Über die Feier der Liturgie während und nach der Corona-Pandemie

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Rundbrief
Kehren wir mit Freude zurück zur Eucharistie !

Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung
im Pontifikat von Papst
Franziskus
an die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der katholischen Kirche
über die Feier der Liturgie während und nach der Corona-Pandemie
15. August 2020

(Quelle: Osservatore Romano, 25. September 2020, S. 7+8)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Die durch den Covid-19-Virus verursachte Pandemie hat nicht nur Dynamiken im sozialen, familiären, wirtschaftlichen, Bildungs- und Arbeitsbereich stark verändert, sondern auch das Leben der christlichen Gemeinschaft, einschließlich der liturgischen Dimension. Um die Verbreitung des Virus einzudämmen, war eine strikte soziale Distanzierung notwendig, die sich auch auf einen grundlegenden Wesenszug des christlichen Lebens auswirkte: »Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen« (Mt 18,20); »Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten … Und alle, die glaubten, waren an demselben Ort und hatten alles gemeinsam« (Apg 2,42.44).

Die gemeinschaftliche Dimension hat eine theologische Bedeutung: Gott ist die Beziehung von Personen in der Heiligsten Dreifaltigkeit; er schafft den Menschen in der ergänzenden wechselseitigen Bezogenheit von Mann und Frau, denn »es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist« (Gen 2,18), er stellt sich in Beziehung zu Mann und Frau und ruft sie wiederum in die Beziehung zu sich: Wie der heilige Augustinus tief erahnt hat, ist unser Herz unruhig, bis es Gott findet und in ihm ruht (vgl. Bekenntnisse, I, 1). Der Herr Jesus begann sein öffentliches Wirken, indem er eine Gruppe von Jüngern rief, um mit ihnen das Leben und die Verkündigung des Reiches Gottes zu teilen; aus dieser kleinen Herde wurde die Kirche geboren. Um das ewige Leben zu beschreiben, verwendet die Heilige Schrift das Bild einer Stadt: das himmlische Jerusalem (vgl. Offb 21); eine Stadt ist eine Gemeinschaft von Menschen, die Werte, grundlegende menschliche und spirituelle Gegebenheiten, Orte, Zeiten und organisierte Tätigkeiten teilen und die zum Aufbau des Gemeinwohls beitragen. Während die Heiden Tempel errichteten, die nur der Gottheit geweiht waren und zu denen die Menschen keinen Zugang hatten, bauten die Christen, sobald sie die Freiheit des Gottesdienstes genossen, sofort Orte, die domus Dei et domus ecclesiae waren, wo also die Gläubigen sich als eine Gemeinschaft Gottes erkennen konnten, als Volk, zum Gottesdienst gerufen und in heiliger Versammlung zusammengeschlossen. Gott kann also verkünden: »Ich bin dein Gott, du wirst mein Volk sein« (vgl. Ex 6,7; Dtn 14,2). Der Herr bleibt seinem Bund treu (vgl. Dtn 7,9), und genau aus diesem Grund wird Israel zur Wohnstätte Gottes, zum heiligen Ort seiner Gegenwart in der Welt (vgl. Ex 29,45; Lev 26,11-12). Aus diesem Grund verlangt das Haus des Herrn nach der Gegenwart der Familie der Kinder Gottes. Auch heute bittet der Bischof im Gebet bei der Weihe einer neuen Kirche, sie möge sein, was sie ihrer Natur nach sein sollte:

»[…] Dieser Ort sei geheiligt für immer […].
Hier tilge die Flut deiner Gnade
die Vergehen der Menschen.
Hier sterbe der alte, sündige Mensch
und das neue Geschlecht deiner Kinder
werde wiedergeboren zum ewigen Leben.
Hier feiere deine Gemeinde,
versammelt um den Altar,
das österliche Gedächtnis
und lebe vom Wort und vom Leibe Christi.
Hier erklinge der freudige Lobgesang,
hier vereine sich die Stimme der Menschen,
mit den Chören des Himmels,
und das Gebet für das Heil der Welt
steige allezeit empor vor dein Angesicht.
Hier mögen die Armen Barmherzigkeit finden, die Bedrückten die Freiheit
und jeder Mensch die Würde der Kindschaft.
Nach dieser Zeit aber lass uns alle jubelnd einziehen
in das himmlische Jerusalem.«

Niemals hat die christliche Gemeinschaft sich isoliert, niemals hat sie die Kirche zu einer Stadt mit geschlossenen Türen gemacht. Geprägt durch den Wert des Gemeinschaftslebens und die Suche nach dem Gemeinwohl, haben die Christen immer die Eingliederung in die Gesellschaft gesucht, wenn auch im Bewusstsein eines Andersseins: in der Welt zu sein, ohne ihr anzugehören und ohne auf sie reduziert zu werden (vgl. Brief an Diognet, 5-6). Und auch in der Notlage der Pandemie zeigte sich ein großes Verantwortungsbewusstsein: Im Zuhören und in der Zusammenarbeit mit den zivilen Behörden und Experten waren die Bischöfe und ihre territorialen Konferenzen bereit, schwierige und schmerzhafte Entscheidungen zu treffen, bis zur längeren Aussetzung der Teilnahme der Gläubigen an der Eucharistiefeier. Diese Kongregation ist den Bischöfen zutiefst dankbar für ihren Einsatz und ihre Bemühungen bei dem Versuch, auf eine unvorhergesehene und komplexe Situation bestmöglich zu antworten.

Sobald es die Umstände erlauben, ist es jedoch notwendig und dringend, zur Normalität des christlichen Lebens zurückzukehren, die das Kirchengebäude als ihr Zuhause und die Feier der Liturgie, insbesondere der Eucharistie, als den »Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt« (Sacrosanctum Concilium, 10), hat.

Im Bewusstsein, dass Gott die von ihm geschaffene Menschheit niemals im Stich lässt und dass selbst die härtesten Prüfungen Früchte der Gnade tragen können, haben wir unsere Entfernung vom Altar des Herrn als eine Zeit des eucharistischen Fastens angenommen, die uns nützlich ist, um ihre vitale Bedeutung, ihre Schönheit und ihre unermessliche Kostbarkeit wiederzuentdecken. Doch so bald wie möglich müssen wir mit gereinigtem Herzen zur Eucharistie zurückkehren, mit einem erneuerten Staunen, mit einer verstärkten Sehnsucht, dem Herrn zu begegnen, bei ihm zu sein, ihn zu empfangen, um ihn mit dem Zeugnis eines Lebens voller Glaube, Liebe und Hoffnung zu unseren Brüdern und Schwes­tern zu bringen.

Diese Zeit der Entbehrung kann uns die Gnade schenken, das Herz unserer Märtyrerbrüder von Abitene (Anfang des 4. Jahrhunderts) zu verstehen, die ihren Richtern sogar angesichts eines sicheren Todesurteils mit gelassener Entschlossenheit antworteten: »Sine Dominico non possumus«. Das absolute non possumus (wir können nicht) und die Bedeutung des neutralen Substantivs Dominicum (das, was dem Herrn eigen ist) können nicht mit einem einzigen Wort übersetzt werden. Ein sehr kurzer Ausdruck fasst einen großen Reichtum an Nuancen und Bedeutungen zusammen, die sich heute zur Meditation anbieten:

– Wir können nicht leben, Christen sein, unsere Menschheit und die Sehnsucht nach dem Guten und der Seligkeit, die in unseren Herzen wohnen, voll verwirklichen, ohne das Wort des Herrn, das in der Feier Gestalt annimmt und zu einem lebendigen Wort wird, von Gott für die gesprochen, die heute ihr Herz dem Hören öffnen; – Wir können nicht als Christen leben, ohne am Kreuzesopfer teilzunehmen, in dem der Herr Jesus sich vorbehaltlos hingibt, um durch seinen Tod den Menschen zu retten, der wegen der Sünde dem Tod verfallen war; der Erlöser verbindet die Menschheit mit sich selbst und führt sie zum Vater zurück; in der Umarmung des Gekreuzigten findet jedes menschliche Leid Licht und Trost; – Wir können nicht ohne das Festmahl der Eucharistie auskommen, ohne den Tisch des Herrn, zu dem wir als Kinder und Geschwister eingeladen sind, um den auferstandenen Chris­tus selbst zu empfangen, der mit Leib, Blut, Seele und Göttlichkeit in jenem Brot des Himmels gegenwärtig ist, das uns in den Freuden und Mühen der irdischen Pilgerfahrt trägt; – Wir können nicht ohne die christliche Gemeinschaft, die Familie des Herrn, auskommen: Wir müssen den Brüdern und Schwestern begegnen, die die Gotteskindschaft mit uns teilen, die Brüderlichkeit Christi, die Berufung und die Suche nach Heiligkeit und Heil ihrer Seelen in der reichen Vielfalt der Lebensalter, der persönlichen Lebensgeschichten, Charismen und Berufungen; – Wir können nicht ohne das Haus des Herrn auskommen, das unser Zuhause ist, ohne die heiligen Stätten, an denen wir zum Glauben geboren wurden, wo wir die vorsorgende Gegenwart des Herrn entdeckten und die barmherzige Umarmung erlebten, die die Gefallenen aufrichtet, wo wir unsere Berufung zur Nachfolge im geweihten Leben oder zur Ehe besiegelt haben, wo wir gefleht und gedankt, gejubelt und geweint haben, wo wir dem Vater unsere Lieben anvertraut haben, die den irdischen Pilgerweg vollendet haben; – Wir können nicht ohne den Tag des Herrn auskommen, ohne den Sonntag, der dem Lauf der Tage voll Arbeit und familiärer und sozialer Verpflichtungen Licht und Sinn verleiht.

Die Medien erweisen den Kranken und denjenigen, die nicht zur Kirche gehen können, einen geschätzten Dienst und haben bei der Übertragung der heiligen Messe in einer Zeit, in der es nicht möglich war, in Gemeinschaft zu feiern, einen großen Dienst geleistet; keine Übertragung ist aber mit der persönlichen Teilnahme gleichzustellen oder kann sie ersetzen. Im Gegenteil, allein diese Übertragungen bergen in sich die Gefahr, uns von einer persönlichen und intimen Begegnung mit dem menschgewordenen Gott zu entfernen, der sich uns nicht virtuell, sondern wirklich gegeben hat, indem er sagt: »Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm« (Joh 6,56). Dieser physische Kontakt mit dem Herrn ist lebenswichtig, unverzichtbar, unersetzlich. Wenn die konkret anzuwendenden Maßnahmen, um die Ansteckungskraft des Virus auf ein Minimum zu reduzieren, bestimmt und getroffen worden sind, ist es notwendig, dass alle wieder ihren Platz in der Versammlung der Brüder und Schwestern einnehmen, die unersetzliche Kostbarkeit und Schönheit der Feier wiederentdecken, mit der Ansteckungskraft der Begeisterung die Brüder und Schwestern wieder zu rufen und anzuziehen, die entmutigt, verängstigt, zu lange abwesend oder abgelenkt waren.

Dieses Dikasterium will einige Grundsätze bekräftigen und einige Leitlinien vorschlagen, um eine rasche und sichere Rückkehr zur Eucharis­tiefeier zu fördern.

Die gebührende Beachtung der Hygiene- und Sicherheitsvorschriften darf nicht dazu führen, dass Gesten und Riten steril werden und dass bei den Gläubigen, auch unbewusst, Angst und Unsicherheit ausgelöst werden.

Das Vertrauen richtet sich auf das umsichtige, aber entschlossene Handeln der Bischöfe, damit die Teilnahme der Gläubigen an der Eucharistiefeier nicht von den öffentlichen Behörden als bloße »Versammlung« bewertet und als Formen der Zusammenkunft zur Erholung vergleichbar oder gar untergeordnet betrachtet wird.

Die liturgischen Normen sind keine Regelungen, die von zivilen Behörden erlassen werden können, sondern unterliegen nur den zuständigen kirchlichen Autoritäten (vgl. Sacrosanctum Concilium, 22).

Die Teilnahme der Gläubigen an den Feiern sollte erleichtert werden, jedoch ohne improvisierte Experimente mit dem Ritus und unter voller Beachtung der in den liturgischen Büchern enthaltenen Normen, die den Ablauf der Feiern festlegen. In der Liturgie, die eine Erfahrung von Sakralität, Heiligkeit und Schönheit vermittelt, wird die Harmonie der ewigen Glückseligkeit vorwegnehmend verkostet: Daher ist auf die Würde der Orte, auf die sakralen Gegenstände, auf die Art und Weise der Feier zu achten, und zwar nach der maßgebenden Weisung des Zweiten Vatikanischen Konzils: »Die Riten sollen in edler Einfachheit erstrahlen« (Sacrosanctum Concilium, 34).

Den Gläubigen ist das Recht zuzugestehen, in den vorgesehenen Formen den Leib Christi zu empfangen und den in der Eucharistie anwesenden Herrn anzubeten, und zwar ohne über das von den in den hygienischen Normen der öffentlichen Autoritäten oder der Bischöfe vorgesehene Maß hinausgehende Einschränkungen.

Die Gläubigen beten in der Eucharistiefeier den anwesenden auferstandenen Jesus an; und wir sehen, wie leicht der Sinn der Anbetung, das Gebet der Anbetung, verloren geht. Wir bitten die Hirten, in ihrer Katechese auf die Notwendigkeit der Anbetung hinzuweisen.

Ein sicheres Prinzip, um nicht fehl zu gehen, ist der Gehorsam. Der Gehorsam gegenüber den Normen der Kirche, der Gehorsam gegenüber den Bischöfen. In schwierigen Zeiten (zum Beispiel Kriege, Pandemien) können die Bischöfe und die Bischofskonferenzen vorläufige Regelungen erlassen, an die man sich zu halten hat. Der Gehorsam bewahrt den der Kirche anvertrauten Schatz. Diese von den Bischöfen und Bischofskonferenzen vorgesehenen Maßnahmen laufen aus, wenn sich die Situation wieder normalisiert.

Die Kirche wird weiterhin die menschliche Person in ihrer Gesamtheit schützen. Sie legt Zeugnis ab von der Hoffnung, sie lädt uns ein, auf Gott zu vertrauen, sie erinnert daran, dass die irdische Existenz wichtig ist, viel wichtiger aber das ewige Leben: das Leben selbst mit Gott in Ewigkeit zu teilen, ist unser Ziel, unsere Berufung. Dies ist der Glaube der Kirche, der im Laufe der Jahrhunderte von Heerscharen von Märtyrern und Heiligen bezeugt wurde, eine positive Verkündigung, die uns von einseitigen Verkürzungen und Ideologien befreit: Mit der berechtigten Sorge um die öffentliche Gesundheit vereint die Kirche die Verkündigung und Begleitung auf dem Weg zum ewigen Seelenheil. Vertrauen wir uns also weiterhin zuversichtlich der Barmherzigkeit Gottes an, bitten wir um die Fürsprache der Seligen Jungfrau Maria, salus infirmorum et auxilium christianorum, für all jene, die durch die Pandemie und jegliche andere Not schwer geprüft werden, beten wir beharrlich für diejenigen, die dieses Leben verlassen haben, und erneuern wir gleichzeitig unseren Entschluss, Zeugen des Auferstandenen und Verkünder einer sicheren Hoffnung zu sein, die über die Grenzen dieser Welt hinausgeht.

Aus dem Vatikan, am 15. August 2020, Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel

Papst Franziskus hat, in der am 3. September 2020 dem unterzeichneten
Kardinalpräfekten der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung
gewährten Audienz, dieses Schreiben approbiert und seine Veröffentlichung angeordnet.
Robert Kardinal Sarah

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