanden frei, es nicht zu beobachten, einzig darum, weil es ihn nicht zweckdienlich scheint; vielmehr unterwerfe jeder seine persönliche Meinung der für ihn zuständigen Autorität und gehorche ihr aus Gewissenspflicht. – Ebenso nehme sich kein Unberufener heraus, in Büchern und Zeitungen oder öffentlichen Vorträgen sich als Vertreter der kirchlichen Lehramtes auszugeben. Es ist ja allen bekannt, wem in der Kirche Gott das Lehramt anvertraut hat. Diesem also bleibe das Recht ungeschmälert, seine Lehre, wann und wie es ihm gut scheint, zu verkünden. Pflicht aller übrigen ist es, auf das Wort des kirchlichen Lehramtes zu hören und sich ihm in Demut zu fügen.

23 In jenen Fragen aber, in welchen man, da eine Entscheidung des Apostolischen Stuhles nicht vorliegt, ohne Gefahr für Glaube und Sitte dafür oder dagegen Stellung nehmen kann, ist es niemanden verwehrt, frei seine Meinung zu sagen und aufrecht zu halten. Doch möge man von diesen Auseinandersetzungen jeden Mangel an Maßhaltung im Reden ausschließen, da daraus schwere Verletzungen der Liebe entstehen können. Mit Freimut, aber auch mit Bescheidenheit möge ein jeder seine Ansicht vorbringen und verteidigen, und keiner halte sich für berechtigt, den Glauben und die kirchliche Gesinnung anderer einzig deswegen zu verdächtigen, weil sie anderer Meinung sind.

24 Wir wollen auch, dass sich die Unsrigen jener Bezeichnungen enthalten, welche man neuerdings zu gebrauchen angefangen hat, um Katholiken von Katholiken zu unterscheiden. Dies sollen sie unterlassen nicht nur als verwerfliche Neuerungen im Reden, welche der Wahrheit noch der Billigkeit entsprechen, sondern ganz besonders deswegen, weil dadurch unter den Katholiken große Beunruhigung und Verwirrung entsteht. Der katholische Glaube ist von so eigener Art und Natur, dass man ihm nichts hinzufügen, nichts von ihm hinwegnehmen kann: entweder nimmt man ihn ganz an oder lehnt ihn ganz ab. Das ist der katholische Glaube: wer ihn nicht treu und standhaft festhält, kann nicht selig werden.(28) Es bedarf daher keines weiteren Zusatzes, um den katholischen Glauben zu bezeichnen; es sei jedem genug zu bekennen: „Christ ist mein Name, Katholik mein Zuname“; nur bemühe er sich, in Wahrheit das zu sein, was es heißt.

Irrtumsfrei und Gehorsam

25 Im übrigen verlangt die Kirche von ihren Kindern, die ihre Kräfte dem Dienste der gemeinsamen katholischen Sache widmen, heute etwas ganz anderes, als dass sie ihre Zeit mit Fragen vergeuden, die keinen Nutzen bringen. Sie verlangt, dass diese Männer mit aller Kraft danach streben, den Glauben rein und frei von jedem Hauche des Irrtums zu bewahren, und dass sie vor allem gehorsam der Leitung dessen folgen, den Christus zum Hüter und Verkünder der Wahrheit bestellt hat. Es gibt heute auch solche – und ihre Zahl ist nicht klein – die, wie der Apostel sagt, lüstern nach dem, was den Ohren schmeichelt, die gesunde Lehre nicht ertragen, sich Lehrer über Lehrer nehmen, das Gehör von der Wahrheit abwenden, den Fabeln dagegen sich zukehren.(29) Manche lassen sich durch die hohe Meinung von der Kraft des menschlichen Geistes – und er hat ja mit Gottes Beistand unglaubliche Fortschritte in der Erforschung der Natur gemacht – aufblähen und blenden und gehen unter Verachtung der kirchlichen Autorität im Vertrauen auf ihr eigenes Urteil so weit in ihrer Vermessenheit, dass sie es wagen, selbst die Geheimnisse Gottes und alles, was Gott dem Menschen geoffenbart hat, an ihrer eigenen Einsicht zu messen und den Anschauungen unserer Zeit anzupassen. So sind die ungeheuerlichen Irrtümer des Modernismus entstanden, die Unser Vorgänger mit Recht „die Zusammenfassung aller Irrlehren“ genannt und feierlich verurteilt hat. Diese Verurteilung, ehrwürdige Brüder, erneuern Wir in ihrem ganzen Umfange, und da diese verderbnisbringende Pest noch nicht ganz ausgerottet ist, sondern noch heute da und dort, wenn auch nur verborgen, weiterschleicht, so ermahnen Wir alle, sich aufs sorgfältigste zu hüten vor jeder Ansteckung dieses Übels, auf welches man passend anwenden kann, was Job von einem andern Übel gesagt hat: Ein Feuer ist es, das bis zur Vernichtung zehrt, und jegliches Erzeugnis entwurzelt.(30) Indes Wir wünschen, dass die Katholiken sich mit Abscheu wegwenden nicht nur von den Irrtümern, sondern auch von dem Geist und von der Richtung des Modernismus. Wer von diesem Geiste beseelt ist, der verschmäht alles, was an das ehrwürdige Altertum erinnert, und jagt überall gierig den Neuerungen nach; in der Art und Weise, über göttliche Dinge zu sprechen, in der Feier des Gottesdienstes, in den katholischen Einrichtungen, ja sogar in den privaten Übungen der Frömmigkeit. Hoch und heilig sei uns also jenes Grundgesetz der Väter: „Keine Neuerungen schaffen, sondern am Überlieferten festhalten.“ Wenn auch dieses Gesetz vor allem für das, was Gegenstand des Glaubens ist, unverbrüchliche Geltung haben muss, so soll es dennoch auch Norm sein in der Ordnung jener Dinge, die an sich eine Änderung zulassen, wiewohl auch in Bezug auf diese im allgemeinen die Regel gilt: „Nichts Neues, sondern neu.“

Neue katholische Vereine

26 Ehrwürdige Brüder! Mehr als alles andere feuert die Menschen zum offenen Bekenntnis des katholischen Glaubens und zum Leben nach den Grundsätzen des Glaubens die gegenwärtige Aufmunterung und das gute Beispiel an. Mit hoher Freude sehen wir daher, dass beständig neue katholische Vereine entstehen. Unser innigster Wunsch ist es, dass diese Vereine sich immer mehr entwickeln; ja dass sie gerade durch Unsern Schutz und Unsere liebevolle Fürsorge zu hoher Blüte gelangen. Diese Blüte wird auch nicht ausbleiben, wenn alle Mitglieder beständig und treu den Anordnungen Folge leisten die der Apostolische Stuhl erlassen hat oder in Zukunft erlassen wird. Mögen daher alle Mitglieder dieser Vereine, die für Gott und seine Kirche arbeiten, niemals jenes Wort der göttlichen Weisheit vergessen: Ein Mann, der gehorsam ist, wird von Siegen erzählen.(31) Denn wer sich nicht in demütigem Gehorsam gegen das Oberhaupt der Kirche dem Willen Gottes beugt, der wird auch keine Gnadenhilfe von Gott erhalten und vergebens sich abmühen.

Heranbildung der Priester

27 Damit aber all das zur Wirklichkeit werde und jene Segensfrucht bringe, die wir erhoffen, ist es, wie Ihr wohl wisst, ehrwürdige Brüder, notwendig, dass alle jene mit Klugheit und Eifer mitwirken, welche Christus der Herr als Arbeiter in seinen Weinberg gesandt hat, nämlich die Geistlichen. – Darum muss Eure Sorge ganz besonders darauf gerichtet bleiben, dass Ihr die, welche bei Euch die heiligen Weihen schon empfangen haben, zu einer ihrem erhabenen Stande entsprechenden Heiligkeit führt, und dass Ihr die Kandidaten des Priesterstandes durch vorzügliche Unterweisung und Leitung zu einem so heiligen Amte gebührend heranbildet. Wohl bedarf Euer Eifer keines Antriebes; dennoch bitten und beschwören Wir Euch, dass ihr diese Pflicht mit aller Gewissenhaftigkeit erfüllt. Es handelt sich um eine Sache, die wie keine andere grundlegende Bedeutung für das Wohl der Kirche hat. Unsere Vorgänger hochseligen Andenkens, Leo XIII. und Pius X., haben Euch eingehend darüber belehrt, und so ist es jetzt nicht notwendig, dass Wir weiter darauf eingehen. Nur den einen dringenden Wunsch wollen Wir aussprechen: mögen die Verordnungen der so erleuchteten Päpste, vor allem die „Ermahnung an den Klerus“ von Pius X. durch Euer beständiges Mahnwort niemals in Vergessenheit geraten und immer gewissenhaft befolgt werden.

Einheit mit dem Bischof

28 Eines jedoch dürfen Wir nicht mit Stillschweigen übergehen. Es ist Unsere Pflicht, alle Priester, als Unsere vielgeliebten Söhne, daran zu erinnern, wie unbedingt notwendig es ist für ihr eigenes Seelenheil und für eine segensreiche Verwaltung ihres heiligen Amtes, mit ihrem Bischof aufs innigste verbunden zu sein und ihm willig zu gehorchen. Leider sind nicht alle Diener der Heiligen Kirche, wie Wir schon vorher mit Schmerz gesagt, ganz frei geblieben vom Geiste der Selbstüberhebung und Widersetzlichkeit, der in unserer Zeit so verbreitet ist, und so kommt es nicht selten vor, dass den kirchlichen Oberhirten gerade von der Seite Kummer und Anfeindung bereitet wird, von der sie mit Recht Trost und Unterstützung erwarteten. Alle, die in so bedauernswerter Weise ihrer Pflicht untreu werden, sollen wohl erwägen, dass die Autorität derer von Gott stammt, die der Heilige Geist zu Bischöfen gesetzt hat, die Kirche Gottes zu regieren.(32) Wenn darum schon alle, die sich der rechtmäßigen Gewalt widersetzen, wie wir gesehen, Gott widerstehen, wie viel größer ist dann der Frevel jener, die den Bischöfen den Gehorsam verweigern, denen doch Gott das heilige Siegel seiner eigenen Gewalt aufgeprägt hat. „Liebe“ - so schreibt der heilige Martyrer Ignatius – „verbietet mir zu schweigen, wo es sich um Euren Vorteil handelt. Deshalb drängt es mich, euch für alle Fälle zu ermahnen: Seid einmütig im Worte Gottes! Denn Jesus Christus, unser unzertrennliches Leben, ist das Wort des Vaters, und also sind auch die Bischöfe, die auf dem weiten Erdenrunde bestellt sind, im Worte des Vaters. Darum ist es Pflicht, einmütig das Wort des Bischofs anzunehmen.“(33) Und wie dieser gefeierte Martyrer, so haben auch die andern Väter und Kirchenlehrer aller Zeiten gesprochen.

29 Allzudrückend wahrlich, zumal in diesen so schwierigen Zeiten, ist die Bürde der kirchlichen Oberhirten, und noch drückender ist ihre beständige Sorge um das Heil der ihnen anvertrauten Herde: denn sie machen als solche, die für eure Seelen Rechenschaft geben müssen.(34) Muss man also nicht den grausam nennen der durch pflichtvergessene Unbotmäßigkeit diese Bürde, diese Sorge noch erschwert? Das bringt euch keinen Nutzen,(35) würde der Apostel solchen zurufen, und zwar deshalb, weil „die Kirche eine Herde ist, die mit dem Priester vereint lebt und ihm als ihrem Hirten folgt.“(36) Wer also nicht mit seinem Bischofe ist, ist nicht mit der Kirche Gottes.

Schluss: Der Krieg möge ein Ende nehmen

30 Zum Schlusse dieses Rundschreibens, ehrwürdige Brüder, fühlen Wir uns gedrängt, auf das zurückzukommen, womit Wir begonnen haben. Von neuem erflehen Wir in heißem Gebet zum Wohle der menschlichen Gesellschaft und der Kirche ein baldiges Ende dieses so unheilvollen Krieges. Wir erflehen es für die menschliche Gesellschaft, damit sie, wenn wieder Friede ist, wahre Fortschritte mache auf allen Gebieten der Kultur; und für die Kirche Jesu Christi, damit sie, befreit von jedem Hemmnis, fortfahren kann, in allen Ländern der Erde den Menschen Hilfe und Heil bringen.

31 Schon seit langem genießt ja die Kirche nicht mehr jene volle Freiheit, deren sie bedarf, seitdem nämlich ihr Haupt, der Papst, nicht mehr jenes Schutzmittel besitzt, das er durch besondere Fügung der göttlichen Vorsehung im Laufe der Jahrhunderte zur Sicherung seiner Freiheit empfangen hatte. Die Wegnahme dieses Schutzmittels hat, wie es nicht anders sein konnte, den Katholiken nicht geringe Beunruhigung bereitet; denn alle, die sich Söhne des Papstes nennen, nah und fern, verlangen mit vollem Rechte darüber in Sicherheit zu sein, dass ihr gemeinsamer Vater in Ausübung seines Apostolischen Amtes vom Einflusse irdischer Machthaber wahrhaft frei sei und durchaus frei vor aller Welt erscheine. Wie Wir darum den sehnlichen Wunsch haben, dass die Völker möglichst bald miteinander Frieden schließen, so wünschen Wir auch dringend, dass für das Haupt der Kirche jene natürliche Lage aufhöre, die dem Frieden der Völker aus vielen Gründen so großen Schaden zufügt. Unsere Vorgänger, bestimmt nicht durch irdische Rücksichten, sondern durch die heiligen Pflichten ihres Amtes, haben wiederholt zur Verteidigung der Rechte und Würde des Apostolischen Stuhles gegen diesen Zustand Bewahrung eingelegt. Durch die gleichen Gründe bewogen, erneuern Wir hiermit diese Verwahrung.

32 Die Herzen der Fürsten und all jener Männer, in deren Macht es liegt, dem beklagten Gräuel und Elend ein Ende zu machen, sind in Gottes Hand. Darum, ehrwürdige Brüder, erheben Wir flehentlich Unsere Stimme zu Gott und rufen im Namen aller Menschen: „Gib Frieden, Herr, in unseren Tagen.“ Möge Gott, der von sich sagt: Ich bin der Herr, ... der Frieden gibt,(37) sich versöhnen lassen und gnädig unser Gebet erhören! Ja möge er bald Wind und Wogen gebieten, von denen Staat und Kirche so heftig bewegt werden! Möge die seligste Jungfrau, die den Friedensfürsten geboren hat, sich barmherzig zu uns zeigen; möge sie Unsere geringe Person, Unser Hohepriesterliches Amt, die Kirche und mit ihr die Seelen aller Menschen, die das göttliche Blut ihres Sohnes erkauft hat, unter ihren mütterlichen Schutz und Schirm nehmen!

33 Zum Unterpfand der himmlischen Gnadengaben und zum Zeichen unserer Liebe spenden Wir Euch, ehrwürdige Brüder, Euerem Klerus und Volk von Herzen den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom beim heiligen Petrus
am Feste aller Heiligen, den 1. November 1914,
im ersten Jahr unseres Pontifikates.
Benedikt XV. PP.

Anmerkungen

(1) Joh 21, 15-17.

(2) Joh 10, 16.

(3) Joh 17, 11.

(4) Mt 24, 6.7.

(5) Lk 2, 14.

(6) Joh 18, 34.

(7) Joh 15, 17.

(8) Joh 15, 17.

(9) Mt 23, 9.

(10) Mt 6, 9.

(11) Mt 5, 45.

(12) Mt 23, 8.

(13) Röm 8, 29.

(14) Mt 25, 40.

(15) Joh 17, 21.

(16) 1 Joh 3, 23.

(17) Ebd. 14.

(18) Röm 13, 1.

(19) Ebd. 5.

(20) 1 Petr 2, 13.14.

(21) Röm 13, 2.

(22) 1 Tim 6, 10.

(23) Lk 6, 20-22.

(24) 1 Kor 2, 9.

(25) Hebr 13, 13.

(26) 2 Kor 4, 17.

(27) Jer 1, 10.

(28) Athanas. Glaubensbekenntnis (Quicumque).

(29) 2 Tim 4, 3.4.

(30) Job 31, 12.

(31) Spr 21, 28.

(32) Apg 20, 28.

(33) Brief a.d. Ephef. 3.

(34) Hebr 13, 17.

(35) Ebd. 17.

(36) Heiliger Cyprian an Florentius und Puppianus Br. 66 (69).

(37) Jes 45, 6.7.

Partnerprojekte
Andere Sprachen