Ad apostolorum principis (Wortlaut)

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Enzyklika
Ad apostolorum principis

unseres Heiligen Vaters
Pius XII.
an die Ehrwürdigen Brüder, und geliebten Söhne, die Erzbischöfe, Bischöfe, die anderen Oberhirten, und den übrigen Klerus, sowie das chinesische Volk, die in Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle leben
über die verfolgte Kirche Chinas
29. Juni 1958
(Offizieller lateinischer Text: AAS 50 [1958] 601-614; Die lateinische und englische Fassung auf der Vatikanseite)

(Quelle: Herder-Korrespondenz, Dreizehnter Jahrgang 1958/59; Zweites Heft, November 1958, S. 96-100)
Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramtstexte dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne
Gruß und Apostolischen Segen !

An des Apostelfürsten Grab in der Pracht der Vatikanischen Basilika weihte, wie ihr wisst, Unser unmittelbarer Vorgänger, Papst Pius XI., vor 32 Jahren "die Blüte und Erstlingsfrucht des chinesischen Episkopats" (AAS XVIII, 1926, S. 432) feierlich zu Bischöfen und hob sie zur Fülle des Priestertums empor. In jener feierlichen Stunde sprach er aus väterlichem Herzen heraus die Worte: "Ehrwürdige Brüder, ihr seid gekommen, um Petrus zu sehen. Von ihm habt ihr ja auch den Hirtenstab erhalten, den ihr für eure apostolischen Wege und um die Herde zu sammeln braucht. Petrus hat euch in Liebe umarmt, die ihr die große Hoffnung erweckt, dass die Wahrheit des Evangeliums bei euren Mitbürgern verbreitet wird" (ebd.).

Inhaltsverzeichnis

Die Verfolgung der Kirche

Die Erinnerung an diese Ansprache überkommt Uns heute, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, da die Katholische Kirche in eurem Vaterland Bedrängnis erleidet. Sicher war die Hoffnung Unseres großen Vorgängers weder vergeblich, noch wurde sie durch Erfolglosigkeit enttäuscht. Denn ganze Reihen heiligmäßiger Hirten und Künder des Evangeliums folgten jener ersten Schar von Bischöfen, die Petrus, in seinem Nachfolger fortlebend, zum Weiden jener auserwählten Herde Gottes ausgesandt hatte. Auch blühten neue religiöse Werke auf, von denen viele jedoch Schwierigkeiten für eine gedeihliche Entwicklung erlitten. Als Wir dann darauf mit großer Freude die kirchliche Hierarchie in China gründeten, haben Wir jene Hoffnung geteilt, sie verstärkt in Uns genährt und breitere Wege sich eröffnen sehen für die Ausbreitung des göttlichen Königreiches Christi. Doch verdunkelte sich zu Unserem großen Schmerz wenige Jahre später der Himmel mit Gewitterwolken. Für eure christlichen Gemeinden, von denen einige schon seit langer Zeit in Blüte standen, kamen traurige und leiderfüllte Zeiten. Wir sahen, wie die Missionare, darunter viele durch apostolischen Eifer hervorragende Erzbischöfe und Bischöfe, sowie Unser apostolischen Internuntius, aus China vertrieben, wie Bischöfe, Priester, Mönche, Nonnen und viele Christgläubige eingekerkert oder Angst und Bedrängnis jeder Art unterworfen wurden.

Wir konnten nicht anders handeln als Unsere klagende Stimme erheben und durch Unsere Rundschreiben Cupimus imprimis vom 18. Januar 1952 (AAS XLIV, 1952, S. 152 ff.) die ungerechte Verfolgung verurteilen. In diesem Rundschreiben haben Wir um der Wahrheit und der Gewissenspflichten Unseres Amtes willen daran erinnert, dass die Katholische Kirche als keinem Volk der Erde fremdartig, entgegengesetzt oder gar feindlich zu betrachten sei. Im Gegenteil, sie ist nur von der mütterlichen Sorge bewegt, alle Völker in gleicher Liebe zu umfassen, keine weltliche Machtstellung zu erstreben, sondern nach Kräften die Herzen aller Menschen zur Erlangung himmlischer Güter zu führen. Wir ermahnten außerdem die Missionare, nicht die Interessen einer einzigen Nation zu vertreten, sondern, da sie aus allen Ländern der Erde, in einer einzigen göttlichen Liebe verbunden, kommen, nichts anderes zu wünschen und zu suchen, als die Grenzen des Reiches Gottes auszuweiten. Deshalb ist es offensichtlich, dass ihr Wirken weder überflüssig noch schädlich, sondern wohltätig und notwendig ist, da es dem eifrigen chinesischen Klerus auf dem Gebiet des christlichen Apostolats Hilfe leistet. Etwa zwei Jahre später, am 7. Oktober 1954, ging euch ein weiteres Rundschreiben zu, die Enzyklika Ad sinarum gentem (AAS XLVII, 1955, S. 5 ff.), in welcher Wir die gegen die chinesischen Katholiken erhobenen Anschuldigungen zurückwiesen und öffentlich verkündeten, dass die Christen niemandem an wahrer Treue und Liebe zum irdischen Vaterland nachstehen und nachstehen können. Wenn in eurem Vaterland die trügerische Lehre von den "drei Autonomien" verbreitet wurde, so haben Wir euch auf Grund Unseres universalen göttlichen Lehramtes ermahnt, dass jene Lehre, wie sie von ihren Propagandisten verstanden wird, weder in ihrer theoretischen Bedeutung noch in ihren konkreten Folgerungen von einem Katholiken gutgeheißen werden kann, da sie die Geister von der notwendigen Einheit der Kirche abspenstig macht.

Die gegenwärtige Lage der Kirche

Heute jedoch müssen Wir darauf hinweisen, dass die Kirche bei euch in den vergangenen Jahren in eine noch schlechtere Lage geraten ist. Sicher - und das ist ein großer Trost für Uns in den zahlreichen und großen Betrübnissen - hat weder euer unerschütterlicher Glaube während eurer lang andauernden Verfolgung nachgelassen, noch ist eure heiße Liebe zum göttlichen Erlöser und seiner Kirche erkaltet. Ihr habt vielmehr diesen unerschütterlichen Glauben und diese heiße Liebe in beinahe unzähligen Fällen, von denen zwar nur ein kleiner Teil öffentlich bekannt wurde, bewahrt und erwiesen, für die alle ihr jedoch einst die ewige Belohnung von Gott erhalten werdet.

Doch halten Wir es für Unsere Pflicht, offen mit tiefster Bitternis und besorgtem Herzen zu erklären, dass die Verhältnisse bei euch durch hinterlistige Machenschaften insofern noch schlimmer geworden sind, als jene von Uns schon als falsch verworfene Lehre bis zu den extremsten Konsequenzen und im Dienste weitgehendster Schädigungen ausgebaut zu werden scheint.

Die "patriotischen Katholiken"

Denn nach einem schlauen Aktionsplan wurde die Vereinigung "patriotisch" genannter Katholiken gegründet und die Mitgliedschaft mit allen Mitteln erzwungen. Das Ziel dieser Vereinigung ist es - wie des öfteren verkündet wurde -, Klerus und Gläubige im Namen der Vaterlandsliebe zusammenzuführen, den Patriotismus zu pflegen, den Frieden unter den Völkern zu fördern und den bei euch schon begonnenen "Aufbau des Sozialismus" zu billigen und weiterzutreiben sowie den herrschenden Schichten beim so genannten Schutz der politischen und religiösen Freiheit zu helfen. Aber es ist nur allzu offensichtlich, dass eine Vereinigung solcher Art, die mit den Allgemeinplätzen vom Schutz des Friedens und des Vaterlandes einfache Menschen in den Irrtum führen kann, das Ziel verfolgt, vorsätzlich schädliche Absichten durchzusetzen. Unter dem fadenscheinigen Vorwand der Vaterlandsliebe strebt diese Vereinigung bewusst darauf hin, den Katholiken schrittweise die Gebote des atheistischen Materialismus beizubringen, in denen Gott und die Grundlagen der Religion geleugnet werden.

Unter dem Vorwand, den Frieden zu schützen, heckt diese Vereinigung falsche Verdächtigungen und Beschuldigungen aus und verbreitet sie. Viele Kleriker und Bischöfe sowie der Heilige Stuhl selbst werden angeklagt, unsinnige weltliche Herrschaftspläne zu hegen und zu pflegen, zustimmend und bewusst die Ausbeutung des Volkes zu betreiben sowie sich schließlich auf Grund vorgefasster Meinungen feindselig gegen das chinesische Volk zu betragen.

Während diese Vereinigung die Notwendigkeit der Freiheit in religiösen Dingen betont, wodurch die Beziehungen zwischen kirchlicher und weltlicher Gewalt erleichtert würden, verfolgt sie in Wirklichkeit das Ziel, die geheiligten Rechte der Kirche zurückzusetzen und nicht zu beachten und die Kirche dadurch der staatlichen Gewalt zu unterwerfen. Alle Mitglieder werden dazu aufgehetzt, die ungerechten Erlasse zu billigen, durch die die Missionare verbannt sowie Bischöfe, Priester, Mönche, Nonnen und viele Laien in den Kerker gesperrt werden. Ebenso sollen sie den Maßnahmen zustimmen, durch welche die Ausübung der Jurisdiktionsgewalt vieler rechtsmässiger Bischöfe hartnäckig verhindert wird. Darüber hinaus müssen sie Prinzipien verteidigen, die der Einheit der Kirche, der Katholizität und der hierarchischen Konstitution völlig zuwiderlaufen. Sie müssen die Unternehmen billigen, durch welche der schuldige Gehorsam des Klerus und der Gläubigen zu ihren rechtmäßigen Oberhirten untergraben und die Gemeinschaft der Katholiken zum Heiligen Stuhl gelöst wird.

Um diese unheilvollen Grundsätze leichter zu verbreiten und allen einzuprägen, benutzt diese Vereinigung so genannter patriotischer Katholiken verschiedene Mittel bis zur Anwendung von Gewalt und Unterdrückung; besonders eine genauso umfangreiche wie lärmende Pressepropaganda, Tagungen und Kongresse, bei denen auch die Nichtwilligen durch Verlockung, Drohung und Täuschung zur Teilnahme gezwungen werden. Wenn einer dabei mutig die Wahrheit verteidigen will, wird seine Stimme leicht überschrien und zum Schweigen gebracht. Er selbst wird als Feind des Vaterlandes und der neuen gesellschaftlichen Ordnung gebrandmarkt.

Die Indoktrinationen

Außerdem sind die "Schulungskurse" zu nennen, auf denen die Teilnehmer jene falsche Lehre aufzunehmen und zu verarbeiten gezwungen werden. Dazu werden Priester, Mönche und Nonnen, Seminaristen und Laien jeden Standes und jeden Alters befohlen. In fast endlosen, Wochen und Monate dauernden Vorlesungen und Diskussionen werden die Kräfte des Verstandes und des Willens ausgehöhlt, so dass den Teilnehmern eine fast mit physischer Vergewaltigung erzwungene Zustimmung abgepresst wird, die insofern fast nichts Menschliches mehr an sich hat, als sie nicht, wie es richtig wäre, der freien Entscheidung überlassen wird. Dazu kommen jene Methoden, durch die auf jede Art und Weise, privat und öffentlich, durch Nachstellung, List und Einschüchterung, Verwirrung erzeugt wird. So genannte "Bekenntnisse" werden erpresst, die Menschen werden in Lager zur "Umerziehung" getrieben, vor "Volksgerichte" werden sogar ehrwürdige Bischöfe auf schändliche Weise zur Aburteilung gezerrt.

Der Christ und sein Vaterland

Gegen diese Methoden, welche die ursprünglichsten Menschenrechte verletzen und die geheiligte Freiheit der Kinder Gottes mit Füßen treten, müssen die Gläubigen aus allen Teilen der Erde, ja alle Einsichtigen voll Abscheu mit Uns ihre Stimme erheben und diese Gewissensverletzung von Staatsbürgern beklagen. Wenn nun diese Verbrechen im Namen der Vaterlandsliebe vollbracht werden, so halten Wir es für Unsere Pflicht, allen in Erinnerung zu rufen, dass die Kirche durch ihre Lehre die Katholiken ermahnt und auffordert, ihr Vaterland aufrichtig zu lieben, die Träger der staatlichen Gewalt unter Beachtung des göttlichen, natürlichen und positiven Rechtes zu achten und wirksam mitzuarbeiten, wodurch alle die Werke gefördert werden, die zum friedlichen und geordneten täglichen Fortschritt des Vaterlandes beitragen können. Unablässig hat die Kirche dem Geist ihrer Söhne das Wort des göttlichen Erlösers eingeprägt: "Gebt dem Kaiser, was des Kaiser ist, und Gott, was Gottes ist" (Luk. 20, 25). Wir zitieren diesen Leitsatz, weil er grundsätzlich festlegt, dass die Gebote der christlichen Religion niemals mit dem wahren Nutzen und Vorteil des Vaterlandes im Widerspruch stehen. Doch muss man beachten: Wenn die Christen aus Gewissenspflicht dem Kaiser, d. h. der menschlichen Autorität, das geben müssen, was ihr zusteht, so kann der Kaiser, d. h. die politischen Gewalten, den Staatsbürgern keinen Gehorsam für das auferlegen, was Gott und nicht ihnen zusteht. Noch weniger kann Gehorsam verlangt werden für das, was die Rechte Gottes usurpiert oder die Gläubigen von ihren religiösen Pflichten abzulassen sowie von der Einheit der Kirche und ihrer rechtmäßigen Hierarchie abzufallen zwingt. In solchen Fällen werden die einzelnen Christen in ruhiger Gelassenheit und mit festem Willen zweifellos die Worte wiederholen, die der heilige Petrus und die übrigen Apostel den ersten Verfolgern der Kirche zuriefen: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen" (Apg. 5, 29).

Der Christ und der Friede

In geschwollener Weise sprechen die Förderer dieser Vereinigung, die den Patriotismus für sich beansprucht, immer wieder vom Frieden und fordern die Katholiken ungestüm auf, mit allen Mitteln zu seiner Festigung beizutragen. Scheinbar sind solche Worte völlig gut und recht. Denn wer ist mehr zu loben als der Wegbereiter eines festen und dauerhaften Friedens? Aber ihr wisst sehr gut, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, dass der Friede nicht auf bloßen Worten ruht und sich nicht flüchtiger, aus Opportunitätsgründen erwachsener Formeln bedient, denen dann Initiative und Taten widersprechen, die ihrerseits nicht mit dem Gedanken und den Grundsätzen des Friedens, sondern mit Hass, Zwietracht und Feindseligkeit in Einklang stehen. Der echte Friede muss von den Grundsätzen der Gerechtigkeit und der Liebe durchlebt sein, die jener "Friedensfürst" lehrte, der sich mit diesem Titel wie mit einem königlichen Ehrenzeichen schmückte. Der echte Friede ist jener, den die Kirche stiften will, der dauerhaft, gerecht und unparteiisch ist, der rechten Wertordnung entsprechend, der die Einzelbürger, die Familien und die Völker unter Achtung vor den Rechten eines jeden und besonders vor den Rechten Gottes in gegenseitiger brüderlicher Liebe und Hilfsbereitschaft verbindet.

Die Kirche erstrebt und erwartet im Geiste des Friedens eine solche Eintracht aller Völker und wünscht, dass jede Nation einen ihrer Würde entsprechenden Platz einnimmt. Die Kirche, die stets mit freundlichem Blick auf die Ereignisse und Wechselfälle eures Vaterlandes schaute, hat schon damals, als sie durch Unseren unmittelbaren Vorgänger sprach, gewünscht, dass "die legitimen Bestrebungen und die Rechte dieses zahlenmäßig größten Volkes voll anerkannt würden, dessen menschliche und bürgerliche Kultur in die älteste Vorzeit zurückreicht, dem in vergangenen Jahrhunderten bei großem Wohlstand zuweilen große Blütezeiten beschieden waren und von dem man vermuten kann, dass es auch in Zukunft große Bedeutung haben werde, sofern es nur nach Gerechtigkeit und Ehrenhaftigkeit strebt" (vgl. Botschaft Papst Pius' XI. vom 1. August 1928 an den Apostolischen Delegaten in China, AAS XX, 1928, S. 245).

Wie aus Radio- und Pressemeldungen hervorgeht, gibt es nun leider sogar im Klerus Personen, die den Verdacht und die Beschuldigung gegen den Heiligen Stuhl vorzubringen wagen, als sei er eurem Vaterland feindlich gesinnt.

Die Kirche und die sozialen Fragen

Von diesem falschen und ungerechten Ausgangspunkt her scheuen diese Kleriker sich nicht, die Autorität des obersten kirchlichen Lehramts nach ihrem Gutdünken durch die Behauptung einzuengen, dass es Fragen gebe, wie z. B. Sozial- und Wirtschaftsfragen, in denen es den Katholiken erlaubt sei, die vom Heiligen Stuhl gegebenen Lehren und Richtlinien zu übergehen. Es scheint wirklich überflüssig, zu betonen, dass diese Meinung völlig falsch und irrig ist; denn Wir haben vor einigen Jahren vor einer erlauchten Versammlung Ehrwürdiger Brüder aus dem Episkopat gesagt: "Die Gewalt der Kirche ist keineswegs an die Grenzen der, wie sie es nennen, ,rein religiösen Angelegenheiten' gebunden; vielmehr unterliegt ihrer Zuständigkeit auch der ganze Umfang des Naturgesetzes (lex naturalis), dessen Festlegung, Ausdeutung und Anwendung, soweit deren sittlicher Charakter in Betracht kommt. Die Beobachtung des Naturgesetzes gehört nämlich nach Gottes Anordnung zu dem Weg, auf dem der Mensch seinem übernatürlichen Ziel zustreben soll. Nun aber ist die Kirche auf dem Weg zum übernatürlichen Ziel die Führerin und Hüterin der Menschen" (Ansprache an die Kardinäle und den Episkopat vom 2. November 1954, AAS XLVI, 1954, S. 671f.).

Diese Wahrheit legte schon unser Vorgänger, der heilige Pius X., in der Enzyklika Singulari quadam von 24. September 1912 dar: "Alle Handlungen der Christen unterstehen dem Urteil und der Jurisdiktion der Kirche, insofern sie vom moralischen Standpunkt aus gut oder schlecht sind, d. h., insofern sie mit dem Naturrecht und dem göttlichen Recht übereinstimmen oder in Widerspruch zu ihm stehen" (AAS IV, 1912, S. 658). Außerdem legen die oben genannten Kleriker nicht nur willkürlich so enge Grenzen fest und verkünden sie, sondern gehen in ihrer Verwegenheit so weit, zwar mit Worten zu behaupten, sie wollten dem Papst in Glaubensdingen und in dem, was sie selbst kirchliche Normen nennen, gehorchen, aber in der Tat sich zu weigern, festen und umrissenen Vorschriften und Anordnungen des Heiligen Stuhles Folge zu leisten. Sie stellen sie als Hintergedanken ihres Urhebers mit politischer Zielsetzung so

Die schismatischen Bischöfe

Wir müssen hier ein weiteres Zeichen dieses Abfalls von der Kirche erwähnen, eine sehr schwerwiegende Tatsache, die Unser Herz als Vater und allgemeinen Hirten mit unaussprechlicher und übergroßer Trauer erfüllt: Seit einiger Zeit versuchen die Agitatoren der patriotischen Bewegung, mit viel Propaganda ein angemasstes Recht zu proklamieren, wonach die Katholiken aus eigener Initiative Bischöfe wählen könnten. Sie behaupten, dass eine solche Wahl notwendig sei, um mit der nötigen Eile für das Heil der Seelen Sorge zu tragen und die Regierung der Diözesen Bischöfen anzuvertrauen, die der zivilen Autorität genehm sind, weil sie der kommunistischen Ideologie und der kommunistischen Politik keinen Widerstand leisten.

Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass nicht wenige solcher Wahlen gegen Recht und Gerechtigkeit bereits gehalten wurden und dass man außerdem das unbesonnene Wagnis unternahm, einigen Priestern die Bischofsweihe zu erteilen unter Missachtung einer ausdrücklichen und strengen vom Heiligen Stuhl an die in Frage kommenden Kreise gerichteten Mahnung.

Da nun schwere Vergehen gegen die Disziplin und Einheit der Kirche begangen werden, müssen Wir im Bewusstsein Unserer Amtspflicht alle daran erinnern, dass dies völlig von der Lehre und den Grundsätzen abweicht, auf die sich die Gestaltung der von unserm Herrn Jesus Christus göttlich gegründeten Gemeinschaft stützt.

Das Kirchenrecht bestimmt klar und ausdrücklich, dass nur der Heilige Stuhl die Befugnis hat, darüber zu befinden, ob jemand für die Würde und das Amt eines Bischofs geeignet ist (can. 331 § 3 CIC), und dass dem Papst das Recht zur freien Ernennung der Bischöfe zusteht (can. 329 § 2). Auch wenn es in bestimmten Fällen erlaubt ist, dass sich andere Personen oder Körperschaften irgendwie in die Wahl eines Kandidaten zum Bischofsamt einschalten, so geschieht dies regelmäßig nur kraft eines Zugeständnisses, das vom Apostolischen Stuhle ausdrücklich und eigens unter genau bestimmten Bedingungen und Voraussetzungen bestimmten Personen oder Körperschaften gemacht wurde.

Daraus folgt also, dass die Bischöfe, die vom Heiligen Stuhl weder ernannt noch bestätigt, ja gegen seine ausdrückliche Anordnung gewählt und geweiht sind, weder Lehrgewalt noch Jurisdiktion besitzen, da den Bischöfen die Jurisdiktion nur durch den Papst übertragen wird, wie Wir in dem Rundschreiben Mystici Corporis mit folgenden Worten eingeschärft haben: "Die einzelnen Bischöfe ... weiden und lenken, soweit es ihre eigene Diözese betrifft, als wahre Hirten die einzelnen ihnen im Namen Christi anvertrauten Herden, jedoch sind sie dabei nicht völlig rechtsunabhängig, sondern der gebührenden Autorität des Papstes unterstellt, obschon sie eine ordentliche Jurisdiktionsgewalt besitzen, die ihnen unmittelbar von demselben obersten Hirten zugeteilt ist" (AAS XXXV, 1943, S. 211 f.). Diese Lehre haben Wir dann später in dem an euch gerichteten Rundschreiben Ad Sinarum gentem wieder ins Gedächtnis gerufen: "Die Jurisdiktionsgewalt, die dem Papst unmittelbar durch göttliches Recht übertragen wird, kommt zwar den Bischöfen durch das gleiche Recht zu, aber nur durch Vermittlung des Nachfolgers Petri, dem nicht nur die einfachen Gläubigen, sondern auch alle Bischöfe durch Gehorsamsleistung wie durch das Band der Einheit ständig sich unterwerfen und anhängen müssen" (AAS XL VII, 1955, S. 9). Wenn auch die auf der Weihegewalt beruhenden Handlungen von solchen Klerikern unter der Voraussetzung gültig sind, dass ihre eigene Weihe gültig gespendet wurde, so sind sie doch in hohem Grade unerlaubt, d. h. sündhaft und sakrilegisch. Hier passen treffend die Mahnworte des göttlichen Meisters: "Wer nicht durch die Tür in den Schafstall eintritt, sondern anderswo einsteigt, ist ein Dieb und ein Räuber" (Joh. 10, 1); die Schafe kennen die Stimme ihres wahren Hirten, "einem Fremden dagegen folgen sie nicht; sie fliehen vielmehr vor ihm, weil sie die Stimme von Fremden nicht kennen" (ebd. 10,5).

Wir wissen genau, dass die in Widerspruch zum Gehorsam verstrickten Kleriker in der Absicht, die ungerechte Übernahme des Amtes zu rechtfertigen, sich auf einen in früheren Jahrhunderten geübten Brauch berufen. Doch sieht jeder, wie sehr die kirchliche Disziplin verfiele, wenn jedem in jeder beliebigen Sache erlaubt wäre, Verordnungen wieder einzuführen, die nicht mehr gelten, da die höchste Autorität der Kirche schon längst etwas anderes verfügt hat. Auch durch die Berufung auf eine andere Disziplin entschuldigen sie ihr Vorgehen durchaus nicht, sie erbringen vielmehr den klaren Beweis für ihre Absicht, sich bewusst der jetzt geltenden Disziplin zu entziehen, die sie befolgen müssten, eine Disziplin, die nicht nur für China und für die in unserer Zeit missionierten Länder sondern für die ganze Kirche zum Gesetz erhoben ist kraft jener allgemeinen und höchsten Gewalt zu weiden, zu regieren und zu verwalten, die Unser Herr den Nachfolgern im Amt des Apostels Petrus übertragen hat. Wohlbekannt ist, was das Vatikanische Konzil feierlich definierte: "Gestützt auf die offenkundigen Zeugnisse der heiligen Schriften und im Anschluss an die bestimmten und deutlichen Beschlüsse Unserer Vorgänger, der römischen Päpste, wie auch der Allgemeinen Kirchenversammlungen erneuern Wir die Entscheidung der Allgemeinen Kirchenversammlung von Florenz, wonach alle Christgläubigen glauben müssen, dass der Heilige Apostolische Stuhl und der römische Bischof den Vorrang über den ganzen Erdkreis innehat. Ferner dass dieser römische Bischof Nachfolger des hl. Petrus, des Apostelfürsten, wahrer Stellvertreter Christi, Haupt der gesamten Kirche, Vater und Lehrer aller Christen ist, dass ihm von unserem Herrn Jesus Christus im hl. Petrus die volle Gewalt übergeben ist, die ganze Kirche zu weiden, zu regieren und zu verwalten ... Wir lehren ... und erklären: Die römische Kirche besitzt nach Anordnung des Herrn den Vorrang der ordentlichen Gewalt über alle anderen Kirchen. Diese Gewalt der Rechtsbefugnis des römischen Bischofs, die wirklich bischöflichen Charakter hat, ist unmittelbar. Ihr gegenüber sind Hirten und Gläubige jeden Ritus und Rangs, einzeln sowohl wie in ihrer Gesamtheit, zur Pflicht hierarchischer Unterordnung und wahren Gehorsams gehalten, nicht allein in Dingen des Glaubens und der Sitten, sondern auch der Ordnung und Regierung der über den ganzen Erdkreis verbreiteten Kirche. Durch Bewahrung dieser Einheit mit dem römischen Bischof in der Gemeinschaft und im Bekenntnis desselben Glaubens ist so die Kirche Christi eine Herde unter einem obersten Hirten. Das ist die Lehre der katholischen Wahrheit, von der niemand abweichen kann, ohne Schaden zu leiden an seinem Glauben und an seinem Heil" (Vat. Konz. Sess. IV, cap. 3).

Aus Unseren Ausführungen folgt, dass keine Autorität außer der des obersten Hirten die kanonische Einsetzung, die einem Bischof gewährt wurde, rückgängig machen kann, dass keine Einzelperson und keine Versammlung von Priestern oder Laien sich das Recht anmaßen können, Bischöfe zu ernennen, dass niemand rechtmäßig die Bischofsweihe erteilen kann, wenn nicht zuvor der päpstliche Auftrag feststeht (can. 953). Darum wird für die Erteilung einer solchen Weihe wider Recht und Gerechtigkeit, die ein äußerst schweres Verbrechen an der Einheit der Kirche bildet, die dem Apostolischen Stuhl in ganz besonderer Weise (specialissimo modo) vorbehaltene Exkommunikation verhängt, der durch die Tat selbst (ipso facto) der Empfänger der willkürlich erteilten Weihe verfällt wie auch derjenige, der die Weihe spendet (vgl. Dekret des Heiligen Offiziums vom 9. A Priel 1951, AAS XLIII, 1951, S. 217 f.).

Was ist also von dem Grund zu halten, der von den Vertretern der so genannten "patriotischen Vereinigung" vorgebracht wird, sie müssten wegen der Notwendigkeit einer Hilfe für die Seelsorge in den der Gegenwart des Bischofs beraubten Diözesen so handeln?

Zunächst ist klar, dass für das geistliche Bedürfnis der Christgläubigen in keiner Weise Sorge getragen wird, wenn die kirchlichen Gesetze verletzt werden. Ferner handelt es sich nicht, wie man zur Verteidigung vorgibt, um Diözesen ohne Bischof, sondern häufig um Bischofssitze, deren rechtsmässige Oberhirten vertrieben sind, im Kerker schmachten oder auf verschiedene Weise an der freien Ausübung ihrer Jurisdiktion gehindert werden. Außerdem sind jene Priester, welche die rechtmäßigen Bischöfe nach der Vorschrift des Kirchenrechtes oder nach besonderen Weisungen des Apostolischen Stuhles als Stellvertreter in der Regierung der Diözesen ernannt hatten, gleichfalls eingekerkert, verbannt oder auf irgendeine Weise beseitigt.

Es stimmt deshalb traurig, dass die Leiden der durch Seeleneifer hervorragenden Priester inmitten ihrer vielen Drangsale zum Anlass genommen werden, um sie durch falsche Hirten zu ersetzen, damit so die hierarchische Ordnung der Kirche vernichtet und der Autorität des Papstes in aufrührerischer Weise Widerstand geleistet werde.

Manche gehen in ihrer Arroganz sogar so weit, die Schuld an dem elenden und beklagenswerten Zustand, der eine Folge des planmäßigen Vorgehens der Kirchenverfolger ist, dem Heiligen Stuhl selbst zuzuschreiben.

Dabei weiß man doch, dass dieser, weil er im freien und sicheren Verkehr mit den Diözesen Chinas behindert ist, weder früher in der Lage war, noch auch heute in der Lage ist, nach der Notwendigkeit der Verhältnisse über die für die bischöfliche Würde geeigneten und auszuwählenden Kandidaten in rechter Weise Erkundigungen einzuziehen. Diese Kenntnis ist jedoch für euer wie für jedes andere Volk unbedingt nötig.

Schlußwort

Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne!

Bis hierher haben Wir gesprochen, von welch großer Sorge Wir wegen der Irrtümer bedrückt sind, die man bei euch sich einzuführen bemüht, und wegen der Zwietracht, die hervorgerufen wird, auf dass ihr, durch die Mahnung des gemeinsamen Vaters erleuchtet und gefestigt, unerschrocken und unerschüttert im Glauben verharrt, der uns alle verbindet und durch den wir gemeinsam das Heil erlangen sollen. Nun aber möchten Wir dem Drang Unseres Herzens folgen und euch sagen, wie eng und wie einzigartig Wir Uns mit euch verbunden fühlen. Vor Unserem Geist stehen die Leiden, durch die ihr leiblich oder seelisch gequält werdet, besonders die, die die tapfersten Zeugen Christi erdulden; darunter befinden sich auch einige Unserer Ehrwürdigen Brüder im Bischofsamt. Dieser aller Drangsale bringen Wir dem göttlichen Erlöser jeden Tag auf dem Altare dar, zusammen mit den Gebeten und den Leiden der ganzen Kirche.

Steht fest und vertraut auf ihn nach dem Wort: "Werfet all eure Sorge auf ihn; er sorgt für euch" (1 Petr. 5, 7). Er kennt genau eure Ängste und eure Qualen. Er selbst nimmt vor allem die innere Betrübnis entgegen und die Tränen, die viele von euch, Bischöfe und Priester, Ordensleute und Laien, im Verborgenen beim Anblick der Bemühungen, eure christlichen Gemeinden zu vernichten, vergießen. Diese Tränen, diese Betrübnis bilden zusammen mit den Qualen und dem Blut der Martyrer der Vergangenheit und der Gegenwart das kostbare Unterpfand dafür, dass die Kirche in eurem Vaterland unter dem machtvollen Schutz der Jungfrau und Gottesmutter Maria, der Königin Chinas, endlich einmal wieder aufblühen wird und ihr in einer weniger harten Zeit freudvollere Tage aufleuchten.

In der Kraft dieser Hoffnung erteilen Wir euch und den euch anvertrauten Herden als Unterpfand himmlischer Gnaden und als Zeugnis Unseres besonderen Wohlwollens von Herzen den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei Sankt Peter am 29. Juni,

dem Feste der Apostel Petrus und Paulus, im Jahre 1958,

dem 20. Jahre Unseres Pontifikats
Pius XII. PP.