Abtötung

Aus Kathpedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
Qsicon Ueberarbeiten.png ACHTUNG: Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer Überarbeitung. Eine inhaltliche Begründung befindet sich gegebenenfalls auf der Diskussionsseite. Wenn du Lust hast, verbessere den Artikel und entferne anschließend diesen Baustein.


Von Desire Kardinal Mercier, 1851 - 1926, seit 1906 Erzbischof von Mecheln (Belgien), als Philosoph Vertreter der Neuscholastik.


1. Abschnitt: Gegenstand der christlichen Abtötung.

Die christliche Abtötung hat zum Ziel, die bösartigen Einflüsse unwirksam zu machen, welche die Erbsünde noch in unseren Seelen ausübt, selbst nachdem die Taufe sie erneuert hat.

Wenn auch unsere Erneuerung in Christus die Sünde in uns vollständig tilgt, lässt sie uns dennoch weit entfernt von der ursprünglichen Lauterkeit und dem ursprünglichen Frieden. Das Konzil von Trient anerkennt, dass die Sinnenlust, das heißt die dreifache Begierlichkeit des Fleisches, der Augen und des Stolzes, sich in uns spürbar macht, selbst nach der Taufe, um uns zu den glorreichen Kämpfen des christlichen Lebens anzuspornen. (1) Diese dreifache Begierlichkeit ist es, die die Heilige Schrift bald den "alten Menschen" nennt, der dem "neuen Menschen" entgegengesetzt ist (nämlich Jesus, der in uns lebt, und wir selbst in Jesus); bald "das Fleisch" oder die gefallene Natur, die dem "Geist", d. h. der durch die übernatürliche Gnade erneuerten Natur entgegengesetzt ist. Diesen "alten Menschen", bzw. dieses "Fleisch", das heißt den ganzen Menschen mit seinem zweifachen moralischen und physischen Leben muss man, ich sage nicht zunichte machen (denn das ist ein Ding der Unmöglichkeit solange das gegenwärtige Leben dauert), aber "abtöten", das bedeutet, ihn praktisch zur Ohnmacht, zur Indifferenz und Unfruchtbarkeit (Sterilität) eines Toten führen. Man muss ihn daran hindern, seine "Frucht" zu bringen, die in der Sünde besteht, und seine Tätigkeit in unserem ganzen moralischen Leben aufheben.

Die christliche Abtötung muss also den ganzen Menschen umfassen und sich auf alle Bereiche unserer Aktivität erstrecken, in denen unsere Natur fähig ist, sich zu bewegen. Solcherart ist der Gegenstand der Tugend der Abtötung: wir werden ihre Anwendung (Praxis) aufzeigen, indem wir nacheinander die vielfältigen Äußerungen von Aktivität durchlaufen werden, in denen sie sich bei uns offenbart:

1.) Die organische Aktivität oder das körperliche Leben.

2.) Die Sinnestätigkeit, die ausgeübt wird sei es in Form von sinnlich wahrnehmbarer Erkenntnis durch die äußeren (fünf) Sinne oder durch die Einbildungskraft, sei es in Form von sinnlicher Begierde oder Leidenschaft.

3.) Die vernunftmäßige und freie Aktivität: Ursprung unserer Gedanken, Urteile und Willensentscheidungen.

4.) In der Folge werden wir die Kundgebung unseres Seelenlebens nach außen oder unsere äußeren Handlungen betrachten.

5.) Und schließlich unsere wechselseitigen Beziehungen zum Nächsten.


2. Abschnitt: Übung der christlichen Abtötung. (2)


Inhaltsverzeichnis

Punkt 1: ABTÖTUNG DES LEIBES.

1.) Beschränken Sie sich im Falle der Nahrungsmittel auf das schlechthin Notwendige, so weit dies möglich ist. Denken Sie über die Worte nach, die der heilige Augustinus an Gott richtete: ,,0 mein Gott, Du hast mich gelehrt, die Nahrung nur als Hilfsmittel zu gebrauchen. Ach Herr, wer ist derjenige unter uns, der hier nicht manchmal die Grenze überschreitet? Wenn es einen gibt, so erkläre ich, dass dieser Mensch groß ist und dass er Deinen Namen wohl in großartiger Weise verherrlichen muss." (Bekenntnisse X, 31)

2.) Bitten Sie Gott oft, bitten Sie Ihn täglich, Er möge durch Seine Gnade verhindern, dass Sie die Grenzen der Notwendigkeit überschreiten und sich dem Reiz der (Eß-)Lust hingeben.

3.) Nehmen Sie zwischen den Mahlzeiten nichts ein, sofern nicht eine Notwendigkeit vorliegt oder Anstandsgründe es nahe legen.

4.) Praktizieren Sie Enthaltsamkeit und Fasten, aber praktizieren Sie sie nur im inneren Gehorsam und mit Verschwiegenheit.

5.) Es ist Ihnen nicht untersagt, irgendeine leibliche Befriedigung zu verkosten, aber tun Sie dies mit reiner Absicht und indem Sie Gott preisen.

6.) Bringen Sie eine feste Ordnung in Ihren Schlaf, indem Sie dabei Schlaffheit und Verweichlichung vermeiden, besonders am Morgen. Setzen Sie sich, wenn Sie können, eine feste Stunde für das Zubettgehen und für das Aufstehen fest, und halten Sie sich ganz energisch daran.

7.) Gönnen Sie sich im allgemeinen nur so viel Ruhe, als Sie nach Maßgabe des Notwendigen brauchen; geben Sie sich großherzig der Arbeit hin und ersparen Sie sich dabei keine Mühe. Hüten Sie sich davor, Ihren Körper zu entkräften, aber achten Sie auch darauf, ihm nicht zu schmeicheln. Sobald Sie verspüren, dass er, sei es auch noch so wenig, dazu neigt, sich das Ansehen eines Herrn und Meisters zu geben, so behandeln sie ihn sogleich als Sklaven.

8.) Wenn Sie irgendein leichtes Unwohlsein verspüren, dann vermeiden Sie es, den anderen durch Ihre schlechte Laune zur Last zu fallen. Überlassen Sie es Ihren Mitbrüdern, Sie zu beklagen. Sie selbst aber sollen stumm und geduldig sein: wie das Lamm Gottes, das wahrhaft alle unsere Schwachheiten getragen hat.

9.) Nehmen Sie sich davor in acht, aus dem kleinsten Unbehagen einen Grund zur Befreiung von oder zum Verstoß gegen Ihre Tagesordnung zu machen. "Was die Regeln und Vorschriften anbetrifft, so muss man jegliche Dispens hassen wie die Pest", schrieb der heilige Johannes Berchmans.

10.) Nehmen Sie willig jene mühsame Abtötung an, die man Krankheit nennt, und ertragen Sie sie demütig, geduldig und ausdauernd.


Punkt 2: ABTÖTUNG DER SINNE, DER EINBILDUNGSKRAFT UND DER LEIDENSCHAFTEN.

1.) Schließen Sie vor allem und immer Ihre Augen vor jedem gefährlichen Anblick und sogar (haben Sie ruhig den Mut dazu!) vor jedem eitlen und unnützen Anblick. Sehen Sie ohne zu betrachten; sehen Sie niemandem ins Gesicht um darin Schönheit oder Hässlichkeit zu unterscheiden.

2.) Halten Sie Ihre Ohren geschlossen anlässlich von Schmeicheleien, Lobeserhebungen, Verführungen, schlechten Ratschlägen, üblen Nachreden, verletzenden Spötteleien, Indiskretionen, bei böswilliger Kritik, bei Verdachten, die Ihnen mitgeteilt werden, und bei jedem Wort, das zwischen zwei Seelen die kleinste Abkühlung verursachen kann.

3.) Wenn Ihr Geruchssinn irgendetwas zu leiden hat infolge gewisser Gebrechen oder Krankheiten Ihres Nächsten, dann schöpfen Sie daraus - weit davon entfernt, sich jemals darüber zu beklagen -eine heilige Freude.

4.) Was die Qualität der Lebensmittel anbelangt, so haben Sie große Achtung vor dem Ratschlag unseres Herrn! "Esst, was man euch vorsetzt. Esst, was gut ist, ohne daran Gefallen zu finden, und das, was schlecht ist, ohne eure Abneigung zu bekunden; man erzeige sich sowohl beim einen als auch beim anderen ebenso gleichmütig (= indifferent)." Das ist, sagt der heilige Franz von Sales, die wahre Abtötung.

5.) Bieten Sie Gott Ihre Mahlzeit an, legen Sie sich bei Tisch eine kleine Entbehrung auf; versagen Sie sich zum Beispiel ein Körnchen Salz, ein Glas Wein, eine Süßigkeit, etc. Ihre Tischgenossen werden das gar nicht bemerken, aber Gott wird es Ihnen anrechnen.

6.) Wenn das, was man Ihnen vorsetzt, Ihre Esslust lebhaft anstachelt, dann denken Sie an die Galle und den Essig, mit denen unser Herr am Kreuze getränkt wurde: das kann Sie zwar nicht vom Genießen abhalten, aber es wird der Lust als Gegengewicht dienen.

7.) Man muss jeden sinnlichen Kontakt vermeiden, jegliche Zärtlichkeit, in die man irgendetwas von Leidenschaft hineinlegen oder darin suchen würde, an der man eine hauptsächlich sinnliche Freude fände.

8.) Verzichten Sie darauf, sich zu wärmen; außer es sei Ihnen notwendig, um sich ein Unwohlsein zu ersparen.

9.) Ertragen Sie alles, was naturgemäß das Fleisch bekümmert; ganz besonders die Kälte des Winters, die Hitze des Sommers, ein hartes Nachtlager und alle Unbequemlichkeiten gleicher Art. Machen Sie zu jeder Zeit ein fröhliches Gesicht, lächeln Sie bei allen Temperaturen. Sprechen Sie mit dem Propheten: "Kälte, Hitze und Regen, preiset den Herrn!" -Wie glücklich wären wir, wenn wir dahin gelangen könnten, dieses Wort ehrlichen Herzens zu sprechen, das dem heiligen Franz von Sales vertraut war: "Niemals fühle ich mich wohler, als wenn ich mich nicht wohl fühle."

10.) Töten Sie Ihre Einbildungskraft ab, wenn sie Sie durch die Verlockung eines glänzenden Postens verführt, wenn sie Sie betrübt durch die Aussicht auf eine düstere Zukunft, wenn sie Sie beunruhigt durch die Erinnerung an ein Wort oder eine Handlung, die Sie beleidigt haben.

11.) Wenn Sie in sich das Bedürfnis zu träumen verspüren, dann töten Sie es erbarmungslos ab.

12.) Demütigen Sie sich mit größter Sorgfalt in Bezug auf die Ungeduld, auf die Reizbarkeit und auf den Zorn.

13.) Unterziehen Sie Ihre Wünsche von Grund auf einer Prüfung und unterwerfen Sie sie der Kontrolle durch die Vernunft und den Glauben: Wünschen Sie nicht eher ein langes Leben, als ein heiligmäßiges Leben? Ein Leben des Vergnügens und des Wohlstandes ohne Kummer und Schmerzen, ein Leben der Siege ohne Kämpfe, ein Leben der Erfolge ohne Rückschläge, ein Leben der Beifallskundgebungen ohne Kritik, ein bequemes und ruhiges Leben ohne ein Kreuz irgendwelcher Art; das heißt: ein Leben, das dem unseres Göttlichen Heilandes total entgegengesetzt ist?

14.) Seien Sie auf der Hut davor, sich bestimmte Gewohnheiten anzueignen, die, ohne dass sie tatsächlich schlecht sind, unheilvoll werden können: wie zum Beispiel die Gewohnheit, minderwertige Lektüre zu lesen, Glücksspiele, usw.

15.) Suchen Sie Ihren vorherrschenden Fehler kennen zu lernen; und sobald Sie ihn erkannt haben, verfolgen Sie ihn bis in seine letzten Schlupfwinkel hinein. Unterwerfen Sie sich zu diesem Zweck ehrlichen Herzens an dem, was an Eintönigem und Langweiligem in der Praxis der besonderen Gewissenserforschung enthalten sein könnte.

16.) Es ist Ihnen nicht verboten, Zuneigungen zu haben und diese auch zu zeigen; aber seien Sie auf der Hut gegenüber der Gefahr, das rechte Maß zu überschreiten. Bekämpfen Sie energisch die allzu natürlichen Anhänglichkeiten, die besonderen Freundschaften und alle die weichlichen Empfindsamkeiten des Herzens.

Punkt 3: ABTÖTUNG DES GEISTES UND DES WILLENS.

1.) Töten Sie Ihren Geist ab, indem Sie ihm alle eitlen Vorstellungen untersagen, alle unnützen oder wesensfremden Gedanken, die nur Zeit kosten, die Seele verwirren und den Geschmack an der Arbeit und an ernsthaften Dingen verleiden.

2.) Jeglicher Gedanke der Trübsal und der Unruhe muss aus Ihrem Geist verbannt werden. Die Sorge um all das, was Ihnen in der Folgezeit widerfahren könnte, darf Sie keineswegs in Anspruch nehmen. Was die schlechten Gedanken anbelangt, die Sie wider Willen quälen, so müssen Sie diese, indem Sie sie zurückweisen, zu einem Gegenstand und Prüfstein Ihrer Geduld machen. Da sie unfreiwillig sind, werden sie für Sie nur eine Gelegenheit sein, um Verdienste zu erwerben.

3.) Vermeiden Sie den Eigensinn in Ihren Ideen und die Hartnäckigkeit in Ihren Gefühlen. Verschaffen Sie bereitwillig dem Urteil der anderen Geltung, solange es sich nicht um Dinge handelt, bei denen Sie die Pflicht haben, sich zu äußern und zu sprechen.

4.) Töten Sie das natürliche Werkzeug Ihres Geistes ab: das heißt, die Zunge. Üben Sie sich gerne im Schweigen, sei es, dass Ihre Regel es Ihnen vorschreibt, sei es, dass Sie es sich freiwillig auferlegen.

5.) Ziehen Sie es vor, die anderen anzuhören, als selbst zu sprechen. Sprechen Sie indessen zu gelegener Zeit, indem Sie gleichwohl das Zuviel-Sprechen als einen Exzess vermeiden, der die anderen daran hindert, ihre Gedanken zum Ausdruck zu bringen, als auch das Zuwenig-Sprechen, das auf eine verletzende Sorglosigkeit schließen lässt.

6.) Unterbrechen Sie nie denjenigen, der spricht, und kommen Sie nicht durch eine übereilte Antwort demjenigen zuvor, der Sie fragt.

7.) Bewahren Sie einen immer gemäßigten Ton in Ihrer Stimme, der niemals barsch oder schneidend klingt. - Vermeiden Sie Ausdrücke, wie ,sehr', ,äußerst', ,fürchterlich', ,entsetzlich': keine Übertreibungen!

8.) Lieben Sie die Einfachheit und Geradlinigkeit. Die Heuchelei, die Umschweife, die berechneten Mehrdeutigkeiten, welche gewisse fromme Leute sich ohne Skrupel erlauben, bringen die Frömmigkeit in Verruf.

9.) Enthalten Sie sich mit Sorgfalt jedes groben, vulgären oder auch überflüssigen Wortes; denn unser Herr macht uns darauf aufmerksam, dass Er am Tage des Gerichtes darüber Rechenschaft fordern wird.

10.) Vor allem töten Sie Ihren Willen ab; das ist der entscheidende Punkt. Beugen Sie ihn beständig unter das, wovon Sie wissen, dass es Gott wohlgefällig ist und der Ordnung der Vorsehung entspricht, ohne dabei sei es Ihren Neigungen, sei es Ihren Abneigungen Rechnung zu tragen. Unterwerfen Sie sich sogar Ihren Untergebenen in den Dingen, die nicht die Ehre Gottes und die Pflichten Ihres Amtes betreffen.

11.) Betrachten Sie den geringsten Ungehorsam den Anordnungen oder sogar den Wünschen Ihrer Oberen gegenüber als gegen Gott gerichtet.

12.) Erinnern Sie sich daran, dass Sie die größte aller Abtötungen praktizieren, wenn Sie es lieben, gedemütigt zu werden, und dass Sie denen gegenüber den vollkommensten Gehorsam üben, denen gegenüber Gott will, dass Sie sich unterwerfen.

13.) Lieben Sie es, vergessen und für nichts erachtet zu werden: das ist das Wort des heiligen Johannes vom Kreuz, das ist der Ratschlag in der Nachfolge Christi: Sprechen Sie kaum von sich selbst, weder im Guten noch im Bösen, aber suchen Sie durch Schweigen sich selbst bei anderen vergessen zu machen.

14.) Angesichts einer Demütigung, eines Tadels sind Sie versucht, zu murren und sich zu betrüben. Sprechen Sie wie David: "Umso besser! Es ist gut für mich, dass ich gedemütigt werde."

15.) Nähren Sie überhaupt keine nichtigen Wünsche: "Ich wünsche wenig", sagte der heilige Franziskus, "und das Wenige, das ich wünsche, wünsche ich sehr wenig."

16.) Nehmen Sie mit der vollkommensten Ergebung die Abtötungen entgegen, die Ihnen die Vorsehung schickt; die Kreuze und die Verrichtungen, die an den Stand gebunden sind, auf den die Vorsehung Sie gestellt hat. "Dort, wo wir weniger Möglichkeiten zur Wahl haben", sagte der heilige Franz von Sales, "ist mehr göttliches Wohlgefallen." Wir möchten gerne unser Kreuz wählen, ein anderes als das unsere haben, und lieber ein schweres Kreuz tragen, das wenigstens etwas Glanz besitzt, als ein leichtes Kreuz, das uns durch seine Fortgesetztheit ermüdet: eine Illusion! Unser Kreuz ist es, das wir tragen müssen, und nicht ein anderes, und sein Verdienst liegt nicht in seiner Beschaffenheit, sondern in der (inneren) Vollkommenheit, mit der man es trägt.

17.) Lassen Sie sich nicht verwirren durch die Versuchungen, durch die Skrupel, durch die geistigen Trockenheiten. "Was man in der Trockenheit tut, ist vor Gott verdienstvoller als das, was man in der Tröstung tut", sagt der heilige Bischof von Genf, Franz von Sales.

18.) Wir dürfen uns nicht zu sehr betrüben über unser Elend, vielmehr müssen wir uns dadurch demütigen. Sich zu demütigen ist eine gute Sache, die nur wenige Menschen begreifen; sich zu beunruhigen und sich zu ärgern, ist etwas, das jedermann kennt und das schlecht ist, weil in dieser Art von Unruhe und Ärger die Eigenliebe immer den größten Platz einnimmt.

19.) Misstrauen wir ebenso der Furchtsamkeit, der Mutlosigkeit, die entnervt, und der Anmaßung, die nichts anderes ist, als der in die Tat umgesetzte Stolz. Arbeiten wir so, als ob alles von unseren Bemühungen abhinge, aber bleiben wir dabei demütig, so also ob unsere Arbeit unnütz wäre.


Punkt 4: ABTÖTUNGEN, DIE IN UNSEREN ÄUSSEREN HANDLUNGEN ZU PRAKTIZIEREN SIND.

1.) Bei der Beobachtung aller Punkte Ihrer Lebensregel müssen Sie mit der größten Genauigkeit vorgehen und ohne Zögern gehorchen, wobei Sie sich an den heiligen Johannes Berchmans erinnern, der sagte: "Meine Buße ist für mich, mich in das Gemeinschaftsleben einzufügen." - "Auf die geringsten Dinge den größten Wert legen, das ist meine Devise." - "Lieber sterben, als eine einzige Regel zu verletzen!"

2.) Versuchen Sie in der Ausübung Ihrer Standespflichten höchst zufrieden gerade über das zu sein, was am meisten dazu angetan ist, Ihnen zu missfallen und Sie zu langweilen, und erinnern Sie sich dabei an das Wort des heiligen Franz von Sales: "Niemals fühle ich mich wohler, als wenn ich mich nicht wohl fühle."

3.) Gewähren Sie der Trägheit niemals auch nur einen Augenblick; sorgen Sie dafür, dass Sie vom Morgen bis zum Abend unablässig beschäftigt sind.

4.) Wenn Ihr Leben sich, wenigstens teilweise, im Studium abspielt, dann machen Sie sich die Ratschläge des heiligen Thomas von Aquin an seine Schüler zu eigen: "Begnügt euch nicht damit, oberflächlich das in euch aufzunehmen, was ihr lest oder hört; sondern versucht, darin einzudringen und alle eure Sinne hineinzuvertiefen. - Verbleibt niemals im Zweifel über die Dinge, über die ihr euch Gewissheit verschaffen könnt. - Arbeitet mit heiligem Verlangen daran, euren Geist zu bereichern; reihet mit Ordnung alle jene Kenntnisse in euer Gedächtnis ein, die ihr erwerben könnt. - Suchet indessen nicht in die Geheimnisse einzudringen, die euren Verstand übersteigen."

5.) Beschäftigen Sie sich einzig und allein mit der vorliegenden Handlung, ohne sich mit dem Vorhergegangenen abzugeben, und nicht in Gedanken das vorwegnehmend, was folgen wird; sagen Sie sich mit dem heiligen Franziskus: "Während ich das eine tue, bin ich nicht verpflichtet, etwas anderes zu tun." - "Beeilen wir uns im rechten Maß; früh genug, wenn gut genug."

6.) Seien Sie bescheiden in Ihrer äußeren Haltung. Nichts war so vollkommen wie die Haltung des heiligen Franz: er hielt das Haupt immer gerade, wobei er sowohl die Leichtfertigkeit vermied, es nach allen Richtungen zu wenden, als auch die Nachlässigkeit, es nach vorne zu neigen, ebenso wie die stolze und hochmütige Laune, es nach hinten (in den Nacken) zu werfen. Sein Antlitz war immer ruhig, frei von jeder Hemmung, immer fröhlich, heiter und offenherzig, indessen ohne Ausgelassenheit oder taktlose Späße, ohne lautes, unmäßiges oder allzu häufiges Gelächter.

7.) Wenn er allein war, war er genau so gesammelt wie in einer großen Versammlung. Er schlug die Beine nicht übereinander und stützte den Kopf nicht auf dem Ellenbogen auf. Wenn er betete, war er unbeweglich wie eine Säule. Wenn seine Natur ihm eingab, seine Bequemlichkeiten wieder aufzunehmen, hörte er nicht auf sie.

8.) Sehen Sie Sauberkeit und Ordnung als eine Tugend an, Unsauberkeit und Unordnung aber als ein Laster; keine schmutzigen, fleckigen oder zerrissenen Kleidungsstücke. Betrachten Sie aber auf der anderen Seite den Luxus und den Hang zur Veräußerlichung als ein noch größeres Laster. Machen Sie es so, dass niemand, der Ihre Kleidung sieht, sagen kann: das ist unsauber, oder: das ist elegant; aber dass jedermann zugeben muss: das ist ordentlich.


Punkt 5: ABTÖTUNGEN, DIE IN UNSEREN BEZIEHUNGEN ZUM NÄCHSTEN ZU PRAKTIZIEREN SIND.

1.) Ertragen Sie die Unzulänglichkeiten Ihres Nächsten, Mangel an Bildung, an Geist, an Charakter. Ertragen Sie alles, was Ihnen an ihm missfällt, die Gangart, die Haltung, den Klang seiner Stimme, den Tonfall, und was weiß ich noch alles.

2.) Ertragen Sie ihn in seiner Gesamtheit, ertragen Sie ihn bis zum Schluss und in christlicher Gesinnung. Niemals jene hochmütige Unduldsamkeit, die uns sagen lässt: ,Was habe ich mit dem oder jenem zu schaffen?’, ,Was geht mich das an, was er sagt?’, ,Wozu brauche ich die Zuneigung, das Wohlwollen oder auch die Höflichkeit irgendeiner Person und dieser hier im besonderen?’. Nichts entspricht Gott weniger, als dieses hochmütige Zurückstoßen und diese verächtliche Gleichgültigkeit: da wäre gewiss eine einfache Ungeduld noch besser.

3.) Befinden Sie sich in der Versuchung, wütend zu werden? Um der Liebe Jesu willen: seien Sie sanftmütig. Wollen Sie sich an jemandem rächen? Vergelten Sie Böses mit Gutem; man sagt, dass das große Geheimnis, das Herz der heiligen Theresia zu rühren, darin bestand, ihr etwas Böses anzutun. Wollen Sie gegenüber einem anderen eine grimmige Miene machen? Lächeln Sie ihm voll Güte zu. Wollen Sie ihm aus dem Wege gehen? Suchen Sie ihn, aus Tugend. Wollen Sie schlecht über ihn sprechen? Sagen Sie Gutes über ihn. Wollen Sie in strengem Ton mit ihm reden? Reden Sie sehr sanftmütig und herzlich mit ihm.

4.) Lieben Sie es, Ihren Mitbrüdern ein Lob auszusprechen, vor allem jenen, die Sie von Natur aus am meisten beneiden.

5.) Machen Sie keine dummen Witze auf Kosten der Nächstenliebe.

6.) Wenn man sich in Ihrer Gegenwart wenig anständige Reden erlaubt oder Unterhaltungen pflegt, die ihrer Art nach dem Ruf des Nächsten schaden, so können Sie zuweilen in aller Sanftmut den Sprecher tadeln; aber meistens wird es besser sein, die Unterhaltung geschickt in eine andere Richtung zu lenken oder mittels einer Geste des Missfallens oder der gewollten Unaufmerksamkeit zu bekunden, dass das, was vorgebracht wurde, Ihnen missfällt.

7.) Wenn es Sie viel Überwindung kostet, einen kleinen Dienst zu tun, dann erbieten Sie sich freiwillig, ihn zu tun: so erwerben Sie ein doppeltes Verdienst.

8.) Empfinden Sie Abscheu davor, sich gegenüber sich selbst und gegenüber den anderen als Opfer hinzustellen. Weit davon entfernt, Ihre Lasten zu überschätzen, bemühen Sie sich, sie leicht zu finden, Sie sind es auch tatsächlich, und viel öfter als Ihnen scheint; und sie wären es immer, wenn Sie tugendhafter wären.

Schlussfolgerung:

Im allgemeinen sollten Sie die Kraft haben, Ihrer Natur das zu verweigern, was sie von Ihnen, ohne dass eine Notwendigkeit vorliegt, fordert. Haben Sie die Kraft, ihr das abzufordern, was sie ihnen ohne Grund vorenthält. Ihre Fortschritte in der Tugend, sagt der Verfasser der NACHFOLGE CHRISTI, werden im Verhältnis zu der Gewalt stehen, die Sie imstande sind, sich anzutun. "Wir müssen sterben", sagte der heilige Bischof von Genf, "wir müssen sterben, damit Gott in uns lebt: denn es ist unmöglich, auf einem anderen Weg zur Vereinigung unserer Seele mit Gott zu gelangen, als durch die Abtötung. Diese Worte: Wir müssen sterben, sind hart; aber sie werden gefolgt sein von großer Milde, denn man stirbt nur deshalb sich selbst ab, um durch diesen Tod mit Gott vereint zu sein." Möge es Gott gefallen, dass wir dazu berechtigt seien, diese schönen Worte des heiligen Apostels Paulus an die Korinther auf uns zu beziehen: "In allen Dingen erleiden wir Drangsal. ... Immer und überall tragen wir das Hinsterben Jesu an unserem Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe sichtbar werde." (2 Kor.4; 8,10)


ANMERKUNGEN:

(1) "Dass aber in den Getauften die Begierlichkeit oder der Hang zur Sünde (= concupiscentia vel fomes) verbleibt, das bekennt und weiß diese Heilige Kirchenversammlung; da diese aber für den Kampf zurückgelassen ist … . Wenn der Apostel diese Begierde gelegentlich ,Sünde' nennt (Röm. 6, 12 ff.), so erklärt die Heilige Kirchenversammlung, dass die katholische Kirche ihre Benennung als Sünde niemals so verstanden hat, dass in den Wiedergeborenen wirklich und eigentlich Sünde wäre, sondern weil sie aus der Sünde stammt und zur Sünde geneigt macht." (Konzil von Trient, 5. Session, Dekret über die Erbsünde - DB 792)

(2) Alle Praktiken der Abtötung, die wir hier zusammengestellt haben, sind den Vorbildern der Heiligen entlehnt worden, besonders vom heiligen Augustinus, vom heiligen Thomas von Aquin, von der heiligen Theresia, vom heiligen Franz von Sales, vom heiligen Johannes Berchmans; oder sie sind empfohlen von gutgeheißenen Meistern des Geistlichen Lebens, wie z.B. der ehrwürdige Louis de Blois, Rodriguez, Scaramelli, Abbe Allemand, Abbe Hamon, Abbe Dubois, usw.

Meine Werkzeuge