Abfassungszeit der Pentateuchquellen

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Brief

der Bibelkommission
unseres Heiligen Vaters
Pius XII.
an S. Eminenz Kardinal Emmanuel Caelestin Suhard, Erzbischof von Paris
über die Abfassungszeit der Pentateuchquellen und die literarische Gattung der ersten elf Kapitel der Genesis (Heilige Schrift)
16. Januar 1948

(Offizieller lateinischer Text: AAS XL [1948] 45-48)

(Quelle: Über die zeitgemäße Förderung der biblischen Studien; Rundschreiben Pius XII. Divino afflante spiritu und wichtige römische Dokumente zur Heiligen Schrift, St. Benno Verlag GMBH Leipzig; Kirchliche Druckerlaubnis: Bautzen, den 22. September 1964, Dr. Hötzel, Generalvikar).

Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramtstexte dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


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Eminenz,

Der Heilige Vater ließ der Päpstlichen Bibelkommission die zwei Fragen zur Prüfung vorlegen, die kürzlich S. Heiligkeit über die Quellen des Pentateuch und die Geschichtlichkeit der ersten elf Kapitel der Genesis überreicht worden sind. Diese beiden Fragen und die damit verbundenen Überlegungen und Wünsche wurden von den Hochwürdigsten Konsultoren und Kardinälen, die Mitglieder der genannten Kommission sind, sehr aufmerksam geprüft. Auf Grund ihrer Prüfungsergebnisse hat S. Heiligkeit geruht, die folgende Antwort in einer Audienz zu billigen, die er dem Unterzeichner am 16. Januar 1948 gewährt hat.

Die Päpstliche Bibelkommission würdigt das kindliche Vertrauen, das diese Anfrage veranlasst hat. Sie möchte es rechtfertigen, indem sie sich aufrichtig bemüht, die biblischen Studien dadurch zu fördern, dass sie diesen innerhalb der Grenzen der überlieferten kirchlichen Lehre völlige Freiheit zusichert. Diese Freiheit wurde durch die Enzyklika Divino afflante spiritu des glorreich regierenden Papstes ausdrücklich in folgenden Sätzen bestätigt:

"Durch diese Sachlage darf sich jedoch der katholische Exeget, der eine tätige und starke Liebe zu seinem Fach hat und der heiligen Mutter Kirche aufrichtig ergeben ist, keineswegs davon abhalten lassen, die schwierigen, bisher ungelösten Fragen immer und immer wieder anzugreifen, nicht nur um die Einwendungen der Gegner zu widerlegen, sondern vor allem, um eine positive Lösung herauszuarbeiten, eine Lösung, die mit der Kirche in Einklang steht, besonders mit der Überlieferung von der vollen Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift, während sie anderseits den gesicherten Ergebnissen der Profanwissenschaften gebührend Rechnung trägt. Die Bemühungen dieser tüchtigen Arbeiter im Weinberg des Herrn soll man nicht nur mit Angemessenheit und Gerechtigkeit, sondern auch mit Liebe beurteilen. Dieser Pflicht mögen alle anderen Söhne der Kirche eingedenk sein und sich von jenem wenig klugen Eifer fernhalten, der da meint, alles, was neu ist, bekämpfen oder verdächtigen zu müssen" (Divino afflante spiritu 47).

Wenn man im Lichte dieser Empfehlungen des Papstes die drei offiziellen Antworten, welche die Bibelkommission früher auf die gestellten Fragen gegeben hat: die Antwort vom 23. Juni 1905 über die nur scheinbar geschichtlichen Erzählungen in den Geschichtsbüchern der Heiligen Schrift, vom 27. Juni 1906 über die mosaische Urheberschaft des Pentateuch und vom 30. Juni 1909 über den geschichtlichen Charakter der drei ersten Kapitel der Genesis, versteht und deutet, dann wird man zugestehen, dass diese Antworten in keiner Weise einer neuerlichen streng wissenschaftlichen Prüfung dieser Fragen, entsprechend den Forschungsergebnissen der letzten vierzig Jahre, widerstreiten. Daher glaubt die Bibelkommission, dass wenigstens zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine neuen Dekrete über diese Fragen veröffentlicht werden müssen.

Was die Komposition des Pentateuch betrifft, so hat die Bibelkommission schon im erwähnten Dekret vom 27. Juni 1906 eingeräumt, man könne der Auffassung zustimmen, dass Moses "sich bei der Abfassung seines Werks schriftlicher Dokumente oder mündlicher Überlieferungen bedient hat", und man könne auch spätere Änderungen und Erweiterungen zugestehen.

Es gibt heute niemanden mehr, der das Vorhandensein dieser Quellen bestreitet und der nicht ein fortschreitendes Wachstum der mosaischen Gesetze unter dem Einfluss der sozialen und religiösen Verhältnisse späterer Zeiten einräumt, eine Entwicklung, die sich auch in den historischen Berichten zeigt. Indes werden heute, selbst unter den nichtkatholischen Exegeten, weit auseinandergehende Meinungen vertreten über Art und Zahl, Charakterisierung und Datierung dieser Dokumente. Es fehlt nicht einmal an Autoren, und zwar in verschiedenen Ländern, die aus rein kritischen und historischen Gründen, ohne irgendeine apologetische Absicht, die bisher meist vertretenen Theorien gänzlich verwerfen. Sie versuchen bestimmte Eigenheiten im Aufbau des Pentateuch nicht so sehr aus der Verschiedenheit der angenommenen Quellen zu erklären als vielmehr aus der besonderen Psychologie und der eigentümlichen, heute besser bekannten Denk- und Ausdrucksweise der alten Orientalen oder auch aus der andersartigen literarischen Gattung, die sich je aus der Andersartigkeit der Stoffe ergibt. Deshalb laden wir die katholischen Gelehrten ein, diese Probleme unvoreingenommen im Lichte einer gesunden Kritik und der Ergebnisse anderer Wissenschaften, die sich mit diesem Fragenkreis beschäftigen, zu studieren.

Eine solche Prüfung wird zweifellos den großen Anteil und tiefgehenden Einfluss des Moses als Autor und Gesetzgeber klar herausstellen. Die Frage nach den literarischen Arten der ersten elf Kapitel der Genesis ist noch weit dunkler und verwickelter. Diese literarischen Formen entsprechen keiner unserer klassischen Kategorien und können nicht an den griechisch-lateinischen oder modernen Literaturgattungen gemessen werden. Man kann also die Geschichtlichkeit dieser Kapitel weder einfachhin leugnen noch behaupten, ohne ungebührlicher Weise auf sie die Normen einer literarischen Gattung anzuwenden, unter die sie nicht fallen.

Wenn man also darin übereinstimmt, dass man in diesen Kapiteln nicht Geschichte im klassischen oder modernen Sinn sehen darf, muss man auch zugestehen, dass die gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht erlauben, alle Probleme, die sie stellen, positiv zu lösen. Die erste Aufgabe, die sich hier der wissenschaftlichen Exegese stellt, ist zuallererst ein sorgfältiges Studium all der literarischen, wissenschaftlichen, historischen, kulturellen und religiösen Probleme, die mit diesen Kapiteln verbunden sind. Dann wäre es notwendig, die literarischen Arten der alten orientalischen Völker, ihre Psychologie, ihre Ausdrucksformen und ihre Auffassung von der historischen Wahrheit näher zu prüfen; man müsste, mit einem Wort, das ganze Material der paläontologischen, historischen, epigraphischen und literarischen Wissenschaften vorurteilslos sammeln. Nur so kann man hoffen, klaren Einblick in die wahre Natur gewisser Berichte der ersten Kapitel der Genesis zu gewinnen. Von vornherein zu erklären, dass ihre Berichte nicht Geschichte im modernen Sinn des Wortes enthalten, könnte leicht die Meinung aufkommen lassen, diese seien völlig unhistorisch, während sie tatsächlich in einfacher, bildhafter, der Fassungskraft einer weniger entwickelten Menschheit angepassten Sprache die für die Heilsgeschichte grundlegenden Wahrheiten darstellen und zugleich eine volkstümliche Beschreibung der Ursprünge des Menschengeschlechtes und des auserwählten Volkes geben.

Unterdessen ist es nötig, jene Geduld zu üben, die Klugheit und Weisheit des Lebens ausmacht. Gerade das schärft der Heilige Vater in der oben erwähnten Enzyklika ein: "Es braucht sich indes niemand zu wundern", sagt er, "dass bis jetzt noch nicht alle Schwierigkeiten restlos bereinigt sind .... Bei dieser Lage der Dinge darf man sicherlich nicht den Mut verlieren; man darf auch nicht vergessen, dass es in der menschlichen Wissenschaft nicht anders geht als in der Natur: Die Unternehmungen wachsen langsam, und die Frucht kann man erst nach vieler Arbeit pflücken .... Daher steht zu hoffen, dass auch die Schwierigkeiten, die heute noch ganz verwickelt und völlig undurchdringlich scheinen, im Lauf der Zeit durch unablässige Arbeit endgültig geklärt werden."

Rom, am 16. Januar 1948
In tiefster Verehrung bin ich Ew. Hochwürdigsten Eminenz ergebener
Jaques M. Vosté
Sekretär der Päpstlichen Bibelkommission

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